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Unbekannte Skituren im Vereina

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Mit 4 Bildern.Von Hans Bracher.

Ostern im Vereina! Die Aussicht auf einige Ferientage in diesem Gebiet war sehr verlockend. Wie stand es aber mit der Unterkunft? Eine telephonische Anfrage ergab, dass der letzte Platz im Vereinahaus schon vergeben war. Doch wir beschlossen, auf gut Glück hin doch zu gehen, irgendwo würden wir sicher noch ein Plätzchen finden. Und wirklich, als wir am Karfreitag anrückten, fanden wir dank der Fürsorge der zuvorkommenden Frau Antonietti wider Erwarten gute Unterkunft.

Piz Fless 3023 m.

Gleich am nächsten Tage wollten wir mit etwas Rechtem beginnen. Wir hatten im Sinn, diesmal unbekannte Gipfel aufzusuchen, die bei unserm ersten Aufenthalt im Vereina1 ) von ferne mächtig gelockt hatten und die uns seither nicht mehr aus dem Sinn kamen. Da war einmal der Piz Fless, der sich steil über dem Val Torta erhob. Der Zugang zu diesem Berg schien mir etwas verwickelt und fraglich, aber das reizte die Unternehmungslust nur um so mehr.

Früh morgens schwenkten wir in das einsame und kalte Süsertal ein und glitten auf unsern Brettern ohne grosse Steigung mühelos bis in den hintersten Talkessel. Etwas Einsameres als dieses Süsertal kann man sich nicht leicht vorstellen; die Dämmerung war kaum recht dem Tage gewichen, links oben säumten die phantastischen, verschneiten Felstürme der Ungeheuerhörner das Tal. Der den Talabschluss bildende Steilhang machte uns ordentlich zu schaffen und zwang uns durch hartgefrorene Schneepartien zum Tragen der Ski. Als wir dann oben auf den Miesböden hinter einem Felsriegel hervortraten, da stand plötzlich die gewaltige Pyramide des Piz Linard vor uns und nahm den Blick durch die abweisende Steilheit ihrer Flanken gefangen. In einer Schneeverwehung suchten wir Schutz vor dem kalten Wind.

Eine kurze Abfahrt brachte uns über den Flesspass ins obere Val Torta hinab. Jetzt erst begann der eigentliche Aufstieg auf den Fless. Der Gipfel war mir im Vorjahre vom Rosstälispitz aus durch seine verlockenden Hänge und die schöne Gipfelform sofort aufgefallen, und ich hatte die Aufstiegsmöglichkeiten eingehend studiert. Es galt, über sehr steile, durch Felsrippen unterbrochene Hänge den kleinen Flessgletscher zu erreichen. Den Gipfel sah man nicht, die Orientierung war etwas erschwert. Über apere Felsen und durch eine Schneekehle trugen wir die Ski steil hinauf. Oben am Steilhang hätten wir nach meiner Berechnung den Gipfel sehen müssen, doch vergebens hielten wir Ausschau. Wir waren im Eifer des Gefechtes zu stark nach links geraten, fuhren in eine Mulde zurück und betraten dann über einen Schneesattel das Flessgletscherchen, das in makellosem Weiss gleichmässig ansteigend vor uns lag. Dahinter erhob sich unser Gipfel, der Anstieg war nicht mehr zu verfehlen. Mühelos zogen wir unter Zurücklassung des über- flüssigen Gepäcks unsere Spur in dem wunderschönen, verborgenen Gletscherbecken hinan bis zu den steilen, zum Gipfel hinaufführenden Hängen. Hier war harte Spurarbeit in tiefem Pulverschnee zu leisten, und in vielen Spitzkehren rückten wir dem Grate näher, wo wir die Bretter zurückliessen. Leichte Felsen brachten uns um IO45 Uhr auf den Gipfel.

Wir empfanden tiefe Befriedigung; der sehr selten besuchte, abseits liegende Berg hatte gehalten, was er versprach. Der Reiz des Unbekannten, das Fehlen jeder Spuren verleihen solchen Fahrten erst eigentlich den besondern Wert. Für mich hatte der Piz Fless, seit ich ihn zum ersten Male gesehen hatte, irgend etwas Besonderes an sich, und dieses Besondere übte eine geheimnisvolle Anziehungskraft aus.

Der kalte Wind vertrieb uns bald, und wir rüsteten zur Abfahrt. Die vom Grat abfallende steile Flanke befuhren wir mit aller Vorsicht, dann schwangen wir auf feinem Pulverschnee, und unten auf dem Gletscherbecken liessen wir die Bretter laufen, bis der ins Val Torta hinabführende Steilhang Halt gebot. Hier mussten wir uns entscheiden. Nach kurzer Beratung verzichteten wir auf die Aufstiegsroute und hielten uns mehr südlich. Die Sache gelang über Erwarten gut, eine schneidige Abfahrt, durch eine Mulde erst, dann unvermittelt steil abbrechend, führte ins Val Torta hinab. Auf dem Flesspass säumten wir nicht lange. Durch eine enge steile Schneemulde jagten wir in kurzen Bögen hinab und setzten dann weit oben am Hang zu einer grossen Schussfahrt an, die erst unten im Süsertal endete. Dort blieben wir aufatmend stehen, wischten die Augen und sahen oben die schmale Lücke des Flesspasses, wo wir vor einigen Minuten noch gestanden waren.

Am frühen Nachmittag waren wir zurück im Vereina. Keinen Menschen hatten wir auf der ganzen Fahrt getroffen, und wir waren einmütig der Ansicht, dass der Piz Fless zwar eine strenge, aber in jeder Beziehung sehr lohnende Skifahrt sei.

Schon zeitig am nächsten Morgen standen wir auf einem lieben, alten Bekannten, dem Rosstälispitz 2933 m. Wir hatten alle Musse, vom Gipfel aus unsere gestrigen « Taten » am Fless zu betrachten, der ganze Aufstieg vom Flesspass her lag vor uns, und wir glaubten sogar, die Spuren erkennen zu können. Eine selten schöne Abfahrt brachte uns innert kürzester Zeit in unser Standquartier zurück.

Im Vereina hatte sich inzwischen viel Skivolk eingefunden: 120 Gäste waren unterzubringen und zu verpflegen, keine leichte Aufgabe, wenn man alle einigermassen zufrieden stellen wollte und man bedenkt, dass überall Unzufriedene und Freche anzutreffen sind, die immer glauben, benachteiligt zu werden. Die Verpflegung ging etappenweise vor sich: sobald eine Schicht gespeist hatte, musste sie den Saal räumen und der nächsten Platz machen. Aber es klappte dank der umsichtigen Leitung und Geduld der Mutter Antonietti alles ausgezeichnet.

Piz Saglains 3108 m.

Der übernächste Morgen sieht uns schon um halb 6 Uhr unterwegs. Wir haben ein weites Ziel gesteckt, wieder lockt das Abenteuer einer unbekannten, vielversprechenden Fahrt. Wir gleiten bei grosser Kälte ins Süsertal hinein, eine Neuschneeschicht verdeckt alle Spuren. Vom Vereinapass aus sehen wir unsern Gipfel weit drüben über dem Vadret Saglains, neben seinem mächtigen Nachbarn, dem Piz Linard. Wir lösen die Felle und fahren unter den wilden Flühen der Plattenhörner in den obersten Zipfel des Val Saglains ab. In wunderbarem, leichtem Pulverschnee ziehen wir dann unsere Aufstiegsspur über den oben nur leicht geneigten Vadret Saglains und nähern uns allmählich dem Westhang des Berges. Am Beginn der Schneekehle stecken wir die Hölzer unter einem vorspringenden Felsen in den Schnee und gönnen uns die kurze Rast.

Dann wird die enge, nach oben immer steiler werdende Kehle in Angriff genommen. Die Abwechslung ist sehr willkommen, der Schnee befindet sich in bester Verfassung, und ein kräftiger Schlag mit der Schuhspitze genügt zur Herstellung einer guten Stufe. Nach halbstündigem Steigen erreichen wir den Grat und diesem folgend über einige Felsen den mächtigen Gipfelsteinmann des Piz Saglains, etwas mehr als fünf Stunden nach Verlassen des Vereinahauses.

Es ist ein kalter Tag, der Wind treibt immer wieder Wolken heran, zerteilt sie wieder und gewährt so abwechslungsweise Ausblicke nach allen Seiten. Das Bild wird beherrscht vom nahen Linard, der uns hier seine mächtige, felsige Nordflanke zukehrt. Mit Interesse studieren wir den Übergang vom Vereina nach der Silvretta über die Fuorcla Zadrell und den Vadret Tiatscha mit seinen stark zerschrundeten Eisabbrüchen. Das müsste bei sichern Verhältnissen eine äusserst lohnende Unternehmung sein.

Und dann stehen wir wieder unten bei den Ski und machen sie zur Abfahrt zurecht. Die Fahrt über den Saglainsgletscher ist eines meiner schönsten Erlebnisse aus dem Vereina. In dem flaumigen Pulver tummeln wir uns nach Herzenslust. Manchmal bleiben wir stehen, erfreuen uns an den eigenen Spuren, die heute so gut geraten, und erblicken durch die wallenden Nebelschwaden hindurch bald diesen, bald jenen Gipfel. Als ich einmal weit voraus zurückblicke, wirbeln droben am Hang zwei Schneewolken auf. Das waren zwei kapitale Stürze, und lachend arbeiten sich die Kameraden aus den kalten Schneemassen.

Nach der Gegensteigung überfällt uns auf dem Vereinapass ein regelrechter Sturm, kaum kommen wir vorwärts, der Wind fegt mit unheimlicher Gewalt über das Plateau. So wird aus der gemütlichen Rast, auf die wir uns gefreut hatten, nichts, und in einem Zuge kehren wir in das Berghaus zurück.

Damit ist 's nun für zwei Tage mit weitern Fahrten aus, starker, anhaltender Schneefall setzt ein und fesselt uns ans Haus. Doch wir lassen uns nicht verdriessen, es ist jetzt gemütlich und still im Vereinahaus. Es sind richtige Ferientage. Oft blicken wir hinaus und sehen die Neuschneemassen beängstigend zunehmen.

Piz Zadrell 3107 m.

Bald sind wir die letzten Ostergäste im Vereinahaus. Ein Einzelgänger hat noch ausgeharrt, ein stiller netter Kerl, der uns schon in den ersten Tagen im grossen Schlafraum aufgefallen war durch seine zeitraubende und peinliche Toilette, die er vor dem Schlafengehen vornahm. Er pflegte zum Schlafen seine Windjacke anzuziehen, und wir lächelten insgeheim über ihn, zu Unrecht allerdings, denn er erwies sich als guter Gänger und bestieg in kurzer Zeit fast alle wichtigeren Gipfel im Vereinagebiet.

Am Freitagmorgen hat sich das Wetter endlich gebessert, der Himmel ist wolkenlos, als wir um halb 8 Uhr in das tief verschneite Vernelatal hineinwandern. Einsame Stille umgibt uns, im Neuschnee ziehen wir unsere Spur. Gleich zu Beginn des Tales macht uns ein von einem wilden Tobel des Ungeheuerhornes herabziehender verdächtiger Steilhang einige Bedenken. Wir schleichen so rasch als möglich vorbei, nichts bewegt sich. An der solid gebauten Vernelahütte vorbei, die unverschlossen ist und im Notfall als Unterschlupf dienen kann, gewinnen wir allmählich den hintersten Talkessel. Immer steht das Verstanklahorn im Hintergrund mit seinem zum Sattel hinaufführenden steilen Schneecouloir. Wir können den Anstieg über den Vernelagletscher verfolgen, gar zu gerne hätten wir auch diesen Wunsch in Erfüllung gehen sehen, aber nach diesem Neuschneefall ist nicht daran zu denken.

Ganz hinten im Tale biegen wir südwärts ab und steigen über einen mit tiefem Pulverschnee bedeckten Hang, der bald ungemütlich steil wird, gegen den Zadrellgletscher an, von dem aus die Fuorcla Zadrell leicht erreicht werden kann. Bei Punkt 2630 biegen wir nochmals ab, diesmal nach Westen, und fahren auf einem schönen Plateau gegen Punkt 2608. Von hier aus scheint die Besteigung des Piz Zadrell mit Ski ganz unmöglich zu sein, man sieht nichts als Felsen. Als wir aber um die Ecke biegen, da liegt die gegen den Gipfel ansteigende, in einem Felsentälchen eingebettete, blendend weisse Fläche des Schwaderlochgletscherchens vor uns. Damit ist die Frage des Zuganges einwandfrei entschieden, das Ziel entgeht uns nicht mehr. Auf dem Gletscher treffen wir bald auf eine ganze frische Aufstiegsspur. Von wem mag sie wohl herrühren? Die Spur führt in gerader Linie den Gletscher hinauf und wird weiter oben so steil, dass wir einige Male nach links oder rechts auskneifen müssen.

In der Lücke 2915 m zwischen Plattenhörnern und Piz Zadrell lassen wir die Ski zurück. Wir sehen hinab auf den Vadret da Saglains und grüssen hinüber zum Saglains. Von der Lücke liesse sich der Vadret Saglains mit Ski erreichen. In abwechslungsreichem Gang folge ich, das letzte Stück allein, dem verschneiten Felsgrat, der mit Ausnahme einer Kletterstelle keine besondern Schwierigkeiten bietet. Halbwegs kommt mir eine Gestalt entgegen, es ist der Alleingänger vom Vereinahaus, der vom Vernelatal einen direkteren Weg zum Schwaderlochgletscher eingeschlagen hat. Vor dem Gipfel ist noch ein nettes Schneegrätchen und ein etwas unsicherer Schneehang zu bewältigen, dann lasse ich mich beim zugeschneiten Steinmann zu kurzer Rast nieder.

Der Himmel bedeckt sich allmählich, ein kalter unfreundlicher Nordwind treibt schwarze Wolken heran. Nochmals fällt der Blick auf den Linard, der uns auf allen Fahrten in stets neuer Gestalt begleitet hat. Als wir gegen die Lücke absteigen, sehen wir weit unten den einsamen Skifahrer eben hinter einer Bodenwelle verschwinden.

Am letzten Abend sassen wir noch gemütlich beisammen und liessen die Erlebnisse an uns vorüberziehen. Das Vereina hatte uns neue Geheimnisse enthüllt, wir schwelgten in Pulverschnee, erlebten ausgiebigen Schneefall und genossen herrlichen Sonnenschein, es fehlte nicht an Abwechslung. Wenn wir an die heutige Abfahrt vom Piz Zadrell dachten, mit seinem obersten, tiefen Pulverschneehang, wo der Telemark wieder zu Ehren kam, an die anschliessende, berauschende Schussfahrt in stäubendem Schnee, wo wir laut aufjauchzten vor Freude, wenn wir die vielen Christianias über den langen, ins Vernelatal hinabführenden Steilhang im Geiste nochmals nachfuhren, dann dünkte es uns vom Schönsten erlebt zu haben, was dem Skifahrer geboten werden kann.

Der letzte Tag war angebrochen, wir mussten zurück in die Stadt. Der Abschied wurde uns schwer, und wir konnten es nicht über uns bringen, einfach sang- und klanglos abzuziehen. Der Tag musste noch genützt werden. Das Wetter sah allerdings nicht einladend aus, aber ein Abstecher auf das Pischahorn 2982 m musste noch gelingen. Auf den Riedböden begann es leicht zu schneien, im Klein Hafentäli steckten wir in dichtem Nebel, und als wir mit den Ski über den Rücken des Nordwestgrates dem Gipfel zustrebten, überfiel uns ein wütender Schneesturm. Zu sehen war gar nichts. Schlotternd vor Kälte machten wir uns beim Gipfelsignal zur Abfahrt bereit, ein Schluck aus einem kleinen Fläschchen war in dieser Situation zur Hebung der Stimmung höchst förderlich.

" Vom Vereina aus ist der Aufstieg auf das Pischahorn durch das Klein Hafentäli der nächste Weg. Wir benötigten auf den Gipfel 3% Stunden und hatten im Klein Hafentäli im tiefen Neuschnee schwere Spurarbeit zu leisten. Der Aufstieg ist sehr interessant: durch eine steile Schneekehle gelangt man auf einen Sattel, quert dann ein kleines Firnbecken und steigt steil zum Nordostgrat des Pischahorns hinauf. Der Grat wird bald verlassen und das Firnfeld des Hafentäli zum Nordwestgrat des Pischahorns gequert.

Die Abfahrt erfolgte auf der gleichen Route, sie war durch schlechte Sicht, Nebel und schweren Neuschnee erschwert, es musste mit aller Vorsicht gefahren werden. Wie Schneemänner langten wir im Vereina an, das Pischahorn hatte uns ungnädig empfangen.

Als wir mit schweren Säcken das Vereinahaus verliessen und zu Tal fuhren, schneite es weiter. Es war der 23. April, und die zusammenhängende Schneedecke reichte noch fast bis Mombiel. Das Tal war verhangen und düster, doch wir trugen Erinnerungen an sonnige Tage und unvergessliches Bergerleben in uns. Waren auch nicht ganz alle unsere Hoffnungen erfüllt worden und hatte der Neuschneefall weitergespannte Pläne zunichte gemacht, so war das gut so. Wie traurig musste es doch mit uns bestellt sein, wenn alle Wünsche erfüllt würden und keine neuen Ziele mehr lockten! So aber hat sich das Vereina für uns noch einige Fahrten für später vorbehalten. Wir freuen uns darauf und werden bald wiederkommen.

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