Unbekannte Urnerberge

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Mit 1 SkizzeVon Hans Koenig

( Zürich und Sisikon ) Sunnigstöcke, hintere Gruppe IV 2576 m, V Fläugenfadhorn 2710 m und VI Älplistock 2713 m Wer diese Berge anhand der Karte studiert und sich einen Plan machen will, kommt zum Schluss: Das schönste wäre, von Waldnachtalp aus durch das Guggital auf das Älpli-gries 2531 m zu gehen und von dort die Tour von hinten nach vorne zu machen. Das scheint verschiedene Vorteile zu haben. Man könnte mit der Kletterei schon in ziemlicher Höhe beginnen, hätte vor sich die schöne Aussicht und die Tief blicke ins Reusstal, und sodann käme man weiter vorne ins Tal hinunter. Aber meine Urnerfreunde winkten gründlich ab. Das wäre ganz « lätz ». Vorerst habe man dort fortzufahren, wo man das letztemal aufgehört; das Schwierige müsse man zuerst nehmen, und der Abstieg hinten ins Guggital gehe dann über die grossen Schneefelder am schnellsten.

So zogen wir, Lorenz Huber und sein Sohn, Jakob Sigrist, Dr. F. Burkhardt und ich, am 24. September 1948 wieder auf Boglialp. Als uns tags darauf um 4 Uhr das Horn weckte und wir aus dem Heu krochen, zeichneten sich die Konturen des Oberälplers scharf vom hellen Horizont ab, und der Orion strahlte in voller Pracht über uns. Alles versprach einen schönen Tag. Nachdem wir Boglialp um 5 Uhr verlassen hatten, standen wir um 7.30 Uhr auf dem grünen Rasenbödeli nach der Kriechstelle des Schmalfädli. Und jetzt? war meine Frage.Vor uns lag der gewaltige Südabsturz der Wand der Sunnigstöcke ins Erstfeldertal hinunter. Es ist eine steile Wand, durchzogen von Fels- und Rasenbändern, die aber in der Morgenbeleuchtung als ganz unbegehbar erschienen. Wenn sich auch die Bänder eine Strecke weit mit dem Blick verfolgen liessen, immer kam eine Stelle, wo sie aufhörten und sich in der Wand verloren. Und hinten beim Abfall des Südgrates des III. Zahnes schien überhaupt jede Durchstiegsmöglichkeit ausgeschlossen. Wie wird das gehen? Meine Kameraden gestanden mir, es sei ihnen das erstemal gleich gegangen wie mir, und es hätte mehrerer Versuche bedurft, bis sie den « Weg » gefunden hätten. Heute gab es aber kein Zögern. Sicher schritt Sigrist voraus; wir waren nicht einmal angeseilt. Es ging ausgezeichnet. Von Runse zu Runse war immer wieder ein 20-30 cm ebener Felsstreifen, auf dem man sicher durchschreiten konnte, wenn man auch zwischen den. Schuhspitzen ins Leere hinuntersah. Etwa in der Mitte der Wand, unter der Lücke zwischen II. und III. Zahn, querten wir die grosse Schlucht, die zur Bänderfurggi hinaufführt. Der Aufstieg soll nicht schwer, aber steinschlaggefährdet sein. Wir schritten fast horizontal weiter, und ich war gespannt, wie es vorne beim Gratabsturz gehen werde. Doch siehe, an den steilsten Passagen, unter abgerundeten Wandwülsten, waren in den Platten kleine Kristall- und Kieselkalkadern, die für die Füsse vorzüglichen Halt boten und es selbst an den abschüssigsten Stellen ermöglichten, ohne die Hände gebrauchen zu müssen, durchzuschreiten. Ich kam aus dem Staunen nicht heraus. Eine so luftige und zudem genussreiche Wanddurchquerung habe ich selten gemacht. Damit kann sich die « Schafschnur » ob dem Öschinensee gar nicht messen. Am ehesten ist ein Vergleich mit dem Bänderweg auf den Bifertenstock ( Klubführer durch die Glarneralpen 1949, Route 703, S. 286 ) durch die Kessel gegeben; doch ist dort die Wand weniger abschüssig und durch die vielen Begehungen ein bequemes Weglein ausgetreten worden. Aber auch über das Schmalfädli geht es gut. Es sei nur festgestellt, dass, so unwahrscheinlich es ausgesehen hatte, so erstaunlich einfach und sicher war durchzukommen. Der Südgrat, der vom III. Zahn sich herunterzieht, bildet eine kleine Schulter, die wir in einer Stunde und zehn Minuten erreichten. Die Schulter liegt nach Aneroid gemessen 80 Meter höher als der Ausgangspunkt am Rasenbödeli. Das Band verläuft also, bei einer Länge von gut einem Kilometer, fast horizontal. Wie sieht aber die Fortsetzung auf der anderen Seite aus? Das Band hört auf. Eine enorme Plattenwand schiesst in die Vollentalkehle ab, diese unheimliche Steinschlagrinne. Jeder Stein, der sich von den umschliessenden Wänden löst, saust dorthinein. Es wurde nun ernster. Seil und Kletterschuhe wurden angelegt. Meine Bergschuhe finden den Weg in die Rucksäcke meiner Kameraden. Vorerst steigt man etwa 50 Meter über plattige Kalkfelsen aufwärts, was mit den Kletterschuhen leicht gelingt. Dann zieht man sich nach links ( i. S. des Aufstieges ) allmählich hinüber, steigt auf und ab und strebt auf Bandstreifen der tiefen Schlucht zu. Die zweite Partie muss warten, bis die Gefahr durch die von uns gelösten Steine vorüber ist. Es ist gut, dass wir nur zwei Seilpartien sind, weil man sonst zu viel Zeit verlöre. Man muss nach dem besten Abstieg in die Schlucht suchen und möglichst nicht zu tief absteigen. Ist man endlich unten, so steht man in einem von Wasser und Steinen glattgefegten steilen Kanal von zwei bis drei Meter Breite, in dem man nur mit grosser Anstrengung aufwärts kommt. Aber Sigrist weiss Rat. Nur nicht im Kanal bleiben, das ist zu mühsam, weil er für Spreizschritte zu breit ist. Wer es am linken Rand ( i. S. des Aufstieges ) des Kanals etwa einen bis zwei Meter höher an der Wand versucht, findet für den Fuss kleine Quarzadern, so dass man mit den Kletterschuhen guten Stand hat und sich mit den Händen an der fast senkrechten Wand durchtasten kann. So geht es erstaunlich gut aufwärts. Auch der letzte steile, glatt ausgewaschene Schlauch kann so überwunden werden. Nach einer Stunde seit Verlassen der Schulter im Südgrat des III. Zahnes strecken wir die Köpfe aus dem engen Felstrichter, und strahlend grüsst der Urner See herauf. Wir sind im Vollentalfurggi. Eine Viertelstunde später folgen die Kameraden, die sich leider meist im Boden der Kehle abgemüht hatten, so dass Dr. Burkhardt, als er etwas ausgepustet oben ankam, uns mit den Worten begrüsste: « I muess schnufe wie nes Ross. » Da wären wir also wieder, wo wir vor zwei Jahren aufgehört hatten. Eine halbstündige Rast war wohl verdient. Von Boglialp bis hierher hatten wir - bei zügigem Gehen - vier Stunden gebraucht. Nun kann es losgehen. Der IV. ist wohl der schwierigste aller Sunnigstöcke. In der Mitte der Wand wird er angepackt. Man steigt zuerst über steile, aber gutgriffige Schroffen und erreicht nach etwa 50 Metern ein schmales Band am untern Ende einer steilen Wand. Hier ändert das Gestein; es ist nicht mehr so brüchig, hellgrau bis bläulich und glätter. Links aussen ( i. S. des Aufstieges ) ist das Band wie ein Balkon, so dass wir uns alle besammeln können. Sigrist geht am 30-Meter-Seil voraus. Als Mittelmann habe ich mich abgeseilt, damit er die ganze Länge zur Verfügung hat. Die Sicherung übernimmt Lorenz Huber. Sigrist quert auf einem Band etwa 10 Meter nach rechts zu einem steilen Riss. Dieser erleichtert den Aufstieg, und dadurch wird eine unangenehme wulstige Stelle vermieden, wo vor 10 Jahren ein Bergkamerad abgestürzt ist. Sigrist leistet ganze Arbeit. Er ist unseren Blicken entschwunden, und man hört nur, wie er den Aufstieg von losen Steinen säubert, die ununterbrochen über unsere Köpfe in die Wand hinunter-prasseln. Wie ich so untätig warte, befallen mich sonderbare Gedanken: Früher hättest Du um keinen Preis einem anderen an der entscheidenden Stelle den Vortritt gelassen. Wie war es doch am Zinalrothorn vor 25 Jahren? Mit Dr. med. Kurt Wehrlin aus Zürich und seinem Führer Feuz aus Mürren waren wir bis zur Gabel gelangt. Als ich dort unentwegt weitergehen wollte, meinte Dr. Wehrl in: « Du könntest auch einmal den Führer vorausgehen lassen! » Da antwortete dieser mit einem lachenden Blick auf mich: « Gaht nume; i bi nid so hässig druf wan Ihr. » Da haben wir 's! Diese Zeit ist vorbei. Neidlos überliess ich Sigrist die Arbeit in der Erkenntnis, dass er es besser machte. Zum erstenmal wurde mir bewusst, dass sich in mir eine Wandlung vollzogen hatte, der ich mich zudem gar nicht schämte. Jetzt dämmerte es mir, dass ich alt geworden war und anderen den Vortritt lassen musste. Aber ich freute mich über ihr Können und war ganz froh, einmal eine seriöse Kletterei ohne innere Erregungen und Spannungen so recht geniessen zu können.

Nach etwa zehn Minuten kam das Zeichen zum Anseilen und Nachrücken und scheuchte mich aus meinem Spintisieren auf. Nun konnte es losgehen. Nach dem gutgriffigen, aber exponierten Riss erreicht man, etwas nach links haltend, eine flache Stelle, wo man ausruhen kann. Man steht unter einem steilen, glatten, wenig Griffe bietenden Wandstück. Ein Spalt unter einem etwas überhängenden Plattenwulst gestattet, den linken Arm und die linke Seite in diesen zu drängen und rechts aussen mit den Handballen sich hinaufzuschieben. Die Stelle hat einige Ähnlichkeit mit dem Gürtlerriss am VI. Kreuzberg. Die fünf bis sechs Meter, die zu überwinden sind, verlangen vom Vorauskletternden alle Umsicht, Ruhe und Kraft. Wer, von oben gesichert, nachrückt, darf sich manchen kräftigen Ruck gestatten, der sonst dem ersten verhängnisvoll werden könnte. Sigrist steht fest, sich und die Nachkletternden mit einem soliden Eisenhaken sichernd. Die anderen folgen einzeln rasch nach. Nach einer Stunde vom Einstieg in die Wand sind alle fünf oben, wobei zu beachten ist, dass Sigrist die Stelle zum drittenmal erklettert hat. Der Weiterweg führt steil nach links hinaus auf eine kleine Terrasse, vor der man im Rückblick den Gipfelaufbau des III. und die Wand, durch die man in das Felsenloch vor dem Vollentalfurggi absteigt, übersehen kann. Die Gipfelwand zum IV. sieht von unten « gfürchig » aus, aber man ersteigt sie in gerader Linie zum Gipfel; es geht zu meiner Verwunderung ganz leicht. Wir stehen auf dem / V. Sunnigstock 2576 ( 2585 ). Der Aufstieg erforderte eine Stunde und 20 Minuten.

Nur eine kurze Rast ist uns vergönnt. Man möchte gerne länger verweilen. Jetzt grüssen auch Scheerhorn und Tödi herüber, und unseren Leiter heimelet es an, die im Bahnhof Erstfeld ein- und ausfahrenden Züge auf ihre Fahrplanmässigkeit zu kontrollieren.

Vorerst erbitte ich mir von Sigrist Auskunft über den Weiterweg. Das Fläugenfadhorn, Sunnigstock V, 2710 m steht direkt vor uns. Es hat einen Gipfelstock wie eine hochgestellte Pelzmütze, der als glatte Wand unersteigbar zu sein scheint. Auch mit dem Zeiss sieht es nicht besser aus. Der Volksmund hat diesem Gipfelstock den Namen « Fläugenfadhorn » gegeben, d.h. das Horn, auf das ein Fad führt, wo nur « Fläugen » ( Fliegen ) durchkommen. In der Tat, die scharfe Nordostkante des Gipfelaufbaues, die man vom Urner See aus gut sieht und die oft wie ein Silberstreifen glänzt, lässt allerlei erwarten. Doch Sigrist erklärt: « Jetzt wird 's ganz einfach, man steigt über den Verbindungsgrat ab bis in den Sattel, dann wieder hinauf, und oben geht 's - er machte dazu eine bezeichnende Handbewegung - sst! hinauf. » Ich schüttelte ungläubig den Kopf; aber er hatte recht, es ging erstaunlich leicht. Der Grat, über den wir abstiegen, ist schneidend und schmal. Er besteht aus feinen, bläulichen Schieferplatten, auf denen man in den Kletterfinken luftig hinuntertanzt. Einige Grattürme werden auf der Südseite umgangen, und nach zehn Minuten stehen wir auf der Lücke zwischen dem IV. und V. Der IV. Sunnigstock wird denn auch meistens von dieser Lücke aus bestiegen, weil dieser Aufstieg leichter ist als vom Vollentalfurggi aus. Wir gehen nun auf die Nordseite über schmale, steile Schneebänder, weshalb die Kletterschuhe mit den Genagelten vertauscht werden. Am Gipfelstock folgen hochgestellte Stufen, die anstrengend sind, aber eine sichere Kletterei erlauben. Zum Schluss weicht man nach links auf die dem IV. Zahn zugewandte Seite hinaus, und ausgerechnet da, wo ich - auch mit dem Zeiss - keine Ersteigungsmöglichkeit gesehen hatte, rückte man wirklich « sst » hinauf zum Fläugenfadhorn, Sunnigstock V, 2710 m ( von der Gratlücke eine Stunde ).

Von jetzt an bietet der Grat keine Schwierigkeiten mehr. Was folgt, ist eine interessante, abwechslungsreiche Turnerei über Blöcke, wandauf, wandab, wobei die Ortskunde wieder eine grosse Rolle spielt. Vom Gipfel geht man etwa 20 Meter nördlich bis zu einem Felscouloir, das steil, zuerst eng, dann immer breiter werdend, die Südwand durchzieht. Nach etwa 50 Metern Abstieg hält man sich nach rechts auf dem Grat und verfolgt diesen, indem man einzelne Türme auf der Südseite umgeht. Es folgen grosse Blöcke und Rundbuckel; auf einem derselben steht ein grosses Steinmannli. Man findet Wegspuren von Jägern und Grattieren. Auch einige grosse Granitblöcke liegen herum. Wie kommen die hierher? Gletschertransport - belehrte mich der Geologe Prof. Dr. Leo Wehrli.

Der Wiederaufstieg zum Älplistock, Sunnigstock VI 2713 m, bringt mich wieder in Spannung. Doch es geht alles leicht. Über Geröll und Schneestreifen auf der Nordseite kommt man leicht an den Fuss des Gipfelaufbaues. Dieser ist Stotzig und glatt, aber man umgeht ihn nach rechts in der Wand, wo man auf hochgestellten Gesimsen direkt zum Gipfel hinaufklettert. ( Anderthalb Stunden vom Fläugenfadhorn. ) Es ist schon 2 Uhr nachmittags, und die Sonne brennt in den wannen Felsen. Der Durst meldet sich, und man sucht nach Schmelzwasser. Es hat nun den Anschein, es komme eine langweilige Schieferwandquererei, die man rasch hinter sich bringen werde. Ich verstand daher nicht, dass man sich nicht eine letzte, längere Gipfelrast gönnte. Aber auch diesmal habe ich mich wieder getäuscht. Was kam, war eine Traverse auf schmalen Bändern und Schroffen, unterbrochen durch steile Schneefelder, die total vereist und so abschüssig waren, dass sorgfältig gehackt werden musste. Das brachte Zeitverlust. Aber immerhin kam man rascher vorwärts, als wenn man den Gipfelgrat weiter verfolgt hätte. Dieser ist so zerrissen und mit kleinen Türmen durchsetzt, dass man sich stundenlang verklettern könnte. Es war daher richtig, etwa 80 bis 100 Meter unter der Gratkante durchzuklettern. Zweieinhalb Stunden nach Verlassen des Gipfels gelangten wir endlich über Schutthalden aufs Alpligriess 2531 m, den Übergang vom Erstfeldertal ins Guggital. Will man südwärts hinunter ins Erstfeldertal, so muss man etwa 100 Meter oberhalb der tiefsten Grateinsattelung unter einem Buckel, der einen Steinmann trägt, in die Südwand einsteigen. Eine Wegspur zeichnet sich ab im Geröll. Weiter unten muss man von links nach rechts einige heikle, plattige Partien queren, die den Abstieg erschweren.

UNBEKANNTE URNER BERGE Am 3. Oktober 1948 haben zwei Urnerkameraden, die ungenannt bleiben wollen, von der Spannorthütte aus den Schlossberg über die Südwand erstiegen und die ganze Kette von Westen nach Osten über Älpligriess, Fläugenfadhorn und sämtliche Sunnigstöcke bis zum Tiergärtli überquert. Von der Spannorthütte bis Erstfeld brauchten sie 16 Vi Stunden. Diese Gewaltstour ist ihnen gelungen dank ihrer Klettergewandtheit, Ausdauer und genauen Ortskenntnis. Alle Anerkennung für diese zünftige Leistung!

Der Gitschengrat Gitschenhöreli 2907 m, Rot Gitschen 2673 m, Gitschentor 2443 m An einem klaren Herbsttag sitzen drei Utomannen oben am Zürichberg und diskutieren lebhaft. Sie streiten darüber, was die östlich vom Brunnistock in der Urirotstockgruppe sichtbare feine Felspyramide sei. « Das ist das Gitschenhöreli », behauptete einer, während Ausschnitt aus dem Gebirgspanorame Zürichberg, oberhalb der Karolinenburg in Fluntern, aufgenommen von Albert Heim und X. Imfeid Blackenstock 2952 Gitschen 2540 Hohe Rohne Krönte 31 OS Brunnistock 2952 Rot Gitschen. Gitschen hörnli 2673 Chenet 2572,6 Gitschen 25*0 Tor 2443 Hohe Rohne Unrichtige Bezeichnung Richtige Bezeichnung der in Uri beheimatete Prof. Dr. Anton Krupski ruhig entgegnete: « Nein; das Gitschenhöreli sieht man von hier aus schon, aber diese Felsnadel ist es nicht. » Darauf antwortete der Zürcher siegesgewiss: « Wette mer? » - « Jawohl, drei Flaschen Wein! » - « Sitzt! » Damit zog er triumphierend das Gebirgspanorama, vom Zürichberg aufgenommen oberhalb der Karolinenburg in Fluntern von Albert Heim und Xaver Imfeid, hervor. In diesem ist in der Tat die Felspyramide deutlich eingezeichnet und mit « Gitzihörnli » 2674 m benannt.

« So? Und jetzt? » Der Urner gibt sich aber nicht geschlagen. « Das Gitschenhöreli ist der Berg, den wir in Uri als solchen bezeichnen. Dies aber ist der Felsturm vor dem Brunnistock und von diesem durch einen tiefen Spalt getrennt. Auf dem Panorama ist das mit erstaunlicher Präzision eingezeichnet, es fehlt nur die richtige Benennung. Was ihr da als Felspyramide seht, ist der Rot Gitschen, die zweite Erhebung im Grat vom Gitschenhöreli zum Gitschentor. » Der Streit zwischen den Ortskundigen und den Panoramagelehrten war bald entschieden, war doch Prof. Krupski « Spezialist » in diesem Gebiet. Er hat mit seinem Bruder Tsches Rrupski und Träger August Mattli am 28. Juni 1908 die zweite Besteigung des « Höreli » durchgeführt und über « Eine neue Anstiegsroute zum Gipfelturme des Gitschenhörnli » in der « Alpina » ( 28. Jahrgang, 1920, Seite 6 ff. ) trefflich geschrieben und neue Wege gewiesen.

Ja, ja, das Gitschenhöreli ist nicht nur bei Panoramagelehrten, sondern selbst im Urnerland ein umstrittenes Kapitel.

Vorerst der Name « Gitschenhöreli ». Der markante Felskopf, der den Urnersee beherrscht und ihm sein Gepräge gibt, ist der Gitschen 2540 m. Der Name ist wohl identisch mit « Gütsch » und bezeichnet im Dialekt einen breiten Felskopf. Schon in den ältesten Urkunden des Lazaritenklosters in Seedorf wird er als der « härte Berg » bezeichnet. Von ihm zieht sich ein schieferiger Felsgrat nach Süden über die unbedeutenden Erhebungen 2540 m zum Tor 2443 m. Von dort steigt der Grat auf zu Punkt 2572,9 m, senkt sich zu den Brunniplätz 2471 m, schwingt sich wieder auf zum trotzig wilden Felskegel des Rot Gitschens 2673 und zieht sich über Schutthalden zum tiefen Einschnitt des Brunnikehlenpasses 2753 m. Hier reisst die Kette, die zum Gitschen gehört, mit einer tiefen Felszäsur ab, und es erhebt sich der kühne Aufschwung zum Brunnistock. Diesem ist nun vorgelagert ein markanter Turm, nur getrennt vom Hauptmassiv durch einen scharfen Felsriss. Das ist das umstrittene Gitschenhöreli 2907 m. Vereinzelt wird es auch « Gitzihörnli » genannt. Das kann aber nur jemand sagen, der den Urnderdialekt weder kennt noch versteht. Der Gitschen ist kein « Gitzi ».

Die ganze Kette erscheint von Altdorf und vom Reusstal aus gesehen als ein zusammenhängender Grat, der in der alten Siegfriedkarte mit « Gitschenstöcke » bezeichnet ist. Der höchste Punkt ist das Gitschenhöreli, das sich als feine, hochaufgeschwungene Nadel zum Himmel erhebt. Es verdeckt den dahinter liegenden Brunnistock, den man daher von Altdorf aus nicht sieht.

Nun ist Streit darüber entstanden, ob diese letzte Felsnadel der Gitschenstöcke zum Massiv des Gitschen gehört oder zum Brunnistock, mit dem sie zusammenhängt und ihm vorgelagert ist. Rein geographisch betrachtet hört die Kette der Gitschenstöcke mit dem tiefen Einschnitt der Brunnikehle auf. Von dort beginnt der Aufbau des Brunnistockes, und es ist daher das vorgelagerte Hörnli im Isental als « Brunnihöreli » bezeichnet worden. Auf Grund der Kritik, die Prof. Krupski in der « Alpina » 1920, Seite 7, geäussert hat, ist denn auch im Clubführer durch die Urneralpen, verfasst vom AACZ, herausgegeben vom SAC, Band II, Seite 344, der Name « Gitschenhörnli » verschwunden und durch « Brunnihörnli » ersetzt worden. War das richtig? Die Eidgenössische Landestopographie hat diese Frage sehr sorgfältig geprüft. Sie steht grundsätzlich auf dem Standpunkt, den volkstümlichen Namen-gebungsbrauch, der als Kulturgut zu schützen ist, zu ergründen und diesem zu folgen. Sie hat deshalb auch den Präsidenten der Urner Nomenklaturkommission, Dr. Max Oechslin, begrüsst, und dieser stellte nach Erwägung aller Umstände fest, dass die Bezeichnung « Gitschenhöreli » im ganzen Reusstal, von wo aus man den Berg, der das Gitschental dominiert und so elegant abschliesst, am schönsten sieht, vorwiegend und berechtigt ist. Seinem Rate folgend hat sich die Abteilung für Landestopographie entschlossen, die volkstümliche Bezeichnung « Gitschenhöreli » in die neue Karte aufzunehmen und mit der Höhenquote 2907 m zu versehen. Damit ist der Streit endgültig entschieden. In der V. Neuausgabe des Urnerführers II vom Oktober 1951 wird leider nicht auf die neueste Karte abgestellt und die alte Namensnennung beibehalten.

Umstritten ist sodann die Ersteigungsgeschichte. Wer von Altdorf aus die Kette des Gitschen, die mehr als tausend Meter hohe Wand mit ihren Schroffen, Fels und Gras be- sonders betrachtet, dessen Blick bleibt haften am tief eingeschnittenen Brunnikehlenpass mit dem anschliessenden jähen, fast senkrechten Aufschwung zum « Hörnli » und dem Brunnistock. Das hat für den Bergsteiger etwas Faszinierendes. Ist es da nicht gegeben, dass schon früh ein begeisterter und tüchtiger Berggänger, Franz Huber, Apotheker in Altdorf, der täglich dieses Bild vor sich sah, den Drang verspürte, da hinauf zu gehen? Allerdings war das für die damalige Zeit ein geradezu vermessenes Unternehmen, so vermessen, dass selbst die vollbrachte Tat auf Zweifel und Unglauben stiess. Wenn man aber die Beschreibung im « Urner Wochenblatt » vom 10. und 17. Dezember 1887, Nr. 50 und 51x genau prüft, so wird kein Zweifel darüber bestehen bleiben, dass diesem kühnen und unternehmenden Urner die Erstbesteigung gelungen ist. Im Sommer 1885 versuchte Franz Huber « mit zwei wackeren, ausdauernden Männern » zum erstenmal den Aufstieg vom Wald-nachtertal ( Südseite ) aus, der aber nicht zum Ziele führte. Trotzdem « trug ich mich immer mit der Hoffnung, die Ersteigung von der andren Seite, d.h. von Norden her, ausführen zu können ». Er besprach sein Vorhaben mit seinem Leibführer, dem « roten Tresch von Bristen », der nach sorgfältiger Vorbereitung und Erkundung sich bereit erklärte, mit ihm den Versuch zu wagen. Am 7. Juli 1887 gingen sie zusammen auf den « Gitschiberg », wo sie nächtigten. Tags darauf stiegen sie auf zum Tor und erreichten über den Kleintalfirn den Punkt 2740. Von dort musterten sie « mit zweideutigen Blicken » die äusserst steile Gletscherwand bis hinauf zum obersten Grat. Das zeigt, dass damals ein ununterbrochenes, steiles Schnee- und Eiscouloir vom Blümlisalpfirn bis hinauf in die Scharte zwischen Brunnistock und Hörnli führte. Die Beschreibung des Aufstieges, bei dem sie, als die Gletscherwand so jäh wurde, dass sie mit den Fusseisen keinen Stand mehr fanden und Tresch sich leider zu bald genötigt sah, Stufen in das Eis zu hauen, ist sehr genau und richtig. Auch die Zeit von etwas mehr als zwei Stunden bis zur Scharte entspricht unserer Gehzeit. Nun äussert man Zweifel darüber, ob diese zwei wagemutigen Männer nach Erreichen der Scharte auch den Weiterweg über die jähe Wand gewagt hätten. Auch das steht nach der Beschreibung, die Franz Huber gibt, unanfechtbar fest, denn die Durchkletterung der Wand « mit den entsetzlichen Abgründen », bei der immer darauf zu schauen war, « wo er mit den Fingern einsetzen könne und gleichzeitig prüfen, ob er diesem kleinen, vorspringenden, verwitterten Gestein trauen dürfe », ist so zutreffend, dass für mich keine Zweifel bestehen, Franz Huber und dem roten Tresch die Erstersteigung des Höreli am 8. Juli 1887 zuzuerkennen. Auch Prof. Anton Krupski kommt zum Schluss, « dass mir persönlich die Beschreibung im Kerne, nach Abzug des schmückenden Beiwerkes, im grossen und ganzen zutreffend erscheint ». Es ist daher ein Unrecht, wenn der Partie Franz Huber mit dem roten Tresch « die restlose Erfüllung der alpinen Postulate einer Erstbesteigung » abgesprochen worden ist. Was haben sie denn unterlassen? Sie haben keinen von Altdorf aus sichtbaren Steinmann errichtet; der Bericht Hubers erwähnt wenigstens nichts hievon. Aber dafür hat er noch im gleichen Jahr, im Dezember 1887, eine ausführliche Beschreibung der Tour im « Urner Wochenblatt » veröffentlicht. Wenn man dieser vorwarf, es sei eine phantastische Schilderung mit stark subjektiver Färbung, so teile ich diese Auffassung nicht. Man versetze sich doch zurück in jene Zeit, als die Legende von der Unersteigbarkeit des Homes in Altdorf allgemein verbreitet war. Wenn daher die Kämpfer, die dem Drachen zu Leibe gingen, ihren Gefühlen der Angst und der Freude Ausdruck geben, so ist das ihnen nicht zu verübeln und nicht als Ruhmschreiberei anzukreiden. Sieht man sich den Bericht genau an, so enthält er eine sehr sorgfältige Beschreibung des 1 Der heutige Verleger des « Urner Wochenblattes », Dr. iur. Martin Huber, hatte die Freundlichkeit, mir die Originalberichte aus seinem Archiv zur Verfügung zu stellen.

UNBEKANNTE URNER BERGE71 Weges und seiner Schwierigkeiten. Bedenkt man ferner, dass Anno 1887 Fels- und Eistechnik nicht mit den heutigen Verhältnissen verglichen werden können und es sich um eine Erstersteigung mit all ihren Ungewissheiten, Ängsten und Nöten handelt, so ist die Wiedergabe ihrer Erlebnisse und Empfindungen durch Franz Huber durchaus realistisch und wahrheitsgetreu. Die erste Ausgabe des Urnerführers des AACZ vom Jahre 1905 anerkennt auf Seite 273, wie es auch richtig ist, die erste Ersteigung durch den Apotheker F. Huber mit dem « roten Tresch » am 8. Juli 1887. Aber in einer Anmerkung wird beigefügt: « Die Besteigung wird von verschiedenen Seiten angezweifelt und die Beschreibung derselben im ,Urner Wochenblatt'für eine Mystifikation gehalten. » Wie diese Insinuation im Urnerführer Eingang fand, kann nicht mehr ergründet werden. Herr Gotthard End, der als genauer Kenner jenes Gebietes am Urnerführer mitgewirkt hat, ist jedenfalls daran unschuldig. Er kannte den Apotheker Franz Huber als wahrheitsliebenden Mann und hat dessen Erstbesteigung des Gitschenhöreli nie angezweifelt. Er bekam von jener « Anmerkung » erst nach deren Veröffentlichung Kenntnis.

Auf was dieser Unglaube an die Tat der Erstersteiger zurückzuführen ist, kann nicht mehr festgestellt werden. Jedenfalls haben die allgemeine Vorstellung von der Unersteigbarkeit des « Hörnli » und vielleicht auch persönliche Misshelligkeiten dazu beigetragen. Soweit festzustellen war, hat sich Apotheker Franz Huber, dem diese Anfeindungen bekannt sein mussten, nie dagegen gewehrt oder sich verteidigt. Er hat damit, wie Michel-Gabriel Paccard, der Erstersteiger des Mont Blanc, das Beispiel des selbstlosen, echten Bergsteigers gegeben. Auf alle Fälle bleibt bedauerlich, dass der Urnerführer von « Mystifikation » spricht, und noch bedauerlicher, dass diese Auffassung in Dr. Dübis Hochgebirgsführer durch die « Alpen », Band IV, Seite 183, übernommen worden.ist mit der Bemerkung: « Von der Besteigung ist trotz der Notizen im ,Urner Wochenblatt'durchaus nichts Zuverlässiges bekannt. » Das konnte nur jemand schreiben, der den ausführlichen Originalbericht - es sind nicht nur Notizen - nicht gelesen und die Besteigung auch persönlich nicht gemacht hat. Aber mein Bedauern geht weiter. Die späteren Ausgaben des Urnerführers unterdrücken die Tat der Erstersteiger vollständig. Es wäre an der Zeit, den Erstersteigern wieder die ihnen zukommende Ehre zu erweisen.,Schluss folgt )

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