Unbekanntes Kolumbien — die Sierra Nevada de Cocuy

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Kolumbien -die Sierra Nevada de Cocuy

Regula Müller, Zürich

Laguna la Plaza mit den Ostwänden des Toti ( 5100 m ) Das Land und seine Berge Von Kolumbien glauben wir zu wissen, dass es ein Land voller Gewalt ist, beherrscht von der Drogenmafia und von Gue-rillakämpfern, unsicher, für Ausländer ge-fährlich.1 Meine bereits in Peru und Bolivien gemachten Erfahrungen liessen mich aber-wie sich zeigte, zu Recht - vermuten, dass es bei der nötigen Vorsicht kaum kritisch sein dürfte, auch Kolumbien zu bereisen. Und dieses Land hat sich mir denn auch wirklich als wunderschönes, interessantes Reiseland präsentiert.

Kolumbien ist mit seiner Oberfläche von ca. 1,1 Mio. km2 etwa 28 mal grösser als die Schweiz. Ungefähr ein Drittel der 25 Millionen Einwohner konzentriert sich auf die Hauptstadt Bogota und ihre Agglomeration. Die Gebirgsgegenden, das Tiefland gegen den Amazonas und die pazifische Küste sind vergleichsweise schwach besiedelt und dementsprechend auch schlechter erschlossen. Gegenüber Bolivien oder Peru sind die Verkehrswege aber wesentlich besser unterhalten und die wichtigeren Verbindungen durchgehend asphaltiert.

Das Hochgebirge der kolumbianischen Anden ist in drei Nord-Süd verlaufende Stränge aufgespalten. Dazwischen erstrecken sich breite, fruchtbare und dicht besiedelte Täler. Im Westen, anschliessend an das pazifische Tiefland, liegt die hügelartige und unvergletscherte Westkordillere. Die östlich anschliessende Zentralkordillere weist die höchsten Erhebungen auf und ist von eindrücklichen eisbedeckten und teilweise aktiven Vulkanen wie zum Beispiel dem rund 5400 m hohen Nevado del Ruiz geprägt. Er gelangte im Jahre 1985 zu trauriger Berühmtheit, als bei einem Ausbruch die Stadt Armerò verschüttet wurde. Diese zentrale Bergkette setzt sich nach Süden in Ecuador fort mit so bekannten Vulkankegeln wie Cayambe, Cotopaxi oder Chimborazo, die vielen europäischen Bergsteigern bekannt 1 Die von den Amerikanern veröffentlichte

sind. Die kolumbianische Ostkordillere mit ihrem Abfall zum Amazonas-Tiefland ist hingegen kein Vulkangebiet, und der einzige vergletscherte, zugleich auch höchste Abschnitt dieser Kordillere bildet das Massiv der Sierra Nevada de Cocuy, das ich im Rahmen eines zweimonatigen Kolumbien-Auf-enthaltes besuchen konnte.

Die auf der Westseite der Sierra Nevada de Cocuy gelegene Ortschaft Cocuy ( 2700 m ) Sierra Nevada de Cocuy oder Güican Geographischer Überblick Diese zumindet in Europa völlig unbekannte Gletscherregion liegt rund 400 km nördlich von Bogota. Sie weist keine spektakulären Sechstausender auf,keine oder berühmten Eis- und Felswände. Die höchsten Gipfel erreichen gut 5300 m ü. M. Gerade deshalb ist das Gebiet noch weitgehend unberührt und bietet sehr viele Möglichkeiten, seien dies mehrtägige

Die Sierra Nevada de Cocuy ist zugleich einer der 25 Nationalparks Kolumbiens. Mit einer Fläche von 3060 km2 gehört er hier zu den grössten. Er erstreckt sich von den eisbedeckten Gipfeln gegen Osten über den Nebelwald bis in die Llanos ( rund 500 m ü. M. ), die grossen Ebenen, die von Venezuela bis Kolumbien reichen. Dem vergletscherten Kerngebiet kommt in der Trocken- Gelbblühende Senecienart zeit äusserst grosse Bedeutung als Wasserreservoir für die Versorgung des Tieflandes zu. Das Gebirgsmassiv erstreckt sich über 30 km von Süden nach Norden, bei einer durchschnittlichen Breite von 5 km. Die wichtigsten der 22 Gipfel sind ( von Süden nach Norden ) der Pan de Azucar ( 5100 m ). Pùlpito del Diablo ( 5120 m ), Còncavo ( 5100 m ), Castillo ( 5200 m ) und Las Ritacubas ( 5330 m.2 2 Genauere Höhenangaben entbehren jeder Grundlage und fehlen auch auf den verfügbaren Karten.

Geologie und Oberflächengestalt Das Landschaftsbild der Sierra Nevada de Cocuy prägen relativ flachliegende, teilweise leicht verstellte Schichtpakete von Quarzsandsteinen aus der Kreidezeit. Während die Westflanke der Bergkette auf den Schichtflächen ziemlich sanft ansteigt und nur die Gipfelpartien Steilhänge aufweisen, beeindrucken im Osten die senkrechten. Hunderte von Metern hohen Felsbastionen, die mit den Südwänden der Churfirsten vergleichbar sind.

Der einfachste Zugang führt somit über die Westseite, wo man mit Pferden bis zu den Gletscherzungen gelangen kann. Aber auch von der steileren Seite her kann über schmale Couloirs und ausgezeichnet verfirnte Gletscher zum Gipfel aufgestiegen werden. Die heutige Gletschergrenze liegt bei rund 4700 m ü. M. Diesbezüglich ist auf topographische Karten allerdings kein Verlass, da offensichtlich Schnee- oder Firnflecken als Gletscher interpretiert wurden und auch etliche Übergänge, die in Wahrheit völlig eisfrei sind, auf den Karten mit Gletschersignatur eingezeichnet sind.3 Erstaunt war ich auch über die ziemlich grossflächigen ( grauen Flecken ), die die Karte der Cocuy aufweist. Von meinen Begleitern liess ich mich nun belehren, dass diese Gebiete zur Zeit der Befliegung4 gerade mit Wolken bedeckt waren und daher dann einfach nicht kartiert wurden! Andere Länder, andere Sitten!

Kleinode des Gebirgsmassivs sind die azurblauen Lagunen in den halbrunden Kar-räumen, die perlenartig entlang der ganzen Bergkette in Höhen von rund 4000 bis 4600 m ü. M. knapp unterhalb der Gletscherzone liegen. Daraus geht hervor, dass die Gletscher einst - wie bei uns - wesentlich grösser waren. Weitere Indizien für frühere grossflächige Vergletscherungen sind auch die teilweise mächtigen Moränenablagerungen, die schon die Aufmerksamkeit mehrerer europäischer Wissenschaftler auf sich gezogen haben.

3 So zögerte ich zuerst, allein den Casiri-Pass im Süden der Bergkette zu überqueren, weil laut Karte alles eis-bzw. schneebedeckt war. Die mündliche Auskunft eines Bauern bestätigte aber, was ich dann auf dem Pass antraf: weit und breit kein Schnee oder Eis, nur Schutt.

4 Dazu muss bemerkt werden, dass sämtliche topographischen Karten allein auf der Grundlage von Luftbildern hergestellt werden.

Klima, Vegetation und Fauna Mit einer geographischen Breite von 6 Vi Grad Nord lässt sich das Gebiet - was Tageslänge und allgemeine Temperaturbedingungen betrifft - etwa mit der südlich des Äquators gelegenen peruanischen Cordillera Blanca ( Huascarân ) vergleichen. Das ganze Jahr über dauert der Tag rund 12 Stunden, d.h. die Sonne erscheint um ca. sechs Uhr morgens, und um halb sieben Uhr abends ist es bereits wieder stockdunkel. Oft marschiert man in tiefer Nacht ab. Deshalb ist es von Vorteil, wenn man am Vortag die Route erkundet hat. Die Monate Dezember bis Februar eignen sich am besten für einen Besuch der Cocuy, denn es handelt sich um die eigentliche Trockenzeit, von den Einheimischen als ( verano> ( Sommer ) bezeichnet, in der die Tage häufig niederschlagsfrei sind. Gelegentlich kann zwar die feuchte Konvek- Laguna la Plaza mit den Ostabstürzen des Toti tionsbewölkung aus dem östlichen Tiefland bereits am Vormittag bis auf die Gipfelhöhe vordringen, was dichten Nebel zur Folge hat. Grundsätzlich ist dies aber erst etwa von der Mittagszeit an der Fall, so dass die erste Tageshälfte in der Regel voll genutzt werden kann. Während der übrigen Zeit des Jahres, besonders im Mai und im Juli, sind Niederschläge häufiger, auch wenn gelegentlich Schönwetterperioden von wenigen Tagen nicht auszuschliessen sind.

Die Ostseite des Gebirges ist infolge der vorherrschenden Nordostwinde ( Nordostpassat ) wesentlich feuchter als die im Lee liegende Westseite. Das zeigt sich auch in der unterschiedlichen Vegetation. Die mittlere Höhe der Null-Grad-Jahresisotherme liegt bei rund 4800 m ü. M. Sie schwankt im Jahresverlauf infolge des typischen tropischen Tageszeitenklimas nur unbedeutend, so dass in dieser Höhenlage bei Niederschlägen das ganze Jahr mit Schnee zu rechnen ist.

Im Bereich der Vegetation faszinieren vor allem die fremdartig wirkenden Erscheinungsformen der Hochgebirgspflanzen. In Kolumbien und auch in Ecuador wird die Höhenstufe unterhalb der Fels- und Gletscherregion als Paramo bezeichnet. Charakterpflanzen sind die eigenartigen, skurrilen Espeletien, von den Einheimischen als

Augenfällig ist die Armut an Säugetieren und Vögeln. Einzig flüchtende Kaninchen lassen sich regelmässig blicken, während wir den Kondor, der gemäss Auskunft noch vorkommen sollte, nie beobachten konnten. Für die auffällige Artenarmut ist im wesentlichen der Mensch verantwortlich, der alles abgeschossen hat, was ihm vor die Flinte kam. Das gleiche gilt auch für das Verschwinden der schönen Bergwälder, die abgeholzt und abgebrannt wurden, um Weidegebiete für das Vieh zu gewinnen. Schuld daran ist der Bevölkerungsdruck. Da zudem das Bewässerungssystem nur rudimentär ausgebaut ist, kann eine einzige etwas länger als gewöhnlich andauernde Trockenzeit bereits zu grossen Ernteausfällen führen. Viehzucht ist deshalb die Lebensgrundlage der Einheimischen. Vielleicht könnte ein Ansteigen der Besucherzahlen die wirtschaftliche Lage der Bauern so weit verbessern, dass die Viehzucht etwas an Bedeutung verliert und der Wald wieder eine Chance erhält.

Aequator F » Gletscherbruch am Pan de Azûcar. Rechts Lagunas Grandes Praktische Informationen für Bergsteiger und Bergwanderer Von Bogota benötigt man für die rund 400 km messende Strecke bis zur Sierra Nevada de Cocuy mit öffentlichen, mehr oder weniger komfortablen Bussen ca. 12 Stunden, mit einem Privatwagen 8 bis 10 Stunden. Die erlebnisreiche Fahrt, die man unbedingt einmal bei Tag machen sollte, kostet um die 10 us$ ( Stand Januar 1990 ). Nur die erste Hälfte des Weges weist einen Asphaltbelag auf, nachher benützt man eine gut ausgebaute Naturstrasse - kein ( Wasch-brettbis zur Siedlung Cocuy ( 2750 m ü. M. ) oder zum Nachbarort Güican ( 2950 m ü.M. ).

Spanischkenntnisse - und seien sie noch so gering - öffnen Tür und Herzen. Die Bevölkerung in den zwei hübschen, kolonial geprägten Dörfern Cocuy und Güican, die den Ausgangspunkt für jedes Unternehmen bilden, ist im allgemeinen sehr nett und hilfsbereit. In beiden Siedlungen gibt es relativ saubere, einfache und für uns sehr billige Hotels, in denen man auch Mahlzeiten bekommt. Gepäck kann bei Ausflügen in diesen familiären Unterkünften zurückgelassen werden, ohne dass bei der Rückkehr die Hälfte fehlt. Auch fühlt man sich hier - im Gegensatz zu den Städten - selbst als Alleinrei-sende sicher.

Die landwirtschaftlich tätige Bevölkerung wohnt in Streusiedlungen am Fuss der Kordillere. Dort kann man eine einfache Unterkunft erhalten ( Schlafsack empfehlenswert ) und gute Reit- und Packpferde ( rund 7 us$ pro Pferd und Tag ) mieten. Die Bauern stellen sich auch als Führer zu jenen Lagerplätzen zur Verfügung, die mit Pferden noch erreichbar sind. Über alpinistische Erfahrung verfügen sie jedoch nicht und besitzen ebenfalls kein Bergmaterial. Sicherheitshalber sollte der Preis für Pack- und Reitpferde im voraus festgelegt und beim Abmarsch erst die Hälfte der vereinbarten Summe bezahlt werden. Gern entgegengenommen werden kleine Aufmerksamkeiten wie Feuerzeuge, Taschenmesser oder der nicht mehr gebrauchte Proviant — alles Kostbarkeiten, die hier normalerweise unerschwinglich sind.

Pferdeungewohnte Alpinisten sollten daran denken, dass sich Beine und Gesäss nach einigen Stunden Pferderücken nachhaltig melden und vielleicht auch der nächste Tag nicht ganz muskelkaterfrei ist!

Solange die Wege mit Pferden begehbar sind, bietet die Orientierung keine Probleme. Hingegen sind von Lagerplätzen ausgehende Aufstiegsrouten nur selten mit Markierungen versehen. Da gegen Mittag regelmässig Wolken aufsteigen und sich als dichter Nebel über die Berge legen, lohnt es sich, selber für Orientierungshilfen im Gelände zu sorgen.

Obwohl als Nationalpark deklariert, kann in der Sierra überall frei gezeltet werden. Fischen in den Lagunen ist hingegen nur mit Bewilligung der staatlichen Naturschutzbe-hörde INDERENA erlaubt ( Bewilligung in Bogota bei INDERENA ). In tieferen Regionen holt man sich für das Campieren das Einverständnis der Grundeigentümer und entschädigt sie mit einem kleinen Geschenk oder einigen Pesos.

Für Trekkingtouren genügen gute wasserdichte Wanderschuhe. Hochgebirgstouren erfordern eine entsprechende Ausrüstung. Zelt, Isoliermatte, Schlafsack und Benzinkocher sind eine Selbstverständlichkeit in dieser Höhe ( Achtung: blaue Gaskartuschen sind äusserst schwierig zu bekommen !). Zur Verpflegung ist zu bemerken, dass alles bereits in Bogota eingekauft werden muss. Weder in Cocuy noch in Güican ist, abgesehen von Tee und Zucker, Proviant erhältlich. Insbesondere gibt es dort ausser am Markttag keinerlei Früchte oder Gemüse zu kaufen ( was sonst normalerweise auf dem Land der Fall ist ). Wasser ist im allgemeinen genügend vorhanden.

Karten können sehr günstig und unbürokratisch in der Verkaufsstelle des Geographischen Institutes der Universidad Nacional ( igac ) im Zentrum von Bogota erworben werden. Meistens genügt der Massstab 1:100000, da das Gelände auch bei grösserem Massstab nicht besser wiedergegeben ist.

Die Westflanke des Pan de Azücar ( S200 m ) Zur Situation der Bergsteiger in Kolumbien Vor fünf Jahren haben sich in Kolumbien alle aktiven Andinistenclubs des Landes zu einem Verband zusammengeschlossen. Die meisten dieser Clubs entstammen den Sportabteilungen der Universitäten. Ihr grösstes Problem ist das Fehlen von Material bzw. die Unmöglichkeit, sich überhaupt welches zu beschaffen ( nicht vorhanden oder unerschwingliche ausländische Produkte ).

In ganz Kolumbien gibt es keinen einzigen ausgebildeten Führer, obwohl sehr fähige und interessierte Bergsteigerda sind. Der Wunsch meiner kolumbianischen Kollegen ist, dass sie - z.B. unter Leitung eines Schweizers - Führerkurse absolvieren könnten, wie dies bereits in anderen Ländern Südamerikas ( z.B. Bolivien, Peru ) möglich ist oder war.

Die Sektion Manizales versucht, in Zusammenarbeit mit der Armee einen Bergrettungsdienst zu organisieren, etwas Einmaliges für das tropische Südamerika. Auch hier ist man für jede Information ( Handbücher in Englisch, evtl. Französisch, Materialpro-spekte usw. ) äusserst dankbar.5 5 Kontaktadresse in der Schweiz: Regula Müller, Luegislandstrasse 336, 8051 Zürich Kontaktadresse in Kolumbien: Club de Montanistas Manizales, c/o Oscar Ospina Herrera, Carrera 21 No.65A, 33, Manizales ( Caldas ), Colombia

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