Unser Magnetnadelstand und seine Schwankung

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( Zur Kartenbeilage: Die magnetische Deklination für 1916. Anfang. ) Es ist eine alte Erfahrung, daß die Kompaßnadel nicht genau nach Norden weist, sondern stets einen gewissen Winkel — Mißweisung oder magnetische Deklination genannt — mit der wirklichen Nordsüd-Richtung einschließt. Jahrhunderte lange sorgfältige Beobachtungen haben auch gelehrt, daß dieser Winkel ( eben die magnetische Fehlweisung ) einem fast gesetzmäßigen, periodisch wiederkehrenden Lauf unterliegt. Von einem größten Weststand der Nadel, der bei uns etwa um das Jahr 1810 erreicht wurde, bedarf es eines Zeitraumes von ungefähr 250 Jahren, bis dieselbe in die Lage des größten Ost Standes gelangt; eine auf der alten Murerschen Karte vom Jahre 1566 gezeichnete Bussole zeigt für letztere Zeit die östliche Abweichung der Kompaßnadel nahe richtig zu 11 Grad. Heute steht sie, zum Beispiel in Bern, aber um fast ebensoviel westlich. Die tiefere Ursache dieser merkwürdigen zeitlichen Schwankung der magnetischen Deklination zählt zu den noch wenig klargestellten Eigentümlichkeiten unserer erdmagnetischen Erscheinungen.

Die früheste Erwähnung der magnetischen Deklination in einem Druckwerke verdanken wir einem bekannten Schweizer Geographen und sie zeigt uns, daß man ihre Kenntnis den Sonnenuhren verdankt. Die erste Nachricht über das vorerwähnte magnetische Element bringt nämlich die berühmte Geographie von Heinrich Lori ti aus Mollis, die zuerst 1527 erschien ( D. Henrici Glareani Poetae Laureati de Geographia Liber Unus. Basileae. 4° ), wo man auf Blatt 9 6 liest, wie die östliche Abweichung der Magnetnadel zu erklären ist. Es zeigt das wohl deutlich, daß unsere ersten Schweizer Geographen und Kartenmacher mit dieser damals doch noch weniger bekannten magnetischen Fehlweisung immerhin schon ganz ordentlich auf dem laufenden waren. Allbekannt und doch noch viel bestritten ist auch die Tatsache, daß die alten Werkmeisterbücher unserer großen Kirchenbaumeister die Hauptachsen der Kirchen und Chorwerke gar nicht astronomisch, sondern meist nach der Fehlweisung der Magnetnadel ausgerichtet haben.

Aus wertvollen Basler Handschriften kennen wir die magnetische Mißweisung dieses Ortes schon seit dem Jahre 1531. Sie war damals, nach einem alten Manuskript von Daniel Huber, auch fast 10 Grad östlich, während die magnetische Deklination in Basel heute nahe um ebensoviel Grad westlich ist. Der Unterschied beträgt also volle 20 Grad. Eine längere und sorgfältige Beobachtungsreihe in Z ti r i c h, aus dem Anfang des vorigen Jahrhunderts, hat uns der rührige Schanzenherr Jakob Fehr hinterlassen; sie datiert von 1814 bis 1821 und gibt uns für damals nahe 20 Grad westlichen Stand der Magnetnadel. Des fernem finden sich ( im Archiv unserer meteorologischen Zentralanstalt ) Beobachtungen über die Abweichungen der Magnetnadel in S t. Gallen aus den Jahren 1820 bis 1827, angestellt von dem vielverdienten Apotheker Daniel Mayer, der jahrelang auch dort sorgfältige meteorologische Beobachtungen ausgeführt hat.

So wandert die Kompaßnadel zwischen ihrem Ost- und Weststand ruhelos hin und her. Da bei uns in der Schweiz der östlichste Stand etwa auf das erste Dezennium des 16. Jahrhunderts fällt, so dürfte, bei der eingangs erwähnten Periode von 2X250 Jahren ( für die ganze Schwankung ), dieser östlichste Stand erst wieder im nächsten Jahrhundert zu erwarten sein. Gegenwärtig verschiebt sich die Nadel jährlich um wenig mehr wie 1/\o Grad ( genauer um 0°,15 ) ostwärts. Unsere magnetische Karte ist daher auch für die nächsten Jahre noch ebensogut zu benützen, insofern man die eben erwähnte kleine Korrektion sukzessive an den Werten der eingezeichneten Mißweisung subtraktiv anbringt.

Der Betrag der magnetischen Deklination hängt aber nicht nur von der Zeit, sondern auch von der Lage eines Ortes ab; dabei spielt die geographische Länge die Hauptrolle.Verbindet man nun alle Orte eines begrenzten Gebietes, welche dieselbe Kompaßmißweisung oder dieselbe magnetische Deklination besitzen, durch einen Linienzug, so erhält man Kurven, welche „ Isogonen " heißen. Unsere Kartenbeilage — unter Benutzung älterer und neuerer Angaben von Battelli, Haußmann u.a. entworfen — zeigt den Verlauf dieser „ Isogonen " oder Linien gleicher magnetischer Deklination nahe von'/io zu'/io Grad über das ganze Gebiet unseres Landes. Ihr Verlauf im eigentlichen Alpenmassiv ist noch mit gewissen Unsicherheiten behaftet infolge lokal magnetischer Störungen durch das Gestein; daher sind die betreffenden Partien der Kurve gestrichelt. Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Es zeigt unsere Karte, daß alle Punkte auf der stark ausgezogenen Linie ( Isogone ), welche zwischen Schaffhausen und Stein hindurchläuft und sich gegen Rapperswil, Dissentis, Locarno hinzieht, dieselbe magnetische Deklination besitzen, nämlich 10,i Grad westlich.

Im äußersten Südwesten des Landes ( bei Genf ) erreicht die magnetische Deklination gegenwärtig den höchsten Wert in der Schweiz, nämlich 11,3 Grad westlich; im äußersten Osten ( Unterengadin ) aber besitzt sie nur noch den Wert von 9,5 Grad. Die ganze Änderung der magnetischen Deklination beträgt also ( von West nach Ost ) in unserm kleinen Gebiete schon nahe 2 Grad. In der Gegend des Jura, zwischen Aarau und Neuchâtel, ist der Verlauf der Isogonen ziemlich stark gestört zufolge örtlicher Einflüsse des Gesteinsmagnetismus; die Isogonenkurven zeigen hier merkwürdige, nach Westen gerichtete Ausbiegungen, während sie sonst weiter östlich, gegen das Gebiet des Zürich- und Bodensees hin, im großen ganzen nahe nordsüdlich verlaufen.

Durch die Kenntnis der magnetischen Deklination wird die Bussole unstreitig zum bequemen Orientierungsmittel auch für den Alpinisten; denn sobald die erstere aus der Karte für einen bestimmten Ort unseres Landes entnommen worden ist, läßt sich die genaue Richtung nach Norden, resp. Süden, und damit alle übrigen Himmelsrichtungen, mit Hülfe des Kompasses ohne weiteres festlegen. Wie aus dem Vorausgehenden zur Genüge hervorgeht, gelten die magnetischen Karten unmittelbar nur für den Zeitpunkt, für welchen sie entworfen sind, für eine andere Zeit dagegen erst nach Berücksichtigung der fortschreitenden stetigen Veränderung des Elementes, d.h. der magnetischen Deklination. Man nennt diese sukzessive Änderung des Kompaßstandes die „ Saecularvariation ". Diese letztere ist nun zwar in derselben Zeit an verschiedenen Orten auch verschieden groß, aber für gewöhnlich doch nur so wenig, daß man in einem Gebiet, etwa von der Größe und Gestalt der zentraleuropäischen Zone, diese „ Saecularvariation " überall als nahe gleich groß annehmen darf. Kennt man also die jährliche Änderung der magnetischen Deklination für eine beschränkte Zeit im letzterwähnten Gebiete* ), so lassen sich auch die magnetischen Karten für gewöhnliche praktische Zwecke eine Reihe von Jahren benutzen.

Werden die Forscher einer kommenden Generation in unserer alpinen Hochregion wieder einmal ( neue ) erdmagnetische Messungen beginnen, wie das schon vor einem Jahrhundert geschehen ist, so dürften zweifellos interessante Änderungen gegenüber dem jetzigen Stand unserer magnetischen Elemente, und namentlich auch hinsichtlich der Kompaßabweichung, festgestellt werden.Julius Maurer.

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