Unterwegs in den rumänischen Karpaten

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Roger Ballet. Neuchâtel

Die Alpenkette erstreckt sich im Osten weit über unsere Landesgrenzen hinaus bis zu den Karpaten. Deren Berggipfel sind zwar nicht besonders hoch, aber ich war doch neugierig, etwas mehr über diesen aus Granit aufgebauten Gebirgszug zu erfahren, der mir vielfältige Klettermöglichkeiten zu verheissen schien.

Auch in unseren Breitengraden ist eine Bergbesteigung immer mit Zeitverlusten und Überraschungen verbunden. In bezug auf den ersten Punkt wollte es der Zufall, dass ich Einheimische kennenlernte, die mich kundig und freundlich durch diese Gegend Rumäniens führten. Trotz- scherbruches oberhalb Les Vignettes, erheischt zunächst Vorsicht. Bald aber können wir etwas freier und rascher dahingleiten. Im Biwak angelangt herrscht allgemeine Zufriedenheit.

Der Mikrokosmos in solcher Höhe, Abgeschiedenheit und Kälte deckt erbarmungslos die Stärke der einen und die Schwächen der anderen auf. Unmöglich ist 's, sich hier zu verstellen. Die Launen wechseln sprunghaft, doch Verärgerung wird bei diesem Leben im Schnee bald wieder vom Lachen verdrängt. Schnell entwickelt sich daraus gegenseitiges Vertrauen, Sympathie, Hochachtung, Freundschaft und manchmal auch jene Liebe, die bei Sonnenaufgang aufblüht und abends auf Geheiss des ersten Sternenlichtes erlischt.

Aus dem Französischen übersetzt von E. Profos-Sulzer dem gab es noch zahlreiche Überraschungen: zu wenig Information, keine brauchbaren topographischen Karten und Schwierigkeiten mit der Lebensmittelversorgung. Dazu kam die Unberechenbarkeit des Wetters, das selbst die kurzfristig-sten Vorhersagen Lügen zu strafen pflegte.

Fünf Uhr morgens auf einem rumänischen Bahnhof. Ich erwarte den Tagesanbruch auf dem Bahnsteig und mustere die Reisenden, die sich schon auf den Weg zur Arbeit begeben: ein menschlicher Ameisenhaufen, dessen trauriger Anblick nur ab und zu von der Musik eines nä-selnden Transistorradios etwas aufgehellt wird.

Dieses Gewimmel hält bis zum späten Abend an. Der Eisenbahnverkehr scheint mir sehr dicht: Tag und Nacht verkehren ständig Reise- und Güterzüge auf den oft müde gewordenen Schienen mit ihren eintönig klopfenden Nahtstellen. Wie ich später bemerken kann, gehört dies ein wenig zum Bild dieses Landes: Alles drückt Müdigkeit aus. Doch es soll nicht meine Absicht sein, den Gründen dafür nachzugehen.

In einer Stunde bringt uns ein Bus von Sibiu, im Norden der Fagaras-Kette, zum kleinen Dorf Sebesu de Sus, dem äussersten Punkt, der mit der Strasse zu erreichen ist. Das trübe Wetter erweist sich für den Aufstieg zur Hütte als angenehm, hindert mich aber daran, die Stimmung in diesem Dorf, die farbigen Häuser und die ländlichen Szenen, die ich sonst nirgends mehr antreffen soll, zu photographieren.

Wir sind recht schwer beladen. Der Weg führt über eine waldbedeckte Moräne, die sich weit, bis zum Erreichen der Baumgrenze im Vorgebirge, vor uns hinzieht.

Die einladend wirkende Hütte unterscheidet sich kaum von den unsrigen. Kaum überschreitet man aber die Schwelle, bietet sich ein ganz anderes Bild. Alles scheint mehr oder weniger « improvisiert » und die Sauberkeit lässt oft zu wünschen übrig. Deshalb ist es üblich, ein kleines Tuch mitzunehmen, das man zum Essen auf dem Tisch ausbreitet.

Die sehr zuvorkommenden Hüttenwarte servieren Mahlzeiten, sofern sie über die dazu benötigten Mittel verfügen. Man muss sich deshalb mit Geduld wappnen, wenn man eine Suppe oder ein Omelett wünscht. Die Touristen haben sich damit abgefunden, der Magen muss sich daran gewöhnen, und einmal unterwegs stellt sich bald wieder der Hunger ein.

Die Wegmarkierungen sind sorgfältig angebracht und klug ausgedacht, mit verschiedenen Zeichen und Farben, die angeben, ob man sich auf einem Weg zu einer Hütte, auf der grossen Wanderroute quer durch die Fagaras-Kette oder einer Variante befindet, die die schwierigeren Stellen umgeht. Die Pfade sind gut angelegt, wobei steile Stellen mit Seilen oder Ketten versehen sind. Um die Sicherheit der Touristen zu gewährleisten, patrouilliert eine Gruppe von Rettungs-helfern die gefährlicheren Stellen ab, bereit, im Notfall Hilfe zu bringen. Sie werden « Salvamont » genannt und tragen stolz ihre orangefarbene Jacke. Bei allzu schlechtem Wetter verbieten sie den Touristen, die Hütte zu verlassen, um weiterzuziehen. Dieser Dienst wird von Bergfreunden, die dafür einen Teil ihrer Freizeit aufwenden, ehrenamtlich geleistet.

So gelangen wir in sechs- bis zehnstündigen Etappen von der Suru- zur Negoiu-Hütte und erklimmen im Vorbeimarsch den 2535 Meter hohen Negoiu-Gipfel. Nach einer schönen, über Bergkämme führenden Wegstrecke, steigen wir zur Bilea-Lac-Hütte hinunter, die, auf einer Halbinsel erbaut, der schmucke Gegenstand einer Ansichtskarte hätte sein können. Von dort aus erreichen wir am darauffolgenden Tag die Po-dragu-Hütte. Leider vermag ich keine Höhenunterschiede anzugeben, da wir kaum Wegweiser mit Höhenangaben antrafen. Hingegen sind die Marschzeiten überall aufgeführt.

Man gelangt immer auf dem einfachsten Weg zum Gipfel. Kletterstellen gibt es kaum. Gewiss finden sich zahlreiche Klettermöglichkeiten, aber die schönen Routen liegen weit entfernt von den von uns besuchten Hütten. Es scheint fast, als ob diese Gegend diesbezüglich noch nicht erschlossen ist, denn ich traf überhaupt keine Kletterer. In dieser zweiten Augustwoche sind viele Leute in den Bergen unterwegs. Die Unterkünfte sind besetzt und die Touristen unternehmen mit einer oft nur notdürftigen Ausrüstung, mit schlechtem Schuhwerk und unförmigen Rucksäcken, überaus anstrengende Wanderungen. Die Gegend lässt sich mit unseren Voralpen vergleichen, wobei sich die Landschaft von einer etwas herberen Seite zeigt, je nachdem ob man sich auf der Süd-oder der Nordabdachung aufhält. Im nördlichen Teil verliert sich der Blick in die mit Getreide bedeckten Hochebenen Transsilvaniens, während auf der gegenüberliegenden Seite der Wald den Horizont beschliesst. Die grasbewachsenen Kammlagen sind das Reich der Schafe, die in Herden von 250 Stück weiden. Diese Tiere haben die merkwürdige Gewohnheit, sich im Gänsemarsch fortzubewegen, der sich dann, dem Gelände anpassend, wellenartig fortpflanzt. Jeden Abend belebt sich die Landschaft, wenn die Herden zu ihren Ställen zurückkehren, um vor den wilden Tieren sicher zu sein.

Zahlreiche kleine Gletscherseen schmücken dieses erholsame Bild mit blauen Tupfen. Alles ist gefällig, wenn nur die Marschziele nicht wären, die immer mit Überraschungen aufwarten.

Am sechsten Tag entscheidet sich das bis jetzt immer wechselhafte Wetter endgültig für Regen. Wir schicken uns drein. Aus Zeitknappheit und da es hier ohnehin überall unwirtlich ist, entscheiden wir uns, die Fagaras-Berge zu verlassen und ins Tal hinunterzusteigen, ohne den höchsten Berg Rumäniens, den 2544 Meter hohen Moldo-veanu, erklommen zu haben. Der Weg taucht bald in den Waldbereich ein und bringt uns in ständigem Auf und Ab von einem Tal ins nächste. Nach einem vierstündigen Marsch im düsteren Halbschatten der Bäume, der durch das drük-

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