Unwetter am Gross Engelhorn

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Von Hans Winlerberger1 ).

Bei richtigem Glanzwetter bummelten mein Freund Otto Brügger und ich an einem Samstagnachmittag dem Ochsentale zu. Wir waren frühzeitig aufgebrochen. Auf den Wiesen duftete es allenthalben nach frischem Heu, und die Bauern waren schwitzend damit beschäftigt, den wohlgeratenen Ernte-segen unter Dach zu bringen.

Auf einem sturmgefällten Baumriesen der Reichenbachalp machten wir kurze Rast, folgten mit den Blicken dem Lauf des Reichenbachs, bewunderten die prächtigen Wettertannen, den schweigenden Hochwald und begeisterten uns am Anblick der ewigschönen Wetterhorngruppe.

über dem Schilthorn zogen Wolken empor. Rasch brachen wir auf, um vor dem möglichen Abendgewitter die Engelhornhütte zu erreichen. Dort angekommen, legten wir rasch die Säcke ab und stiegen eine Rippe gegen den kleinen Simelistock hinan, um einen Aufstieg zu erkunden. Wir kamen nicht weit. Im Gschwandtenmaad flimmerte der Reichenbach noch im Sonnenschein, als uns die ersten sturmgepeitschten Regentropfen zur Hütte trieben. Dort war inzwischen der Dritte im Bunde, Hans Hari, angekommen.

Bevor wir unsere Schlafstellen im ersten Stock bezogen, sahen wir noch einmal nach dem Wetter. Eine schmale Mondsichel verbreitete hie und da gespenstisches Licht, um sofort wieder von dräuenden Gewitterwolken verschlungen zu werden.

Der feine Takt des niederprasselnden Regens schläferte uns in der Morgendämmerung wieder ein. Und als wir ein zweites Mal erwachten, hatte der Himmel schon ein bedeutend freundlicheres Gesicht aufgesetzt. Eine knappe Stunde später, es war inzwischen halbneun geworden, besprachen wir auf dem Boden des ehemaligen Sees hinten im Ochsental nochmals die Wahl des Weges. Die Sonne brach in diesem Augenblick sieghaft durch das Gewölk, als wollte sie uns aufmuntern, und so entschlossen wir uns, den Aufstieg aufs Gross Engelhorn durch die Westwand über Niklausspitze-Haubenstock zu wagen.

Der Auftakt dieser Fahrt ist stets der unangenehmste Teil, nämlich die Bezwingung der sehr steilen Firnhalde, die den hintersten Teil des Ochsentales ausfüllt, in den Kletterschuhen. Nach knapp 20 Minuten betraten wir aufatmend die soliden Felsen oberhalb des Firnkessels, und sofort fing ein anregendes, nicht zu schweres Klettern an. Ein nicht besonders exponiertes, aber anstrengendes Stück Aufstieg ist stets die seichte, glatte Rinne kurz unterhalb des Sattels zwischen Froschkopf und Nikiausspitze. Nach Überwindung dieser Stelle kletterten wir über eine Bastion in die tief eingeschnittene Kehle, die unmittelbar zu vorerwähntem Sattel emporzieht, und erreichten denselben auf dem Grunde der Kehle in kurzer, schöner Kletterei.

In dieser weltfernen, selten betretenen Lücke massen wir mit prüfenden Blicken die noch unbezwungene Ostwand des Froschkopfes, genossen die gewaltigen Tief blicke ins Ochsental und auf den Rosenlau igletscher, der bei der rasch wechselnden Beleuchtung hier ein freundliches, dort ein düsteres Gesicht zeigte. Bald mahnte das Wetter zum Aulbruch, und wir machten uns an die Besteigung der Nikiausspitze. Ein kurzer Stemmriss, ein Plattengang und einige Meter Gratkletterei, und wir sitzen auf dem unscheinbaren, aber ziemlich schwer zugänglichen Gipfel.

Kaum war der Gipfelstumpen richtig in Brand gesetzt, kletterten wir schon den zerhackten Grat hinunter in die Scharte, welche den Haubenstock von der Nikiausspitze trennt, und machten uns auch sofort an die Überschreitung des ersteren, nahm doch die Bewölkung einen immer drohenderen Charakter an. Auch auf dem Haubenstock verzichteten wir auf die Gipfelrast und kletterten sofort weiter. Der kleine Überhang am Gipfel war bald bezwungen, und nach Uberkletterung einiger messerscharfer Gratzacken standen wir an der Gipfelwand des Gross Engelhorns.

Ohne zu zögern, packten wir an. Schon waren einige Meter an Höhe genommen, da warf uns ein grimmiger Windstoss die ersten schweren Regentropfen seitwärts ins Gesicht. Bald rann und tropfte es überall die steilen Felsen herunter, den emporgereckten Armen entlang und eiskalt den fieberheissen Körper berieselnd. Zurück in die steilen, bei diesem Gewittersturm steinschlaggefährdcten Rinnen gegen das Ochsental? Niemals!

Ein Gefühl der Unsicherheit wollte uns beschleichen. Nur das gegenseitige, auf so mancher Fahrt gefestigte Vertrauen Hess uns die Zuversicht nicht verlieren. Mit verbissenem Ingrimm, alle Energie zusammenraffend, rangen wir uns höher. Die Anstrengung des Kletterns liess uns die Kälte der bald völlig durchnässten Kleider vergessen, immer mehr gewannen wir an Höhe. Trotzdem wir sehr rasch kletterten, schien uns, die Wand wolle kein Ende nehmen. Kaum schauten wir aber über die Gratkante, warf uns der Wind mit beispielloser Wucht Regen und feine Hagelkörner ins Gesicht. Ein Begehen des Grates bei diesem Sturm wäre Wahnsinn. So stiegen wir denn vorsichtig einige Meter in die steile, rasendurchsetzte Ostflanke ab und querten gegen die obere Engellücke, während der Wind oben in den zerrissenen Gratzacken eine wilde, schaurige Melodie orgelte und uns hin und wieder mit kleinen Trümmern bedrohte. Wohl hätten wir in der obern Engellücke eine etwas geschützte Stelle gefunden, doch da das Unwetter sich nicht verziehen wollte, beschlossen wir, sofort über den Vorgipfel des Urbachengelhorns zum Gemsensattel abzusteigen.

Der kleine Riss, der zu vorgenanntem Gipfel hinaufführt, war bald bezwungen, und ohne Aufenthalt begannen wir mit dem Abstieg.

In dieser Nordflanke, wo in jeder Rinne ein Sturzbach gischtete, wo der Körper in den völlig durchnässten Kleidern zitterte, wo mit kältestarren, verwaschenen Händen und tropfnassen Kletterschuhen der nötige Halt gesucht werden musste, da packte wohl jeden von uns mit elementarer Gewalt die Sehnsucht nach einer warmen Stube. Durch einen Quergang nach links gewannen wir wieder den Grat, wo die Felsen etwas trockener waren. Dafür pfiff der Wind, dessen grösste Wucht etwas nachgelassen, um so energischer.

« Auf diese Weise wird man trittsicher, » meinte Hari scherzend, « wenn man mit den Händen nicht mehr mithelfen kann », und rieb sich dieselben in seinem Krauskopf warm. Schweigsam und ernst vollzog sich der Abstieg, nur hie und da durch einen aufmunternden Zuruf unterbrochen.

Im Gemsensattel machten wir den hoffnungslosen Versuch, Stumpen in Brand zu bringen, doch waren diese nicht viel trockener geblieben als wir.

Zuversichtlich nahmen wir den Abstieg gegen das Ochsental in Angriff. Wohl regnete es noch immer, dagegen brach sich der Wind oben im Grate, so dass wir schier ein Liedlein angestimmt hätten. An die Nässe waren wir jetzt gewöhnt, und unsere « Sextener » hielten sich auch auf den Platten vortrefflich. Immer mehr näherten wir uns dem Talboden. Trotzdem die einzelnen Phasen dieser Besteigung scheinbar Ewigkeiten gedauert, hatte sich die ganze Überschreitung innerhalb 7 Stunden abgespielt.

Nachdem wir uns nochmals in dem grandiosen Felszirkus umgeschaut hatten, liefen wir rasch zur Hütte, um unsere Lebensgeister mit etwas Tee zu beleben und dann den Heimweg anzutreten.

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