Uri-Rothstock

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Von R. Wäber.

Uri-Rothstock ( 2932 Meter. ) Ueber den einsamen Pass der Sinsgäuer Schonegg war ich in das romantische, an Naturschönheiten so reiche Isenthal gekommen, hatte das Dörfchen'St .Jacob passirt und langte in dem freundlichen Dorfe an, das den Namen des Thales trägt.

Im gastlichen Adler, bei C. Infanger, dem ehemaligen Gemsjäger, kehrte ich ein und legte meinen Tornister ab.

Durch das Fenster der säubern Gaststube zeigt sich ein landschaftliches Bild von hohem Reiz. Ueber die braunen Holzhäuser des Dorfes dringt der Blick in ein tief eingeschnittenes Thal, das sogen. Kleinthal. Im Vordergrund schäumt der vom Kleinthal-Firn kommende Bach über die Felsen herab. Links senkt sich der ernste, dunkle Gebirgswald tief herunter; zur Rechten wechselt der Bergwald mit jähen Weiden; hie und da ist ein einsamer « Stadel » an den Abhang gelehnt, und über diesem dunkeln Mittelgrunde erhebt sich in leuchtender Pracht das Massiv des Uri-Kothstockes mit seinen Gletschern und Wänden, unterbrochen von spärlichen Schneeflocken.

Es war schon lange mein Plan gewesen, diesem stolzen Gesellen einen Besuch abzustatten, und weil ich, um den gewöhnlichen Weg zur Ausführung meines Planes, von der Hangbaum-Alp im Grossthal, einzuschlagen, bis nach St. Jacob die eben zurückgelegte Strecke wieder hätte machen müssen, beschloss ich, dem Herrn « so hoch da droben » vom Kleinthal aus,, wo er sich so prächtig zeigte, auf den Leib zu rücken.

Joseph Infanger, der etwa 16jährige Sohn des Adler-wirths, sollte mein Führer sein; er hatte, wie er mir sagte, den xlufstieg von dieser Seite noch nie unternommen und war daher gerne bereit, die Gelegenheit zu benützen. Der Vater beschrieb ihm dem einzuschlagenden Weg, und nachdem wir uns mit Proviant gehörig versehen, sagten wir um 4 Uhr Nachmittags dem Dorfe Valet.

Der Weg führte über den Thalbach und gleich jenseits steil ansteigend links an dem kleinen Wasserfall vorbei, wo der Urgrossvater meines freundlichen Führers den letzten Bären erlegt hatte, dessen gewaltige « Pratzen » an der Sägemühle Infangers als kostbare Reliquie hangen. Bald nahm uns der Schatten des Tannwaldes auf, dessen Dunkel hin und wieder vom lichten Grün der Buchen unterbrochen war; dann führte der Weg durch Ufergehölz dem schäumenden Wasser entlang zu den Hütten der Neyenalp und von hier aus steil durch Wald und über Alpen nach dem Ziele des Marsches, der Musenalp, in deren erster Hütte " wir Quartier bezogen.

Die Hütten der Musenalp liegen auf einem kleinen Plateau an den östlichen Abhängen des Sassigrates ;. das Kleinthal wird hier durch die Trabanten des Uri-Eothstockes, den Schlieren und den Kessel, geschlossen. " Der Musenalp gegenüber fallen die jähen Flühe des Gitschen ins Thal. Aus dem Kleinthalfirn strömen zu beiden Seiten des Kessels die Gletscherbäche nieder, in " vielarmigen, malerischen Fällen über die Fluhsätze zu Thal rauschend.. Ueber den nächsten und grössten der Fälle führte, wie uns unsere Wirthe berichteten, anderen Tages unser Weg; das sollte die böseste, « gruisigste » Stelle sein, die " wir zu passiren hatten.

Der Abend war herangekommen. Die Musenalp lag schon im tiefen Schatten; schwarz ragte das einfache Kreuz auf dem Vorsprung des Plateau's in die klare Luft; weiss und kalt blickte der Gletscher hoch oben herab: aber die Kalkfelsen des Gitschen strahlten in den wärmsten Tönen der sinkenden Sonne; wie Sammt glänzte das Grün der begrasten Fluhbänder und Wild-heuerplätze. Doch höher und höher stiegen auch hier die Schatten, und endlich erblasste der letzte rosige Schimmer des Tages.

Die Insassen der Hütte, drei alte freundliche Sennen, waren mittlerweile eingerückt; über dem rauchenden Feuer hieng das « Kessi » mit dem bekannten Milchkaffee, dem wir auch bald alle Ehre erwiesen.

Das Pfeifchen wurde gestopft und angezündet, und behaglich schmauchend und plaudernd genossen wir vor der Thüre unseres Hotels den schönen Abend. Der Mond war über dem Gitschen heraufgezogen, wenige Sterne glänzten am klaren Himmel. Einer der Sennen sass auf dem kleinen Bänklein und blies auf einer Querpfeife die einfachen, heitern Jodler-Melodien in die laue Sommernacht.

Es war schon ziemlich spät, als wir die Leiter hinaufstiegen und auf dem Heuhoden die Lagerstätte im duftigen Bergheu suchten, und bald wurde es still; jene Stille herrschte, die, glaube ich, nur der kennt, der schon sein Nachtquartier in einsamer Clubhütte oder Alpe bezogen hat; wo ein ti^er Friede über der Erde liegt; wo das melodische Rauschen des Gletscher-$vassers, oder ab und zu der Klang einer vereinzelten Heerdenglocke die einzigen Laute der schlafenden Natur sind.

Der Morgen dämmerte schon, als wir aus der Hütte traten; kein Wölklein trübte den Himmel. Ein Senn hatte sich uns zum Führer über die böse « Stelli » angeboten, und da Sepp dieselbe noch nie passirt hatte, wurde das Anerbieten gerne angenommen.

Wir folgten einem schmalen Pfad von der Musenalp steil aufwärts, gegen den ersten Gletscherbach zu. Bald verlor sich der Weg, und nach einer halben Stunde ^befanden wir uns auf abschüssigen, zum Glück etwas « faulen » Platten, die direkt gegen den schäumenden Fall zu abfielen. Hier galt es, den treuen Bergstock fest einzuschlagen und mit Vorsicht die Stelle zu passiren. Ein Fehltritt, ein Ausglitschen auf dem feuchten Gestein hätte den Wanderer in Gesellschaft des Gletscherwassers schneller zu Thal befördert, als angenehm und heilsam gewesen wäre. Jetzt — Achtung! ein Sprung über das stäubende Wasser, und jenseits fest aufgetreten! Nun noch einige Fuss hinauf, und auf einem grünen Wildheuerplatz machten wir Pause.

Die « Strasse der Schrecken », zum Glück nur kurz, war hinter uns. Ich muss gestehen, mir war es ein höchst angenehmes Gefühl, den braven festen Sennen hinter mir zu wissen; dies testimonium paupertatis gebe ich hier als wahrhaftiger Erzähler gerne zu. Einen frohen Jauchzer sandte Sepp in 's dunkle Thal hinab, und unser Begleiter, der kaum zu bewegen war, für seine Mühe und den Zeitverlust etwas anzunehmen, wünschte uns glückliches Fortkommen und schlug den Rückweg ein.

Ein kleines Schneefeld wurde quer nach liuks überschritten, und immer links uns haltend, stiegen wir über jähe, rutschende Geröllhalden, dann und wann über Schnee empor, dem Gletscher zu. Das ausgetrocknete rauhe Bette des einen der Gletscherbäche benützend und über glatte Platten und unter überhängenden Felsen kletternd rückten wir mühsam dem Ziele näher und näher und hatten endlich, nach 2stün-diger Arbeit, den Absturz des Rothstock-Massivs überwunden.

Vor uns lag der mächtige Gletscher, in schönem Bogen zwischen den Felsen gebettet; rechts zog sich Has Mittelgrätli gegen den noch nicht sichtbaren Hauptgipfel zu; den Horizont begränzten die kühnen Formen des Blackenstockes.

Ein Stein auf dem Gletschereis war wie zur table d' hote bereitet; das Eänzel bot des Guten in kompakter und flüssiger Form die Fülle.

Der Gufferlinie folgend, die sich inmitten des Gletschers hinzieht, und die vom Urnersee deutlich sichtbar ist, setzten wir die Wanderung fort. Der Gletscher war leicht zu begehen; die Spalten waren unbedeutend und gut zu überschreiten, nur wenige mussten auf kurzem Umweg umgangen werden. Die Schneebrille leistete treffliche Dienste, besonders als das blanke Eis in Firn überging. Einige trügerische Schneebrücken hatten wir an der dunklern Farbe erkannt und vermieden, und nun hielten wir uns rechts, dem Punkte 2828 m der Excursionskarte zu. Das Ziel des Tages, der Gipfel des Uri-Rothstockes, winkte nun in der klaren Luft täuschend nahe zu uns herab; der Schnee war im Strahle der Augustsonne weicher geworden und erschwerte das rasche Fortkommen. Nach kleinen 2 Stunden waren wir an dem Sattel am Fusse des Gipfels angelangt; eine Schneewand wurde erklommen und wir überblickten die glänzende, weite Mulde des Blümlisalpfirns, der sich bis zum Schlossberg und Engelberger-Rothstock hinzieht.

Nun giengs noch eine kleine halbe Stunde über scharfkantiges Geröll hinauf, undHeia! das Schneegebirg han wir erklommen!

Schau'n in der Thäler vielfiirchig Gewind. "

Wie auf dem höchsten Thurm einer gewaltigen Veste kommt sich der Wanderer auf dem Gipfel des Uri-i Rothstockes vor; die Häupter des « Schlieren » und des « Kessels », die Zacken des Brunni-und Blackenstockes, des Schlossberges und Engelberger-Rothstockes, die den Hauptgipfel umgeben, sind die trotzigen Mauerthürme der Veste, und dazwischen gebettet liegen die blauen Gletscher, die schneeigen Firnen. Im Osten ragen der Glärnisch, die Clariden und das Scheerhorn, der Tödi, der Oberalpstock und der Crispait, die stolze Pyramide des Bristenstockes empor. Im Süden schaaren sich die Engelberger Gebirge um ihren Herrscher Titlis. An die Hörner des Triftgebietes, welche über den Rücken des Grassen herüberblicken, reihen sich die Riesen des Berner Oberlandes und zuletzt die niedrigeren Firsten des Entlebuchs und Melchthals bis zum Pilatus.

Ein Umstand ist es, der dem Panorama des Rothstockes einen besonderen Zauber verleiht: neben dem Grossartigen, Ueberwältigenden der Gletscher und Felsen fehlt auch das Liebliche, Malerische nicht. Wie eine Idylle liegt das Kleinthal unter uns; an seinem Ausgange glänzt die hübsche Kirche des Dorfes Isenthal inmitten der braunen Häuser. Und winkt dort nicht der grüne Spiegel des classischen Urnersees mit seinen romantischen Ufern und freundlichen Dörfern? „ Hier winkt ein Städtlein und dort ein Gefilde, „ Dort eines Stromes sich schlängelnder LaufDort auch ein See, wie ein Menschenaug milde. Der Blick in die ferne Ebene war nicht ganz klar; ein brauner Schleier hatte sich darüber gebreitet und verhüllte die Höhenzüge des Schwarzwaldes. Daran mochte der Föhn schuld sein, der uns auf der andern Seite als überreiche Entschädigung die fernsten Spitzen der Alpen zeigte; er wehte aber auch hier oben so kräftig, dass wir ein geschütztes Plätzlein unter der Spitze suchen mussten, um dem Italiener und andern Victualien zuzusprechen. Noch wurde eine Karte in das Visitenkarten-Album der Hochgebirge, in die Flasche im Steinmannli gesteckt, und dann der Rückweg augetreten. Wir wollten nach der Hangbaumalp im Grossthal hinunter, folgten also zuerst dem Grat, der den Kleinthalfirn vom Blümlisalp-Gletscher scheidet und stiegen dann über eine Halde von scharfkantigem, eigenthümlich klingendem Geröll hinab auf den letztern. Bald betraten wir die Moräne, auf deren Kante wir dem Gletscher entlang thalwärts marschirten. Ein paar Schneehühner flogen dicht vor uns auf; an sonnigem Abhang hörten wir das schrille Pfeifen der Murmelthiere oder « Munken », wie Sepp sie näimto. Die Moräne lag hinter uns; an ihrem Ende kamen wir über Gletscherschliffe und sog. « Strählplatten » ( Karren ) von den seltsamsten Formen. Ueber Fels und Geröll führte nun unser Pfad auf Alpenland und durstig kehrten wir endlich in der Hangbaumhütte ein.

Nach kurzer East wurde aufgebrochen. Der Weg in 's Thal, in welches sich der Abfluss des prächtigen. Blümlisalp-Gletschers in imposantem Fall ergiesst, führte durch dichten, wilden Bergwald steil abwärts, auf rauhem, mühsamem Pfad. Mein Führer erzählte mir von einem Herrn, der nach ausgeführter Besteigung des Uri-Rothstockes auf diesem Weg, der eben meine Beine marterte, voll Wuth und Ingrimm darüber seinen Bergstock in kühnem Schwünge weit von sich warf und feierlich gelobte, auf keinen Berg mehr zu gehen, auf den man nicht im Wagen fahren könne!

Auch diese Prüfung war überstanden. Dem brausenden Thalbach entlang wanderten wir vorwärts; die Luft war drückend schwül; der Föhn liess seine Herrschaft fühlen. Bald war St. Jacob zum 2. Mal passirt und nach einer kleinen Stunde sassen wir im « Adler » zu Isenthal.

Den Uri-Rothstock suchen meine Blicke vergebens. Schwere Nebel verhüllen seine Massen. Ich zürne dir darum nicht, du stolzer Geselle! Von deiner schönsten Seite hast du mir erlaubt, in dein Allerheiligstes zu kommen, hast mir dich in deinem schönsten Lichte, deiner hehren Pracht gezeigt — dess sei dir ewig Dank

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