Val Torta-V. Bavona-V. Verzasca

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Von Max Koenig

( Zürich ) Frasco, August 1953 Auf Umwegen...

In Ossasco ist Fanchini, unser Wirt und Träger bei alten Familienskitouren, nicht mehr. Das Albergo Nufenen ist aber wieder gut geführt. Zum Schinken und den Spiegeleiern riskiere ich einen Valpolicella und geniesse auch die gut eidgenössische, milde Italianità.

Ob dem Dorf wechsle ich auf kurze Hosen und verstaue das Hemd im Rucksack. Es ist ein voller Sommertag; Geist und Körper saugen Luft und Licht begierig ein. Auf dem alten Weglein rechtsseitig des Wassers stosse ich bald auf ein neues Fahrsträsschen, das aber - vorderhand - nur bis Piano peccia führt.

Bei der Alpe Cristallina weidet überraschend viel Vieh, und vor dem Stall zähle ich ein Dutzend Schweine, die dicht in Reih und Glied an der Sonne liegen. In der nachmittäglichen Hitze flimmert die Luft und die Berge heben sich schon herbstlich klar vom tiefblauen Himmel ab. Auf den ersten Kuppen der Val Torta, mit freiem Blick auf den Aufstieg und auf die Kette von der Fibbia zum Rotondo, raste ich. Das reichliche Nass hat eine prächtige Alpenflora entstehen lassen. Von hier geht es bequem, zuerst fast eben, entlang dem rauschenden Bach mit dem weissen Wollgras-Saum und dann leicht ansteigend zur Cristallinahütte. Da oben sieht es nun allerdings bereits nach Betrieb aus. Es tut sich was: Neben dem SAC-Haus sind Baracken aller Art und allen Zweckes! Bald verabschiede ich mich von dem jungen sympathischen Hüttenwart. Kurz vor der Passhöhe taucht eine ganze Gesellschaft auf; der vorderste trägt auf dem Rucksack auch ein Seil. Es sind ihrer sechs, und zwar ein Vater mit seinen vier Söhnen und seinem eigenen Vater. Drei weitere Buben seien zu Hause geblieben, in Grosshöchstetten, sie müssten zuerst noch etwas wachsen! Sie kommen eben vom Basodinogipfel und wollen gleichen Tages noch heim, man könne es sowieso fast nicht verantworten, jetzt, wo geerntet werde. Aber als « Gotthärdler » habe er seinen Grösseren und dem Ätti doch das alles einmal zeigen müssen. In der Basodinohütte habe ich dann wieder so prächtige Mannen getroffen, die mit Frau und Kindern, mit Decken und schwerem Rucksack, begeistert und begeisternd, durch unsere Täler und Berge ziehen. Lieb Vaterland, hast noch der Söhne ja.

Entlang dem geheimnisvollen Lago Sfundau und bis zur Cima delle Donne ist ein gutes Weglein, das auch im Nebel und in der Nacht sicher führt; dann aber wird es für einen Übergang, der touristisch so viel erschliesst, ungenügend. Nach einer letzten kleinen Gegensteigung kommt tief unten die Basodinohütte in Sicht. Ebenso flink und gut wie weiland Signor Ritter macht mir Signor Robiani vorzügliche Spaghetti; vom Trinken sage ich nichts, als dass es tip top war. Auch dass in der Robiei der Hüttenwart Robiani heisst, ist doch sehr soigniert. Im gastlichen, heimeligen Haus herrscht Fröhlichkeit, 100 % von den Tessinern beigetragen, die übrigens auch in der Mehrheit sind. Der Welsche, der Schwede und wir Deutschschweizer machen freundlich mit. Den Basodino habe ich mir diesmal nur von unten angeschaut. Trotzdem sein Gletscher gegenüber vor dreissig Jahren, als ich ihn beging, erheblich zurückgewichen ist, präsentiert er auch so recht eindrücklich.

Am Abend hatten Nebelschwaden aus dem Bavonatal gedroht, aber der Morgen war wieder klar. Glücklich buckelte ich den Sack zum Abstieg. In Campo sass ich bei der kleinen, freien Kapelle, die hoch über S. Carlo weit ins Bavonatal blickt. Zwei Frauen schneiden das Gras, die Männer sind oben in der Alp. Auf dem Weg, der durch lichte Föhren hinabführt, hole ich den Träger ein, der am frühen Morgen eine Last von 45 kg in die Klubhütte gebracht hatte. Wir wandern zusammen bis nach S. Carlo. Der riesenstarke, rothaarige Bavonese erinnert mich an meinen verstorbenen Freund Felice Mocettini von der Alp Sambuco. Er besorge den Proviant seit Bestand der Hütte und sei auch von der Gemsjagd her -seine Leidenschaft - an grosse Lasten gewohnt.

Ja das Bavonatal! Ragende Felswände, in wirrer Ordnung gewaltige Felsblöcke, schäumendes Wasser, blumige Matten und bald auch Tannen, Lärchen, Laubwälder und dann Kastanien, Capelle, schlanke Campanile, Cascine, Paesi und freundliches Bauern- und Bergvolk. Bis man das alles, die Dörfchen mit den weissen Fensterchen und die Wasserfälle, in sich aufgenommen hat, sind fast unvermerkt Stunden vergangen, und schon tritt man bei Bignasco in das eigentliche Maggiatal.

Am Abend bringt mich die Post nach Prato hinauf, wo ich im Ristorante Mignami noch einziger, verwöhnter Gast bin. Vor 6 Uhr früh habe ich warmes Wasser per la barba, und nach dem caffè latte completo und der Begleichung des bescheidenen Conto, ist Abmarsch.

Ein gutes Strässchen, fast Strasse, führt nach S. Carlo del Val Prato. Mit Dienstkameraden bin ich hier vor etwa fünfunddreissig Jahren vom Campo Tencia her gekommen; die Erinnerung ist aber stark verblasst. In S. Carlo stehen Baracken. Der Vorarbeiter erklärte mir, das Kraftwerk erweitere die bestehende Strasse und führe sie dann neu bis hoch hinauf ins Tal zum zukünftigen Staubecken. Den alpinen Kraftwerksbau muss man grosso modo schon befürworten, weil er mittelbar auch grosse Aufgaben der Berghilfe meistern kann. Mit ihm zieht die gewaltige Unternehmerkraft des Kapitales aus Handel und Industrie hinauf in die Berge und macht ganze Arbeit. Sie baut staubfreie Strassen, erschliesst das Tal dem breiteren Tourismus, verbindet die Talbewohner mit der Welt und zwingt die Wasser zum Dienen. Geht nur einmal etwa zum werdenden Mauvoisinwerk; wie wird das zugleich ein gesundes, schönes Tal! Oder seht, wie sie für das Maggiawerk zweckbedingt auch Grosses für arme, entlegene Tessiner Täler tun! Ohne bessere Wege, Stege und Brunnen und deren Unterhalt schreitet das Sterben dieser Täler unerbittlich weiter. Man darf vom Bergbauern neben seiner entsagungsvollen und harten Nomadenarbeit nicht noch den Bau der Wege erwarten. Gebt sie ihm, es ist hohe Zeit!

Inmitten der schwarzen Italiener-Arbeiter breite ich die Karte aus, um dem capo, der aus Anzonico stammt, zu zeigen, wie er vom nahen Pizzo Barone sein Elternhaus sehen würde.

Jetzt liegt auch das schon zurück, weit unten, fern und klein, stehen die Männer noch auf dem Platze. Eine Abkürzung zur Alpe Campala nütze ich nicht aus, um den wilden Plattenweg durch die Schlucht hinaufgehen zu können. Dort biege ich ein gegen den Passo Campala, dem diesmaligen neuen Tor zu meinem wirklichen Ziel, dem Verzascatal. In diesem Jahr sind die Quellen stark; rein und kühl quillt das Wasser aus steiler Berghalde.Von hier sehe ich bereits die Paßscharte und aus der gleichen Richtung tönt Herdengeläute von der Alpe Scinghino herab. Nun kommt gerade der Senn mit formaggio auf dem Tragref; er weist mir den Aufstieg. Das Wetter schlimmert zusehends, doch kann ich nicht mehr fehlgehen. Immerhin stelle ich zur Sicherheit den Höhenbarometer ein.

Es ist zwei Stunden nach Mittag, als ich auf die andere Seite hinuntersehen kann. Nebel und feiner Regen haben sich wieder verzogen. Ein mir wohl vertrautes und doch immer wieder wunderbares Bild: das obere Vogornesso mit dem Silberband des Flüsschens, fast bis nach Cabione. Den Pass kann ich noch skizzieren; mit seinen Felsblöcken macht er mir auch zeichnerisch Mühe. In die Skizze des Vogornesso regnet es aber bereits. Ich muss abbrechen und mir den Abstieg zurechtlegen. Im Trümmerfeld des Passes, in den nassen Felsen und dem hohen Grase von einem Weglein zu sprechen, wäre übertrieben, aber ich lasse mir Zeit und komme, weit nach Piodajo ausholend, gut hinunter. In der neuen Cascina in Corte del Fondo gibt es mirtilli und caffè con una goccia di grappa. Draussen giesst es nun aus Kübeln. Aber als ich auf dem breiten, verbesserten Alpweg durch das Tälchen zog, war es wieder hell.

Noch halte ich mich bei meinen jungen und alten Freunden in Cabione auf, bin dann aber froh überrascht, als mir von Seccada Vittore Giottonini mit seinem Motorvelo extra nachkommt, um mich auf dem nun fahrbaren Strässchen nach Frasco zu bringen. So bin ich das erste Mal ein « pinionrider » geworden und als solcher, berucksackt und pickelbewehrt, in Frasco eingezogen.

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