Viertausender zum Jahresende

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Chlaus Lötscher, Littau

Bilder 101 bis 106 Wenn man an einem sonnigen Morgen aus den fmstern Stollen des Jungfraujochs auf den Aletschgletscher hinaustritt, so zwickt einen das gleissende Licht die Augen schmerzhaft zusammen. Ein lustvoller Schmerz! Stockender Atem. Faszination des Lichtes, des Schnees, der Landschaft, des scheinbar Unberührten, Ursprünglichen.

Der Wind der vergangenen Dezembertage hat den Jungfraufirn aufgerauht. Zerfurchter Schnee ist mit zahllosen Buckeln gesprenkelt, deren Kronen unter dem Druck des Skifahrers zusammenbrechen. An den Flanken der Jungfrau und des Mönch glitzert freigescheuertes Blankeis. Ohne viele Bogen drücken wir, Andreas vor mir, Adrian hinter mir, unsere Spur durch den gepressten Schnee zum Oberen Mönchjoch. Am viertletzten Tag des Jahres wird man zum alleinigen Besitzer der Berge. Da gibt es keine fremden Spuren oder Stimmen. Nicht einmal surrendes Wasser an den Bergflanken - oder gurgelndes in den Tiefen des Gletschereises. Kaltes Schweigen nur, eine ehrfurchtsvolle Ruhe.

Oben auf dem Joch ist der Schnee so « gerunzelt » wie überall auf dem Gletscher. Wir ziehen die Felle von den Ski. Langsam nur wechselt der Wind vom Ewigschneefeld herüber. So wenig Neuschnee liegt, dass auf der anderen Jochseite ein Schrund klafft. Die kurze Abfahrt ist ein vorsichtiges Zaudern durch Deckelschnee, gestossen von schweren Rucksäcken. Die Schussfahrt, die mich möglichst weit den Gegenhang zum untern Mönchjoch hinaufbringen sollte, verbremse ich aus Angst vor dem Verkanten - oder was darnach kommt.

Felle anlegen oder die Ski den Hang hinauf-buckeln? Drei Bergsteiger- drei Varianten. Doch den Schrund auf halber Höhe können wir ohne- 104 Abstieg vom Mönch. Fiescherhörner, Finsteraarhorn und Gross-Grünhorn in winterlichem Weiss 105 Abstieg vom Mönch über den scharfen Eisgrat 106 Hinter den Fiescher Gabelhörnern im Morgenrot braut sich ein Sturm zusammen Photüs Chlaus Lötscher, Littau hin nur mit Steigeisen überklettern, und die Rucksäcke sind so schwer, dass wir sie einzeln nach oben stemmen. Weiter oben stapfen wir den harten Firnhang zum Untern Mönchjoch hinauf, wo wir die Lasten in den Schnee werfen. Die Ski stecken wir bis zu den Bindungen ein. Wir seilen uns für den Abstieg zur Berglihütte an. Unsere Spur schlängelt sich um und über viele Spalten den steilen Hang hinab, den es morgen und übermorgen, wenn immer wir auf die Gipfel steigen werden, als erstes wieder hinaufzustapfen gilt. Die kleine Hütte sieht man erst, wenn man unmittelbar davor steht, so sehr liegt sie im Felssporn eingeschmiegt; dadurch ist sie aber auch gut geschützt vor Eisschlag und Lawinen, die sich zeitweise unbekümmert über dem Sporn austoben. Gleich neben der Hütte bricht der Gletscher über die Felsen ab und zeigt sein kaltes, grünes Inneres - zerstückelt, zerbrochen, trüb und bedrohlich. Immer wieder schrickt ein Grollen hervor, zerschlägt unverhofft die Stille. Das Ohr gewöhnt sich daran, nimmt es auf als Melodie der ungezähmten Natur, als Signal der Wildheit. Nachdem die Eisbrocken den Sturz langsam ausgerollt haben, fügen sie sich bald wieder ein in die Masse des Eismeeres, die wohl in breiten Spalten und zerzausten Türmen sich eigenwillig gebärdet, aber schliesslich, zwischen Eigerund Fieschergrat geklemmt, sich den aufgezwungenen Weg heraus-schleifen muss. Ist dieser Weg auch gewissermassen vorgezeichnet, so formt das Eis das unter seinem Wirken entstehende Tal doch nach seinem Vermögen, und was zurückbleibt, wenn es geschmolzen, ist sein Werk - ausgeformt und abgerundet, das Ergebnis unentwegten Hobeins und Kratzens an den einzigartigen Bollwerken, dem Eiger und dem Fieschergrat.

Wo früh schon die Schatten einfallen, härtet die Luft - es gelingt uns nicht, die Hütte aufzuwärmen. Zum Kochen, Essen und schliesslich auch zum Schlafen tragen wir warme Kleider, und obwohl in mehrere Decken gehüllt, verleben wir eine Nacht zwischen Schlaf und Traum... Ich sehe Alexander B. aus dem Eismeerstollen steigen... an der Spitze vieler Männer durch tiefen Schnee der Berglihütte entgegenspuren... sehe die Furcht vor der Lawine in seinem Gesicht, die ihn am Felssporn unter der sicheren Hütte überrollt...

Das Erwachen am Morgen kommt von selbst; schwieriger ist das Aufstehen, wenn der Körper sich so bleiern schwer, so ungelenk und unwillig gebärdet. Ein unangenehmes Frösteln macht sich breit, während einer versucht, im Holzofen Feuer zu schlagen, das über Nacht wieder zugefrorene Wasser aufzutauen, ehe man warmen Kaffe schlürfen kann. Wirklich erwärmt werden die Glieder ohnehin erst beim Marschieren, wenn man den steilen Pfad wieder hinaufstapft, am Rücken unterm Rucksack zu schwitzen beginnt, während die eiskalten Füsse allmählich zu leben beginnen. Vorher hat man sich vor der Hüttentüre schon angeseilt, mit schnatterndem Unterkiefer und noch klammen Fingern - dann die ersten grässlichen und doch so ersehnten Schritte...

Die Sonne fällt gelb übers Joch ein. Der Mönch strahlt, die bisher schwarze Südwand des Eigers nimmt Farbe und Konturen an. Übers Ewigschneefeld geistern die langen Schatten der Fiescherhörner. Die Ski stecken wir beim Joch ein, überschreiten steigeisenbewehrt den Grat zum Walcherhorn, weil an vielen Stellen blankes Eis liegt. Am Horn selbst müssen wir uns durch Couloirs, die tief mit Schnee gefüllt sind, hinaufkämp-fen, um oben auf saubergescheuertem, braunem Schutt sitzen zu können. Die Luft ist kühl, windstill und klar, der Himmel blau bis in die tiefste Ferne. Zwei Skifahrer gleiten vom Oberen Mönchjoch her das Ewigschneefeld hinab.

Gegen Süden fällt der Fieschergrat, wie diese Buckellinie vom Unteren Mönchjoch zum Gross Fiescherhorn ( 4048 m ) genannt wird, in äusserst jähen Hängen ab. Sie leiten über in horizontale Weite; es fehlt das Lotrechte, die Tiefe, wie sie andere Grate oft zu beiden Seiten begleiten. Gegen Norden allerdings, da gähnt die Senkrechte, die Gefahr; doch sieht man sich ihr erst gegen den Gipfel des Gross Fiescherhorns hin ausgesetzt.

Vorher neigt der Weg eher der Südseite entlang. Oben auf der Krete ist der Grat behäbig gewölbt, so dass der Fuss in sicherem Abstand aufsetzt und die Tiefe dem Auge entzogen ist.

Doch unmittelbar vor dem Hauptgipfel trotzt die Wildheit; sie versetzt den Bergsteiger unmittelbar in einen Kletterrausch. Hier ist der Grat scharf geschnitten und steil. Ein Felskopf zwingt uns schliesslich ganz auf die Nordseite, in hartes Eis hinaus. Da gähnt unter uns die Fiescherhorn-Nordwand, so steil, dass der Blick über einen Eisbuckel hinausschiesst, über die wilde Flanke hinweg, und erst tief unten in Grindelwald wieder « aufschlägt ». Es folgt ein flaches, mit pulverigem Schnee bedecktes Gratstück zwischen Abgründen - ein plötzlicher Wechsel vom verkrampften Spitzentanz in der Eiswand zum eleganten Tastschritt des Seilakrobaten, ehe man, über letztes Blockwerk stapfend, den Gipfel des Gross Fiescherhorns erreicht.

Ein Hauch von Reinheit und Sauberkeit liegt im Winter über der Gebirgslandschaft. Die Gletscher blitzen auf in reinem Weiss; die im Sommer darauf eingezeichneten braun-schmutzigen Ge-röll- und Schuttstrassen sind zugedeckt. Felsflanken, Steinhalden, Grate - alles ist makellos weiss. Eine unberührte Natur, befreit von Zerfallserscheinungen, von jeglichen Anzeichen der Vergänglichkeit. Und darin liegt für mich das grosse Erlebnis der winterlichen Landschaft: Ich fühle mich selbst für eine Weile von allen Konflikten erlöst oder ihnen jedenfalls entrückt, und das erweckt ein köstliches Gefühl der Freiheit. Man sitzt in der leichten Brise auf den obersten Felsbrocken eines Berges, fröstelt am schweissnassen Rücken, ist endlich dort, wohin man sich während Tagen am Arbeitsplatz, in der Stube drin gesehnt hat, reibt die von der Anstrengung noch harten Waden, streckt das ermüdete Kreuz, pumpt die Lungen voll Luft, weil man sich an diese Höhe noch nicht gewöhnt hat. Aber man ist da, wohin man wollte. Mich durchströmt auf den Gipfeln immer ein Gefühl tiefer Zufriedenheit, ja des wunschlosen Glücks. Ein Abstieg mit starker Gegensteigung gibt Gelegenheit, verschiedener Meinung über die Wahl der Route zu sein. Hier hinauf oder dort drum herum? Wir steigen schliesslich wieder zum Walcherhorn ( 3692 m ) auf, rutschen die schneegefüllten Couloirs hinunter, und auf und ab geht 's zurück zum Unteren Mönchjoch, das wir nach siebeneinhalb Stunden erreichen. Riche, den wir heute erwarten, kommt eben vom Ewigschneefeld heraufgestiegen.

Bald sind wir unten in der Berglihütte, in der Abgeschiedenheit der kalten Schatten. Wieder knistert das Feuer im Ofen, das zwar die Suppe, nicht aber den Raum zu erwärmen vermag. Dann folgt einmal mehr eine lange Nacht zwischen Halbschlaf und Traum... Poltern im Eisabbruch... Die vermeintlichen Stimmen und Gesichter, die aus dem Unterbewusstsein heraufgei-stern. Erwachen - Aufstehen - Kälte - Feuer im Ofen, rot und gelb - der erste Schluck Kaffee... Anseilen!

Obwohl wir auch diesmal ebensogut die Steigeisen hätten verwenden können, stapfen wir auf Ski den hart verfirnten Grat gegen den Mönch ( 4099 m ) hinauf. Ohne Harscheisen wäre es kaum möglich, den feinbuckeligen Firn zu meistern. Und sogar mit diesen Eisen bewehrt, gleiten wir wiederholt aus. Doch wie wir vom Grat nach Norden in den obersten Teil des Eismeeres hinabsteigen, spuren wir durch so viel Pulverschnee, wenn auch teilweise verblasenen, dass es nun ohne Ski andrerseits fast unmöglich wäre hochzukommen.

Am Fuss der eisigen Ostwand angelangt, begraben wir den Plan, diese zu durchsteigen. Sie glänzt und glitzert von blankem Eis, hart und grün, dass wir unter ihr zum Nordostgrat hinüberqueren.

Bergschrunde erinnern mich immer an grosse Mäuler, die alles, was in ihren Bereich gerät, unbarmherzig verschlucken und dem gewundenen Strom des Gletschers einverleiben. Riche, der ja auch Bergführer ist, überturnt als erster die Lippen des Schrundes und steigt ein Stück über die Wand hoch zum Grat oberhalb der ersten Felsen.

Die Wintersonne kreist nicht hoch genug, um die Schneide mit ihren Strahlen zu treffen; also klettern wir halt im Schatten. Was tut 's! Gar oft klemmen wir die Gratkante zwischen die Beine, mit dem einen Fuss in der Ost-, mit dem andern in der Nordwand stehend, fühlen die Tiefe hinter und neben uns, schieben uns höher zum Endpunkt dieser Diagonalen, wo wir unvermittelt wieder wie Könige über ihrem Reich thronen.

Man geniesst es abermals, auf der höchsten Kuppe eines Wunschberges zu sitzen, zu schauen in jede sich öffnende Ferne, auch wenn unablässiger Wind ein leises Frösteln durch unsere Glieder zittern lässt. Was sieht man dennBerge, Grate, Wände, Gletscher, vor allem aber Weite und jenes betörende Weiss. Ein Strahlen und Leuchten unberührten Schnees.

Abstieg! Es erheischt äusserste Konzentration, wenn der Weg so heikel zu begehen ist wie der Ostgrat des Mönch, und auch viel Zeit, wenn man vorsichtig Schritt um Schritt mit den Steigeisen setzen muss, um keinen Ausrutscher und nicht das kleinste Stolpern zu gewärtigen. Aber es ist ein köstliches Gehen, ein « Klettern mit kleinen Atemzügen », ein angespanntes Überlisten der verderblichen Tiefe. Um nicht zum Oberen Mönchjoch zu gelangen, folgen wir unten bei der Vergabelung des Grates der nördlichen Zinke. Riche und Andreas tasten sich zum Teil rückwärts die steile Flanke nach Norden hinab, um möglichst hoch am Berg zu den Ski, die am Fuss der Ostwand stehen, hinüberzuqueren. Mir gefällt dieses Gelände nicht, wo blankes Eis von losem Neuschnee überdeckt ist. Adrian steigt mit mir weiter den Grat hinab, und wir traversieren vorsichtig unterhalb des Schrundes. Zwar müssen wir dafür an der Gegenseite länger aufsteigen, doch ist diese Route sicherer und der Zeitverlust gar nicht so beträchtlich. Die beiden andern beeilen sich, wollen sie doch zum Jungfraujoch hinüber, um Heidi abzuholen, die sich für heute angemeldet hat.

So gleiten denn Adrian und ich allein den Aufstiegsgrat hinab, dem buckeligen Schnee die Stirn bietend. So elegante Schleifen, wie Adrian sie in den Schnee zeichnet, bleiben bei mir blosse Wunschgebilde. Ich stemme und drücke wie besessen, um nur nicht zu stürzen. Verliert das Kleinkind, das eben laufen gelernt hat, das Gleichgewicht, so lässt es sich einfach locker hinfallen. Der Erwachsene zaudert, wehrt sich, fällt doch, und zwar oft ungeschickt und verkrampft, wobei nicht selten ein Bein oder Arm dranglauben muss - und mit den Knochen auch das Selbstbewusstsein...

Die drei vom Jungfraujoch treffen erst in der Hütte ein, als sich die dunkeln Schleier der Nacht über die Berge gesenkt haben. Der Himmel aber zittert im Sternengefunkel. Im Gletscher knallt ein Eisblock. Der Wind schlägt ein Stück Holz an die Hütte. Irgendeiner wälzt sich stöhnend im Halbschlaf. Ach, dieses bleierne Daliegen! Dabei ist man todmüde... aber da und dort fahren zuckende Schmerzen durch den Leib. Dieses ewige Dösen und Drehen!

Es ist unsere letzte Nacht in der Berglihütte. Heidi, Riche und Adrian brechen früher auf, um den Trugberg ( 3933 m ) zu besteigen. Andreas und ich laden dafür unsere Rucksäcke etwas schwerer und schleppen sie tagsüber zum Jungfraujoch zurück. Der letzte Tag des Jahres - tiefster Winter im Hochgebirge! Und wir beide sitzen stundenlang im zerblasenen Schnee des Oberen Mönchjochs und sonnen unsere Gesichter. Kleinste Buckel im Schnee werfen lange Schatten, durch die vom Jungfraujoch her eben eine schwarze Gestalt die Ski vorwärts schiebt... links, rechts, links, rechts... Es ist Jürg, der diesen Jahreswechsel auch mit uns verbringen will. Da die andern drei jetzt wahrscheinlich auf dem Gipfel des Trugbergs sind, den sie über eine ausgeprägte Rippe von zarter Eleganz durch seine Nordostflanke erreicht haben, wendet sich Jürg, um gleich sein bergsteigerisches Bedürfnis zu befriedigen, direkt dem Grat zu, der sich vom Joch her zum Trugberg hochschwingt. Er gewinnt zwar schnell an Höhe, doch erreicht er den Gipfel nicht, da sich vom Ewigschneefeld her die drei an- dem bereits nähern und er mit uns zusammen zum Jungfraujoch zurück muss, wo wir neben Nahrungsmitteln auch die Zelte verwahrt haben.

Vor dem Stollenjoch beladen wir die Rucksäcke noch schwerer. Die Fahrt den Jungfraufirn hinab ist wie ein Eintauchen in urweltliche Gefilde, ein müheloses Gleiten auf einer Himmelsstrasse, wo sich alles Belastende, Bedrückende verflüchtigt. Man wähnt sich frei, während der Wind um die Ohren pfeift, der Schnee stiebt, bis man sich schliesslich völlig eins fühlt mit der Landschaft.

Wir fahren heute bis zu dem Punkt am Fuss des Rottalhorns, von dem aus man die Jungfrau mit Ski besteigen kann. Dort schaufeln wir Mulden aus und stellen die Zelte hinein. Im grössten der drei kleinen Zelte, bei Jürg und Andreas, kauern wir uns zusammen, um zu kochen und zu essen, das Ende des Jahres zu feiern und das neue zu begrüssen. Jürg kocht, Andreas ist sein Gehilfe. Wir andern hocken auf Schuhen und Rucksäcken, drücken ungewollt, aber zwangsläufig einander das Blut in den Beinen ab. Wir essen viel und gut heute, wenn auch in äusserst unbequemer Position oder Lage. Nur der Wein ist viel zu kalt. Da wärmt der Schnaps bedeutend besser. Lange vor Mitternacht liegt jeder wieder in seinem Zelt und friert heimlich ins neue Jahr hinein. Die ersten Stunden verdöse ich in lockerer Tiefe, lausche dem immer mehr anschwellenden Wind, der über den Gletscher streicht.

Beim Aufstehen sehen wir uns unvermittelt der ganzen Härte des Hochgebirgswinters ausgesetzt. Ein Sturm zieht am rötlichgelben Morgenhimmel auf. Hinter den Fiescher Gabelhörnern liegt seine Feuerstelle. Dort braut er das Unwetter zusammen, und der Schein des Feuers scheint sich in den zerzausten Wolken zu spiegeln. Im roten Licht wirbeln die zerfetzten Wolken einen verrückten Tanz. Nach und nach schwillt der Singsang des Windes an, und auf einmal beginnt dieser wütend an uns zu zerren, versucht uns die Zelttücher aus den Händen zu reissen, rächt seine Erfolglosigkeit mit aufgewirbeltem Schnee, den er uns zornig ins Gesicht schleudert. Schliesslich erlischt das Feuer im Osten, grauweisse Nebelhül-len drücken sich über uns, und wirbelnde Schneeflocken verschleiern schliesslich alles.

Wir fliehen! Gebückt stemmen wir uns dem Wütenden entgegen, mühen uns zu den Stollen des Jungfraujochs hinauf. Bis in die dunkle Höhle vermag die Macht des Sturmes wenigstens nicht einzudringen. Doch draussen ist die Welt den freien Kräften der ungebärdigen Luftmassen preisgegeben, da kämpfen die Elememte frei und stark. Der Mensch zieht sich zurück, fährt hinab ins Tal — bis das unbarmherzige Toben der Naturgewalten nachlässt, wenigstens. Hier aber begegnen wir jener anders verstandenen Freiheit, die mit Baumaschinen das ursprüngliche Landschaftsbild verändert, zum scheinbar grösseren Vergnügen der Menschenmassen Skipisten baut. Alfred Andersch spricht mir aus dem Herzen, wenn er sagt ( in « Hohe Breitengrade » ): «... Freiheit wäre da, wo wir an einer Grenze sagten: es ist genug. Es reicht uns... Wie sieht es aus an einem Ort, von dem sich der Mensch wieder zurückgezogen hat? Friedlich und schön. » Der Wind hat unsere Spur auf dem Jungfraufirn längst wieder verweht. Neuschnee hat die von uns ausgehobenen Höhlen aufgefüllt. Am Mönch, am Fieschergrat und am Fiescherhorn gibt es keine Zeugen unserer winterlichen Bergfahrt mehr. Wer immer nach uns kommen wird, kann neu beginnen; er wird selbst eine Spur anlegen müssen zur Berglihütte, und auch seine Fährte wird wieder zugedeckt oder verweht, denn hier oben regieren Schnee und Wind und Kälte zur Jahreswende.

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