Vom Engadin nach Engelberg

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Eine Ferienwanderung mit Kindern

Fritz £ahnd, Samedan

Von Montag, dem 26.Juli, bis Mittwoch, dem 4. August, unternahmen wir - das sind der Chronist, der 36jährige Onkel, die um ein halbes Jahr jüngere Tante und unsere drei Nichten und Neffen aus zwei verschiedenen Familien: Peter ( i3 jährig ), Barbara ( 12V2 jährig ) und Rolf ( i i jährig ) -eine i otägige Ferienwanderung, die uns, teils der Luftlinie folgend, teils auf Umwegen, aus dem Engadin nach Engelberg führte. Diese Wanderung, sorgfältig geplant bis in Einzelheiten und doch Unvorhergesehenem Raum lassend und uns hie und da zu Improvisationen zwingend, hinterliess sowohl bei den uns begleitenden Kindern als auch bei uns Erwachsenen unvergessliche und unvergleichliche Eindrücke. Dankbar durften wir am Schluss feststellen, dass die frohe und zufriedene « Ferienstimmung » in keinem einzigen Moment gefährdet war, dass ausser zwei erwanderten Blasen keinerlei « Bobos » zu pflegen waren. Zu unserem einzigartigen Erlebnis hat sicher das gute Wetter wesentlich beigetragen. Wohl erlebten wir zwei Gewitter, konnten uns jedoch beide Male rechtzeitig ins Trockene flüchten; lediglich am letzten Tag war der Nebel ein anhänglicher Begleiter, wobei dann auf der Bahnfahrt nach Luzern bereits wieder die Sonne durchbrach.

Immer wieder, wenn wir unterwegs mit andern Menschen ins Gespräch kamen, zeigte man sich erstaunt über das Leistungsvermögen der Kinder und über unseren Mut, eine solche Wanderung mit Kindern, die nicht unsere eigenen sind, zu unternehmen. Niemals haben wir aber die jungen zu Leistungen zwingen oder überreden müssen; im Gegenteil, sie mussten oft gezügelt werden. Für uns war es ein grosses Erlebnis, feststellen zu können, dass im heutigen Zeitalter, wo Autos und Bergbahnen Triumphe feiern, Kinder so gerne wandern. Zwei von ihnen waren von Haus aus an Wanderungen gewöhnt; der älteste Bub aber war bis dahin körperlichen Leistungen nicht unbedingt zugetan gewesen. Er wollte sich aber keine Blösse geben und liess sich tatsächlich auch stets vom Schwung der andern anstecken, so dass sich auch mit ihm keinerlei Probleme ergaben. Alle drei Kinder hatten vorgängig bereits zwei bis drei Wochen Ferien bei uns im Engadin verbracht und sich auf Wanderungen und leichten Bergtouren akklimatisieren und eintrainieren können. Wir wollten keine Rekorde brechen und unternahmen die Wanderungen nicht, um nachher mit den Leistungen aufzuschneiden, auch wenn die Kinder mit Recht stolz darauf sein können. Als ich, wieder daheim, unsere Route auf den Karten nochmals rekonstruierte und Zahlen auszurechnen begann, war ich selbst erstaunt: insgesamt hatten wir rund 150 Kilometer ( die vielen Wegbiegungen in steilem Gelände nicht mitgerechnet ) zu Fuss zurückgelegt und dabei rund 8150 Höhenmeter im Aufstieg und rund 8700 im Abstieg überwunden. Die durchschnittliche tägliche Marschleistung betrug fünfeinhalb Stunden ( ohne Rastzeiten ), die kürzeste drei und die längste ungefähr sieben Stunden. In der Regel wechselten kürzere und längere Tagesetappen miteinander ab. Immer achteten wir darauf, dass genügend lange, wirklich erholsame Ruhepausen von mindestens einer Stunde eingeschaltet wur- den, wobei wir in der Regel auch warme Getränke zubereiteten ( Bouillon, Tee ). Grosse Aufmerksamkeit schenkten wir nebst der Verpflegung der Körperpflege und Hygiene. Jedes der Kinder hatte in einem eigenen Rucksack seine Toilettensachen, Reservewäsche, Pullover und Regenschutz mitzutragen, nebst andern kleinen Utensilien. Von sich aus und ohne dass wir sie dazu anhalten mussten, führten sie während der ganzen Wanderung Tagebuch. Wir kamen einander in dieser Zeit, da wir Freuden und Mühen miteinander teilten und aufeinander angewiesen waren, näher. Immer wieder bot sich Gelegenheit, in ungezwungenem Gespräch auf allen möglichen Gebieten Anschauungsunterricht zu erteilen. Die Kinder fragten viel, und wir konnten mit ihnen über Geographie, Geschichte, Naturkunde, Technik ( Kraftwerke ), über Sagen und andere überlieferte Geschichten diskutieren. Immer wieder erstaunte uns ihr offener Blick und ihr wacher Sinn, z.B. auch für Fragen des Natur-und Umweltschutzes. Abgesehen von Rindvieh und Ziegen auf den Alpen, sahen wir, die wir vom Engadin her diesbezüglich verwöhnt sind, kaum Tiere - bloss am letzten Tag buchstäblich Hunderte von Salamandern! Dafür erlebten wir in den verschiedenen Gegenden, die wir durchstreiften, eine Blumenpracht sondergleichen, mit etlichen Raritäten. Erstaunt stellten wir fest, dass verschiedene der von uns begangenen Routen kaum mehr besucht werden. Auf den Landeskarten eingezeichnete Wege fanden wir verfallen, seinerzeit angebrachte farbige Markierungen verblasst. Es gab denn auch Tage, an denen wir, ausser vielleicht einem Alphirten, keiner Menschenseele begegneten. Befanden wir uns aber in der Nähe bekannterer Ortschaften, von Strassen oder Bahnen, so nahm sofort die Zahl der Wanderlustigen zu. Überall, wo wir mit Einheimischen in Kontakt kamen, wo wir Unterkunft suchten oder einkauften usw., wurden wir äusserst freundlich und zuvorkommend behandelt.

« Was wir in die Berge hinauftragen, geben sie uns tausendfältig wieder », sagte einmal ein be- rühmter Alpinist. Wir können am Schluss unserer Wanderung diese Worte nur unterstreichen. Bei allen Beteiligten kam spontan der Wunsch auf, ein anderes Jahr wieder einen Teil unserer schönen Heimat auf diese Art und Weise kennenzulernen.

Anschliessend soll nun eine kurze Routenbeschreibung folgen:

Am ersten Tag wanderten wir von St. Moritz aus den Seen entlang nach Sils und zur Halbinsel Chaste. Mittels Motorboot ( Kursschiff ) liessen wir uns nach Plaun da Lej übersetzen, von wo wir hinaufwanderten nach Grevasalvas und weiter nach Blaunca. In diesem Sommerdörfchen fanden wir Unterkunft in einem Heuschober. Diese Nacht ist wohl in der Erinnerung der Kinder die schönste geblieben! Anderntags folgten wir einem wenig begangenen Weg zuerst steil bergan und dann, südwestlich hinüberquerend, zum Lägh da Lunghin. Auf dem bekannten Wander-Bergweg überschritten wir den Lunghinpass und anschliessend die Forcellina, um im Laufe des Nachmittags das höchste Schweizer Dorf — Juf —zu erreichen. Dort fanden wir Unterkunft in der Jugendherberge. Am dritten Tag vertrauten wir uns der PTT an und fuhren, um nicht mit einem Marsch auf der Asphaltstrasse eine Verleider-stimmung heraufzubeschwören, nach Andeer und am Nachmittag weiter nach Sufers. Das Ziel dieses Tages war die Cufercalhütte SAC, welche wir in etwa drei Stunden erreichten. Am folgenden Morgen änderten wir die Route des Nebels und nassen Bodens wegen und stiegen wieder nach Sufers ab, um den nicht ganz leichten Übergang in Safiental ( und weiter ins Valser Tal ) zu meiden. Von Sufers bis Hinterrhein kam wiederum das Postauto zu Ehren, dann wurde aber, als ziemlich nahrhafte Etappe, der Valser Berg überschritten. In Vals fanden wir in einem Gasthaus eine überaus zufriedenstellende Unterkunft. Wie herrlich, sich wieder einmal warm waschen, in einem Bett schlafen und « nobel » tafeln zu können! Am fünften Tag fuhren wir am Morgen früh mit dem ersten Postautokurs ein Stück weit talaus nach Uors. Zu Fuss wurden Valser Rhein und Glenner auf halbzerfallenen Brücken überschritten und über eine steile, zum Teil von Gestrüpp überwucherte Halde das Dörflein Igels erreicht. Gemütlich gings weiter nach Vigens, wo wir für die letzten zehn Kilometer nach Vrin zuhinterst im Lugnez wieder das Postauto bestiegen. Von Vrin aus überschritten wir den Pass Diesrut und gelangten nach einem steilen Abstieg und einigem Auf und Ab in die an einem einzigartigen Flecklein Erde gelegene Piz-Terri-Hütte SAC. Am sechsten Morgen ( Samstag ) brachen wir wiederum zeitig auf und überschritten den Greinapass und damit - für die Kinder ein besonderes Erlebnis - die Kantonsgrenze. Die Hitze während des Marsches nach Campo Blenio setzte allen arg zu, so dass wir froh waren, wieder in ein Auto steigen zu können, um nach Olivone zu kutschieren. Nach kurzem Aufenthalt ging 's gleich weiter per Postauto bis auf die Lukmanierpass-höhe, wo wir in einem tollen Matratzenlager des Hotels eine fast feudale Unterkunft fanden - und abends mundete uns ein ebenso feudales Essen. Der Sonntag war für uns alles andere als ein Ruhetag; vielmehr galt es eine der längsten Etappen zu bewältigen: Vom Lukmanier wanderten wir ins Val Cadlimo hinein, folgten diesem zur Cadlimohütte ( Mittagsrast ) und stiegen auf den höchsten Punkt der Wanderung, den Grat beim Piz Borel ( etwa 2900 m ). Ein Schneefeld verkürzte den Abstieg auf der andern Seite erheblich, und die Maighelshütte SAC war bald erreicht. Mit dem Montag brach bereits der achte Tag an. Unser Weg führte zuerst zur Oberalp-Passhöhe - wo wiederum eine Kantonsgrenze überschritten wurde - und weiter über die Fellilücke ins Fellital. Im unteren Teil dieses Tales übernachteten wir in der Treschhütte SAC. Am Dienstagmorgen wanderten wir talwärts nach Gurtnellen, bestiegen dort den Zug, um nach Erstfeld zu fahren. Nach einer ausgiebigen Mittagspause stiegen wir steil hinan zu den Wald-nachter Bergen und in die Gegend des Brüsti, wo wir nach langem Suchen schliesslich in einem Ski- haus Unterkunft fanden. Das Suchen hatte sich aber gelohnt, waren wir doch bestens aufgehoben beim über siebzigjährigen Hüttenwart-Ehepaar! Wie erwähnt, blieb am letzten Tag der Nebel unser ständiger Begleiter. Doch da der Weg über den Surenenpass gut markiert ist, brachte auch diese Abschlussetappe keine Probleme und bestand kein Risiko. Am zehnten Tag, um 2 Uhr nachmittags, trafen wir zufrieden und wohlbehalten am Bahnhof Engelberg ein.

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