Vom Götterthron zum Turngerät

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Quo vadis, homo alpinus?

Conradin Steiner, Luzern

« Idealismus ist die Lehre vom Primat des Geistes! » ( Sokrates ) Wer sich mit Phänomen und Problematik der gegenwärtigen Entwicklung im Alpinismus beschäftigt, wird von einer Standort- und Begriffs-bestimmung auszugehen haben. In den Oberbegriff « Alpinismus » seien zunächst drei Spielarten einbezogen:

- das vielfältige Spektrum des herkömmlichen Bergsteigertums, das in mehr oder minder anspruchsvollem Zu-Berg-Gehen und Klettern die Erfüllung des gesunden Bewegungstriebes und eines körperlichen Leistungsbeweises erblickt, im Idealfall sublimiert durch seelisch-geistige Impulse ( letzteres auch etwa als « Alpenträumerei » belächeltder Tourismus als Schwungrad der technischen Erschliessung der Berggegendendas artistisch-technische Leistungsbergsteigen, der Klettersport, wo das Objekt, die « Schlüsselstelle », im Vordergrund steht.

Der Problemkreis schliesst in sich zwar ein Dilemma, dessen wir uns - zum Leidwesen -sehr wohl bewusst sind: Es muss zwangsläufig zu einem « Gedränge » kommen, wenn der wanderfreudige Städter dem erneut an ihn gerichteten Weckruf « Zurück zur Natur! » Folge leistet und der entstehende Zustrom notgedrungen kanalisiert, anderseits aber der geeignete « Hort der Stille » immer spärlicher wird.

Die vorangestellte, vom altgriechischen Weisen stammende Definition für eine bestimmte erhabene Lebensauffassung dürfte einstweilen — wie wir gerne annehmen möchten — noch für die Mehrheit dem Bergsteigen verbundener Menschen zutreffen, wenigstens solange es darum geht, den Ursprung dieser Impulse und das Motiv ihres Tuns zu ergründen — ein Idea- lismus also, der das innere Erlebnis über das äussere Ereignis stellt. Diese geistige Zielsetzung kann nicht hoch genug geschraubt sein, kann nicht zäh genug verteidigt werden gegen jede Abwertungstendenz, gegen den Krämergeist der Zweckmässigkeit und gegen die Profanierung durch extravertierte Kletterakrobatik. Es sind jene Ideale, die auch der Schweizer Alpen-Club seit der Gründung seinen Satzungen vorangestellt hat und die er hochhält. Zum Glück möchten wir sagen, ist dem heute noch so, trotz der immer fragwürdiger werdenden Entwicklung des menschlichen Verhaltens und trotz bedenklicher Anzeichen geistiger Verflachung, menschlicher Klumpenbildung und eines Modernismus um jeden Preis. Ein Anflug gedämpften Zukunftsglaubens lässt mich aber trotzdem die Feder ergreifen zum Thema:

Alpinismus — gestern, heute und morgen Ein handfester Beweis für das Überwiegen des Ideellen über das rein Sportliche dürfte vorab darin erblickt werden, dass wohl keine andere Leibesübung — wenn wir die körperliche Bewegung allein für einen Vergleich mit andern Sportarten als bedeutsam ansehen wollen — eine derart umfangreiche, mannigfaltige und zumeist auf hohem Niveau stehende Literatur hervorgebracht hat - in Poesie und Prosa - wie der Alpinismus. Diese Leistung allein hebt ihn schon über eine blosse Spielart von Körperkultur hinaus und prägt ihm den Stempel einer kulturgeschichtlichen Erscheinung auf.

Wenn wir nachstehend den Werdegang des alpinen Denkens und Verhaltens, wie er mit Fragezeichen im Untertitel angedeutet ist und wie er im Lichte der Gegenwart überblickt werden kann, betrachten, wenn wir also auf das Gestern zurückgreifen und das Heute deuten wollen, setzen wir uns bewusst der Kritik durch die Propagandisten des « Morgen » aus, jener Opposition, welcher Gedanken über die Vergangenheit zum vornherein zu pathetisch, zu überschwenglich sind, ja überlebt und dem ewiggestrigen « Establishment » verhaftet gelten. Ja, auch wir bekennen uns zu einem schöpferischen Zukunftsglauben, der « Berge versetzt » und, zielbewusst vorausplanend, Menschen auf den Mond fliegen lässt, aber wir kennen auch einen unkritischen, unbekümmerten und blinden Fortschrittsglauben, der zunächst alle Fundamente der Vergangenheit in Frage stellt und alsdann glaubt, mit der technischen Umkrem-pelung von Gottes freier Natur zu einem erschlossenen Schlaraffenland das Endziel menschlichen Wohlbehagens zu erreichen, ein Streben, das, wohlgetarnt, Geltungsdrang, Egoismus und Spekulation verbirgt. Seit je aber war es Vorrecht dekadenter Völker, das Erbe der Altvordern zu verleugnen, dafür das Vergnügen und die Genussucht, « panem et circen-ses », Geschäft und Lustbarkeit, ineinander zu verweben und bis zum Exzess zu steigern.

Götter — Berge - Natur — Mensch « Das Unbcsteigbare, Unerreichbare hat einst die Berge zu Götterwohnun-gen gemacht. » ( F. C. Endres ) Vor Beginn der geschriebenen Geschichte, bevor Äonen das Wissen um unsere Herkunft verschüttet haben, war der Berg für den Menschen Gott und Dämon zugleich, Quelle der heiligen Ströme, Ursprung der Fruchtbarkeit und des Unheils in einem. Für jene längst versunkenen, naturgebundenen Bauernkulturen war der Acker ein Mysterium, die Erde ein Altar, die Berge aber waren die Throne der Götter, denen sie hörig waren und denen sie opferten.

Ursprünglich war der Mensch also ein Teil der Natur, in diese integriert, wie man heute sagen würde. Die Abspaltung von diesem Urgrund des Lebens und damit die Geburt der Eigenständigkeit, der Eigenprägung fiel zusammen mit der ersten Offenbarung des Erfinder- geistes, mit der Entdeckung des Feuermachens. Seit jener Loslösung vom Mutterschoss der Natur wohnen die bekannten « ach, zwei Seelen » in unserer Brust. Anfänglich konnte diese als tragisch empfundene Zerrissenheit noch beschwichtigt werden durch kultische Tänze und Ritualzaubereien, Leibesübungen, die erstmals über das rein Lebenserhaltende hinausgingen. Die dann schon recht irdisch denkenden, in Stadtkulturen lebenden Griechen und Römer bedrückte die Entwurzelung nicht mehr: Durch Pflege der Wissenschaften und Künste einerseits, der Leibesübungen zum Kräftemessen anderseits wurde die Sehnsucht nach dem Urgrund im Gleichgewicht gehalten. Mit der Kör-perbetätigung als Selbstzweck, losgelöst von den Motiven der Verteidigung, des Lebensunterhalts oder des religiösen Zeremoniells, schlug die Geburtsstunde des Sportes.

Es waren dann die grossen Naturgelehrten des 18. und 19. Jahrhunderts, welche mit ihrem Schrifttum und flammenden Aufrufen den Menschen, vorzugsweise den in den Städten eingepferchten, wieder zum ihm entfremdeten Naturgeschehen führten, erstmals auch versuchten, ihm die einst so gefürchtete Bergnatur vertraut zu machen. Mit der Erstbesteigung des Mont Blanc durch den Arzt Dr. Paccard und den Gemsjäger Balmat im Jahre 1786 schlug dann die Sternstunde des Alpinismus.

Von Segen und Unsegen Pater Placidus a Spescha, der Altmeister der Schweizer Bergsteiger, bekannte vor 150 Jahren in seinen Erinnerungen « Vom Segen der Berge »:

« Ich setzte alle Bequemlichkeit und den Überfluss dieser Erde hinter meine Bergreisen, ging hin zur Einfachheit der Natur! » Sinngemäss möchten wir heute, in Würdigung der in der Zwischenzeit eingetretenen Entwicklung der Dinge, ein bekanntes Bibel-wort abwandeln zu folgender gegensätzlicher Sentenz:

« Der Berge Segen baut dem Menschen Tempel auf, aber der Städte Fluch reisset sie nieder! » Die Krankheiten unserer Epoche bestehen ja in der Entwurzelung, in der Langeweile, im Verschwinden des einzelnen im menschlichen Sandhaufen, in der Gleichmacherei. Unsere Naturentfremdung hat wiederum, wie im niedergehenden Rom und zu Rousseaus Zeiten, verhängnisvolle Formen angenommen. Zugegeben, die Zukunft der Menschheit liegt nicht im Weltraum und nicht irgendwo im Hochland der Berge, sondern in den Wirkstätten des tätigen Geistes, welche heute in den Stadtregionen konzentriert sind und dort Nährböden intensivster kultureller und zivilisatorischer Leistungen bilden. Leider wuchert aber dicht daneben, im steingewordenen Dickicht dieser Städte, auch die Versuchung in mancherlei Formen, die Verweichlichung und das Laster.

Die Aufgabe der Gegenwart besteht - jedenfalls in unserem Kulturkreis - darin, die Menschen wieder ins Naturgeschehen, zum einfachen Leben zurückzuführen. Die Natur des Menschen wird sich nie zufriedengeben, eingemauert in den sich immer höher auftürmenden Steingebirgen der Städte. Der Mensch ist - ob er es wahrhaben will oder nicht - in seinem Wurzelwerk ein Stück Natur geblieben und empfindet, sobald er vom « Kampf ums Dasein » entbunden ist und über seine Freizeit und Feierstunden verfügen kann, instinktiv ein Sehnen nach dem Urquell des Lebens. Er will deshalb dort, wo er sich erholt und ausruht, nicht vorab geniessen, sondern neue Kräfte schöpfen, sich selbst bewegen, statt bloss bewegt werden, in einer unverdorbenen Natur. Das heisst: auf urwüchsigen Zinnen, unter leuchtenden Firnen, an klaren ruhenden oder rauschenden Wassern, umgeben von dunklen Wäldern und grünen Auen, in reiner Luft, in Ruhe und Abgeschiedenheit von technischem Lärm. Wir müssen leider gestehen, dass schon viel gesündigt wurde an Körper und Geist dieser Berglandschaft; hässliche Wunden bezeugen es. In diesem Sinne aber ist der Alpinismus seit seiner Entstehung eine Schutzbewegung der städtischen Kulturwelt gegen ihre eigene Entartung.

Es lassen sich deshalb in der Zielsetzung so gegensätzliche Dinge wie die Ideale des Bergsteigertums einerseits und der machtvoll geförderte Ausbau des Tourismus anderseits niemals unter einen Hut bringen:

- erstere erstreben die Erhaltung einer « natürlichen » Bergwelt für den Städter, der den lärmenden Steinwüsten und rauchenden Ebenen in einer Art von Weekend- und Ferien-Exodus entflieht,der letztere fördert im Gegenteil mit Nachdruck die Anpassung « unterentwickelter » Berggebiete an die technischen Raffinements städtischer Wohn- und Verkehrsgewohnhei-ten, ausgerechnet den Komfort also, auf den der Städter hier gerade verzichten möchte. Solche Überlegungen sind auch gültig für die Ausstattung unserer alpinen Unterkünfte.

Alpinistisches Gladiatorentum « Der Mensch tut eben nicht, was ,vernünftig'ist, sondern das, wozu ihn ein .dunkler Drang ', seine Lust am grossen Abenteuer sein Geltungsbedürfnis seine Aggressivität treiben. » ( R. Eibel ) Um nicht ausschliesslich mit abstrakten Waffen zu fechten, seien zu diesem Kapitel vorerst konkrete Beispiele aus jüngster Zeit stichwortartig aufgezeigt, die über das Tagesgeschehen hinaus sinnbildlich für unsere Gegenwart sind und prognostisch sein dürften für die künftig zu erwartende weitere Entwicklung:

- Der 8jährige Roy Clarkson, der von seinem vom Wahn besessenen Vater, dem Sohn Weltruhm als jüngstem Bezwinger zu verschaffen, auf dem Altar des Matterhorns geopfert wurde.

- Der 2 i jährige Bergführer, der nach Erhalt des Patentes mit seinem Gefährten, beide noch Mitglieder der Jugend-Organisation des SAC, als erstes die Matterhorn-Nordwand angeht, wo beide den Bergtod finden.

- Japanische Alpinisten, die mit einem noch nie gesehenen Aufwand an Material, mit eiserner Kondition und mit säkularem Wetterglück in 32 Tagen den Eiger über die neue Direttissima « besiegen ». In der nämlichen Zeitspanne besteigen etwa 50 Seilschaften auf der etliche Meter daneben verlaufenden « alten » Nordwandroute in aller Stille die Wand, darunter eine Partie ohne Biwak und in einem Zuge.

Mit Guido Rey, dem Pionier der Extrem-Alpinisten und Bergphilosophen, möchte man sagen: « Erlaubt ist, was gelingt! » - Es sind weitere, eher komische Vorkommnisse anzuführen, welche bezeichnend sind für das « neue Lebensgefühl » im Klettersport und für den Weg, den dieser, seinen eigenen Gesetzen folgend, zu gehen scheint:

- Ein Warenhaus in Tokio hat an einer Fabrik-fassade einen Klettergarten eingerichtet, wo man künstliche « Mummery-Risse » und vorfabrizierte « Mosley-Platten » bewältigen kann, hoch über den Köpfen der gaffenden Zuschauermenge.

- An der Grossen Zinne wurde bei einem Direttissima-Unternehmen die Verpflegung, Suppe und heisse Würstchen, täglich direkt aus der Pfanne zu den an Haken und in Strickleitern hängenden Kletterern aufgehisst.

- Alle hochkotierten Kletterrouten erfahren heute eine erste Winterbesteigung, einen erstmaligen Alleingang, gesondert nach Männlein und Weiblein aufgezeichnet; alle diese « Kämpfe » werden in der Boulevardpresse registriert, die immer « auch dabei » ist.

Es ist eine leide Tatsache, dass die aufgebauschte Publizität eine Hauptschuld trägt an den Auswüchsen des Klettersportes. Man muss diese Bücher und Berichte lesen, die knapp nach dem Lösen der Seilknoten in die breite Öffentlichkeit gelangen: « Das Duell mit dem Tod » und « Der Tod klettert mit»Wahrlich, für die Presse ist der hohe Blutzoll der Berge lohnender Profit. Das grösste Missgeschick, das dieser Sensationskletterei widerfahren kann, ist, wenn einmal kein Malheur passiert, wenn alles plangemäss abläuft und damit die erhoffte Hel-den-Story, die sich nachher so gut verkaufen liesse, dahinfällt. Anderseits werden unsere Bergführer zu Leichenträgern degradiert und überdies als geldgierige Hyänen blossgestellt, weil sie die Verantwortung für ihre eigenen Familien vor die Leichenbergung abgestürzter Selbstmord-Kandidaten stellen.

Für den Extrem-Kletterer zählt leider oft nur die Renommier-Eskalade, die Wand, zwischen Einstieg und « Ausstiegsrissen »; das Betreten des Gipfels - ehedem die Krönung der Bergfahrt mit befreiender Schau in die Weite - dient dabei nur noch der Zeitmessung. Jedes Vorhaben wird unbedingt auf Anhieb durchgesetzt, unabhängig von den wechselnden Verhältnissen, denn das eiserne Muss des Prestiges sitzt im Nacken. Von einem Verzicht oder einem Wartenkönnen auf eine spätere Gelegenheit ist dann gar nicht mehr die Rede.

Diese Ausführungen dürften klargemacht haben, was wir unter alpinen Gladiatoren verstehen, nämlich Leute, die mit ihrer wirklich virtuosen Kletterkunstin der Arena der Öffentlichkeit und der käuflichen Sensation auftreten,im Solde von schlagzeilensuchenden Reportern und Bestseller-Managern stehen undselbstgefällig sich im Guckkasten der eigenen Eitelkeit und des Geltungsdranges sowie in der Börsennotiz für Elitekletterer sehen möchten.

Zweifel sind angebracht, ob diesem verwegenen Treiben mit Vernunftsgründen noch beizukommen sei. Vielmehr dürften die Worte Novalis'« Alle Schranken sind bloss des Über- steigens wegen da! » zutreffen. Trotzdem möchten wir dieses Kapitel nicht schliessen, ohne den schlichten Hinweis auf die jedem Menschen von der Schöpfung auferlegte Verantwortung, sowohl sich selbst wie auch gegenüber seinen Mitmenschen ( Begleitern, Angehörigen und Rettungsmannschaften ).

Flurbereinigung - einst und jetzt « Der Alpinismus hat seinen Stil wie die Architektur, die Dichtkunst, die Malerei und die Musik. » ( G. Rey ) Obschon das künstlerische Schaffen weltweit immer mehr den modernen Gesetzen der Quantität und des Tempos unterworfen ist und die zeitlose künstlerische Qualität zusehends sinkt, verlangen die modernen Avantgardisten herausfordernd wenn nicht Verständnis, so doch Toleranz von der Gegenseite. Hier aber stehen noch recht viele und fordern Gegenrecht, Kreise, die den Mut haben, als Bremskräfte zu wirken und gerade zum exzentrischen Neuen nein zu sagen im Namen des Zeitlosen, Bewährten, Echten und Wahren.

Auch beim Alpinismus ist nicht anzunehmen, dass die Antipoden je auf einen Nenner gelangen. Es schiene deshalb vernünftiger, einer klaren Sonderung das Wort zu reden, einer « Scheidung » wie schon vor einem halben Jahrhundert. Wer weiss nicht mehr um jene heissen Kämpfe nach dem Aufkommen des Skisportes, als sich der Skilauf vom Bergsteigen trennte? Heute zeigt sich, dass diese Lösung — in doppeltem Sinne — glücklich war. Der Skisport hat sich organisiert, wurde zum Geschäft, ja zur Industrie und zum Zugpferd für den geistlosen Pistenrummel. Die « langweiligen » Aufstiege werden nicht mehr mit eigener Kraft zurückgelegt, sondern womöglich mit Lufttaxi überbrückt.

Eine Wiederholung dieses Vorganges drängt sich auch für den reinen Klettersport auf. Die extremen « Ultras », welche für die naiven Idea- listen nichts als Hohn und Spott übrig haben und für die alten Bräuche nur Verachtung finden, mögen sich vom Mutterschoss des traditionellen Alpinismus befreien, mögen fürbass schreiten « auf der eignen Spur » und in der ihnen angemessen scheinenden « Konfession » leben. Es dürfte über kurz oder lang auch hier ein Show-Business daraus werden, An- und Abreise der « Schauspieler » mit Helikopter. Wir « Alpen-träumer » wollen diese Emanzipation nicht hindern und nicht bedauern, wollen nicht einmal den Stab brechen über die Jünger solcher Romantik der « Überhänge », denn auch hier werden die Bäume nicht in den Himmel wachsen.

Weg des Bergsteigertums « Das Verhältnis des Menschen zum Berg soll von Freundschaft getragen sein. Freunde erwirbt man nicht, indem man sie besiegt, sondern indem man sie liebt. » ( G. Grosjean ) Als Antwort auf die im Untertitel am Anfang gestellte Frage über das « Wohin? » habe ich versucht, das zwiespältige Fresko vorzuführen, das uns Menschen aus der Berglandschaft entgegenschaut, halb beglückende Schau, halb beklemmender Alptraum.

Jedesmal, wenn im werdenden Tag die Sonne die ersten Morgenlichter am nahen Gipfelkranz anzündet, empfinden wir aufs neue, was Schönheit, Würde, Harmonie und Poesie dem empfänglichen Gemüt bedeuten. Doch das Erleben und Erkennen der Schöpfung spielt sich in der Tiefe ab. Weil das Ziel einer Liebe, nämlich die völlige Verschmelzung mit Urmutter Natur, zutiefst immer unerreichbar ist und bleibt, wird auch die Sehnsucht danach immer unerfüllt bleiben, wird sie stets Begnadung und Entsagung zugleich sein. Kann sein, vielleicht ist für den einen solche Hingebung ein reines « Wunder der Liebe » für die in dieser Beziehung im Leben sonst zu kurz gekommene einsame Seele, möglich auch, wer weiss, spielt beim andern unbewusst ein religiöses Moment mit. Ein ahnender Hauch der Erinnerung an jene archaischen Zeiten, da die Berge noch Götterthrone waren, möchten wir in dem Brauch erblicken, auf Berggipfeln Kruzifixe und Madonnenstatuen aufzurichten.

In spannungsgeladenen Grenzsituationen am Berg, sei 's in der stets packenden Erhabenheit der aufgehenden oder versinkenden Sonne, der Lebensspenderin, erst recht aber im entfesselten Sturm über dem Grat, erfährt der Mensch die Grosse und Gewalt der Bergnatur. Wenn der Wind uns heulend umbraust und sein Orgeln uns das eigene Wort nicht mehr gönnt, wenn wir bangen um das Weiterkommen und Überleben, mit einer Seillänge nichts mehr erstreben als die nächstfolgende, dann werden wir uns der eigenen Wenigkeit und Ohnmacht bewusst.

Auf die Einleitung zurückgreifend und damit den Ring unserer Betrachtungen beschliessend: Selbst wenn wir unbeschadet den ersehnten Gipfel erreichen, erfüllt von berechtigtem Stolz auf unsere Leistung den Götterthron betreten, doch demütig wissend, dass das Gelingen nie in unsern Händen allein liegt, dann werden wir - vielleicht - der Doppelsinnigkeit des Wortes Bergmann inne, steigen hinab in das Bergwerk der eigenen Seele und finden sinnend dort die höchsten und besten Kräfte:

Immer wenn ich aufwärts schreite, mählich Tritt vor Tritt, fühl ich Höhe, spüre Weite, ist Gewinn ein jeder Schritt.

In die Tiefe schwebt mein Blick, wo die Sorge blieb zurück.

Sinn ich dann auf hoher Warte still in mich hinein, hör ich Stimmen, leise, zarte, sehe strahlend hellen Schein!

Schöpfers Odem mich umweht, sprech ich einsam mein Gebet.

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