Vom Klausenpass zur Planurahütte

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Mit 2 Bildern ( 40, 41Von J- Zimmermann

( Schwanden ) In der Tagespresse ist in den letzten zwei Jahren verschiedentlich daraufhingewiesen worden, dass der Alpinismus spürbar im Rückgang begriffen sei. Diese Feststellungen sind zu einem grossen Teil zutreffend. Es hat tatsächlich eine Verlagerung zugunsten der Strasse stattgefunden. Dessenungeachtet gibt es aber zum Glück auch heute noch hochalpine Gebirgs-zonen, die eher eine Zunahme der Bergsteigerfrequenz zu verzeichnen haben. Wir besitzen im Kanton Glarus hiefür ein sprechendes Beispiel. Es betrifft dies die auf 2950 m Höhe im Tödigebiet gelegene Planurahütte des SAC, Sektion Tödi, die namentlich im vergangenen Sommer eine erfreuliche Zunahme der Besucherzahl zu verzeichnen hatte. Diese Tatsache ist nicht allein auf das anhaltend schöne Ferienwetter zurückzuführen. Ausschlaggebend ist vor allem auch der günstige Standort dieses mitten in einer gigantischen Eisregion gelegenen Stützpunktes. In den Sommermonaten ist die Planurahütte für den bergtüchtigen Alpinisten vom Klausenpass aus in vier bis viereinhalb Stunden ohne grosse Mühe erreichbar. Sie befindet sich verhältnismässig wenig abseits von einer Verkehrsstrasse, wo dem Touristen die Möglichkeit geboten ist, sich mit motorischer Kraft auf 1952 Meter, denn so hoch liegt der Klausen, tragen zu lassen. Es bleibt z.B. dem Bergsteiger, der den Tödi bezwingen will, somit ein beträchtlicher Teil des anstrengenden Anstieges erspart. Darin liegt einer der Hauptgründe, warum die Planurahütte heute mehr besucht wird als früher.

Diese verkürzte Planuraroute beginnt unmittelbar bei der Kapelle auf der Klausenpass-höhe.Von hier aus schraubt sich ein gut markierter Bergpfad in massiger Steigung über die imposant geformten Bergschultern und Schutt-Terrassen des « Kämmerli » bergwärts. Nach zweistündigem Steigen ist der Rand des Claridenfirns, nämlich die sogenannte « Eiswand », erreicht. Zum Anseilen wird hier eine längere Rast eingeschaltet, denn beim Traversieren von Gletschern ist Sicherheit erstes Gebot.

Überwältigend ist der Tief blick von diesem Rastplatz aus auf die sattgrünen Alpweiden des Urnerbodens, den Passeinschnitt, bis hinüber zu den Triften der Bahn und den Siedlungen des Schächentales. Weithin schweift das Auge westwärts zu der eindrucksvollen Szenerie der Urner Berge.Von der gegenüberliegenden Seite grüssen der langgestreckte Kalkgrat der Jägernstöcke, der Leckistock und nordwärts der Doppelgipfel des Ortsstocks. Rechterhand gähnt der wilde Bergkessel des Teufelsfriedhofs.

Das « Eiswändli », wie es in der Bergsteigersprache auch genannt wird, hatgegenüber früher seine Schrecken verloren. Wohl darf bei der Überquerung dieser Firnpartie die nötige Vorsicht nicht ausser acht gelassen werden, denn ein Sturz in eine der ziemlich weit geöffneten Gletscherspalten wäre verhängnisvoll. Es ist daher unbedingt ratsam, sich anzuseilen. Ältere Alpinisten wissen zu berichten, dass sich früher an dieser heute gut begehbaren Stelle ein eigentlicher Eisabbruch, das heisst eine kleine Eiswand befand, die nur mit Hilfe von Leitern bezwungen werden konnte. Tatsächlich sieht man heute noch auf einem unmittelbar unter dem Gletscherrand gelegenen Felssporn zwei alte, verrostete Eisenleitern liegen. Wer mochte die wohl da hinaufgetragen haben?

Vom Anseilplatz aus hat man nach einer halben Stunde das steilste Stück des Eishanges überwunden und damit den höchsten Punkt, die Kammlilücke, gewonnen. Ostwärts winkt, fast zum Greifen nahe, der Claridenstock mit seinem geschwungenen Eisgrat herüber. Über den wunderbar sanft gewölbten Firnbuckel der Wasserscheide, westwärts flankiert vom Kammlistock, betritt man auf mässig nach Süden geneigter Firnebene den eigentlichen, viele Quadratkilometer umfassenden Claridengletscher.

Eine unvergleichliche Gletscherwelt tut sich auf, ein einziges, gleissendes Meer von Eis und Schnee liegt vor uns ausgebreitet. Kein Bergbach rauscht, kein Wässerlein rieselt plaudernd von den Felsen. Totenstille herrscht in der Runde, wenn der Gletscherwind schweigt. Klein und unbedeutend und in seinem Innersten ergriffen, steht der Mensch vor dieser unendlichen Erhabenheit und Grösse der Natur. In ehrfurchtsvollem Staunen schweigt das Herz. Kaum wagt die menschliche Stimme, diesen Bergfrieden zu stören. Das Scherhorn und die dunkle Pyramide des Düssistocks tauchen auf. Wie von fernen Ufern schauen die niedern Gipfelfelsen des Hintern Spitzalpelistocks und des Catscharauls über das Eis empor.Und in der Mitte der grandiosen Firnlandschaft winkt als winzig kleiner Würfel unser Ziel, die Planurahütte. Nur schwach hebt sich ihre Kontur ab vom grauen Planurafelsen, an dessen Bastion man sie sicher hingebaut hat. In der gleichen Richtung steht auch der Tödi, der König der Glarner Berge. Wie ganz anders er aussieht von der Westseite! Viel wilder und zerrissener präsentieren sich seine Flanken und Abstürze.

Ganze zwei Stunden Gletscherwanderung sind vom Sattel der Kammlilücke aus erforderlich, um zu der etwa acht Kilometer entfernten Planurahütte zu gelangen. Auf grosse Strecken geht der Marsch über topfebene, spaltenfreie Firnflächen dahin. Manchmal kann es vorkommen, dass eine leichte Neuschneeschicht das Vorwärtsschreiten hemmt. Zur Linken begleiten uns die steil gegen den Firn abfallenden Felsmauern des Claridenhorns. Der langgestreckte, bizarr geformte Grat mit seinen Zinnen und Zacken, seinen steinigen Couloirs bringt eine willkommene Abwechslung in die Monotonie dieser Gletscherfahrt.

Gegen den östlichen Gletscherrand hin beginnen die Firnflächen leicht anzusteigen. Wie weiche Linien eines sanft geschwungenen, weissen Rückens heben sie sich vom felsigen Hintergrund ab. Kaum dass wir von ihrem Vorhandensein wussten, gelangen wir in den Bereich einiger ziemlich weit auseinanderliegender Gletscherspalten, die sich mit einem kräftigen Schritt oder mit einem kleinen Weitsprung ohne Mühe überqueren lassen. Ungefähr 70 cm klaffen die breitesten auseinander. Wenn der Alpinist sich auch selten darüber äussert, so ist es doch für manchen ein sonderbares Gefühl, seinen Fuss über diese geöffneten Eisrisse zu setzen, denn jeder weiss, dass da drunten in der blauen Tiefe der sichere Tod lauert.

Bald haben wir auch diese letzten kleinen Hindernisse überwunden und steigen weiter leicht firnaufwärts. Doch auf dem höchsten Punkt der Dünung schauen wir noch einmal zurück auf den langen Weg, der glücklich hinter uns liegt. Von hier aus können wir zudem noch den grössten Teil des ziemlich stark gegen Südwesten abfallenden Hüfifirns mit seinem Spaltenlabyrinth überblicken. Weit unten blinkt das helle Dachviereck der Hüfihütte herauf. Unterdessen ist auch unser schützendes Obdach, das kleine Planurahaus, in unmittelbare Nähe gerückt. Wie auf einem felsigen Burghügel thront der zierliche Halbrundbau, hoch über dem tiefen, von Wind und Sonne ausgehobenen Bergschrund des Claridengletschers.

Diese Hütte, die etwa 40 bis 50 Personen Platz bietet, wurde im Regensommer 1930 erstellt. Sie ist das Geschenk eines begeisterten Alpinisten, des Amerika-Schweizers R. Schwarzenbach, New York. Auf einer Bronceplatte, in die Hüttenmauer eingelassen, sind Name und Gestalt des Stifters verewigt. Der bekannte Glarner Architekt Hans Leuzinger, der seinerzeit das Projekt verfasste, ist bei diesem Berghaus bezüglich Formgebung neue Wege gegangen. Die angewendete Baukonstruktion hat sich seit 22 Jahren in der Praxis vollauf bewährt. Eines fällt von Jahr zu Jahr immer mehr auf, nämlich die Tatsache, dass die Planurahütte bereits zu klein geworden ist und oftmals den Zustrom der Alpinisten und Gletscherwanderer nicht zu fassen vermag. Es ist deshalb für jeden Berggänger, der zum Planura-Berghaus auf- steigen will, ratsam, sich im Tale beim Hüttenchef über die jeweiligen Platzverhältnisse zu erkundigen.

Eine ganze Reihe herrlicher Berggipfel kann von hier aus bestiegen werden. In drei bis vier Stunden erreicht man über die Westwand das begehrteste aller Ziele, den Tödi. Es locken weiter: der Claridenstock, das Scherhorn, der Düssistock oder der nahe Catscharauls. Beliebt ist auch eine Wanderung über den Sandpass nach Disentis oder eine Tour nach der Hüfihütte und dem urnerischen Maderanertal, welch letztere jedoch eine Traversierung des spaltenreichen Hüfifirns erfordert.

Zu den eindrücklichsten Erlebnissen im Bereich der Planurahütte zählen aber auch die Sonnenuntergänge. Wer das Glück hat, einen klaren Abend in dieser Höhe zu verbringen, wird das unbeschreiblich schöne Bild des sinkenden Tagesgestirns nicht so leicht vergessen. In stiller Bewunderung und Ehrfurcht vor der Grösse der Schöpfung verharrt der Bergfreund, wenn die letzten Sonnenstrahlen ihr sprühendes Feuer über die weiten Gletscher ergiessen. Mag der harsche Gletscherwind noch so sehr um die Hütte pfeifen, alles eilt hinaus vor die Mauern, die, wie die Berge, der Firn und die winzigen Menschen, umloht sind vom flammenden Purpur. Eine halbe Stunde wohl dauert das Naturschauspiel, bis leise der letzte Rosaschein erstirbt und die kühle, unerbittliche Bergnacht sich sachte auf die Firnwelt niedersenkt.

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