Vom Schnee

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Braun gebrannt, neu gestärkt an Leib und Gemüt, voll schöner Erinnerungen, kehrt man aus solchen Ferien zurück. Wer einmal oben war im schönen Bivio, wer die schönen Fahrten gekostet hat, die keine Lawinengefahr bergen, der weiss auch, dass die Schneeverhältnisse durchwegs beste sind, wenn an anderen Orten schon längst alles verharstet ist. Alljährlich wird er wiederkehren und den Winterzauber von Bivio geniessen.

Vom Schnee.

Von Wilhelm Paulcke.

Der Schnee fällt vom Himmel; er besteht aus schönen sechsstrahligen Sternchen, die sich zu Flocken vereinigen können. Es gibt sogenannten « Pulverschnee », « Pappschnee », salzigen oder « faulen » Schnee, « Schmelz-harscht » und « Windharscht ». Man spricht von « stumpfem » und « gführigem » Schnee usf. Damit ist aber im allgemeinen die Kenntnis vom Schnee bei den meisten Menschen erschöpft.

Einige der genannten Schneearten sind dem Skiläufer teils sehr, teils bedingt angenehm, andere sind ihm überaus unsympathisch.

Sein Hauptinteresse ist darauf gerichtet, welche Sorte von Wachs er bei dieser oder jener Schneesorte anwenden muss, um mühelos berganzusteigen oder möglichst rasch bergabzusausen. Dafür gibt es die verschiedensten Wachssorten und Schneetabellen. Die « Wachsologie » ist eine « Wissenschaft » geworden, und wenn es trotzdem vorkommt, dass Diagnose, Prognose und Medikamentanwendung nicht den gewünschten Erfolg haben, so hat man eben « verwachselt » und damit im Bedarfsfalle eine gute Ausrede, wenn man beim Wettlauf nicht gut abgeschnitten hat.

Die Kenntnis vom Schnee selbst und das Interesse an ihm haftet also bei den meisten vorwiegend an der Oberfläche, und kaum ein Mensch sah und sieht ihn sich näher an.

Auch wissenschaftlich waren der Schnee und die Veränderungen, die er durchmacht, noch kaum studiert. Das geologische Interesse galt seit langer Zeit fast nur dem Gletscherkorn, dem Gletschereis sowie den Bewegungs erscheinungen und Wirkungen der Gletscher.

Die diagenetischen Vorgänge ( d.h. die Veränderungen ), welche die Schneesterne von dem Augenblick an durchmachen, in dem sie auf die Erde gefallen sind, bis zu dem Stadium, in dem sie zum Gletscherkorn umgewandelt sind, waren unbekannt und sind es zum Teil noch.

Seit einer Reihe von Jahren habe ich damit begonnen, den Schnee und seine « Diagenese » zu studieren Dabei konnten schon jetzt eine Reihe wissenschaftlich interessanter wie praktisch wichtiger Ergebnisse zutage gefördert werden, obwohl ich diesen Arbeiten aus Mangel an Mitteln alljährlich nur verhältnismässig wenig Zeit widmen konnte.

Die aus der Atmosphäre auskrislallisierenden Eisbildungen sind sehr sorgfältig von Bentley und Humphreys studiert worden, und neuerdings erschien ein Atlas mit Photogrammen von über 2000 verschiedenen Schnee-kristallformen, die Bentley in mühevoller Arbeit aufgenommen hat.

Man unterscheidet ( ich folge hier grösstenteils Bentley und Humphreys ):

1. Schneekristalle, und zwar entstehen in sehr kalter Luft die regelmässigsten Formen, d.h. mehr oder weniger vollkommene hexagonale, sechsseitige ( seltener dreiseitige ) Plättchen, roh gemessen 10 mal breiter als dick; oder als Bildungen aus Luft von sehr niedriger absoluter Feuchtigkeit hexagonale Säulen, die 3—5 mal länger wie dick sind, meist mit flachen Enden senkrecht zu ihren Längsflächen; in selteneren Fällen haben die Säulchen einen pyramidalen Abschluss, oder sie sind an beiden Enden mit einfachen oder kompliziert gebauten Täfelchen bedeckt. Ferner kommen an beiden Enden pyramidal abgeschlossene Prismen und echte hexagonale Pyramiden vor.

Die Säulen ( sogenannte « Nadeln » ) und die flachen hexagonalen Plättchen entstehen meist in grossen Höhen, wo die Temperatur sehr niedrig, der Wasserdampfgehalt sehr gering und damit das Wachstum der Kristalle relativ langsam ist.

Diese einfachen, kleinen Formen entstehen gewöhnlich reichlich in den höchsten Wolken ( cirrus und cirrostratus ), durch deren dünne Schleier und Fahnen hindurch Sonne und Mond leicht gesehen werden können. Die in diesen Wolken so häufig erscheinenden Höfe ( halo ) und weiten Ringe um Sonne und Mond entstehen durch das diese hexagonalen Kristalle durchscheinende Licht.

Diese einfachen Kristalle erreichen ( auf der Nordhemisphäre ) die Erde im westlich-nordwestlichen Teil eines allgemeinen Schneesturms, in dem die Temperatur sehr niedrig und der fallende Schnee sehr fein und spärlich ist; ebenso fallen sie in grossen Höhen.

Die komplexer gebauten Kristalle, besonders die mit verzweigten Fortsätzen — d.h. die allbekannten sechsstrahligen, selten zwölfstrahligen " Schnee-sternekommen bei höheren Temperaturen vor: entstehen also, wenn die absolute Feuchtigkeit grösser ist. Man nimmt an, dass die kleinen einfachen Kristalle bei langsamem Wachstum, die verhältnismässig kompliziert gebauten Formen dagegen bei relativ raschem Wachstum entstehen. Voraussichtlich dürfte das Wachstum um so rascher und die sich ergebende Form um so komplexer sein, je stärker die Übersättigung ist.

Die verzweigten Formen sind am häufigsten im frontalen Teil eines Sturmes, wo der Schnee am schwersten und die Wolken am tiefsten sind.

Wolken mittlerer Höhe scheinen kleine, verzweigte, tafelförmige Kristalle mit festen hexagonalen Zentren zu geben.

Je kleiner ein Schneekristall ist, um so leichter verdampft er, und bei Vorhandensein grösserer und kleinerer Kristalle wachsen so die grössten auf Kosten der kleineren.

2. Reif. Wenn Wasserdampf in der Atmosphäre mehr oder weniger unter dem Sättigungspunkt abgekühlt ist, wird er als Reif an unterkühlten Gegenständen kondensiert — abgelagert; und zwar « säulig », wenn die Temperatur nicht tief unter dem Gefrierpunkt liegt, bei rascherem Wachstum, und tafelig, wenn sehr niedrige Temperatur herrscht.

3. Rauhreif, in Gestalt büschelig, fiedrigen Eisabsatzes von plötzlich gefrierenden, unterkühlten Nebel- und Wolkentröpfchen, die meist bei Wind durch Stoss — und zwar immer gegen den Wind ( Anraumals Körnchen abgesetzt werden.

4. Graupel, auch « weicher Hagel » genannt, fällt in Gestalt kleiner Kügelchen von weichem Eis- oder Körnerschnee; es scheint, als ob diese Bildungen als kleine Schneekristalle begonnen hätten und durch Aufnahme unterkühlter Wassertröpfchen als « Rauhreifkügelchen » endeten.

5. Hagel denkt man sich ( anders wie Bentley und Humphreys es darstellen ) auf folgende Weise entstanden: Wenn Graupelkörnchen durch Luftschichten fallen, die sich beträchtlich unter dem Gefrierpunkt befinden und gleichzeitig mit Feuchtigkeit gesättigt sind — aber doch höhere Temperatur aufweisen als die Graupeln —, so erfolgt plötzliche Sublimation um das fallende Graupelkorn und raschestes Wachstum desselben zum Hagelkorn; zum Teil bis zur Grösse von Haselnüssen, Hühnereiern, Orangen, ja sogar von « Hagelsteinen » bis zu 4,5 kg!

Verfolgen wir nun den frischgefallenen Schnee. Dass er Veränderungen durchmacht, erkennen wir schon aus dem Wechsel im Aussehen, an den Veränderungen in der « Konsistenz » und am Gewicht.

Von frischgefallenem Schnee wiegt ein Kubikmeter 60—80 Kilogramm; durch « Setzen » und die verschiedensten Veränderungen, die er durchmacht, steigt sein Gewicht auf 100, 200, 300, 400 bis 800 Kilo pro Kubikmeter.

An diese Gewichte denke jeder Skiläufer und Bergsteiger, der Gefahr läuft, durch eine Lawine, oder gar nur durch einen « harmlosen Schneerutsch » begraben, erstickt, erdrückt zu werden! An diese Gewichte denke der Baumeister, der seine Dächer konstruiert, wie der Ingenieur, der Schnee- und Lawinenschutzbauten errichtet.

Nach dem Schneefall bleibt die Form der Schneekristalle nur sehr kurze Zeit erhalten; es setzen sofort — besonders an den feinen Verästelungen — Verdunstungserscheinungen und Neubildungen ein.

Sehr bald sehen wir keine fein verästelten Sterne mehr; die Äste werden — besonders auch in den zentralen Teilen — breiter und kürzer, so dass grössere reflektierende Flächen entstehen, die das starke « Flimmern » des Neuschnees bedingen, wenn es bei zunehmender Kälte aufklärt und die Sonne die frische Schneedecke bescheint. Dieses Flimmern und Glitzern des Lockerschnees ist besonders schön zu beobachten, wenn wir bei Vollmondschein die Hochregionen durchwandern; dann blitzt und gleisst es rings um uns in allen Farben auf, als ob die weisse Fläche mit Diamanten besät wäre.

Herrschen etwas höhere Temperaturen, so bilden sich an den Verästelungen feine, gerundete Körnchen; ab und zu erkennt man noch ganze Sechs-strahler oder auch nur einzelne Äste derselben; aber die am ursprünglichen Kerngerüst gebildeten Körnchen sind noch sperrig und locker gelagert, wir haben noch PulverLockerschnee.

Mit der Zeit « setzt » sich der Schnee; er wird dichter, man sinkt mit den Ski weniger ein; er bleibt aber — bei anhaltender niedriger Temperatur also, besonders auf den Schattenseiten und in den Hochregionen — noch lange Zeit locker und ist bei den Skiläufern wegen der ausgezeichneten « Skiföhre » sehr beliebt. Der Wind hat mit diesem « Lockerschnee » noch leichtes Spiel; so wie es bläst und stürmt, wird er über den Boden dahingefegt und umgelagert.

Die Verdunstung geht dauernd weiter vor sich; einesteils gelangt der Wasserdampf in die Luft, andernteils dient er innerhalb der Schneeschichten als Material für das Wachstum der Körnchen, von denen die grösseren auf Kosten der zugrunde gehenden kleineren Individuen wachsen. Der Schnee wird mehr und mehr zu körnigem Firn.

Kommt es bei Erhöhung der Temperatur ( Sonnenstrahlung etc. ) zu Schmelzungen, so versickert das Schmelzwasser; es entsteht aus dem Pulver-= Lockerschnee der « Feuchlschnee », der sich leicht « ballt », am Steilhang die bekannten « Schneerollen » bildet, an den Skiern « klebt », « Stollen » bildet; wir haben den für den Skiläufer so überaus unsympatischen « Pappschnee », der, wenn die Durchfeuchtung einen gewissen Betrag überschreitet, « Feuchtschnee »-Lawinengefahr birgt.

Bei oberflächlichem Schmelzen und Wiedergefrieren bilden sich grobkörnige Firnkrusten: « Harscht », und zwar vom dünnen, selbst den Skiläufer nicht tragenden « Bruchharscht » bis zum soliden, sogar den Fussgänger tragenden « Hartschnee ».

Im Laufe des Winters wird durch die verschiedenen Schneefälle Schneeschicht auf Schneeschicht gelagert — eventuell mit Staub- und Schmutz-zwischenlagen —, innerhalb derer die Körner auf die oben angegebene Weise allmählich grösser werden und die eventuell oben von den geschilderten Krusten abgeschlossen sind.

Gelangt z.B. durch eine frischgefallene Neuschneeschicht bei stärkerer Sonnenbestrahlung reichlich Schmelzwasser in die Tiefe, so kommt es nicht — wie man früher annahm — bis zum « gewachsenen » Boden, sondern es folgt den Harschtschichten, in deren grobkörnigen Lagen es weitersickert, wie das « Grundwasser » in Schotter- und Sandgebieten. Von diesen wasserführenden Horizonten aus saugt es sich kapillar in die darüberliegenden feinkörnigeren Schneemassen empor und macht diese zu Gleit- oder « Schmierschichten ».

Diese auf Harst auflagernden, oft quatschnass voll Wasser gesogenen Lagen sind die Hauptursache für die Bildung der « Feuchtschneelawinen ».

An senkrecht abgegrabenen Schneewänden, an Wächtenüberhängen tritt das Wasser an den Grenzhorizonten aus und bildet bei eintretender Kälte Eiszapfenbehänge.

Waren Bergflanken tagsüber stark von der Sonne bestrahlt, so bleibt Feuchtschneelawinengefahr oft auch noch bis in die Nacht bestehen, trotzdem sich eine oberflächliche Kruste gebildet hat, da die Wasserbewegung in der Tiefe noch sehr lange anhält.

Frieren bei sehr starker Kälte die wasserführenden wie die voll Wasser gesogenen Schichten vollkommen durch, so entstehen unter Umständen Schnee-« Diagenese ».

Halbschematisches Profil durch fünf Schneeschichten zur Darstellung der im Schnee erfolgenden nachträglichen Veränderungen ( Harschtbildung, Wasserinfiltration, Bildung von Schmierschichten und von Schwimmschnee-Horizonten ).

dichtere Eislagen, und ich vermute, dass auf diese Weise schon in den Firngebieten Lagen gebildet werden, die in den auf verschiedene Art und Weise entstehenden Komplex der « Blaublätterbildungen » der Gletscher gehören; fraglos bleiben Texturunterschiede, die schon in den Schnee- und Firnschichten vorgebildet sind, auch noch im Gletschereis — wenn auch in weiter veränderter Form — erhalten.

Zur Feststellung der Wasserbewegung im Schnee streute ich Anilin-pulver und färbte auf diese Weise das versickernde Schmelzwasser. Dann wurden am Hang wie durch Wächten Profile gegraben, wobei die gefärbten Horizonte wunderbar klar in Erscheinung traten und den Weg, welchen das Wasser genommen hatte, deutlich zutage treten liessen. Durch das gleiche Experiment konnte ausserdem die Bewegungsgeschwindigkeit des Wassers und die Fliessdauer in der Tiefe nach Aufhören der Schmelzwasserzufuhr, z.B. bei Nacht nach eingetretener Kälte, festgestellt werden.

Jedenfalls geht im Laufe der Zeit durch Schmelzwasserzufuhr, also durch von aussen ( oben ) wirkende Einflüsse eine starke Veränderung der Schneebeschaffenheit ( Firnbildung mit Körnerwachstum ) vonstatten.

Ausser der durch Verdunstung und Neubildungen im gesamten Schneekörper erfolgenden fortschreitenden « Diagenese », finden besonders starke und überaus charakteristische Veränderungen in den Schneekomplexen vorwiegend von unten ( innen ) nach oben ( aussen ) statt.

Unterhalb der Schneelagen herrscht bei uns im allgemeinen dicht über dem gewachsenen Boden eine Temperatur von zirka + 0,5° Celsius, bedingt durch die Ausstrahlung der Erde. Folge davon ist Wasserdampfbildung durch Verdunstung eines Teiles der auflagernden Schneemassen — der in erster Linie wohl die kleinen Körnchen anheimfallen — mit dauernder Kondensation dieses Wasserdampfs und Neubildung von Kristallen bzw. Wachstum der verbleibenden grösseren Körner. Als Ergebnis dieser Vorgänge sehen wir die Bildung einer neuen Schneeart von sehr charakteristischer Ausbildung, eine Art « Tiefenreif »: wir finden eine sehr grobkörnige, kristalline Masse und sehen bei mikroskopischer Untersuchung — aber auch schon mit blossem Auge und mit der Lupe erkennbar — neben unregelmässig begrenzten grossen und kleinen Firnkörnern besonders reichlich, sehr schöne « Becherkristalle » und Hohlprismen sowie, an Zahl zurücktretend, ausgezeichnet entwickelte Vollkristalle.

Die Becherkristalle sind meist von schmaler Basis — oft mit Stiel — ausgehende, sich nach oben verbreiternde, sechsseitige Hohlformen mit treppenartig abwechselndem Wachstum nach der Basis und nach dem Prisma; daneben erscheinen parallelwandige, sechsseitige, prismatische Formen, deren Prismenflächen jedoch nicht voll ausgefüllt, sondern kassettiert sind ( ich fand Hohlprismen bis zu 3 cm Länge ).

Unter den Voll kristallen fand ich sechsseitige Tafeln, sechsseitige Prismen oben mit Basisfläche, sechsseitige Prismen mit Ansatz von Pyramidenflächen und Basisabschluss sowie sechsseitige Prismen, die oben durch Pyramidenflächen abgeschlossen sind. Ausserdem kommen noch eine Anzahl der verschiedensten Formen vor, deren Formenbestimmung nach dem mikro-photographischen Material noch im Gange ist. Von grossem Interesse ist jedenfalls, dass wir hier « Lagerstätten » von Eiskristallen feststellen konnten, deren Studium noch weitere, wertvolle Erkenntnisse über die so wenig bekannten Kristallisationsformen des auf der Erde so weitverbreiteten Stoffes genannt Wasser ( H2O ) zu bringen vermag.

Diese Bildungen zeigen eine sehr lockere Lagerung, da einerseits durch die Verdunstung Hohlräume geschaffen werden, andererseits die eckigen Becher- wie die Vollkristalle nie so dicht gelagert sein können wie die rundlichen Firnkörner. Diese « Schnee»-Sorte zeigt dementsprechend ein grosses « Porenvolumen ». Bei Berührung und Erschütterung fallen Kristalle und Körner zusammen, bilden eine sehr bewegliche Masse, und ich habe diesen Die Umwandlung des Schnees in Kirn.

1Frisch gefallene Schneesterne.

2Pulverschnee: Reste der Schneesterne bilden ein lockeres Gerüst. Beginn der Körnchen- bildung.

3Pulverschnee: Körnchenbildung ist fortgeschritten, in der Mitte Neubildung einer sechs- seitigen kleinen Tafel.

4—5 = Pulverschnee: fortschreitende Körnchenbildung. 6 = Pulverschnee: vollkommene Umwandlung in kleine Körnchen.

7—9 = Fortschreitende Verfirnung unter Zunahme der Grösse der unregelmässig geformten Körner.

Mikrophoto Paulcke.

Bildungen den Namen « Schwimmschnee » gegeben, weil sie sich ähnlich verhalten wie der bekannte « Schwimmsand ».

Tritt man durch eine Harschtlage in « Schwimmschnee » durch, so weicht er dem Fusse aus wie lockerer Sand, er backt nicht zusammen, man kann keine haltbare Stufe treten, da der Druck nicht genügt, die Masse zur Regelati on der Teilchen zu bringen. Gräbt man ein Schneeprofil und schneidet einen Schwimmschneehorizont an, so fliesst er bei Berührung mit der Schaufel aus, wie Reis aus dem Sack. « Schwimmschnee » ist also unter Umständen ein sehr wirksamer und daher gefährlicher Gleithorizonl, der die Ursache von Trockenschneelawinen sein kann. Ich konnte Mächtigkeiten von über einem Meter beobachten, und zwar schien mir die Schwimmschnee-Entwicklung über dem gewachsenen Boden besonders stark in einem Winter, in dem viel Schnee lag und lange Zeit sehr starke Kälte geherrscht hatte. Durch die Wärmeausstrahlung der Erde bilden sich direkt über dem Boden, wie über Harscht-horizonten, auch reichlich grössere Hohlräume, so dass der Altschnee — mit « Schwimmschneeschicht » als Gleitmittel — hohl aufliegt, sich bei Belastung durch Skiläufer, Quersprünge usw. mit dumpfem Knall setzt und unter Umständen als « trockene Altschneelawine » abfährt. Beträchtlichere « Schwimmschneeschichten » entstehen ferner nicht selten oberhalb der wasserführenden Horizonte, von welchen aus naturgemäss Wasserdampf in die darüber befindlichen Lagen gelangt.

Die ausserdem nicht selten auftretende Bildung von meist kleineren Becherkristallen an Schneeoberflächen soll erwähnt werden; sie ist eine sehr weitverbreitete, wenn auch meist übersehene Erscheinung.

Bei der Untersuchung von « Schwimmschneehorizonten » war es auffallend, dass Vollkristalle an den Schatlen-(Nord-)hängen besonders reichlich zu finden waren, während sie in den Schneeschichten an sonnenbestrahlten Hängen, wo fast ausschliesslich Becher auftreten, sehr selten sind. Ich führe diese Erscheinung auf Unterschiede in der Wachstumsgeschwindigkeit ( bedingt durch Materialzufuhr und Temperaturdifferenzen ) zurück. Der Becherkristall und das Hohlprisma sind ein Produkt rascheren, der Voll-kristall eines langsameren Wachstums, sowie in der Atmosphäre der Schneestern raschem, die sechsseitigen Täfelchen und Prismen langsamerem Wachstum ihre Entstehung verdanken. Rasches Wachstum hat die Bildung unvollständiger Formen zur Folge.

Bei starker Sonnenstrahlung mit nachfolgender Abkühlung entsteht besonders im Spätwinter und gegen das Frühjahr eine sehr auffallende Oberflächenbildung, der ich den Namen « Firnspiegel » oder « Firnschleier » gab.

Wir sehen da dünne stark reflektierende « Eishäute » entstehen, welche die bekannten starkspiegelnden Oberflächen an sonnenbeschienenen Hängen bilden. Diese dünnen Eislagen stellen ausgezeichnete Gleitflächen für den Skiläufer dar. Da der unter Einwirkung der Sonnenwärme sinternde Schnee zusammensinkt, liegen die « Firnspiegel » hohl auf und zerbrechen bei Berührung in eckige Scherben. Unter dem Mikroskop erkennt man, dass diese dünnen Eisschichten aus lauter polygonal aneinander grenzenden flachen, hexagonalen Täfelchen bestehen.

Kenntnis der Schneearten, ihres Aussehens und ihrer Beschaffenheit, Verständnis für die Gesetzmässigkeiten ihres Vorkommens, für die Art der Veränderungsvorgänge ( Diagenese ) und ihrer Ursachen und Wirkungen, Erfahrungen über die Art der Bildung des Verbandes der Schneeschichten sind die unerlässlichen Grundlagen für die richtige Beurteilung aller mit dem Schnee zusammenhängenden alpinen Fragen, inbesondere der Lawinen.

Jedem Bergsteiger und Skiläufer ist anzuraten, bei längeren Rasten, bei Hüttenaufenthalten, an Ruhetagen immer wieder an den verschiedensten Stellen und unter den verschiedensten Verhältnissen mit der in jeden Rucksack eines jeden Winterturisten gehörenden « Iselinschaufel » aus Aluminium Schneeprofile zu graben und sie eingehend mit blossem Auge und mit einer Taschenlupe zu studieren.

Jeder alpine Skiläufer sollte auch lernen, durch Sondieren mit Eispickel und Skistock richtige Schlüsse auf Schneebeschaffenheit und Schichtverbands-verhältnisse in tieferen Lagen zu ziehen. Er muss sich zu diesem Zweck ein feines Tastgefühl anerziehen und am Anfang seine « Tastdiagnose » durch Kontrollgrabungen nachprüfen.

Für die Ermöglichung einer raschen und genauen Untersuchung der Schneelagen und Prüfung der Hänge auf Lawinengefahr habe ich einen « Schneebohrer » konstruiert. Dieses einfache Instrument besteht aus einem Duraluminiumrohr von 1 1/2 Meter Länge und zirka 7 mm lichten Durchmesser.

Das Rohr zeigt auf zwei Seiten abwechselnd in 4 cm Abstand angebrachte Schlitze von 6 cm Länge, durch die das Schneeprofil auf die ganze Bohrlänge genau untersucht werden kann; dazu gehört allerdings, ausser einer Lupe, guter Blick, feines Tastvermögen der Hand, etwas Übung und Erfahrung sowie Kenntnis des Aussehens der verschiedenen Schneearten. Eine Massein-teilung ermöglicht sofortige genaue Feststellung der Mächtigkeit der verschiedenen Schneelagen.

Mit diesem « Schneebohrer » kann man nun rasch jeden Hang auf seine Lawinengefährlichkeit prüfen; man kann ausser den Schmierhorizonten alle tieferen Harschtlagen, Schwimmschneevorkommnisse, die Dicke und Art der Auflagerung von Schneebrettern usw. augenblicklich feststellen.

Durch Aneinanderstecken von zwei Bohrern ist Verlängerung auf drei Meter möglich. Die Bohrrohre können bequem über die Skistöcke geschoben getragen werden, ohne den Skiläufer nennenswert zu belasten.

Sicherlich werden die meisten alpinen Skiläufer auch dieses Hilfsmittel nicht mit auf ihre Turen nehmen — so wenig wie sie die Lawinenschnur und die Iselinschaufel bei sich führen! Aber wieviel Unglück und Not könnten vermieden, wieviel Menschenleben könnten vor dem Schneetod bewahrt bleiben, wenn alle gemachten Erfahrungen beherzigt, alle bisher festgestellten Tatsachen bekannt, alle hierauf beruhenden Ratschläge befolgt und die erprobten Hilfsmittel mitgenommen würden!

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