Von Seewis nach Vnà

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VON EMIL SCHIMPF, WINTERTHUR

Mit 4 Bildern ( 78-81 ) Nachdem der SAC mit dem DAV ein gegenseitiges Abkommen über die Hüttenbenützung durch ihre Mitglieder getroffen hat und ein solches mit dem ÖAV schon seit 1951 besteht, dürfte es manche Leser interessieren, welche Tourenkombinationen beispielsweise im schweizerisch-öster-reichischen Grenzgebiet empfehlenswert sind. Ich hatte vor einigen Jahren Gelegenheit, dort beschauliche und genussvolle Tage zu verleben, und lade die interessierten Bergfreunde ein, mich im Geiste auf der Wanderfahrt zu begleiten. Vereinzelte Gebiete sind zwar seither mit technischen « Errungenschaften » bedacht worden; doch kann zur Beruhigung gesagt werden, dass diese das Landschaftsbild nicht empfindlich stören.

An einem Samstag in der zweiten Hälfte August trafen wir uns - bei einem heftigen Gewitter -mit einem befreundeten Ehepaar, um eine gemeinsame Bergwanderung anzutreten. Angesichts des Wetters waren wir nicht unglücklich, für den ersten Tag nur Seewis, den Ausgangspunkt für unsere Tourenwoche, ins Auge gefasst zu haben.

Anderntags stiegen wir in recht gemütlichem Tempo zur Schesaplanahütte auf, weil uns die Rucksäcke ziemlich « anhänglich » vorkamen. Wir freuten uns, als wir bei unserer Ankunft in der Hütte von der liebenswürdigen Hüttenwartsfrau erfuhren, dass uns zum Übernachten sogar Zimmer zur Verfügung gestellt werden könnten. Um den Tag etwas auszufüllen, sahen wir uns die Umgebung näher an und plauderten auch mit den gesprächigen Sennen, die für die Käsezubereitung verantwortlich sind. Wir erfuhren von ihren Sitten und Gebräuchen und liessen uns auch darüber aufklären, wie sie es fertigbringen, dass am Ende jeder Saison der Alpkäse, dem Milchertrag jeder einzelnen Kuh entsprechend, gerecht verteilt werden kann. Eine genaue Buchführung ist dazu unerlässlich.

Nach diesem geruhsamen Tag konnten wir bei prächtigem Wetter die Besteigung der Schesaplana in Angriff nehmen. Gleich oberhalb der Hütte geht es steil, auf ausgeprägtem Pfade, in nordöstlicher Richtung aufwärts. Zunächst führt der Weg noch über Grashänge; bald aber befindet man sich in den Kalkfelsen. Die Route kann -jedenfalls wenn kein Schnee mehr liegt - als leicht bezeichnet werden. Immerhin sollte man schwindelfrei sein. Nach etwa zwei Dritteln der zu bewältigenden Höhendifferenz biegt die Wegspur fast genau nach Osten ab. Bald bekommt man dann den Gipfel zu Gesicht, der über Geröll und Schneefelder mühelos erreicht wird. Während des ganzen Aufstiegs hat man Gelegenheit, die sich immer weiter ausdehnende Aussicht nach Süd und West zu geniessen.

Als wir nach etwa dreistündigem Marsch den höchsten Punkt erreicht hatten, bestand bei uns kein Zweifel darüber, dass wir wohl einen der schönsten und klarsten Tage des Jahres für unseren Besuch ausgewählt hatten. Die Fernsicht nach allen Himmelsrichtungen war überwältigend. Berner Oberländer und Walliser Berge waren ebenso gut zu erkennen wie die Ortler-Gruppe, die Gip- fei des Gotthardmassivs oder die näher gelegenen Höhen des Säntis. Was Wunder, dass wir die Gipfelrast recht lange ausdehnten! Als dann aber ziemlich zahlreiche Besucher aus der Strassburger Hütte eintrafen, brachen wir doch gerne auf. Für den Abstieg wählten wir die Route zum Lünersee, welche bei sehr guten Wegverhältnissen über Schnee, Geröll und zuletzt über Weidhänge führt. Wir trafen unterwegs einen ebenfalls absteigenden, urchigen Vorarlberger, der uns die Sage über die « Tote Alpe » erzählte, die man durchquert. Interessanterweise deckt sich der Inhalt dieser Geschichte weitgehend mit demjenigen von Legenden, die uns unser Schriftsteller Johannes Jegerlehner über Begebenheiten in der Schweiz so schön zu schildern weiss.

Beim damals noch nicht aufgestauten Lünersee ruhten wir aus und tranken in der Douglashütte ( sie lag damals etwa einen Kilometer südlicher als heute ) gerne einen Tee. Hierauf stiegen wir etwa dreihundert Meter zum Cavelljoch auf, um auf dem prächtigen Höhenweg, der sich am Fusse der steilen Hänge des Alpsteins entlang zur Schesaplanahütte hinzieht, zum Ausgangspunkt unserer Tour zurückzukehren.

Tags darauf steckten wir in dichtem Nebel, aus dem ein feiner, aber durchdringender Sprühregen fiel. So erholten wir uns von den Anstrengungen des Vortages und benützten zugleich die Zeit, um zur Bereicherung unserer Mahlzeit aus einer beim Aufstieg entdeckten reichhaltigen Kolonie von Eierschwämmen die schönsten Exemplare zu suchen.

Bei immer noch unsicherem Wetter starteten wir dann am folgenden Morgen wieder, um auf dem Höhenweg zum Cavelljoch zurückzukehren. Es folgte ein kurzer Abstieg Richtung Lünersee, bevor eine Mulde gemütlich zum Verajöchle hinaufführte. Dann ging es wieder etwas abwärts bis nördlich des Schweizertors, von wo aus man, in östlicher Richtung leicht ansteigend, den Ofa Pass erreicht. Es hatte inzwischen aufgeheitert, so dass wir hier eine längere Rast einschalteten, bevor wir der Lindauer Hütte zustrebten. Dabei nahmen wir es gemütlich, da wir fast auf dieser ganzen Wegstrecke das Vergnügen hatten, aus relativ kleiner Distanz Murmeltierfamilien und auch vereinzelte Gemsen beobachten zu können.

In der geräumigen und von einem freundlichen Hüttenwirt - wie er hier genannt wird - betreuten Unterkunft fanden wir gut Platz. Nach dem Retablieren besichtigten wir den sehr schön angelegten Alpengarten in unmittelbarer Nähe der Hütte, die selbst in einem Bergwald liegt. Wir vernahmen, dass sich in diesem Gebiet reichlich Rotwild - insbesondere Hirsche - aufhält, bekamen aber leider keine der auf freier Wildbahn so imponierend leichtfüssigen Tiere zu Gesicht.

Als wir anderntags zum Weitermarsch auf brachen, sah der Himmel bedrohlich aus. Wir hatten auch kaum den Anstieg über den Bilkengrat Richtung Tilisunahütte angetreten, als stürmischer Wind und Regen unsere Laune strapazierten; denn wenn uns auch der Regenschutz einige Dienste leistete, so kamen wir doch ziemlich durchnässt im nur schwach besetzten Berghaus an, wo am grossen Kachelofen die feuchten Kleidungsstücke glücklicherweise trockneten, während wir erleichtert in unsere Reservewäsche schlüpften. Der restliche Tag war dem « Hüttenwanzentum » gewidmet, denn es schüttete ohn'Unterlass. Aber sympathische Besucher, ein besorgter Hüttenwirt und gute Verpflegung gestalteten den unfreiwilligen Aufenthalt recht erträglich.

Inzwischen wurde es Freitag; es regnete zwar nicht mehr, doch war die Gegend immer noch in Nebel gehüllt. Um trotzdem nicht ganz untätig zu sein, begaben wir uns versuchsweise und ohne Gepäck einmal auf den Weg zur Sulzfluh. Über ausgedehnte Karrenfelder schlängelt sich eine markierte Wegspur gegen den, von dieser Seite aus gesehen, gar nicht so imposanten Gipfel, den wir nach zwei Stunden erreichten. An Aussicht genossen wir allerdings nichts als ein paar flüchtige Blicke gegen das Tal von St.Antönien durch vereinzelte Nebellöcher; von den Steilwänden des Gebirgszuges war wenig oder nichts zu sehen, und unser Gipfelbesuch war unter diesen Umstän- den nur von kurzer Dauer. Auf dem gleichen Wege kehrten wir zur Tilisunahütte zurück, wo wir uns noch verpflegten, bevor wir unsere immer noch recht « gewichtigen » Säcke buckelten. Ohne grosse Höhendifferenz überwinden zu müssen - man befindet sich immer etwa auf 2200 bis 2300 Meter -, gelangten wir über den Gruoben- und den Plasseggen pass für kurze Zeit wieder einmal auf Schweizer Gebiet. Erst vom Sarotlapass aus geht es dann abwärts ins Gargellner Tal. Dort unten fanden wir ein komfortables Nachtquartier, konnten sogar ein heisses Bad nehmen und freuten uns, geradezu verjüngt, bei einem guten Nachtessen auf unsere weitere Wanderung, dies besonders auch deshalb, weil die « Wetterfrösche » für die kommenden Tage schönes Wetter prophezeit hatten.

Inzwischen war schon eine Woche seit unserm Aufbruch von zu Hause vergangen, und wiederum nahmen wir ein unbekanntes Wegstück unter die Füsse. Der Ausgangspunkt für unsern Aufstieg durch das Vergaldner Tal liegt auf rund 1400 Meter, unser nächstes Ziel, das Vergaldner Joch, auf 2515 Meter. In fast genau südöstlicher Richtung führt der Weg vom Talgrund zur Passhöhe.

Nach den vorangegangenen kühlen Tagen wurde für uns der « Gepäckmarsch » unter der heute gleissenden Sonne leicht beschwerlich und schweisstreibend; dafür wurden wir am höchsten Punkt durch eine prächtige Aussicht belohnt; von weitem winkte die Tübinger Hütte, die uns an diesem Abend Obdach gewähren sollte, und auch ein Teil unseres späteren Weiterweges war zu erkennen.

Bei unserer ausgedehnten Rast auf der Passhöhe gesellten sich drei gemütliche Frankfurter ( ein Herr, den wir « Trampli » nannten, und zwei Damen ) zu uns, die wir bereits in der Tilisunahütte und später wieder unterwegs angetroffen hatten. Gemeinsam setzten wir unsern Weg fort, zunächst etwas steil abwärts; doch dann schlängelt sich der gute Pfad auf gleicher Höhe über Geröllhalden dem Berghaus zu. Leider trafen wir daselbst erstmals eine weniger angenehme Gesellschaft an, liessen uns aber in kleiner Runde den netten Abend nicht verderben.

Am Sonntag nahmen wir zeitig und bei herrlichem Wetter den Aufstieg zum Plattenjoch unter die Füsse. Die letzten 300 Höhenmeter mussten wir sogar mit Schneestapfen verdienen. Wir zogen vor, statt auf dem Plattenjoch zu bleiben, den höchsten Punkt der Plattenspitzen zu besuchen, den man, leicht kletternd, gemütlich in einer halben Stunde erreicht. In einem Gipfelbuch sind dort fast alle Berge aufgezeichnet, die in der Runde zu sehen sind. Die Hänge des Parsenngebietes, über welche die verschiedenen Skiabfahrten führen, lagen im sommerlichen Grün vor uns. Eindrücklich wirken von hier aus im Südosten die Gipfel des Grossen Seehorns und des Gross-Litzners. Nur ungern trennten wir uns von diesem schönen Punkt, doch wir durften den Weiterweg nicht vergessen. Vom Plattenjoch aus querten wir hinüber zum Schweizer- und dann zum Cromer Gletscher, zwei spaltenlose, schmale Gletscherzungen, die wir in ausgetretener Spur überschritten, um hierauf steil zur Saarbrückner Hütte zu gelangen. Sicherlich ist dieses prachtvolle Haus auch für einen längeren Aufenthalt sehr geeignet. Wir machten aber nur eine kurze Rast, um uns zu erfrischen, und wanderten weiter gegen das « Madiener Haus », wobei wir immer den Blick ins schöne Vermunttal schweifen liessen. Das Berghaus, das wir als Herberge für eine Nacht vorgesehen hatten, steht in unmittelbarer Nähe des grossen Silvretta Stausees und ist heute an der inzwischen erstellten Hochal-penstrasse gelegen. Schon bei unserm Besuch herrschte hier eher ein Betrieb wie in einem gutgehenden Wirtshaus als in einer Clubhütte Immerhin verbrachten wir einen gemütlichen Abend, zu dem ein Einheimischer aus dem Montafon auf vergnügliche Art beitrug.

Den nächsten Tag hatten wir « offiziell » als Ruhetag vorgesehen. Wir benützten ihn, um unsere Säcke eine Etappe weiter, bis zur Wiesbadner Hütte, zu tragen. Der Weg dorthin führt zunächst den sich schön in die Gegend einfügenden Stausee entlang und steigt dann durch das Ochsental. Den grossen Rest des Tages vertrieben wir uns, in der weitern Umgebung der Hütte herumlungernd. Wir konnten dabei allerlei Beobachtungen machen, die uns in dieser Umgebung nicht gerade freuten.

Dafür genossen wir um so mehr die Sicht auf die umliegenden Höhen, aus denen hier der Piz Buin besonders hervorsticht. Im übrigen sicherten wir uns für den nächsten Abschnitt unserer Tour einen Führer, da wir kein Seil bei uns hatten.

Punkt 6 Uhr brachen wir am Dienstag auf, um über den Östlichen Vermuntgletscher die Höhe der Ochsenscharte zu gewinnen. Der Marsch über den Gletscher bot keine Schwierigkeiten, denn es gab nur einige wenige Querspalten. So konnten auch die von « Trampli » geführten Frankfurter Damen ungehindert folgen. Dass wir auch die Dreiländer Spitze, 3197 Meter, « mitnehmen » würden, stand schon zum vornherein fest. So deponierten wir denn die Säcke, die von den Frankfur-tern bewacht wurden, auf der Scharte, um unbeschwert den Gipfel zu erklimmen. Der Berg heisst so, weil hier die Grenzen Vorarlbergs, des Tirols und der Schweiz zusammentreffen. Trotz seiner relativ geringen Höhe lohnt sich eine Besteigung schon wegen der schönen Rundsicht und dem Blick ins Unterengadin. Nachdem wir zu unsern Gefährten zurückgekehrt waren und unsere Säcke wieder geschultert hatten, ging es weiter über den Jamtalferner. Im Gegensatz zur andern Seite der Scharte gab es zur Zeit unserer Begehung hier ziemlich viele Spalten. Eindrücklich waren verschiedene Gletschermühlen, auf die uns der Führer aufmerksam machte, indem er einige Umwege einschlug. Die kreisrunden Löcher sind so tief, dass man hinuntergeworfene Eisstücke erst nach geraumer Zeit im Wasser aufschlagen hört. Nach Verlassen des Gletschers verabschiedete sich unser Begleiter Sepp Tschofen, um über die Tirolerscharte nach dem Ausgangspunkt unserer heutigen Tour zurückzukehren. Wir aber bummelten gemütlich zur Jamtalhütte, wo wir gerade rechtzeitig eintrafen, um noch ein ausgezeichnetes Mittagessen vorgesetzt zu erhalten. Am Nachmittag machten wir « Inneren Dienst », sahen dem Bergbach zu und ergötzten uns an einem Kampf zwischen einem Hund und einem währschaften Geissbock.

Bei immer noch sehr günstigen Wetterverhältnissen setzten wir anderntags unsern Weg fort. Er führte uns zum Zahnjoch ( 2946 Meter ), das wir - zuletzt über den spaltenlosen Kronenferner -in mühelosem Marsche erreichten. Wieder einmal überschritten wir hier die Schweizer Grenze und betraten damit auf dieser Tour endgültig heimatlichen Boden. Auf einen Besuch des Fluchthorns verzichteten wir. Der Aufstieg schien uns angesichts des brüchigen Gesteins zu beschwerlich. Als alte Geniesser rasteten wir dafür wieder einmal sehr ausgiebig, was bei der prachtvollen Rundsicht sicher ein guter Einfall war. Hier war es auch, wo wir uns - wie schon oft - über die Sorglosigkeit gewisser Leute ärgerten, die solche - wenn auch ungefährliche - Touren unternehmen. Eine Alleingängerin mit Halbschuhen und hohen Absätzen, den Proviant in einer Papiertragtasche in der Hand, mit keinerlei zusätzlichen Kleidungsstücken zu ihrem Dirndelkleid ausgerüstet, kreuzte unsern Weg. Sie nahm von unserer Bemerkung, dass sie sich schon seit längerer Zeit auf einem Gletscher befinde, ungläubig Notiz. Für uns schlug dann auch gelegentlich die Stunde des Weitermarsches. Obschon ganz nach Österreich orientiert, trägt der Firn, den wir nun überqueren wollten, den romanischen Namen « Vadret da Fenga ». Die Grenzverhältnisse sind hier beinahe etwas verwirrend. Die Heidelberger Hütte, in der wir nächtigten, liegt auf Schweizer Boden, doch gehört sie nicht dem SAC, sondern dem DAV; die Verpflegung wird von Österreich herbeigeführt, und die Preise sind in österreichischer Währung angegeben. So wird denn auch mehrheitlich in Schilling bezahlt. Beim Abstieg zur Hütte hatten wir ein sehr schönes Erlebnis: Wir stiessen bald nach Überschreiten der Schneegrenze auf eine Herde frei weidender Pferde mit herrlichen hellblonden Mähnen und Schweifen; sie sahen aus wie Steppentiere. Trotz ihrer Grosse bewegten sie sich auf den mit Felsbrocken übersäten Hängen fast mit der Eleganz des Steinwildes. Wir erfuhren später, dass es sich um Pferde handle, die hier oben sommern, ohne dass Ställe vorhanden wären und ohne Beaufsichtigung durch einen Hirten.

Wie in den bisher besuchten Hütten fanden wir auch in der Heidelberger Hütte gute Aufnahme und konnten in Zimmern übernachten, was uns älteren Jahrgängen ganz erwünscht war. An diesem zweitletzten Tage unserer Wanderung feierten wir Abschied von unsern Frankfurter Begleitern. Wir waren in froher Kameradschaft unterwegs gewesen, wobei wir zuweilen getrennt marschiert waren, uns aber immer wieder zusammengefunden hatten. Sie beabsichtigten, am nächsten Tage ins Paznauntal abzusteigen, wir wollten noch den Fimberpass - den Cuolmen d'Fenga, wie er so schön auf romanisch heisst - überschreiten.

Am dreizehnten und letzten Tag unserer Fahrt machten wir uns ohne Hast auf den Weg zum letzten Anstieg. Die etwas mehr als 300 Meter Höhendifferenz waren bald überwunden. Gleichsam zum Abschied grüssten uns hier noch einige vereinzelte Edelweisse, die sich in Gesellschaft von Bergastern besonders schön ausnahmen. Nach einem letzten Blick zum Zahnjoch und Fluchthorn ging es wieder einmal talwärts. Von der Alp Chöglias an nimmt das bis dahin wilde Gelände einen lieblichen Charakter an. Links grüssen Stammerspitz und Muttler; auch entdeckten wir den Piz Chamins, den wir als schönen Skiberg kennengelernt hatten. Seit vierundzwanzig Stunden schon befanden wir uns wieder endgültig in der Schweiz, nachdem wir vorher zuweilen mehrmals täglich die Grenze in beiden Richtungen überschritten hatten. Doch erst jetzt begegneten wir einem Angehörigen unserer Grenzwache. Da ich sozusagen als Vorhut voranschritt und zudem einen immer noch respektablen Rucksack trug, forderte er mich höflich auf, diesen abzulegen und auszupacken. Ich leistete dem Wunsche Folge, erkundigte mich aber anschliessend, wieso er dies verlangt habe, da wir doch aus der Schweiz gekommen seien. Es stellte sich dann heraus, dass wir uns auf Pfaden befanden, die hie und da von Schmugglern begangen werden, weshalb das Personal den Auftrag hat, Stichproben zu machen. Wir trennten uns nach längerem Gespräch « in Minne » und setzten unsern Weg nach Vnà -auch Manas genannt - fort, wo wir in der einzigen Pension gute Unterkunft fanden. Bei einer feinen Bündner Platte und einem letzten Plauderstündchen mit unsern Wandergefährten aus Winterthur genehmigten wir selbstverständlich auch noch ein gutes Glas Veltliner, bevor wir zu Bett gingen.

Unsere Begleiter fuhren anderntags nach Hause. Wir aber traten, nachdem wir Ramosch erreicht hatten, eine reichlich lange Reise nach Andermatt an, um weitere acht Tage im Gotthardgebiet zu verbringen. Doch dies gehört bereits auf ein anderes Blatt. Wenn der geneigte Leser uns auf unserer Wanderfahrt begleitet hat, wird er ohne Zweifel feststellen, dass sich auch am Rande des eigentlichen Hochgebirges recht schöne Fahrten ausführen lassen, an die man sich immer mit Freude erinnert.

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