Walliser Siedelungen

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Von Otto Stettier.

Wallis, du Traumland des Rergsteigers und Alpenwanderers! Wer deine Täler und Berge durchstreift, wird die himmelstürmenden Felsgräte und eisgepanzerten Viertausender, deine sturmzerzausten Lärchen- und Arvenwälder, deine tosenden Wildbäche nie vergessen. Aber du bietest dem besinnlichen Wanderer noch Schöneres, Lieblicheres: klarblaue, stille Bergseen, blumenbedeckte Alpweiden, Rebberge unter südlicher Sonne und vor allem deine märchenstillen Weiler und Dörfchen auf grünem Rasenteppich.

Abgeschlossen durch mächtige Bergwälder, nur auf schwer begehbaren Alpenpässen und durch die Talenge bei St. Maurice mit der übrigen Welt verbunden, blieb das Tal jahrhundertelang von fremden Einflüssen frei. Selbst heute noch, da wichtige internationale Verkehrswege längs und quer das Tal durchschneiden, lebt in den einsamen Seitentälern ursprüngliches Volkstum in Sprache, Trachten, Sitten und Gebräuchen und besonders in den alten Bauformen weiter.

Wohl haben in den letzten Jahrzehnten die grössern Ortschaften des Haupttales und vor allem die Fremdenzentren ihre ehemalige Gestalt durch Anpassung an die Bedürfnisse der Neuzeit vollständig verändert und jeden charakteristischen Zug verloren; aber in Gegenden und Tälern mit ausschliesslich landwirtschaftlichem Betrieb zeigen die Dörfer noch ein schönes Stück Mittelalter. Wer je ein typisches Walliserdorf gesehen hat, wird es nie vergessen: zusammengepfercht auf engem Raum schmiegen sich die vielen schwarzen Wohnhäuser mit den unzähligen Stadeln und Scheunen, Speichern und Ställen an den Berg, und aus ihrer Mitte ragt weiss und ernst das mächtige Gotteshaus empor.

Wenn man die Lage solcher Haufendörfer näher betrachtet, so sieht man bald ein, warum die Siedelung gerade hier entstehen musste. Entweder liegt das Dorf auf bergsturz- und lawinensicherer Terrasse ( Ried ob Mörel, Grengiols, Levron und Vollèges im Val de Bagnes ), an bevorzugter Sonnenexposition ( Törbel, Grimentz, Verbier ), im Schutze eines mächtigen Hochwaldes ( Visperterminen, Grächen, Saas-Balen, St. Luc, Chandolin ) oder auf einem alten, sich leicht über die Talsohle erhebenden, hochwasser-geschützten Schuttkegel oder Talboden ( Evolena, Randa, Ernen, Mühlebach ). Neben diesen mehr lokalen Gegebenheiten spielt natürlich auch die Art der Wirtschaft, die Lage der Grundstücke und vor allem auch die Verkehrsbedeutung ( Taleingang, Talstufe ) für die Besiedelung eine wichtige Rolle.

Der Boden einer Gemeinde reicht in den meisten Tälern vom Fluss bis zu den höchsten Bergkämmen hinauf; die nutzbaren Grundstücke eines einzelnen Bewohners ( Rebberge, Äcker, Gras- und Heuwiesen, Weiden, Wald ) können somit zwischen 500 und 2600 Meter ü. M. verstreut liegen. Der Walliserbauer ist deshalb gezwungen, zwischen diesen Grundstücken mit seiner Familie und Viehhabe auf- und abzupendeln; er ist gezwungen, auf den verschiedenen Etappen Wohn- und Wirtschaftsbauten zu erstellen. Dieses Nomadenleben zeigt sich am ausgeprägtesten im Eifischtal und kommt in den andern Tälern in den verschiedensten Spielarten vor.

Trotz des Vorherrschens der Alpwirtschaft legt der Walliser seine Haupt-wohnung, das eigentliche Dorf, meist noch in die Zone des Getreidebaus, also selten über 1600 Meter. Die wenigen Ausnahmen ( Chandolin 1936 m, Saas-Fee 1800 m, Gasenried 1655 m ) erklären sich durch eine bevorzugte, milde Lage. So vereinigen sich denn an einem besonders günstigen Platz die Wohnungen und Wirtschaftsgebäude einer Anzahl Bauern zu einem Dorf. Gewiss spielt dabei auch der Wunsch mit, sich im Kampfe gegen die Unbilden der Natur zu vereinigen und sich gegenseitig zu schützen. Diese Ansammlung von Gebäuden auf engem Raum hat aber auch ihre Nachteile; wir denken da besonders an die grossen Brandkatastrophen, von denen das Wallis fast alljährlich heimgesucht wird ( Obergestelen, Blitzingen, Lourtier, Bovernier, Chandolin ob Sitten usw.denn wenn der rote Hahn sich irgendwo bei heftigem Wind aufs Dach setzt, dann ist es um das Dorf geschehen.

Die Gebäude, die der Walliserbauer auf den höher oder tiefer gelegenen Grundstücken ( Vorsass, Alp, Mayen ) erstellt, liegen naturgemäss einzeln oder in kleinen Gruppen auf dem ganzen Hang zerstreut, und da sie oft nur wenige Tage oder Wochen bewohnt werden, sind sie auch viel primitiver eingerichtet. Sie bestehen gewöhnlich nur aus einer Wohnküche mit angebauter Schlafkammer und aus einer Scheune mit Stall.

Es gibt aber auch Gegenden, wo der Bauer sesshaft ist und nebst der Alpwirtschaft ausgesprochenen Grasbau treibt; hier liegen die Grundstücke desselben Eigentümers meist näher beisammen und bilden grössere Komplexe. Es lohnt sich deshalb, Wohnung und Wirtschaftsgebäude möglichst in die Nähe dieser Güter zu bauen, wodurch eine viel lockerere Siedelung entsteht. Statt des Haufendorfes treten hier überall kleine Gruppen mit nur wenigen Gebäuden auf, und jede trägt dann ihren eigenen Namen: auf den Platten, zum See, zum Stein, Bodmen, Riedje, Ritinen, im Boden, Furren, in der Eggen, in der Mühle usw. Gerade diese Weiler bilden in ihrer geschlossenen Einheitlichkeit und malerischen Anordnung der braungebrannten Gebäude auf grünem Rasengrund den Hauptreiz der Walliserlandschaft; unzählige Maler haben sie schon im Bilde festgehalten.

Wenn wir zur Betrachtung der einzelnen Gebäude übergehen, so werden wir feststellen, dass in der Regel jedes Gebäude nur einem Zweck dient: das eigentliche Wohnhaus mit Küche, Schlaf- und Wohnraum für die Menschen, die Scheune ( « Schür », Grange ) mit Stall für das Grossvieh und einer Bühne für das Heu, die verschiedenen Arten von Speichern ( Stadel ) zur Aufbewahrung des Kornes und anderer Vorräte, das Backhaus, die Mühle, das Brunnen-, zugleich Waschhaus.

Der verstorbene Bernerarchitekt Karl Indermühle, ein guter Kenner des Wallis, äusserte sich oft im Gespräch, er sei überzeugt, dass vor Beginn des 16. Jahrhunderts auch Küche und Wohnstube in selbständige Gebäude getrennt waren, und führte Beispiele aus z'Mutt und Grächen an, aus denen hervorging, wie erst nach 1500 an das Stubenhaus eine Küche gebaut wurde. Im Feuilleton des « Bund » vom 17. August 1928 schrieb Indermühle:

« Wir sehen, wie bis zur Einführung des mehrräumigen Wohnhauses im Laufe des 16. Jahrhunderts der Hof nur aus einräumigen Bauten bestand. Im Mittelpunkt wird das Feuerhaus, anfänglich und lange nur als Dachbau durchgeführt, gestanden haben, in dem am offenen Feuer für Menschen und Tiere gekocht und gekäst worden ist. Daneben standen das Stubenhaus, das Backhaus, das Mühlenhaus... » Das Wohnhaus. Die Grundform des eigentlichen Wohnhauses ist das sogenannte Gotthardhaus, von H. Brockmann-Jerosch so benannt, weil der St. Gotthard ungefähr im Zentrum seiner Verbreitung liegt. Es besteht in der eben beschriebenen Verbindung der Wohnküche mit dem Stubenhaus, wobei letzteres fast immer als Holzblockbau talseitig vor die gemauerte Küche gestellt ist 1 ). Indessen findet man diese einfache Grundform im Wallis nicht mehr sehr häufig. Das Walliserhaus hat sich sowohl in die Breite als auch in die Höhe entwickelt: neben die eigentliche « Stube » ist eine kleinere Kammer ( « Chammere » ) getreten, und über dem Erdgeschoss erheben sich zwei bis drei weitere Stockwerke.

Der Bau zerfällt in das aus Lärchenholz gezimmerte, auf der Sonn- oder Talseite gelegene « Vorhus » mit Stube und Kammer und in das berg- oder schattseitige « Nahhus », auch « Fürhus » und « Byhus » genannt ( Küche ). Unter dem « Vorhus » liegt meist der gemauerte Keller; er dient so dem Blockbau als erhöhtes, trockenes Fundament. Aber während bei ältern Häusern nur Keller und unterste Küche in Stein erstellt sind, reicht das Mauerwerk bei mehrstöckigen neuern Bauten oft bis unter das Dach. Das Schwinden der reichen Waldbestände zwang eben vielerorts, mit dem Holz etwas vorsichtiger umzugehen.

Beim Bau eines solchen Hauses wird zuerst der mehrstöckige Holzblock errichtet, der dann 2—3 Jahre stehen bleibt, damit das Holz abdorren und sich « setzen » kann. Solche Halbhäuser muten an wie kleine Wolkenkratzer.

Die Hauswände bestehen aus vierkantigen Bohlen, deren Enden sich an den Hausecken überkreuzen und sich so gegenseitig versteifen. Dieses « Ingwätten » oder « Stricken », wie der Oberwalliser sagt, ist ein Charakteristikum aller Blockbauten; das « Gwätt » mit seinen ungleich herausragenden Bohlen-enden gibt dem Walliserhaus etwas Urwüchsiges, Bodenständiges. Das Lärchenholz wird mit dem Alter auf der Sonnseite fast schwarz, was dem Haus ein etwas düsteres Gepräge gibt. Dieser Ernst wird durch die weissen Fensterrahmen und vielerorts durch den einzigartigen Blumenschmuck auf den Fenstersimsen erheblich gemildert. An ältern Häusern beobachtet man nicht selten auf der Giebelfront einfache Schnitzereien, hauptsächlich Wellen-und Würfelfries.

Die Stube ist ein grosser aber niedriger Raum. Im Nikolaital mass ich Lichthöhen von kaum 170 cm und Türöffnungen von 130x75 cm. Dass da die baumlangen Walliser bequem ein- und ausgehen können, möchte ich nicht gerade behaupten!

An der Decke ragen ein oder zwei starke, bis 70 cm breite Unterzüge, die « Binden », hervor. Sie werden vom Zimmermann sehr liebevoll behandelt und mit farbigen Inschriften und Ornamenten versehen. Meist tragen sie die Namen der Erbauer und des Zimmermanns nebst der Jahreszahl. Die ältesten noch leserlichen Zahlen weisen auf das Ende des 15. Jahrhunderts; es scheint demnach, dass solche Holzhäuser nicht mehr als 400—500 Jahre überdauern.

In ganz alten Häusern bildet die Stubendecke eine « Welbe » oder « Wölbi », indem die « Binden » etwas höher liegen als der obere Rand der Stubenwände. Die Fenster liegen meist nach Süden und haben früher die Dimension 30x40 cm selten überschritten. Der Bewohner konnte also kaum den Kopf zum Fenster hinausstrecken. Erst nach Einführung der Bleiverglasung, die nach Indermühle in den Bergdörfern gegen Ende des 16. Jahrhunderts anzunehmen ist, wurden die Fensteröffnungen grösser. Vor dieser Zeit verschloss man die Fenster tagsüber mit Tuch oder Schweinsblasen, nachts mit aufklappbaren Brettern.

An der Wand gegen die Küche steht der grosse Ofen aus Giltstein mit gemütlichem Steinsitz oder mit hölzerner Ofenbank. Er wird von der Küche aus geheizt. Türfüllungen zeigen nicht selten primitive Schnitzereien, und die Beschläge und Schlösser sind zum Teil gute Handarbeit.

Da die Walliserfamilien in der Regel mit Kindern reich gesegnet sind — das Dutzend ist keine Seltenheit — bietet die Schlafgelegenheit im Winter gewisse Schwierigkeiten, besonders wenn in der Stube noch ein Webstuhl Platz finden muss. Die grössem Kinder werden in der Kammer neben der Stube untergebracht, die kleinern in der Schublade des Elternbettes, die nachts hervorgezogen wird. Das Elternbett ist also « zweistöckig » gebaut und ragt fast bis an die « Welbe » hinauf.

Ein heimeliger Raum ist die Küche, das « Fürhus »; hier nimmt die Familie tagsüber ihre Mahlzeiten ein — gewöhnlich ist zwar nicht für alle Sitzgelegenheit — und bei schlechtem Wetter dient sie den Kindern als Wohnraum. Sie ist also eine Art Wohnküche. In ältern Häusern wird auf einer grossen Steinplatte, im Oberwallis « Trächa » genannt, gekocht. Die kupfernen Kochgeschirre hängen an Sparren oder Ketten über dem offenen Feuer; oft werden sie auf eiserne Dreifüsse ( « Dryfues » ) gestellt. Als Rauchfang dient der « Chemimantel », der den Rauch in den Kamin leitet. Häufig findet sich auch noch die alte Rauchküche, die bis unter das Dach reicht; der Rauch entweicht dann durch die Dachlucken.

Das Dach ist fast ausnahmslos zweiflächig — also ein Satteldach — auch bei den Nebengebäuden. Die First liegt in der Richtung des grössten Gefälles. Die Frage der Bedachung bietet im Wallis keine Schwierigkeiten; zahlreich sind die kleinern und grössem Steinbrüche, in denen die prächtigen, grossen Dachplatten gebrochen werden. Sie sind ein ideales Bedachungsmaterial, beschweren das Dach und schützen es vor Sturmschaden. Um ein Abrutschen möglichst zu verhindern, werden die Dächer sehr flach angelegt. Bietet die Beschaffung von Steinplatten in einzelnen Gegenden Schwierigkeiten, so werden dicke Holzschindeln verwendet. Die Beschwerung erfolgt dann mit Steinblöcken.

Die moosbewachsenen, silbergrauen Dächer der Walliserhäuser erreichen ein ansehnliches Alter; wenn etwas ersetzt werden muss, so sind es gewöhnlich die morsch gewordenen Dachsparren.

In den letzten Jahrzehnten wurden selten mehr Einfamilienhäuser gebaut; dies rührt wohl daher, dass sich die Bevölkerung des Wallis in den letzten hundert Jahren verdoppelt hat. Auch der Wunsch nach mehr Bequemlichkeit und Wärme mag da und dort massgebend gewesen sein. Vielfach wurden auch alte, einsame und weit abgelegene Siedelungen verlassen; ihre Bewohner suchten Anschluss an das Dorf, wo moderne Hilfsmittel besser erreichbar waren.

Zwei- und Vierfamilienhäuser bilden die Norm, wobei das Haus meist als Doppelwohnhaus erstellt ist. Es liegen dann je zwei « Umgänge » ( d.h. Wohnungen ) neben- und übereinander. Dabei hat fast jeder Bewohner Eigentumsrecht an seinem « Umgang », was man am verschiedenen Zustand und Aussehen der Fenster sofort erkennt. Ein elterliches Haus wird gewöhnlich derart unter die Kinder, die im Dorf heiraten, verteilt. Sind aber zu wenig « Umgänge » vorhanden, so baut man einfach noch eines oder zwei Stockwerke auf, denn so erspart man ja auch einen der spärlich vorhandenen Bauplätze.

Eine besondere Note erhält das Walliserhaus durch die auf der Sonnseite eines jeden Stockes angebrachten Lauben, deren Aussenwände gewöhnlich nur aus einigen längsseitig angebrachten Stangen bestehen. Darauf werden allerlei Früchte und Gewächs, auch Wäsche, getrocknet. Man kann nicht sagen, dass diese Lauben dem Haus — wie dies in hohem Masse beim Berner Oberländerhaus der Fall ist — ein freundliches und wohnliches Aussehen geben, zumal sie oft in sehr schlechtem Zustand belassen werden. Sie dienen aber mehr praktischen, weniger dekorativen Zwecken. Fast ausnahmslos trifft man sie im Eringertal sowie im mittleren und untern Wallis, während die Häuser des Goms und der obern Seitentäler ihrer des rauheren Klimas wegen fast ganz entbehren.

Wenn wir so das Wohnhaus in seiner Anlage und äussern Form charakterisiert haben, dürfen wir aber einiger Ausnahmen nicht vergessen. Da finden wir zum Beispiel in Stalden und im Goms Haustypen, bei denen das ganze Erdgeschoss, oft sogar auch noch der erste Stock, ganz in Mauerwerk ausgeführt ist, während der darauf gestellte Holzblock mehr als einen Meter über den gemauerten Teil vorspringt. Diese Lösung ist äusserlich recht hübsch, bietet eine bedeutende Vergrösserung des Wohnraumes und wird sich besonders in strengen Wintern bewähren.

Viel ausgesprochener ist aber die Abweichung im Val d' Illiez, dem westlichsten Seitental der Rhone.Vergebens suchen wir hier die schwarzen Lärchenblockhäuser und Stadel. Das Wohnhaus gleicht eher einem Brienzer-chalet. Auf dem steinernen Kellergeschoss erhebt sich der Holzbau, der auf der Firstseite eine breite, reich ausgeschnitzte Laube trägt. Ganz eigenartig mutet der weit vorspringende Dachgiebel an. Er zusammen mit den heimeligen Lauben, die viele Häuser von zwei oder gar drei Seiten umschliessen, geben dem Bau ein ungemein gemütliches und freundliches Gepräge. Dabei ist zu sagen, dass das Tal auch in der ganzen Siedlungsart anders geartet ist; es ist eben kein Hochgebirgstal, sondern trägt eher den Charakter eines Voralpentales.

Ähnliche Ausnahmen finden wir auch in der sonnigen Gegend von Savièse, wo ein breitdachiger Haustypus vorherrscht. Die sonnseitige Giebelwand ist auf der Höhe des Daches offen und lässt Sonne und Wind Zutritt.

Ganz andere Wege ging die Entwicklung in den Ortschaften an den alten, vielbenützten Verkehrsstrassen, z.B. am Grossen St. Bernhard, also im Val d' Entremont. Da entstanden Steinbauten mit meterdicken Mauern; sie reihen sich in Liddes und Bourg St. Pierre links und rechts der Strasse entlang, als wollte jedes von diesen Häusern etwas vom regen Strassenverkehr profitieren. In den obern Stockwerken befinden sich Lagerräume, in denen früher Waren aufgestapelt wurden. Diese Dörfer, vor allem auch Sembrancher und Orsières, die zu kleinen Städtchen anwuchsen, waren ehemals Umladestationen, Susten. Heute haben sie von dem unheimlichen Autoverkehr nichts mehr als den Strassenstaub.

Die Wirschaftsgebäude. Unter den zahlreichen Nebengebäuden einer Wallisersiedelung fällt uns besonders ein kleiner Blockbau, im Volksmund allgemein « Stadel » genannt, auf. Für ihn sind besonders die bekannten « Stadelfüsse » charakteristisch. Er ruht nämlich auf einer Anzahl mehr oder weniger senkrechter, etwa 80 cm hoher Holzstützen, die oben durch eine grosse, glatte Steinplatte abgeschlossen werden. Dadurch erreicht man zweierlei: absoluten Schutz vor Feuchtigkeit und Fernhaltung der Mäuse und des übrigen Ungeziefers. Indessen gibt es zwei Arten von Stadeln. In der Nähe des Wohnhauses steht, auch im Winter gut erreichbar, der Speicher, ein Vorratsraum für Mehl, Dörrfleisch, Käse, Brot usw. Aber auch Kleider, besonders alte Trachten und Militäruniformen, werden hier aufbewahrt 1 ).

Der eigentliche Stadel ist ein Getreidespeicher ( Grenier ) und steht sehr oft weit weg vom Wohnhaus, d.h. in der Nähe der Getreideäcker. Er ist klobiger und rauher gezimmert als der Vorratsspeicher und besitzt auf der Sonnseite nicht selten « Briegen » oder Lauben mit Aufhängestangen zum Trocknen des Getreides. In der Mitte des innern Stadelraumes befindet sich ein breiter Gang, die Tenne, zu dessen beiden Seiten die Aufbewahrungsräume für das Getreide abgetrennt sind. Wird die Ernte — meist Roggen, aber allgemein « Chore » genannt — in den grossen Korntüchern eingetragen, so werden die Ähren an den Seitenwänden der Tenne vorerst etwas ausgeschlagen ( damit die reifsten Körner ausfallen ) und dann in den Seitenverschlägen versorgt. Erst während des Herbstes und Winters wird das Gewächs in der Tenne mit Flegel endgültig gedroschen. Das Trommeln auf dem unterhöhlten Stadelboden ist dann in der winterlichen Einsamkeit stundenweit hörbar.

In der Scheune ( Grange ) oder « Schür », die im gemauerten Erdgeschoss fast immer den Kuhstall enthält, wird das Heu und Emd eingelagert. Auch sie steht gewöhnlich in unmittelbarer Nähe des Wohnhauses, so dass sie auch in strengen Wintern leicht erreichbar ist. Wird sie auf abgelegenen Heuwiesen gebaut, wo dann im Winter auch das Vieh bis zur Vertilgung des Heuvorrates längere Zeit weilt, so enthält sie etwa auch eine heizbare Kammer nebst primitiver Küche für den « Hirtner ». Fehlt aber diese Unterkunft, so muss der lange Weg vom Dorf zum Stall täglich zweimal zurückgelegt werden. In strengen Wintern kann dieses « Hirtnen » für die betreffende Person — in vielen Dörfern besorgen ausschliesslich die Frauen das Vieh — zur wahren Strapaze werden.

Während vielerorts der Backofen aussen an die Küche des Wohnhauses angebaut ist, trifft man in andern Dörfern grössere, gemeinsame Backhäuser; sie werden dann in möglichst zentraler Lage errichtet und mit einem Vorraum versehen, wo der Brotteig verarbeitet werden kann. Die Reihenfolge für die Benützung des Ofens wird durch die Backtesslen bestimmt; das sind an einer Schnur aufgezogene Brettchen, in denen die Familienzeichen eingeschnitzt werden.

Ähnlich verhält es sich mit dem Mühlenhaus. Nach den vielen alten, zerfallenen Mühlen zu schliessen, baute sich früher jede Sippe von 2—3 Familien, jeder Weiler und jeder Einzelhof sein eigenes Mühlenhaus. Man findet sie gewöhnlich in der Nähe der alten Wässerfuhren; sie werden aber nur betrieben, wenn das Wasser nicht für die Bewässerung benützt wird. Zur Ausnützung der Wasserkraft benützt der Bauer entweder ein oberschlächtiges Wasserrad oder eine einfache Freistrahlturbine an senkrechter Achse. Das Druckrohr ist aber nur aus Brettern gezimmert und wird durch ein Sparrenwerk zusammengehalten. Das Wasser spritzt dann aus einer engen Öffnung auf die Bretter des Turbinenrades. Diese eigenartige Konstruktion ist jedenfalls Jahrhunderte alt und hat sich bewährt; sie zeugt vom Handgeschick und praktischen Sinn der Walliser. Mehr und mehr gehen aber diese alten Mühlen ein, zerfallen, werden abgerissen und machen der neuern Technik Platz.

Ähnlich wie die Wohnhäuser sind auch die Nebengebäude, besonders Speicher und Getreidestadel, für mehrere Benützer ( « Geteile » ) gebaut. Die Speicher vor allem sind fast immer zweistöckig, oft doppelseitig und können für ein halbes Dutzend « Geteile » Platz bieten.

Scharen sich die Siedelungen zu Dörfern zusammen, so findet man in der Regel alle Gebäude, die dem gleichen Zwecke dienen, in Reihen vereinigt. An der « Hauptstrasse » stehen die hohen, schwarzgebrannten Wohnhäuser, in der Hintergasse reiht sich Stall an Stall, und über jedem erhebt sich die mit Heu gefüllte Scheune, zugänglich gemacht durch die angestellte Leiter. In den Seitengässchen finden sich mannigfaltig angeordnet die vielen Speicher und Stadel, die Ställe für das Kleinvieh ( Geissen, Schweine und Hühner ) und die vielen, vielen Misthaufen, ein Eldorado für Fliegen und anderes Geschmeiss. Wenn sich der gwundrige Fremde in das Gässchengewirr abseits der « Hauptstrasse » begibt, so soll er das lieber nicht an einem heissen Julitage tun, sonst bekommt er einen falschen Begriff von der würzigen Walliserluft —.

Das Wallis ist der kinderreichste Kanton der Schweiz; sein Geburten-überschuss betrug in der letzten Zeit jährlich über 1200 Menschen. Die Landwirtschaft ist niemals imstande, diesen Überschuss aufzunehmen; in zahlreichen Tälern kann der Boden seine Bewohner trotz ihrer Anspruchslosigkeit nicht mehr ernähren. Bis jetzt konnte der Geburtenüberschuss durch Abwanderung ausgeglichen werden; einen Teil nahmen auch der Fremdenverkehr und da oder dort eine neue Industrie auf. Aber heute, wo alles stockt, ist eine arge Not hereingebrochen, und das Wallis macht verzweifelte Anstrengungen, neue Mittel und Wege zur Ernährung seiner Bevölkerung ausfindig zu machen. Es ist etwas Schönes um die abgeschlossene Bergeinsamkeit, um die verklärte Ruhe eines Walliser Bergdorfes; aber aus ihr können die grossen Familien nicht mehr leben. Die neue Zeit verlangt neue Wirtschaftsformen, der Bergler muss nach neuen Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten suchen. Er wird auch seine Landwirtschaft, seine Forst- und Alpwirtschaft revidieren müssen.

Vieles, was wir heute im Wallis noch sehen und lieben, wird in den nächsten Jahrzehnten verschwinden; die abgelegensten Täler werden dem Verkehr erschlossen, und die Neuzeit wird überall eindringen. Auch die Walliser Siedelungen werden langsam aber stetig ein anderes Gesicht bekommen, ihre Eigenart und Unberührtheit wird den modernen Einflüssen erliegen. Wir haben kein Recht, darüber zu schimpfen. Die Macht der Verhältnisse ist stärker als der Wunsch, Althergebrachtes zu erhalten.

Mag das Idyll manches Saumweges einer Autostrasse Platz machen! Mag das Walliser Bergdorf ein anderes, moderneres Aussehen annehmen! Eines wird bleiben: die erhabene Grösse und Schönheit der Walliserberge!

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