Wanderung durch das Urner Schächental

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Mit 8 Bildern.Von Max Oechslin.

Es mag gar bescheiden erscheinen, von einer Wanderung zu plaudern, bei der es nicht um Ersteigung wilder Wände und stolzer Gipfel, auch nicht um packende Tiefblicke und weite Fernschau geht als vielmehr um den Einblick in einige Dinge einer Talschaft. Auch das gehört ja letzten Endes zum Ziel des Bergsteigens: Land und Leute kennen zu lernen. So sei dieser blosse Wanderbericht gewagt!

Das Schächental öffnet sich rechtwinklig zum Urner Reusstal und greift über die Klausenpasshöhe mit dem Urnerboden weit ins Glarnerland hinab, als möchte es dafür ein Beispiel sein, dass wirtschaftlich beide Seiten eines Passes zusammengehören und also die Grenze zusammengehörender Gebiete nicht immer mit der Wasserscheide zusammenfällt.

Wenn man zu Flüelen oder Altdorf den Zug verlässt, so steht die Pyramide des Bristenstockes so breit und wuchtig im Haupttale, dass man als einfacher Wanderer willig den Weg zur Linken wählt, auf dem man durch satte, blumige Wiesen an währschaften Bauernhäusern vorbei und durch trauliche Altstadtgassen einer kantonalen Residenz mit behäbigen Bürgerhäusern zum Eingang des Schächentales gelangt. Hinter uns bleibt die fruchtbare Reussebene liegen, gegen Norden vom blauen Wasser des Vierländersees begrenzt und ringsum von trutzigen, zum Himmel ragenden Bergen umstellt.

Vor uns steht Bürglen, das Eingangsdorf in dieses Tal, das urnerisches Wesen in guter Tradition bis zum heutigen Tag erhalten hat. « Die Genossame Bürglen ob dem Gräblin » lesen wir noch in Johann Conrad Fäsis « Staats-und Erdbeschreibung der ganzen Helvetischen Eidgenossenschaft, derselben gemeinen Herrschaften und zugewandten Orten » ( Zürich 1766 ), denn dazu-malen war die Ortschaft in zwei Genossamen geschieden: in den Teil hinter dem Gosmerbach, der von der Haldihöhe in tiefem Graben durch den Wald bricht und die Felder teilt, und in die Genossame vor dem Bach, die bis Schattdorf hinübergriff und ins Gebiet der Reussebene. Erstaunt betrachtet man heute die eigenartige Grenzenziehung dieser Bürglergemeinde, die mit schmalem Streifen längs dem Schächenbach zwischen dem Boden von Altdorf und Schattdorf bis zur Reuss reicht und am Fuss der Gemeinde Attinghausen endet. Das war der frühere Schachenwald längs dem Schächenbach. Und weil der wilde Schächen immer wieder Geröll, Kies und Schlamm aus dem Tale hinab ins Ebenengebiet führte, so musste auch diese « eigene Erde » dem Dorf e verbleiben, mit allen Wuhrrechten und Wuhrpf lichten. Im Dorfteil ob dem Graben steht auch die kleine Tellenkapelle am Nebenweg, der ob der Säge abzweigt und zur Pfarrkirche hinaufführt und an dessen oberm Ende ein eigenartiges Tellendenkmal steht, das früher seinen Platz auf dem Kirchwegbrunnen zu Altdorf hatte und nach einem Modell des Tellenmonu-mentes an der Eingangspforte zum Festplatz des eidgenössischen Schützenfestes in Zürich 1859 geschaffen sein soll. Die kleine Kapelle, die mit Bilder- « S..1..;/. rJ-1;iA-V,ilit-i-^;,Viii.i/.: > .»jj;, " lÄ^iiw'U.^.^^'rkr.iS:.is;'-i^iju-,jL^S^/r;''J szenen aus dem Leben Teils geschmückt ist, stammt aus dem Jahre 1522 und ermahnt den Wanderer, eine Weile zu halten und der Tellengeschichte zu gedenken, die ihm gerade heute eindringlich vom Kampf um die Freiheit der Eidgenossen erzählt. Denn das Bergwandern soll uns immer wieder zur lebendigen Heimatkunde werden, auf dass wir als Schweizer wissen, wie ehern im alten Bundesbrief von 1291 die Markgenossen von Uri, Schwyz und Nid-dem-Wald die Schicksalsgemeinschaft der ersten Bundesländer festgelegt haben, um richterliche und völkische Unabhängigkeit, die stete Freiheit zu besiegeln. Der Meyerturm zu Bürglen ist bis zum heutigen Tag das Wahrzeichen des Dorfes geblieben, efeuumrankt und so viele Geheimnisse bergend, dass hier die Burgenforscher noch eine Fundgrube zu interessanten Deutungen finden werden. So ist im dicken Mauerwerk auf der Südwestseite im obern Turmsaal ein schiefer Aufstieg verborgen, dessen Einstieg von einem Nischenkasten verdeckt ist und der wahrscheinlich zu einer Laube führte, von der aus ins Tal zum Turm der « alten Turmmatte » zu Altdorf die Zeichen weitergegeben werden konnten und hinüber zur Burg Attinghausen. Ein zweiter Turm ist im Tellengasthaus eingebaut und ein dritter beim Gasthaus zum Adler, so dass wir das Wort Bürglen gar wohl als die Benennung des Burgenhügels deuten können, aus dem das alte urkundliche « Burgolen beim Gräblin » wurde.

Hinter Bürglen öffnet sich das fruchtbare Schächental, das wir als ein land- und waldwirtschaftliches Tal bezeichnen können. So sind die Schattseit-lehnen dem geschlossenen Wald belassen, und nur auf den Terrassen und wenigen Hängestreifen griff die Rodung ein, um freies Land zu gewinnen. Dagegen sind die sonnigen Südhänge weitgehend gerodet, ihre natürliche Waldgrenze ist fast völlig verschwunden, und selbst in steilen Bachgräben griffen Axt und Säge des Menschen so in den Wald ein, dass sogar der schützende Bergwald zerstört wurde, heute manch böser Wildbachgraben die Hänge durchfurcht, bei Hochwasser Schutt und Not in die Taltiefe trägt und teure Sicherungsbauten notwendig geworden sind. Die landwirtschaftlichen Güter mit den Düngerwiesen reichen auf dem Südhang des Tales bis weit ins Alpweidengebiet hinauf, nicht nur als vorübergehend bewohnte Güter, sondern als Dauersiedelungen, so dass es oft schwer fällt, die Grenze zwischen Wiesengut und Alp zu ziehen. Die Fruchtbarkeit des Tales ist gross. Am Eingang hat man während Jahrhunderten im sonnig gelegenen Para-diesligut Trauben gepflanzt, die sogar in einem Zehntenrodel abgabe-pflichtig genannt sind. Die Rebbergmauern, die den Hang in zahlreiche Terrassen unterteilen, sind noch heute gegenüber der Kraftwerkzentrale am Schächenbach zu sehen. Die Edelkastanie kommt längs dem untern Waldrand bis Trudelingen vor.

Bei St. Loretto mündet das aus dem Hohfaulengebiet absteigende Riedertal ein. Einige Bauerngüter und Wald liegen in ihm geborgen. Auch eine Wallfahrtskapelle steht darin, die all denen Hilfe verleihe, die betend und gläubig sie aufsuchen. Im Volksmund heisst es, dass dies die « Kindlichapele » sei, wo Jungeheleute, die kinderlos seien, aber Kinder wollen, die Erhörung finden. Gerade das Schächental ist reich gesegnet mit derlei Kapellen, Die Alpen — 1938 — Les Alpes.19 die einer besondern Weihe teilhaftig wurden und irgendein Symbol bedeuten. Bei der Häusergruppe von Trudelingen steht heute die Kapelle dicht neben der Strasse wie ein vergessener Halteplatz des einstigen Saumweges. Zu Witerschwanden ist die Kapelle schon ein kleines Gottesdiensthaus, wie die droben auf Getschwiler vor Urigen oder die in der Schwanden zu Unterschächen, derweil hinter dem Spiringer Mühlebach, am Eingang des Brunnitales und zu Aesch noch die « Kapellen am Wegrand » stehen, den Wanderer zur Ruhweil ermahnen und an das Vergängliche alles Irdischen.

Wo hinter St. Loretto, der kleinen Marienkirche mit dem « Wunder-lichen Stein », auf dem der Fussabdruck der königlichen Himmelsfrau zu sehen ist, die Talstrasse über den wilden Schächenbach setzt, da steigt ein alter Saumweg über das Breitebnet zu den Bürglerbergen hinauf Das Breitebnet ist eine Moränenstufe, die davon erzählt, dass hier vor undenklichen Zeiten der Klausengletscher, der aus dem Scheerhorn-Tödigebiet herüberreichte, längern Halt hielt und diesen Zeugen einstiger Vergletscherung zurückliess. Gleich einem ausgewalzten Wall sperrt es das Tal und hat lediglich dem Schächen einen Durchpass zu graben gewährt. Über den Saumweg soll 1799 ein Vorhuttrupp Suwarows kämpfend gegen den Kinzigkulm angestiegen sein, derweil der Haupttross den eigentlichen Passweg benutzte, der im Gründli vor Witerschwanden die Wiesenhänge hinaufklimmt, über die Acherberge ( so geheissen, weil hier bis vor der Eröffnung der Gotthardbahn noch Hanf-, Flachs- und kleine Kornäcker lagen ) zum Rophaien, zum Alpweidenkessel des Weissenbodens und hinauf zur Grathöhe des Kinzigs.

Der Wanderer wird erstaunt sein, wie zwischen Brügg und Witerschwanden vom Sonnseithang zahlreiche Wildbäche zum Schächen einbrechen: Holdenbach, Guggibach, Gangbach und Locherbach. Und vor Spiringen stellen sich die grossen Sperrenwerke in den Talbach, um eine allzu grosse Geschiebefuhr zu verhindern. Im Juli 1910 war es, als das Hochwasser seine wilden Fluten bis in die Reussebene trug und viel Unheil und Not brachte. Über 3 Millionen Franken hat man für den Verbau des Schächen aufwenden müssen, um ihn unterhalb des Schuttkegels des Spitzenberg-sturzes zu sichern. Heute ist man nun daran, in den Nebenbächen durch ausgedehnte Entwässerungen, Breche- und Bachverbau und ganz besonders durch aufforsten Landrutschungen aufzuhalten oder zu verhindern und den durch Menschenhand und Viehweide zerstörten Schutzwald wieder zu schaffen, damit die Talschaft vor neuen Wildbachverheerungen gesichert werde. Mühsam und teuer ist diese Arbeit für die Talleute und das ganze Urnervolk.

Das Dorf Spiringen ist die grosse Pfarrei, deren Hauptteil herwärts des Klausen liegt, der übrige Teil, die Ennetmärk, auf der andern Seite der Passmark ( Urnerboden ). Um Kirche, Schulhaus und drei Gasthäuser schart sich ein idyllisches Bergdörfchen, und bis weit hinauf zu den Kinzigerbergen und Urigen dehnt sich das zerstreute Dorf, liegen einzelne Weiler und Bauernhöfe, bei denen Wohnhaus und Stall immer unter getrennten Dächern erstellt sind. Treten wir in ein Haus ein, so treffen wir die althergebrachte WANDERUNG DURCH DAS URNER SCHÄCHENTAL.

Rauchküche, welche den ganzen hintern Hausteil vom Boden bis zum Dach einnimmt. Hin und wieder ist dieser Raum durch Holzwände und Boden unterteilt, was aber nicht ursprünglich ist, sowenig wie der Eisenherd, der an Stelle des offenen Feuerloches getreten ist, über dessen Feuer der Kochkessel an der Kette hing oder auf dem Dreibein stand. Der Rauch zog in den freien Dachraum ab und räucherte dort, ehe er durch die Schindel- und Giebellucken den Abzug fand, das aufgehängte Fleisch. Der Schächentaler liebt es, nicht nur den Käse und Zieger auf Vorrat zu halten, sondern auch die Herbst- und Frühjahrsmetzgeten so zu pflegen, dass Dürr- und Rauchfleisch, Hauswürste und Eingesalzenes vorrätig zubereitet werden können, so dass zu Milch und Kaffee genügend « Byssiges » im Haus ist. Auch Kartoffeln werden gepflanzt, und zwar fast durchwegs in den Allmendgärten, die man im Talboden zu Bürglen, bei Witerschwanden und ganz besonders zu Unterschächen sehen kann.

Hat man Spiringen durchschritten, so öffnet sich südwärts die gewaltige Bergsturzlehne der Spitze, die an Pfingsten 1887 niederbrach und zwei schöne Bauerngüter, den ganzen Hangwald und gutes Geissweidengebiet verschüttete. Eine riesige Bergwunde, die uns davon erzählt, was ihr gegenüber auf schlichter Holztafel an der Strasse aufgemalt ist: « Hier verloren am heiligen Pfingstmontag, den 29. Mai 1887, durch einen Bergsturz das Leben Johann Josef Gisler und seine Frau Franziska und seine Schwester Anna Josefa Gisler und Johann Anton Gisler und seine Schwester Agatha Gisler und Wwe. Magdalena Mattli, geb. Gisler. Johann Josef und Johann Anton Gisler bekamen sie am Tage nachher und Frau Franziska Gisler, geb. Gehrig, etliche Tage nachher, die andern drei Leichen sind noch unter dem Schutte. Gewiss ist der Tod, aber ungewiss die Stunde, wann er kommt, tief in der Nacht, zu einer Zeit, da wir ihn am wenigsten erwarten. » Das Bergsturzgebiet ist Flysch, « Fulberg » ( faules Gestein ), wie der Bergler sagt. Wir können das Schächental als eine grosse Mulde des Eozäns werten, die im Kalk eingebettet liegt. Die Gipfelhöhen des Schächentales bestehen aus Kalk. Auf der Klausenpasshöhe liegt der rote Sernifitschiefer, der in der Sage zum Blutstein geworden ist und von den Kämpfen erzählt, die im August 1799 zwischen den zurückweichenden Österreichern, unterstützt von Glarnern und Urnern, und den Franzosen auf der Passhöhe stattfanden. Wenn die Schneeschmelzwasser den roten Schlamm wegtragen und über den Firn verteilen, dann sieht es aus, als ob das Blut der Kämpfer wieder aus dem Boden quelle.

Im Talkessel, wo das Talstück von der Klausenhöhe und das tiefeingeschnittene Brunnital zusammenstossen, liegt Unterschächen, dessen Kirchlein auf einem, vom Gletscher verschonten Felshügel steht. Der eine Dorfteil steht am Schächenbach: Kirche, Pfarrhaus, Schulhaus, Gasthäuser, Bäckerei, Wohnhäuser und Ställe; der andere Dorf teil, Bielen, wie eine Schar Alphütten aussehend, befindet sich am Fuss der Fluh etwas abseits, dort wo das Brunnital beginnt. Es lebt eine besondere Eigenart in diesem Bergdorf, zu dem auch all die zahlreichen Höfe bis Urigen und im Aeschtal gehören. In alter Zeit war zu Unterschächen der Badbrunnen noch als Heilquelle be- kannt. Der Urnerarzt Karl Franz Lusser schrieb 1834 darüber, dass diese Quelle, die hinter Bielen am Fuss der steilaufragenden Kalkfelswand hervorsprudelt, « schon in einer alten lateinischen Handschrift 1414 vom Magister Leopold, einem fahrenden Schüler, durch Teufelskünste entdeckt und 1450 wieder verdorben worden sei. » Die urkundliche Überlieferung berichtet, dass um 1500 herum auf dem Brunni-Kapellenplatz ein hölzernes Badehaus bestanden habe und das Wasser in einem 84 Fuss langen Stollen gefasst worden sei. 1704 wurde dieses Badehaus wieder erstellt, und 1811 liess die Regierung den unbenutzten Kupferkessel, in welchem das Badewasser über gehörigem Holzfeuer erwärmt wurde, wegnehmen und zu Münzen schlagen, da das Heilbaden nicht mehr geübt wurde. Immerhin berichtet noch Lusser, dass dieses Wasser « chronische Gicht und Krätze » heile und im Volksmund sogar « Knie-schwamm, Lähmungen und Contracturen, lymphatische Stockungen und Verschleimung der Brust », ja sogar Unfruchtbarkeit zu heilen vermöge. Johann Conrad Fäsi weiss allerdings noch zu berichten, dass das Badehaus der « Lands Obrigkeit » zustand und gut ausgerüstet war, der Zulauf von Gebrechlichen und Heilsuchenden einmal gross gewesen sei, « dermalen aber ( um 1760 ) nicht mehr besucht werde ».

Eines aber ist geblieben: Die Schönheit der Talschaft zu Brunni, die manchen Wanderer auch zur Heilung von allerlei Nöten führen mag. Wie ein grosser Graben ist dieses Seitental von Gletschern und Wassern aus dem Kalk erodiert worden. Wald, steile Grashalden, die für Ziegen und Schafe ein treffliches Futter geben, und Geröll bekleiden die steilen Hänge. Darüber ruhen östlich die guten Weidterrassen von Trogen und Lammerbach und westlich die von Sittlisalp und Gampelen. Und mit einer gigantisch aufsteigenden Felswand, deren Durchkletterung auch für den geübtesten Bergsteiger zahlreiche Schwierigkeiten bietet, bildet der Gross Rüchen den Talabschluss. Gletscher und Firn zieren seine Schultern. Wie farbenfroh ist dieses Brunnital im Sonnenleuchten eines stillen Sommertages! Im Talboden die sattgrüne Wiese und der dunkle Tannenwald mit den graubraunen Stämmen alter Fichten, darüber die gelbgrauen Kalksteinwände und die grauschwarze Ruchennordwand mit ihren blauweissen Firn- und Eisbändern. Und überall Blumen und Blumen in bunter Fülle.

Auch das Wild ist zahlreich, wenigstens im Banngebiet, das sich zwischen dem Bachlauf des Aeschtales und dem Brunnital bis hinauf zum Berggrat Kleinruchen-Scheerhorn-Kammlistock breitet, ein sicheres Asyl für Gemsen und Murmeltiere. Möge es alle Zeit als ein Wildschongebiet erhalten werden! Denn schon die Altvordern haben diesen Bannberg gekannt und gehalten. 1613 beschlossen die Urner an der Landesgemeinde, dass der « Banberg im Schächenthal » verbleiben solle, was an zahlreichen spätem Gemeinden wiederum bestätigt wurde. Es ist ein treffliches Wildschutzgebiet, das sich da um Wespen- und Griesstock ausdehnt, mit Fels, Gletscher und Firn, mit Magerweiden und Buschwald, mit entlegenen Alpen und Hochwald. Und warum sollte das Hochwild nicht irgendwo ein dauerndes Lebensrecht besitzen? Wohl werden immer wieder einige Wilderer auch in Banngebieten den Tieren nachstellen, sei es aus alter Romantik heraus oder aus WANDERUNG DURCH DAS URNER SCHÄCHENTAL.

allzu menschlicher Brutalität. Glücklicherweise wird es aber auch Talleute geben, die mit dem Wanderer für den Schutz solcher Schongebiete eintreten und gewillt sind, für deren möglichst unberührte Erhaltung einzutreten, wohl bewusst, dass mit ihnen das steht und fällt, was die Grosse unserer Bergwelt ausmacht.

Wenn wir über die sonnige Urigerhöhe weiterwandern, dann geniessen wir den herrlichen Blick auf die Schneeberge des Klausengebietes, gekrönt durch den zweiteiligen Gipfel des Scheerhorns, von dessen Haupt der stark durchschrundete Eisstrom des Griesgletschers bis weit ins grüne Gebiet der Alpweiden herabhängt und vor sich ausgedehnte Geröllmoränen liegen lässt.

Zwischen Kammlialp und Oberalp springt der weithin sichtbare Aeschfall in die Taltiefe, wie ein Silberband den dunlken Tannenwald durchschneidend, und mächtig klingt sein Lied. Zu Füssen ruht behaglich das idyllische Aesch, ein Alphüttenweiler mitten im Heimkuhweidegebiet. Da wohnen einige Bauernfamilien zur Sommerszeit und behalten eine Kuh und einige Kälber zurück, Vieh, das während der Alpzeit daheimgehalten werden muss. Im ganzen Gebiet der Korporation Uri, welche die Talschaft Uri zwischen Seelis-berg-Urnersee und der Schöllenen umfasst, treffen wir solche Heimkuhweiden, die für den Bauer so wichtig sind wie die Wildheuplanggen, die er im August nutzen darf, um für die Überwinterung des Gross- und Kleinviehs genügend Futter zu haben. Es ist keine leichte Arbeit, solches Wildheu an den steilen Hochweidhängen zu sammeln, im Schnurnetz zum Trist-platz zu tragen und zu tristen, bis es dann im Winter im Pünggel oder auf Hornschlitten durch Lawinenrinnen oder auf schmalen Wegen zu Tal gebracht wird.

Heute wandert man bequem auf der in den Jahren 1893 bis 1898 gebauten Passstrasse über die Klausenhöhe. Aber ratsam und abwechslungsreich ist auch der alte Saumweg über Aesch und die Balmwand hinauf oder gar über den Alpweg von Heidmannsegg und Oberbalm. Überall wird man durch zahlreiche Rüfitäler und Lawinenrunsen an die Wildheit der Hochgebirgsnatur erinnert und wie schwer es die Bergbewohner haben, in dieser rauhen Einsamkeit zu leben. In der Schwandenkapellc lesen wir auf einer Votivtafel von solcher Not, die immer wieder vom Gottvertrauen dieser Menschen überwunden wird. « Anno 1666 bin ich frantz Gissler jn ein grosse lauwin kommen in der törele/die stein beim ( Bäume ) stöckh studen gefüerdt, darunter ich ein ganz Ellen/tieff gelegen in grosser Lebenssgefahr/da hab ich mich zue Gott/Und seiner liebe Mutter und hn Jungfrau Maria, und zue der H-/grossmuetter Anna Verlobt mit disem tefelin, durch für bitt/der S. Anna bin ich ohn geschädigt erhalten worden. » Die Klausenpasshöhe liegt mitten in einer Hochgebirgswelt: gen Norden die Felsentürme der Schächentaler Windgälle und des Glatten, deren steilabfallende gewaltige Felsbänke wie ein mächtiges Orgelpfeifenwerk aussehen; gen Süden die Schneeberge der Gemsfayren-Scheerhorn-Kette mit ihrem mannigfaltigen Wechsel von Felsgräten, Kuppen und märchenhaften Türmen, Firn und Gletschern, Geröllhalden und Weiden und all den sonder- liehen Terrassen und Mulden, die man nur im Karrengebiet zu treffen vermag. Nach Westen und Osten öffnen sich Tiefblicke in fruchtbare, grüne Täler und Ausblicke auf ferne Berge. Da hemmt der besinnliche Wanderer seinen Schritt und hält immer wieder Rast und Schau. Und wo das hölzerne Passkreuz steht als kraftvoller Ermahner an alle Lasten des Daseins und sagend, dass jedes Kreuz zwei Balken habe, einen, der lastet, und einen senkrechten, der trägt und stützt, da halten wir jene « Gipfelrast », die uns Bergfahrer immer wieder zwingt, die gewaltige Grosse unserer Heimatberge zu schauen und reden zu hören, reden durch ihre StilleDem Urnerboden zu öffnet sich das reiche und schöne Alpweidental der Urner. Wiederum ist die Schattenlehne zwischen Talboden und Hangterrasse dem geschlossenen Wald belassen, der sonnige Südhang fast völlig vom Walde entblösst, um bis hinauf zu den trutzigen Felswänden der Jägerstöcke für Gross- und Schmalvieh die Weide zu gewinnen.

Die Geschichte der Alpwirtschaft greift in diesem Gebiet ein volles Jahrtausend zurück und zeigt uns, wie die Urner auch hier wie über den Ruosalplerkulm, den Kinzig und die Surenen nur deshalb über die Wasserscheide griffen, weil sie für ihre Viehzucht, dem Haupterwerbszweig ihrer Landwirtschaft, Raum und Sommerweiden gewinnen wollten und mussten. Das gen Norden ins Mittelland ungehindert geöffnete Glarnerland, Schwyz und Unterwaiden konnten sich wirtschaftlich im Anschluss an die Nachbargebiete erhalten. Die Urner aber waren als Markgenossenschaft gezwungen, im Talkessel ihrer Berge die notwendige Naturalwirtschaft zu üben. So galten ihre Kämpfe der Gewinnung der jenseitigen Passlehnen; selbst beim Gotthard war es so, als sie das tessinische Livinental zum Untertanenland machten.

Der Urnerboden ist Gemeindegebiet von Spiringen und durchwegs Allmend der Korporation Uri. Nur einige wenige Reuten ( eingezäunte, kleine Wiesen ) und Hausplätze sind Privateigentum. Die übrigen Gebäude stehen alle kraft eines Baurechtes auf dem gemeinschaftlichen Boden der Allmende, sind dem Gebäudeeigentümer zugeteilt, und zwar so lange, als er Korporationsgenössiger ist und Feuer und Dach unterhält. Etwa 140 Menschen leben in 30 Haushaltungen während des ganzen Jahres zu Urnerboden, so dass diese Alp zu einer Dauersiedelung geworden ist. Die Genössigen sind vielfach eigentliche Sammelmenschen: ausser dem Haus, das auf Allmendboden steht, besitzen sie nichts Eigenes, sondern beziehen Früchte und Beeren, Gras und Heu und Holz ab dem Allmendgebiet. Zur Sommerszeit nimmt dann die Bevölkerung zu, wenn die Bauern aus dem Schächental, aus Altdorf, Schattdorf und andern Gemeinden mit ihrem Vieh zur Alp ziehen. Dabei werden von rund 70 Älplern etwa 1100 Stück Grossvieh aufgetrieben, neben vielen Schafen und Ziegen, die auf besondern Hochweiden gehalten werden. Jeder Älpler alpt dabei auf eigene Faust, unterhält eigene Hütte und eigenen Stall, verarbeitet die Milch zu Käse, Butter und Zieger in eigener Sennerei, die allerdings recht einfach eingerichtet ist. So ergibt sich, dass die Alphütten und Ställe zu kleinen Dörfchen sich scharen. Zu Spitelrüti stehen auf dem Hubel mitten in der Alp sogar Kirche und Schulhaus, wo der Kaplan heute WANDERUNG DURCH DAS URNER SCHÄCHENTAL.

Pfarrer und Lehrer und allseitiger Berater geworden ist. Zu Urnerboden sind sechs solche Alpdörfer zu unterscheiden, die den Unterstafeln der Sömmerungszeit gleichzusetzen sind: Oberstwang, Hergersboden, Spitelrüti-Bord, Mättenwang, Argseeli und Ausserwang. Hier wird das Vieh zur Voralp und Endalp gehalten, während es zur Mittenalpzeit, im August, auf die Ober-stäfel gebracht wird, deren es 15 sind, die vom Wängi an der Glarnergrenze bis hinüber zur Heidmannsegg ob Urigen und Wannelen ob Unterschächen reichen: Wängi, Orthalten, Sali, Zingel, Frittern und Vorfrutt-Klus ostwärts der Klausenhöhe, und westwärts Bödmern-Niemerstafel, Unterbalm, Oberbalm, Käsern, Heidmannsegg, Kammli, Oberalp, Niederalp und Wannelen. Überallhin wandert mit dem Vieh zu den Oberstäfeln auch die ganze Familie mit ( soweit nicht Glieder im Bodengut zurückbleiben ), so dass diese Älpler während der Sömmerungszeit ein eigentliches Nomadenleben führen 1 ).

Es ist ein eigenschönes Läuten und Bimmeln, wenn man zur Alpzeit den Klausen durchwandert und im Abendsonnensinken zum Urnerboden niedersteigt. Frieden und Ruhe haben hier ihre Wohnstatt. Der wuchtige Felskessel der Klus, über dessen Wände die Wasserfälle springen, der raunende Bergwald mit den alten Bäumen voll Bart- und Astflechten, die an Alpenblumen so reichen Weiden, die Viehherden und die Menschen — sie alle laden zum Abendhalt ein. Und wo hält man behaglichere Rast als beim Herdfeuer des Älplers! Hier plaudert sich 's so froh und traulich, während der Milchreis in der Pfanne brodelt. Da ist es, wo wir das alte Erzählen hören: von den beiden Hähnen, die zu Glarus wohl gefüttert und zu Altdorf recht hungrig gehalten wurden, damit ihr Morgenschrei recht laut und recht früh ertöne und die Läufer den Aufstieg zur Passhöhe unter die Füsse nehmen konnten, um dem alten Grenzstreit ein Ende zu machen und dort die Grenze festzulegen, wo sie sich trafen. Frühzeitiger krähte der Urnerhahn, der mit seinem hungrigen Magen schon in erster Mitternachtstunde den Morgen angerückt wähnte; wohl geborgen hielt sich der gemästete Güggel auf dem Sädel im Glarnerland, bis die Sonne in seinen Stall guckte und ihn an seine Krähpflicht mahnte. Ob dem Gibel trafen sich die Männer. Bis zum Stein beim Argseeli trug der Glarner den Urner zurück, und da, wo er ermüdet und abgehetzt zusammenbrach, da ist heute die Grenze zwischen dem Lande Fridolins und dem der Urner, die den Stierkopf im Landeswappen tragen.

Bergwanderer, vergiss das Schächental und den Urnerboden nicht! Doch nimm dir Zeit, eile nicht, wähle die Seitenpfade, die auf entlegene Alpen und zu einsamen Menschen führen, horch auf die Stimmen der Natur, deute sie, und du wirst dich beschenkt fühlen!

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