Weihnachten auf dem Popokatepetl

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Mexiko

Konrad Schrenk, Gwatt-Thun

Stachelige Säulenkakteen, breitrandige Sombreros, farbenfrohe Märkte, temperamentvolle Musik, Mariana, scharfer Chili, alte Maya- und Aztekenkulturen, Sandstrände in tropischer Umgebung, aber auch drei ewig schneebedeckte Fünftausender sind typisch für Mexiko. Die Besteigung dieser Gipfel ist allerdings nicht für Leute geeignet, die das Ferienland Mexiko in erster Linie aufsuchten, um das « Dolcefarniente » zugeniessen.

Das etwa 2200 Meter hohe zentrale mexikanische Hochland wird östlich durch die Sierra Madre Oriental, westlich durch die Sierra Madre Occidental und südlich durch die westost-verlau-fende Cordillera Vulcanico begrenzt. Der Popocatepetl, aber auch andere zum Teil schneebe- 1 Nordansicht des Popocatepetl, vom Aufstieg zum Iztaccihuatl aus deckte Vulkankegel verleihen diesem Gebirgszug einen besonderen Reiz. Mit dem Deutschen Alpenverein bestieg ich im Dezember 1973 den 5452 Meterhohen Popocatepetl.

Man erwarte etwa keinen sensationellen Expeditionsbericht, denn lange strapaziöse Vorbereitungen und Anmarschwege entfallen, Trägerkolonnen wurden nicht benutzt; zudem ist dieser Gipfel technisch leicht zu bewältigen. Diese Schilderung soll also vor allem trainierte Durchschnittsbergsteiger ansprechen.

Die Paseo de la Reforma mit den zahlreichen Monumenten und den acht Fahrspuren, der überdimensionale Hauptplatz Zocalo, das moderne anthropologische Museum, aber auch die barfüssige Indiofrau mit einem ihrer zahlreichen Kinder auf dem Rücken, welche vor dem modernen Mammutbau aus Stahl und Glas auf der Strasse heisse Maiskolben verkauft, der Fruchtsaftstand auf dem mehrmals geflickten Trottoir vor dem Hotel, die zahlreichen flinken jungen, aber auch aufdringlichen Schuhputzer mit ihrem « Shine»-Ruf waren zwar erst flüchtige, aber dennoch bleibende Eindrücke von Mexiko-City, 2240 Meter über Meer gelegen. Mit voller körperlicher Reserve, obschon ohne längere Akklimatisation, verliessen wir die Millionenstadt am dritten Reisetag per Auto in südöstlicher Richtung.

Obschon es Sonntag war, herrschte im Klein-städtchen Chalco, wo wir unseren Mittagshalt einschalteten, lebhaft buntes Markttreiben. Der Markt bedeutet für die Einheimischen nicht nur normierten Kauf oder Verkauf, sondern auch unentwegtes Handeln und Feilschen, und er ist zugleich Treffpunkt der Leute aus der Umgebung. Neben vielen billigen Gebrauchsgegenständen, Bohnen und tropischen Früchten in reicher Auswahl fielen uns die zahlreichen Chilisorten mit ihren verschiedenen Farben, wie Grün, Gelb und vor allem Dunkelrot, auf; es müssen einige Dutzend verschiedene Sorten Pfefferschoten gewesen sein. Um « Montezumas Rache » ( was kann dies wohl sein ?) zu entgehen, verzichteten wir vor- sichtshalber vor und während unseren Touren auf den Genuss typisch mexikanischer Speisen mit « Höllenfeuer»-Chili. Sodann erreichten wir auf äusserst bequeme Weise über Amecameca, wo die eigentliche Steigung beginnt, und über den Cortes-Pass die Tlamacas-Hütte auf 3960 Meter über Meer. Auf durchwegs asphaltierter Strasse ist sie nur hundert Kilometer von Mexiko-City entfernt.

In der neuen grossen, steinernen Tlamacas-Hütte am Nordfuss des Popocatepetl, die eher mexikanisch grosszügig und repräsentativ als ökonomisch gebaut wurde, prasselt im grossen Aufenthaltsraum ein heimeliges Kaminfeuer. Hier besprechen wir die letzten Vorbereitungen für den nächsten Tag; aber auch alte Bergerlebnisse aus dem In- und Ausland werden aufgefrischt, was eine interkontinentale Beschäftigung am Abend unter Bergsteigern zu sein scheint. Glücklich ist, wer ohne Kopfweh und ohne sich durch Geschrei eines mexikanischen Kleinkindes stören zu lassen, rasch einschläft. Einzelne beschäftigen sich auch schon mit der Zukunft, was wohl für den Mittel-Europäer, nicht aber für den unbesorgten Mexikaner typisch ist. Werde ich es am morgigen Tag wohl schaffen, hat sich der Aufwand gelohnt?

Nach dem Frühstück starten wir um vier Uhr morgens bei sternklarem und windstillem Wetter zum eigentlichen Aufstieg. Die letzten Nadelbäume, die Kiefern, auf etwa 4000 Meter über Meer sind rasch hinter uns. Bei massiger Steigung folgen wir dem Lavaschuttpfad, was besonders auf dieser Höhe angenehm ist; so kann man sich vernünftig einlaufen. Die letzten Gras- und Schutthalden finden wir aufetwa 4300 Meter über Meer. Der Sand und das vulkanische Gestein, das unter den Schuhen leicht zerfällt, werden mit zunehmender Steigung bis zur Schneegrenze auf 4800 Meter immer beschwerlicher, so dass die Skistöcke eine angenehme Steighilfe bilden. Dieser « Schutthang », der, was die Kondition des Besteigers anbelangt, als Schlüsselstelle angesehen werden kann, wird etlichen zum Verhängnis. 1 Blick in den mächtigen, etwa 400 Meter tiefen Vulkankrater des Popocatepetl Pli.m. Kimracl Schrcnk. Gwalt-Thun Steigeisen erleichtern den weitern Aufstieg auf dem steilen gefrorenen, aber doch angenehm porösen Schnee bis zum eindrucksvollen Kraterrand auf etwa 5150 Meter über Meer. Nach einer nur noch massigen Steigung erreicht ein Teil der Gruppe den 5452 Meter hohen Popocatepetl, den zweithöchsten Berg Mexikos, um elf Uhr morgens. Eigentlich eine schöne Weihnachtsbescherung, denn fast zur gleichen Zeit verbreiten zahlreiche Tannenbäume mit heimeliger Kerzenbeleuchtung in Europa Weihnachtsstimmung. Da wir uns nur 19 Grad nördlich des Äquators aufhalten und mildes und windstilles Wetter unsere Bergfahrt begünstigt, werden weder Handschuhe noch Windjacke und Sturmanzug bei der ausgiebigen Rast gebraucht.

Der Popocatepetl erhebt sich ohne Übergang aus dem mexikanischen Hochplateau; der Blick schweift darum vor allem in die Weite, wo dichte Wolkenfelder in grosser Höhe lagern. Ausser dem 5747 Meter hohen CitlaltepetlSternberg ), auch Pico de Orizaba genannt, und dem 5286 Meter hohen Nachbarvulkan Iztaccihuatlweisse Frau ) fehlen markante zackige Berge, Grate, Felswände, tiefe Täler, Flüsse und Gletscher, wie man sie von Besteigungen in den Alpen kennt.

« Popocatepetl » ist ein aztekisches Wort und heisst « Rauchender Berg ». Die aus dem mächtigen 380 Meter tiefen Krater aufsteigenden Schwefeldämpfe erinnern daran, dass dieser Vulkan seit der Eroberung Mexikos durch die Spanier mehr als ein dutzendmal tätig war. Der letzte Ausbruch erfolgte zwischen 1920 und 1938, und aus dieser Zeit stammt auch die endgültige Form des Kraters. Er hat einen Durchmesser von 850 x 750 Meter. Der Berg selbst weist eine fast regelmässige Kegelform auf und entstand in früh-pliozäner Zeit. Geologisch besteht er aus Daziten und Andesiten, Basalten und vulkanischen Aschen.

Eng miteinander verbunden sind die Begriffe Vulkanismus und Erdbeben. Im Gegensatz zu 2 andern geologischen Vorgängen laufen sowohl die vulkanische Tätigkeit als auch die Erdbeben nicht mit äusserst grosser Langsamkeit, sondern in kurzen Phasen ab. Es sind anschauliche Beweise dafür, dass die Erde heute noch nicht fest und fertig, erloschen und erstarrt ist. Noch im Jahre 1943 entstand in Mexiko, westlich von Morelia, der völlig neue Vulkan Paricutin, dessen Entstehung genau beobachtet und studiert werden konnte. Unter gewaltigen Erdbeben rissen sich vorerst an der Erdoberfläche Spalten auf; aus diesen wurden gewaltige Schlackenmassen ausgeworfen, die nach einer Woche bereits einen 150 Meter hohen Kegel bildeten. Nach einem Jahr war er 450 Meter hoch und das Dorf Pericutin vollständig zugedeckt. Starke Erdbeben, wie sie auch in den Jahren 1957 und 1973 in Mexiko auftraten, sind in diesem Lande keine Seltenheit und weitere Beweise dafür, dass die Erde noch lebt.

Auf den Lavaschutthalden abzusteigen ist recht angenehm, so dass wir nach anderthalb Stunden schon wieder bei der Tlamacas-Hütte sind. Kopfschmerzen deuten einen leichten Sauerstoffmangel an; sonst fühlen wir uns wohl und sind auch befriedigt über unser Training, denn besonders hier gilt: Kondition ist zwar nicht alles, aber vieles ist nichts ohne Kondition. Ein mexikanisches Sprichwort sagt: « Verschiebe nicht auf morgen, was du hättest vorgestern erledigen sollen. » Ich will damit andeuten, dass das Training für die Besteigung eines Fünftausenders in Mexiko schon etliche Monate vorher beginnen soll und zudem regelmässig zu tätigen ist. Es genügt also nicht als Training, jährlich einen Viertausender zu besteigen.

Nach unserer Rückfahrt in die weihnächtlich beleuchtete Mexiko-City suchten wir noch am gleichen Abend den bekannten Garibaldi-Platz auf. Nach unserer gelungenen Besteigung erfreuten wir uns dort ganz besonders an den zahlreichen Mariachi-Kapellen, deren Mitglieder in silberbeschlagenen Kostümen und mit breitrandigen Hüten gegen bescheidene Bezahlung im Freien mexikanische Musik darbieten und so die vielen fiestafreudigen Einheimischen und Fremden bestens unterhalten.

Nur gefühlsmässig kann ich die Frage beantworten, ob sich eine solche Reise lohne. Sicher ja, wenn man dabei nicht nur an die Besteigung des Popocatepetl denkt. Wenn man nicht einfach ein

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