Weisshorn-Nordgrat

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3Von Willy Furter

Mit 2 Bildern ( 17, 18Zürich ) Lachender Morgen geleitet uns ins träumende Val d' Anniviers. Ein köstlicher Sonnentag erstand über den Bergen. Unser Sinnen und Streben geht bergwärts.

Sonnentag — Ferientag — und unsere Berge! Was bleibt noch zu wünschen ?! Schon dieses Tal im traumhaften Sonnenlicht macht uns froh, und es dünkt uns, als trügen wir unsere schweren Feriensäcke auf einmal leichter.

Lange schon winken gleissende Zinnen und stolze Grate im Talgrund. Wir lachen ihnen entgegen. Hinter Zinal zieht sich unser Pfad am Sonnenhang höhenwärts. Tausendfältig leuchten die ungezählten kleinen Blumenwunder, und das Zirpen der Grillen klingt wie Musik.

Über knorrige Wurzeln windet sich jetzt der Weg durch den mit Nadelholz bestandenen Hang und führt dann wieder hinaus auf die Weiden der Alp Tracuit. Die Baumgrenze liegt hinter uns. Noch eine einsame dunkelgrüne, zerzauste Arve hat dem steinigen Boden, den rauhen Winden getrotzt.

Beim Roc de la Vache wird mit einemmal der Blick auf das Weisshorn frei. Munter windet sich das kleine Wasser durch das Geröll und die karge Grasnarbe des flachen Hochplateaus. Silbern schillern die zarten Köpfchen des Wollgrases. Ein kühlender Windhauch kommt von den schroffen Wänden herunter und streicht über die sonnenüberflutete Ebene. Unversehens verliert sich die Alp im steinigen Hang. Heiss strahlen die Gesteinstrümmer die Sonnenglut zurück. Droben auf dem Grat weht vor der Hütte am Col de Tracuit die Schweizer Fahne im Himmelsblau.

Wieder und wieder lockt uns der Abend aus der gastlichen Hütte. Nicht müde werden wir beim Anblick all der Berge im Lichte des scheidenden Tages. Und immer wieder suchen unsere Blicke das Weisshorn!

Morgens 2 Uhr. Tagwache!

Munter hüpfen die Lichter der Laternen der leicht gefrorenen Spur entlang über den Turtmanngletscher, leiten uns sicher über die kleinen Die Alpen - 1944 - Les Alpes5 Risse und Spalten gegen den steilen Firnhang, der sich vom Bieshorn herunterzieht. Verschwommen zeichnen sich nach und nach im leise anbrechenden Morgen die Hänge und Berge ringsum ab. Schwarz hebt sich da und dort ein Felskopf, ein Grat, eine Wand aus dem Weiss des Schnees und nimmt im ersten Dämmerlicht geisterhafte, unwirkliche Formen an. Forschend, fragend suchen unsere Augen das Wetter zu ergründen. Verzerrte Wolkenbilder stehen am Horizont. Seltsam weiss und fahl steigt der Tag herab.

Der Steilhang liegt hinter uns. Er legt sich zurück und leitet durch tiefen Pulverschnee zur Grathöhe des Bieshorns. Unheimlich grell rotorangefarben dringt die Sonne über dem Osthorizont durch die Wolken. Nie habe ich einen Tag in einer so blutig-zerrissenen Wunde erstehen sehen. Wir wissen: das ist kein gutes Wetterzeichen. Beissend fegt der Wind über den Grat. Stolz und wild steht der Weisshorn-Nordgrat im fahlen Morgen vor uns. Nur schwer entschliessen wir uns am Weisshornjoch zur Umkehr. Doch ein Wetterumsturz im Grat könnte verhängnisvoll sein.

In langen Schritten treten wir durch den weichen, tiefen Schnee wieder den Hang hinunter. Noch sind ein paar Partien gegen das Bieshorn im Aufstieg. Um 8 Uhr stehen wir wieder vor der Hütte.

Grau steht die Nebelwand draussen, als wir am frühen Nachmittag aus den Decken kriechen. « Es wird kalt », hat am Morgen des Hüttenwarts zehn- oder elfjähriger Bub wohlwollend gesagt und uns beiden noch eine Wolldecke gebracht.

Jetzt sind wir allein mit der Hüttenwartfamilie. Es sind köstliche Stunden, die wir in der Geborgenheit der Hütte bis zum Abend gemessen. Draussen pfeift ein kalter Wind und rüttelt an den Fenstern. Auf einmal zuckt es hell durch den grauen Nebel; dumpfes Donnern rollt vorbei und verebbt in der Ferne. Es hat zu rieseln angefangen. In kurzer Zeit ist alles weiss. Wir haben unsere Windjacken angezogen und sind in den warmen Hüttenschuhen vor die Türe gegangen. Noch ein paarmal irrt ein heller Blitz gespenstisch durch den Nebel, gefolgt von immer fernerem Donnerrollen.

In der behaglichen Wärme der Cabane de Tracuit plaudern wir von Bergfahrten. Von den beiden Bergsteigern erzählt uns der Hüttenwart, die so oft aus dem Unterland heraufgekommen für eine Begehung des Nordgrates, des schlechten Wetters wegen aber immer wieder umkehren mussten — und die nach endlich gelungener Fahrt zum Gipfel im Abstieg über den Ostgrat so tragisch verunglückten...

Die beiden Buben knien auf der Fensterbank hinter dem Tisch und blättern munter plaudernd in einem Bilderbuch. Von den paar Biskuits, die ich noch in meinem Rucksack hatte, gebe ich jedem eins. Es ist rührend, mit welch ruhiger Selbstverständlichkeit der Elfjährige das seinige entzwei-bricht und eine Hälfte seinem Vater reicht.

Draussen hat sich der Wind gelegt. Das Barometer ist wieder um einen Strich gestiegen.

Noch streichen Nebelfetzen durch die dunkle Nacht, als wir um ein Viertel vor 3 wieder gletscherwärts schreiten.

Nein, das ist nicht mehr die angenehme Spur von gestern. Alles ist verweht! Noch glauben wir, uns einigermassen an die Richtung von gestern zu halten. Vorsichtig sondiert der Pickel im Schnee. Spalten! Die Pickelspitze hat die Neuschneedecke durchstossen und keinen Widerstand mehr gefunden. Auch ein zweiter, ein dritter Versuch nach links und rechts und vorwärts ist erfolglos. Wir versuchen, hangabwärts auszuweichen. Der Nebel, der sich eine Zeitlang verzogen hatte, hüllt uns wieder ein. Wie kleine Scheinwerfer wollen die Lichtkegel der Laternen Dunkel und Nebelgrau durchdringen. Das kleine Umgehungsmanöver ist geglückt. Vorsichtig steigen wir wieder bergan. Irgendwie sind wir von neuem an einen Schrund gekommen; denn auf einmal stecke ich bis an die Hüften im Schnee. Das rechte Bein baumelt im Leeren. Es ist ein sonderbares Gefühl. Ich stütze mich auf den Spaltenrand und arbeite mich unter der Sicherung meines Kameraden aus der unan^ genehmen Lage. Noch ein paarmal tasten wir uns an kleinen Rissen vorüber, bis wir im Dämmerlicht den spaltenlosen Steilhang erreicht haben.

Die Nebel scheinen von den Tälern verschluckt worden zu sein. Im kalten Morgen versinkt der Sterne Goldschimmer. Trotzig steht im Westen der Wall der Grandes Jorasses und des Mont Blanc unter einem Band von Dunkelgraublau, Violett und zartestem Rosa. In Frührot und gleissendem Sonnenlicht kommt der Tag.

Von der Einsattelung am Bieshorn steigen wir gegen die westliche Firnkuppe und queren mit den Steigeisen an der Westflanke steil gegen das Weisshornjoch hinunter. Hier beginnt der Nordgrat.

In wilden Zacken zieht, er sich südwärts. Steil wuchten die Flanken zu beiden Seiten aus der Tiefe zur Gratscheide empor. Wie Zucker liegt der reine Neuschnee auf dem Fels. Kalt und klar dehnt sich der Tag unter dem weiten Blau.

Auf den ersten Gratfelsen schnallen wir die Steigeisen wieder los. Behutsam überklettern wir die Blöcke; denn es ist nicht leicht, festzustellen, ob sie unter dem Schnee festsitzen.

Zur Rechten und zur Linken schiessen die eis- und schneegepanzerten Hänge unheimlich steil ins Tal. Schon erklettern wir den ersten grösseren Gratturm. Wie geniessen wir die luftige Kletterei! Kalt pfeift es um die Köpfe. Kurz vor dem grossen Gendarm fällt der Grat plötzlich senkrecht in eine Scharte ab. Ob wir abseilen wollen? Mein Kamerad sichert, und ich versuche den direkten Abstieg. Doch so leicht geht das nicht, und der schwere Rucksack zieht unheimlich nach aussen. Die Handschuhe habe ich ausgezogen und am Karabiner gesichert. So finden die Hände besseren Halt. Vorsichtig wische ich mit dem freien Arm und der Hand den Neuschnee vom schmalen Gesimse. Die Kälte macht die Finger steif.

Wuchtig schiebt sich der grosse Gendarm aus der Scharte. Die abschüssigen und stark vereisten Platten der Ostflanke scheinen uns für eine Umgehung gefährlicher als das direkte Überklettern. Es bedeutet aber ein reichliches Stück Arbeit, bis mein Kamerad sich in heiklem Stufenschlagen an den Fels hinaufgepickelt hat. Scharf greifen die Steigeisen ins harte Eis.

In der engen Rinne zwischen dem schneebedeckten Eis und dem ersten Felsaufschwung schieben wir uns vorsichtig unter dem überhängenden Wulst hindurch in die steile Flanke. Ein enger Riss leitet hinunter auf ein schmales Band, das nach kurzer ausgesetzter Traverse über grobe Absätze in den schräg aufsteigenden Kamin führt. Ein einzigartiges Schauspiel ergibt sich für den Hintermann, wie der Erstgehende über den vereisten Granit hinaufgeklettert ist und jetzt oben als dunkle Gestalt im flimmernden Gegenlicht der Sonne steht! Ein exponierter Standort. Kaum ist er oben, so verschwindet er in der blauen Lücke hinter dem dunklen Felssporn. Langsam gleitet das Sicherungsseil durch meine Finger. « 3 Meter — 2 Meter — Seil aus! » — Und wie aus weiter Ferne kommt die Antwort: « Nachkommen! » Ich klettere durch die steile, mit spärlichen Tritten und Griffen durchsetzte Rinne nach... Senkrecht wuchtet die Flanke gegen die Grathöhe. Der Atem geht schwer, bis Stufe um Stufe erklommen ist und wir oben wieder in der Sonne stehen. Denn unaufhaltsam zog die Lichtscheibe über den Mittag, wendet sich schon langsam nach Westen.

Im weichen tiefen Schnee sind wir in den schmalen Firnsattel abgestiegen. Hier gönnen wir uns eine kurze Rast; denn die lange Fahrt hat uns schon ordentlich Mühe gekostet. Dazu hat der Neuschnee seinen Teil beigetragen.

Wild und überwältigend schön steht die Bergwelt rings um uns: im Süden schwingt sich der oberste Teil des Nordgrates als blendend weisse Firnkante steil ins Blau zum Gipfel, nur von kleinen Einsenkungen und einigen Felsen unterbrochen... Nordwärts zieht sich unser Aufstiegsgrat als stark gezackter Felskamm, dessen abschüssige verschneite Westflanke schon im Schatten liegt, gegen das Weisshornjoch und das Bieshorn... Unter der gleissenden Hochgebirgssonne liegt im Westen die gewaltige Berglandschaft von Matterhorn, Dent d' Hérens, Dent Blanche, Grand Cornier, Zinal-Rothorn, Obergabelhorn. Massige Wolken schieben sich an den Berglehnen und über die Täler... Aus dem tief eingeschnittenen Nikolaital erhebt sich im Osten die Mischabelkette mit Täschhorn und Dom bis zu 4554 m Höhe.

Schritt um Schritt stapfen wir den schmalen steilen Firnkamm hinan. Für Augenblicke bleiben wir hin und wieder tief atmend stehen. Es geht gegen 4 Uhr. Wie doch die Zeit verrinnt!... « Bergheil 1 » Wir stehen auf dem Gipfel des Weisshorns. In einer kleinen spitzen Firnhaube vereinigen sich hier die drei Grate: der Nordgrat, der Ostgrat und der Schalligrat, der sich in steilen Felsstufen nach Westen gegen das Schallijoch und das Schallihorn hinunterzieht und als scharfer Kamm zum Zinal-Rothorn hinüberleitet. In einem einzigen Punkte vereinen sich diese drei mächtigen, in sich selbst zu unzähligen Malen zerrissenen Grate, ständig ihre grosse, gipfel-wärtsstrebende Linie wieder findend, und schliessen sich zur gewaltigen Pyramide. Zwischen Granitblöcken liegen die Überreste des Gipfelsignals. Wie mancher Sturm mag daran gerüttelt haben, bis es zerbarst?

Über den Ostgrat führt eine Spur. Doch haben die Partien, die hier heraufgekommen, den Gipfel längst wieder verlassen. Ein eisiger Wind fegt um den Gipfel. Vor Kälte schmerzt das Gesicht.

Wir haben den Abstieg über den Ostgrat begonnen. Bald direkt über die Kante, bald links oder rechts folgen wir dem Grat. Sobald wir im Windschatten sind, lässt die Kälte nach, und es ist ein herrliches Abwärtssteigen und Abwärtsklettern im gleissenden Licht der gegen Abend ziehenden Sonne, die schon ein zartes Rosa auf die Wolkenbank am Matterhorn giesst. Herrlich ist der Blick auf die tief in die Flanken und Senken gebetteten Gletscher. Schon läuft die bizarr gezackte Schattenlinie des Nordgrates hinaus auf den Biesgletscher, streicht über den Hang des Bieshorns und zieht unaufhaltsam ihren grossen, geisterhaften Schleier hinter sich her. Und all das Glitzern und Leuchten geht unter diesem Mantel zur Ruhe. Noch stehen wir selbst auf dem Grat im Lichte des versinkenden Tages. Tiefer und tiefer steigen wir dem langsam aufdämmernden Abend entgegen. Jetzt hat auch uns der Schatten erreicht. Die Spur im Firn ist wieder gefroren. Wir schreiten rascher und gleiten, wo immer es geht, den Hang hinunter. Nach ein paar Felsstufen queren wir über den Ostarm des Schalligletschers, folgen einer Spur, die in grossem Bogen aufwärts einen Schrund umgeht. An der Geröllhalde seilen wir uns los und schreiten munter auf dem schlechten Pfad der Lehne entlang. Wie nun auf einmal die Nacht hereingebrochen ist, nachdem doch erst die letzten Lichter oben an den höchsten Zinnen verglommen!

Im Halbdunkel steht vor uns die Weisshornhütte.

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