Westalpenfahrten

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VON MAX NIEDERMANN, WINTERTHUR-TÖSS

Mit 3 Abbildungen ( 204-206 ) Heiss brennt die Sonne auf den gleissenden Firn der « La Vallée Blanche ». Zwei schwitzende, mit allerlei wunderlichem Zeug beladene, bärtige Gestalten stapfen durch den aufgeweichten Schnee der Südostwand der Aiguille du Midi zu. Der eine ist der Osttiroler Toni Egger ( ich hatte ihn schon früher im Bergland der Dolomiten kennen und schätzen gelernt, und hier in den Westalpen zufällig wieder getroffen ). Der andere dieser Bergvagabunden bin ich. Mein Kamerad Franz Anderrüti ist mit seiner Begleiterin auf der Torinohütte zurückgeblieben; er wollte einen Rasttag einschalten.

Südwand der Dent de Géant ( 4014 m ) Trotz des unsicheren, vorwiegend schlechten Wetters, waren uns schon einige schöne Touren gelungen. So die Südwand der Dent de Géant als erste Fahrt in den Westalpen ( Schwierigkeitsgrad 6 ). Als Willkomm in diesem hochalpinen Gebiet hatte uns in der zweiten Seillänge, der rund 250 m hohe Wandsockel ist ja frei zu begehen, ein Schneegestöber überrascht, das sich zu einem richtigen Sturm auswuchs. Da wir unsere Ferien in den Westalpen nicht mit einem Rückzug beginnen wollten, quälten wir uns, Franz und ich, trotzdem hinauf.

Südgrat der Aiguille Noire de Peuterey ( 3780 m ) Als zweite Tour folgte der 1,5 km lange Südgrat der Aiguille Noire mit Franz und Toni in neun Stunden, an vielen verlassenen Biwakplätzen vorbei, auf den Gipfel der Aiguille Noire de Peuterey. Nach vier Stunden Abstieg über den Ostgrat stiegen wir noch gleichentags ins Tal, im Wettlauf mit dem sich ankündenden Wettersturz. Den Wettlauf gewannen wir knapp, das Unwetter erfasste uns gerade noch, als wir das Val Vani erreicht hatten.

Dritte Begehung der Ostwand der Dent de Géant Mit dem Original der Torinohütte, dem Hüttenwirt, hatten wir die Wette abgeschlossen, dass wir diese überhangende Wand des Riesenzahnes in zehn Stunden durchsteigen werden. Der Wirt hingegen hatte behauptet, zu dritt kämen wir unmöglich ohne Biwak durch.

Nun: die Wette hatte er verloren. Wir erstiegen die Wandflucht in sieben Stunden, deshalb musste er mit sauersüsser Miene den ausgemachten Doppelliter seiner besten Sorte spendieren.

Südostwand der Aiguille du Midi ( zweite Begehung ) Immer, wenn ich auf dem Col du Géant stand und die grandiose Bergwelt ringsum betrachtete, fiel mir in der Ferne die Aiguille du Midi auf, die sich mit ihrer braunen, von gewaltigen Felsdächern verriegelten Plattenwand aus dem Firn der Vallée Blanche emporbäumt. Doch vergebens suchte ich im « Vallotführer » nach einem Weg durch diesen Plattenpanzer. Toni liess sich schnell von meiner Begeisterung anstecken. Italienische Bergführer erklärten uns, dass die Wand bis jetzt noch nicht begangen worden sei. Alle Versuche seien am grossen Dach gescheitert, das in 20 m Höhe ein Weiterkommen verunmögliche. Anschauen kostet nichts! So zogen wir anderntags los.

Nun stehen wir vor den rötlich-braunen Plattenschüssen der Aiguille du Midi. Unfreundlich und abweisend sieht der Fels aus. Lange stehen wir im nassen Schnee, starren in die Höhe, ohne uns über einen möglichen Weg klar zu werden, bis uns ob des grellen Sonnenlichtes fast schwindlig wird.

Wenn irgendwo über 15 m hoch zu kommen ist, muss dies in der rechten Wandhälfte möglich sein.

« Frisch gewagt ist halb gewonnen », sagen wir uns. Doch wir haben ja nicht einmal Holzkeile bei uns! Ohne diese kommen wir in diesem Granit kaum sehr weit. Unweit erspähen wir Abfallholz einer Seilbahnbaustelle. Schnell wird ein Brett am Fels zerschlagen, die Holzstücke in Windjacke und Hosensack verstaut.

Die rechte Wandhälfte wird von einem riesigen, weit vorspringenden Dach verbaut. Toni klettert durch einen Riss hoch, der nach ca. 15 m unter einen Gesteinswulst führt. Durch einen Felshaken gesichert, quert er darauf einige Meter nach links Bis dahin ist er zügig weiter geklettert. Jetzt aber steht er unter einer nur wenig geneigten, vollkommen grifflosen Platte. Nur die winzigen Rauhigkeiten, wie sie der Granit eben bietet, sind vorhanden. Irgendwie zwingt er sich jedenfalls hinauf. Wie eine Fliege klebt er an der Platte. Erst hörte ich hie und da sein Lieblingswort « Focca-lotti », das ihm schon einen Übernamen eingetragen hat, später nur noch ein stossweises Keuchen. Endlich, nach langen Minuten, ein Hämmern. Es ist ihm gelungen, unter dem Dach einen Haken einzuschlagen. In gekrümmter Stellung quert er unter dem Vorbau bis zu seinem rechten Ende. Zwei, drei Haken und Trittschlingen helfen ihm über den Vorsprung, und er entschwindet meinen Augen.

Bald ertönt von oben her das « Nachkommen ». Ich stehe bei der grifflosen Platte. Wahrlich, die hat es in sich: Ich reisse mir die Finger wund, bis ich das Dach erreiche! Über dieses kraftraubende und vorwitzige Ding erreiche ich Toni, in einer Verschneidung, wo er in einer Trittschlinge steht.

Die Reihe ist jetzt an mir. Während Toni sagt, der Standhaken sei nicht 100prozentig, « Focca-lotti », klettere ich hoch. Tonis Schulter als bequemen Tritt benützend, gelingt es mir, einen riesigen Ringhaken zuverlässig einzusetzen. Die Finger in den Riss verkrallt, klettere ich mühsam aufwärts, bis ich mit dem Kopf an das zweite, ca. anderthalb Meter vorspringende Dach anstosse. Dieser Überhang ist von einem einzigen Riss durchspalten. Doch ist der Riss für meine Haken viel zu breit. Nur eines der mitgenommenen Holzstücke kann helfen, doch dasselbe gleitet fatalerweise wieder aus dem Riss und fällt ausgerechnet auf Tonis Kopf! Worauf ein knurrendes « Foccalotti » ertönt! Das zweite Holzstück hält, der Haken wird nachgeschlagen, die Trittschlinge eingehängt. In der Schlinge waagrecht unter dem Dach hängend, wage ich kaum zu atmen, eine geringe, unbedachte, hastige Bewegung und ich fliege samt Schlinge, Haken und Holz kopfüber in die Tiefe. Mühsam gelingt mir - wieder mit Holzkeil und Haken - an der Dachkante aussen eine zweite Schlinge anzubringen. Mit gemischten Gefühlen wechsle ich hinüber. Behutsam mich aufrichtend kann ich in den Riss der oben ansetzenden Platte mein letztes Holzscheit einsetzen. Daran mich hochziehend zapple ich über der gähnenden Leere, bis es mir gelingt, weiter oben die Faust im Riss zu verklemmen und mich endgültig hinaufzuarbeiten. Zitternd vor Anstrengung klebe ich im Riss, einen Arm und einen Fuss darin verklemmt. Mühsam zwinge ich mich hoch, dann muss ein Haken weiterhelfen. Wieder schwere Plattenkletterei. Schwach höre ich Tonis Stimme: « Seil aus. » 40 m Seil sind abgelaufen! Durch einen guten Standhaken gesichert, nehme ich Toni nach.

Über uns stehen respektable Überhänge. Links ein riesiger, ungegliederter Plattenschuss, der von einem einzigen Horizontalriss durchzogen wird, der hoffentlich bis zu den senkrecht in die Wandmitte hochführenden Rissen führt. Haken, die Toni in weiten Abständen schlägt, und Steigschlingen führen hinaus. Der Riss wird scheinbar immer seichter und weist Unterbrechungen auf.

Nur zögernd quert Toni weiter. Plötzlich höre ich ihn laut reden. Er ist auf einen Bohrstift gestossen. Hinterlassenschaft einer vor uns hier oben gewesenen Seilschaft.

Während wir das erste Dach rechts übersteigen, müssen unsere Vorgänger dieses links überklettert haben und den Vertikalriss, der den Plattenschuss bis zu Tonis jetzigem Standort durchreisst, erstiegen haben, wo sie dann in den griff- und trittlosen Granit einen winzigen Bohrstift setzten.

Da es spät im Nachmittag ist, wir haben kein Essen, kein Biwakmaterial bei uns, da wir ja nur erkunden wollten, entschliessen wir uns, abzusteigen. Als Erleichterung für morgen lassen wir die Seile hängen.

Wer war die erste Seilschaft? Denn ist sie durch die Platte, so ist sie auch durch die ganze Wand gekommen! Durst und Neugier treiben uns auf die Bergstation der « Midi-Seilbahn ». Wir erfahren da folgendes: « Der bekannte Bergsteiger und -führer Rébuffat und sein Gefährte sind vor ca. 3-4 Tagen erstmals durch die Wand geklettert. Vorhergehend sind viele Versuche am grossen Dach gescheitert. » - Wir freuen uns, dass uns die Überkletterung des Daches an einer andern Stelle gelungen ist, und wir werden als zweite Seilschaft unseren Weg durch die Südostwand finden!

Da wir auf der noch im Bau befindenden Bergstation kein Nachtquartier erhalten können, suchen wir die ehemalige Cabane du Midi und jetzige Wetterstation auf. Wir werden vom Wetterwart sehr freundlich aufgenommen. Anwesende Genfer Kameraden, die eine ganz grosse Sache am Capucin vorhaben, helfen uns liebenswürdigerweise mit ihrem Proviant aus.

Anderntags im Morgengrauen. Wir hangeln uns an den zurückgelassenen Seilen hoch, was sehr kraftraubend ist, denn Bergseile sind keine Schiffstaue. Keuchend erreichen wir unsere Umkehrstelle. Toni ist am Ende des Horizontalrisses, wo er einen Haken nur schlecht einbringt. Nach mehreren Versuchen gelingt es ihm, mit der Trittschlinge hochzusteigen und auf den Haken zu stehen. Ich wage vor Spannung kaum zu atmen, bin bereit, die Seile um Felsvorsprünge zu legen, denn Toni findet für seine Hände keinen einzigen Griff, er kann nur die Handflächen an den Fels drücken, damit er nicht auskippt. Auf dem Haken stehend lässt er sich mit ausgestreckten Armen nach links fallen, um eine abgespaltene Platte zu ergreifen, pendelt mit den Füssen weg, macht einen Klimmzug und steht dann auf der Platte. « Foccalotti »! Damit erreicht er die nach oben führende Rissverschneidung.

Ich bin nur zu froh, als ich Toni erreiche. Das Vorklettern ist wieder an mir. In die Risse der abdrängenden Verschneidung lassen sich nur schlecht Haken einschlagen. Die Kletterei ist schwer und bewegt sich hart an der Grenze des sechsten Grades. Nach 15 Metern erklimme ich eine kurze, nach links führende Rampe, die zu einer weitern Verschneidung leitet. Nach einigen Versuchen gelingt es mir, in der Verschneidung gespreizt, einen Haken einzuschlagen. Es ist höchste Zeit, denn meine Kräfte sind am Erlahmen! Von der überstandenen Anstrengung noch zitternd, hange ich am eingehängten Seil. Ein 20 m hoher Sturz wäre ja ein zweifelhaftes Vergnügen gewesen! Ich erhole mich rasch. Die Verschneidung ist noch ca. 8-10 m hoch und endet bei einer zweiten Rampe. Hier lasse ich Toni nachkommen, der knurrt: « Foccalotti, immer verflucht schwer. » Die nächste Seillänge scheint etwas leichter zu werden. Der Fels ist zerrissen. Eine einzige Stelle muss Toni mit Hakenhilfe überwinden. Ich treffe ihn auf einer Kanzel wieder. Aber, wie sieht er aus! Geschwollene, tränennasse Augen...

Die grelle, gleissende Lichtfülle hat ihm arg zugesetzt. Während er mich sichert, klettere ich eine Wandstufe höher unter einen total vereisten Überhang, der mir lange und schwer zu schaffen gibt.

Die Wand wird geneigter. Platten, Risse, Verschneidungen und verfirnte Schneeriemen führen in freier, aber schwerer Kletterei gipfelwärts. Nur noch einzelne Stellen sind mit Hakenhilfe zu überwinden. Toni hält sich tapfer. Trotz seiner Augen will er seine ihm zustehenden Seillängen führen...

Ich stemme mich in einen Risskamin hoch. Das Seil klemmt irgendwie. Mit aller Kraft zerre ich daran. Mit etwas komischem Gefühl sehe ich nach unten: das Seil hat sich an einer riesigen Platte verfangen, die durch mein unglückliches Zerren gelöst wurde und nur auf die geringste Bewegung wartet, um dann in die Tiefe zu fallen, just auf Toni zu. Auf meinen Zuruf hin klettert er behende unter einen Überhang hinaus. Kaum ist er verschwunden, saust die mehrere Zentner schwere Granitplatte hinunter, glücklicherweise unsere Seile verschonend. Nach zwei Stunden Kletterei reichen wir uns auf dem Gipfel die Hände.

Unter dem Beifall der auf der gegenüberliegenden, 150 m weit entfernten Bergstation anwesenden Touristen seilen wir uns zuerst die lotrechten Granitfelsen, dann die steilen vereisten Rinnen der Nordwestwand hinunter.

Wir sind in der Torinohütte. Franz hat sich um uns besorgt. Er hat in der Zwischenzeit mit einem Deutschen die Nordwand der Tour Ronde durchstiegen. Eine bekannte, ca. 400 m hohe Firnwand.

Toni muss seiner Augen wegen ins Tal, ich meiner wundgekletterten Finger wegen einen Ruhetag einschalten. Bequem wie ein Sommerfrischler in der Sonne zu liegen und die Berge von unten anzusehen, hat auch seinen Reiz.

Capucin-Ostwand Der Wecker rasselt. Eines der unangenehmsten Geräusche, die es gibt. Es ist 1.30 Uhr früh. Während Franz den Morgenkaffee braut, wälze ich mich noch schlaftrunken auf meiner Pritsche. Franz hat sehr viel Talent im Kochen, das er deshalb meistens allein bewältigen muss. Soll er nur, wenn er seine Begleiterin nicht besser zu gewöhnen weiss. Das Loch in meiner Hose wird auch jeden Tag grösser. Ich würde es selber flicken, doch bin ich neugierig, wie gross dieses werden muss, bis die eigentlich zuständige Person sich bequemt, es zu nähen.

Am Osthimmel kündigt sich der neue Tag an. Das Licht der Sterne ist am Verblassen. Doch hier beim Randschrund der Capucin-Ostwand herrscht noch tiefe Nacht. Langsam ordnen wir unser Rüstzeug: Zwei 40-m-Perlonseile, von 10 und 12 mm Durchmesser, etwa 20 Karabiner, ca. 30 Haken, 5 Holzkeile und ebensoviele Trittschlingen. Ein Rucksack mit einer zweiten Garnitur Windjacken und Handschuhe, Biwaksack und Proviant für zwei Tage kommt mit. Die Steigeisen und Franzens Pickel deponieren wir. Mein Eisbeil wird mitgenommen.

HaltSind das nicht Schritte, die sich uns nähern? Aus dem Dunkel tauchen zwei Gestalten auf. Es sind Franzosen, die ebenfalls in die Wand wollen.

Die Dämmerung bricht an, es ist bitter kalt, der harte Schnee girrt und klirrt unter unseren Tritten. Den Randschrund haben wir vor den Franzosen überwunden. Franz steigt das harte steile Firnfeld hinan. Der Firn zerstiebt unter seinen gelegentlichen, wuchtigen Schlägen. Der Fels ist erreicht, die Franzosen hinter uns. Nun bin ich in Führung. Vereister Fels, Blöcke und Platten, nur durch Eis gekittet, stellen sich mir entgegen. Die Franzosen holen auf, während ich mich mit einem Eiswulst herumbalge, der mir den Ausstieg aus einer Verschneidung verwehrt.

Nach Beschreibung müssen wir einige Meter absteigen, ebensoviel einqueren, dann hochklettern bis unter den Überhang. Ich sehe ihn schon, den Pendelhaken. Bald erreiche ich ihn. Während ich das Seil einfädle, klettert der erste Franzose in gewagter Traverse unten vorbei. Ich pendle genau nach Beschreibung zur schmalen, abschüssigen Leiste, komme dort gerade zurecht, um dem zweiten der Franzosen, der gerutscht ist, wieder hinaufzuhelfen.

Franz pendelt mit grossem Schwung herüber. Eine fanggriffige Platte, dann haben wir das grosse Querband erreicht und damit auch den eigentlichen Einstieg in die Wandmitte.

Die Capucin-Ostwand wurde im Jahre 1951 von den beiden jungen Italienern Bonatti und Ghigo in viertägiger Kletterei erstmals durchstiegen. Sie gilt mit der Dru-Westwand als schwerste Fahrt der Westalpen.

Der zweite der beiden Franzosen klettert schon eine halbe Seillänge höher. Die Kletterei ist von Anbeginn äusserst schwer, trotz den einzelnen Haken, die stecken. Kurz vor dem Standplatz hole ich den Franzosen ein. Die zweite Seillänge übernimmt Franz. Der Granit ist griffarm und lotrecht. Unmittelbar hinter den Franzosen erklimmt Franz den Standplatz, hinter einer abgesprengten Platte. Wir sehen, dass wir bedeutend schneller klettern als die andern. Doch die Reihenfolge ist nun nicht mehr zu ändern...

Wir liegen hinter der abgespaltenen Platte in der warmen Morgensonne. Während sich der erste der Franzosen wenige Meter über uns in einem Riss so richtig abschindet, plaudern wir mit dem zweiten. Plaudern ist allerdings weit übertrieben, doch irgendwie können wir uns doch durch Wort-brocken und Gesten jedenfalls verständigen. Die beiden stammen aus Marseille wie die bekannten Dolomitengeher Gabriel und Livanos, die wir persönlich gut kennen.

Wir lassen die beiden Marseiller vorausgehen, bis der erste wieder vom nächsten Standplatz weg ist. Dann mache ich mich auf den Weg oder, besser gesagt, ich winde mich in Schlangenbewegungen am Riss hoch. Ich bin erleichtert, als ich den « Schinder » hinter mir habe und meine Hand an offenen Fels legen kann. Haken und Schlingen müssen eine 25 m hohe, abdrängende, von kleinen Gesteins-wulsten durchsetzte Platte hinaufhelfen. Der zweite der Südfranzosen steht noch auf dem Standplatz hinter der Rippe. Deshalb ist mir der Ausstieg verwehrt.

Über eine Stunde schon stehe ich in der gleichen Steigschlinge im wegdrängenden Fels. Weiss der Kuckuck, was mit dem Franzosen oben im Fels los ist? Hält er Siesta? Meine Füsse schmerzen. Langsam ermüde ich. Da fasst mich der Zorn! Ich bedeute dem Marseiller, dass er zwischen zwei Möglichkeiten zu wählen hat: entweder den Platz freizugeben oder die Wand zu verlassen... Das wirktEr zwängt sich etwas zur Seite und macht Platz.

Fast eine volle Stunde stehen wir dann friedlich nebeneinander, jeder den Fuss auf einem winzigen Stand, den andern in der Schlinge Der zweite Franzose kann hochklettern und damit auch Franz nachkommen, der gleich die nächste Seillänge übernimmt. Sie ist grausig schwer. Eine grifflose Verschneidung hoch, über einen dreieckigen Vorsprung, zuletzt eine feingriffige Querung nach rechts. Eine Seillänge, die das Äusserste fordert, aber von Franz mit Geschick gemeistert wird.

Was nun kommt, ist von gleicher Art. Traverse nach rechts. Die Füsse auf einer kaum wahrnehmbaren Leiste, die sich am Rande eines riesigen Felsdaches durchzieht. Auf Brusthöhe ein wegdrän-gender Gesteinswulst, darüber nur spärliche Griffe. Unten Luft bis zum gähnenden Riesenschrund! Ich arbeite mich höher und gelange in eine Verschneidung, die unter einem gewaltigen Granitblock endet. Unter dem Dach mit Hakenhilfe durchqueren. Ein kräftiger Klimmzug, und das erste Biwak Bonatti-Ghigo ist erreicht. Hier rasten wir alle vier. Wir fallen über die eingepackten Früchte her, von denen wir auch den Franzosen anbieten.

Der erste Biwakplatz ist eine Felsennische, die bequem drei sitzenden Personen Platz bietet. Die Sonne brennt unbarmherzig hernieder. Die gleissenden Gletscher wirken wie Spiegel.

Der Fels ist lotrecht, von Dächern durchsetzt. Die Kletterei ist abwechslungsreich, aber äusserst schwer. Hakenstellen wechseln mit freier Kletterei, an der Grenze des Möglichen.

Es ist spät im Nachmittag. Wir klettern weiter. Den Rucksack verfluchend, der mich bei der Kaminkletterei hindert, erreiche ich Franz. Wieder warten! Schnee, mit Zucker vermischt, netzt unsere ausgetrockneten Gaumen. Über uns eine von Überhängen durchsetzte Plattenwand. Nach der Beschreibung die Schlüsselstelle des unteren Wandteils. Also noch schwerer als das unter uns Liegende! Ständig abdrängende Überhänge mit schlecht sitzenden Haken überwindend, gewagte freie Züge und Haken einbringend, wobei man kaum zu atmen wagt, so klettere ich eine Seillänge hoch. Schlingenstand an wenig Vertrauen erweckenden Felshaken. Franz kann bis auf zwei Meter herankommen, dann steige ich weiter. Im gleichen Stil weiter! Schlechte Haken. Gewagte freie Züge. Zur Abwechslung hie und da ein morscher Holzkeil. Keuchend der letzte Klimmzug, die grosse Terrasse, das zweite Biwak Bonatti-Ghigo ist erreicht, damit auch unser Bergnacht-platz.

Über fünf Stunden mussten wir der Franzosen wegen warten, dafür versorgen sie uns jetzt mit heissem Wasser, da wir keinen Kocher mit uns haben, dafür sie einen Gaskocher.

Die Nacht ist bitter kalt. Unser Biwakplatz ist sehr luftig, hoch über den Gletschern, von einem wundervollen Sternenhimmel überdacht. Wechselnd zwischen Zähneklappern und Schlafen erreichen wir den Morgen. Die umliegenden Berge beginnen sich langsam rot zu färben. Der neue Tag erwacht. Wir recken unsere steifgewordenen Glieder. Der Gaskocher der Franzosen schnurrt ein gerngehörtes Morgenlied. Während wir mit dem von ihnen überlassenen Warmwasser unseren Morgentrunk brauen, brechen die Marseiller bereits zum Weiterklettern auf.

Die wärmende Morgensonne bringt unsere Lebensgeister vollends in Schwung. Franz kommt zum Führen. Eine heikle ausgesetzte Traverse entrückt ihn meinen Blicken. Erst laufen die Seile zügig weg, dann nur noch zögernd. Plötzlich ruft er, ich solle aufpassen, es werde ihm schlecht, alles drehe sich vor seinen Augen. Es dauert geraume Zeit, bis er sich, an einem Haken hängend, so weit erholt hat, dass er mich sichern und ich nachsteigen kann. Ich erschrecke, wie ich ihn sehe, seine Gesichtsfarbe wechselt zwischen Weiss und Grün. Kalter Schweiss tropft ihm von der Stirn. Langsam erholt er sich.

Eine Verschneidung setzt an Einige Meter senkrecht hoch unter ein anderthalb Meter weit vorspringendes Granitdach. Mit dem Einsatz aller Kräfte und mit Hilfe von Holzkeilen in einer an der Dachkante ansetzenden lotrechten Verschneidung, die nach wenigen Metern durch einen ebenfalls waagrecht herausstehenden Überhang verriegelt ist, geht es wie auf einer « umgekehrten Treppe » ca. 35 m aufwärts. Nachher rechts hinausquerend auf eine faustbreite Leiste zum Stand.

Nichts stört den Blick in die Tiefe, weit unten liegt der Firn. Franz hat sich erholt, doch ist er bleich wie Schnee... ich behalte die Führung und klettere weiter über eine abdrängende Platte in eine von Überhängen gespickte Verschneidung. Bald hänge ich weit in der freien Luft, während Franz in der Wand steht und auf der kleinen Leiste sichert. Keuchend wie ein Mühlenpferd erreiche ich Bonattis dritten Biwakplatz. Der erste der beiden Franzosen drängt sich wenige Meter weiter oben über einen Überhang. Mit dem zweiten teile ich den Platz. Sitzend müssen wir die Beine in der Leere baumeln lassen. Mit wuchtigen Schlägen treibe ich einen Ringhaken in eine Granitplatte und sichere uns. Heiss brennt die Sonne.

Ich bewundere Franz, der trotz seines Zustandes wacker nachsteigt. Rechtzeitig räumt der Franzose den Freiluftplatz für ihn. Die Köpfe in die Schattenecke der Nische haltend, warten wir durst-geplagt, bis die andern unsern Blicken entschwunden sind.

Von Franz zuverlässig gesichert, schiebe ich mich über abstehenden Fels in die Höhe, anschliessend wieder über einen Plattenschuss, der von einem einzigen Spalt durchrissen wird. Die Haken eines Schiingenstandes sehen wenig vertrauenerweckend aus. Doch sie halten, wie auch die weitern schlecht sitzenden Haken und Holzkeile. Mit etwas gewagten, freien Klimmzügen komme ich auf ein schmales, abschüssiges Band, aber nur dank der starken Dehnung der Kunstfaserseile.

Die nächste Seillänge will Franz wieder führen. Da ich nichts riskieren will, Franz ist immer noch bleich, gestatte ich es ihm nicht. Ich bin vollauf zufrieden, dass er trotzdem so gut nachkommt.

Wir stehen unter der sogenannten « Kapuze », dem riesenhaften dreieckigen Gipfelvorsprung, der diesem wilden Berg den Namen gegeben hat. Ein kurzer Riss führt mich in eine Platte, in der Griffe äusserst selten sind. Meine Fingerspitzen sind neuerdings vom rauhen Granit aufgerissen. Sie hinterlassen Blutspuren im Fels. Ein grosser, doch griffiger Überhang ist in freier, luftiger Kletterei zu übersteigen. Wir haben die Franzosen wieder aufgeholt.

Eine vereiste gefährliche Traverse leitet in die Nordflanke. Über von Schnee und Eis bedeckte Stufen ersteigen wir ein Schneeband und dann in kurzer, freier Kletterei den so hart verdienten Gipfel!

Vier kleine Menschen, die ein starker Wille führte, reichen sich die Hand. Der Wunsch nach starken Erlebnissen, die Lockung der Gefahr, haben uns in dieses Abenteuer geführt, das uns zu sättigen vermochte.

Noch sind wir nicht in der sichern Hütte, sondern in beinahe 4000 m Höhe auf einem der wildesten Gipfel dieser gigantischen Bergwelt. Während aus der Brenvaflanke dauernd Eisstürze in die Tiefe donnern, seilen wir uns in den Felsen gegen die « Aiguilles du Diable » ab. Zweimal ca. 40 m frei hängend hinunterschwebend erreichen wir den Schneegrat. Nordwärts leiten steile Eisrinnen in die schattige Tiefe. Haken werden geschlagen, Seile ausgelegt und an diesen volle 40 m hinuntergefahren. Wieder Haken in den Fels gehämmert. So in stetem Wechsel hinunter zu den Firnhängen. Über diese abfahrend auf den Glacier du Géant. Den Spalten ausweichend mühen wir uns, immer wieder verschnaufend, durch den weichen Firnschnee hinauf zum Col des Flambeaux. Mit überraschender Schnelligkeit hat sich ein Unwetter aufgezogen. Mit durch Blitz und Donner beschleunigtem Schritt erreichen wir aufatmend die sichere Hütte.

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