Wetterlücke und Märbegglücke

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Von C. Montandon ( Section Bern ).

Am 25. Juni des Regenjahres 1882 hatte ich in Begleit zweier Freunde ( HH. Red. Zuber und Gempeler, stud, phil. ) die Wetterlücke ( 3149 m ) überschritten und im Gletscherstaffel zuhinterst im Lötschthal Quartier bezogen. Föhniges Wetter, weicher Schnee, der arg zerklüftete Gletscher, alle hatten dazu beigetragen, den Aufstieg zu einem äußerst beschwerlichen zu gestalten; erst nach 8 Vs stündiger Wanderung erreichten wir die Paßhöhe. Zwei gewaltige Eisstürze unterbrechen den mächtigen Strom des Breithorngletschers, den man am Fuße des Kanzelhorns betritt. Beide erforderten umsichtiges Laviren und eine Turnerei, wie sie mir bis dahin auf meinen vielen Bergfahrten noch nicht vorgekommen war. Der Gletscher selbst erwies sich namentlich in seinen untern Partien als sehr verschrundet, und der Schnee, der die Spalten verdeckte, war weich. Der Voranschreitende hatte somit nicht die leichteste Arbeit. Ihm lag auch jeweilea ob, den besten Weg ausfindig zu machen, sobald man sich über die einzuschlagende Richtung verständigt hatte. An schwierigeren Stellen — und deren gab es viele — ließ man ihn vorausgehen, bis das Seil abgewickelt und eine feste Position erobert war. Mit unnützem Laviren verloren wir keine Zeit. Nur wenig » Minuten waren uns vergönnt, auf der Paßhöhe ( 12. 50 ) die hübsche Aussicht auf die Lötschthalergebirge und die Riesen des Oberlandes zu genießen; das anfangs günstige Wetter hatte sich schon während unseres Aufstieges verschlimmert, und nun prasselte, von Donner und Blitz begleitet, ein gelindes Hagelwetter auf uns hernieder. Da blieb nichts Anderes übrig, als auf unsere weiteren Projecte ( Breithorn ) für dies Mal zu verzichten und so rasch als möglich wohnlichere Gegenden aufzusuchen. Trotz Schneegestöbers und dichten Nebels, die auf das Gewitter folgten, gelangten wir, mit Hülfe von Compaß und Karte den Gletscher in südwestlicher Richtung nach dem Innern Pfafflerenthal traversirend, wohlbehalten in die Tiefe. Ungewohnten möchte ein derartiger Abstieg ohne Führer weniger leicht gelungen sein. Gegen Abend hellte sich das Wetter wieder auf und wir blieben, um für den folgenden Tag vollkommen freie Hand zu haben, im Gletscherstaffel.

Der Morgen des 26. Juni sah uns langsam nach Platten hinunterschreiten. Breithorn und andere Pläne hatten wir aufgegeben, da Freund G. mit seinen etwas defecten Schuhen für eine langwierige Schneestampferei nicht widerstandsfähig genug zu sein vermeinte. Dafür sollte der Lötschenpaß theilweise Ersatz bieten. Nur ungern verließen wir das liebliche Lötschthal, an das sich so manche angenehme Erinnerung knüpfte. Durch schönen Lärchenwald ansteigend erreichten wir um 7 U. 30 die ersten Alphütten am Fuß der Spalihörner. Schwerlich möchte es Jemand gelingen, ohne Anwendung mechanischer Hülfsmittel den höhern dieser beiden Gipfel zu erklimmen, an dem vor Jahren einige junge Bursche bei einem Besteigungsversuch ihr Leben eingebüßt haben, während das kleine Spalihorn schon öfter das Ziel kletter-lustiger Lötschthaler gewesen ist. Am 5. August d. J. hat auch der Berichterstatter im Vereine mit seinem Bruder Paul dem letztern Gipfel einen Besuch abgestattet; die Besteigung war kürzer, aber etwas schwieriger als diejenige der Spillgerten und des Gr. Lobhorns.

Wir schieden erst nach längerem Aufenthalte vom freundlichen Sennen, der uns mit Milch bewirthet, und longirten den Fuß der Spalihörner in westlicher Richtung nach dem Mühlebachthälchen. Mich gelüstete es wenig, den Umweg nach dem Lötschenpaß zu machen, den ich schon wiederholt überschritten ( und auf dessen Höhe ich einst sieben genußreiche Stunden zugebracht ), indessen war mir aus der Literatur kein anderer Uebergang in 's Gasterenthal bekannt, und ich hatte mich schon in mein Schicksal ergeben. Unterwegs begegnete uns ein Senne, der mich mit der Mittheilung überraschte, daß ein früher von Leder-händlern öfters und jetzt noch zuweilen begangener Paß auf die Grathöhe zwischen Hockenhorn und Sackhorn und durch den Märbegggraben nach Seiden hinunterführe. Der Weg durch die Märbegglücke, sagte er, sei 20 Minuten kürzer als der Lötschenpaß. Er möchte an einem Unglücke aber nicht Schuld sein und wolle mich nicht aufmuntern, den ziemlich schwierigen Abstieg allein auszuführen.

Meine Begleiter wandten sich nach dem Lötschenpaß, der ihnen neu war; sie ahnten nicht, daß ihnen auch dort mühsames Schneestampfen nicht erspart sein würde. Ich meinerseits unterschätzte die Schwierigkeiten eines Abstiegs durch die steile Rinne keineswegs und dachte auch an die Folgen einer allfälligen unfreiwilligen Rutschpartie, andrerseits aber regte sich in mir der Bergmannsstolz, wenn ich daran dachte, daß vor mir schon Andere, ohne sich ihrer Leistung zu rühmen, dort hinuntergelangt waren, und ich beschloß, den Versuch zu wagen. Raschen Schrittes eilte ich über den weichen Rasenteppich von Mühlebach hinweg und erklomm, Spalihörner und Gallendloch rechts lassend, das steile, den Hintergrund des Thälchens abschließende Felsgehänge. Das Terrain eignete sich zum Klettern vorzüglich und in kurzer Zeit hatte ich eine bedeutende Höhe erreicht. Ich konnte nun auch die Fortsetzung meines Weges gut übersehen, doch sollte mir erst noch eine halbstündige Rast auf dem letzten Rasenflecken, wo noch Soldanellen und Violen blühten, für die bevorstehende Waterei neue Kräfte verleihen ( 8. 55-9. 25 ). Zwischen Hockenhorn und Sackhorn und dem gegen das Stühlihorn vorspringenden Grate eingebettet erstreckte sich ein langes, mäßig ansteigendes Schneefeld bis zur Einsattlung empor, von der aus ich durch die eine der zahlreichen Rinnen in 's Gasterenthal hinunterzusteigen gedachte. Mein Weg führte mich zuerst über einen Lappen des Mühlebachgletschers, der bis zum Schneefeld hinabreichte. Mein Gewährsmann hatte mir denselben als ganz gefahrlos beschrieben, doch hielt ich es für angezeigt, beim Traversiren die größte Vorsicht zu beobachten und nur Schritt für Schritt, mit dem Pickel sondirend, vorzurücken. Der Spaß dauerte indessen nur 10 Minuten, und einmal auf der andern Seite, war keine Gefahr mehr zu befürchten. Der tiefe Schnee gestattete es leider nicht, im Sturmschritt die Scharte zu erobern, immerhin ging der Aufstieg verhältnißmäßig rasch von Statten und punkt 11 Uhr hatte ich, immer etwas links haltend, mein Ziel erreicht. Die Einsattlung, in welcher ich stand, bildet nicht zugleich die niedrigste Stelle des Grates; der tiefste Einschnitt liegt vielmehr östlich gegen das Sackhorn zu, jenseits einer gipfelartig vorspringenden Felsrippe, von wo an alle Lawinenzüge in den Alpetli-graben ausmünden. Oestlich, meinen Standpunkt um circa 150 Meter überragend, erhebt sich das gletscher-bekleidete Sackhorn ( 3219 m ), während der gegenüberliegende Gipfel des Hockenhorns ( 3297 m ) nicht sichtbar ist. Das Auge fesselt vor Allem aus, wie überall auf dieser Kette, das kühne Bietschhorn, und auch die elegante Gestalt des Weißhorns winkt noch aus dem Wallis herüber. Einen überwältigenden Eindruck, der durch die stotzigen Wände des Doldenhorns noch erhöht wird, bereitet der Blick in das tief zu Füßen liegende Gasterenthal. Im Uebrigen bietet die Aussicht nichts Bemerkenswerthes dar.

In unglaublich kurzer Zeit würde ich die obere Hälfte der 1500 Meter, die mich von der Thalsohle trennten, durchflogen haben, wenn das Couloir, in das ich nach einem Aufenthalte von nur 10 Minuten abzusteigen begann, nicht so unverschämt steil gewesen wäre und eine Rutschpartie gestattet hätte. Zudem zog sich auf der einen Seite desselben, den anstehenden Granitfelsen entlang, ein vereistes Rinnsal hinab, dem ebenfalls hartgefrorene Seitencanäle alles zuführten, was im Couloir nicht zu haften vermochte. Ich hätte während einer Rutschpartie nicht nach Belieben innehalten können, und da die Schneekehle nicht gerade hinabführt, sondern in westlicher Flucht den Bergabhang durchschneidet, so wäre eine intime Bekanntschaft mit dem harten Gestein nur zu bald die Folge meiner unvorsichtigen Manipulationen geworden. Vorläufig ließ sich durch festes Auftreten noch Halt genug finden, doch bald wurde der Hang abschüssiger, das Couloir enger, und ich mußte, um mit Sicherheit absteigen zu können, zu andern Maßregeln greifen. Der Pickelstock wurde fest in den zähen Schnee eingerammt und gewährte festen Halt, während ich, jeden Tritt sorgfältig feststampfend, das Gesicht der Wand zugekehrt, rückwärts hinunterstieg. Ich war auf diese Weise meiner Bewegungen vollständig Herr und durfte im Abstieg zuweilen sogar eine gewisse Eile eintreten lassen. Langsamer ging es aber, wenn ich auf einen der Seitencanäle stieß, da alsdann nach der anderen Seite der Hauptrinne traversirt werden mußte, was nicht immer ohne Stufenhacken vor sich ging. Nach Verfluß einer Stunde näherte ich mich zusehends der Stelle, wo sich das Couloir mit einem zweiten, aus entgegengesetzter Richtung herkommenden Lawinenzuge zu einem größern Schneefelde vereinigte, das in den eigentlichen Märbegggraben ausmündete. Es traten auch die hemmenden Felswände zurück, und dort angelangt, war keine Gefahr mehr zu befürchten. „ Das ist etwas für dich ", dachte ich, setzte mich auf den weichen Lawinenschnee und fuhr mit Windeseile weit hinab bis zu den Schafweiden der Märbegg, wo das Rauschen des Bergbachs unter dem Schnee und die häufig vorkommenden Steine Halt geboten. Ich verließ den „ Märbegggraben " und kletterte nach dem Schafläger hinüber, wo die Spuren eines Fußweges sichtbar waren. Dann sprang ich rasch den steilen Hang hinab, überschritt um 1. 10 die junge Kander und langte bald darauf in Seiden an. Der Uebergang von Mühlebach ( 1—IV2 Std. von Ried ) nach Seiden im Gasterenthal hatte somit, excl. Halte, vier Stunden in Anspruch genommen, bei günstigeren Schneeverhältnissen, als ich sie angetroffen, läßt sich derselbe in noch kürzerer Zeit bewerkstelligen. Wenn der Lawinenschnee bis in 's Thal hinunterreicht, so braucht man bei den Schafweiden den Märbegggraben nicht zu verlassen, so daß auch hier eine bedeutende Zeitersparniß zu erreichen ist.

Als Variante zum Lötschenpaß möchte ich diesen, meines Wissens von Touristen vor mir noch nie gewählten Uebergang jedem unerschrockenen Bergsteiger bestens empfehlen. Vortheilhafter ist es, die Traverse in umgekehrter Richtung auszuführen, da ein Abstieg durch das steile Couloir namentlich im Spätsommer mit größeren Schwierigkeiten verbunden sein möchte, als es dieses Jahr im Juni der Fall war. Von der Grathöhe aus läßt sich das Sackhorn in circa einer Stunde leicht ersteigen, und weiter unten bieten der Besuch des Gallendloches und der Spalihörner für die erlittenen Beschwerden reichlichen Ersatz.

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