Wie ist aus dem Dreiländerbund die Schweiz geworden?

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Von Leonhard von Muralt

( Zollikon-Zürich ).

Am 1. August 1291 erneuern die Talleute von Uri, Schwyz und Nidwalden — die Obwaldner treten vermutlich erst nach Weihnachten 1291 bei — einen altern Bund, in welchem sie sich bereits schon ein Statutum, das durch scharfe Strafbestimmungen gegen Friedensbrecher Recht und Ordnung im Innern sichert, gegeben haben. Dem fügen sie den neuen Artikel bei, dass sie keine fremden Richter im Tal dulden wollen. Über allem steht die Verpflichtung zur Hilfe mit allen Kräften gegen jeden Angreifer. Die drei einzelnen Talschaften sind keine Staaten im heutigen Sinne, und ihr Bund ist kein Bundesstaat, und doch liegen in diesen Vorgängen alle Keime zur heutigen schweizerischen Eidgenossenschaft. Die Talleute wollten nichts anderes als autonom ihre Angelegenheiten selber besorgen; sie erkannten, dass sie dieses Ziel nur durch gegenseitigen Zusammenschluss erreichten. Mit dem Zusammenschluss wollten sie also nicht einen neuen Staat gründen, sondern die Freiheit im engsten Bereiche ihrer Markgenossenschaft sichern. Der Sinn und Zweck dieses politischen Handelns war gerade das Sichbeschränken auf den Bereich eines in sich geschlossenen Voralpentales. « Vater, es wird mir eng im weiten Land; da wohn'ich lieber unter den Lawinen », sagt der Bube zum Teil.

Diese autonomen Talschaften werden jedoch bald zu einem Staat, nicht durch wohlgeordnete Paragraphen der Juristen, sondern durch Halbarten und Morgensterne, durch den gemeinsamen Kampf gegen die sie angreifende Fürstenmacht am Morgarten. Österreich zwingt die Täler, aussenpolitisch selbständig zu handeln. Das macht sie zu einem neuen Land auf der Karte Europas. Sofort machen sie von ihrer neuen staatlich-aussenpolitischen Handlungsfähigkeit Gebrauch, sie erweitern ihr Bündnis durch die Aufnahme Luzerns. Damit wird der See ihr Mare nostrum. Zugleich aber gewinnen sie ein Tor in eine weite Welt, völlig ausserhalb ihres ursprünglichen Bereiches in den Voralpentälern am Nordfusse des Gotthard. Ihr aussenpolitischer Blick erweitert sich ins Ungemessene. Der erste grosse Aussenminister des Kerns der Eidgenossenschaft ist Hans von Attinghusen in Uri. Er blickt nach Süden über den Gotthard wie nach Norden und versteht es, mit dem ebenbürtigen Partner in der mächtigen Reichsstadt an der Limmat, mit dem ersten Bürgermeister Zürichs, Rudolf Brun, einen klug ausgesponnenen Bündnis-vertrag zu schliessen ( 1351 ). Der Blick der Eidgenossen geht auch nach Westen. Sie stellen ihre am Morgarten erprobte militärische Kraft 1339 im Laupenkrieg dem bedrohten Bern zur Verfügung und gewinnen sich dadurch 1353 einen zweiten Verbündeten, wieder in einem ganz andern geographischen Bereich: Zürich in der Ostschweiz, an der grossen Alpenstrasse von den Bündnerpässen her an den Rhein, Bern in burgundischen Landen, von der Natur gleichsam dazu bestimmt, den weitesten Raum von der Aaremündung bis an den Genfersee mit seiner Macht auszufüllen.

So ist der anfangs durchaus auf die Täler begrenzte Dreiländerbund nach zwei Generationen Mitte sehr komplizierter, sehr differenzierter aussen-politischer Zusammenhänge, die weit über dessen ursprünglichen Lebensraum hinausreichen. Der Abwehrkampf gegen Österreich verstärkt diese Entwicklung immer wieder. Die dritte Generation erkämpft die Siege von Sempach, 1386, und Näfels, 1388, und erzwingt damit eine Entscheidung von europäischer Bedeutung. Die Städte südlich des Rheines haben in der Folge keine Fürstenmacht mehr zu fürchten, die schwäbischen und rheinischen Städtebünde dagegen werden vom fürstlichen Territorialstaat geschlagen und auf den Bereich ihres Weichbildes zurückgeworfen. Zürich und Bern aber, dann mit ihnen auch Freiburg und Solothurn, Basel und Schaf f hausen, vom Kern aus ebenso Luzern können sich im Laufe des 15. Jahrhunderts das schweizerische Mittelland unterwerfen durch Eroberung, durch Kauf, durch Pfandschaft, durch andere Formen des Erwerbes. Diese Städte sind es, die die neue grössere Eidgenossenschaft, vorläufig zwischen Saane im Westen und Bodensee im Osten zusammenfügen und aufbauen; sie könnten es nicht, wenn nicht die Urkraft der Länder immer hinter ihnen stehen würde, bei der Eroberung des Aargaus, 1415, und des Thurgaus, 1460, bei der Abwehr der Armagnaken vor St. Jakob an der Birs, 1444. Die Städte bringen diesen Landschaften nicht die Freiheit, vielmehr treten sie an die Stelle der frühern feudalen Landesherren. Das städtische Regiment, planmässig, vernünftig und auf Nutzung bedacht, erscheint den Bauern hart, und nur unter grossen Widerständen, die sich in Krisen wie dem Waldmannhandel, dem bernischen Twingherrenstreit u.a. äussern, festigen sich die Stadtstaaten. Die Schweiz würde ohne sie heute nicht bestehen. Die politische Kraft der Städte nur hat ein weiträumiges und zugleich mannigfaltiges und zersplittertes Gebiet und seine Bewohner zusammengeschweisst, die sonst eben doch die Beute fürstlicher Eroberung geworden oder wie süddeutsche Gebiete in ein wirres Mosaik auseinandergefallen wären.

In den 70er Jahren des 15. Jahrhunderts tauchte eine neue Gefahr für diese erweiterte und grosse Eidgenossenschaft auf. Das Reich Karls des Kühnen von Burgund drohte den bernischen Aarestaat von drei Seiten zu umfassen, von Norden her, indem Burgund am Rhein Fuss fasste, von Rheinfelden bis Waldshut, von Westen her, indem Burgund die Übergänge aus dem Jura in den Sundgau und in die Freigrafschaft, Salz- und Kornlieferant der Schweiz, abriegeln konnte, von Süden her, indem Burgund über starken Einfluss in der savoyischen Waadt verfügte und seine Hand nach dem Grossen St. Bernhard ausstreckte. Wäre Burgund dieser Griff über die Alpen bis nach Italien gelungen, dann wäre neben der Schweiz ein westlicher Alpenpass-staat entstanden, der allen Verkehr von der Nordsee und dem Kanal her auf seine Strassen hätte lenken können. Die Schweiz wäre völlig erdrückt worden. Die Entscheidung von Murten, 1476, machte die grössere Schweiz zu einem neuen Staat auf der europäischen Karte wie Morgarten den ursprünglichen Kern in den Voralpen. Und nun stellte sich das Problem einer staatlichen Organisation neu. Die Städte erkannten, dass die Eidgenossenschaft jetzt ein stärkeres Bundesgefüge brauchte. Die Länder wollten über das Bisherige nicht hinausgehen. Sie wollten unabhängige Bergtäler bleiben und sich nicht einer grossem Schweiz einfügen, in welcher ihr Einfluss naturgemäss gegenüber den Städten schwächer geworden wäre. Die schweizerische Eidgenossenschaft als Ganzes entwickelte sich seit dem Tage von Stans, 1481, der seither als Tag der Versöhnung gefeiert wird, nicht mehr weiter. Dagegen gewährten die Länder den Städten nun erst recht ihren Bundesschutz und gewährleisteten auch ihre Rechte über ihre bäuerlichen Untertanen. So konnte sich der Ausbau des Staates doch im Rahmen der grossen Stadtstaaten, vor allem des bernischen, dann des zürcherischen, weiter entfalten.

Bei Murten hatte es sich gezeigt, dass die Schweiz über das beste militärische Machtinstrument Europas verfügte. Sie war eine militärische Grossmacht geworden. Sie versuchte auch, eine politische zu werden. Ohne Mühe gelang es, die völlig neuen Ansprüche eines ganz anders gewordenen Römischen Reiches abzuwehren und im Schwabenkrieg 1499 die tatsächliche Loslösung vom Reiche allen Rechtens zu vollziehen. Dann kam der Versuch europäischer Grossmachtpolitik auf dem Boden Italiens. Marignano machte diesem Versuch 1515 ein Ende. Ein vergeblicher Irrweg war er keineswegs gewesen. Den eidgenössischen Orten blieben die tessinischen Vogteien, deren Bewohner alle lieber eidgenössische als französische Untertanen wurden, den Bündnern Chiavenna, Veltlin und Bormio. Vor allem durch den Besitz des Tessins mit dem Sottocenere war die Schweiz nun der zentrale europäische Alpenpaßstaat geworden, der über die lange Nord-Süd-Route von Basel bis Chiasso verfügte, und auch der grosse St. Bernhard wie die Bündner Pässe blieben dauernd unter ihrer Kontrolle. Weder das Herzogtum Savoyen noch Tirol konnten der Schweiz diese Stellung je streitig machen. Das gab ihr den machtpolitischen Rückhalt in Europa. Marignano bewahrte sie davor, zu weit über diese Alpenstellung hinauszugreifen und diese damit weniger zu stützen als vielmehr zu gefährden.

Bern schuf den Gegenwert in südwestlicher Richtung. Die Stadt, die die grosse von Süd- und Mitteldeutschland nach Südfrankreich und Spanien ziehende Strasse von Brugg an beherrschte, folgte ihr bis über Genf hinaus an die Pforte der Rhone, an die Ecluse bei Bellegarde. Mit der Eroberung der Waadt und der südlichen Genferseelandschaft wie des Pays de Gex erreichte Bern und mit ihm die Eidgenossenschaft 1536, 21 Jahre nach Marignano und elf Jahre seit der offenen konfessionellen Spaltung ihre grösste territoriale und machtpolitische Ausdehnung, die sie in ihrer ganzen Geschichte gehabt hatte. Allerdings wagte Bern nicht, das ganze Genferseebecken zu behaupten. Der Partikularismus der innern Orte, die konfessionelle Spaltung und der Druck der europäischen Lage, die Übermacht Spaniens, das hinter Savoyen stand, bewirkten diesen Verzicht und Rückzug, der unsere Südwestgrenze dauernd schwierig gestaltet hat.

Die militärische Kraft blieb der Schweiz noch für Jahrhunderte von grösstem Wert, als Exportgut, für unsere Volkswirtschaft unentbehrlich wie für unser politisches und militärisches Ansehen. Die Schweizersöldner in fremden Diensten verteidigten durch ihre Zuverlässigkeit und Treue, durch ihren Opferwillen und ihren Mut auch das Vaterland, sogar noch an der Beresina. Die Schweiz blieb dadurch vor fremden Händeln verschont, sie lernte als Ganzes « Stillesitzen », die Neutralität.

Die konfessionelle Spaltung schwächte das Gefüge der Eidgenossenschaft. Sie war jedoch stark genug, um auch diese neue Verschiedenartigkeit ihrer Glieder zu ertragen, so gut wie die politische, die sprachliche, die völkisch-geographische, die ständische, die soziale und wirtschaftliche Mannigfaltigkeit. Schliesslich war auch die konfessionelle Vielheit eine Bereicherung. Beide Teile erhöhen den Wert des Ganzen. Auf schweizerischem Boden konnte der Protestantismus sein besonderes reformiertes Gepräge ausgestalten, das für Mittel- und Westeuropa und schliesslich für die amerikanische Welt von grundlegender Bedeutung wurde. Die katholische Schweiz nahm den lebendigsten Anteil an der Kultur der Gegenreformation und des Barock. In der neuesten Zeit war sie den Gefahren der aufgeklärten, der sogenannten modernen Welt gegenüber vielleicht widerstandsfähiger als die reformierten Teile unseres Landes. Dagegen fand in ihnen die Aufklärung nicht nur Aufnahme, sondern, wie im Genfer J. J. Rousseau, wesentliche Förderung.

Da sich die Schweiz als Gesamtstaat seit 1481 nicht mehr weiter entwickelt hatte, erlag sie dem Ansturm von 1798. So bitter die Fremdherrschaft war, im Endergebnis war sie heilsam. Die Schweiz wurde nun wirklich eine Einheit. 1815 war sie ein Staatenbund mit 22 gleichberechtigten Kantonen. Bereits konnte G. H. Dufour in Thun die zukünftige eidgenössische Armee heranbilden.

In einem Europa, das unter dem Zopf und dem preussischen Korporals-stock zu ersticken drohte, wagten es viele Kantone der Schweiz, in der Regeneration von innen heraus aus dem lebendigen Willen ihres Volkes sich neue Verfassungen zu geben, die die Volkssouveränität in der repräsentativen Demokratie verwirklichten, das Bildungswesen auf den neuzeitlichen Stand brachten und die neuen Leuchten der Wissenschaft in den Universitäten Zürich und Bern begründeten. Nur auf dem Boden geistiger Freiheit und wissenschaftlicher Qualitätsarbeit in allen Arbeitsgebieten konnte die Schweiz in das neue Zeitalter der Technik und des Weltimperialismus hineintreten. Während die Grossmächte mit Kriegsschiffen und stehenden Heeren die Welt eroberten, gewann sich der Schweizer durch die Qualität seiner Arbeit ein Lebensrecht in einer neuen Welt.

Die Regenerationsbewegung bereitete den Weg für den Bundesstaat. Noch einmal kämpften die Länder und Städte in den Voralpen am Fusse des Gotthard wie vor 500 Jahren um ihre kleinstaatliche Sonderexistenz. Ist es der grössern Schweiz von 1848 gelungen, den Enkeln der ersten Eidgenossen zu zeigen, dass ihre Freiheit auch im weitern Hause des Bundesstaates am besten aufgehoben ist? Wir hoffen es; denn heute verteidigen wir alle, Ostschweizer, Zürcher, Berner, Basler und Waadtländer, unsere zentrale Alpenstellung am Gotthard, am Simplon und am Splügen. Der Schritt in die Weite aus den voralpinen Tälern heraus hat die Eidgenossenschaft von 1291 zu einer ganz andern gemacht. Die 1848 neu gegründete senkt aber ihre Fundamente wieder bis auf jenen Granitgrund zurück, den Gott unsern Vätern und uns und, wenn es seine Güte will, auch unsern Kindern gegeben hat.

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