Winter im steilen Eis (Les Courtes-Nordwand)

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Erste Winterbegehung der « Les Courtes »-Nordwand ( Mont Blanc-Massiv )

VON UELI GANTENBEIN

Erste Winterbegehung der « Les Courtes »-Nordwand ( Mont Blanc-Massiv ) 7.9. Februar 1965 Mit 1 Bild ( 30 ) Während in den Bergen feierlich winterliche Ruhe herrscht, plane ich mit Peter Küng eine Besteigung, die uns einmal mehr das bieten wird, was wir Bergsteiger spontan suchen: körperliche und geistige Ertüchtigung in Verbindung mit dem vielfältigen Spiel der Natur, inmitten wilder Eis-und Felsregionen.

Eine der herrlichsten Hochgebirgsgegenden der Alpen möchten wir durchstreifen: das Argen-tière- Gebiet im Mont Blanc-Massiv. Die tausend Meter hohe Nordflanke der Courtes soll unser Ziel sein.

Les Courtes, ein prächtiger Berg in der zehn Kilometer langen Kette, welche im Westen beginnt mit der Aiguille du Dru und sich in südöstlicher Richtung erstreckt bis zur Aiguille du Triolet und dem Mont Dolent. Diese Riesenmauer trennt den wild zerrissenen Glacier de Talèfre vom eher sanften Glacier d' Argentière.

Im Sommer 1938 wurde die Führe durch die Nordwand von Ch. Cornaz und R.M.athey eröffnet, und diese erhielt seither nicht mehr als zwei weitere Besteigungen, nämlich die zweite durch die Franzosen Bastien, Laffont und Sommelier, die dritte durch eine polnische Seilschaft. Seit geraumer Zeit schlage ich mich mit dem Gedanken herum, diese Wand im Winter anzugehen.

Zusammen mit meinem Freund Paul Etter durfte ich die Schönheit, aber auch die Härte des Winterbergsteigens kennenlernen. In den Churfirsten gelangen uns einige Winterbesteigungen. Ende Dezember 1963 stiegen wir durch die winterliche Nordwand des Eigers ab. Zu dritt - zusammen mit Sepp Henkel - bargen wir die beiden spanischen Bergkameraden aus den Armen der Weissen Spinne. Nach vier Tagen und Nächten stiegen wir aus dieser besonders eindrücklichen Wand aus, glücklich über das Gelingen der Bergung und des ersten Abstieges. Dann, im letzten Sommer, durchstieg ich mit Ueli Hürlimann bei fast winterlichen Verhältnissen die Nordwand des Matterhorns.

Die Erfahrungen aus diesen Touren kommen mir zugut bei den Vorbereitungen sowie nachher auch bei der Besteigung der Courtes.

An Hand von Führer und Karte studiere ich zusammen mit Peter das Gelände, und wir machen uns theoretisch mit den Details dieser Wand vertraut, die zu den grössten Eisaufstiegen der Alpen zählt.

Ausrüstung und Proviant sind komplett. Wir hoffen auf bessere Wetterlage. Mit viel Spannung und Vorfreude erwarte ich den Tag, an dem wir uns ins silberne Reich der Argentière begeben werden.

Noch herrscht finstere Nacht, als wir die Cabane d' Argentière verlassen. Im Schein der Stirnlampen steigen wir ab über hartgepressten Schnee bis ans rechte Ufer des Glacier d' Argentière, wo wir gestern unsere Ski zurückgelassen haben. Eisigkalter Nordwind begleitet uns. Wie ein Gehetzter flieht er, den leichten Pulverschnee mit sich reissend, über den flachen Gletscher und verliert sich an den gegenüberliegenden Flanken der Droites und der Courtes. Schweigend, jeder in seine eigenen Gedanken versunken, beginnen wir den erstarrten Strom zu traversieren. Phanta- stisch, diese Welt, in die wir uns begeben haben! Keiner getraut sich ein Wort zu sagen, denn es wäre schade, diese seltsame Stille zu stören.

Ich halte mich an die Richtung, die ich mir gestern von der Hütte aus eingeprägt habe. Fast unmerklich beginnt es aufzuhellen. Der Himmel lichtet sich um den Mont Dolent und die Aiguille de Triolet; am noch sternenbesäten Firmament zeichnen sich die Konturen der Aiguille d' Argentière ab.

Auf ungefähr 2800 m errichten wir das Skidepot. Mit den Steigeisen an den Füssen geht 's nun hinauf gegen den Einstieg. Teilweise ist der Schnee windgepresst, teilweise aber sinken wir bis zu den Knien ein. Wir erreichen das Gletscherplateau, direkt unter dem Wandeinstieg. Die Nacht beugt sich endgültig dem Tag.

Mit geradezu erdrückender Wucht bäumt sich « unsere » Wand vor uns auf, obwohl wir nur etwa ein Drittel überblicken können. « Du, das ist nahezu alles Blankeis », meint Peter in seinem urchigen Bärndütsch. Ich muss ihm kräftig beistimmen. Auch die Partien, die Firn zu sein scheinen, sind mit einer dünnen Eisschicht überzogen.

Mit Tagesanbruch verstärkt sich der Wind. Durch Überreste von Eislawinen, am Rand eines unendlich tiefen Gletscherschlundes, erreichen wir den Bergschrund. Eine winzige Schneebrücke, zwei Welten verbindend, führt auf die andere Seite der dunklen Spalte an den Fuss der Wand.

Wir seilen uns an. Peter beginnt zu klettern. Gleich am Anfang schlägt er einige Stufen, denn der Abbruch ist senkrecht. Ein Haken zur Sicherung, und die Seile gleiten schneller durch meine Hände. Ein paar Pickelschläge und das monotone, aber vertraute « Singen » eines Eishakens sind die Zeichen, dass ich nachsteigen kann. Herrlich, diese ersten Meter! Eine phantastische Harmonie von erstarrten Eismassen, gewaltigen, rauhreifbedeckten Felspfeilern - und arktischer Kälte, die mich in die lang erträumte Wirklichkeit versetzt!

Den Frontzacken der Steigeisen, die in diesem blauschwarzen Eis nicht mehr als einen Zentimeter eindringen, volles Vertrauen schenkend, steige ich an Peter vorbei und halte rechts gegen eine Felsrippe zu. Ein kleiner Block dieser Granitinsel erlaubt mir, daran meine Sicherung zu befestigen und Peter nachzunehmen. Im Sommer mögen diese Felsen recht brüchig sein, jetzt hingegen sind sie festgefroren, vereist und mit Rauhreif bedeckt.

Nun klettern wir gleichzeitig, denn die Beschaffenheit des Geländes macht es uns möglich; vor allem gewinnen wir Zeit dadurch. Vorsichtig gehe ich voran, aufs äusserste konzentriert, denn fünfzehn Meter hinter mir folgt mein Kamerad - schweigend, gespannt. Grosses Vertrauen zueinander gilt hier als Sicherung. Plötzlich erfasst mich ein harter Windstoss, der mich beinahe aus dem Gleichgewicht bringt, als ich die Felsrippe nach links verlasse, um durch ein vollständig blankes Couloir eine leicht ausgeprägte Kuppe zu erreichen. Wie ausgesetzt ist dieser Standplatz! Über mir graue, kompakte Platten, zu Beginn sanft ansteigend, höher oben einen gigantischen Pfeiler bildend, der sich am tiefblauen Himmel scharf abzeichnet - zu meinen Füssen ein kristallener, sechzig Grad geneigter Eishang, im Weiss des Gletschers sich verlierend. Nun habe ich endlich Zeit, einige Blicke diesem seltenen Panorama zu widmen. Peter hackt, Stufe um Stufe, einen waagrechten Quergang nach links, was ziemlich Zeit in Anspruch nimmt. Unaufhörlich fegt der eisige Sturm über die Grate und Nadeln der gegenüberliegenden Argentière. Silberne Schneefahnen bringen Leben in die starren Massen. Stundenlang könnte man dieses Spiel verfolgen; hier jedoch ist weder die Temperatur noch der Ort dazu. Auf einmal bemerke ich, dass meine Fingerspitzen gefühllos sind. Sofort werden die Handschuhe ausgezogen und die Finger gerieben. « Schrecklich kalt »! ruft Peter von seinem Stand herüber, sich ebenfalls die Hände massierend. Wenig absteigend, quere ich an Peter vorbei. Die Ausgesetztheit dieser Traverse nimmt mit jedem Meter zu. Weder Haken noch Schrauben lassen sich in das nur wenige Zentimeter dicke, « schwarze » Eis eintreiben.

Also klettere ich frei weiter. Mit fünfzehn Kilo am Rücken ist es zwar reichlich schwierig, das Gleichgewicht zu behalten. Ein kleiner Felshaken meint es endlich gut mit mir. Wenn auch nicht absolut vertrauenerweckend, gibt er mir wenigstens das Gefühl einer Sicherung. Da und dort finde ich ein Griffchen für die Hände, taste mich auf den Frontzacken weiter und gelange an eine unheimlich steile Stufe. Noch selten hat mich ein Eishang so beeindruckt; seine Neigung beträgt siebzig Grad! Gleich einem gefrorenen Wasserfall ruht er nahezu in der Vertikalen, glattgescheuert von Lawinen, gezeichnet von Wind und Sonne. Ich ziehe die letzten Meter Seil ein. Somit hat auch Peter die Querung hinter sich. Auch er ist überwältigt vom Anblick dieser hundertfünfzig Meter hohen Eisbarriere.

Der Tag geht zur Neige. Im Tal herrscht bereits Dämmerung, während wir die folgenden zwei Seillängen aufsteigen. Alle zehn Meter fixiere ich eine Schraube, um mir das Stufenschlagen zu ersparen.

Die ungewöhnliche Steilheit und das « pickelharte » Eis erfordern unablässige Konzentration und äusserste Anspannung der Kräfte. Wir müssen uns beeilen. Es wird düster in der Wand. Noch ein kurzer, lotrechter Aufschwung, und ich erreiche ein Plätzchen, wo ich mit beiden Füssen richtig abstehen kann. Ein wahres Geschenk nach dieser anhaltenden Zehenspitzenarbeit! Hier können wir zwar nicht biwakieren, hingegen glaube ich, zwanzig Meter über uns einen kleinen Felsvorsprung entdeckt zu haben. Die Dunkelheit nimmt enorm zu. Kräftig ziehe ich das Seil ein; entsprechend schnell steigt Peter nach und klettert nach einer kurzen Atempause weiter. « Du, hier ist nichts als ein schuhbreites Band », tönt die Stimme meines Kameraden vom vermeintlichen Biwakplatz herab. « Ausserdem lassen sich keine Haken schlagen zur Sicherung. Und... » die folgenden Worte werden vom Sturm, der wieder heftig eingesetzt hat, verschluckt. Peter steigt langsam. Es muss schwer sein da oben, denke ich für mich. Hie und da das Kratzen der Steigeisen auf dem Fels, dazwischen starke Windstösse - Melodien der Wand! Die Nacht hat uns nun endgültig in ihren Schoss genommen. Ich sehe Peter nicht mehr.

« Halte gut! » Ein Blick hinauf.Einige unregelmässige Hammerschläge,plötzlich ein Funkenregen von den auf den Fels aufschlagenden Steigeisen, ein Ruck! Instinktiv lasse ich das Seil etwas gleiten, um es dann zu blockieren.

« Hast du etwas abbekommen, Peter? » « Nein, gar nichts. Der erste Haken hat mich aufgefangen. » Er sagt dies mit einer erstaunlichen Trockenheit, als wäre nichts passiert, nur dass er eben zehn Meter weiter unten steht als Sekunden zuvor. Ohne viele Worte zu verlieren, einigen wir uns, nun doch auf dem schmalen Felsband zu biwakieren. Der Mond geht seine Bahn, lässt Gipfel und Grate ringsum in ihrer ganzen Kühnheit erscheinen. An uns jedoch denkt er nicht, denn wir sind leider nicht.seine ständigen « Kunden » hier oben. Mit Hilfe der Stirnlampen versuchen wir, Haken zu schlagen, was uns nach vielen Versuchen auch gelingt. Um den Platz etwas zu vergrössern, pickein wir in der Verlängerung des Felsbandes einen wenigstens sitzbreiten Tritt aus dem Eis. Natürlich, auch der Kocher will sein windgeschütztes Plätzchen haben! Ich forme eine auf drei Seiten geschützte Nische.

Das Einsteigen in den Schlafsack bereitet einige Mühe, zumal die luftige Stätte nicht sehr gross ist. Die Selbstsicherungen werden enger angezogen. Um den zeitgemässen Luxus selbst hier nicht völlig zu ignorieren, haben wir kleine Luftkissen dabei, welche eine angenehme Isolierung zwischen Körper und Eis bilden. Es dauert lange, bis ich den Kocher in Funktion bringe. Der orkanartige Sturm löscht Zündholz um Zündholz aus. Zermürbend, diese ArbeitDafür wird die Bouillon mit dem darin aufgetauten Speck um so mehr schmecken!

Langsam schmilzt das Eis im Pfännchen, und noch langsamer vergehen die Stunden dieser Nacht. Wir singen Berglieder. Wenn wir auch ab und zu die Töne verfehlen, so sind doch die Sterne geduldige Zuhörer!

Nach Mitternacht legt sich der eisige Wind. Seltsame Stille umgibt uns. Der Körper ist müde. Plötzlich erwacht man aus dem Halbschlaf. Die Füsse, die ohnehin nur wenig Widerstand finden, sind ausgeglitten. Man rutscht ein wenig vom Sitz. Die Selbstsicherung wird fest angestreckt. Man rafft sich auf, um sich von neuem wieder so bequem als möglich einzurichten. So vergeht Minute um Minute, bis es im Osten aufzuhellen beginnt und die Sterne verblassen.

Steif vor Kälte kriechen wir aus den Schlafsäcken. Mit dem neuen Tag setzt auch der starke Wind wieder ein. Heisser Kaffee, Biskuits und Nüsse erwecken den nötigen Auftrieb.

Nicht sehr viel Gutes verheissend, ziehen fischförmige Wolken von Westen her auf. Ich habe Bedenken; doch hoffen wir, heute den Gipfel zu erreichen oder mindestens in seiner Nähe das zweite Biwak aufzuschlagen. Freudig gehen wir die erste Seillänge an, denn der Körper sehnt sich nach Bewegung, nach etwas Wärme! Vom ersten Standplatz quere ich einige Meter ein mit dünnem Wassereis überzogenes, von Lawinen und Steinschlag arg mitgenommenes Felscouloir. Sicherheitshalber schlage ich einen Haken; dann lasse ich mich durch einen schrägen, abdrängenden Riss hinunter und übersteige einen weiteren, grifflosen Riss. Mit den vier vordersten Steigeisenzacken auf einem winzigen Tritt stehend, blicke ich zum ersten Mal in den fast durchwegs blanken, oberen Wandteil.

Die Felsen hier sind tief verschneit. Rund, wie « Kamelbuckel », ragen sie aus ihrem Wattemantel. Kein Haken lässt sich eintreiben; ich muss sie frei überwinden. Die Tatsache, dass Peter gut sichert, erlaubt mir dies. Vorsichtig, eher tastend als kletternd, arbeite ich mich aufwärts. Gefährliches Gelände hier! Fortwährend befreie ich die rundlichen Felsen vom Schnee, damit ich sehe, wo für Füsse und Hände wenigstens ein kleiner Haltepunkt vorhanden ist. Der Einstieg ins eigentliche Eisfeld erweist sich als reichlich kompliziert; deshalb kann ein guter Standplatz recht willkommen sein. Zwei Schrauben sorgen dafür! Die von weither klingenden Hammerschläge meines Gefährten erzeugen in diesem Sturmkonzert das ausgleichende « piano ». Innerhalb einer Stunde hat das Wetter total umgeschlagen. Die Temperatur fällt auf mehr als dreissig Grad unter Null. Obwohl erst früh am Nachmittag, dämmert es bereits! Als ich Peter einige Meter unter mir aus dem dahinfegenden Nebel auftauchen sehe, glaube ich fast, einem Menschen aus der Arktis zu begegnen, auch mit dem « Yeti » könnte er verwandt sein! Sein Gesicht ist eine einzige Eiskruste.

« Ich fühle mich schrecklich unwohl, der Magen! Ich könnte mich jederzeit übergeben »,kommt es leise über seine kaum sichtbaren Lippen. Sofort bin ich mir darüber im klaren, was dies bedeutet, gerade jetzt, mitten in den Schwierigkeiten und dem Wettersturz. Ein Glied der Seilschaft krank! Mit der inständigen Hoffnung, dieses Unwohlsein würde verschwinden, rede ich meinem Kameraden gut zu und begebe mich auf den Weg. Die folgenden Stunden sind ein Kampf mit dem Chaos dieser Stürme in nachmittäglicher Dämmerung, ein Ringen um das Gleichgewicht auf einer gefrorenen, hochgehenden « See ». Wir sind « Schiffbrüchige » auf der Suche nach der rettenden Insel: dem Gipfel! Nichts ist hier regelmässig als die in Intervallen von fünf Minuten niederschiessenden Pulverschneerutsche, die überall in die Kleider eindringen.

Einmal schaue ich zurück. Peter stützt seinen Kopf auf den Pickel. Quälende Angst schiesst in mir auf. Fühlt er sich so unwohl?

« Peter... !» - Keine Antwort.

« Peter...! » - Wahrscheinlich hört er mich nicht.

Für einen Moment verstummt das Geschehen in der Wand. Er hat mich gehört.

« Was ist? » « Wie geht 's? » « Schlecht, aber es muss ja trotzdem...! » Das macht mir Freude, denn der nötige Wille ist noch da. Von Zeit zu Zeit drohen die heftigen Windstösse mich umzuwerfen. Jedesmal lege ich mich platt an den Hang, halte mich mit Eisstichel, Pickelspitze und den vordersten Steigeisenzacken. Zum Glück wechselt die Windrichtung aufeinanderfolgend, so dass ich nicht allzu lange in der gleichen Position verharren muss; die Wadenmuskeln werden ohnehin schon genug in Anspruch genommen. Auf jedem Standplatz ziehe ich unwillkürlich die Handschuhe aus, um das Befinden meiner Finger zu kontrollieren. Wenn ihre Spitzen bereits weiss sind, die Zirkulation fehlt, schlage und knete ich sie, bis ich wieder Leben in ihnen fühle. « Hoffentlich macht dies auch Peter », denke ich. Wenig später beendigt er eine Seillänge. Ich schlage eine grosse Stufe aus dem Eis, damit er sich ausruhen kann. « Du, ich glaube, ich habe kein Gefühl mehr in den Fingern », sind seine Worte bei der Ankunft. Er überwindet sich, ebenfalls die Fäustlinge auszuziehen und die Glieder zu massieren. Später stellt sich dann heraus, dass er bereits zu lange gewartet und sich Erfrierungen zugezogen hat, glücklicherweise nur solche des ersten Grades.

Der Berg ist unerbittlich mit uns. Unaufhörlich lässt er uns merken, dass er viel verlangt, bis wir seinen höchsten Punkt erreichen dürfen; jedenfalls heute wird er ihn noch nicht « freigeben ».

Plötzlich bricht die Dunkelheit herein. Wir befinden uns auf etwa 750 m Wandhöhe, mitten im Eisfeld. Einen Biwakplatz zu suchen erübrigt sich, denn nicht eine kleinste ebene Stelle ist zu sehen. Peter fühlt sich etwas besser. Wir sind beide froh darüber, da uns eine kalte Nacht erwartet.

Abwechselnd hacken wir wie zwei « Wilde » einen Tritt aus der blaugrauen Masse. Nicht, dass wir den Berg verletzen wollen, nein, wir möchten nur eine bescheidene Behausung haben. Klirrend fliegen die Eisstücke den Abhang hinunter, um sich entweder vom rasenden Sturm forttragen zu lassen oder sich da, wo wir vor fünfunddreissig Stunden aufgebrochen sind, wieder zu finden. In regelmässigen Zeitabständen übersät uns der Fallwind mit einer Portion Schnee- und Eiskörner. Das Gesicht schmerzt von den winzigen Geschossen. Der Körper erwärmt sich leicht von diesem steten Pickeln. Unser « Haus » beginnt Form anzunehmen, und die Freude steigt. Einzig die « Küche » fehlt noch, ist aber mit ein paar Schlägen schnell hergestellt. Einige Schrauben noch, und unser Nest ist komplett. Peter sitzt bereits im Schlafsack und bereitet die Siebensachen für das Essen her. « Was machen wir? Feine Bouillon mit gefrorenem Speck? » meint er. Natürlich bin ich sofort einverstanden, geradezu begeistert von diesem Menüvorschlag.

Es kostet wieder einige Zeit, den Kocher in Funktion zu setzen. Als dann endlich etwas Dampf aus dem Pfännlein aufsteigt und die Eiskrusten auf Speck und Bündnerfleisch sich auflösen, lassen sich Durst und Hunger kaum noch bändigen. Inzwischen ist Peter eingedöst, aber mit zwei drei Rufen bringe ich ihn wieder hellwach, und er reicht mir den Becher hinter dem Rücken herüber, um die wohlriechende Bouillon in Empfang zu nehmen. Die Wand ist « lebendig », wir aber sehen für den Moment nichts anderes als das Essen und Trinken! Nach dem Dessert, das aus Tee und Biskuits besteht, schlüpfen wir endgültig in den Biwaksack.

Pausenlos streichen Schneerutsche über uns, ein heimeliges Knistern erzeugend! Das Wetter scheint sich nicht zu bessern. Kein Mondschein, kein Sternenhimmel. Schwarze, düstere Nacht und grimmige Kälte legen sich um uns. Ich finde keine Ruhe.

Wie wird morgen das Wetter sein, wie die Verhältnisse weiter oben, der Abstieg über den Grat,bei diesem Sturm? AU diese Fragen werden erst morgen beantwortet sein!

Plötzlich wache ich aus meinen Halbschlafträumereien auf. Es schüttelt mich vor Kälte.

« Peter! » « Was ist? » « Wie fühlst du dich? » « Eigentlich gut, ausser dieser höllischen Kälte! » Ich schaue auf die Uhr: Mitternacht! Licht durchdringt den Sack.

Kein Wölklein mehr am Himmel! Ich traue meinen Augen kaum. Ist das möglich? Der Nebel ist weg. Es herrscht prickelnde Kälte. Der Mond wirft seine Schatten auf das spiegelglatte Eisfeld, bizarre Formen bildend. Ein herrlicher Tiefblick auf den Gletscher hinunter!

Heute zum Gipfel! Zuversichtlich sehen wir dem Morgen entgegen. Die stillen Fragen, die ich mir vor einigen Stunden gestellt habe, sind fast ausschliesslich beantwortet!

Ein wunderschöner Sonnenaufgang kündigt den jungen Tag an. Wir bereiten uns für den Gang zum Gipfel vor. Die Seile sind wie Draht, die Kleider steif gefroren, Karabiner und Haken kleben an den Handschuhen. Aber wir sind voller Tatendrang und « stürmen » dem Gipfelgrat zu. Blankeis wechselt mit Tiefschnee und felsdurchsetzten Partien ab. Noch vor Mittag fühle ich den ersten richtigen Firn unter den Füssen. Zum ersten Mal lässt sich der Pickelhammer als Sicherung verwenden. Ich sichere Peter nach. Auch er kann es fast nicht glauben, wieder einmal einen normal geneigten Platz vorzufinden, wo man sich mit aufrechtem Körper bewegen kann. Wir eilen die letzten Seillängen hinauf, der Sonne entgegen.

Glücklich, ohne viele Worte, drücken wir einander die Hände. Wir sind keine Sieger, keine Übermenschen, wir haben ganz einfach Freude und Genugtuung, nach Anstrengung, Entbehrung, Kälte und Erlebnis auf einem hohen Gipfel zu sein, die Welt zu unsern Füssen zu wissen, um ein bleibendes Andenken reicher zu sein.

Auch der Berg ist nicht ein Besiegter, denn er liess es ja zu, dass wir uns in seinem Reich auf hielten. Er gab uns das, was wir brauchen, um vollständig glücklich zu sein.

Nach kurzer Rast steigen wir ab, uns an den unzähligen Pfeilern, Graten und Gipfeln, die mit ihrem herrlichen Anblick zu neuen Taten anspornen, erlabend. Eine Welt voller Abenteuer, die man noch erleben möchte!

Für diesmal aber führt uns der Weg hinab, weg von all dem Schönen, über weit überhängende Wächten, vereiste, schwierige Felsen. Der Sturm wütet noch stärker als in der Wand, verschlägt uns fast den Atem. Wir kommen nur langsam voran. Damit wir die Augen offenhalten können, ziehen wir die Skibrille über das gefühllose Gesicht. Durch ein steiles Kamin gelangen wir auf die Aiguille Chenavier. Verzweifelt versuchen wir, die Seile auszuwerfen; die freien Enden werden gepeitscht vom Aufwind und kerzengerade wieder zurück zur Abseilstelle getragen. Nach gut einer halben Stunde dieses zermürbenden Spieles verfangen sie sich in den senkrechten Rissen unter uns. Sofort seile ich ab, um sie mit Gewicht zu belasten. Ich lege mich flach in den Schnee und halte sie unten fest. Peter kommt nach. Wir ziehen mit aller Mühe die Seile ein. Anhaltend droht der Sturm, uns vom Grat fortzufegen. Einmal von der Talèfre-, das andere Mal von der Argen-tière-Seite her, presst er sich durch ein enges Couloir, um uns dann mit all seiner Wucht anzupacken. Wir müssen uns flach hinlegen. Wohl oder übel sehen wir uns gezwungen, ein drittes Biwak in Kauf zu nehmen. Direkt auf dem Grat, doch etwas windgeschützt, schlüpfen wir in die Schlafsäcke. Es ist mir unmöglich, den Kocher anzuzünden. Also verzichten wir wortlos auf heisses Getränk.

Die ganze Nacht rüttelt der Wind an unserer primitiven Behausung. Schnee dringt ein. Es schüttelt uns wie nasse Hunde, und der Schlaf will nicht kommen.

Beim ersten Tageslicht steigen wir weiter ab. Die Aiguille Croulante auf der Talèfre-Seite umgehend, traversieren wir die Aiguille qui Remue auf halber Höhe durch vereiste, jedoch griffige Platten und gewinnen so den sanften Schneegrat, der zum Col des Cristaux führt. Die kühnen Nadeln der Aiguille Mummery und der Aiguille Ravanel begrenzen seine auf beide Seiten jählings in die Tiefe abfallenden Flanken. Es fällt uns schwer, uns von der Sonne zu trennen, um durch das Firnfeld nordseits einzusteigen. Guter Trittschnee liegt hier, der uns erlaubt, gleichzeitig zu klettern. Im Angesicht der fast greifbar nahen Nordwand der Aiguille de Triolet gehen wir die letzten Seillängen durch den von Eistrümmern zerfurchten Hang.

Nach achtzig Stunden am Berg betreten wir den Glacier d' Argentière - voller Freuden - zufrieden!

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