Wintertage in Bivio

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Von Ernst Mayer.

Zuhinterst im Tale der Julia, wo der alte Römerübergang ins Bergell von der Julierstrasse abzweigt, liegt auf einem kleinen Talplateau Bivio oder Stalla, ein kleines, heimeliges Bergbauerndorf. Wo im Sommer eine Autokolonne staubwirbelnd der andern folgt, Tier und Mensch sich auf der Strasse nicht mehr sicher fühlen, wird es mit Einbruch des Herbstes stiller. Die erste kalte Bise bringt dem Hochtal Schnee, der erst spät im Mai dem lauen Föhne weicht. Abgeschnitten von allem Verkehr, denn auch das Postauto muss dem Winter weichen, liegen Haus, Weide und Strasse unter meterdicker Schneeschicht. Winterzauber umwebt die schlichte Einsamkeit dieses Ortes.

Schon beim Verlassen des Postautos in Mühlen, wo uns mit frohem Peitschenknall der wetterfeste Postillon mit seinem nicht gerade komfortablen Einspännerschlitten erwartet, ahnen wir frohe, von allem Getriebe des Alltags unbeschwerte Tage.

Vom Mühlener Kirchturm dröhnen sieben eherne Glockenschläge. Mildes geisterhaftes Mondlicht gaukelt durch den tief verschneiten Hochwald, durch den das tapfere Rösslein bergan stampft. Sternenübersätes Himmelszelt über uns, eisige Ruhe weit und breit, die Natur ist erstarrt. Dunkel und düster wächst aus dem weissen Talgrund die Silhouette der Burgruine Sur herauf. Ganz dumpf tönt aus der Juliaschlucht das Gurgeln des Wassers unter der Eisschicht, mächtige Eisgebilde hängen von den Felsen und glitzern im Silberlicht. Wuchtig die Zacken und Kämme, die sich schwarz von dem funkelnden Firmament abheben. Bitterkalt pfeift die Bise über die Ebene von Marmorera, dampfend nimmt der starke Gaul die letzte scharfe Steigung unter die Hufe, und schon halten wir mit frohem Schellengeläute Einzug in Bivio.

Im einzigen Gasthaus, im Hotel Post, finden wir ausgezeichnete Unterkunft. Frohgelaunt und voller Spannung ersehnen wir die kommenden Tage.

Die Gegend ist an schönen Fahrten reich und zieht dem Tatendrang des Skifahrers keine Grenze. Auf die Cuolms, die sich in staffelförmigem Aufbau bis auf 2500 m Höhe hinaufziehen, geht die erste Orientierungsfahrt. Gleich hinter dem Hotel beginnt die erste Steigung, in unberührtem Schnee ziehen wir die schmale Spur. Die Sonne spendet erste Wärme. In weiter Runde herrscht Ruhe, höchstens dass ein paar aufgescheuchte Schneehühner kreischend davonfliegen. Zwei Stunden Weges ist es zum Steinmann, von dessen Warte man einen allumfassenden Blick ins Winterland von Bivio geniesst.

Zu Füssen breiten sich die weitausladenden Skihänge aus, die sich in mässiger Steilheit bis zum Septimerpass, 2300 m, hinaufziehen. Von diesem Talboden steigt man durch breite Mulden in 2 1/2 Stunden auf die Kuppe der Rocabella, 2700 m, von wo die Sicht ins Oberhalbstein und bis zur Lenzerheide reicht. Nach Osten folgt der Blick den vielen Kehren der Julierstrasse zum Hospiz.

Die gleiche Anstiegspur über den Septimerboden benützend, spurt man sich in vier Stunden hinauf zum Longhinpass, 2635 m. Wer Lust hat, schnallt die Bretter ab und erklimmt in leichter Kletterei den Piz Longhin, den stolzen Eckpfeiler, der wie ein Wächter das Tor zwischen Bergeil und Engadin bewacht. Jäh stürzen die kahlen Felswände zu Tale und öffnen dem schwindelfreien Auge einen wunderbaren Tiefblick auf Casaccia. Wie Spielzeughäuschen liegt das Dorf im Tale hingestreut. Silbern glänzt die junge Mena. Der Frühling hält im Februar da unten schon Einkehr, die Wiesen grünen, derweil gen Osten hin das Engadin — noch tief unter der Schneedecke — noch nicht einmal vom Lenze träumt. Ganz leise schwingen Glockentöne zu uns herauf und wecken beim Anblick der granitenen Bergellerriesen Erinnerungen an unseren verstorbenen, aber unvergesslichen Christian Klucker. Die wild gezackten Felskämme und senkrechten Wände, die seitlich des breit ausladenden Fornoeisstromes jäh zum Himmel stürmen, waren sein Reich. Gleich rechts neben dem Piz Longhin stellt sich der Motta da Sett mit seinem breiten, aussichtsreichen Buckel in die Reihe uns bevorstehender Fahrten. Der nun folgende tiefe Einschnitt des Septimerpasses ist der Ausflugspunkt für weniger Fortgeschrittene.

Zu den herrlichsten Fahrten zählt unstreitig aber der Piz Turba. Da wo die Spuren nach der Rocabella und nach dem Longhin sich trennen, zweigt ebenfalls der Weg nach dem Turba ab. Über massig steile Hänge gelangt man bis zur engeren, aber nur wenig steileren Forcellinapassroute. In 3 1/2 bis 4 Stunden steht man auf der Passhöhe, 2673 m. An eine Berglehne hingeklebt am Fusse der nahen Fuorcla di Valletta erkennt man Juf, das höchste im Winter bewohnte Dorf Europas, in 2133 m Höhe. Sonst reicht der Blick von hier nicht weit. Wenn wir auf dem spaltenfreien Turbagletscher hinter dem Forcellinahorn vorbei zum Gipfel ansteigen, wird die Aussicht immer reicher. Die letzten 100 Meter erledigen wir ohne Ski, in steilem Anstieg, wobei ein kurzer Pickel unter Umständen sehr von Nutzen sein könnte. Immerhin bemerke ich ausdrücklich, dass irgendwelche Gefahr bei guten Schnee- Verhältnissen nicht vorhanden ist. In zehn Minuten haben wir den eisigkalten Nordhang hinter uns und betreten, geblendet vom Licht, den Gipfel. Herrlich, diese Ausschau ins weite, liebe Schweizerland. Unzählig reihen sich Spitzen an Spitzen, Kuppen an Kuppen, Gräte schiessen zu kühnen Felspyramiden empor, und dazwischen liegen die weissen Schneeteppiche der Gletscher, die sich den ungezählten Tälern zuneigen. Sind solche erhabene Stunden feierlichen Gipfelglückes nicht ruhebringend, nervenstärkend? Kein Rummel stört die Andacht in der erhabenen Natur, kein verständnisloses Kommen und Gehen, es ist noch Weihe hier oben, dem Himmel nah. Und diese Abfahrten von all diesen Gipfeln, zu denen sich der Sopra il Cant, 2870 m, der Stallerberg, 2500 m, und der Scalotta, 3000 m, in naher Umgebung gesellen, wo kein Baum, kein Fels, kein Bach den Genuss jäh abbremst! Man schwelgt in stiebendem Pulverschnee, kühn zieht man seine Slalomspuren in unberührtes Gelände, fliegt im Schuss in schnurgerader Linie durch Hänge dem Tale zu, losgelöst, sonnentrunken, unter einem ewigblauen Engadinerhimmel. Und wenn nach solchen Tagen Schneefahnen, getrieben von der Bise, von Gräten stieben, Wolkenschiffe dahinjagen, wenn über Nacht alles wieder blendend weiss wie neu ersteht, wenn Tannen, Busch und Hag mit neuen Schneekappen sich zieren, dann erwacht in uns schon neue Lust. Noch sind es der Fahrten viele, die Bivio uns bietet.

Im Schlitten lassen wir uns frühmorgens auf den Julier führen. Wenn auch eine grimmige Kälte das Thermometer oft auf dreissig Grad fallen lässt, in die warmen Decken gut eingehüllt, friert man nicht. Ein heisser Tee in Hospizwächter Cottis warmer Stube pflanzt neue Lebensgeister. Durchs Val d' Agnelli, das beim Hospiz sich aufschliesst, spuren wir uns, erst tief an den nur nach Neuschnee lawinengefährlichen Hängen des Piz Bardola haltend, durch ideales Skigelände hinauf zur Fuorcla d' Agnelli.

Nach kurzer Abfahrt jenseits des Passes queren wir den Gletscher zur Fuorcla Cima da Flix, 3050 m, und erreichen den Gipfel, 3284 m, in halbstündigem Aufstieg zu Fuss. Die Aussicht ist unermesslich, einzigartig! Wie das Meereswogen ist das Auf und Nieder der Zicken und Zacken, der Täler und Gipfel. Von dieser hohen Zinne grüssen wir all die vielen weissen Häupter, von denen unser Fuss schon früher Besitz ergriffen hat. Unendliche Weiten trennen uns von den Walliserriesen, die den Horizont abschliessen. Stolz strebt das Finsteraarhorn, das Wahrzeichen der Berner Oberländer, zum Himmel, während der breite, massige Tödi gravitätisch seine Vasallen wie ein König überragt. Auf Bergeshöhen wird uns die Schönheit unseres Vaterlandes so recht bewusst; solche Stunden voll Bewunderung der erhabenen Natur sind dazu angetan, mit unverbrüchlicher Treue und inniger Liebe ans Schweizerland, ans Schweizerhaus zu fesseln.

Greifbar nah sind die wunderbaren, spaltenlosen Gletscherskifelder des Piz Calderas und des Piz Traunterovas, und versteckt hinter ersterem liegt der Grosse dieses Skiparadieses, der 3380 m hohe Piz d' Err. Stunden herrlichster Skifreuden geniesst der trainierte Turenfahrer, wenn er sich in der Jürg-Jenatsch-Hütte als Standquartier für einige Tage einnistet. Freilich, der Weg von der am Südausgang des Albulatunnels gelegenen Bahnstation Spinas hinauf durchs Val Bevers ist lang, und wenn dann der Rucksack noch vollgepfropft ist, so kostet es manchen Schweisstropfen, bevor die gastliche Stätte zum Ruhen einladet. Wer aber wollte nicht vergessen, wenn harte Mühe durch rechten Preis belohnt wird. Eine prächtig geschwungene Slalomspur, die sich auf dem Piz-d'Err-Gletscher hinunterzieht, lässt uns den Genuss bereits ahnen, der anderntags bevorsteht. Frühzeitig wirft der Piz Picuogl seine Abendschatten aus und entzieht die letzten Sonnenstrahlen dem Standort der Hütte. Gegen Westen hin taucht der Piz d' Agnelli seinen zackigen, steilen Felsgrat in das Purpurglühen des wolkenlosen Abendhimmels. Fast unbemerkt sinkt die Nacht auf die erstarrte Hochgebirgslandschaft. Das Sternenmeer erglänzt in voller Pracht. Längst hat das Tropfen vom Hüttendache aufgehört, mächtige Eiszapfen glitzern an der Dachtraufe im fahlen Mondlicht. Schneidend scharf pfeift die kalte Bise um die Ohren und peitscht uns Eiskristalle ins Gesicht, so dass man vorzieht, sich zeitig unter einem Berg von Wolldecken im Hütteninneren zum stärkenden Schlaf niederzulegen.

In strahlender Pracht erstehen Wintertage im Hochgebirge, nicht bleiern-schwer lasten Nebel auf Gemüt und Seele, befreit atmet man die kalte Morgenluft. Schon erstehen Lichtkontraste an den mächtigen Gipfeigwächten, und wenige Augenblicke später erglüht hinter dem Keschmassiv die goldene Sonne. Ein Zittern geht durch die Luft. Von den Gipfeln fliehen die Schatten ins Tal, und wenn wir eine Stunde später mit den fellbewehrten Ski zum Piz d' Err emporsteigen, umfluten uns wärmende Strahlen.

Die Aussicht vom Err wie auch von den andern Spitzen der Umgebung ist einzigartig, sei es nach Nord oder Süd, Ost oder West. Schade nur, dass die glänzenden Abfahrten bei der Jenatschhütte so bald ihr Ende finden. Der letzte Tag, den wir hier verbringen, bietet uns mit dem Übergang zum Julierpass den schönsten Genuss. Diesmal ersteigen wir den Cima da Flix über den Calderasfirn auf seiner Nordflanke bis in den Einschnitt zwischen Piz Picuogl und Flix. Den Gang über den Gipfel und den Südgrat hinunter nach der gleichnamigen Fuorcla erledigen wir mit geschulterten Ski in drei Viertelstunden. Dann beginnt die eigentliche Abfahrt. Von der Fuorcla da Flix zuerst leicht rechts auf dem Firn ansteigend, um ja keine Höhe zu verlieren, erreichen wir nach etwa 200 Meter die grosse Schusshalde zur Fuorcla d' Agnelli hinüber und bald diese selbst. Wer je einmal über die mässig steilen Hänge gesaust ist, dem bildet die folgende Talfahrt Zeit seines Lebens ein unvergessliches Erlebnis. Telemark und Christiania setzt man in wie-gendem Rhythmus in flaumigen, unberührten Pulverschnee, pfeilt einen Hang im Schuss hinunter, setzt im Sprung über kleine Hügel; Seele und Leib jauchzen ob so viel Pracht und Freude.

Noch eine herrliche Fahrt bleibt zu erwähnen, die ebenfalls vom Julierhospiz abzweigt. Es ist die Fuorcla Crevasalvas mit dem einzigartigen Blick mitten hinein in die bezaubernde Bergwelt des tiefverschneiten gewaltigen Dreigestirns: Bernina, Roseg und Morteratsch, die Wahrzeichen des Engadins. Auch diese Abfahrt ist wunderschön, und wenn dann ein stiebender Christiania die Fahrt beschliesst und gleichfalls den Schlusspunkt setzt, dann hat man Winterfreuden gekostet.

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