Zu hoch gegriffen!

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VON RICHARD HOPF, THUN

Mit 1 Zeichnung « Vom Joch aus lässt sich der ganze Grat mit wenigem Ausweichen nach Süden verfolgen. Zuoberst führt ein kleiner Kamin auf das dem Gipfel vorgelagerte Blockfeld », steht im Führer zu lesen. Eigentlich nicht gerade aufschlussreich, wenn man sich über die Schwierigkeiten einer geplanten Tour orientieren möchte.

Vielleicht wusste der Bergführer mehr, und ich läutete ihm an. Nein, er kenne diesen Grat nicht. Soviel er wisse, keine besonderen Schwierigkeiten. Er komme gerne mit. Es sei etwas Neues für ihn.

« Und wegen Fritz? » « Wieso wegen Fritz? » « Nun, Sie kennen ihn ja! » « Ach so, ja ich erinnere mich. Wir wollen es doch noch einmal probieren! » Fritz war zwar ein junger, glühender Verehrer der Berge, doch waren seine Taten im Hochgebirge eher bescheiden geblieben. Nicht, dass es an Versuchen gefehlt hätte, aber sobald es beim Klettern zu ausgesetzt wurde, spürte er ein so eigentümliches Gefühl in der Halsgegend, so ein Würgen, das ihm die Tränen in die Augen jagte. Und er war doch sonst nicht rührselig veranlagt. Meistens geriet dann auch der Magen in ruckartige, rückläufige Bewegungen. Da es aber in der letzten Zeit gebessert hatte, nahmen wir Fritz mit. Er war sonst ein so lieber Kamerad.

Bis auf 2000 m hinaufging es flott voran, allerdings mit Hilfe des Wagens, der die unschön in die Flanke des Berges eingeschlagene Paßstrasse mühelos bewältigte. Auch weiter oben, als wir im Morgengrauen über den festgefrorenen Firn hinaufstiegen, blieb Fritz noch in glänzender Laune. Sogar seine poetische Ader kam zum Vorschein:

« Schaut nur, es ist gerade, als ob wir aus dem dunklen Schlund eines Lilienkelches auf die sonnenbeschienenen Blütenblätter hinaustreten würden! » Der Vergleich war nicht einmal so übel. In der Tat waren wir aus einem dunklen Firntälchen auf einen sonnigen Punkt gekommen, von dem aus verschiedene Firnzungen nach allen Richtungen gegen den blauen Himmel oder dunkle Felsen wie Lilienblätter kontrastierten. Natürlich ausgerechnet das steilste dieser « Lilienblätter » erkor sich unser Führer zum Weitergehen, und die strahlende Laune von Fritz sank in dem Masse, wie die Tiefe unter uns wuchs und losgetretene Schneeschollen tief unter uns über Felsköpfe hinaus ins Nichts zerstoben.

Er war erst getröstet, als nun das Seil angelegt und unter wirksamer Seilsicherung der angestrebte Sattel im Grat erreicht wurde.

Es war ein wunderschöner Standort: In weitem Kreise ringsherum waren wieder einmal die altbekannten, trutzigen Gesellen von Felsgipfeln versammelt. « Weisst du noch, vor zwei Jahren dort drüben? » « Und vor einem Jahr im Sturm dort unten? » Erinnerungen wurden ausgetauscht, und ebenfalls die Berg- gegen die Kletterschuhe. Der uns noch unbekannte neue Berg, dem heute unser Streben galt, war dicht vor uns. Erbarmungslos senkrechte Wände wehrten uns ab. Nur rechts führte eine glatte Rampe, steil wie ein Kirchendach, in die Wand hinauf zu einer Art Adlerhorst, um sich dann in der Wand zu verlieren. Wahrscheinlich nicht gerade schwierig zu machen. Aber die vielen vertikalen Linien! Armer Fritz! Wie mag das gehen?

Wie eine Katze turnte unser Führer die ersten glatten Platten hinauf, nur ein fast unmerkliches Zögern liess uns ab und zu gewisse Schwierigkeiten ahnen. Fritz nahm alle seine Kraft zusammen und gelangte, wirksam unterstützt oder, besser gesagt, gezogen, ganz ordentlich auf den Adlerhorst.

Sein Anblick erinnerte allerdings in keiner Weise an einen stolzen Adler: ängstlich und hilfesuchend schweiften seine Blicke umher und weiteten sich unwahrscheinlich, als der Führer sachlich erklärte, als Weiterweg komme einzig das Wändchen zur Linken in Frage. Zum Glück blieb Fritz nicht viel Zeit zum Überlegen. Schon gewann der Führer hoch oben Meter um Meter an Höhe, seine Arme und Füsse wie Spinnenbeine immer am richtigen Ort hinsetzend, um den Körper nachzuziehen.

Fritz war der zweite. Wenn das nur gut ausgeht! Ich wünschte nichts sehnlicher in meinem Innern. Wie, wenn Fritz mitten in der Wand versagen würde? Er hatte sich eben in einer Spalte verklemmt, und nun kam das Gefürchtete: « Ich kann nicht mehr weiter! Ich sehe keinen Griff mehr. Wo ist ein Griff? » Der Führer warf einen Blick das Wändchen hinunter, kratzte sich im Haar und pfiff dann Bruchstücke einer legeren Melodie durch seine prachtvollen Zähne, wie das so seine Art war in heiklen Situationen. Dann sagte er zu unser aller Entsetzen: « Ich sehe auch keinen Griff. Ihr müsst selbst sehen, wie Ihr weiterkommt! » Im letzten Moment konnte ich jedoch von unten Fritz einen Weiterweg weisen, nicht ohne ihm einige kräftige Worte zur seelischen Unterstützung mitzugeben. Der Führer liess sich nun auch nicht mehr länger lumpen, stellte die Pfiffe, die ja doch keine Griffe waren, ein und zog mit Bärenkräften den armen Fritz über die kritische Stelle hinauf.

Die Schlacht war gewonnen. Der Weiterweg zum Gipfel ein Kinderspiel. Gut, dass die heikle Stelle nicht länger war! Denn nun kam die Reaktion: Bleich, Schweisstropfen auf der Stirne, schritt Fritz dem Gipfel zu, mit unfreiwilligen Halten, denn der Magen revoltierte hemmungslos. Apathisch liess er sich auf dem Gipfel nieder und wollte weder von Firnfeldern - wie Lilienblätter anzuschauen -, noch von der prachtvollen Aussicht und ganz entschieden nichts von den im Rucksack mitgetragenen Herrlichkeiten etwas wissen.

Der Verbrauch an körperlichen und vor allem an seelischen Kräften war zu gross gewesen.

Erst auf dem leichten Abstieg der Normalroute wurde er wieder gesprächiger.

Fritz ist heute ein rassiger Skifahrer, ohne Angst vor den steilsten Hängen. Aber den Fels scheut er wie ein Huhn das Wasser. Es ist meine Schuld, und ich nehme sie nicht leicht. Die Lektion, lieber Leser, kannst du erraten: « Wenn man einen Hund schwimmen lernen will, dann werfe man ihn nicht zu jung ins Wasser. Er lernt es sonst nimmermehr. »

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