Zum Erlebnis des Bergsteigens

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GEDANKEN ZU DEM AUFSATZ VON K. GREITBAUER VON KLAUS SCHAEFER, DREIEICHENHAIN

Es ist wohl kein Zufall, dass im gleichen Heft der « Alpen » ( 1964, Seiten 105, 125, 160 ), in dem der Artikel « Bergsteiger und Weltbild » steht, weitere Aufsätze über den « Kosmos des Bergsteigers », « Zweimal Bergfreundschaft » und « Abend am Berg » zu finden sind, die als eine direkte Antwort auf Greitbauers Feststellung angesehen werden können, dass « die alpine Idee unaufhaltsam und unbeschadet durch die fruchtlosen Versuche einzelner, sie in Richtung Innerlichkeit ( z.B. romantischer Lebensform ) abzubiegen, sich gradlinig zum reinen Bergsport zu bewegen scheint ».

Nicht nur die drei zitierten Arbeiten - die Greitbauer als « fruchtlose Versuche Einzelner » abtun könnte -, sondern das tatsächliche Erlebnis der überwiegenden Zahl der Bergsteiger straft Greitbauer Lügen. Das grosse Geschrei, das einzelne mit entsprechender Publicity über das rein sportliche Bergsteigen machen, kann und darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Nur-Sportler die Minderheit und in keiner Weise typisch für den Alpinismus als Ganzes sind. Viel richtiger ist, was hierüber Kornmacher auf Seite 126/127 schreibt, dass nämlich das Leistungserlebnis zum beschaulicheren Bergerlebnis hinführt und dass deswegen auch einzelne Übertreibungen des Leistungs-erlebnisses kein Grund sind, den wahren Gehalt des Bergerlebnisses als verloren zu beweinen.

Jeder einzelne hat - und gerade diese Möglichkeit zum uneingeschränkten Ausleben eines extremen Individualismus ist einer der kennzeichnenden Punkte des Bergerlebnisses - die Möglichkeit, sich das Bergerlebnis zu schaffen, das er sucht. Ich kann mich auch heute noch genau wie vor hundert Jahren nur in eine blühende Bergwiese legen und vorüberziehenden Wolken nachschauen und weit ab sein von den Massen, die mit den Seilbahnen auf Höhenrestaurants gefördert werden, oder ich kann vorher mir das Leistungserlebnis durch eine zünftige Bergtour verschaffen und dann mit vielleicht noch verstärkter Freude die Wiese noch grüner und die Blumen noch schöner sehen. Noch einmal aus dem gleichen Heft der « Alpen » zitiert: « das tiefste Glücksgefühl bringt nicht der Gipfel, sondern die erste Rast nach gelungener Tour ».

Zurück zu Greitbauer: abgesehen davon, dass es den meisten Bergsteigern nicht leicht fallen wird, seinen mit psychologisch-philosophischen Fachausdrücken gespickten Artikel zu verdauen, hat er nach meiner Ansicht einen unserer Grossen, Leo Maduschka, gründlich missverstanden: dick unterstrichen gehört der Satz von Maduschka: « Die Berge sind noch ebenso schön wie früher, das Erlebnis in ihnen ist das gleich grosse und wundervolle wie einst. » Dieser Satz gilt auch heute noch ohne jede Einschränkung - ob man das Erlebnis sucht und findet, ist lediglich eine Frage der persönlichen Einstellung, die meiner Ansicht nach unverändert bei dem Grossteil auch unserer jungen Bergsteigergeneration vorhanden ist.

Völlig falsch scheint mir aber die Feststellung Greitbauers von « der Erscheinung der architektonischen Bewegungsaufgabe als gleichbleibend geistigem Problem im Bergsteigen ». Er meint damit, dass das « Problem » einer Wand für den Zweitbegeher und alle folgenden das gleiche sei wie für den Erstbegeher. Es ist jedoch ein fundamentaler Unterschied, ob ich vor der Begehung der Wand weiss, dass hier andere vor mir schon durchgekommen sind oder nicht, ganz abgesehen davon, dass eine zusätzliche Beschreibung auch tatsächlich ( also nicht nur psychologisch ) die Begehung erleichtert. Wer diesen besonderen Reiz des Neulandes, der « Jungfräulichkeit », leugnet, dem fehlt jedes Verständnis dafür, warum seit Menschengedenken nicht die Schlechtesten in Neuland auf allen Gebieten vorgestossen sind - und warum unsere heutige Generation « den Griff nach den Sternen » buchstäblich zunächst mit einer Landung auf dem Mond zu verwirklichen sucht.

Es nützt nichts, mit erhobenem Zeigefinger den « Jungen » zu sagen: « hier, die Fleischbank-Südostwand oder der Salbitschyen-Südgrat bieten für Dich genau dasselbe „ architektonische " Problem wie für alle Deine Vorgänger»es ist das Neuland, das sie suchen. Wer einmal ohne Führer ( auch ohne geschriebenen ) in einem unbekannten Gebiet auf einen unbekannten Berg -möglichst noch im Alleingang - gestiegen ist, der weiss, dass dies ein unvergleichliches Erlebnis ist. Trotzdem kann man in dieser Beziehung das Rad nicht zurückdrehen und alle Karten, Führer und Hütten vernichten - aber es ist auch nicht nötig. Es bleibt genügend zu erleben für den einzelnen -deswegen muss man nicht den Beweis zu führen versuchen, dass Maduschka unrecht hat!

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