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Zur Mechanik der Staublawine

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Von Albert Sdilumpf.

Wir teilen die Lawinen im Sprachgebrauch des Volkes nach ihrer Wirkung in zwei Hauptgruppen: die Grundlawinen, welche den Untergrund aufreissen und teilweise oder gänzlich vom Schnee befreien ( nasse Lawinen ), und die Staublawinen, welche den Untergrund ihrer Bahn kaum wesentlich verändern, dagegen den Ort ihrer Wirkung turmhoch mit Schneestaub zudecken, der durch die feinsten Ritzen zu dringen vermag ( trockene Lawinen ).

Infolge ihrer meist viel grösseren Sturzgeschwindigkeit sind die Staublawinen in der zerstörenden Wirkung im allgemeinen viel verheerender als die gewöhnlich viel grösseren und schwereren, aber langsameren Grundlawinen. Dennoch kann man sich die gewaltige Wucht nicht aus der grösseren Geschwindigkeit allein erklären, ganz besonders nicht den ungeheuren Luftdruck, den sie erzeugen und der imstande ist, Menschen und Vieh weit durch die Luft zu schleudern, Bäume zu entwurzeln und ganze Wälder nieder-zureissen. Eine ebenso rätselhafte Tatsache ist die, dass Lebewesen, welche in eine solche Lawine geraten, eigentlich dea Tod durch Ertrinken erleiden, indem ihre Atemorgane in kürzester Zeit mit Wasser gefüllt werden. Es ist kaum möglich, dass dieses Wasser aus Schnee stammt, der allein durch die Wärme der Atemwege geschmolzen wird. Denn wenn durch den Luftdruck kalter, kristalliner Schnee in grossen Mengen in die Bronchien gepresst würde, so könnte dieser nur sehr langsam schmelzen, und der Betroffene würde daran nicht ertrinken, sondern ersticken.

Zur Erklärung der gewaltigen Wirkung des von der Lawine erzeugten Luftdruckes nehmen die mir bekannten Autoren entweder an, dass durch die Stirnpressung des stürzenden Schnees der Lawine ein Sturm voraus-eile ( Coenen, Streiff ) oder dass sie durch ihr Gewicht die Luft aus der Schneeunterlage herauspresse ( Zimmermann ) oder dass sie ein Vakuum erzeuge, in welches die Luftmassen von oben hineinstürzen und, die Lawine überholend, ihr vorauseilen ( Campell, Butler ), oder schliesslich, dass die fallende ZUR MECHANIK DER STAUBLAWINE.

Schneemasse in einen drehenden Wirbel nach Art eines Zyklons gerate ( Baechtold ).

Anhand eines sehr einfachen Experimentes wird man zu einer etwas anderen Auffassung von der Mechanik der trockenen oder Staublawinen kommen. Füllt man ein durchsichtiges und ziemlich hohes und weites Gefäss ( Wasserkaraffe etc. ) mit Wasser und lässt ein wenig Zucker, feinen Sand oder dergleichen hineinrutschen, so kann man alle Formen der Staublawine im kleinen, aber sehr naturgetreu beobachten. Je nachdem die hineingegossene Staubmenge im Verhältnis zur Fallhöhe grosser oder kleiner ist, bildet sich die langgestreckte, wolkenförmige Staublawinenform oder der sich im Fallen auflösende, harmlose « Gratstäuber » ( Sprecher ). Überraschend ist die Geschwindigkeit, mit welcher diese lockere, im Verhältnis zum Wasserwider-stand nur wenig schwerere geringe Staubmasse « zu Tale rast » und, am Boden des Gefässes angelangt, « turmhoch aufwirbelt », wobei sie die verhältnismässig grosse und träge Wassermasse in deutliche Bewegung zu setzen vermag. Diese Wirkung tritt aber nicht etwa während des Sturzes ein, sondern erst mit der « Explosion » beim Auftreffen am Boden. Stellt man das Wassergefäss schief und lässt den Staub der Wand entlang hinunterstürzen, so kann man sehr schön beobachten, Figur l.

= Gratstäuber.c = über einen Hang frei {allende Lawine.stürzende Lawine.

wie sich die « Lawine » zeitweilig gänzlich von der Unterlage ablöst und in den freien Raum hinaus- schiesst ( Fig. 1 ). Auch jene bekannten Ausschiesser oder Schneepfeile kann man gelegentlich am Kopf einer solchen Miniaturlawine beobachten.

Zieht man in Betracht, dass das spezifische Gewichtsverhältnis von Wasser und Zucker u. dgl. etwa 1: 2, dasjenige zwischen Luft und Schnee-pulver dagegen etwa 1: 30 bis 1: 100 ist, so kann man sich ungefähr eine Vorstellung machen, mit welcher Geschwindigkeit der im Verhältnis zur Luft viel schwerere Schneestaub über steile Felspartien rast.

Aber noch etwas anderes zeigt uns dieses überaus einfache Experiment, nämlich die Bewegung der Staubmassen innerhalb der Lawine und beim Auftreffen auf den Talgrund. Wir sehen beim « Gratstäuber », dass sich die kleine, knollenförmige Wolke am äusseren Rande ringsherum nach oben zu drehen beginnt und rasch schalenförmig ausbreitet, bis sie plötzlich ringförmig auseinanderreisst, indem das Wasser in der Mitte der Schale einbricht und nun an der inneren Seite des so entstehenden Ringes eine Drehbewegung in entgegengesetzter Richtung erzeugt, so dass beide Bewegungen sich rasch aufheben ( Fig. 2 ).

Bei der Staublawine dagegen kommt es infolge der grösseren Masse nicht zu diesem schalenförmigen Ausbreiten des Kopfes, so dass dort auch ZUR MECHANIK DER STAUBLAWINE.

kein Einbruch des von unten dagegen drückenden Wassers erfolgen kann. Sie behält während ihres ganzen Sturzes die mehr oder weniger stromlinienförmige Grund-gestalt bei ( Fig. 2 a ).

Diese Beobachtungen und die Bilder und Berichte über in der freien Natur beobachtete Staublawinen führen zusammen mit den bekannten physikalischen, insbesondere den aerodynamischen Gesetzen zu folgender Theorie, die meines Erachtens die wirklichen Vorgänge innerhalb der Lawine befriedigender erklärt als die bisher veröffentlichten Ansichten.

Wir wollen den einfachsten Fall annehmen, dass die Lawine hoch oben an einem Steilhang als Pulverschnee ( trockener Schnee ) in ein Trichtercouloir abrutscht und darauf über sehr steile oder senkrechte Wände ins Tal fällt, wo sie über einen Schutthang auf den horizontalen Talboden ausläuft. Diesem Fall entsprechen die Abbildungen der Figur 5 und das Bild im Januar- heft von « Die Alpen a ( 1937 ) ziemlich genau.

Figur 2.

Der locker liegende Pulverschnee enthält viel Luft, die er beim Abrutschen mitreisst. Setzen wir für diese lockere Schnee-Luftmasse das spezifische Gewicht 0,1, für die Luft in dieser Höhe 0,001, so ist die Schneemasse hundertmal schwerer als die Widerstand bietende Luft. Die Geschwindigkeit nimmt daher sehr rasch zu, bis der Gegendruck der Luft immer stärker wirksam wird und schliesslich der Beschleunigung der fallenden Schneemassen das Gleichgewicht hält. Verbinden wir das Bezugsystem der Einfachheit halber mit der fallenden Schneemasse, so erscheint die Lawine stillstehend und die umgebende Luft als in ihrer Längsachse nach oben strömender Wind. Der Stirndruck dieses Luftstromes auf die Lawine muss gleich gross sein wie der Druck dieser gegen die Luft, d.h. gleich dem Gewicht der ganzen Lawine. Nehmen wir an, die Lawine habe im freien Fall ihre grösste Geschwindigkeit erreicht, so lässt sich dieses approximativ berechnen. Ist beispielsweise die Höhe der stürzenden Schneemassen in ihrer Längsachse gemessen 100 m, so ergibt sich, das spezielle Gewicht zu 0,05 ( Wildschnee ) angenommen, für jeden Kubikmeter ein Gewicht von 50 kg, für die ganze, auf dem Quadratmeter aufgebaute Säule das enorme Gewicht von 5000 kg oder 5 Tonnen. Gegen jeden Quadratmeter Stirnfläche schon einer kleineren, frei fallenden Staublawine muss also ein Luftdruck von 5000 kg drücken, so dass an der Stirnseite der Lawine eine Spannung von ca. 0,5 Atü herrscht. Je grosser die Lawine, um so grosser wird auch diese Spannung. Nehmen wir für unser ZUR MECHANIK DER STAUBLAWINE.

Beispiel nur einen Durchmesser von 20 m an, so ergibt sich ein Querschnitt von rund 300 m2 zu je 5 Tonnen Gewicht und somit ein Gesamtgewicht der Lawine von 1500 Tonnen oder anderthalb Millionen Kilogramm. ( Rechnen wir das spezifische Gewicht der abrutschenden Schneemassen zu 0,1 und die Schneetiefe zu 1 m, so entspricht dies einem Einzugsgebiet von 15.0002 = einem Quadrat von ca. 122 m Seitenlänge ).

Im Moment, wo die Schneemassen in den freien Raum stürzen, haben sie etwa die Gestalt von Fig. 3 a ( vgl. auch Fig. 5 ). Die vordersten Schneeteile werden nun durch den Luftstrom gebremst, während die hinteren im Schütze der vorderen rascher fallen, gemäss der Formel %g.12. Beim Auftreffen auf den Kopf der Lawine werden sie zusammengepresst, indem Figur 3a.

Figur 3b.

Figur 3c.

ihre Fallgeschwindigkeit durch den entgegenwehenden starken Luftstrom abgebremst wird. Die dabei entstehende Spannung entspricht in unserem Beispiel 500 g pro cm2. Zugleich aber reisst der Luftstrom die an die Oberfläche der Lawine tretenden Schneeteile mit sich nach oben, so dass sich der Kopf der Lawine aus den im Innern nach vorn strömenden Teilen beständig erneuert. Hinter dem komprimierten Kopf der Lawine entsteht jedoch ein Vakuum wie hinter jedem angeströmten Körper ( Beispiel: Brückenpfeiler ), in das die von der Luft mitgerissenen Schneeteilchen wieder hineinwirbeln. So entsteht ein Kreislauf, wodurch sich die stürzende Lawine beständig aus sich selbst erneuert und ihre Gestalt, die sich mehr oder weniger stromlinienförmig ausbildet, beibehält ( Fig. 3 b und 5 ).

Eine leise Vorstellung von den ungeheuren, an dieser tropfenförmigen Lawine allein durch den Druckunterschied zwischen den umgebenden Luftschichten erzeugten Kräfte und Geschwindigkeiten der Materialteilchen erhält man durch den Vergleich mit den ganz ähnlichen Vorgängen am Flugzeug- tragflügel ( Fig. 4 ). Durch die Biegung und Zusammendrängung der Stromlinien auf der Oberseite des Flügels entsteht eine Verlängerung und zugleich Verengung des Weges, welchen die Luftteilchen daher mit grosser Beschleunigung durchlaufen müssen, damit die gleiche Menge Luft in der gleichen Zeit hindurchkommt. Eine Beschleunigung ist jedoch nur möglich, wenn der Widerstand, der Gegendruck, geringer wird. Daher entsteht an den Stellen der Stromverengung und zugleich Beschleunigung eine Druckabnahme, ein Vakuum, an den Stellen der Stromverbreiterung dagegen ein Überdruck.

Man erkennt aus den eingezeichneten Stromlinien in Fig. 3 a und b, dass, entsprechend dem grossen Umfang der Lawine und der demgemäss grossen Geschwindigkeit der Luftströmung, die durch das Zusammendrängen der Stromlinien an den Seiten der Lawine erzeugte Druckabnahme im Verhältnis zum Stirnwiderstand, den wir in unserem Beispiel auf 5000 kg pro m2 berechnet haben, ein ganz gewaltiger sein muss und weit unter dem normalen atmosphärischen Druck liegt. Am Flugzeugflügel beispielsweise beträgt der durch das einseitige Vakuum erzeugte Unterdruck bis 100 kg pro m2, ein Vielfaches des als Stirnwiderstand imponierenden Überdruckes. Es erhebt sich daher die Frage, aus welchem Grunde denn die Schneeteilchen an dieser Stelle eines gewaltigen Unterdruckes nicht aus der Lawine herausgerissen werden, so dass sie einfach platzt, wie wir dies bei den sogenannten « Gratstäubern » gesehen haben.

Nur der im Innern der Lawine mit grosser Geschwindigkeit nach vorn rasende Wirbelsturm erklärt es, warum sie trotz des seitlichen Vakuums nicht mit ungeheurer Gewalt auseinandergerissen wird. Infolge dieses Stromes im Innern ist der Luftdruck dort nicht grosser als auf der Aussenseite. Es muss also in der gleichen Zeit auch die gleiche Materialmenge hindurchströmen wie auf der Aussenseite. Da jedoch der zur Verfügung stehende Querschnitt wesentlich kleiner ist, so muss die Geschwindigkeit des Stromes noch grosser sein als auf der Aussenseite der Lawine. Diese enorm beschleunigte Masse trifft nun im Kopf der Lawine auf den dort herrschenden Gegendruck des aufsteigenden Luftstromes, der sie von aussen umspült. Bei der dadurch bewirkten plötzlichen Abbremsung setzt sich die kinetische ( Bewegungs- ) Energie teils in statische ( Steigerung des Druckes ), teils in dynamische ( Vergrösserung der Fallbeschleunigung der Lawine ) um. Mit andern Worten: die auf der oberen Seite von den einwärts drehenden Luftwirbeln ins Innere der Lawine und nach unten geschleuderten Staubmassen treffen in der Nähe der Längsachse der Lawine auf ein Vakuum, einen luftverdünnten Raum, worin sie, ungehindert durch äusseren Reibungswiderstand, in freiem Fall nach der Formel ½ff-/2 beschleunigt werden und mit grosser Wucht auf den « Boden » ( resp. den becherförmig verdichteten Kopf ) der Lawine stürzen, die in diesem vorhandenen Schnee- und Luftmassen noch stärker komprimie-rend und sie zugleich antreibend, wie der Wasserstrahl die Becherschaufeln der Turbine. Daraus erklärt sich die ungeheure, im Fallen stets noch zunehmende Geschwindigkeit der Staublawinen. ( Theoretisch müsste sich infolge der zunehmenden Komprimierung der eigentliche Lawinenkörper auch ständig um so mehr verkleinern, je rascher und tiefer er fällt. Ich Die Alpen — 1937 — Les Alpes.8 ZUR MECHANIK DER STAUBLAWINE.

Normaler Luftdruck weiss nicht, ob derartiges beobachtet wurde. ) Durch irgendwelche Störungen können nun in diesem zentralen, nach unten gerichteten Luft- und Schneestrom im Innern der Lawine ( der ja mindestens die doppelte Geschwindigkeit der Lawine Normaler Luftdruck Figur 4.

selbst hat ) wieder kleinere Verdichtungen entstehen, also eigentliche kleinere Lawinen innerhalb der Lawine, Geschosse, deren Kopf auch ein Stein oder dergleichen sein kann, welche wie bei einer Kanone durch die Lawine hindurch geschleudert werden und infolge ihrer kompakten Masse den Lawinenkopf zu durchschlagen vermögen, so dass sie als « Schneepfeile » dieser vor-ausschiessen ( Fig. 3 c, 5 und Bild 229 in « Die Alpen », Januar 1937 ), bis der nun plötzlich von unten her auftreffende Luftstrom ihre Energie aufgezehrt hat, indem er ihre Geschwindigkeit abbremst. Für den Lawinenkörper jedoch wirken sie als Bahnbrecher durch die Luft, was wiederum deren Geschwindigkeit erhöht. Bald stürzt daher die Lawine schneller als der vorausgeeilte Schneepfeil. Dieser wird gleichsam wieder eingesogen, während neue ausschiessen und das Spiel sich wiederholt.

Hinter dem eigentlichen, mehr oder weniger stromlinienförmigen Lawinenkörper verlieren die Luftwirbel rasch ihre Energie und lösen sich auf, so dass dort wieder normaler Luftdruck herrscht. Nachdem die Lawine die Stelle passiert hat, bleibt nur ein wenig aufgewirbelter Schneestaub in der Luft hängen, der langsam zu Tale sinkt und über die Bänder rieselt, wie dies auf dem erwähnten Bilde sehr schön zu sehen ist. Das Ende der eigentlichen Lawine, der « Bombe », liegt auf dieser Abbildung bei der grösseren gerade an der Stelle des Wandabbruches, bei der kleineren in ihrem Schnittpunkt mit dem schräg über die Bildecke laufenden Baumast. Von einem hinter der Lawine entstehenden Vakuum von nennenswerter Wirkung kann also nicht die Rede sein.

Endlich ist noch ein sehr wesentlicher Punkt zu beachten. Jedermann kennt die Entstehung des Föhns, dessen Wärme die gleiche Ursache hat wie die Erwärmung der Velopumpe: die zur Komprimierung eines Gases notwendige kinetische Energie setzt sich in statische, hier in Druckspannung und Wärme um. Je grosser einerseits die Masse des komprimierten Gases und je kleiner anderseits der Raum ist, auf den es zusammengepresst wird, um so stärker ist die Erwärmung desselben.

Nun stürzt ja die Lawine aus beträchtlichen Höhen manchmal Tausende von Meter in ein Gebiet höheren Luftdruckes und wird schon dadurch allein komprimiert, d.h. ihre Temperatur steigt, genau wie beim Fallwind ( Föhn ). Ausserdem wird ihr durch die sehr starke Reibung an den durch-stürzten Luftmassen ( Meteor !), der Unterlage, aber auch durch die innere Reibung infolge der wirbelnden Bewegung ihrer Masseteilchen eine ganz beträchtliche Energiemenge in Form von Wärme zugeführt. Die stärkste ZUR MECHANIK DER STAURLAWINE.

Wärmesteigerung jedoch tritt durch die sehr erhebliche Kompression des Lawinenkopfes beim Sturz durch die Luft ein. Alle diese Momente wirken zusammen und haben eine weitere, gewaltige Energiesteigerung der « Schneebombe » zur Folge. Bedenkt man, dass allein durch die Zunahme des Druckes in tiefer gelegenen Luftschichten die Temperatur des Fallwindes um rund 1° C je 200 m Höhendifferenz zunimmt, so ergibt sich für den Sturz einer Staublawine um 1000 m Höhe allein schon daraus eine Steigerung ihrer Temperatur um 5°.

Nun sind ja grosse Räume innerhalb der Lawine in einem Zustande raschester, wirbelnder Bewegung. Infolgedessen ist der Druck dort gering, viel geringer als der der umgebenden Atmosphäre. Daher nimmt die Wärme an diesen Stellen nicht zu, sondern ab ( Prinzip der Kältemaschine !). Der gesamte Wärmegehalt der Lawine muss sich also auf die relativ wenig ausgedehnte Stelle hohen Druckes konzentrieren. Das ist, wie wir sahen, der Kopf der Lawine. Es ist daher mehr als wahrscheinlich, dass die Temperaturerhöhung an dieser Stelle so gross ist, dass der fein verteilte Schnee in dieser Zone schmilzt und in Nebel oder Dampf übergeht. Mit dem Austreten in Gebiete niedrigeren Druckes gefriert dieser Dampf oder Nebel sofort wieder in Form feinster, reiner Eis- oder Schneekriställchen. Der im Innern der Lawine vorhandene Wirbelstrom reisst gemäss Fig. 3 a—c nacheinander alle Materialteilchen durch diesen Schmelzofen im Kopfe der Lawine hindurch, wodurch alle ursprünglich in der Lawine enthaltenen Eis- und Schneeteilchen geschmolzen und umkristallisiert werden. Ja, es ist denkbar, dass eine Lawine, die anfänglich gar nicht aus Pulverschnee, sondern aus körnigem Schnee oder gar Eisbrocken bestand, bei einem Sturz über sehr steile Felspartien zu einer richtigen Staublawine umgeschmolzen — oder besser — umkristallisiert wird. ( Möglicherweise bleiben auch schwerere Körper wie Steine usw. in der Gegend des vorderen Randes der Lawine und werden beim Aufschlag der Lawine gleichsam in den Talgrund hineingeschossen, so dass der von der Lawine abgelagerte Schnee völlig rein erscheint. ) Stürzt die Lawine nicht frei durch die Luft, sondern über steiles Gelände, so ändert sich an der Erscheinung wenig. Infolge der starken Luftverdichtung am kompakten Kopf der Lawine, die mit grosser Beschleunigung seitlich abfliesst, bildet sich um sie herum gleichsam ein Mantel aus komprimierter Luft, auf dem die Lawine glitscht. Der Druck dieses zwischen Lawine und Unterlage eingeklemmten Luftkissens kann bei zunehmender Geschwindigkeit so gross werden, dass er das Gewicht der Lawine überwindet und sie von der Unterlage in den freien Raum hinaus abdrängt ( Fig. 5 d ). So ist die Staublawine imstande, Strecken der Unterlage in freiem Flug zu überspringen.

Was geschieht nun, wenn diese Schneebombe, wie wir sie nicht zu Unrecht nennen können, im Talgrunde anlangt?

Am Fuss einer Wand liegt gewöhnlich ein Schuttkegel, der, zuerst steiler, dann flacher, in den horizontalen Talboden überleitet. Die Lawine wird also aus ihrer steilen Sturzbahn nach und nach in die Horizontale übergeleitet. Da ihre Reibung an der Unterlage infolge des sie umgebenden Luftstromes, wie wir sahen, gering ist, wird sie nun nicht sofort gebremst, sondern behält infolge der Massenträgheit und des im Innern nach vorn stürzenden Luftstromes ihre Geschwindigkeit vorerst bei, ihr bisher runder Querschnitt wird jedoch durch den Gegendruck der Unterlage immer mehr abgeplattet und wird oval. Nun zehrt aber die Lawine um so mehr von ihrer eigenen Energie, je flacher der Schuttkegel wird. Ihre Geschwindigkeit nimmt daher ab, gleichzeitig aber auch der entgegenwirkende Luftstrom und damit dessen Gegendruck: die Lawine wächst rapid. Im Innern jedoch stürzt der zentrale Luftstrom mit unverminderter Geschwindigkeit gegen den Kopf der Lawine, diesen weitertreibend und ihn durchschlagend, so dass nun nach allen Seiten Schneeraketen aus ihm hervorbrechen, wie Junge aus einem gewaltig angeschwollenen Muttertier.

Stösst die Lawine auf ein Hindernis, so wird der entgegenwirkende und sie zusammenhaltende Luftstrom plötzlich unterbrochen. Die erhitzten Gase des Kopfes werden durch die nachstürzenden Schneemassen zuerst noch stärker komprimiert und dringen in diesem Zustande in alle Ritzen des Hindernisses hinein. Sobald der nachstürzende Schneestrom vorüber ist, explodiert der am Hindernis festgehaltene Lawinenkopf mit lautem Knall, alles, was ihm im Wege steht, niederreissend oder turmhoch in die Luft schleudernd. In gleicher Weise, nur schwächer, wirken die ausgestossenen kleineren Bomben ( Schneepfeile ), soweit sie nicht, ihrer geringen Masse wegen, entsprechend den « Gratstäubern » schon im Fluge explodieren und lediglich die Luft mit hoch aufwirbelndem Schneestaub erfüllen. Fällt eine solche Bombe irgendwo, oft an ganz unerwarteten Orten, in den Wald, so schleudert sie die Bäume im Umkreis wie ein Wirbelwind durcheinander.

Diejenigen Teile der Lawine, die auf kein festes Hindernis stossen, rasen über den Talboden hin, bis der sich ständig vergrössernde Kopf zum Stehen kommt und platzt. Oder sie erreichen die jenseitige Bergwand, an der der Kopf nun explodiert, nun aber, da die komprimierten Gase nur nach rückwärts ausweichen können, in der Richtung, aus welcher die Lawinen-teile kamen. So wird es erklärlich, dass der die Staublawine begleitende Wirbelsturm gelegentlich zuerst in der einen, dann nochmals in der entgegengesetzten Richtung ein Dorf heimsucht ( vgl. Fig. 5 / ).

Aber auch verschiedene andere Tatsachen finden auf diese Weise ihre Erklärung. So die rasende Geschwindigkeit der Staublawine, der beim Auf- 260 - Photo Arnold Heim, Zürich Gipfel ohne Namen von ca. 6000 m, über den Westgrat ( links ) bestiegen von August Gansser am 3. X. 1936. Nordseite des Bhagat Kharak Gletschers. Badrinath-Gruppe, Garhwal 261 - Photo Arnold Heim, Zürich Trisul 7100 m - Nanda Devi 7800 m - Nanda Kot 68S0 m Fernsicht vom Jandi, 2400 m bei Binsar, Almora, 29. X. 1936 Anmerkung: Trisul bestiegen von Longstaff 1905, Nanda Devi bestiegen Ende August 1936 von der Anglo-Amerikanischen Expedition, Nanda Kot bestiegen 5. Oktober 1936 von der Japanischen Expedition Brunner & Cie. A. G. Zürich Die Alpen - 1937 - Les Alpes treffen auf ein Hindernis vernommene donnernde Knall, die ungeheure Schneestaubwolke, die sich erhebt, wo die Lawine platzt, das Überspringen von Gebieten und plötzliche Einfallen an unerwarteten Orten ( Schneeraketen ), wo sie die Bäume nach allen Richtungen ( radial ) entwurzeln, die enorme Wucht, mit der Gegenstände in die Luft geschleudert werden usw.

Zwei Tatsachen jedoch scheinen mir die hier entwickelte Ansicht ganz besonders zu stützen: dass man gut verschlossene Kasten mit leicht zerbrechlichen, doch unversehrten Gegenständen ( Röntgenröhren usw. ) im Innern dick mit feinstem Schnee überzuckert fand, und dass in Staublawinen geratene Lebewesen gewöhnlich nicht ersticken, sondern ertrinken. Beides ist unglaublich, wenn die ganze Lawine aus Schneestaub bestehen würde. Wenn es aber richtig ist, dass der Kopf der Lawine infolge der starken, durch Kompression und Reibung verursachten Erwärmung aus dichtem Nebel oder gar Wasserdampf besteht, der als komprimiertes Gas sehr rasch in grosser Menge in alle Ritzen einzudringen vermag, so erklärt sich beides zwanglos. Bei der Expansion des verdichteten Gases kühlt sich dieses sehr stark ab, wobei das Wasser als reiner, feinster Schnee ausfällt. Es schneit also im Innern des Schrankes, nachdem er zuerst mit gesättigter Luft vollgeblasen wurde.

Beim Einatmen dieser Luft wird sie jedoch durch die Körpertemperatur am Schneien verhindert. Das Wasser fällt in den Lungenbläschen als feiner Regen aus und füllt die Lunge in kurzer Zeit, während die Luft ausströmt.

Ich weiss nicht, ob meine Theorie über die Mechanik der Staublawine in allen Teilen richtig ist. Es wird Sache Berufener sein, sie auf ihre Brauchbarkeit zu prüfen. Jedoch hat sie den Vorzug, alle bisher beobachteten Erscheinungen beim Niedergehen von Staublawinen gleich gut zu erklären und mit den modernen aerodynamischen Strömungsgesetzen vollkommen in Einklang zu stehen.

Vielleicht aber wird man nun nachträglich manche Beobachtung, die bisher nicht veröffentlicht wurde, bestätigt finden. So, dass die Lawine im freien Fall kleiner wird; dass in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft fast völlige Windstille herrscht, während in ihrem Innern ein Orkan tobt; dass ihre Gestalt vor der Explosion stromlinienförmig ist, sofern sie nicht durch Geländehindernisse verändert wird ( was zu vorzeitigen Teilexplosionen führtdass sie sich beim Auftreffen auf den Talboden vergrössert und nicht nur « Schneepfeile », sondern bombenartige Raketen vorausschiesst, die beim Aufschlag explodieren u.a. m.

Zum Schluss seien nochmals alle Stadien der Staublawine schematisch rekapituliert ( Fig. 5 a—/ ).

a ) Einzugsgebiet und « Gratstäuber ».

b ) In den freien Raum abrutschende Schneemassen.

c ) Frei stürzende « Schneebombe » mit ausschiessenden « Schneepfeilen ».

d ) Durch das eingeklemmte Luftkissen in den freien Raum abgedrängte « Schneebombe ».

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