Zwei grosse Überschreitungen

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Mit 2 Bildern.

1. Torronegruppe.Von Josef Imseng.

Schon weit zurück liegt jener Tag, an dem wir mit dem von der Sonne durchglühten Stein rangen. Die Entfernung der Jahre liegt zwischen uns und dem Berg und mit ihr die unzähligen Erlebnisse meiner Führersommer. Wenn ich an die Julistürmerwochen von 1932 zurückdenke, schreibe ich nicht mehr in der ersten Freude des Gelingens. Nicht nur muss ich den Kampf um Griffe und Tritte gestalten, sondern auch die Seele dieser Tage neu erschaffen.

Der Kalender weist den 29. Juli 1932. Ich führte schon seit einigen Tagen Herrn Dr. de Fruin aus Rotterdam durch die wild zerklüfteten Wände der Bergeller Alpen. Das Wetter war herrlich. Wohlig warm strahlte die Sonne aus azurenem Himmel. Jeden Morgen erklommen wir die granitenen Stirnen stolzer Berge. Infolge des täglichen Ringens blitzte uns jetzt Mut in den Augen, und kühner Tatendrang liess die Herzen rascher schlagen. Am 28. Juli sassen wir im heimeligen Raum der Fornohütte, und nach dem Nachtessen kam der Morgen zur Sprache.Vieles wurde vorgeschlagen, erwogen und wieder verworfen. Ich hatte heute etwas Besonderes « erlickt » und äusserte den Wunsch, die gesamte Überschreitung der Torronegruppe zu unternehmen. Ein eigenartiges Gefühl durchzuckte mich, denn ich wusste wohl, dass kernige Bündnerführer an der Verwirklichung dieses Traumes zweifeln würden. Vergeblich wehrten wir uns vor diesem Gedanken und versuchten uns von ihm zu lösen. Wir hüllten uns in die warmen Decken, aber die messerscharfen Grate geisterten in unsern Träumen.

Um 1 Uhr schrillt der erbarmungslose Wecker, und schlaftrunken trete ich vor die Hütte: sternklar der Himmel, im blauen Mondlicht glänzt das Eismeer; der schattige, scharf gezahnte Grat zeichnet den Horizont mit kräftigem Griffel. Um 130 Uhr Abmarsch. Mein Herr ist voll Begeisterung. Bald ist der Gletscher überquert.

Der erste Felsriese, der uns im Wege steht, ist die Cima di Rosso, deren schwarze Gestalt sich trotzig vor uns aufbäumt. Sofort beginnt der leichte Aufstieg in der frischen Nachtluft. Der Tag löscht bereits die Lichter im Tale, als wir den Gipfel des Monte Sissone betreten, nach vierstündiger, ununterbrochener Anstrengung. Ein stolzer Anblick, diese Torronekette, und welch ein Morgen hier oben! Wir geniessen ein Weilchen seinen strahlenden Glanz und den Blick in Tiefen und Fernen. An dem schwarzen Gefieder des Berges blitzt nun das Gold der aufgehenden Sonne. Uns aber bleibt keine Zeit zu langen Gipfelbetrachtungen, unerbittlich ruft uns der blattdünne Grat, und das Ziel ist noch fern. Wir überklettern ihn gegen den Orientale zu; nach ein paar hundert Metern unterbricht ihn jäh ein lotrechter Turm. Ohne weitern Zeitverlust werden Schlingen und ein 35-m-Rerserveseil aus dem Rucksack hervorgeholt und nach einem tragfesten Felsblock Umschau gehalten. Bald sind wir unten im Steingeriesel, nach glücklichen Sekunden zwischen Himmel und Erde; das Seil folgt uns mit klösterlichem Gehorsam nach. Ein kleiner Halt und weiter. Aber wieder steht vor uns ein stark überhängender Felskopf. Da wir nicht sehen können, ob er zu umgehen wäre, entschliessen wir uns zum zweiten Abseilen, um zum Orientale absteigen zu können. Auf diese Weise erreichen wir schliesslich den einsamen Gipfel. Frohe Zuversicht erfüllt uns, und wir halten an. Etliche Stunden Weges liegen schon hinter uns.

Nun müssen wir 300 m gegen die italienische Seite bis zur Scharte absteigen, um von ihr den Centrale zu erklettern. Von ihm aus begehen wir ständig den Grat, manchmal mit kurzen Rasten auf kleinen Türmen. Näherer Einzelheiten kann ich mich nicht mehr erinnern. Dank der sehr günstigen Verhältnisse kommen wir rasch voran. Wie auf einer Leiter steigen wir dem strahlenden Himmel zu. So wird auch der Occidentale bezwungen. Wie, es ist schon Mittag gewordenAuf dem Gipfelblock heult uns der kalte, flackernde Bergwind ins Gesicht und erlöst uns für Minuten von der drückenden Schwüle dieses Sommertages. Schon schleichen dunstige Nebelschwaden wie ekliges Gewürm an den granitenen Wänden vorbei. In uns dämmert die Ahnung, dass morgen die Berge ihr schönes Antlitz hinter düstern Schleiern verbergen werden.

Wir müssen weiter über das tiefgefurchte Tal, das nach Süden fällt und uns eine andere, heissblütigere Welt weist. Unsere nervigen Finger wollen sich heute noch an die felsige Stirn der Punta Rasica klammern. Bereits färben sich die Nordhänge rosaviolett.

Voll grosser Hoffnung nehmen wir den Colle Rasica in Angriff. Noch einmal leuchtet die wilde Bergwelt, noch einmal erglühen die silbernen Kämme. Die Eile gibt uns Bewegung, und unsere Gestalten gleiten auf dem Grate; es beginnt ein Wettlauf mit dem sterbenden Tag. Bevor wir das begehrte Objekt erreichen, müssen wir uns noch zweimal über steile Platten abseilen. Höher, immer höher steigen wir, und um 1630 Uhr sitzen wir beide auf der Punta Rasica. Herr de Fruin blickt versonnen in die Ferne, das sonst übliche, sich spontan auslösende Freudegefühl bleibt diesmal aus. Es mochte wohl der eisige Wind daran schuld sein, der unsere zermürbten Kräfte höhnte.Vom Gipfel steigen wir rasch zur Fornohütte ab.

Wieder leuchten die ewigen Lichter über den Felsscharten, als wir die Schwelle des traulichen Heims überschreiten. Der Hüttenwart Kraus begrüsst uns mit stürmischem Händedruck und weist liebevoll auf die dampfenden und duftenden Schüsseln. Er freut sich sehr, dass wir nicht als Bezwungene von den gewaltigen Granittürmen zurückkehren.

Am andern Tage verhüllt dichter Nebel die ganze Torronegruppe, und Schneesturm durchzittert die Luft. Bei diesem ungastlichen Wetter ist vorläufig jedem weitern Unternehmen der Riegel gestossen, und ich sehne mich zurück nach dem Lande des leidenschaftlichen Erlebens.

Zeiten:

Fornohütte ab 130. Monte Sissone 530. Torrone Orientale 900. Torrone Occidentale 1200.Torrone Centrale 1500. Punta Rasica 1830. Fornohütte an 2100.

2. Mischabelgruppe.

Einen Tag später grüssen wir die sonnigen Gefilde des Wallis. Ein tiefblauer Himmel lächelt uns entgegen. Am Abend des 30. Juli sitzen wir plaudernd in meiner Wohnung in Brig. Herr de Fruin ist in bester Form, und es dürstet ihn schon wieder nach Fels und Eis. Ich aber wähne, die Zeit sei endlich gekommen, einen meiner sehnlichsten Pläne auf bergsteigerischem Gebiet in die Tat umzusetzen und für die geschlagenen Gletschermannen eine süsse und vollständige Rache zu nehmen. Der alte Wunschtraum übermannt mich, und der herrliche, wolkenlose Himmel reizt meinen Unternehmungsgeist. Mein Herr ist mit dem Plane sofort einverstanden, mit mir die erste vollständige Überschreitung der Mischabelgruppe zu versuchen. Wir fühlen uns beide vortrefflich eingelaufen.

Mancher gute Eismann hatte die Überschreitung der Mischabel gewagt. Versuch auf Versuch war schon erfolgt, begleitet von Misserfolg auf Misserfolg. So auch die beiden letzten. Der Angriff Lötschers mit den Führern Alois Zurbriggen und Emil Anthamatten scheiterte amNadelhorn. Eine andere Gruppe, mit meinen Brüdern Henri und Gustav Imseng, versuchte ihr Glück von der Cabane Bordier aus über das Dürrenhorn; auch sie blitzte ab, und zwar am Mischabeljoch. Ich hatte mit grossem Interesse diesen letzten Angriff verfolgt.

Anderntages telephoniere ich nach Saas-Fee. Der Bericht lautet: äusserst günstige Verhältnisse im ganzen Gebiete. Sofort wird gepackt, und obwohl die Säcke schon überschwer sind, finden wir immer noch etwas, das zum Gelingen notwendig scheint. Ein vormittäglicher Zug der Visp-Zermatt-bahn bringt uns nach Stalden. Dann steigen wir schwer bepackt in glühender Sonne durch die duftenden Matten nach Saas-Fee auf. Ein Glanztag liegt über dem Tale. Unverzüglich begeben wir uns auf den Weg nach Britannia. Bei Sonnenuntergang erreichen wir die Hütte. Wie oft habe ich schon hier gestanden! Doch nie werde ich den Eindruck vergessen, den mir die Mischabel in diesem Augenblick machten. Mächtig reckt sich im Abendglanze die stolze Leibgarde der Heimat! Ahnen die Riesen unser verwegenes VorhabenHerr de Fruin vergisst den mühevollen Aufstieg und das Unangenehmste von allem, das überfüllte Bergheim. Nach dem Mahle legen wir uns auf die freigelassenen Bänke nieder und träumen vom erquickenden Schlafe in « zivilisierten » Betten. Oh, wir schliefen ganz gut!

Um 4 Uhr früh nehmen wir die Säcke auf und treten in den kühlen Sommermorgen hinaus. Langsam erklettern wir — es hat ja keine Eile — den Grat hinter dem Allalin, der uns zur Nordwand führt. Bald knirschen die Nägel im harten Schnee. Um 9 Uhr stehen wir auf dem sonnigen Gipfel. Den ganzen Tag verbringen wir mit Faulenzen. Herrlich, so an der Sonne zu liegen und hie und da aus halbverschlafenen Augen nach den Riesen zu blinzeln. Erinnerungen an längst entschwundene Bergerlebnisse tauchen auf... Weit im Süden der Mont Blanc! Ich denke an eine eisige Biwaknacht im Schneesturm auf der Blanche de Peuterey.

Gegen Abend schlagen wir unser Lager auf, in einer kleinen Vertiefung unterhalb des Gipfels, ungefähr auf Punkt 4000. Um 20 Uhr, bevor wir uns verkriechen, steigen wir nochmals auf den Sattel, um nach Saas-Fee das verabredete Lichtsignal zu geben. Langsam ist die Nacht in die Täler geschlichen, doch rings leuchtet der Kranz unserer grossen Walliser Berge. Unten zünden die Menschen die ersten Lichter an. Über uns glänzt Stern an Stern. Gute NachtWir sind aber wach geblieben.

Morgens 130 Uhr beschliessen wir, aufzubrechen. Wir folgen dem Grat bis zum Alphubeljoch, und das Licht des werdenden Tages trifft uns auf dem Alphubel. 4 Uhr. Der Schnee ist hart, und wir kommen in der fast unheimlichen Stille der Berge und eisigen Kälte rasch voran. Nun beginnt die Sonne allmählich die Kämme zu versilbern.

Um 430 Uhr liegt das Mischabeljoch schon hinter uns, und wir stehen vor dem Grat, der uns zum Täschhorn hinaufführen wird. Wir sind etwas enttäuscht. In makelloser Reinheit liegt er da, trägt keine einzige Spur, die uns den Aufstieg erleichtern würde. Natürlich ein herrlicher Anblick, aber die Freude hierüber vergeht bald, als wir feststellen, dass wir bei solchen Verhältnissen reichlich Zeit haben werden, unsere Schritte zu zählen. Der Schnee ist sehr tief, ganz locker und anstrengend zum Spuren. Wir versinken bis zum Knie, und oben auf dem Grat, wo wir etwas besseres erhoffen, wird es auch nicht anders. So schaffen wir uns langsam hinauf. Die Sonne findet unsern Aufstieg nicht mühsam genug und beginnt, uns mit heisser Liebe zu bestrahlen. Trotzdem stehen wir noch vor 9 Uhr auf dem Täschhorn. Wir rasten eine Viertelstunde und lassen uns einen kräftigen Imbiss schmecken. Der forsche Wind und das ferne Ziel treiben uns weiter.

Gegen 10 Uhr schon erreichen wir das Domjoch. Ich erkenne, dass wir dem ersten grossen Fragezeichen unseres Unternehmens gegenüberstehen. Der Wächtengrat schickt ununterbrochen Lawinen mit schrecklicher Gewalt in die Tiefe und erheischt ein äusserst vorsichtiges Gehen. Glücklicherweise sind die Schneeverhältnisse hier günstiger, der Gipfelgrat ist bald blankgeweht, bald hart Verblasen. Er wird uns lange, dürstende Stunden in der heissen Mittagssonne kosten. Je höher die Feuerkugel steigt, desto unruhiger wird der Berg. Der Firn wird weich, und ein paarmal müssen wir uns in die Ostflanke schlagen. Aber auch sie schmückt Schnee, und die steifen Finger tasten in den vereisten Rissen nach Griffen.

Um 2 Uhr nachmittags setzen wir den Fuss auf den zweithöchsten Berg der Schweiz, den Dom. Rings strahlende Bergriesen, sonnig schimmernde Wächten, in übergewaltiger Tiefe die lichten, grünen Wiesen des Saastales! Einige Minuten sitzen wir auf dem Gipfel, trunken von der herrlichen, wolkenlosen Sicht ins Unbegrenzte. Wir haben jetzt ein hübsches Stück Arbeit und anstrengende Stunden hinter uns. Eine Partie kommt vom Südlenz her zu uns herauf und versichert, der Grat sei ausserordentlich gut gangbar.

Nachdem wir den trockenen Kehlen etwas Schneewasser gegönnt haben, setzen wir die Überschreitung fort. Auf der Lenzspitze finden wir bessere, Verhältnisse vor, als man uns gesagt hat und wir nach allem bisher Angetroffenen erwarten dürfen. Überhaupt, vom Dom weg zählt uns die Glücks-göttin zu ihren Favoriten. Wir haben ja nicht mehr mit dem Berge zu kämpfen, sondern es gilt ein Wettrennen mit den Schatten, die vom Tale unabwendbar herauf wachsen werden.

Mechanisch, gedankenlos gehen wir an den Gipfelsignalen des Nadelhorns und des Stecknadelhorns vorbei. Bald stehen wir vor dem letzten Bollwerk, das sich noch in der goldenen Abendsonne badet. Rastlos streben wir dem Gipfel entgegen, über den letzten Grat, und um 630 Uhr sind wir auf dem Hohberghorn. Ha, wir sind doch Sieger geworden! Aufjauchzen hätten wir mögen, aber da nun die unerhörte Spannung des Abenteuers gefallen ist, quälen uns die steifen Muskeln. Auch gönnt uns die untergehende Sonne keine ruhige Gipfelstunde mehr, kein Sichlösen und Hingeben, keine Weihe. Wir machen nur einen kleinen Halt.

Trägen Schrittes steigen wir nach dem Hohbergpass und Festijoch hinunter. Es ist dunkel geworden, blass erscheint jetzt die Mondsichel in der kampflosen und feierlichen Nacht. Endlich, um 21 Uhr, betreten wir die trauliche Domhütte. Ein kleiner Imbiss, ein paar Tropfen Tee, dann legen wir uns, in warme Wolldecken gehüllt, auf die Pritschen. Fast 20 rastlose Stunden harter Arbeit in zermalmendem Wechsel von Kälte und Hitze liegen hinter uns. Droben spielen die Mischabeln ihr stürmisches Schlummerlied.

Zeiten:

Allalinhorn 130. Alphubel 400. Täschhorn 900.Dom 1400.Lenzspitze 1530 —Nadelhorn 1700. Stecknadelhorn 1745.Hohberghorn 1830. Domhütte 2100.

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