Zwei Höhenwanderungen im Mont Blanc-Gebiet

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no Alpine summit is, as a whole, comparable in sublimity and beauty to Mont Blanc.Leslie Stephen.

Beim Schein der Laterne zogen drei Bergsteiger am 9. September 1907 früh um 3 Uhr 10 Min. vom Rifugio Torino am Col du Géant fort in die sternklare Nacht hinaus. Frits Amatter und Gustav Hasler aus Grindelwald, die Führer, und ich. Über bekanntes Gelände ging es zunächst über den Gletscher unter den Aiguilles Marbrées durch und über die trümmerbedeckten Felsen zum Frühstücksplatz unter der Dent du Géant; bekannt, denn gestern erst hatte unsere Partie, noch um meine Schwester verstärkt, dort oben auf dem kecken Riesenzahn gestanden — jetzt thronte die Madonna wieder in einsamer Höhe. Hier begann unsere Aufgabe: der Rochefortgrat.

Die Höhe des Grates bestand aus hart gefrorenem Schnee, der Stufen verlangt hätte, doch bot uns anfangs die Felskante des Grates, die auf der italienischen, rechten Seite unterhalb der Firnschneide hervortrat, gutes Fortkommen. Die Stufenarbeit jedoch begann schon, ehe wir noch die Höhe des ersten großen Gendarms erreicht hatten. Weitere Auskundschaftung ergab, daß die Felsen des Gendarms auf der andern Seite glatt abbrachen. Wir kletterten bis zu einer kleinen engen Scharte am Gendarm zurück, und dann gab es eine böse und lange Hackerei in blankem Eise, das steil auf der Nordseite zur Tiefe hinabschoß. Amatter unterzog sich größtenteils dieser schwierigen Aufgabe. Unter dem Gendarm wurde der nun schneeige Grat wieder erreicht, aber viel Zeit hatte dieses Stück gekostet. Nach einer Rast setzten wir den Weg über den Grat fort bis an den Fuß der Felsen, die uns dann ohne besondere Schwierigkeiten zum Gipfel der Aiguille de Rochefort brachten ( 4003 m; 9 Uhr 56 Min. bis 10 Uhr 8 Min. ).

Unser Weiterweg führte zunächst einen steilen Eis- und Schneehang, dann ein mäßig geneigtes Schneefeld hinab, das sich hier zwischen der Fortsetzung des Hauptgrats und den zum Mont Mallet abzweigenden Seitenast einbettet. Den nächsten Aufschwung unseres Grates querten wir in der Tiefe, dann brachte ein steiler Schneehang in Stufen uns jenseits von Punkt 3955 wieder zum Grat hinauf. Die lange Gratstrecke, die zu den Felsen des Dôme hinüberführte, konnten wir erst von hier überblicken, und mit geringer Freude sahen wir, daß fast die ganze Strecke trügerisch überwächtet war. Wir mußten also in die Flanke hinaus, und Amatter schwang seinen Pickel unermüdlich, fast ständig auf der im Schatten liegenden Nordseite. In so bedeutender Neigung fiel diese zum Glacier du Mont Mallet ab, daß wir streckenweise scharf an die Wächte herangedrängt wurden. Während wir anfänglich noch etwas abstiegen, verlief das stärkst überwächtete Gratstück fast horizontal. Auf der italienischen Seite steht etwas seitab vom Grat eine auffallende, schlanke Felsnadel, zu deren Fuß ein kleiner Firnkamm hinüberzieht: die charakteristische Unterbrechung der letzten Gratstrecke.

Endlich kamen wir an die Felsen, zwar lose und brüchig, doch nur mehr eine schwache Verteidigung der höchsten Spitze des Dôme de Rochefort, die bald genommen war ( 4012 m; 12 Uhr 45 Min. bis 1 Uhr 47 Min. ). Fast auf der äußersten Spitze fanden wir einige hübsche Kristalle, die in den Rucksack wanderten.

Große Pläne hatten wir mit heraufgetragen auf unsere selten betretene Spitze. Die weitere Verfolgung des Grates reizte uns; und kamen wir nicht rechtzeitig zum Refuge des Jorasses, so brauchten wir bei der mitgeführten Ausrüstung eine Beiwacht nicht zu scheuen. Aber ein anderes Argument trieb uns zum Col du Géant zurück.

Noch war zwar das schönste Wetter, aber gegen den gestrigen Tag, der von ganz seltener Reinheit gewesen war, zeigten sich in der Ferne verdächtige Wolkenschiffe, die „ poissons " der Chamoniarden. Morgen würde es noch gehen, war unsere Ansicht, dann wieder vorbei sein für einige Zeit — und davon stand nicht mehr allzuviel zur Verfügung. Eine Nacht hatten wir schon den Monarchen, nachdem wir ihn Tags vorher noch bei herrlichstem Wetter von der Aiguille du Midi bewundert und die Route betrachtet hatten, ergebnislos in der Cabane du Midi, der „ Zigarrenkiste " ohne Fenster, belagert, um am nächsten Tag in Schnee und Nebel zum Rifugio Torino abzuziehen, wo man sich über unser plötzliches Auftauchen genugsam wunderte — bei dem Wetter! Ja, Amatter hatte das Wettermißgeschick am Mont Blanc derartig verfolgt, daß dieser Fall sich als der fünfte an seine Vorgänger anreihte, ohne daß ihm einmal Erfolg beschieden gewesen wäre.

Unter den Umständen ging es also auf gleichem Wege, wieder die Aiguille de Rochefort überschreitend, zurück zum Col du Géant, den wir bei ersterbendem Dämmerlicht erreichten ( 7 Uhr 46 Min. ).

Um 1 Uhr Tagwache, um 1 Uhr 57 Min. wieder hinaus in die Sternennacht. Zunächst über den Col du Rognon zum Col du Midi, dann im tiefen Pulverschnee den Hang zum Mont Blanc du Tacul hinan. Es war grimmig kalt in jenen Stunden vor Tag. Hinter den Grandes Jorasses wetterleuchtete es von Zeit zu Zeit mit zuckendem Schein. Der einbrechende Tag brachte uns mehr Wärme und eine Rast unter einem Schrund. Dann ging es den Schneehang völlig hinauf, der sich oben stark verflachte. Das Gepäck konnten wir eine Strecke unter der letzten Erhebung zurücklassen, dann erstiegen und überschritten wir diese ( 4249 m; 7 Uhr 6 Min. bis 12 Min. ). Zum Gepäck zurückgekehrt, folgte nun ein längerer Abstieg in die vor dem Mont Maudit gelegene Einsattelung, der uns etwa wieder auf die Viertausendmeterlinie herunterbrachte. Ein kaum enden wollender, steiler Firnhang, auf dem es vieler leichter Stufen bedurfte, brachte uns bis knapp unter die letzten Felsen des Mont Maudit, also wesentlich höher, als die auf der Barbeyschen Karte eingezeichnete Route, die über den Col du Mont Maudit führt. Dann stiegen wir noch die kurzen Felsen zum Gipfel hinauf ( 4471 m; 9 Uhr 30 Min. bis 10 Uhr 6 Min. ).

An diesem schönen Berg mit so großartiger Schau, namentlich auf den Herrscher selbst und sein Gefolge, ist nun der Name des Verfluch-ten haften geblieben, der einst der ganzen Gruppe galt. Der Name einer Zeit, der die Berge noch nicht als eine höchste Segnung erschienen, mit der die Natur unsere Erde und uns Menschenkinder bedacht hat. Aber auch sein Fluch ist zum Segen geworden dem, der Schönheit trinkend dort oben stand. Dann geht es weiter, zunächst wieder hinab zum Col de la Brenva, dann drüben hinauf, an der Calotte selber nun, dem höchsten Dom Europas. Heftiger Sturm weht, und man sieht es den Schneeformen an, daß das keine Ausnahme ist. Mühsam ist dieses letzte Stück. Der Mur de la Côte ist genommen. Es kommen die Petits Rochers Rouges; man ist 4580 m. hoch. Es folgen die Petits Mulets; man steht bei 4690 m. Ringsum ist alles hinabgesunken, man verliert den Massstab der Größenverhältnisse. Ein Kopf taucht oben über dem Gipfelschnee auf und schaut hinab. Wie groß der ist! Und wollte es erst kein Ende nehmen — zum Schluß ist man fast noch überrascht, schon oben zu sein ( 4810 m; 12 Uhr 41 Min. bis 1 Uhr 5 Min. ).

Das Observatorium ist offen; ein russischer Gelehrter ist kurz vorher oben eingetroffen und bewirtet uns mit heißem Tee. Doch der Aufruhr im Wolkenmeer ringsum läßt uns nicht lange verweilen, und im Eiltempo aufbrechen. Schon 25 Min. später stehen wir denn auch unter der Cabane Vallot; dann queren wir gemächlicher etwas unter dem Dôme du Goûter durch zum Bionnassaygrat hinüber und steigen über diesen ab, bis es zum Domegletscher hinab und über ihn weiter geht bis zur Cabane du Dôme ( 4 Uhr 22 Min. bis 4 Uhr 55 Min. ).

Oben am Mont Blanc schneite es bereits, bei uns in der Tiefe war es noch leidlich; wir wollten jedenfalls bis Courmayeur weitergehen. Da wir erst den Weg von der Hütte zum Miagegletscher hinab im schnellen Abstieg an der Stelle verloren, wo er westlich umbiegt, versäumten wir kostbare Zeit. Auf dem Gletscher eilten wir noch möglichst weit bei Tageslicht, dann stolperten wir bei Laternenschein weiter. Es war eine geradezu großartige Pfadfinderleistung von dem vorangehenden Amatter, in dieser ihm völlig fremden Gegend genau auf den Moränenpfad herauszukommen. Auf dem Kamm der Moräne, die wirklich hier ungewöhnliche Höhe hat, hatte man in der Finsternis das Gefühl, auf luftigstem Grat zu balancieren. Die häufigen Blitze erleuchteten ge- Georg Hasenkamp. H. Wylemann.

spenstig den Combalsee und die Schuttströme und Wasserläufe der Val de l' Allée Blanche, um nur um so tieferes Dunkel zurückzulassen.

Wir kamen aber glücklich von unserer Moräne herunter, und obwohl der Weg auf Weiden noch mehrmals aussetzte, gelang es, ihn immer wieder zu finden. Während wir dann der Dora entlang talaus marschierten, durchnäßte uns ein strömender Gewitterregen. Um 1/2 10 Uhr wurde die Cantine de la Visaille mobil gemacht und ungeahnte Mengen köstlicher Milch vertilgt. Dann setzten sich die Gehwerkzeuge schon fast mechanisch wieder in Gang, und 11 Uhr 15 Min. war unser Ziel und Quartier, Hôtel du Mont Blanc in Courmayeur, erreicht.

Schnell schäumte noch — der letzte Marsch hatte uns wieder aufnahmefähig gemachteine Flasche Asti zum Beschluß dieses langen, aber auch überreichen und unvergeßlichen Tages 1 ).

Georg Hasenkamp ( Sektion Bern ).

Phot. F. Rohr ( Sektion Bern ).

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