Zwei Julierfahrten

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Von Fritz Schmitt.

Die Berge der Julischen Alpen sind Eigenbrödler. Schwer, ernst, düster wuchten sie über wälderdunklen Tälern. Einsame, öde Hochkare sind in ihre steinschlagfrohen Flanken gebettet; wie breite, massige Altäre stehen sie unter dem Baldachin des Himmels. Ein Hauch Unberührtheit aus vergangener Zeit liegt auf diesen Bergen. Der Fels flammt nicht rotgelb empor wie Dolomitentürme in Sonnenglast und Himmelsblau. Das Gestein ist träge und grau, und über die finsteren, nordwärts gestellten Stirnen der Berge huscht nur dann und wann ein freundliches Leuchten.

Und doch giesst ein blitzblanker Herbsttag in den Juliern eine solche Fülle goldigbunten Erlebens über Berge und Täler, dass man nur Auge und Herz offen zu halten braucht, um reich beschenkt zu werden..

1. Stenar-Nordwestgrat.

Missmutig sassen wir schon einen ganzen, langen Tag im Aljazhaus zur Untätigkeit verdammt. Eintönig trommelte Regen an die Fenster, manchmal wirbelten grosse weisse Flocken durch die Luft. Die Bäume ächzten und kämpften mit dem eisigen Sturm. Die Berge waren hinter grauen Vorhängen versteckt.

Tags darauf litt es uns nicht mehr in der Hütte. Bei knietiefem Schnee und winterlicher Kälte stapften wir zum Kriö hinauf. Da rissen auf einmal die grauen Schleier auseinander, und ein gewaltiger Berg schälte sich aus dem Wolkentreiben. Der Stenar. Auf Bändern und Erkern lag weisser Flaum, nur die lotrechte Nordwand, der mächtige Nordwestgrat waren frei. Sehnsüchtig schauten wir zu den Türmen des unbezwungenen Grates hinauf, auf denen Nebelfahnen im Wind flatterten, und wünschten Sonne und blauen Himmel, Licht und Wärme herbei.

Beim Abstieg sahen wir dann zum erstenmal die gewaltigste Felswand der Ostalpen, die Triglav-Nordwand von der Sovatna. Und wir beugten uns vor der fürchterlichen Grosse dieses Berges.

Am nächsten Morgen standen wir wieder unter den Wänden des Stenar. Der Trotz trieb uns in die Felsen. In einer Schleife von rechts nach links querten wir auf schmalen, schneebedeckten Bändern zur Kante. Dann knüpften wir uns ans Seil und strebten an der steilen Schneide hinauf. Es wurde ein stiller verbissener Kampf. Die steifen Finger krallten sich um die vereisten Wülste. In scharfen Stössen zerrte der Sturm am Leib, trieb dunkle Wolkenballen über die Skralatica herein und peitschte Eisnadeln gegen unsere Gesichter. Über uns trotzte ein Turm mit gelber überhängender Wand. Eine kurze Querung. An engen, schneegefüllten Rissen ging 's schwer zur Spitze des Turmes. Wieder eroberten wir Seillänge um Seillänge bis unter einen schwarzen, senkrechten Abbruch. Ein starres, steinernes Unmöglich! Hunderte von Metern unter uns lag das weisse Kar. In der Nordwand knatterten Steine. Die Gipfelkrone ob uns leuchtete in einem fahlen Sonnenstrahl. Links hinaus führte an der wasserüberronnenen Wand eine Leiste. 5,10,20 m schlich ich mit behutsamen Schritten dahin. Über glitschige, vereiste Platten erreichte ich eine Steilrinne, die uns den Weg zum Grat wieder freigab. Der Fels legte sich zurück, das Toben des Sturmes schwoll. Nachmittags glaubten wir, nahe am Gipfel zu sein. Doch der Ausblick von der Spitze des letzten Turmes brachte uns bittere Enttäuschung. Eine tiefe Kluft trennte uns vom Steinmann, der kaum steinwurfweit von uns stand. Hart erkämpfte Seillängen mussten preisgegeben werden. Zurück, Abseilen! Wie Perpendikel schwankten unsere Körper im Wind über gähnenden Gründen, brodelnden Tiefen. Letzter Pfeiler zum Gipfel, zur Erlösung. Die Finger schmerzten, bluteten. Der scharfe Fels hatte die Haut zerfetzt. Dann standen wir am Steinmann, als Erste über den Nordwestgrat. Ein Händedruck, und sofort sprangen wir über Schnee und Geschröff südwärts hinab. Kläglich schrien hungrige Schafe im verschneiten Kar. Über dem Tal der Vrata wuchtete die weissbestäubte Mauer und wuchs mit jedem Schritt talwärts bis ins Gigantische.

2. Gerade Triglav-Nordwand.

Ein herrlicher Tag blaute herauf. Die Berge hatten Kronen von Sonnengold auf ihren Häuptern. Lauer Wind koste durch das Tal. Lange lagen wir am Lukniapass im kargen Gras und freuten uns über die Schmelzwasser, die dunkle Striemen auf die grauen Felsleiber malten. Wir hörten Steine knattern und dröhnen in der Triglavmauer und sahen Schnee in silbernen Kaskaden von Band zu Band stürzen. In unseren Ohren sang es: Morgen, morgen kommt die Erfüllung, der Kampf mit einem übermächtigen Berg. Im Westen verblutete der sonnenfrohe Tag. In der Dämmerung stiegen wir hinab zur Hütte. Fahl schimmerten die Firnfelder im Mondlicht. In schwarzer Unendlichkeit verlor sich unsre Wand. Misstönig rasselte der Wecker. Das Wetter war gut. Teewasser summte. Eine blaue Flamme züngelte im Dämmerdunkel. In Kletterschuhen schlichen wir das Vratatal aufwärts, sprachen wenig.

Um 6 Uhr früh sassen wir bei dem grossen Firnkegel in der Gipfelfallinie und rüsteten für den harten Gang. Eine Riesenschlucht durchreisst die Wand trichterförmig. Einige hundert Meter über dem Geröll verliert sie sich und bricht mit senkrechter unnahbarer Plattenwand ab. Eine Kyklopenmauer aus gewaltigen Quadern! Fast in einer Geraden führt der direkte Nord-wandweg gegen die grosse Schlucht hinauf und an der markanten Rippe, die sie links begrenzt, zum Gipfel. Die Luft war seltsam warm. Wir durften dem Wetter nicht trauen. Vielleicht ginge es doch ohne Biwak? 1700 m schwerer Fels! Es musste gehenWenn uns aber oben in den weissbestäubten Wandfluchten die Nacht überrascht, mit Sturm und Schnee, was dann? Unser Einsatz war hoch, um so grösser musste auch der Gewinn werden.

Ein Händedruck noch, dann stieg der Gefährte in die Felsen. Marmor-glatte, weisse Plattenwülste. Auf schmaler Leiste querte ich zu einer kleinen Nische. Ein rostiger Mauerhaken! Den Überhang zwingend und an senk- rechtem, schwerem Fels stiegen wir höher zu einem Band und gegen einen langen, gelben Riss. An der rechten Begrenzungswand des Risses weiter-klimmend, erreichten wir einen Pf eilerkopf, über eine schwere, splittrigeWand eine winzige Höhle. Es begann nun ein Quergang, der zu den schwersten und eindruckvollsten Stellen der Wand zählt. Zwanzig Meter links draussen in der lotrechten Mauer klebt ein Erker wie ein Schwalbennest. Fingerbreite Leisten ziehen hinüber. An Griffen gibt der Fels nur das Notwendigste. Die Querung verlangt grosses Können, eiserne Ruhe, sorgfältigste Arbeit. Seillänge um Seillänge versank unter uns. Wir standen am Rand der grossen Schlucht. Von hier wandten wir uns mehr nach links. Irgendwo auf knappem Platz gönnten wir uns eine Viertelstunde Rast, die einzige. Dann stürmten wir wieder weiter. Einmal mühte sich der Freund an einem schrägen überdachten Riss empor. An der schwersten Stelle brach der Fels unter seinem Körper. Pfeifend flogen die Steine an mir vorbei.

3 Uhr nachmittags. Wolkenschiffe segelten durch den Raum. Dunkle Ballen schoben sich über die Karawanken herein, südwärts. Weiter! Beinahe endlos war die Gratrippe, die sich immer steiler aufbäumte. Türme und Pfeiler wie Berge. Alles von gigantischer Grosse. Die Unmasse Fels wuchtete schwer auf dem Gemüt. Die Tiefe wuchs ins Unermessliche. Immer schwerer wurde die Kletterei. Meterlange Eiszapfen schössen an uns vorbei, bis sie irgendwo in tausend Scherben zerspellten.

Schnee lag auf Bändern und Leisten. Sollten wir umkehren und auf die alte Jahn-Zimmerroute hinüberqueren? Jetzt noch geschlagen werden, nein, nur weiter 1 Der Berg verlangte unser Bestes. An überhängender, unheimlich ausgesetzter Kante ging es weiter. Leicht zitternd lagen die offenen Hände auf den spärlichen, flachen Griffen. Das Wetter verschlechterte sich. Unsere Nerven waren aufs äusserste gespannt. Nur jetzt die Ruhe nicht verlieren.

Wir erreichten ein schmales Band, hoch über einer gewaltigen Schlucht. Ein nasser, schwerer Überhang, geneigter, weniger steiler Fels. Um die Gipfelwand tanzten Nebelfrauen ihren wilden Reigen. Der Sturm orgelte in den Felsen. Nur mit grösster Vorsicht konnten wir noch vorwärtskommen. Dichter Nebel hüllte uns ein, jeden Augenblick konnte das Unwetter losbrechen.

Bis über die Knie im Schnee watend rangen wir um jeden Meter. Da griff ich unter der weissen Decke ein gefrorenes Drahtseil. Kugyband!

Wenn der Sturm den Nebel auseinanderjagte, gähnte ein schauerlicher Abgrund neben uns. Ein schneller unbedachter Schritt wäre uns beinahe noch zum Verhängnis geworden.

Dann standen wir auf sicherem Boden. Die Wand war gefallen. Als zweite war uns eine der schwersten, grossartigsten Ostalpenfahrten gelungen.

Wilder Freudenrausch überkam uns. Im Tosen des Sturmes standen wir durch das schwere nasse Seil verbunden und reichten uns die Hände. Mit grossen glänzenden Augen. Heute hatten wir die ganze Welt vergessen, hatten nur für einander gelebt und gekämpft. Auf des anderen Können vertrauend, hatte jeder sein Bestes gegeben.

Der letzte Tropfen wurde aus der Flasche geholt, dann riss ich die zerfetzten Kletterschuhe von den erstarrten Füssen und schleuderte sie über die Wand hinaus. Nun galt es, eine Hütte zu finden. Über Schnee und Geröll stürmten wir weiter.

Der letzte Akt des Schauspiels war grossartig, wie noch nie. Der Nebel zerriss. Durch eine Lücke sahen wir ungezählte Berge, immer kleiner werdend bis in fernste Ferne, im letzten Lichte glühen. Wie flammende Fanale die einen, andere hauchzart wie die Abendröte. In allen Stufungen von Rot leuchteten tausend Berge. Dann schloss sich der Vorhang. Aber irgendwo lohte wieder eine rotglühende Zinne aus den grauen Wogen. Bis die Nacht kam und der Sonne Leuchten löschte.

Auf und ab irrten wir dahin. Zäh verfolgten wir später ein drahtseil-versichertes Steiglein. Der Sturm peitschte uns Eiskristalle ins Gesicht. Hunger wühlte in uns, Müdigkeit war in den Gelenken. Endlich leuchtete freundlich und warm das Licht einer Hütte durch die schwarze Nacht. Ge-borgenAm andern Tag bummelten wir im Nebel hinüber zur Kredarica und auf dem Pragweg ins Vratatal. Noch am Abend wanderten wir talaus nach Moistrana. Wir wollten die tiefen Eindrücke der Triglav-Nordwandfahrt nicht mit anderem Erleben übertünchen.

Unzählige Male schauten wir zu der prächtigen Wand zurück, die nach hartem Kampf unser geworden war. Bis grüner Nadelwald die Sicht versperrte. Still schritten wir hintereinander her. In einer Wiese sah ich in zartem Lila Herbstzeitlosen blühen. Da stahl sich in meine Brust leise Wehmut. Ein tatenfroher Sommer ging nun wieder zu Ende. Unser Ziel war erreicht. Uns gilt aber der Weg alles, denn die Sehnsucht schweigt nie. Rastlos müssen wir wandern, der Weg ist weit ins Land der Träume und führt über viele, viele Berge.

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