Zwei Klettereien im Forno

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Hans Frei zum Gedächtnis.

Mit 3 Bildern..,.......

Von JUrg Weiss.

Verbindungsgrat Punta Rasica—Punta Rasica Ovest1 ).

Dieser Aufstieg ist für uns beide ein Gang der Erinnerungen: Da ist wieder das weite Gletschertal, eingerahmt vom Bogen der südlichen Berge, denen wir entgegen wandern. Der Gletscher verläuft in breiten offenen Kurven wie eine Strasse, gesäumt von Mäuerchen, die in ihrem merkwürdigen Gleichmass künstlich anmuten. In engen Kanälen schiessen Bäche daher, bis ein Loch sie gurgelnd verschluckt. Auf ihrem Grund erscheint das graue, grobkörnige Eis glatt und klar wie blaues Glas. Das letztemal sind wir bei Nacht diesen Weg heimgekommen, nach einem bösen Gewitter. Der Gletscher war ein Sumpf, eine dünne Eiskruste überzog das Wasser. In der Dunkelheit wateten wir stolpernd und fluchend durch die Tümpel und Rinnsale. Und an ein anderes Mal denke ich: damals zogen wir bei Vollmond die silberne Strasse, nach dem gleichen Ziel wie heute...

Vor uns erhebt sich die Firnwand zum Colle Rasica. Hans weiss, wie man ihr recht harmlos beikommt. Wir überschreiten den Bergschrund rechts aussen und queren die flacheren Hänge nach den Bändern zu, die zurück nach links gegen den Sattel leiten. In den Felsen müssen wir auf zwei Wiener warten, die sich ihr Ziel nicht erschleichen wollen und in der Fallinie hinauf hacken.

Um unsere Bequemlichkeit wieder gut zu machen, folgen wir vom Colle an ohne Abweichung dem Grat. Wir entgehen so dem Trümmerhaufen in der Nordflanke und haben dafür einen schönen, von einem Kamin gespaltenen Turm — der sich längst nicht so bösartig anfasst, wie er aussieht — und nachher ein bewegtes Auf und Ab, immer mit dem Blick auf die ala-basterne Gipfelplatte. Sie bleibt ein herrliches Klettergerüst, ein Leckerbissen, dem Feinschmecker bis zum letzten Augenblick vorenthalten, das Musterbeispiel für einen Gipfel, « wie er im Buche steht » — auch wenn sich beim Klettern herausstellt, dass die Schärfe der Schneide durch zwei Scharten künstlich gebrochen ist und dass ihre Bezwingung nicht mehr die halbe Anstrengung von einst verlangt. Dann sind da wieder die zwei grobgehauenen Blöcke, hinter denen es nicht mehr aufwärts geht. Wir folgen ihrer Einladung und nehmen Platz, Rast und Ausschau zu halten.

Es ist aber heute nicht der sonnige und windstille Tag von vor vier Jahren. Über dem Grat ist ein ewiges Kommen und Gehen sich bekämpfender Luftströmungen, das uns bangen lässt um das Schicksal des bisher beharrlich guten Wetters. Und auf einem innern Feld der Auseinandersetzungen ist unser Gleichmut, der sich genügt im erreichten Ziel, ernstlich bedroht: immer wieder blicken wir nach Westen, wo hinter einem zersägten Grat ein neues Ziel lockt: die Punta Rasica Ovest. Schliesslich kommen wir überein, den Übergang zum Westgipfel zu versuchen.

Was der alte Bergeller Führer über die Teilstrecken weiss, ist nicht ermutigend. Um so aufmerksamer suchen wir den Grat ab: der Befund beruhigt uns. Die Gipfelplatte lässt sich an ihrem Fuss umgehen. Der Abstieg in die Scharte wird keine Schwierigkeiten bergen, und das aufsteigende Stück jenseits ist zu zerklüftet, um nicht irgendeinen Durchschlupf zu bieten. Eine Überraschung könnte höchstens von einem der beiden Türme kommen...

Und wirklich: bis eine Seillänge über der tiefsten Scharte zwischen den beiden Gipfeln gelangen wir leicht über plattigen Fels. Hier schlagen wir einen Haken ein, den einzigen dieses Tages, und seilen auf der Nordseite 20 m ab auf ein Band, das uns, schwach ansteigend, zum Grat zurückbringt. Es zeigt sich, dass die Stelle kletterbar gewesen wäre. Rechts neben einem hohen Abbruch arbeiten wir uns nun über einen etwas glatten, überhängenden Wulst 6 m auf eine Platte, die sich sanft zum nächsten Sattel senkt. Der etwa 20 m hohe Turm dahinter stellt wohl die hauptsächlichste Schwierigkeit dar für eine Ost-West-Überschreitung. Die Lösung ist rechts zu suchen. Hat man eine Weile, an guten unteren Griffen sich haltend, den Oberkörper durch den Überhang hinausgedrängt, die Chancen des Weiterweges erwogen, so dürfte sich auch der Mut einstellen, den unteren Halt aufzugeben und nach langsamem Sichausstrecken einen hohen oberen Griff zu ertasten. Jetzt sind den Armen ein paar Klimmzüge zuzumuten, dann lässt sich der Fels leicht zurück und gibt den Weg zur Höhe des Turmes frei. Eine glatt geschliffene geneigte Platte bildet die Oberfläche. Der Abstieg in die nächste Scharte lässt sich gut an. Das folgende Gratstück ist kulissenhaft: das züngelt und windet sich zwischen dem Gletscher im Süden und dem Gletscher im Norden über senkrechten Wänden in messerscharfer Schneide. Aber der Fels ist grobkörnig und fest, man mag sich ihm ruhig anvertrauen. Gegen den Westgipfel zu stuft er sich in der Südwand etwas ab. Das kommt uns zugut, denn der letzte Grataufschwung ist derart, dass wir ihm gerne links ausweichen. Über Bänder und Platten klettern wir zum Grat zurück und verfolgen ihn leicht zum Gipfel. Drei Stunden dauerte der Übergang.

Eine Weile sitzen wir neben dem Steinmann und sehen dem Grat entlang zurück. Fallend, steigend läuft er wie eine chinesische Mauer zwischen der Schweiz und Italien: An seinem Ende entragt ihm, schwertgleich und mit der Spitze in den Himmel gebohrt, der vollkommene Gipfel der Rasica. Wohltuend ist die Symmetrie der beiden Grate links und rechts: mit steilem Aufschwung hebt es an, lädt dann breit aus, mit Zinnen besetzt, ehe es von drei Seiten zusammenströmt und sich in der Spitze herrlich vereint. Ein schimmerndes Wölkchen hängt sich daran, schwimmt und zerfliesst im blauen Licht. Wir sitzen und schauen, in Frieden mit uns und der Welt.

Der Abstieg in den Colle Castello, immer dem Grat entlang, nur einmal durch einen feinen engen Kamin, ist das unbeschwerliche, aber nicht unwürdige Ende dieser wirklich schönen Kletterfahrt, die verdiente, zu den besten und interessantesten im Bereich der Fornohütte gezählt zu werden. Der Colle Die Alpen — 1937 — Les Alpes.25 Castello vermittelt einen mühelosen Abgang auf den Gletscher. Und während wir heimwandern zur Hütte, haben die Gedanken alle Musse, der Kleopatra nachzuhängen. Ihr wird der nächste Tag gelten.

Kleopatranadel ( Ago del Torrone ).

Sie ist in das Dunkel einer unbekannten Vergangenheit getaucht und vom Nebel unbestimmter Gerüchte und Mutmassungen umgeben. Fest steht nur, dass sie 1923 von zwei Walliser Führern mit dem Engländer Finzi erstiegen worden ist. Dem, der es vergessen wollte, kann es der gebleichte Stecken in Erinnerung rufen, der, auf dem Scheitel der Dame aufgerichtet, ihre schlanke Gestalt parodierend wiederholt.

Man kann ihr über die nördliche Firnwand direkt beikommen. Sind die Verhältnisse dafür nicht besonders günstig, so ist der Umweg über den Orientale kürzer. Es ist unser Weg an diesem ersten Augustmorgen. Val Masino und Veltlin ruhen unsichtbar unter einem Wolkenmeer. Es umspült die Klippen der Bergamasker Berge und leitet den Blick bis zur Monte Rosa-Ostwand. Aber wir ahnen: in dieser letzten Durchleuchtung der Atmosphäre bereitet sich der Wetterumschlag vor. Ein Tag bleibt uns, den Rest der Ernte unter Dach zu bringen. Es soll ein gut genützter Tag werden. Der Wind hat gedreht. Er lässt uns nicht zum Erwarmen kommen. Von einer Rast auf dem Orientale ist nicht die Rede. In Eile überschreiten wir den Gipfelgrat und stolpern mit steifen Gliedern in das Schattenloch der Westseite hinab. Um jeden Meter, den wir tiefer kommen, wächst vor, über uns die Nadel in den Himmel. Ehe wir uns ihr zuwenden, lagern wir auf einem windstillen Band der Südseite und halten ein ausgiebiges Mahl.

Der Schlüssel zur Besteigung des 44 m hohen Turms ist nicht der Riss, der an seiner Südostecke eine hohe Platte vom Rumpf spaltet. Ausgangspunkt ist der Überhang an der entgegengesetzten Nordwestecke, die scheinbar unzugänglichste Stelle des Obelisken. Hier, über den herausdrängenden Wulst, gilt es den schmalen Balkon zu gewinnen, der auf den Fornogletscher hinausgebaut ist. Der Bewerber wird einer strengen Prüfung unterzogen: das Schwerste an diesem Turm sind die untersten fünf Meter. Die Erstbesteiger sollen sich mit einer Leiter beholfen haben. Auch wir kommen nicht mit leeren Händen. In unserm Rucksack befinden sich zwei Schlingen, an denen kleine Brettchen baumeln. An zwei Haken aufgehängt, müssen sie uns als künstliche Tritte dienen. Ohne Eile und besonderen Kräfteaufwand, aber in kluger Ausnützung der vorhandenen Ritzen links und rechts, kommt Hans hoch. Das Seil läuft von ihm zu mir durch die Haken, die er über sich eintreibt, und fast eine halbe Stunde habe ich sein volles Gewicht zu halten. Das Hämmern hallt hin am Berg. Kleine Steinchen springen herab aufs Eis, das unter mir zum Fornogletscher abfällt. Unsere Finger sind steif von dieser Schattenwand, und doch dürfen wir keine Handschuhe anziehen. Schliesslich hat sich Hans so nahe an den Balkon heran-gearbeitet, dass er sich hinaufziehen kann. Ehe ich ihm folge, schlage ich alle Haken heraus, die mir erreichbar sind. Um über den Überhang hinaufzukommen, brauche ich dann einen kräftigen Seilzug.

Vom Balkon dringen wir vier Meter der Kante nach hinauf; dann wird im minim gebänderten Fels in die Nordseite gequert. Wir erreichen eine Art Rinne, durch eine Plattenabbruchkante gebildet, die sich senkrecht ca. 25 m hinaufzieht bis an die Kappe der Kleopatra. In der Kante jenseits steckt ein rostiger Haken. Den Fuss darauf gestützt, hält Hans Ausschau. Sensationelle Entdeckung: wenige Meter dahinter unterbricht eine zwei Quadratmeter grosse Plattform die senkrechte Wand. In halber Höhe des Turms vermitteln zwei flach gelegte Platten eine Atempause. Der Orientale ist nun sichtbar geworden, und man erinnert sich, diesen Boden während des Abstiegs gesehen zu haben. Geht es nun etwa doch durch einen der feinen Sprünge auf der Ostseite?

Vorläufig sorgen einige wagrecht gebrochene Plattenkanten für ein leichtes Fortkommen in der Fallirne gegen den First hinauf. Schwerer wird es, als die Abbruchränder von oben nach unten verlaufen. Mit weggestemmtem Körper, die Hände übereinander in die Ritzen verklemmt, laufen wir das kurze senkrechte Stück hinauf. Dann zwingt uns der Gipfelwulst zum Ausweichen. Zu den Rissen in der Ostseite lässt sich nicht queren. Also müssen wir zurück nach Norden. Da ist immer noch die Rinne. In fusstief ein-gelassener Nische fassen wir Stand. Ein kleiner Kamin durchbricht den Überhang über unsern Köpfen. Durch ihn und über einen eingeklemmten Block weg betreten wir die Spitze. Zu unserer Überraschung lässt sich darauf sitzen.

Neben dem gebleichten Stocke verzeichnet eine Flasche die Geschichte der Besteigungen. Zwei Mailänder Partien haben seit Finzi hier herauf gefunden. Auch die Karte eines Engländers liegt bei, ohne Angabe.

An die Zacken geschmiegt kauern wir still und blinzeln in die treibenden Nebel. Sie spielen mit Kamin und Tender der « Lokomotive » nebenan und umbranden auch unsere Klippe. Aber sie stören uns nicht, sind wir doch nicht wegen der Aussicht heraufgekommen. Auch der Wind kann uns nichts anhaben, der die spärliche Sonnenwärme fortträgt, denn die Freude über die gelungene Tat erwärmt uns durch und durch.

Aus seiner Tasche zieht Hans ein Tüchlein hervor und bindet es mit zwei Zipfeln an den knochenhaft verwitterten Stock. Eine neue Schlinge wird um den Zacken gelegt und das 40 m-Seil verknüpft und hinausgeworfen. Zwang uns der Gipfelwulst zu einer Umgehung im Aufstieg: jetzt geht unsre Luftreise unbekümmert über ihn hinab. Zwei Meter sind noch zu klettern, dann ist die Plattform wieder erreicht. Das Abseilen auf der Nordseite ist mehr ein Queren der Wand entlang. Erfreulicher sind die restlichen zwanzig Meter, die man sich über die senkrechte Westseite hinablassen kann.

Wir nehmen den zurückgelassenen Sack, binden das Seil darauf und steigen gemächlich zum Orientale hinan. In unserm Rücken versinkt der Turm, der uns ein paar Stunden in Atem gehalten hat. Der Obelisk bezieht wieder seinen Platz im Schatten des Orientale, als dessen Schmuck und Beiwerk er gedacht ist.

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