Zwei unvergessliche Tage am Winterhorn

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Rolf Bär,

Düstere und graue Nebelschwaden und ein unbarmherziger Wind verhinderten den Blick zum Gipfel. Nur manchmal vermochte einer von uns durch ein Loch im dichten Nebel das gigantische Gipfelgebilde des Winterhorns zu sichten. So plötzlich, wie er aufgetaucht war, verschwand der Berg wieder, sich erneut in einen undurchsichtigen Schleier hüllend.

Es war das zweite Mal, dass wir - eine kleine Gruppe - gegen ihn zu kämpfen hatten.

Was bei günstigem Wetter traumhaft schön 5 ist, kann sich bei schlechten Bedingungen in ein ganz gefährliches Unternehmen verwandeln.Der Berg wollte den Kampf, und wir nahmen die Herausforderung an.

Schon gestern waren wir bei einer Besteigung von einem Schneebrett überrascht worden, und immer noch dröhnte mir das Grollen in den Ohren, mit dem sich dieses plötzlich, begünstigt durch die misslichen Schnee- und Wetterverhältnisse, zu lösen begann. Unfassbar ist das Gefühl, unmöglich fast zu beschreiben, wie der Boden unter den Füssen in Bewegung kam, wie dann plötzlich mit unheimlichem Getöse das ganze Gipfelschneefeld auf uns zuraste, mit so ungeheurer Geschwindigkeit, dass wir keine Gelegenheit mehr fanden, auch nur einen Schritt zu weichen. Gestern hat mir der Berg den Schnee unter den Füssen weggezogen, hat mir das Gleichgewicht geraubt und mich zu Boden geworfen. Heute - und das haben wir uns geschworen - durfte das nicht mehr passieren, durften wir uns nicht noch einmal einer solchen Gefahr aussetzen.

Da es immerhin schon i 8 Uhr war und wir uns seit drei Stunden unterwegs befanden, um die bei der letzten « Expedition » verschütteten Gegenstände zusammenzusuchen, hatten wir uns zu beeilen, denn schon schickte die Sonne ihre letzten Strahlen durch die Nebellöcher, und gespenstisch grinste uns die vor uns liegende Bergkette an. Im letzen fahlen Licht konnten wir das Gelände noch einmal übersehen, dann drängten wir zum Aufbruch.

In Karawanenformation fuhren wir talwärts. Gut gelaunt durch den erfolgreichen Nachmittag, drängte es uns ins Lager zurück, um unsere Freunde wiederzusehen. Doch wir sollten uns getäuscht haben. Denn wie auf Kommando hüllten sich die Berge erneut in dichten Nebel, und wir verloren jegliche Orientierung. Nun galt es sich mit dem Kompass, der Karte und dem Höhenmesser zurechtzufinden. Aber was nützen schon der beste Kompass und die genaueste Karte, wenn kein Orientierungspunkt mehr sichtbar ist? Wegen der Sichtbehinderung überschätzten wir auch unsere Geschwindigkeit, mit der wir talwärts fuh- ren, und bogen zu früh in Richtung « Schlüsselstelle » ab; denn dort, wo wir diese glaubten, fanden wir sie nicht vor. Der Weg, den wir nun einschlugen, sollte nach unserer Meinung ziemlich genau nach Hospental führen.

Da es schon seit längerer Zeit ununterbrochen geschneit hatte, lagen etwa zwei Meter Neuschnee in den Alpen, Neuschnee, der sich noch nicht gesetzt hatte.

Das Gelände, in das wir nichtsahnend hineinfuhren, wurde steiler und steiler. Der Schnee löste sich fortwährend unter den Ski, und man glaubte zu hören, wie er weit unten im weissen Nichts zu Tale stürzte. Es wurde immer unheimlicher. Plötzlich erreichten wir eine Kante, und der eisige Wind riss mit ungeheurer Geschindigkeit für den Bruchteil einer Sekunde ein Loch in den Nebel. Aber dieser Bruchteil genügte vollkommen; denn was wir sahen, liess uns für einen Augenblick erstarren. Fast senkrecht unter uns entdeckten wir die Ortschaft Realp. Wir befanden uns in einem extrem steilen Hang von etwa 50 Grad Neigung, der weiter unten in steile Felswände überging und sich jeden Moment dieser hohen Neuschneemassen entledigen konnte. Der Gedanke, wieder in eine Lawine zu geraten und vielleicht darin den Tod zu finden, liess uns erschauern. Blitzschnell hatten wir uns der Ski entledigt und kämpften uns, bis zu den Hüften im tiefen Schnee versinkend und vom Rucksack ständig nach hinten gezogen, mit dem Tod im Nacken, den gefährlich steilen Abhang hinauf. Heftiger blies uns der immer kälter werdende Wind den Nebel entgegen, so dass wir bald einen wahren Eispanzer im Gesicht hatten und nur mit Mühe die Spuren des Vorgängers erkennen konnten. Unendlich lang kam mir der Kampf nach oben vor, und langsam machten sich bei jedem die Müdigkeit und die nervliche Belastung bemerkbar. Doch endlich, nach hart erkämpften Metern, wurde das Gelände wieder flacher, und wir konnten, schon halb erstarrt vor Kälte, die Ski anschnallen. Nach einigen Metern tauchten plötzlich schwarze Schatten auf, die sich also- gleich als Felsen herausstellten, und unser Hoffnungsbarometer stieg wieder rasch an, da wir hofften, dass dies der untere Rand des Kessels sei, der sich unterhalb der Schlüsselstelle befindet. Doch jeglicher Versuch, diese Felsen zu umgehen, erwies sich als erfolglos. Ganz geschlagen und schon ziemlich entkräftet, wollten wir die Karte studieren, denn nun hatten wir ja endlich einen rettenden Orientierungspunkt gefunden, und den mussten wir um jeden Preis auch auf der Karte ausmachen. Doch nun war es schon so dunkel, dass mein Freund Hansjörg seine Taschenlampe hervornehmen musste. Aber - was ist denn los? Warum brennt sie nicht? Was machst du bloss? Eine Frage nach der andern tauchte vorwurfsvoll und gereizt auf, und mit verärgerter Stimme bemerkte Röbi, einer der Leiter, dass sicher die Kälte der Batterie zugesetzt habe und diese jetzt keinen Strom mehr liefern könne. Wütend über dieses erbärmliche Versagen, schmiss Hansjürg das « Unding » wieder in den Rucksack. Ein letzter verzweifelter Versuch mit Streichhölzern misslang ebenfalls.

Doch den Kampf gaben wir trotzdem nicht auf. Wir entschlossen uns zu biwakieren.

Mit steifen und vor Kälte klammen Fingern lösten wir die Schaufeln vom Rucksack und begannen, je zu zweit, einen Graben auszuheben. Die fast undurchdringliche Dunkelheit erschwerte allerdings diese kraftraubende Arbeit bedenklich, denn jeder Spatenstich, den wir ausführen wollten, musste zuerst mit den Händen abgetastet werden. Manchmal stachen wir auch ins Leere, fielen dann vor Müdigkeit kopfüber ins Loch und hatten heillos Mühe, endlich wieder, zitternd vor Erschöpfung, auf die Beine zu kommen. Nach zweistündigem mühsamem Spaten-kampf konnten wir endlich unser Nachtlager beziehen. Mit sämtlichen in unseren Rucksäcken auffindbaren Kleidungsstücken am Körper verkrochen wir uns, und nun begann die lange, grausame Zeit des Wartens und Frierens.

Um halb io Uhr nachts, nach dem verklungenen Segen, verliess eine Gruppe junger Leute die Kirche von Andermatt. Übermütig und fröhlich zogen sie durch die hellerleuchteten Strassen des Wintersportortes. Doch als sie die Militärbaracke, in er sie logierten, erreichten und ihre vier Freunde, die sie da erwartet hatten, noch nicht vorfanden, ergriff sie eine Panikstimmung und brachte sie ganz ausser sich. Die Leiter aber, durch jahrelange Erfahrung auch solch ungewöhnlichen Situationen gewachsen, behielten die Ruhe und organisierten eine Rettungskolonne.Eine halbe Stunde später schickten sich neun verwegene Männer mit zwei Lawinenhunden an, die vier Vermissten zu suchen. Sieben weitere Männer waren dazu bestimmt, mit den neun ständig in Funkverbindung zu bleiben. Sie hatten für einen allfälligen Nachschub zu sorgen.

Mutig und vorsichtig zugleich stiegen die Männer in den Berg, konnte sich doch bei jeder unvorsichtigen Bewegung der Schnee erneut lösen und ins Tal donnern. Bedrückend waren die Stille und die Sorge um ihre vier verschwundenen Kameraden. Plötzlich schlug Asta, eine der Hündinnen, an und führte damit die Gruppe zu den durch den Wind fast verwehten Spuren der Vermissten. Unermüdlich verfolgte die Neuner-Gruppe, angeführt von den Hunden, die Spuren, die sie unter den Gipfel des Winterhorns führte. Dort rasteten sie eine Weile; doch die Sorge um ihre Freunde trieb sie alsbald weiter. Kameradschaft ist für diese Bergsteiger kein leeres Wort; mutig setzen sie ihre ganze Kraft, ja sogar ihr eigenes Leben ein, wenn es gilt, einem in Not geratenen Kameraden Hilfe zu bringen.

Unendlich langsam schlichen die Minuten dahin, und wir glaubten schon, das Ende der Nacht nicht mehr zu erleben. Morgens um I Uhr zwängten wir uns mit erstarrten Füssen und Armen durch das enge Einstiegsloch ins Freie, um uns ein wenig zu bewegen und umzuschauen, ob nicht vielleicht eine Möglichkeit bestünde, bei einigermassen klarem Sternenhimmel ins Tal zu'9 fahren. Aber der Nebel war stellenweise immer noch sehr dicht, und wir schlotterten so erbärmlich am ganzenKörper, dass wir uns gegenseitig festhalten mussten, um nicht zu stürzen. So krochen wir wieder zitternd in unsere Höhle zurück und begannen trotz der immer bissiger werdenden Kälte zu dösen. Da ich nicht gewillt war, mir einen Fuss oder einen Finger abfrieren zu lassen, hielt ich diese gefährdeten Körperteile ständig in Bewegung. Doch mit der Zeit begann auch mich die Müdigkeit zu übermannen, so dass ich kaum mehr die Kraft für diese rhythmischen Bewegungen fand. Ich weiss nicht mehr, wie lange wir so nebeneinander kauerten, als Röbi plötzlich die schemenhaften Umrisse einer sich bewegenden Gruppe sichtete. Dieser Anblick war nicht einmal ermunternd, denn ich glaubte schon, dass wir an einem der so sehr gefürchteten Anfälle von Bergkoller litten. Wir wollten gerade zum Einstiegsloch stürzen, als uns ein starker Lichtstrahl traf. Geblendet und erschrocken zugleich, verliessen wir, einer nach dem andern, unseren Unterschlupf und wurden sofort von einigen bekannten und unbekannten fröhlichen Stimmen begrüsst. Sogar die edlen Hündinnen leckten mir zum Gruss die Hand; als sie sich jedoch überzeugt hatten, dass es für die Männer ein leichtes war, uns behilflich zu sein, scharrten sie sich eine Vertiefung und rollten sich behaglich darin zusammen. Mit steifen Fingern nahm ich einen mir dargebotenen Becher mit heissem Tee entgegen; doch es blieb nicht mehr als die Hälfte zum Trinken übrig, denn den Rest verschüttete ich vor lauter Zittern. Auch mit einem zweiten ging es nicht viel besser. Aber dieser Tee tat unendlich gut, und es war mir, als hätte ich seit Wochen nichts Warmes mehr zu mir genommen. So fühlte ich mich auch geborgen und gut behütet, als der Rettungsobmann die Rückkehr einleitete. Etwas holprig, mit steifen Beinen und klammen Fingern fuhren wir vier gemeinsam mit unseren Rettern talwärts. Ihnen aber, diesen tapferen Männern, die sich bei Nacht und Nebel nicht gescheut hatten, uns entgegenzueilen, gebührt unser herzlicher Dank.

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