Zwei vergessene Vulkane in Mexiko

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Jean Sesiano, Genf

Der Ixtaccihuatl ( oder Ixta ) und der Matla-cueyetl ( oder Malinche ) sind die zwei « Stiefkinder » der mexikanischen Vulkane.Vergleichen wir den ersteren mit seinem Nachbarn, dem schönen Popocatepetl, einem Berg, der schon bei vor-kolumbianischen Völkern aus religiösen und ökonomischen Motiven ( sein ewiger Schnee stellt ein unerlässliches Wasserreservoir dar ) und bei Cortez aus militärischen Gründen ( der Vulkan lieferte ihm Schwefel im Uberfluss für seinen Kampf gegen die Indianer ) Anerkennung gefunden hatte, so fällt es einem leicht, einzusehen, dass der Ixtaccihuatl dagegen nicht viel zu bieten hat, was von Interesse sein könnte. Seine unendliche abgerundete Kruppe, die ihm - in der Sprache der Azteken - den Namen « Die schlafende Dame » eingetragen hat, erhebt sich in eintönigen Wellenbewegungen zu einem 5286 Meter hohen Plateau. Auf der Nord- und Ostseite sowie auf dem Gipfel befinden sich Schneefelder und ein Gletscher; doch gibt es da keine Spalten, was bedeutet, dass in diesem Gebiet keine nennenswerten Bewegungen zu erwarten sind.

Einfallsreiche Mexikaner haben, vom normalen Weg bald gelangweilt — was durchaus verständlich ist-, mehrere Routen « erfunden », doch unterscheiden sich diese lediglich etwas durch verschiedene Steilheit des Geländes und eine andere Verteilung der Schneefelder, und so haben denn sämtliche Wege zur Ixta in der Tat eines gemeinsam: die Eintönigkeit der Hänge, Vulkangestein und abgerundete Basaltblöcke, letztere als Zeugen des vorgerückten Alters des Vulkans. So sind denn auch keine Zeugnisse eines Ausbruchs in historischer Zeit vorhanden. Im Gegensatz dazu legt der Popocatepetl ( 5452 m ) noch eine gewisse Tätigkeit an den Tag, auch wenn diese nicht gerade überwältigend ist: Eine leichte Rauchwolke krönt ihn ununterbrochen. Seine Besteigung vollzieht sich auf viel direkterem Weg, denn es handelt sich um einen regelmässigen Kegel, der auf einigen seiner Routen sogar interessante Eisstellen bietet.

« Fast » auf der Ixta 19. Dezember 1973: Wir befinden uns auf dem Cortez-Pass ( 3900 mes ging einer erst kürzlich asphaltierten Strasse entlang. Die rechte Abzweigung führt zu einer Unterkunft auf 4200 Meter, über der die ungeheure Masse des Popocatepetl wuchtet, die linke zu einer Fernsehstation auf 4100 Meter und weiter - als Piste aus « Höllen »-Erde - zu einem ebenen Platz, der zum Parken dient ( 4000 m ).

Es ist 8 Uhr morgens. Ich schlage vor, sogleich aufzubrechen und in einer der beiden Hütten an der Normalroute zu nächtigen für den Fall, dass mich die Nacht auf dem Rückweg überrascht.Was die Unterkünfte anbelangt, so ist hervorzuheben, dass es entlang den andern Routen eine Menge gibt. Unterdessen werden meine Frau und meine Tochter auf mich warten, in der Umgebung umhervagabundieren, aber gleichzeitig zur Funkverbindung bereit sein, wie wir es vereinbart haben.

Nun geht es hinauf über grasdurchsetzte Hänge, etwa hundert Meter oberhalb der Baumgrenze, bis zu einer Krete, dem äussersten Ende des langen Grates, der sich gegen den Gipfel hinaufzieht - ein langer Marsch am Schräghang ( Südostseite ), dann durch einen Steilhang zum Gratverlauf. So gelange ich auf die Nordwestseite und folge einer recht gut markierten, angenehmen Wegspur, um dann wieder den Grat zu erreichen, der nun in nördlicher Richtung verläuft zu einem Pass ( etwa 4500 m ) zwischen steilen Böschungen und einem wuchtigen schwarzen Basaltturm. Darauf folgt ein zermürbender Anstieg schräg hangaufwärts an der Ostseite: Der Boden ist sandig und verleiht der ganzen Umgebung eine hellockerfarbene Tönung. Weiteroben zeichnet sich der felsige Grat, wieder in anderer Richtung verlaufend, am noch klaren Himmel ab. Weiter unten nimmt die Steilheit des Hanges ab, und ein paar grüne, vom Schmelzwasser der Gipfelschneefelder gespeiste Flecken breiten sich dort aus. Sogar einige Kühe weiden in aller Musse darauf. Ringsum herrscht Stille.

Abermals überschreite ich die Krete, diesmal Richtung Westseite, mit anschliessendem Abstieg zur schimmernden Aluminiumhütte auf 4700 Meter. Etliche Meter zu ihrer Rechten hat eine alte Unterkunft aus demselben Material den heftigen tropischen Gewitterregen des Sommers nicht standgehalten: Ein klaffender Riss hat ihr von oben bis unten den « Bauch » aufgeschlitzt.

Nun erreiche ich die ersten Schneefelder, und da sie etwas gefroren sind, kommen sie mir um so gelegener, denn auf diese Weise geht es im Steilhang leichter bergan. 150 Meter weiter oben steht die zweite, der ersten ähnliche Hütte, in unmittelbarer Nähe des Grates errichtet. Nun wird zum erstenmal Funkkontakt hergestellt; wir stehen zwar immer noch in Sichtverbindung, obschon uns mehrere Kilometer trennen. Alles ist in Ordnung bei meinen Lieben, wenn man von dem leichten Kopfweh absieht, das sich infolge des schnellen Anstiegs von Meereshöhe bis auf 4000 Meter eingestellt hat.

Nun wird die Route interessanter; der Grat bäumt sich auf und wird felsig, so dass auf dem nun stabilen Untergrund der Anstieg merklich angenehmer ist. Ich gelange auf eine erste Schneekuppe über einem Kraterrest, der sich in der Ostwand öffnet; in seinem Grund ruht ein smaragdener See, der von gelben und dunkelroten Abhängen umsäumt ist. Nun senkt sich der Grat wieder etwas, bevor er in neuem Anlauf sich wieder aufschwingt - und das dürfte dann der Gipfel sein. Hier ist alles mit Hartschnee zugedeckt; zu meiner Linken erheben sich einige nichtswürdige Büsserschnee-Spitzen. Plötzlich dringen Stimmen an mein Ohr, und indem ich den Kopf hebe, sehe ich eine Gruppe Mexikaner, die sich auf dem Abstieg befindet; sie hat eine Traversierung des Vulkans hinter sich, und zwar von dem Pass an der Autostrasse Mexiko City—Puebla ( 3000 m ) aus, im Norden des Berges.

Nochmals nehme ich Funkverbindung auf: Meine Frau meldet, die Sonne sei verschwunden, nachdem Gewitterwolken allmählich die Abhänge der beiden Vulkane eingehüllt hätten. Im Süden haben weisse Schneewolken den Popocatepetl verschlungen, und es macht ganz den Eindruck, als ob die Besteigung überhaupt in Frage gestellt werde: Sturmwolken branden ein paar hundert Meter weiter unten um den Grat.

Ich beeile mich, diesen zermürbenden langen Marsch zu Ende zu bringen, und mache mich wieder auf den Weg. Dabei gelange ich auf einen weiteren Vorgipfel ( 5180 m ), auf den letzten diesmal, und von dort aus ist mir endlich eine genaue Orientierung möglich. Die Schneekuppe weitet sich zu einer von einem absolut flachen Gletscher bedeckten Hochebene aus; weiter hinten folgt eine schwarze Felsmauer, über welcher sich die Hänge, die zum Gipfel führen, erheben; doch wird dieser Wall auf der Westseite durchbrochen, und da verläuft auch die Route. Es ist schon 3 Uhr nachmittags, und noch trennen mich - höchstens — Q Kilometer vom Gipfel. Deshalb wird es ratsamer sein umzukehren, denn ich darf mich hier ganz allein auf dieser Höhe nicht von den Wolken und der Nacht überraschen lassen. Zudem werden mich meine Familienangehörigen voller Ungeduld erwarten und wünschen, dass mein Abstecher zu Ende gehe. Also mache ich kehrt, und hinunter geht 's in gestrecktem Galopp, wobei ich die Mexikaner einhole, denen ich von der zweiten Hütte ( 4850 m ) aus gestikulierend den Weg durch die Felsen klarzumachen versuche, so gut es eben bei dieser beschränkten Sicht möglich ist, denn die Wolken beginnen uns einzuhüllen.

Zum guten Glück wird weiter unten die Abstiegsroute gut ersichtlich, und bei Einbruch der Nacht erreiche ich abends um 8 Uhr meine Familie. Eine auf 3000 Meter am Abhang des Vulkans zwischen Kiefern verbrachte Nacht genügt, um alle Beschwerden, unter denen hauptsächlich meine Tochter gelitten hat, zu beseitigen.

Die Besteigung des Matlalcueyetl Zwei Wochen später befinden wir uns am Fusse des Malinche ( 4463 m ) ' .Um Weihnachten herum hat eine aus Kanada kommende Kaltluft-strömung Mexiko durchquert und Schneefall bis auf 3600 Meter hinunter verursacht, so dass der Vulkan zu ganz ungewöhnlicher Zeit einen Wintermantel umgelegt hat, denn normalerweise ist er nicht mit ewigem Schnee bedeckt

Eine asphaltierte Strasse bringt uns nach Hua-mantla ( 2400 m),etwa 160 Kilometer östlich von'Der aztekische Name Matlalcueyetl wurde nach der Ankunft Cortez durch « Malinche » ersetzt, den Namen der aztekischen Geliebten des spanischen Eroberers.

Mexiko City gelegen. Von dort verläuft eine bedenklich staubige Strasse in Richtung des Vulkans, vorbei an ein oder zwei armseligen Dörfern, deren Häuschen aus getrockneter Erde oder Astwerk gebaut und mit Dächern aus Maisblättern bedeckt sind - das ist alles, was es hier an Architektur zu sehen gibt; doch haben die Bewohner das Glück, über Quellwasser zur Genüge zu verfügen, was hierzulande sehr selten ist. Ein paar Esel, Pferde und Kühe trotten in der Gegend umher, und das Federvieh tummelt sich vor dem Gemäuer. Trotz unseres äusserst bescheidenen Aufzugs müssen wir diesen Menschen mit ihrem armseligen Besitz wie Millionäre erscheinen, und voller Hemmungen machen wir einige Photos.

Dann geht es durch ein Portal - hinein in so etwas wie einen Nationalpark. Die Hütte des Wärters steht verlassen da und scheint überhaupt nicht bewirtschaftet zu sein, was wir allerdings durchaus nicht bedauern, im Gegenteil! Der Weg verzweigt sich, doch bestehe ich hartnäckig darauf, diejenige Abzweigung zu wählen, die zum Vulkan ansteigt, obschon diese schlechter markiert ist als die andern. Auf 3150 Meter machen wir den ersten Halt, mitten im Kiefernwald, der die Abhänge des Berges bis auf 4000 Meter bedeckt, wo der Weiterweg bedenklich wird. Wir rüsten uns aus und beginnen alle miteinander den Anstieg. Steil ist es nicht ( 20-300 ), und der Weg steigt gerade hinauf zum Gipfel.

Bei Einbruch der Nacht schlagen wir das Zelt auf und machen ein Feuer, dessen Wärme uns bei fast o° sehr willkommen ist. Der Höhenmesser zeigt 3900 Meter. Meine sechsjährige Tochter hat fast keinen Appetit und fällt bald in einen unruhigen Schlaf. Um Mitternacht herum dringt Kanonendonner vom Tal herauf und erinnert uns daran, dass heute Silvester ist. Wir unsererseits sind nun im Begriff, das neue Jahr ( 1974 ) mit einer bescheidenen Besteigung einzuleiten.

Zögernde Tagwache um 6.30 Uhr: Wir machen uns für den Aufbruch bereit; doch Frau und Tochter wollen zum Wagen absteigen, da die Höhe ihren Enthusiasmus besiegt hat, während 1 Malinche-Nordwestgrat 2Der Ixtaccihuatl ( 5286 m ), von Südwesten 3Das Gipfelplateau des Ixtaccihuatl 4Beim Abstieg auf der Normalroute des Ixtaccihuatl Photos Jean Sesiano, Genf ich mich dem Gipfel zuwende. Bald komme ich aus der Waldzone hinaus und finde Schneespuren zwischen hohem, gelbem Gras. Einige blaue Blümchen beleben diese tristen Hänge, die sich bis zum Gipfelaufschwung hinziehen. Der Nordwestgrat scheint mir die einfachste Route zu sein, und ich will ihn für den Abstieg aufsparen. Die felsige Nordkrete dürfte wesentlich interessanter sein. Alsobald räumen die Gräser das Feld, um ziemlich stark verwittertem Andesit ( vulkanisches Gestein ) Platz zu machen, wo aber die Schwierigkeit nicht mehr als den I. Grad erreicht, wenngleich der Schnee die Besteigung wiederum erschwert. Unter mir leitet ein überaus steiler Trichter das Geröll talwärts. Die Sonne ist immer noch mit von der Partie, obschon sich ihr Versteckspiel mit den Wolken immer häufiger wiederholt. Die Gipfelpyramide, wo vier Grate zusammenlaufen, verschwindet von Zeit zu Zeit hinter den Wolken. Eine letzte Kletterei bringt mich um g Uhr morgens auf den höchsten Punkt. 70 Kilometer weiter westlich sehe ich die regelmässige Kuppe des Popocatepetl und den unendlichen Kegel der Ixta, während etwa 10 Kilometer im Osten der Vulkan Citlaltepetl, die höchste Erhebung Mexikos, seine 5700 Meter an den Himmel zeichnet. Fast auf den Tag sind es drei Jahre her, seit ich aufseinem Gipfel gestanden bin. Bei diesen wechselhaften Sichtverhältnissen und dem steifen Wind verweile ich nicht länger und steige dem Nordwestgrat entlang ab. Bald wird mir auch klar, woher das Stimmengewirr und das Geknalle herkommen, die vorher bis zum Gipfel hinaufgedrungen sind: Eine Gruppe übermütiger Mexikaner ist im Begriff, den Vulkan zu erklimmen, um diesen ersten Jahrestag würdig zu feiern. Ihre Ausrüstung ist zum mindesten seltsam, um nicht zu sagen, überhaupt nicht vorhanden: Neben schwarzen Strassenschuhen gibt es da nackte Füsse in Sandalen, Ponchos neben Polohemden. Nur in einem stimmen sie alle überein: Die Schnapsflasche fehlt bei keinem, denn sie wird ihr Durchhaltevermögen bis zum Gipfel aufrechterhalten. Einer der fidelen Brüder ist sogar mit einem Gewehr ausgerüstet, aus dem er von Zeit zu Zeit einen Schuss abgibt. Trotz ihrer auf Anhieb wenig einladenden Erscheinung gehen sie auf die Bitte des « Gringo », für die Kamera zu posieren, ein. Und so nimmt man denn als gute Freunde Abschied, wobei sie mich allerdings vorher noch wiederholt um Zigaretten bitten, einen Artikel, den ich nun einmal nicht besitze.

Der Rest des Abstiegs geht reibungslos vonstatten, und kurz vor Mittag treffe ich Frau und Tochter beim Wagen. Dann noch ein letzter Blick hinauf zum Gipfel, der nun -o Ironie des Schick-salsvollständig wolkenfrei ist, ein letzter tiefer Atemzug in dieser von Tannenduft gesättigten Luft - und weiter geht 's hinunter in die lärmige, unter dem Smog begrabene Stadt von Mexiko.

( Übersetzung R. Vögeli )

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