Zwischen Linth und Reuss

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Gross Teufelsstock und Oberälpler

rVon E. Aftinger

Mit 2 Bildern ( 64, 65Stein a. Rh. ) Dum vires annique sinunt, tolerate labores Und wenn das Leben siebenmal siebzig Jahre währte, nie würde ich in Verlegenheit geraten, für den künftigen Sommer neue Wege zu planen. Auch eine bescheidene Phantasie wird die Fülle der Abenteuer niemals erschöpfen, die sie auf wenig oder kaum je begangenen Spuren gesucht. So unerschöpflich ist die Romantik der Alpen.

Eines braucht es, den Sinn für das Abenteuer, das erlebnisdurstende Auge, den berauschenden Drang im Knochen, im Muskel und in der Haut, auszuschreiten, anzupacken und zu betasten. Und nicht zuletzt die Sensibilität des Gehirns, den Schauplatz kommender Taten und Tage schon im Blick durch den Zeiss zu wittern oder im Bild der geographischen Karte.

Nordwand des Crossen Teufelsstockes Wie Klaus und ich von der Claridenhütte her den Gletscher hinaufmarschieren, sind wir uns über den Weg bald einig. Unser erstes Ziel ist die Scharte zwischen dem Grossen und den Kleinen Teufelsstöcken, die über steilen Schnee beinahe ohne Kletterei erreicht wird. Hier werden die Schuhe gewechselt, und ohne ein Wort darüber zu verlieren, geht es, statt in die Kleinen Teufelsstöcke, in die Nordwand des Grossen. Ihr kalter Schatten sticht über uns lotrecht in die wolkenlose Bläue. In der untern Hälfte ist die Arbeit im Fels einfach, weiter oben wird sie bei zunehmender Exponiertheit schärfer. In der Erinnerung verblieb mir ein Kamin mit Stemmarbeit und darauf folgend eine horizontale, etwas kitzlige, weil sehr ausgesetzte Traverse nach Westen. Diese führt in den obersten Teil eines dunkeln Risses, der nach wenigen Metern in eine Scharte mündet. Von hier über die sonnenbeschienene Ostkante zur höhern westlichen Spitze unseres Berges. Übergang zum Ostgipfel und von da mittels eines bequemen Bandes Ein- und Abstieg wiederum in der Nordwand. Bald stehen wir wieder in der Lücke zwischen Gross- und Klein-Teufelsstöcken. Die anschliessende Kletterei an den Grattürmen der letzteren ist des unsicheren Gesteins wegen enttäuschend. Etwas weniger die Felsarbeit am westlichen Gipfelstock selbst. ( Gipfel Nr. 1 der Kleinen Teufelsstöcke. ) Aber auch da ist der Stein meist ausgesprochen schlecht und verdirbt einem die Freude an der grossen landschaftlichen Eigenart dieser Felsburgen.

Aus diesen Gründen ist der Weg durch die Nordwand des Grossen den Routen an den Kleinen Teufelsstöcken vorzuziehen.

Südwestgrat des Oberalpstocks Zuerst eine Korrektur zum Klubführer Urner Alpen, Band 1. Dort wird von einer Westgratroute berichtet. Der Oberalpstock weist einen sehr langen Verbindungsgrat zum Weitenalpstock auf. Dieser Grat, und um den soll Die Alpen - 1914 - Les Alpes17 ZWISCHEN LINTH UND REUSS es hier gehen, steigt von der Oberalplücke fast völlig genau in Nordostrichtung zum Nordgipfel des Oberalpstocks auf. Es handelt sich also um einen ausgesprochenen Südwestgrat des letzteren. Ungefähr im obersten Viertel des ganzen Grates Oberalplücke-Nordgipfel stösst dieser aussergewöhnlich lange Südwestgrat an die Südwand des kurzen, eigentlichen Westgrates ( s. Siegfriedkarte ).

Die hier zu beschreibende Routenführung hat mit der Westgratroute des Urner Klubführers sozusagen nichts zu tun bis zum obigen Verschmel-zungspunkte des Südwestgrates mit dem eigentlichen Westgrat hinauf. Denn, wie schon aus der Skizze des Urner Führers, Band 1, S. 144 der ersten Auflage 1905, hervorgeht, verläuft die Route Schucan-Weber bis zu obigem Punkte hinauf fast ausschliesslich in Couloirs nördlich des Südwestgrates. Das relativ kurze Stück vom obigen Punkte bis zum Nordgipfel ist beiden Routen gemeinsam, aber, weil in der Hauptsache aus unangenehmerem Gestein bestehend, klettertechnisch uninteressant und deshalb nur notwendiges Übel. Dies ganz im Gegensatz zum vorhergehenden Grossteil unseres Gratweges, der, wie wir sehen werden, dem Kletterer Hervorragendes bietet.

Noch zwei Feststellungen: Der Südwestgrat weist ungefähr in seiner tiefsten Senke zwischen Weitenalp- und Oberalpstock eine schmale, scharf eingeschnittene Scharte auf. Diese ist von Süden kaum zu erreichen, da eine hohe, senkrechte Wand sie sperrt. So betraten wir den Grat südwestlich dieses Einschnittes, ungefähr in der Oberalplücke, die von Süden leicht erstiegen werden kann. Erst sehr hoch oben liesse sich die Südwand des Südwestgrates wieder ohne allzu grosse Mühe forcieren, aber damit wäre der grösste und schönste Teil des letzteren umgangen. Wenn man sich mit dieser Abkürzung der Gratkletterei zufrieden geben wollte, so müsste man den ganzen stark zerklüfteten Absturz des Strimgletschers hinaufsteigen oder südlich umgehen und oberhalb desselben über die an dieser Stelle niedrige und etwas gestufte Südwand auf den Südwestgrat gelangen.

Die ganze Überschreitung des Südwestgrates von der Oberalplücke zum Nordgipfel ( mit Übergang zum Hauptgipfel ) ist ein Unternehmen von wahrhaft hochalpinen Zeit- und Längenmassen. Der Grat ist aus herrlichem Protogin gebaut, ein Turm reiht sich an den andern bis hinauf zum Verschmelzungspunkt mit dem eigentlichen Westgrat. Wer diese Türme alle überklettern will ( die Mehrzahl lässt sich überschreiten ), der lässt sich, um einen Vergleich zu gebrauchen, in eine Arbeit ein, die ihn deutlich länger in Atem halten wird als z.B. der Zmuttgrat des Matterhorns.

Morgens 4 Uhr von der Etzlihütte abgehend, erreichten wir über die Krützlipasshöhe und über «'s Grüen Gras » etwa drei Stunden später den Süd-ostabfall unseres Grates. Langes Suchen nach einem geeigneten Einstieg ( wir verloren dabei eine gute Stunde ) brachte uns endlich ungefähr in der Oberalplücke auf die Gratkante.Von hier meist über letztere, einzelne Gendarmen auch in de Nordwand knapp umgehend, gelangten wir zum scharfen Einschnitt in der tiefsten Senke des Grates. Abstieg über die Südseite in den Schartengrund, durch ein Felsenfenster in die Nordwand und von hier auf den östlichen Teil der Gratkante. Die Kletterei über Türme und Schneiden geht in ausgezeichnetem, kompaktem Granit vor sich und ist äusserst abwechslungsreich, zieht sich aber, entsprechend der Länge unseres Grates, wie uns scheinen will, ins Ungemessene. Wir legen kaum Halte ein. Da der Nordgipfel kaum näher rückt, umgehen wir vereinzelte Gendarmen von Scharte zu Scharte. Endlich, es mag bald 2 Uhr nachmittags sein, erreichen wir die Lücke, die den Anschluss unseres Südwestgrates an den eigentlichen Westgrat markiert. Von hier an fällt unser Weg mit der Westgratroute des Klubführers für die Urner Alpen zusammen, hat aber mit dem Übergang an die Südwand des Westgrates ihre Schärfe verloren und wird zur einfachen Wandkletterei. Bald stehen wir auf der Kante des Westgrates, die zum Teil recht unsolid ist. Ein Aufschwung derselben, der von den Erstersteigern nördlich umgangen wurde, wird direkt genommen, und um 15 Uhr, nach siebenstündiger Felsarbeit, ist der Nordgipfel unser. Nach Umgehung einiger Schrunde springen wir südwärts zur Ostwand des Hauptgipfels hinüber, forcieren die senkrechten Partien über ein paar Bänder und Kamine und landen punkt 16 Uhr, zwölf Stunden nach Abgang von der Etzlihütte, auf der höchsten Spitze.

Der Aus- und Rückblick tief nach Westen hinunter auf unsern Grat ergibt seltsame und in dieser Art kaum je gesehene Bilder, die mit einem leisen Glücksgefühl in unser Bergsteigerherz eingehen.

Eines unserer längsten Tagwerke neigt sich seinem Ende zu. Friedlich bummeln wir den Gletscher hinunter. Bald öffnet die gastliche Cavardirashütte der Sektion Winterthur uns die Pforte zur wohlverdienten Ruhe. Jener Ruhe des Bergsteigers, die keiner andern Ruhe gleicht in ihrem göttlichen Sattsein vom Erleben der Tage. Keiner andern als vielleicht der letzten.

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