Alpine Gipfel-Charaktere

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S. Simon ( Sektion Oberland ).

Eine Plauderei mit Skizzen und einem Panorama. Von Wohl jeder Mensch, der zum erstenmal des reinen Glückes genießt, von stolzer Warte aus seine Blicke über das endlos scheinende Gipfelmeer der Alpen schweifen zu lassen, wird überwältigt sein von der unendlichen Mannigfaltigkeit der Formen, die sich in wunderbarer Reinheit aus dem Goldbraundufte des Thales in den lichtblauen Äther empor-bäumen.

Kaum wird er den Versuch wagen, sich in Einzelheiten zu vertiefen und Gesetz und Ordnung in diesem scheinbaren Chaos herauszufühlen.

Er zieht vielleicht ein Panorama hervor, vergleicht die entferntesten Spitzen mit der Natur und freut sich kindlich, wenn er an einem Tage den Montblanc, die Bernina, den Ortler, den Dom zu Mailand und beinahe noch das Straßburger Münster zu sehen vermag.

Und wenn er gar in seinem Panorama weit hinten einige Mängel zu entdecken glaubt, so ist das Maß seines Glückes voll, und in gehobener Stimmung steigt er zu Thale und denkt: „ wo man einen guten schenkt ".

So ergeht es wohl jedem Anfänger, und so ging es auch einst dem Schreiber dieser Zeilen.

Doch mit der Zeit reift die Erfahrung: durch neue Besteigungen lernen wir den Wert alpiner Aussichten im Vorder- und Mittelgrunde suchen, sie unter sich vergleichen, und dann bemerken wir, daß ganz bestimmte Typen in den verschiedenen Panoramen charakteristisch wiederkehren.

Solche Charaktere herauszugreifen und etwas näher zu betrachten, soll der Zweck dieser wenigen Zeilen sein. Der Rahmen des Jahrbuches ist natürlich viel zu knapp bemessen, um eine erschöpfende Behandlung zu gestatten, und es erhebt daher diese kurze Studie nicht Anspruch auf das Prädikat der Vollständigkeit und inneren Abrundung.

Sie will eben nichts weiter sein, als eine zum Denken und Selbst-vergleichen anregende Skizze. Wenn sie für ihren Stoff einiges Interesse zu wecken vermag, so ist ihr bester Zweck erreicht.

Es wäre sehr verlockend, die von unserm genialen Lehrer und Freunde Heim in schwerem Kampfe zum Siege geführte Theorie über die Entstehung der Kettengebirge in kurzen Zügen nochmals zu skizzieren. Es ist aber dieses Thema von Heim selbst in gewohnter Meisterschaft schon so erschöpfend behandelt worden, daß wir die Faltungstheorie als bekannt voraussetzen dürfen. Und darum wird es mir der geneigte Leser nicht verargen, wenn ich direkt zum Stoffe selbst, zur Besprechung einiger Gipfelcharaktere übergehe und dieses den Clubisten speciell ansprechende Thema in einer Form behandle, die dazu dienen mag, sich als aus-bauendes Material den Heim'schen Deduktionen abrundend anzuschmiegen. Im wesentlichen gliedern sich bekanntlich die alpinen Bergformen in drei Haupttypen, und zwar in die Charaktere des Urgebirges, des Kalkgebirges, des Molasse- und Nagelfluhgebirges.

Wir wollen sie successive besprechen und jeweilen ein paar Originale herausgreifen.

1. Gipfelformen des UrgeMrges.

Das Urgebirge besteht im allgemeinen aus durchwegs nahezu gleich-festen Gesteinen; daher ist die Maximalböschung der einzelnen Schichten ( wenn überhaupt Schichtung auftritt ) fast immer dieselbe, somit die Gipfelform bei isolierten Gipfeln eine fast rein pyramidale, bei Ketten eine dachförmige.

Der Bristenstock, das Bietschhorn und das Weißhorn sind schöne Typen pyramidalen Aufbaues; das Finsteraarhorn und die Schreckhornkette Vertreter des Grattypus.

Es sei mir gestattet, im Bilde einige originelle Charakterköpfe wiederzugeben:

Fig. i. Die Sätzenhornkette vom Sätzenhorn ( Wallis ) aus. Ein ungeheures Trümmerfeld liegt vor unseren Augen. Regen- und Schneewasser laugten die leichter löslichen Gesteinsteile heraus, so daß das Alpine ( ripfd-i liaraktere.

ursprünglich kompakte Gestein in lauter Trümmer zerfiel. Da das Gehänge nicht steil genug war, um die losgewitterten Trümmer herunterkollern zu lassen, so blieben diese an Ort und Stelle liegen und bilden nun stundenweite „ Blockmeere ", aus denen brüchige „ Blockgipfel " mühsam hervorragen. Die Größe der einzelnen Trümmer schwankt von jener eines Sandkornes bis zu der eines stattlichen Hauses, und die Begehung solcher Trümmerfelder gehört nicht zu den Annehmlichkeiten des Clu-bistenlebens.

S. Simon.

Ist das Thal steil eingeschnitten, so daß die Trümmer herunterkollern können, so erhalten wir, da die krystallinischen Gesteine meist ganz oder nahezu senkrecht ( fächerförmig ) gestellt sind, oft Gehänge von geradezu grauenerregender Nacktheit und Wildheit.

Fig. 2. Der Gredetschgrat vom Grisighorn aus gesehen ist ein treffliches Beispiel hierfür; er dürfte, obgleich noch zur Not gangbar, selbst einem guten Kletterer nicht gerade verlockend erscheinen. An Einseitigkeit und Monotonie läßt er nichts zu wünschen übrig: er ist gewissermaßen Pedant unter seinesgleichen.

Schneiden sich die Regenrinnsale allmählich tiefer ein, so wird der Gipfelgrat dadurch in einzelne sägezahnartig dem Kamme aufsitzende Gipfel zerlegt, wie z.B. bei In den Aiguille« des Montblanc sind diese Turmbauten in großem Stile entwickelt.

Alpine Gipfel-CharaMere.

Seiner Verwitterungsform nach zählt auch das Bündner Schiefergebirge zum Urgebirgstypus, d.h. zu den pyramidalen Gipfelformen, und es mag Der größeren Weichheit des Gesteines wegen ist hier aber die Maximalböschung durchschnittlich wesentlich geringer als beim Granit und seinen Verwandten, was die Gangbarkeit bedeutend erleichtert.

2. Gipfelformen des Kalkgebirges.

Das Kalkgebirge besteht aus meist gewaltigen Lagern sehr verschieden harter Gesteine. Wetterfeste Kalksteine wechseln mit weichen Mergelschichten ab. Erstere haben enorm steile, letztere ganz flache Böschung, daher ist die Gebirgsform eine terrassierte, staffeiförmige. Leichtgangbare, mit üppiger Vegetation, Schnee oder Schutt bedeckte Bänder wechseln mit nahezu ungangbaren Felsstufen ab und gestalten die Besteigung zu einer meist abwechslungsreichen und interessanten.

Wir brauchen nur die Churfirsten, den Glärnisch, die Säntiskette und die Faulhorngruppe zu nennen, um sofort den Typus klarzulegen.

Oft liegen die Schichten auf weite Strecken fast horizontal, oft sind sie mächtig gefaltet und verbogen. Und wahrhaft verblüffend für jeden Anfänger wirkt die Entdeckung, daß selbst die sprödesten und härtesten S. Simon.

Gesteine bruchlos in ihrem festen Zustande diesen Faltungen sich fügen mußten — allerdings nur im Laufe von Ungeheuern Zeiträumen.

Gerade dieser Faltenwurf ist es eben, der unseren Kalkalpen eine so reiche Individualisierung verleiht. Es möge mir vergönnt sein, einige dieser interessanten Typen herauszugreifen.

Noch weit origineller ist aber Fig. 7, der Hundstein vom Säntis aus, indem hier gerade die Kulmination des Gipfels durch durch die Mulde der Falte gebildet wird: das, Alpine Gipfel-Charaktere.

was architektonisch als Thal gebildet wurde, sägte die Verwitterung als Gipfel heraus — ein richtiger Querkopf!

Ein wahrhaft klassisches Beispiel der Faltenbildung weisen Winteregg und Sägisthalhörner ( Burg ) in der Faulhorngruppe auf, Fig. 8.

Wir haben nur einen flüchtigen Blick auf dieses Bildchen zu werfen, um uns sofort der Ungeheuern Kräfte bewußt zu werden, die hier zur Wirkung gelangten.

Es kann auch der Fall eintreten, daß mächtige Kalkbildungen aus nahezu gleich harten Gesteinen bestehen. Wir erhalten dann den dolomitischen Gipfeltypus. Er weist die verwegensten und imposantesten Formen auf.

Gedenken wir nur der Dolomiten Österreichs, oder gar des Eigers, des Wetterhorns, der Engelhöner und der Wendenstöcke, so ist das ohne weiteres klar.

Wird ein harter Kalkgrat durch die Verwitterung in einzelne Türme zergliedert, dann bilden sich oft die pittoreskesten Formen heraus.

Fig. 9, das Gspaltenhorn von Norden, mag mit seinen isolierten Erkern hierfür als Beispiel dienen.

Auch der vielgenannte Mürtschenstock ist ein sehr schönes Analogon.

Solche Gebiete werden mit Vorliebe von den passionierten Kletterern aufgesucht. Die vielen Unfälle, die aber gerade in neuerer Zeit darin manches bittere Opfer forderten, dürften wohl zu ernster Vorsicht mahnen S. Simon.

und stets daran erinnern, daß schwierige Berge nicht ungestraft mit sich spielen lassen.

Es wäre ein müßiges Beginnen, entscheiden zu wollen, ob dem Kalk-oder dem Urgebirge der Preis zuerkannt werden solle. Jedes ist in seiner Art schön.

Das Weißhorn, der Piz Roseg das Aletschhorn, das Bietschhorn, sind Urgebirgsformen, die in ihrer Art auch gegen den Kalk aufkommen können und sich daneben sehen lassen dürfen. Unstreitig das schönste landschaftliche Bild erhalten wir aber dann, wenn sich beide Typen die Hand reichen, wenn Kalk- und Urgebirge sich dazu vereinen, im Wettstreite ihre schönsten Formen zu offenbaren.

Wir haben nur das Dreigestirn der Alpenwelt: Jungfrau, Mönch und Eiger, zu nennen, um sofort ein alpines Epos anklingen zu lassen, das seinesgleichen in den Alpen nicht wieder findet und, soviel die bisher aus den exotischen Gebirgen zurückgebrachten Photographieen zu beurteilen gestatten, überhaupt auf der Erde nicht mehr aufweist.

An die riesenhafte markige Kalkgestalt des Eigers schmiegt sich in wundersam harmonischer Ruhe der feingegliederte Mönch. Auf kalkiger Basis schwingt dieser seine schneefunkelndes Urgebirgshaupt wie ein Gebilde aus anderen Welten in des tiefdunkeln Himmels Blau. Und daneben entfaltet die Jungfrau, der schönste aller Berge, ihr herrliches Gletscherlabyrinth in wundersamer Vielgestaltigkeit und zeigt uns ver- Alpine Gripfél-Chardktere.

körpert, in welch vollendeter Harmonie sich Kalk- und Urgebirge zu einer unvergleichlichen Gesamtwirkung vereinen können.

Wer je diesen Anblick genießen durfte, der wird ihn nie vergessen, denn es ist das Hohe Lied der Alpenwelt, das da in seiner Seele wiederhallte.

Wohl der beste Standpunkt für das Studium dieser Schatzkammer alpiner Formenstimmung ist das Gummihorn. Auch der Verfasser stand einst als einsamer Kletterer oben. Es war eine kurze, aber etwas kitzliche Kletterei, gegen die der Vordere Mürtschen noch gemütlich genannt werden darf.

Es dürfte daher manchem weniger kletterkundigen Clubgenossen erwünscht sein, zu vernehmen, daß nun dieses Gummihorn für jeden zugänglich gemacht wurde, so daß es vielleicht der lohnendste Aussichtspunkt im Berner Oberlande und damit der Gesamtalpen sein dürfte. Und jedem braven Thalsohlenclubisten wird das Herze höher schlagen, wenn er vernimmt, daß ihn die Schynigenplattebahn in Zukunft bis auf wenige Minuten unter den Gipfel führen wird, so daß selbst Leidenden dieser herrliche Punkt erschlossen ist.

Vom Gipfel des Gummihorns sehen wir ins Gebiet des Brienzer-und Thunersees, also auch in den Bereich des dritten Gipfeltypus:

Jahrtuch des Schweizer Alpenclub. 28. Jahrg.18 Die Zone des Molasse- und Nagelfluhgebiets.

Da aber dieses Gebiet leicht zugänglich, allgemein bekannt und nur von bescheidener Gipfelbildung ist, so bietet es als solches weniger Stoff zu Gipfelstudien.

Es genügt wohl schon, die Namen: Bigi, Speer und Napf zu nennen, um jedem Clubisten liebe alte Bekannte ins Gedächtnis zurückzurufen und lange Erklärungen entbehrlich zu machen.

Jedem wackeren Clubisten möchte ich aber zurufen: „ Glückauf zum Gummihornmöge ihm das beiliegende Panorama ein treuer Begleiter und Berater sein!

Anmerkung. Das diesem Jahrbuch beigegebene Panorama wurde vom Vorgipfel des Gummihorns aus aufgenommen, da damals die Idee, das Gummihorn selbst zugänglich zu machen, noch nicht existierte. Es genügt aber vollständig, um sich auch auf dem Gummihorn danach zu orientieren, und hat zudem noch den Vorteil, daß es das Gummihorn selbst im Bilde zeigt.

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