Aus dem Clubgebiet und seinen Grenzstrichen

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Von B. Reber, Ingenieur ( Sektion Bern ).

Durch die neue Averserstraße, die dieses Jahr fertig wird, ist uns ein Thal von eigenartiger aber bedeutender Schönheit leicht zugänglich gemacht worden, so daß wir mehr als bisher in die abgelegenen Hochthäler des Avnerrheins und seiner Zuflüsse wandern werden, sei es, um die dortigen Gipfel zu besuchen, sei es, um uns der seltenen Flora zu erfreuen, oder sei es, um auf neuen Pfaden nach dem Engadin oder dem Bergell zu gelangen. Das neue Sträßchen, breit ist es ja nicht, führt uns über kühn und hochgeschwungene Brücken an prächtigen Wasserfällen vorbei, durch dunkle Tannenwälder mit herrlichen Ausblicken auf blendende Firn- und Gletscherfelder und auf trotzig emporragende Felsgipfel, durch imposante Schluchten und lachende Wiesengründe in 4 Va bis 5 Stunden von Andeer nach Cresta. Die Glanzpunkte dieser Wanderung sind die Brücke über die ausmündende Valle di Lei und dann die Strecke zwischen Campsut und Cröt, wo der Averserrhein seine grünen Fluten durch weiße, karrenartig ausgewaschene Felsen drängt.

In Cresta ( 1949 m ) finden wir bescheidenes, doch freundliches Quartier bei Lehrer Heinz und in ihm zugleich einen tüchtigen Kenner des Avers. Jetzt wird zudem vorn im Dorf ein Gasthaus neu gebaut, das einigen 20 weitern Gästen Unterkunft bieten wird, und lange wird es nicht gehen, so wird wohl auch hinten im Dorfe noch weiteres Obdach für Sommerfrischler und Touristen erstellt werden, so daß dann Cresta ausgerüstet ist, seine Gäste würdig aufzunehmen. Bleiben wir einige Tage hier und sehen uns ein wenig in dem Thale um.

Dort hinten rechts blickt ganz klein der höchste Gipfel des Tscheisch-horns ( 3014 m ) hervor, dem wir zunächst einen Besuch machen wollen. Der Versuch, diesen Gipfel über den nordöstlichen Grat über Punkt 2790 zu erreichen, gelang 1888 meinen Gehülfen wegen jäh abfallender Fels- wände nicht; besser ging damals der Aufstieg direkt von Osten her neben dem Hasenbühl vorbei auf den Sattel südlich vom Tscheischhorn und von da über den Südgrat zum Gipfel. Auf diesem Wege scheinen auch schon anfangs der 80er Jahre Herr Käser aus Zürich, Salis von Cresta und andere das Horn bestiegen zu haben. Ich selbst wählte am 23. Juli 1894 von Cresta aus den Weg über die Brücke bei Pürt und durch die Pürteralp hinauf, östlich unter der Höhe von 2556 längs der Halde durch auf den Sattel zwischen Kleinhorn und Tscheischhorn, von hier längs dem hartgefrorenen Grat, den wir oft etwas verlassen mußten, dann rechts biegend über ein steiles Schneefeld zu einem kleinen Sattel nordöstlich von der Spitze und über den Grat zu derselben. Es scheint mir dies ziemlich der nämliche Weg zu sein, den, wie ich nachher in der Alpina erfuhr, Herr Dr. Darmstädter am 13. Juni auch befolgt hatte.Von dem Sattel zwischen Klein- und Tscheischhorn weg wurde bei uns viel Hackarbeit notwendig. Der Abstieg machte sich auf ebendemselben Wege bei weichem Schnee etwas leichter. Das Tscheischhorn, am leichtesten auf der Ostseite zugänglich, bietet auf der von uns gewählten Nordseite keine besondern Schwierigkeiten, nur ist der Pickel mitzunehmen und es erfordert 4-5 Stunden Zeit von Cresta weg. Der Abstieg ins Madrisa schien mir nicht schwierig, wenn vielleicht auch hin und wieder längere Umgehungen der sich lang hinziehenden Felsbänder notwendig werden dürften. Die Aussicht ist sehr lohnend; sie umfaßt auch die südlichen Bergeller fast alle in sich und besonders schön präsentiert sich der Hintergrund des Madriserthales mit seinen hübschen Gletschern vom Pizzo Gallegione weg bis zum Blesehorn und dem darüber hervorragenden Pizzo Stella.

Ein lohnender Spaziergang ist derjenige nach Mont Cucalnair. Man steigt über die Höfe „ unter Platten " und „ auf Platten ", wo 2134 m hoch noch 4 bewohnte Häuser sind, hinan zu den Plattnerbergen und erreicht längs der steilen Grashalden der Platten-Alp hinaus den langgezogenen Rücken von Cucalnair ( 2529 m ), woselbst sich ein hübscher Einblick ins schmale und steile Alpenthälchen Starlera und auf die dasselbe umschließenden Gipfel und Gräte eröffnet. Die zu Tage tretenden Gipfelsteine verraten die weißen körnigen Marmorplatten, wie wir sie auch auf dem nahen Weißberg finden und wie sie, speciell hinter Canicül in vorzüglicher Qualität gebrochen, zu Dachplatten dünn aufgespalten, nun dank der neuen Straße thalauswärts in Handel gebracht werden. Wenn früher bei Regengüssen der alte Averserweg verschüttet und die Brücken weggerissen waren, so mußten die Avner über Cucalnair nach der Alp Starlera, um von dort über Bleis nach Canicül zu gelangen.

Über Cucalnair kommt man von Cresta weg leicht zum Starlerapaß, wobei allerdings etwas ins Starlerathal abgestiegen werden muß, und damit hinüber ins vordere Oberhalbstein.

Die Weißberge ob Cresta werden im Itinerarium richtig in den innern, den mittlern und den äußern unterschieden. Sie verdienen ihren Namen alle drei in vollem Maße, indem die weißen Marmorfelsen dem ganzen Berg, hauptsächlich aber den schroff nach Avers und Starlera abgebrochenen Felswänden, eine eigentümlich gelblich weiße Färbung geben, die abends, von den rötlichen Strahlen der sinkenden Sonne beschienen, einen herrlichen Anblick bietet.

Die Besteigung des innern und des mittlern Weißberges ist schon mehrmals ( vom Thäli aus ) gemacht und auch beschrieben worden; unter anderem im Jahrbuch XV, p. 168. Auch der äußere Weißberg wird wohl schon oft, und zwar direkt von Cresta aus, bestiegen worden sein, so auch von meinen Gehülfen und mir mehrere Male. Wir gingen über die Crester-Berge und Alp hinauf, dann durch steile Geröll- und Schneehalden zum Weiß-bergsattel ( 2970 m ) und von dort leicht zum Gipfel. Derselbe bildet einen cirka 200 m langen, von Süd nach Nord leicht ansteigenden ( 3041—3044 m ), oft ziemlich zerrissenen Grat, der aber immerhin leicht gangbar ist und der nach Westen und Norden steil und zerklüftet abfällt. Der äußere Weißberg ist auch vom Thälijoch und von Val Gronda direkt zu ersteigen, wobei allerdings, besonders bei schneefreiem Gletscher, Hackarbeit notwendig werden wird. Die Aussicht von den Weißbergen ist eine weitumfassende, und wer in Avers einige Stunden dazu verwenden kann, wird es nicht bereuen, die im allgemeinen leichte Besteigung eines der Gipfel ausgeführt zu haben.

Am 14. August 1893 bezog ich Quartier im Bregalgahof, wo ich freundliche Aufnahme und duftiges Heuquartier fand, und stieg von dort andern morgens früh bei wolkenlosem Himmel auf gegen den Passo della Duana, dessen erste Höhe, die Bregalgahöhe, schon in zwei Stunden erreicht wurde. Hier machte ich die Beobachtung, daß sich seit der Aufnahme des betreffenden Siegfriedblattes infolge bedeutenden Zurückgehens des Mazzagletschers die Situation erheblich verändert hat, indem der oberste Teil der Val di Roda nun tiefer eingeschnitten, mit mehreren kleinen Seen geschmückt, südlich der Bregalgahöhe vordringt bis zum Querwall, welcher die Val di Roda von der Val Duana trennt, so daß man etwas ab- und dann wieder ansteigen muß, um diesen Querwall — die Rodahöhe — zu erreichen. Von hier ist neuerdings cirka 100 m in die Val Duana abzusteigen, um dann die eigentliche Duanahöhe zu gewinnen, über die man hinüber-schreitend endlich zum Abstieg ins Bergeil gelangt. Ich glaube, die Gesamtheit dieser drei Höhen, also der Übergang vom Bregalga nach dem Bergell, wird am besten mit dem alten Gesamtnamen Passo della Duana oder Duanapaß bezeichnet und die drei einzelnen dabei zu überschreitenden Sättel, wie oben schon gesagt, mit Bregalgahöhe, Rodahöhe und Duanahöhe. Die Überschreitung dieser drei Sättel nimmt eine Stunde Zeit in Anspruch.

Von der Duanahöhe oder schon vorher wandten wir uns links durch die Steintrümmer immer an dem nördlichen Abhänge des Grates vorwärts steigend gegen den Pizzo della Duana. Das von demselben in nordwestlicher Richtung herabkommende Felsband wurde an einer Stelle, etwa 150 m unter dem Gipfel, durch ein Couloir erstiegen, und von dort gelangten wir nach einiger Kletterei, uns möglichst rechts in die Felsen haltend, da der steile Gletscher ganz übereist war, auf den Duanagipfel. Wenn ich mich recht erinnere, haben die Herren Prof. Dr. Schröter, Stebler und Imhof mit einigen Schülern wenige Tage vorher auf demselben oder nahezu auf demselben Weg den Berg ebenfalls bestiegen. Wie ich mich letztes Jahr überzeugen konnte, ist der Aufstieg vom Valle Campo, wie ihn Theobald beschreibt, leichter als derjenige von West und Nordwest. Bei günstigen Schneeverhältnissen dürfte vom Duanathalsee aus der Anstieg nicht allzu schwer sein, wenn es auch gelten wird, steile lange Schnee-und Eishalden zu bezwingen.

Die Aussicht vom Duanagipfel ( 3133 m ) ist eine herrliche und weithin-reichende. Großartig ist der Blick auf die gegenüberliegenden Bergeller-gipfel, deren granitne Felswände sich so recht in. ihrer ganzen Wildheit und Zerrissenheit präsentieren; ferne grüßt über den blauen Silsersee der Ortler und im Westen die Monte Rosa mit weiter rechts den Berner Oberländern. Vom Bregalgahof weg erfordert die Besteigung des Duana 4V2 bis 5 Stunden, von Cresta eine Stunde mehr.

Wir kehrten wieder zurück zur Rodahöhe und wählten den Abstieg durch die Val di Roda; es ist dies ein rauhes Hochthälchen, das voll Steintrümmer steil abfällt zur Alp Sovrana, jedoch mächtig umrahmt ist von den auffallend nackten Felsen des Marcio und der Cima di Cavio. In der Alp Sovrana, 1960 m, fanden wir frisches Heu in Fülle und gastliche Aufnahme und schlugen unser Nachtquartier auf, um andern Morgens früh wieder ein Stück weit durch die Val di Roda anzusteigen bis obenher der Einmündung des Prassignolabaches in den Rodabach. Hier ist eine kleine Hütte, in der Bergamasker Hirten, welche die Val di Roda und Val Prassignola gepachtet, ihren Sommersitz haben. Auf prekärem aber interessantem Steg wird der Rodabach überschritten und durch die in drei scharf ausgeprägte Terrassen eingeteilte Val Prassignola hinangestiegen. Der Weg wird stellenweise rauh; von der ersten zur zweiten Terrasse führt, an die Felsen angelehnt, eine mit viel Mühe und Arbeit ausgeführte steinerne Treppe ( die Scala ) mit einigen hundert Stufen hinan; im obersten Teile zur Paßhöhe ist der Weg ganz verschüttet und äußerst schlecht und schwer aufzufinden, so daß man gerne, oben beim Kreuz angelangt, sich inmitten der kleinen Polster von Eritrichium nanum zur kurzen Rast hinsetzt und sich schon jetzt der herrlichen Sicht nach Süden erfreut.

Es ist geradezu wunderbar, wie es den Leuten von Soglio und Castasegna möglich wird, ihr Vieh hier herüberzubringen, um die ihnen gehörenden Alpen Sovrana, Preda und Blese zu bestoßen, und welche Mühe und Energie es gebraucht, um, wie es fast immer der Fall ist, im Herbst bei tiefgefallenem Neuschnee das Vieh wieder zurückzuholen und die Milchprodukte über die Forcella di Prassignola ( 2720 m ) hinüberzutragen.

Von hier wenden wir uns westlich über meist festanstehende große Gneisschichten hinan zum Pizzo Gallegione. Allmählich beginnt das Chaos und es bleibt uns zuletzt noch ein „ Gufer " aus mächtigen Blöcken zu durchschreiten, das zwar nicht schwierig, doch mühsam und zeitraubend ist. Auffallen muß einem hier, wie die Hänge des Cavio und des Gallegione so völlig jeder Vegetation bar sind, so daß es uns wundert, was wohl die paar Gemsen für Heimlichkeiten treiben mögen, die wir an den unwirtlichen Felsen des Cavio herumklettern sehen. Näher gegen den Gipfel gerückt, halten wir nach rechts, um dann über den nördlichen Grat zur höchsten Spitze ( 3109 m ) zu gelangen. Dieselbe ist gebildet durch einen ziemlich flach von Nord nach Süd gewölbten länglichen Rücken, der nach Süden in kleinen Terrassen über die abgebrochenen Gneisschichten, nach Westen in fast senkrechten Felswänden, nach Osten flacher abfällt. Es ist kein Doppelgipfel, wie die alte Karte angiebt ' ), sondern ein einfacher mächtiger Gipfel, der auch zu oberst mit lose aufeinander liegenden Felsblöcken überdeckt und ganz vegetationslos ist.

Zu unsern Füßen im Westen liegt die ebenfalls rauhe Forcella di Lago oder Passo di Madrisa ( 2647 m ) mit dem südlich davon hinter einer gewaltigen Moräne liegenden tiefblauen Lago dell' Aqua fraggia und wir sehen, daß auch dieser Übergang ein rauher und anstrengender ist.

Wie der Pizzo della Duana, so bietet auch der Gallegione eine wunderherrliche Fernsicht; wir wissen fast nicht, welche die schönere ist von beiden; schön ist ja jede Aussicht auf irgend einem unserer Alpengipfel, nur muß sie mit offenem Auge, mit vollem Verständnis, mit Liebe zu den Geheimnissen und Wundern unserer Hochgebirgswelt entgegengenommen werden! 2800 m tief unter uns liegt Chiavenna mit seinen Rebenlauben; weiter links breitet sich der Comersee aus mit seinen hellblinkenden Dörfern und Villen; es fällt uns schwer, zu entscheiden, ob wir den Blick auf die zierlichen Gletscherformen im Madris und Valle di Lei, oder den auf die Felsengipfel des Bergeil, oder auf den tiefdunkeln Lario oder auf die mächtig aufstrebende Monte Rosa als den schönsten bezeichnen sollen.

Am 27. Juli 1894 bestieg ich den Gallegione zum zweitenmale auf dem nämlichen Wege und fand bei wunderbarer Klarheit der Luft neuerMan benütze nunmehr für diese wie auch die folgenden Angaben die 1894 publizierten, mit dem italienischen Gebiete neu ergänzten Siegfriedblätter 506 und 510.D. Verf.

.j _, ^r.jïail&ùk Aus dem Clubgebiete und seinen Grenzstrichen.lit dings bestätigt, daß dieser Grenzpfeiler der Schweiz es verdient, häufiger besucht zu werden.

Die Ersteigung des Pizzo Gallegione erfordert von der Alp Sovrana aus 3V2 bis 4 Stunden, von Cresta weg 3 Stunden mehr, von Soglio aus 5V2 bis 6 Stunden.

Wir stiegen wieder ab in die Alp Sovrana und wanderten durch das Madriser- oder Averserunterthal auswärts. Dieses Thal hat mit dem Oberthal gemein, daß sich seine Thalsohle nur ganz allmählich erhebt, steigt diese ja doch auf die 10 km. Länge von Cröt bis Sovrana nur 240 m, und ferner, daß es wie jenes nur zuvorderst bewaldet ist. Hingegen hat sich der Thalbach nicht so tief eingeschnitten wie im Oberthal, sondern derselbe schlängelt sich meist ruhig durch den oft breitere und dann auch wieder etwas schmälern Thalgrund. Die Seitenhänge sind steiler und felsiger als im Oberthal und die Gipfel links und rechts treten näher und unmittelbarer heran, so daß das Madrisathal einen ernstem Charakter erhält als das freundliche Gelände Cresta-Juf. Die drei hintersten Alpen gehören, wie schon gesagt, den benachbarten Bergellergemeinden; sie besitzen infolgedessen keinen Wald und müssen sich, um das notwendige Feuerungsmaterial zu bekommen, damit behelfen, daß sie die Alpen-rosen- und Wachholderstauden ( Rod. ferr. und Junip. nana ) zu diesem Zwecke einsammeln. Dadurch werden große Quantitäten dieser leicht brennbaren Pflanzen, die in den Alpen oft zum wuchernden Unkraut werden, Tag für Tag stundenweit zusammengetragen und damit auch die Hänge und Weideplätze gereinigt und der Benützung erhalten.

Im Städtli, 1782 m, und „ bim hohen Haus " sind inmitten schöner Wiesen die letzten ständig bewohnten Häuser; im letztern Ort findet sich Quartier und einfache Bewirtung im hintersten Hause ob dem Thalweg.

Wenn wir in die Valle di Lei wollen, so stehen uns verschiedene Wege offen. Ich wählte einmal denjenigen von Campsut über die gleichnamige Furke hinüber und ein anderes Mal denjenigen von Canicül über la Motta hinein. Von Campsut steigt man im Zickzack längs eines Fußpfades durch die Lärchen- und Arvenwaldungen und über schöne Alpweiden hinan und erreicht nach bk bis IV2 Stunden die Furkehöhe mit 2185 m und von dort in 30 Minuten die steinerne gewölbte Brücke beir Alpe la Palü, wohin uns Spuren eines Pfades hinunterführen. Von Canictil herkommend verlassen wir li* Stunde hinter diesem Dorfe, in der Nähe eines Kalkofens, bevor man zum Bache der kleinen Val del Uors kommt, die Straße und steigen rechts auf ordentlichem Fußpfad durch den Wald hinan, wobei wir die Linnsea borealisin zahlreichen Exemplaren finden, und gelangen an einem marmornen Landesgrenzstein vorbei nach einer Stunde Steigere auf die Terrasse bei der Alphütte la Motta, 1921™, in welcher der darin hausende Bergamasker seine eigenen Ideen von Reinlichkeit und Ordnung verwirklicht, uns aber freundlich eine Tasse Milch und Pugnas ( Schafkäse ) offeriert. Zuerst wieder steigend, dann langsam fallend, gelangen wir in weitern sk Stunden auf ordentlichem Bergwege ebenfalls zur schon genannten Brücke über den Reno di Lei ( 1811 m ) beir Alpe da Palü. Diese Brücke ist demnach von Canicül wie von Campsut je in cirka 2 Stunden zu erreichen.

Doch hier ist nicht besonders gut sein, ebenso nicht in den stark auch mit Frauen und Kindern bevölkerten Hütten von il Scengio, wenigstens nach gewissen eifrigen Studien zu schließen, die eine der Frauen auf dem buschigen Kopfe eines schmierigen Jungen, den sie fest zwischen den Knieen gefangen hielt, mit löblichem Eifer anstellte. Lieber gehen wir noch cirka 3 km. weiter hinein nach Santa Anna, wo wir bei dem riesigen Älpler obenher der Kapelle freundliche Aufnahme, reinliches Quartier, auch guten Clevner Wein, Brot u. s. w. erhalten und wo wir fast eine Woche bleiben. Die Valle di Lei ist ein hübsches und gewiß sehr besuchenswertes Thal, ein Seitenstück zum Madriserthal, nur weiter und auf der Westseite weniger steil, dafür aber höher eingeschlossen. Der vorderste Teil ist eine fast unzugängliche Schlucht, durch die sich der Leibach zum Averserrhein den Weg gebahnt hat. Es ist 16 km. lang bis zum Passo di Lei ( 2659 m ). Der mittlere Teil in einer Länge von 7 km. bildet eine fast horizontale, freundliche und oft ziemlich breite Thalsohle, in der sich Gruppe um Gruppe der zahlreichen Alphutten in durchschnittlicher Höhe von 1700—1900 m abwechselnd folgen. Die Alpen dieses Thales gehören sämtlich Privaten aus Chiavenna und den diesem zunächstliegenden Dörfern und sind im Sommer stark bevölkert, so daß in der Pfarrwohnung der Kapelle von Santa Anna während dieser Zeit ein Geistlicher seinen Wohnsitz aufschlägt und dort die regelmäßigen gottesdienstlichen Funktionen ausübt. Der beste Zugang von italienischer Seite her ist derjenige von Campodolcino über den Angelogapaß, 2360 m hoch, steiler und länger ist derjenige über Passo di Lei, welcher uns sowohl von Villa di Chiavenna — Castasegna — als auch von Chiavenna selbst herüberführt. Zwei weitere Päße, der Passo di Groppera ( 2673 m ) und der Passo di Sterla ( 2897 m ), führen uns in kurzer Zeit nach Madesimo und an die Splügenstraße.

Der Geistliche in Santa Anna hatte Besuch von zwei Kollegen, die sich eifrig mit dem Vogelfange beschäftigten. Unweit der Kapelle fand ich auf vorragenden Steinen in einem kleinen Umkreise nicht weniger als 60 Stück aus Steinplatten geschickt errichtete Vogelfallen aufgestellt, als Lockspeise darauf Reiskörner hingelegt, und stets einen der frommen Jäger auf der Wache, ob nicht eine arme Beute zu erwischen sei. Nun konnte ich mir erklären, warum die lustigen Bewohner der Lüfte dort " wie ausgestorben sind.

Aus dem Clubgebiete und seinen Grenzstrichen.

Nach einer Federzeichnung von B. Reber.

Die Perle des Thales ist die stets sichtbare, vom breit und tief herabhängenden Gletscher umgürtete Pyramide des Pizzo Stella ( 3162 m ), deren blendendweiße Schnee- und Firndecke und reine schön geschwungene Konturen uns die ganze Bergesgestalt zu einer unvergeßlichen machen. Wenn auch nicht 3400 m hoch, wie die alten Karten unbegreiflicherweise meldeten, so lohnt er dennoch einen Besuch des Thales und bildet ein wunderhübsches Motiv für einen Landschaftsmaler. Seine Besteigung, die von Madesimo aus öfters gemacht wird, wird sich längs dem nordöstlichen Grate und Gletscherrand über Punkt 2749 stets am leichtesten gestalten. Sonntags, den 5. August 1894, nach ziemlichem Schneefall in den letzten Tagen, versprach der Tag gut zu werden und wir machten uns früh von Santa Anna aus auf gegen den Piz della Palü ( 3182 m ). Wir stiegen cirka 1 Stunde lang direkt hinauf, überschritten dann den Erebellabach und wandten uns über die weiten Grasterrassen, auf denen zwei Bergamaskerschafherden weideten, unter dem Piz Timun durch unserm Ziele zu. Ein schiefansteigendes Felsenband verfolgend, gelangten wir auf den Rücken, der östlich von der Spitze auf der Karte unter den Worten „ della Palü " angedeutet ist, und diesem Rücken entlang über ein zuletzt bis 50 cm hoch mit weichem Neuschnee bedecktes Trümmerfeld mühsam zur Spitze. Wir brauchten volle 5 Stunden unausgesetzten Marschierens von Santa Anna bis zur Spitze. In der Höhe von 2500-2700 m, wo der Schnee begann, blühte überall die seltene Armeria alpina und weiter oben auf den aus dem Schnee hervorragenden Teilen der Gneisblöcke schnellten sich bei unserm Nahen zahllose 2-3 cm lange, silbergraue Jahrtuch de Schweizer Alpenclub. 30. Jahrg.8 Springkrebse mit Hülfe ihres gabelförmigen Schwanzes hoch und rasch auf die Seite.

Der Gipfel des Piz della Palli ist ähnlich demjenigen des Gallegione ein länglich gewölbter Rücken, meist mit Schnee bedeckt; westlich fällt der Emetgletscher steil und zerspalten ab, nördlich ein kleineres Gletscherchen. Der Grat gegen den benachbarten Piz Timun ( 3201 m ) ist ungemein zerklüftet und zerrissen und dürfte nicht gangbar sein; wohl aber wird es nicht allzu schwer halten, den trotzigen Felsengipfel des Timun von der Mulde südlich vom Palü aus längs einer schief ansteigenden Felsterrasse zu besteigen. Auf dem Palü ist die Aussicht auch wieder eine großartige; besonders interessieren uns die jenseits der Val d' Emet wild und schroff ansteigenden Wände des östlichen Teiles der Surettahörner; sie bilden einen langen Grat, an welchem schwer der höchste Punkt herauszufinden ist, so daß ich, um denselben sicher bestimmen zu können, mehrere Zacken des Grates trigonometrisch festlegen mußte * ).

Die Val d' Emet, ein hochgelegenes Alpenthälchen, liegt offen zu unsern Füßen und zeigt uns den leichten Übergang über den Passo d' Emet ( 2280 m ) nach Madesimo. Eine lohnende Tour dürfte sein von Canicül durch Val d' Emet hinein, dann rechts zum Passo di Suretta und über den italienischen Surettagletscher auf eines oder mehrere der Surettahörner und dann hinab zum Splügenpasse.

Wir stiegen vom Piz della Palü auf gleichem Wege wieder ab bis auf die vorliegende Alpenterrasse und dann ab zur Alp Palü, von welcher aus, wie auch schon von der Alpe del Crot, man den Berg auch besteigen kann, dies aber von hier aus nur dann thun wird, wenn man von Canicül oder von Campsut kommend die Besteigung direkt, ohne Station in der Valle di Lei, ausführen will.

Wir kehren .nach Cresta zurück und gehen durchs Oberthal hinein gegen Juf2 ), gewöhnlich ak Stunden Wegs. Hier fällt uns unter anderm an den Häusern auf, daß außenher Bregalga die innere, südöstliche Wand der sonst hölzernen Häuser ganz oder wenigstens teilweise in Mauerwerk aufgeführt ist, während dies innenher Bregalga die äußere, nordwestliche Façade betrifft. Auf unser Fragen nach dem Grunde dazu sagte man uns, es sei dies zum größeren Schutz gegen den Föhn, der, meist durchs Bregalgathal kommend, sich im Hauptthale in einen nach Cresta und einen nach Juf hinziehenden Windstrom trenne.

Wir machen noch einen Angriff auf den Pizzo della Forcellina ( 3023 m ), den ich im August 1894 dreimal besteigen mußte, bevor meine Beobachtungen beendigt waren. Gewöhnlich schlugen wir von Juf weg den Weg ein über die Forcellina und von hier über den Gletscher rechts biegend zur Spitze. Das Gletscherseelein hinter den Felszacken, längs Val Lunga, das Herr Pfarrer Careng sah, existiert noch und liegt in einer runden Vertiefung, wie sich solche infolge Einstürzen im zerspaltenen Firn und Einwirkung von Wind hin und wieder im Firngebiet bilden. Ebenso leicht gelangt man zum Pizzo della Forcellina durch den Hintergrund der Juferalp, zum Sattel ( 2816 m ), und von hier über den westlichen Grat zur Spitze.Vom gleichen Sattel aus ist sowohl Piz Maedero als auch Piz Piott ebenfalls unschwer zu erreichen.

Den Namen Pizzo della Forcellina habe ich schon 1888 bei Signalisierung des Gipfels angenommen und es hat ihn auch Herr Imhof selbständig im Itinerarium so aufgestellt, so daß derselbe wohl so in die Karten übergehen wird.

Alle diese Gipfel bieten hübsche Sichten und lohnende leichte Touren und jeder hat seine individuelle Schönheit, so auch das Wängahorn, die Mazzerspitze und die Montagnas dils Laiets ( Seeberge ). Die Besteigung der Mazzerspitze ( 3161 m ) bietet eine schwierige Kletterpartie, oben, nahe unter der Spitze bei dem kleinen Sattel, den man erreicht, bevor man von den Flühseen über den südöstlichen Grat herkommend den letzten Kegel in Angriff nimmt.

Zum Schlüsse noch ein paar kurze Notizen über einige Punkte des Oberhalbsteins.

Die Spitzen der Montagnas dils Laiets dürften einzeln genommen von Osten her nicht unschwer zu ersteigen sein; der Grat, der dieselben verbindet, ist hingegen stellenweise furchtbar zerrissen und in steter Auflösung begriffen, so daß er schwer der ganzen Länge nach gangbar sein wird. Ich bestieg den nördlichsten dieser Gipfel, 2799 m, dessen höchste Erhebung durch einen förmlich in die Val Faller hinaushängenden Felskopf gebildet wird, der, oben schon durch Spalten im Gestein zum Teil losgetrennt, in nicht zu langer Zeit in die Val Bercla hinunterrollen wird. Die Abstürze der Montagnas dils Laiets gegen letzteres Thal sind durchwegs von äußerster Steilheit und die großen Schutt- und Trümmerhaufen unten am Fuße derselben geben Zeugnis ihrer nie ruhenden Verwitterung.

Der Piz Brascheng ( 2914 m ), welcher uns schon von der Lenzerheide und zuvorderst im Oberhalbstein stets als kühn vorspringender Felszahn in die Augen fällt, wird von Stalla und von der Julierhöhe weg südlich und östlich umgangen und dann von der Nordostseite her in strenger Kletterei gewonnen, bietet auf seiner Spitze sehr wenig Raum — den das Steinsignal fast ganz ausfüllt — dafür aber infolge seiner vorstehenden Position hübsche und detaillierte Thalsichten.

Betreffend den Piz d' Agnelli ( 3206 m ), den ich seit 1883 viermal erstieg, führe ich an, daß ich nur einmal von der Westseite zu ihm anstieg, alle andern Male den kurzem, auch von Herrn Imhof erwähnten Weg durch die Val d' Agnelli einschlug, von deren Hintergrund aus durch die Südwand ohne außerordentliche Schwierigkeiten bis zunächst unter den Gipfel gelangte, dann links auf den Südwestgrat zusteuerte und über denselben die nahe Spitze erreichte. Es ist dies weitaus der kürzeste Weg. Bei einem Abstieg gegen Flix orientiere man sich genau, sonst kann man in ganz unangenehme Kletterverhältnisse sich versetzt sehen, wie es Schreiber dies zweimal im dichten Nebel dort ergangen ist.

Es sei mir noch gestattet, für die von Herrn Imhof im Itinerar, pag. 127, erwähnte, vom Piz Lagrev gegen die Julierpaßhöhe vorgeschobene Spitze ( 2963 m ) auch einen Namensvorschlag einzubringen. Die Spitze imponiert so sehr vom Julier aus, daß Herr Imhof mit Recht vorschlägt, sie zu taufen, und den Namen Piz della Veduta in Vorschlag bringt. Da mir der Ausdruck Veduta etwas zu allgemein zu sein scheint, möchte ich den Namen Piz délias Colonnas vorziehen in Beziehung auf die zu seinen Füßen stehenden ehrwürdigen Juliersäulen.

II.

Freie Fahrten.

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