Bergsteigen und Turnen

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Pfr. II. Baumgartner ( Section Oberland ).

Von Motto: Das Eine thun und das Andere nicht lassen. Es war um die Mitte Juli letzten Jahres, als sich überallhin die Schreckensnachricht verbreitete, sechs junge Schweizer seien bei einem Versuch, die Jungfrau ohne Führer vom Roththal aus zu ersteigen, verunglückt und nach langem Suchen endlich zerschmettert am Fuße der aus dem Jungfraufirn zum Jungfraugipfel aufsteigenden Felsen gefunden worden. Klar, daß diese traurige Katastrophe zu den mannigfaltigsten Fragen und Erörterungen Anlaß gab, darunter auch zu der Frage, wie sich eigentlich Turnen und Bergsteigen zu einander verhalten und ob und inwiefern ein hoher Grad von Ausbildung in Ersterem sofort auch zu den schwierigsten Unternehmungen in Letzterem berechtige. Waren ja doch bis auf Einen oder Zwei sämmtliche Verunglückte turnerisch geschulte Leute, und zwei, Ziegler und Bär, namentlich Ziegler, Turner erster Qualität, so daß unleugbar das Bewußtsein turnerischer Kraft und Behendigkeit zu der Unternehmung, die so tragisch enden sollte, mitgewirkt hatte. Da ist es sicher am Ort, daß die Frage über das Verhältniß von Turnen und Bergsteigen auch auf dem Forum des S.A.C. und der Oeffentlichkeit überhaupt erörtert werde, und zwar von einem Manne, der im Bergsteigen wie im Turnen auf langjährige praktische und theoretische Erfahrung Anspruch machen darf. Vor allen weiteren Untersuchungen sei indeß bemerkt: Unter Turnen verstehen wir in vorliegender Arbeit natürlich nicht Dasjenige, was von schwachen Anfängern im Militär-, Schul- und im Mädchenturnen geleistet wird, sondern jene Leibesübungen, deren prächtige Resultate jeweilen in den fünf Hauptabtheilungen ( Allgemeine Ordnungs- und Freiübungen, Sec-tionsturnen und Kunst-, National- und Special-Einzel-turnen ) unserer kantonalen und eidgenössischen Turnfeste zur Darstellung gelangen. Und unter Bergsteigen verstehen wir dementsprechend nicht blos das Ueberschreiten solcher Pässe und Berge, zu denen breite Landstraßen und gebahnte Wege führen, sondern jene Virtuosität in der Besiegung wegeloser, schwieriger Uebergänge und Gipfel, als deren fortgeschrittenste Repräsentanten die Gletscher- und Hochgebirgsführer dastehen. Hierauf gestützt geben wir in unserer Untersuchung die Beantwortung zweier Hauptfragen:

I. Welches sind die Aehnlichkeiten und Verschiedenheiten zwischen Turnen und Bergsteigen?

I. Wie hat sich demnach das Verhältniß beider zu einander zu gestalten?

I. Welches sind die Aehnlichkeiten und Verschiedenheiten zwischen Tarnen und Bergsteigen} aj Aehnlichkeiten:

1. Beide, Bergsteigen und Turnen, gehören zu jenen, mit großen physischen Anstrengungen und Mühen verbundenen Uebungen, welche wie Schwimmen, Rudern, Fechten, Reiten .im Gegensatz zu unserer verweichlichten und verweichlichenden Cultur in unserer Zeit je länger je mehr in Aufnahme kommen. Ja, was die Zahl der sich Betheiligenden anbetrifft, so stehen beide in erstem Range. Man braucht nur an die sich von Jahr zu Jahr vergrößernde Zahl von Touristen, wie an die riesige Zunahme der Turnvereine und Turnverbände in der letzten Zeit zu denken.

2. Beide, Bergsteigen und Turnen, stellen eben um der damit verbundenen Mühen und Anstrengungen willen an ihre Leute von vornherein gewisse unentbehrliche und sich in der Hauptsache deckende Anforderungen. Diese sind: normaler Körperbau und Freiheit von den organischen Fehlern der sog. Brüche, Herz- und Lungenfehler, und der hochgradigen, mit Brille nicht zu corrigirenden Kurzsichtigkeit. Wem auch nur das ein oder andere dieser Gebrechen anhaftet, der kann weder ein tüchtiger Bergsteiger, noch ein flotter Turner werden.

3. Beide, Bergsteigen und Turnen, haben ferner große Verwandtschaft in den Ergebnissen und Früchten ihres Betriebes. Beide nämlich fördern durch die mit ihnen verbundenen Mühen und Anstrengungen zunächst die körperliche Kraft, Gewandtheit und Ge- sundheit, weiter regen sie auch in hohem Grade zum Nachdenken und Ueberlegen an und stärken dadurch den Intellekt, und was das moralische Gebiet betrifft, so mehren sie beide Muth, aktiven und passiven, Entschlossenheit, Selbstbeherrschung, Geistesgegenwart, pflanzen edle Freundschaft und patriotische Gesinnung, steuern der Hypochondrie und dem Pessimismus und bewahren vielfach vor niedriger Sinnlichkeit und blasirter und blasirender Genußsucht.

4. Beide, Bergsteigen und Turnen, bereiten ihren Anhängern nicht nur Mühen und Anstrengungen, sondern auch bald größere, bald kleinere Gefahren, deren Realität alljährlich durch die große Menge von geringeren oder schwereren Unglücksfällen, in den Bergen wie auf den Turnplätzen, genugsam bewiesen wird. Und auch, wo keine directe Verletzung stattfindet, liegt doch bei beiden die Gefahr einer nicht momentan, aber in den späteren Folgen höchst schädlichen Ueberanstrengung sehr nahe.

5. Beide, Bergsteigen und Turnen, sind eben deßhalb verpflichtet, diese Gefahren möglichst zu vermeiden, und beide haben, um dieser Verpflichtung gerecht zu werden, das gleiche Hülfsmittel: eine methodisch vom Leichtern zum Schwerern aufsteigende und alle einschlagenden Verhältnisse kennende und sorgfältig berücksichtigende Betriebsweise.

6. Beide, Bergsteigen und Turnen, bringen ihren Virtuosen außer dem in Nr. 3 genannten Gewinn noch die staunende Anerkennung und Bewunderung der großen Menge ein.

7. Und eben deßhalb werden beide, Bergsteigen und Turnen, in unserer nervösen und zum Streber-ihum so sehr disponirten Zeit sehr leicht zum bloßen Sport, in welchem Falle der reelle Werth beider in eben demselben Maßstab abnimmt, wie beider Gefährlichkeit zunimmt.

bj Verschiedenheiten:

1. Verschieden sind beide, Bergsteigen und Turnen,schon hinsichtlich des Objektes, des Gegenstandes, an welchem sie ihre Uebungen vornehmen. Beim Bergsteigen ist dieses Uebungsobjekt die gesammte Berg- und Alpenwelt, von den niedrigsten Hügeln bis zu den höchsten Zinnen des Hochgebirgs; beim Turnen wird geübt im sog. Kunstturnen an den Gerathen: Heck, Barren, Pferd ( Bock ), Springel ( Sturmbrett ), Klettergerüst u. s. w., im sogen. Nationalturnen an schweren Gewichten oder im Schwingen und Ringen .an einem sich möglichst zur Wehr setzenden Gegner. Klar, daß in dieser Hinsicht das Bergsteigen weit über dem Turnen steht. Der best eingerichtete Turnplatz oder Turnsaal ist ein Nichts gegen die Herrlichkeit der im Strahlenlicht der Morgen- oder Abendsonne glänzenden Gebirgswelt!

2. Verschieden sind beide nicht minder hinsichtlich der Uebungen, die sie betreiben. Beim Bergsteigen besteht dieser Uebungsstoff hauptsächlich im sehen auf- und abwärts, im Klettern an Felsen, im Springen in die Weite oder Tiefe, weit seltener im Heben, Tragen oder Unterstützen größerer Lasten. Beim Turnen dagegen besteht der Uebungsstoff aus jenen geradezu zahllosen leichten, mittelschweren und ganz schwierigen Uebungen, die an der verhältniß- 28 mäßig so kleinen Zahl von Gerathen vorgenommen werden können und deren Nennung und Gliederung-recht eigentlich einen Zweig moderner Fachwissen-schaft bildet. Und es ist darum hierin das Turnen dem Bergsteigen ebenso überlegen, wie es von jenen* in Bezug auf das Uebungsobjekt geschlagen wird.

3. Verschieden sind beide weiter hinsichtlich der Uebungs-Gelegenheit. Bergsteigen kann man halt nur in den Bergen. Zum Turnen dagegen bedarf es durchaus nicht immer, wie man oft kurzsichtig unter Turnern und Nichtturnern meint, eines Turn-Platzes oder -Saales mit so und so viel Gerathen; turnen kann man in jedem Zimmer, auf jedem Fleck Erde mit Stühlen, Hanteln, Eisen- oder Holzstäben, Brust weitern oder -stärkern ( s. untenja für das weite-Gebiet der sog. Freiübungen bedarf es nicht einmal dieser primitiven Geräthe, sondern blos weniger Quadratmeter freien Raumes, und sie können von den leichtesten bis zu den schwierigsten Bein-, Rumpf-y Sprung- und Armübungen vorgenommen werden. Auch in dieser Hinsicht ist also das Turnen dem Bergsteigen weit „ über ".

4. Weit „ über " ist dagegen das Bergsteigen in dem, was wir die Uebungs-Dauer nennen möchten. 1-11/a Stunden energisches Turnen per Tag ist genügend; was darüber geht, ist vom Uebel und führt zur Ueberanstrengung, was am besten aus der nach 1-11/« -ständiger Arbeit auch den geübten Turner ergreifenden Müdigkeit erhellt. Die Anstrengungen des Bergsteigens dagegen können von den darin Geübten gleichen Tages ohne Nachtheil 12-15 Stunden ausgehalten und wochenlang ohne schlimme Nachwehen täglich 8-10 Stunden fortgesetzt werden.

5. Damit berührt sich eine andere Verschiedenheit. Die hohen Ansprüche, welche das virtuose Turnen nicht nur an die Kraft und Ausdauer, sondern auch an die Gelenkigkeit des Leibes stellt, bringen es mit sich, daß der Turner sich in der Regel höchstens bis zum 30. Jahre auf der Höhe seiner Leistungsfähigkeit behaupten kann und daß von da an eine ziemlich rasche Abnahme stattfindet, so daß der 40-45-jährige Mann auch bei eifriger Weiterarbeit als Turner, wenigstens als Gerätheturner, kaum mehr die Hälfte dessen ist, was er 10-15 Jahre früher gewesen. Weit günstiger steht hierin das Bergsteigen da. Wir haben ja unter Führern und Herren viele, die mit 40, 50, ja 60 Jahren noch fast so tüchtig sind, wie mit 20-30 Jahren. Und es ist eben deßhalb großentheils erklärlich, weßhalb das Turnen bei uns vorzugsweise, fast ausschließlich von der Jungmannschaft gepflegt wird, während die Hauptmasse unserer Bergsteiger in den mittleren Jahren von 30-50 steht.

6. Und die Erfolge oder Früchte von Beidem? Auch da stoßen wir auf sehr große Differenzen. Sie sind folgende:

a ) Kein Zweifel zwar, daß das Bergsteigen die Körperkraft und -Gewandtheit auch bildet. Ungleich weiter bringt es aber hierin der Turner. Das beweisen die bald kraftstrotzenden, bald katzengewandten Gestalten, die an unsern Turnfesten sich in immer größerer Zahl die Siegesehre streitig machen und deren Leistungen erst von dem recht gewürdigt wer- den können, der von den dabei zu Überwindenden Schwierigkeiten den richtigen Begriff hat. Und es war so recht ein durchschlagender Triumph der noch so viel verkannten Turnsache, daß die besten schweizerischen Nationalturner am letzten großen eidgen. Schwingfest der Elite der Emmenthaler- und Ober-länder-Schwinger so heiß machten, daß nicht wenige der Letztern gegen die sehnigen und aalgewandten Turner den Kürzern zogen, ja daß der riesenstarke Oberländer-Schwingerkönig Fuhrer den ersten Schwung gegen den Jurassier Bueche total und sofort verlor. Das sind Erfolge, welche das namentlich die Arme nur sehr wenig bildende Bergsteigen nie zu erreichen vermöchte, auch wenn es von seinen Verehrern zehn Mal länger als jetzt geübt werden könnte. Das sollte den turnfeindlichen Bergsteigern zu denken geben, b ) Aber wie steht 's nun mit der Gesundheits-Förderung? Da ist das Verhältniß umgekehrt. Wie viele Bergsteiger, die sich in der gesunden, reinen Luft der Höhen alljährlich neue Frische und Gesundheit antrinken und bis in 's hohe Alter hinauf munter und wohlauf bleiben, während bekanntlich nicht wenige der stärksten Turner in den besten Jahren sterben, theils weil die allseitige turnerische Arbeit leicht zu Ueberanstrengting führt, theils weil sie ihre Uebungen zum großen Theil nicht im Freien, sondern in geschlossenen und selbst bei der besten Construction nicht staubfreien Räumen verrichten. Und der Turn-lehrerberuf ist anerkanntermaßen keineswegs einer der gesundesten, sondern einer derer, welche die Gesundheit in hohem Grade gefährden. Also beim Turnen zwar mehr Kraft und Gewandtheit, beim Bergsteigen aber mehr Gesundheit. Das sollte jenen Turn-enthusiasten zu denken geben, welche im möglichst vielen Turnen das alleinige Mittel zur Erreichung des Ziels: „ mens sana in corpore sano " entdeckt zu haben-meinen.

c ) Und nicht minder günstig muß unser Vergleich zu Gunsten des Bergsteigens ausfallen in Bezug auf den geistigen Gewinn. Zwar wirkt das Turnen auch hier bei richtiger Betriebsweise anregend und fördernd, wie oben gesagt. Immerhin ist das, was auch das beste Turnen erzielt, wenig gegenüber dem — wir möchten fast sagen — einzigartig bildenden Einfluß, welchen Alpenwanderungen mit ihrem steten Einblick in die geographischen, mineralogischen, geologischen, botanischen, zoologischen, ethnographischen Verhältnisse des Natur- und Menschenlebens eröffnen. Und was das Gemüthliche betrifft, so hat der Verfasser zwar seit mehr als 20 Jahren sie so oft nicht nur mitangesehen, sondern auch mitempfunden die ganze Idealität von Turnfesten, gehoben von jugendlich-patriotischer Begeisterung und Siegesfreude.. Sollte er aber einen Entscheid treffen, so müßte er solchen doch fällen zu Gunsten jener Stunden, wo auf hoher Zinne die ganze Erhabenheit und hehre Pracht der Schöpfung Auge und Herz traf und mehr und mehr jenes geistige Empfinden weckte, das der größte Denker unseres Jahrhunderts „ das Wissen des absoluten Geistes von sich selbst im endlichen Bewußtsein " genannt hat. Es steigt von jenen Stunden und Augenblicken auch mehr hinunter mit uns in die Niederungen des Alltagslebens im Gewände der verklärenden Erinnerung.

d ) Mehr Gleichheit besteht dagegen im Ertrag von Bergsteigen und Turnen für die sog. Moralität. Was der Eine je nach Neigung, Anlage und Verhältnissen hierin dem Bergsteigen abgewinnt, das zieht der Andere in nicht geringerem Maße aus dem Turnen, wobei allerdings mehr oder weniger der Einfluß von Temperament und psychischer Bestimmtheit maßgebend sein wird.

7. Dem größten Unterschied zwischen Turnen und Bergsteigen begegnen wir indessen endlich, wenn wir auf die Zwecke von Beidem achten. Dem Turnen nämlich ist die körperliche Ausbildung erster, nächstliegender Zweck, durch dessen Erreichung es erst zu andern, weiter zurückliegenden Zwecken, wie geistige und sittliche Tüchtigkeit, zu gelangen sucht. Beim Bergsteigen dagegen ist die körperliche Ausbildung nicht wie beim Turnen nächstliegender Zweck, sondern einer der abgeleiteten, weiter zurückliegenden Zwecke, welche es wie Naturgenuß, wissenschaftliche Ausbildung, moralischen Gewinn aus dem nächstliegenden Zwecke, der Begehung der Berg- und Alpenwelt, herleitet. Und noch schärfer wird dieser principielle Unterschied für das zum Sport gewordene Bergsteigen und Turnen. Hier darf nämlich wohl gesagt werden: Dem Sport-Turner ist die körperliche Ausbildung alleiniger Zweck; sie genügt ihm vollständig zur Erreichung seiner Absicht, sich um seiner Leistungen willen selbst zu bewundern oder von Andern bewundern zu lassen. Ebenso genügt das Er- steigen schwieriger Berggipfel aus dem nämlichen Grunde dem Sportsmann in den Bergen vollständig, so vollständig, daß er sich des Turnens, sofern er es überhaupt pflegt, nur als Mittel zur Erreichung seines Hauptzweckes bedient.

Wir glaubten, diese Erörterungen voranschicken zu sollen; denn nicht nur sind sie an und für sich nicht ohne Interesse, sondern sie bilden auch die Grundlage zum zweiten Haupttheil unserer Arbeit, zur Erörterung der Frage:

II. Wie hat sich nach dem Gesagten das Verhältniss beider zu einander zu gestaltend Hiebei kommt zunächst in Betracht:

a ) Das Turnen in seiner Beziehung zum Bergsteigen.

Das Turnen ist diejenige Kunst, die den Anspruch erhebt, zu allseitiger, körperlicher Durchbildung und Tüchtigkeit führen zu können. Gerade um dieses An-spruchs willen ist man vollauf berechtigt, von ihm zu verlangen, daß es die Begründetheit dieser vielsagenden Behauptung eben auch am Bergsteigen als an einer verwandten und ein hohes Maß physischer Tüchtigkeit verlangenden Thätigkeit beweise. Ist der Turner wirklich das, was er zu sein behauptet, so hat er die beste Gelegenheit, dies am Bergsteigen, d.h. in der Technik des Bergsteigens zu beweisen. Wie steht 's damit?

In seiner vom S.A.C. prämirten Broschüre über: „ Die Gefahren des Bergsteigens " hat der Verfasser vier Dinge als solche, die einen tüchtigen Bergsteiger ausmachen, genannt: Ausdauer, Gangsicherheit, Ge- wandtheit, Schwindelfreiheit. Und daß hiegegen, so viel bekannt, von keiner Seite Einspruch erhoben wurde, darf wohl als bester Beweis für die Richtigkeit dieser Behauptung aufgefaßt werden. Was leistet nun unser Turnen in dieser vierfachen BeziehungSicher ist zunächst, daß es mit der Menge seiner Frei- und Gerätheübungen, sowie mit Schwingen und Ringen in hohem Grade die Gewandtheit ausbildet.. Sicher ist nicht minder, daß es auch die Ausdauer sehr wesentlich mehrt, indem es alle Glieder kräftigt und in steter Uebung erhält, und eben hiedrirch die " beiden Faktoren, aufweichen unsere Ausdauer beruht r Kraft und Uebung, beschafft. Sicher ist weiter, daß, das höhere Reckturnen mit seinen Wenden, Flanken, Kehren, Grätschen, Hocken, Todten-Sprüngen, Hoch-wenden ete. über das mehr als 2 Meter vom Boden entfernte Reck, sowie mit seinen Riesenfelgen vor-und rückwärts und im Wechsel, mit Aengstlichkeit. und Furcht beim. Blick in die Tiefe sich absolut nicht verträgt, und daß also Jeder, der 's zu diese » turnerischen Glanzübungen bringt, nicht so leicht mehr beim Blick in die Tiefe den Knieschiotter bekommen wird. Und was endlich die Gangsicherheit betrifft, so scheint unser Turnstoff dafür, oberflächlich angesehen, allerdings nichts zu enthalten. Indessen » üben doch die Hoch-, Weit- und Hochweitsprünge am Springel, die sogenannten gemischten Sprünge am Pferd und Barren und die Niedersprünge von » hohen Reck die Kraft und Elasticität der Fußmuskeln und Fußgelenke, und eine Menge von Freiübungen, wie z.B. das Beinkreisen oder das einbeinige Knie- Bergsteigen und Turnen.44Î wippen bis zur tiefen Kniebeuge links oder rechts, sowie besonders die beliebten lebenden „ Pyramiden ` fügen noch die Uebung im Gleichgewicht hinzu, sa daß ein allseitig geschulter Turner sicher überall in den Bergen vor einem Nichtturner sich auch durch einen sichern, richtig und fest einsetzenden Schritt auszeichnen wird, auch wenn keine spezielle Uebung im Bergsteigen bei ihm voranging. Das Alles darf der Verfasser wohl mit seinem eigenen Beispiel beweisen. Abstammend von einem körperlich sehr schwächlichen und namentlich im höchsten Grad ängstlichen und schwindelbehafteten Vater, hatte er alle Anlage, des Vaters naturgetreuer Sohn zu werden. Da wandte er sich vom 17. Jahr an erst schüchtern, dann immer passionirter zum Turnen. Der Erfolg war nicht nur im Turnen, sondern auch im Bergsteigen ein überraschender. Ohne viele Bergsteigerei wurde er ein Mann, der vom 21.25. Jahre es im Bergauf- und -abrennen mit jedem Aelpler aufnehmen konnte und noch im 40. Jahre 600-700 Meter Steigung in der Stunde ohne große Mühe bewältigte, allerdings nicht auf längere Zeit. Und was den Schwindel anlangt: Im Jahr 1866, im Anfang seiner Turnerei, graute ihm vor dem Tannhorn ( Brienzergrat ), als er dessen steile Grasgehänge vom sogen. Gumm-Paß aus betrachtete; er wagte den Angriff nicht, und aufs angegriffene Schnierenhorn durfte er, weil 's ihn gruselte, nicht ganz hinauf. Vier Jahre später bestieg er, nun ein tüchtiger Turner, beide Spitzen ohne jeden Anstand als Bagatellsache; ja auf der luftigen Spitze des Tannhorns stellte er sich plötzlich regelrecht auf die Hände, zum Entsetzen des mitgegangenen Brienzer Schnitzlers.

Ungeachtet dieses schönen Erfolges müssen wir aber jetzt sofort von Seiten des Bergsteigens folgende kritische Bemerkungen gegen die Art und Weise^ wie jetzt in unsern Vereinen meist geturnt wird, erheben:

1. Viele der jetzt am meisten gepflegten Uebungen dienen sehr wenig zum Bergsteigen, so namentlich die endlosen Handstände an Keck, Barren und auf dem Boden und die ein- und beidbeinigen Kreise an den Pauschen des Pferdes, womit unsere Wettturner am meisten brilliren. Und was soll man zu jenen sogen. Schnitter- und Fischer- und Indianer- und Chinesen-Tänzen sagen, womit in neuester Zeit das liebe Publikum an Turnfesten und Turnvorstellungen so reichlich gaudirt wird und wobei ganz nach Art der Ball-Quadrillen und Lanciers die Hauptschwierigkeit im Behalten und Nachzählen von so und so viel tänzelnden Drehungen und Wendungen besteht? Klar, dass dieses Getänzel weder für den Turner, noch für den Bergsteiger bildenden Werth hat. Es bezieht sich diese Bemerkung natürlich nicht auf die sogen. Stabreigen, welche ja, namentlich mit dem Eisenstab ausgeführt, bei richtiger Methode von sehr hohem körperbildendem Werth sind.

2. Es gibt sogar unter den jetzt viel betriebenen Uebungen solche, die dem Bergsteigen geradezu schädlich und hinderlich werden können. Dies gilt dem einarmigen und beidarmigen Steinheben. Unsere kantonalen und eidgen. « Réglemente fordern von dea Nationalturnern ein 10 — 12 maliges Heben eines 25 Kilo schweren Steines auf einer Hand vom Boden bis zur Streckhalte des hebenden Armes über dem Kopf und ein dito Heben eines 50 Kilo Gewichtes mit beiden Armen hinter einander, ohne Unterbrechung. Diese Forderung hat als Kraftmesser beim Wettkampf ihre Begründung. Sie kann auch von Leuten, die von Natur sehr robust und kräftig gebaut sind, bei genügender Uebung ohne Nachtheil erfüllt werden. Für mittlere oder eher schwächliche Constitutionen und für leicht gebaute Organismen ist sie dagegen so exorbitant, dass der Versuch, ihr nachzukommen, nicht selten zu Brüchen oder Herzfehlern und con-gestiven Zuständen führt, also zu schwerem Schaden gereicht. Und wenn auch das nicht, so macht doch dieses kolossale Kräften die Glieder, namentlich die Beine viel eher plump und schwer als geschmeidig und elastisch, und ist also wohl gut, Artilleristen zu Positionsgeschützen, aber nicht leicht ausschreitende Bergsteiger zu formen.

3. Andere Uebungen dagegen, welche zum Bergsteigen am unmittelbarsten nützlich wären, werden merkwürdiger Weise sehr vernachlässigt. So vor Allem das Klettern. Dieses ist bei uns dem Special-turnen zugewiesen, was zur Folge hat, daß weitaus die meisten unserer Kunst- und Nationalturner, über-bürdet wie sie sonst schon sind, darin weder am Tau, noch an der Stange, noch an der Leiter irgend eine Praxis besitzen. So weiter die Gleichgewichtsübungen. Unsere Turner bilden sich bis zur clown-artigen Virtuosität aus in allen möglichen Formen des ruhigen Handstehens und der sogen. Waage, sich aber auch zu üben im Gleichgewicht auf den Füßen beim Gehen oder Stehen auf einem schmalen Barren- holm, einem niedrig gestellten Keck oder auf einem Stemmbalken ( Schwebebaum ) mit kleinem Querschnitt, das fällt selten Jemand ein. Daher viele zwar auf den Händen ohne jeden Anstoß über einen ganzen langen Barren weglaufen, dagegen kaum im Stande sind, ordentlich sicher auf einer Eisenbahnschiene am Boden zu schreiten. Wie viel mehr würde aber mit Letzterem dem Bergsteigen gedient, als mit Ersterem! Und noch das Springen! Bei unserem Turnspringen wird immer nur der Hoch- oder Weit- oder Hochweit-sprung geübt. Von zwei andern Sprungarten, dem Tief- und Zielsprung ( d.h. dem Sprung zum Fest-stehen auf ein mehr oder weniger erhöhtes oder entferntes, größeres oder kleineres Ziel ), ist der erstere fast vergessen, der letztere zwar vom Verfasser angeregt, aber noch äußerst selten praktizirt worden. Und doch kommen der Sprung in die Tiefe oder der auf ein bestimmtes kleines Ziel — man denke nur an den Gletscher — in den Bergen häufiger, mindestens ebenso oft zur Verwendung, als der reine Sprung in die Weite oder Höhe. Nehmen wir dazu noch die in letzter Zeit zwar etwas modifizirte, aber immer noch viel zu ausgedehnte Verwendung der sogen. Sprung- oder Aufsprungbretter, von denen doch nie und nimmer eins in den Bergen oder auf den Alpen bereit steht, so kann nicht verkannt werden, daß das jetzige turnerische Springen dem, was die Praxis des Bergsteigens verlangt, durchaus nicht in allen Beziehungen entspricht.

4. Und jetzt noch etwas über die Kleidung beim Turnen. Der Forderung der Eleganz, die man mit « Grund an die turnerische Arbeit stellt, kann bei schwierigeren, namentlich bei den Pauschenübungen am Pferd und in den Krafttouren nur in leichter Kleidung entsprochen werden. Nicht minder verlangen eine solche die freie Athmung und Bewegung. Daher denn das Turnercostüni während der Arbeit in der Regel nur aus dünnem Hemd, dünnen Beinkleidern, dünnen Baumwollenstrümpfen und aus möglichst gewichtlosen Schuhen besteht, ganz zu schweigen von jenen Seiltänzer-Tricotanzilgen, bei denen es ohne Anstandsverletzung nicht abläuft, und welche man neuerdings mit allem Recht energisch zu verpönen angefangen hat. Zum Bergsteigen gehören aber vorerst nicht Tanzschühlein, sondern solide, doppelsöhlige, gut genagelte Schuhe; auch die ganze übrige Kleidung muß den Umständen gemäß, namentlich bei Hochtouren, mehr winterlich schwer, als hochsommerlich leicht sein; dazu gibt 's immer einen Tornister oder eine Tasche mit Mantel, Shawl, Proviant etc. zu tragen. Und in diesem Habit müssen nun mitunter -die intensivsten Kletter- und Sprungübungen anhaltend ausgeführt werden. Da ist denn klar, daß Turner, die das noch nie geübt haben, sich hiebei oft so linkisch und ungeschickt benehmen, wie der flinke David, als er in Saul's Rüstung auf den Goliath los wollte. Wir stoßen also auch hier wieder auf einen Punkt, wo die übliche Betriebsweise des Turnens dem Bergsteigen durchaus nicht direct in die Hände arbeitet, sondern davon eher das Gegentheil ist.

Und nun ist das am Gesagten das Bedeutsame: Alle die obigen Ausstellungen, die wir im Blick auf das Bergsteigen an der jetzigen Betriebsweise des Turnens gemacht haben, sie müssen nicht minder gemacht werden, wenn wir an das denken, was der Kutscher zum Fahren, der Reiter zum Reiten, der Feuerwehrmann gegen das Feuer, der Militär im Dienste braucht. Hieraus folgt eine ganz principielle Thatsache, es ist die: Je mehr wir unser Turnen im Lichte des sich so unmittelbar an 's praktische Leben anschließenden Bergsteigens betrachten, desto mehr erkennen wir, daß dies unser Turnen in mancher Beziehung noch viel zu wenig auf das praktische Leben und dessen Bedürfnisse Rücksicht nimmt. Woher dieser Mangel am Turnen kommt, resp. daß er das Resultat ist eines Sportgeistes, der viel mehr für Ruhm und Ehre und Auszeichnung an Festen durch Preise und Kränze turnt, als für die ernsten Bedürfnisse des Lebens, darüber hier nichts Weiteres. Wer sich dafür interessirt, der lese nach, was der Verfasser den Turnern in den Artikeln der Schweizer. Turnzeitung, Jahrgang 1886, „ Ein Wort zur Sache ", frisch und frei in 's Gesicht hinein gesagt hat. Was für Folgerungen sollte aber das Turnen aus der angeführten Thatsache ableiten: Das Turnen sollte sich des Bergsteigens mehr als bisher bedienen, als eines Spiegels, um sich darin prüfend zu betrachten, als eines Maßstabes, um an demselben die Richtigkeit oder Unrichtigkeit seiner Arbeit zu erkennen. Geschähe dies mehr als bislang, dann würde unser Turnen eben um des

1. mit allem jenem Firlefanz, der da als Männerarbeit auftritt, in Wahrheit aber nichts ist als Mummenschanz; 2. mit allem jenem Pedantismus, der im Bestreben, das Turnen wissenschaftlich zu definiren und zu gliedern, der freien Turnerei lästige Fesseln und Schablonen anlegt und namentlich für Knaben die Turnstunde aus einer Lust zu einer Last, aus einer Freude zu einer neuen Pein macht.

Dagegen sollte es viel mehr als bisher betreiben jene Uebungen, welche wie Klettern, Ziel- und Tiefsprung, Dauer- und Wettlauf nicht nur für 's Berg steigen, sondern für 's Leben überhaupt vom größten praktischen Werth sind.

Und seine Uebungen alle sollte es endlich viel mehr als jetzt vornehmen nicht nur im leichten Turner-costüm, sondern abwechselnd auch in der Kleidung des Alltagslebens, mitunter sogar in der schweren Rüstung ,des Soldaten oder Bergsteigers. Wie der der beste Schwimmer ist, der schwimmen kann nicht nur in der Badhose, sondern auch dann, wenn er unvermuthet mit Rock, Weste, Ganzhose und Stiefel » in 's Wasser plumpst, so ist unstreitig der der beste Turner, der klettern, springen, laufen und sich schwingen kann nicht bloß im luftigen Turnergewand, sondern auch dann, wenn die Nothwendigkeit dazu plötzlich auf den Bergen oder im Thale in des Lebens dichterer Alltagskleidung an ihn herantritt.

Dies also, was des Bergsteigens wegen in der Betriebsweise des Turnens berücksichtigt werden sollte. " Wir haben aber oben schon bemerkt, wie das Bergsteigen im Allgemeinen der Gesundheit zuträglicher sei, als das Turnen. Daraus folgt wieder, daß das Turnen sich nicht nur damit begnügen darf, in seiner Methodik einige Rücksicht auf das Bergsteigen zu nehmen, sondern daß es eben um der Gesundheit willen stets mit dem Bergsteigen gepaart sein sollte. In der That, je energischer junge Leute turnen, je mehr sie dabei namentlich den Oberkörper ausbilden, und je mehr sie dabei namentlich in geschlossenen Localitäten bei der vielen verstärkten Aihmung allerlei feinen Staub und sonstige Unreinig-ïeiten bis in die feinsten Bronchien einziehen, desto uöthiger ist für sie von Zeit zu Zeit eine rechte Bergfahrt, bei der in wohlthuendstem Wechsel die obern Muskeln des Körpers sich ausruhen können und die untern mehr in Anspruch genommen werden, und wobei, was noch wichtiger, in der reinen Luft der Höhen eine gründliche Erfrischung und Säuberung -aller Luftwege stattfindet. Noch wird in dieser Hinsicht in turnerischen Kreisen viel zu wenig gethan, weil die Fest- und Preisturnerei viel zu viel dominirt. Turnfahrten, aber nicht solche, bei denen das Fahren bis zu irgend einem Gambrinus-Tempel die Hauptsache ist, sondern Turnfahrten, bei denen wacker in die Höhen, über 2000 Meter, gestiegen wird, solche'Turnfahrten sind nicht nur eine schöne Zuthat, sondern auch eine unbedingt nothwendige Ergänzung des'Turnens. Und Gottlob ist es ja heutzutage, wo Dampfboote und Eisenbahnen immer weiter in die Alpenthäler eindringen und bis auf wenige Stunden an den Fuß der Gletscher führen, und wo Gesell-schaftsbillets und dergleichen die Sache zehn Mal billiger machen, als noch vor 10-20 Jahren, Gottlob ist es heutzutage jedem Verein und Einzel-Turner möglich gemacht, solche Ausflüge mehrmals des Jahres auszuführen, wenn guter Wille dafür ist und etwas an der kostspieligen Festbummelei gespart wird.

Einmal beim Bergsteigen angelangt, muß das Turnen aber noch Eines bedenken. Das Bergsteigen besteht, wie schon oben angedeutet, nicht nur aus Gehen, Laufen, Klettern; es bedarf dazu nicht nur Ausdauer, Gangsicherheit, Schwindelfreiheit und Gewandtheit; nein, je höher es strebt, je schwerer seine Ziele zu erreichen, je mehr es in die Hochgebirgsregion vordringt, desto mehr verlangt es, um nicht mit den größten Gefahren verbunden zu sein, eine verständige, auf Erfahrung und genaue Kenntniß der gesammten Gebirgswelt gegründete Leitung. Kann das Turnen aus sich heraus dies beschaffen? Nie und niemals. Der gut eingerichtete und gut geleitete Turnplatz bildet zwar Leute, welche das Leibliche, das Praktische, das zum Bergsteigen gehört, mit dem Turnen zugleich sich erringen, aber in keinem Fall Leute, welche das Geistige, das Theoretische am Bergsteigen besitzen. Jene Findigkeit, deren es bedarf, um auch da, wo alle Wege aufhören, sofort die beste oder allein mögliche Richtung zu einem Hochgipfel hinauf zu entdecken, jene Vertrautheit mit den Höhen und ihren Tücken, welche hier über zerschrundete Gletscher, dort an Stein- oder Lawinenschlag drohen- 29 den Abhängen vorbeiführt ohne Schaden, die Wolken und Winde kennt und weiß sich im Hochgewitter zu flüchten und aus Staubnebel heraus zurecht zu finden, jene Erfahrung, die da bedächtig wird, wo Andere nichts Böses ahnen und umgekehrt da ein Pfeifchen anzünden oder ein lustig Liedlein pfeifen läßt, wo Andere zu zittern anfangen, dies Alles sind Dinge, die nur der sich aneignet, der in beständigem Verkehr mit den Bergen lebt: der Bergbewohner, vor Allem der Berg- und Gletscherführer. Was ist daher davon zu halten, wenn Turner im Vertrauen auf die Kraft und Gelenkigkeit ihrer Glieder und auf ihren furchtlosen Blick meinen, nicht nur für leichtere Höhen, sondern auch für schwierige Gletschertouren alle und jede Führung entbehren, „ führerlose wandern zu können? Das ist nicht vernünftiger, als wenn der Bergführer auf den Turnplatz kommen und da sofort die Leitung eines Turnvereins übernehmen wollte, das ist also Thorheit, Selbstüberhebung, höchst gefährliche Mißachtung des Werthes der Sachkenntniß und Erfahrung in allen Dingen 1 ). Gute Turner mögen und sollen also immerhin den Bergführern schwierige Expeditionen erleichtern und sie aller Mühe des Stollens, Hissens, Nachschleppens entheben; die Bergführer werden sie dafür vollauf anerkennen. Der Bergführer aber können sie nicht entbehren, weil diese in ihrer virtuosen Vertrautheit mit der Natur der Berge etwas zum Gelingen der Expedition absolut Nothwendiges und den Turnern absolut Fehlendes besitzen. Und auch auf leichten Bergbesteigungen, wo gute Karten, deutliche Wege und Pfade und einige Uebung rüstigen Turnern die Führerlosigkeit unter Umständen gestatten, sollen sie doch die Vorsichtsmaßregeln nicht unbeachtet lassen, die ihnen hiefür seitens der Erfahrung zu Gebote stehen * ).

bj Das Bergsteigen in seiner Beziehung zum Turnen.

Das Bergsteigen ist eine den Körper ausbildende Uebung. Das ist sicher. Nicht minder sicher ist aber auch das, was bereits oben angedeutet wurde. Je schwieriger die Bergbesteigungen sind, die unternommen werden, desto mehr gehört zu deren Ausführung von vornherein ein höheres Maß von Kraft, Ausdauer, Gewandtheit, von physischer Tüchtigkeit überhaupt, als es der Normalmensch unserer Kultur- wohl das weitaus Schwerste, aber noch nicht das damals Gefährlichste, die Roththalsattel-Partie gemacht. Dies sollte einmal zugestanden werden bei aller Anerkennung der Bravour und Tüchtigkeit der Sechs.

zustände besitzt. Wie nun dieses höhere Maß, das wie gesagt für schwierige Unternehmungen von vornherein da sein muß, keineswegs erst unterwegs gesucht werden darf, gewinnen? In touristischen Kreisen ist diese sehr wichtige Frage bis dahin fast ausnahmslos so beantwortet worden, daß man das sogen. „ Sich-Einlaufen ", den sogen. „ Training " forderte, d.h. die Vorbereitung auf schwierige Touren durch einige vorangehende, stufenweise vom ganz Leichten bis zum Schwierigem fortschreitende Excursionen. Ganz einverstanden. Nichts ist sinnloser, ja gefährlicher, namentlich für den in den mittleren Jahren stehenden Mann, als, wie es noch vorkommt, ohne alle und jede Vortouren im Sommer aus dumpfer Schreibstube und nach erschlaffender Eisenbahn- und Postfahrt plötzlich einen Schneeriesen ersten Ranges anzugreifen. Nun gestaltet sich aber die Sache in der Wirklichkeit so: Die allerwenigsten Bergsteiger sind in der angenehmen Lage jener englischen, französischen, deutschen, österreichischen, italienischen oder amerikanischen Kentiers, die für ihren Bergsport ganze Sommermonate an Zeit und Tausende an Franken opfern können, und die eben darum auch genug freie Tage und Wochen haben, um sich in leichteren Touren genügend einzulaufen. 90 O/o müssen mit .weniger Zeit und Geld sich begnügen. Und eben diese 90 °/o haben darum jeweilen nicht Muße genug, die Vorübung an den Bergen selbst so vorzunehmen, daß es genügt. Aber auch abgesehen davon, erfordern die ganz schwierigen Bergbesteigungen eine so allseitige körperliche Durchbildung, wie solche nament- lieh für den Oberkörper von den Touristen in den Bergen allein auch bei einem Training von 2 bis 3 Wochen schlechterdings nicht zu gewinnen ist. Es muß also der Hoch-Sports-Mann in den Bergen sich absolut nach einem Mittel umsehen, um dasjenige an physischer Tüchtigkeit zu gewinnen, was er auch bei genügendem Training doch noch nicht ganz erreicht und was ihm namentlich ohne längeres Einlaufen völlig abgeht. Dieses Mittel, das einzige, das es gibt, ist aber das Turnen, die Gymnastik, wie wir ja schon im I. Theil betont haben, daß das Turnen sich zum eigentlichen Bergsteigen verhalte wie das Mittel zum Zweck! In der That: Je weniger ein Bergsteiger Zeit hat zur Vorübung auf seine größeren Projekte in den Bergen selbst und je riskirter diese seine Projekte sind, desto mehr bedarf er des vorbereitenden, ihn zu seinen Unternehmungen tüchtig machenden Turnens. Das ist ein Pundamental-Satz, der bisher in clubistischen Kreisen viel zu wenig betont wurde. Er ist ein Fundamental-Satz, der um so mehr beobachtet werden sollte, als der Bergsteiger, der ihn mißachtet, auf seinen Expeditionen in vielen Fällen durch Impotenz und stete Hülfsbedürftigkeit den größten Theil des gesuchten Genusses verliert, in allen Fällen aber das eigene Leben, wie das seiner Führer, ganz unverhältnißmäßig großen Gefahren aussetzt. Was ist deßhalb von jenen immer noch vorhandenen Bergsteigern zu halten, die nicht selten mitten aus einer sitzenden Lebensweise heraus, ohne jede turnerische Körperbildung zu sehr gewagten Bergtouren aufbrechen? Sie handeln im Grunde um kein Haar verständiger, als die Turner, die ohne eigentliche Gletscherführer das Nämliche wagen. Nur der Unterschied ist dabei, daß solche Bergsteiger von den beiden zum Bergsteigen im höhern Stil nöthigen Faktoren, der technischen Fertigkeit und der Erfahrung, den erstere übersehen, während umgekehrt die gewandten Turner über dem Besitz der technischen Fertigkeit den zweiten Faktor, die montanistische Erfahrung, ganz außer Acht lassen. Also wie der Turner bergsteigen, so soll der Bergsteiger turnen. Aber wie nun, da doch, wie oben erwähnt, die gegenwärtige Betriebsweise von der Rücksichtnahme auf Fest-Erfolge zu sehr beeinflußt wird und daher vielfach gerade das im Bergsteigen am meisten Fördernde sehr vernachlässigt? Für Bergsteiger in größeren Ortschaften läßt sich diese Frage im Allgemeinen unschwer lösen. Hier existiren nämlich meist sogen. Männer-Turnvereine, d.h. solche Vereine, in welchen sich diejenigen ältere Turner sammeln, welche über das jugendliche Preis- und Kranz- und Schauturnen hinaus sind und die Leibesübungen doch fortsetzen, um Gesundheit, Rüstigkeit und Gelenkigkeit soweit als möglich zu behalten. In diese Vereine, wo um der angeführten Gründe willen viel freier und ungezwungener und un-pedantischer geturnt wird als bei den Jungen, da sollen die Bergsteiger eintreten. Oder sie sollen selbst derartige Vereine gründen. Hiebei sollen sie dann aber darauf halten, daß eben jene ihnen am meisten dienenden Uebungen unter sachverständiger Leitung auch am meisten berücksichtigt werden. Es sind dies also, wie vorhin erwähnt, Springen, Klettern an Stange und Seil, Rundlauf, Dauerlauf, Gleichgewichtsübungen am niedrig gestellten Reck oder an dem pauschenlosen Stemmbalken.

Sehr viele Touristen sind aber auf dem Lande herum zerstreut, wo keine ihnen entsprechende Gelegenheit zum Turnen sich bietet; oder wenn sie auch in der Nähe solcher Gelegenheit sind, hindert sie Ge-schäftsüberhäufung oder ein anderer Grund, wöchentlich 1-2 Abende dem Turnen zu widmen. Wie sollen sich denn diese behelfen? Nun, mit dem Turnen zu Hause, für sich. Aber es kann doch nicht Jeder einen eigenen Turnsaal mit einer Menge von Gerathen anschaffen? Ist auch gar nicht nöthig. Nachstehend vielmehr einige Winke, wie man sich mit den allereinfachsten Mitteln behelfen kann:

1. Einen für einige Minuten disponiblen freien ebenen Raum im Haus oder um 's Haus herum findet doch Jeder. Ist derselbe auch nur 3-4 Quadratmeter groß, so können auf demselben schon die meisten jener Uebungen vorgenommen werden, welche im Turnen im Unterschied zu dem Geräthe-Turnen Freiübungen genannt werden. Aus dem großen Gebiet derselben empfehlen wir auch bei diesem Anlaß neben Schwingen ( Spreizen ) des linken oder rechten Beines vor-, seit- und rückwärts und neben Rumpfbeugen vor- und rückwärts namentlich die Knieübungen: Heben des linken und rechten Knie's so weit hinauf als möglich ( Hände in Hüftstütz ), Fersheben links und rechts und vor Allem das ein- und beidbeinige Kniebeugen, bis zur halben oder kleinen und zur H. Baumgartner.

ganzen oder tiefen Kniebeuge. Nebenstehende Figur ( 1 ) zeigt einen Turner in der tiefen Kniebeuge links mit Vorhebhalte des rechten Beines bei Vorhebhalte der Arme. Diese Uebung aus der sogen. Grundstellung ausgeführt und zurück zur Grund- Fig. 1.

Stellung darf als eine rechte Knieprobe bezeichnet werden und ist daher zum Bergsteigen von ganz eminentem Werth.

2. Nicht minder leicht kann sich Jeder einen etwa 1 Meter langen und 2-3 Centimeter dicken massiven Eisenstab von 2-4 Kilo Gewicht verschaffen. Mit diesem eröffnet sich nun das große Gebiet der sogen. Stabübungen, d.h. jener Freiübungen, deren Ausführung nicht mit leeren Händen, sondern mit dem Eisen- ( Holz- ) Stab in allen möglichen Bewegungen des Körpers und des Stabes geschieht und welche nun neben der Gewandtheit auch die Körperkraft um so mehr bilden, je größer das Gewicht des verwendeten Stabes. Es würde zu weit führen, aus dem ganzen Gebiet einzelne Uebungen zu nennen. Wir verweisen a,b Fig. 2.

dafür auf Niggeler's Werk: „ Anleitung zum Turnen mit dem Eisenstab ". Als besonders bildend für Arme und Brust führen wir an das Ueberheben Bergsteigen und Turnen.

des an beiden, Enden ( doppelte Leibesbreite ) gefaßten Stabes in beliebigem Tempo aus der Tiefwaghaltung vorlings ( Fig. 2 a ) zur gleichen Haltung rücklings ( Fig. 2 b ), das auch mit Kniewippen zu verbinden ist. 3. In vielen Zimmern stehen nicht neben, sondern hintereinander 2 gleich hohe Betten, deren Quer-Laden oben eine lange Walze bilden. Wird nun die Distanz zwischen beiden 4-5 Decimeter gemacht, so besitzt man ohne weitere Kosten ein barren-ähnliches Geräthe, an welchem wenigstens folgende sehr körperbildende Uebungen vorgenommen werden können: Aus sogen. Streckstutz ( Arme ganz gestreckt ) langsames Niederlassen zum Knickstütz und wieder Aufstemmen zum Streckstütz ( Armwippen ). Eine andere an diesem primitiven Geräthe auszuführende Uebung zeigt nebenstehende Figur ( 3 ):

Die punktirte Linie bedeutet einen beide geschlossene Beine zur sog. Vorstreckhalte ( Winkel ) erhebenden, die ausgezogene Linie einen die beiden Beine zum Anknieen erhebenden Turner. Namentlich erstere Uebung ist eine gar nicht so Fig. 3.

leichte, aber die Musculatur des ganzen Körpers vortrefflich stärkende Uebung. Als Vorstufe sind beide Uebungen mit einem Bein in Streckhalte des andern zu üben. Noch bemerken wir, daß, wo die beiden genannten Betten nicht vorhanden, zwei solide Stühle, oder ein Bett mit annähernd gleich hohem Stuhl ein 8H. Baumgartner.

Aequivalent bilden können. Ueber eigentliche Turn-stühle und deren Gebrauch verweisen wir auf „ Ravenstein, Volksturnbuch ".

4. Und der Estrich des Hauses! Da sind Balken. Man gehe hin und kaufe für kleines Geld einige Meter starken Seils, befestige es oben mit zulaufender Schlinge an einem Balken, unten nahe dem Boden mache man einen Knoten. Dann hat man ein Kletter- seil, dessen mannigfaltige Uebungen dem viel mit dem Seil und dem Klettern hantirenden Bergsteiger von größtem Nutzen sind. Läßt man 2 Enden eines oben im Gebälk genügend befestigten Seils bis auf 2 Meter vom Boden herab in einer Distanz von circa 1 Meter und verbindet diese Enden unten mit Holz- oder Eisenstange, so hat man ein sogen. Schaukelreck ( s. Figur 4 ). Befestigt man an den Seilenden statt der Stange je einen Eisenring von 2 Decimeter Durchmesser circa, so hat man das Geräth der sog. Schaukel- ringe .Für alle die sehr körperbildenden Uebun- Fig. 4.

gen, die an diesen mit minimen Kosten von jedem praktischen Menschen überall leicht zu erstellenden Turngeräthen gemacht werden können, verweisen wir auf das 1 Fr. bloß kostende „ Merkbüchlein für Vorturner, von Puritz ".

5. Ferner die Leiter im Hause. Ob wagrecht, oder schräg an eine Wand oder senkrecht gestellt, ist sie, wenn sicher befestigt, ein wiederum von Jedem leicht zu beschaffendes Geräth, an welchem nicht nur eigentliche Kletter-, sondern auch manche dem Reck verwandte Uebungen vorgenommen werden können, sodann auch solche des Gleichgewichtes, die zum Bergsteigen in unmittelbarster Weise dienen. Von letzteren nennen wir nur das Stehen auf den Leitersprossen ohne Mithülfe der Hände und das Gehen auf-und abwärts auf den Sprossen dito ohne Mithülfe der Hände ( sogen. Freisteigen ) vorlings und rücklings an der schräg gestellten Leiter. Für weiteres Detail verweisen wir wieder auf „ Puritz " oder „ Ravenstein ".

6. Endlich das zum Bergsteigen so wichtige Springen. Das scheint der Privatmann in jedem Fall nur im Turnlokal üben zu können, namentlich der keinen freien Raum um 's Haus herum besitzende Städter. Indessen wo Raum für Freiübungen ist, d.h. in jedem Zimmer, Keller etc. von nur 3-4 Meter Länge, können schon Sprünge ausgeführt werden, und zwar eben die in den Bergen am meisten vorkommenden, d.h. die Sprünge, bei denen man nicht nach einem langen Anlauf, sondern nur aus Stand mit geschlossenen Beinen oder aus Vorschrittstellung links oder rechts 1-2 Meter weit springt. Dann die Haustreppen: Sind sie nicht gar zu glatt polirt, so bilden sie ein Geräth, an dem man nur einige Stufen hinauf und hinunter zu hüpfen hat, um bereits Sprungübungen des Hoch- und Tief- und Hochweit-und Zielsprungs zu betreiben. Ebenso kann die vor- hin genannte Schräg-Leiter, allerdings mit Vorsicht, als Tiefspringel benutzt werden, indem man erst von der untersten, dann der zweituntersten u. s. w. Sprosse auf den, wenn möglich mit einem die Bodenhärte lindernden Teppich oder einer sogen. Matte bedeckten Boden hinabspringt. Noch besser wird die Leiter ohne große Kosten vermöge eines auf der obern Seite einzuhängenden oder einzusetzenden Trittbrettes zugleich als Tiefspringel benutzt ' ). In die Weite und Tiefe sollte Jedermann, auch ohne Sprungbrett, langen Anlauf, Turner-Costüm und besondere Schutzvorkehren 1 Leibeslänge, in die Höhe 12 Leibeslänge springen können. Als sehr gute Leistungen gelten im Turnen 3 Leibeslängen Weite und Tiefe und 1 Höhe. Bei allen Sprüngen, namentlich denen in die Tiefe, ist, um Schaden, namentlich Fußverstauchung, Fall auf den Hinterkopf, Gehirnerschütterung zu vermeiden, folgende Haltung einzunehmen: Körper senkrecht, eher leicht vorwärts gebeugt, Arme wagrecht vorwärts, Nieder-sprung nie auf die ganze Sohle oder gar auf die Fersen, sondern auf den Vorderfuß mit gleichzeitigem starkem Kniewippen, um die Schwere des Falles zu brechen.

Noch haben wir für alle diese Turnübungen folgende Regeln namentlich dem Bergsteiger zu empfehlen:

1. Alle Uebungen sind möglichst elegant nach den hiefür auf dem Turnplatz geltenden Regeln aus- zuführen. Die elegante Ausführung ist in der Regel doppelt so schwierig, als die plumpe, schwerfällige, unästhetische, hat daher auch einen doppelten körperbildenden Werth.

2. Alle Uebungen sind in der richtigen methodischen Reihenfolge vom ganz Leichten bis zum Schweren allmälig aufsteigend vorzunehmen und namentlich nichts, das einige Gefahr bietet, zu wagen, bevor die zugehörenden Vorübungen vollständig sicher erlernt sind. Im Falle der Unkenntniß oder des Zweifels wende man sich an erfahrne Turnlehrer.

3. So sehr leichte Bekleidung, besonders leichte Beschuhung die Ausführung erleichtert, so ist doch nicht nur in solcher zu arbeiten, sondern abwechselnd auch in der beim Bergsteigen üblichen schweren Ausrüstung. Warum, wurde oben gezeigt.

4. Stete Wiederholung ist auch im Turnen der Weg zum Erfolg. Viel besser ist es, regelmäßig alle Tage 5-10 Minuten geturnt, als sich ein ungerad Mal 1-2. Stunden abmüden und dann die Sache wieder wochenlang liegen lassen. Turnen und Bergsteigen. Am Ende unserer Abhandlung hierüber schwebt uns das Bild eines Mannes vor, der bis in 's hohe Alter hinauf in den Bergen so Großes und Vieles leistete, daß er in clubistischen Kreisen „ die bernische Gemse " genannt wurde. Wie hat der Mann das zu Stande gebracht? Zum großen Theil dadurch, daß er bis in 's hohe Alter hinauf rüstig und rationell weiter turnte, und auch im Schmuck der Silberhaare noch mit den turnenden Jünglingen und Männern mitmachte. Nun ist auch er — wir meinen den alten Papa Wyß von Bern — vor Kurzem heimgegangen. Die Erinnerung an ihn, den werthen sei. Freund, weckt aber immer neu in uns den Wunsch: Möchte er immer mehr Nachfolger finden, welche werden, was er gewesen: bergsteigende Turner, turnende Bergsteiger — ganze Männer.

Literatur: Baumgartner: Die Gefahren des Bergsteigens ( Zürich, 1886 ). Schweizer. Turnzeitung XXIX ( Bern, 1886 ). Niggeler: Anleitung zum Turnen mit dem Eisenstab ( Zürich, 1875 ). Ravenstein: Volksturnbuch ( Frankfurt a. M., 1876 ). Puritz: Merkbüchlem für Vorturner, B. Anti. ( Hannover, 1887 ).

III.

Kleinere Mittheilungen.

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