Bergwanderungen an der französisch-italienischen Grenze mit Betrachtungen über den Hannibalweg

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an der französisch-italienischen Grenze mit Betrachtungen über den Hannibalweg

Von Dr. E. Walder ( Sektion Uto ).

Für die vierzehntägige Ferientour, welche ich mir jedes Jahr zum Zwecke körperlicher und geistiger Erfrischung-vornehme, wählte ich im letzten Sommer das italienisch-französische Grenzgebiet, weil eine solche Reise nicht bloß den Anblick der vielgepriesenen Dauphinéalpen in Aussicht stellte, sondern auch Gelegenheit bot, die verschiedenen an und für sich begehenswerten Alpenpässe, welche für den berühmten Zug Hannibals in Frage kommen, genau kennen zu lernen. Sodann war eine Reise durch dieses Grenzgebiet geeignet, die Kenntnis verschiedenartiger Völker, die eine interessante Geschichte hinter sich haben, zu vermitteln, und auch in geographischer Beziehung wertvolle Aufschlüsse zu geben.

Am 12. Juli 1907, nachmittags gegen 2 Uhr, verließ ich die Station Martigny; was der Zug an Verspätung erlitten hatte, konnte durch den kürzlich bis nach Martigny-Bourg erstellten Tram einigermaßen ausgeglichen werden. Leider ist die Fahrstrecke nur kurz, aber sie schneidet doch etwa 20 Minuten Marsches auf staubiger Landstraße ab. Der Gang durch das enge von hohen Bergwänden eingeschlossene Tal gibt Gelegenheit genug, die Erinnerung an gewaltige Taten, welche hier sich abspielten, ins Gedächtnis zurückzurufen. Zur Zeit des Julius Cäsar lag an beiden Ufern der Drance der Ort Octodurus, eine Festung des keltischen Stammes der Veragrer, welche die über den Großen St. Bernhard ziehenden Karawanen brandschatzten. Im Anfang des Winters 57/56 vor Christi Geburt sandte Cäsar den Feldherrn Galba dorthin, um den Durchpaß gegen die Wegelagerer zu sichern. Aber die ganze Bevölkerung aus der Nähe und bis gegen Sitten hinauf rottete sich auf den umliegenden Höhen zusammen, stürmte in wilden Scharen gegen Octodurus hinab, so daß die Römer zuerst in große Not gerieten, bis sie schließlich durch einen kühnen Ausfall die Feinde zurückdrängen konnten.

Die Straße nach dem Großen St. Bernhard bildet bei Sembrancher, wo das Tal von Bagnes mit dem Entremont sich vereinigt, einen rechten Winkel. Die Karte zeigt, daß derselbe durch den Weg über Champex abgeschnitten werden kann. Da jedoch bei dem letzteren eine Höhendifferenz von etwa 900 Metern überwunden werden muß, so stellt er tatsächlich einen Umweg von ungefähr zwei Stunden dar, der aber durch den Genuß schöner Landschaftsbilder mehr als aufgewogen wird. Von Les Valettes steigt ein neues, erst im letzten Jahre fertig erstelltes Sträßchen über den sonnenbeschienenen, direkt oberhalb der Durnant-schlucht gelegenen Berghang hinauf, an kleinen Häusergruppen vorbei zum lieblichen See von Champex, der rings von Wald und Wiesen umgeben ist. Eine Anzahl unschöner Bauten zeigt, daß die höhere Kultur hier noch keine feste Stätte gefunden hat; doch wird das Idyll binnen kurzem seinem bescheidenen Dasein in der Stille entrückt sein. Von Champex muß man wieder 500 Meter tief absteigen; aber der Abend ist so schön, und der Blick beherrscht die ausgedehnten Täler von Entremont und Ferrex bis weit hinauf. Nach 7 Uhr erreichte ich die stattliche Ortschaft Orsières, wo die größere Steigung der Bernhardroute beginnt, und wandere dann noch in angenehmer Abendkühle etwa zwei Stunden weit bis zum Dorfe Liddes.

Am folgenden Morgen herrschte schon frühe reges Leben auf den Wiesen, welche in weiten Terrassen an den beiden Berghängen sich ausbreiten; im Hintergrunde erhebt der Mont Vélan sein eisgekröntes Haupt. Wir passieren Bourg St. Pierre, wo ein Gasthof nach dem Frühstückshalt Napoleons seinen'Namen bekommen hat, werfen einen Blick in den Alpengarten Linaea und erreichen hinter demselben durch eine kleine Schlucht das schmale Tal, welches sich fast eben bis zur Cantine de Proz ( 1802 m ) hinzieht. Hier ist die letzte Möglichkeit gegeben, für den Weitermarsch sich zu stärken. Der Weg nimmt bald zu an Rauheit: eine kurze Verengerung des Tales, die jedoch keine bedeutenden Schwierigkeiten für den Durchmarsch eines Heeres bietet, wird Pas de Marengo genannt. Einige zerfallene Häuser, die als Unterkunftsstätten dienten, gemahnen an die Gefahren des Weges. Im letzten Aufstieg kann die alte Straße benützt werden, welche damals noch auf weite Strecken mit Schnee bedeckt war.

Wer in das Hospiz auf dem Grossen St. Bernhard ( 2472 m ) eintritt, wird von einem Pater freundlich empfangen und in ein großes Familienzimmer geführt. Um 12 Uhr findet das Mittagessen statt, bei dem die Gäste in verschiedene Säle verteilt werden. Der Große St. Bernhard ist eine der wenigen Stätten, welche noch an der alten Sitte uneigennütziger Gastfreundschaft festhalten. Da nur ein kleiner Teil der Gäste den Entgelt für das, was er an Verpflegung genossen hat, in die bereit gestellte Büchse legt, so erleidet das Hospiz jedes Jahr ein beträchtliches Defizit. Schon zur Zeit, da die Kelten um den Paß herum wohnten, besonders aber seitdem das cisalpinische Gallien ( Oberitalien ) in die Machtsphäre der Römer überging, ist der Paß von Handels- und Heereszügen häufig benützt worden. Unter den Kriegszügen sind besonders die der karolingischen Kaiser im neunten Jahrhundert, Friedrich Barbarossas im Jahre 1162, sodann derjenige Napoleons im Mai des Jahres 1800, bei dem er eine beträchtliche Anzahl Kanonen mit sich führte, bemerkenswert. Der alte keltische Name Penninus oder Pœninus ist im frühen Mittelalter durch den Namen Mons Jovis oder Montjoux verdrängt worden. Von dem Tempel des Jupiter, welcher hierzu Veranlassung gab, sind kaum noch Spuren vorhanden. Im Jahre 962 gründete Bernhard von Menthon das Hospiz; die Mönche gehören dem Augustinerorden an und haben ihr Mutterhaus in Martigny.

Und nun, bevor wir uns dem sonnigen Italien zuwenden, einige orientierende Worte über den Zug Hannibals. Es ist natürlich ganz unmöglich, an dieser Stelle das schwierige Thema irgendwie erschöpfend zu behandeln. Es mag aber doch etwelches Interesse haben, einige Gedanken von jemandem anzuhören, der die in Frage kommenden Pässe besucht hat. So sehr zu allen Zeiten alle Welt in der Bewunderung des kühnen Alpenübergangs, den der weitblickende karthagische Feldherr unternommen hatte, einig war, ebensowenig herrscht Einigkeit über den Weg, der eingeschlagen wurde.Von den Meeralpen bis zum Simplon ist kaum ein gangbarer Paß, der nicht einer Hypothese zu Grunde gelegen hätte. Sogar der Weg über die Furka und den Gotthard ist von Dr. Höfer ( 1859 ) allen Ernstes als die von Hannibal gewählte Route bezeichnet worden. Allgemeine Übereinstimmung herrscht darin, daß Hannibal in der Gegend von Avignon auf das linke Ufer der Rhone hinübergegangen und dem Laufe dieses Flusses bis ungefähr zur Einmündung der Isère bei Valence gefolgt ist, wo die sogenannte Insel, d.h. das von der Rhone und Isère eingeschlossene, gegen Norden sich ausdehnende Gebiet beginnt. Wäre auch der Endpunkt der Reise in Italien mit absoluter Sicherheit festgestellt, so könnte über die Wahl des Passes kein großer Zweifel mehr obwalten. Nach der Aussage des römischen Geschichtsschreibers Livius steht es bei allen Gewährsmännern fest, daß Hannibal zuerst in das Land der Tauriner, also in die Gegend von Turin, gekommen sei, und die Aufzählung der Länder, durch die er den Hannibal hindurchziehen läßt, stimmt mit dieser Angabe überein. Livius hätte gewiß diese Behauptung nicht so bestimmt ausgesprochen, wenn irgendwelche gewichtige Gewährsmänner anderer Meinung gewesen wären. Der griechische Geschichtsschreiber Polybius, welcher von den Befürwortern des Kleinen St. Bernhard als Autorität ins Feld geführt wird, sagt zuerst in einem zusammenfassenden Überblick über den Marsch Hannibals, daß er schließlich in kühnem Zuge in die Ebenen um den Po herum und zum Volke der Insubrer ( in der Gegend von Mailand ) gelangt sei. Damit will wohl Polybius das Land der Insubrer als das erste Hauptziel seiner Reise hinstellen. Es waren nämlich Gesandte aus diesem Volke, das wegen der heftigen Feindschaft gegen Rom den Zug der Karthager nach Italien mit Freuden begrüßte, dem Hannibal bis nach Südfrankreich entgegengezogen, um ihn in seinem Vorhaben zu ermutigen und sich als Führer auf dem weiten Wege anzubieten. Polybius berichtet auch, daß das Heer am dritten Tage, nachdem es die Schwierigkeiten des ersten Abstieges überwunden hatte, in die ebenen Gegenden gelangt sei. Das kann nun ganz unmöglich im Lande der Insubrer sein, da bis dorthin ein Heer von irgend einem Alpenpaß aus mindestens einen Weg von acht Tagen hätte zurücklegen müssen. Und auch dann, wenn man unter den ebenen Gegenden gleich das am Ausgang aus dem Gebirge bei Ivrea liegende Gebiet versteht, würde eine Marschzeit von mindestens fünf Tagen erforderlich gewesen sein. Dagegen ist es leicht möglich, von mehreren Alpenpässen aus am dritten Tage in die Gegend von Turin zu kommen, und Polybius sagt denn auch bei der detaillierten Beschreibung des Weitermarsches nach der Ankunft in den Ebenen, Hannibal habe direkt am Fuße des Gebirges Halt gemacht, um das Heer ausruhen zu lassen. Alsdann habe er die Tauriner, die mit ihm nicht in Bundesgenossenschaft treten wollten, angegriffen und deren Stadt erobert. Daß Hannibal zuerst zu den Insubrern gelangte und von dort aus, obschon der römische Feldherr Scipio seine Truppen bereits nach Placentia gebracht hatte, eine Rückwärtsbewegung nach Turin machte, um durch Märsche und Kämpfe sein Heer zu schwächen, ist bei den hervorragenden Feldherrneigenschaften dieses umsichtigen Mannes nicht anzunehmen. Wenn nun, wie wir glauben annehmen zu dürfen, nicht die Insubrer, sondern die Tauriner das erste Volk sind, dem die Punier in Italien begegneten, so fallen sowohl der Große als auch der Kleine St. Bernhard in der Hannibalfrage außer Betracht. Die Volksmeinung der Römer hielt allerdings nach Livius am Großen St. Bernhard ( Pœninus ) fest, weil man den Namen des Passes irrtümlicherweise mit den Puniern in Zusammenhang brachte. Aber auch später, im Mittelalter noch, wandte sich die herrschende Meinung dem Großen St. Bernhard zu, bis die Gelehrsamkeit der Humanisten und kritische Erörterungen der Frage den Mont Genèvre, der von Briançon im Tale der Durance nach Susa und Turin hinüberfuhrt, und den Mont Cenis, der aus dem obern Tale des Arc ebenfalls nach Susa hinüberleitet, in den Vordergrund rückten. Schließlich schlug der Mont Genèvre den Mont Cenis aus dem Feld, bis dann auf einmal die Stimmung in hohem Grade zu gunsten des Kleinen St. Bernhard sich umwandte, hauptsächlich durch die Forschungen des schottischen Generals Melville, die von dem Genfer de Luc neu bearbeitet und veröffentlicht wurden, noch mehr aber infolge der genauen Untersuchungen, welche die englischen Gelehrten Wickham und Cramer an Ort und Stelle anstellten. Die berühmten deutschen Historiker Niebuhr und Mommsen und nach ihnen fast die ganze Gelehrtenwelt Deutschlands schloß sich den Ausführungen der genannten Engländer an, während die Franzosen und Italiener eher am Mont Genèvre, teilweise auch am Mont Cenis festhielten. In neuerer Zeit aber sind auch viele Anhänger des Kleinen St. Bernhard von ihrem Glauben abgekommen, um sich wieder dem Mont Genèvre zuzuwenden, während u.a. Osiander 1 ) den Mont Cenis zu Ehren zieht.

Nach den übereinstimmenden Überlieferungen hat sich Hannibal zwei Tage lang auf der Paßhöhe aufgehalten; dieselbe mußte demnach aus einem weiten Plateau bestehen, welcher für ein Lager von wenigstens 30,000 Mann Platz bot und auch Futter für etwa 10,000 Tiere lieferte. Paßhöhen, welche nur eine schmale Ausdehnung besitzen und gar keine oder geringe Weideplätze aufweisen, können als Hannibalweg nicht in Frage kommen. Aus dem Zuge von der „ Insel " bis zum Paßübergang werden dann noch verschiedene Episoden erzählt, wie Durchmarsch durch Schluchten, Angriffe der feindlichen Landbevölkerung und anderes. Doch scheinen mir bei den alten Schriftstellern die Bezeichnungen der Örtlichkeiten nicht derart bestimmt zu sein, daß sie in der Frage ein ausschlag-gebendes Kriterium bilden könnten. Wer einmal einen bestimmten Paß im Auge hat, wird ohne große Mühe auf den verschiedenen Zugangswegen Stellen finden, die für seine Theorie passen und sich mit der Überlieferung vereinigen lassen.

1 ) „ Der Hannibalweg ", von Wilhelm Osiander; Berlin, Weidmann, 1900. Das Buch ist für das Studium der Hannibalfrage sehr instruktiv. Es finden sich zwar auch merkwürdige Irrtümer darin; z.B. pag. 56 f.: „ Die Paßebene des Kleinen St. Bernhard vermag kaum einem, geschweige denn zwei getrennten Lagern genügend Raum zu geben. " Nach unserer Wahrnehmung könnten Hunderttausende auf der Höhe sich lagern, auch ist das Plateau nicht großenteils ein Sumpfmoor, besonders im Spätsommer nicht.

Der Col de la Croix ist nicht einer der schwierigsten Pässe, wie Osiander pag. 87 behauptet, sondern einer der allerleichtesten.

Beim Großen St. Bernhard ist durchaus kein Raum für ein Heer-lager vorhanden, und Futter für das Vieh findet sich auf den öden Plätzen keines.

Um halb 1 Uhr verlasse ich das gastliche Hospiz mit seiner ( lüstern Umgebung, um mich dem heitern Süden zuzuwenden, von hoher Erwartung erfüllt, wie immer, wenn ich den Fuß auf den Boden Italiens setze; denn es gibt kein Land auf der Welt, das in gleichem Maße eine gewaltige, staunenswerte Geschichte und die Pracht landschaftlicher Schönheit vereinigt. Ein steiler Abstieg führt in einen weiten, öden Gebirgskessel, an dessen Ausgang das erste italienische Dorf, St. Rémy, am Abhang klebt. Erst seit wenigen Jahren ist die Straße von hier zum Hospiz vollendet und die durchgehende Wagenfahrt von Martigny nach Aosta ermöglicht worden. Von St. Rémy benütze ich den kleinen Postwagen, welcher um halb 3 Uhr abfährt und nach aussichtsreicher Fahrt über freundliche Gefilde, deren Fruchtbarkeit sich rasch steigert, um 5 Uhr abends in Aosta ( 583 m ) eintrifft. Die Stadt, die ich nun mit Muße besichtigen kann, besitzt noch von der Römerzeit her eine regelmäßige Anlage und weist in der gut erhaltenen, imposanten Porta paetoria und im Triumphbogen des Kaisers Augustus Denkmäler ersten Ranges auf. Daß Aosta in neuerer Zeit der Lieblingsaufenthalt des Königs Viktor Emanuel und seines Sohnes Umberto gewesen ist, bezeugen zwei sinnige Denkmäler, die zu Ehren derselben in der Nähe des Bahnhofes errichtet worden sind. Der erstere erscheint in der Gestalt eines Steinbockjägers, „ au chasseur " lautet die Inschrift des Denkmals. Beim zweiten ist über der Büste Umbertos ein Adler, der eine Schlange tötet, dargestellt. Mit der historischen Bedeutung der Stadt vereinigt sich ihre günstige, großartige Lage. Im Süden erheben sich direkt über der Stadt die Becca di Nona ( 3142 m ) und der Mont Emilius ( 3559 m ) mit ihren steilen Felswänden und Firnhängen, weiterhin gegen Südwesten blinken die Gletscher des Rutor, und im Norden gewahrt man einen Teil des silberweißen Combin. Am Abend fand auf dem großen Platz Charles Albert ein einfaches Konzert statt, bei dem die Notabeln der Stadt sich einfanden, aber auch der einfache Bürger und selbstverständlich zerlumpte und lärmende Kinder beinahe bis zum Säuglingsalter hinab.

Als am folgenden Morgen um 5 Uhr der Postwagen nach Courmayeur zur Abfahrt bereit stand, kam eilenden Schrittes noch eine ganze Schar Männer und Frauen, mit Sensen und Sicheln bewaffnet, wie der tirolische Landsturm im Jahre 1809. Diesmal galt es einer friedlicheren Beschäftigung; die Leute wollten über den Kleinen St. Bernhard ins Savoyische, um dort bei der Ernte oder beim Heuet sich einiges Geld zu verdienen, das ihnen das eigene Land nicht bieten kann. Ähnlich hatte ich vor einigen Jahren Züge italienischer Tagelöhner über den Murettopaß gehen sehen, als sie von ihrer Landarbeit aus dem Engadin ins Veltlin zurückkehrten. In genußvoller Fahrt zogen wir an dem sonnenklaren Sonntagmorgen das Tal der Dora Baltea hinauf. Die Dörfer scheinen ärmlich zu sein, die Landschaft aber bietet viel Abwechslung. Oberhalb Liverogne windet sich die Straße lange Zeit durch eine enge winklige Schlucht, die sogenannte Pierre taillée, so daß die Begegnung mit Automobilen hätte gefährlich werden können. Die Talöffnungen von Cogne, Savaranche und Grisanche locken zum Eindringen in die Gletscherwelt der Paradisogruppe; von Zeit zu Zeit hebt die Grivola ihr stolzes, schneebedecktes Haupt über das Dunkelgrün der Vorberge. Zahlreiche Ruinen von Burgen zeugen von der Bedeutung, welche dem Tal in früherer Zeit zukam. Nicht weit vom Hauptorte Morgex, bis zu welchem der Rebbau reicht, ist das Dörfchen La Salle, dessen Name noch an das Volk der Salasser erinnert, die einst das ganze Gebiet um Aosta herum beherrschten und im Jahre 27 vor Christo von Augustus besiegt worden sind, worauf die Römer in Aosta, dem alten Augusta Praetoria, sich ansiedelten.

Oberhalb Morgex verändert sich das Landschaftsbild plötzlich: Die Weinberge und die blühenden Kulturen verschwinden, geradeaus ist das Tal durch einen bewaldeten Hang abgeschlossen, an dem die Straße nach dem Kleinen St. Bernhard sich im Zickzack emporwindet, und in der Talecke liegt in Bäumen versteckt das liebliche Dörflein Pré St. Didier ( 1010 m ), welches wegen seinen Eisenbädern im Sommer viel besucht wird. Aus einem Seitental, das sich zur Rechten öffnet, leuchten in hellem Sonnenlicht die gewaltigen, schneebekleideten Südabhänge der Mont Blanc-Gruppe hervor. Der Postwagen fährt von Pré St. Didier noch bis zu dem 3/4 Stunden entfernten Courmayeur, dem berühmten Touristenort für den Mont Blanc. Wir aber beginnen jetzt mit Freuden die Fußwanderung, indem wir auf Abkürzungswegen die steile Wand hinaufsteigen. Nach Passierung eines größeren Tunnels erreichen wir ein Hochtal, das mehrere Stunden weit sich hinzieht. Dann wird eine kurze und wenig tiefe Schlucht passiert, in welcher die Anhänger der Kiemen St. Bernhard-Theorie die schwierige Stelle erkennen wollen, welche das punische Heer beim Abstieg so lange aufgehalten hat. Polybius schreibt darüber etwa folgendes: Sie kamen an eine enge und abschüssige Abstiegstelle, an welcher der Schnee das Auftreten unsicher gestaltete. Als sie aber an einen Ort gelangten, an dem wegen der Enge weder die Zugtiere, noch die Elefanten hindurchkommen konnten und ein Erdschlipf von etwa 1000 Fuß in die Tiefe stattgefunden hatte, da fing die Menge wieder an, mutlos zu werden. Zuerst wollte Hannibal die Stelle umgehen. Da aber ein Schneefall sich einstellte und den in Aussicht genommenen Weg unmöglich machte, so stand er von seinem Vor- haben ab. Sie waren nämlich zu einer Stelle gekommen, bei welcher unter dem lockeren Neuschnee eine eisharte und glatte Schneefläche vom letzten Jahre her vorhanden war, so daß die Leute und die Tiere leicht ausglitten. Hannibal sah also von dieser Umgehung ab und bezog auf dem Bergrücken, den er vom Neuschnee säubern ließ, ein Lager. Dann ließ er am Abhang einen Weg bahnen, auf dem die Lasttiere und Pferde in einem Tage, die Elefanten dagegen nach Verlauf von drei Tagen vollständig hinübergeschafft werden konnten. Livius und spätere Schriftsteller fügen hinzu, daß an der zu bezwingenden Felswand große Haufen Holzes angezündet und in die Fugen des Gesteines Essig gegossen worden sei, um die Felsen zu sprengen. Wenn auch nach der Überlieferung des Naturhistorikers Plinius solche Sprengungen in den spanischen Bergwerken vorgekommen sein mögen, so muß man sie für den Hannibalzug ins Reich der Fabeln weisen; woher hätte man auch den nötigen Essig genommen?

Nach der Überlieferung ist es höchst wahrscheinlich, daß diese böse Stelle gleich unterhalb des Plateaurandes sich befindet. Das ist nun beim Kleinen St. Bernhard nicht der Fall; denn die von uns genannte Schlucht liegt 700 Meter weiter unten, und da sie nur ganz kurz und wenig tief ist, so hätte sie keine größeren Schwierigkeiten in den Weg legen können. Nach Polybius und andern lag auch die Stelle in einer Höhe, wo noch keine oder nur wenig Vegetation sich an den Hängen zeigt, da sie erst nach Überwindung des Hindernisses in Gegenden gelangten, die mit Bäumen bepflanzt und bewohnbar waren. Nun dehnt sich aber ein weites Gelände von reichem Wiesen- und Baumwuchs schon ziemlich oberhalb der von uns passierten Schlucht aus; also muß auch das Hindernis weiter oben zu suchen sein. Beim Kleinen St. Bernhard freilich findet man ein solches hier nicht.

Wo die Schlucht aufhört, weitet sich das Tal zu dem soeben von uns genannten freundlichen Kessel, in welchem das Dorf Thuille ( 1441 m ) in mehreren Fraktionen zerstreut liegt. Gegen die friedliche Stille des Hochtals sticht das Kriegslager, das hier momentan errichtet war, grell ab. Im Glanz der Mittagssonne erhebt sich im Hintergrunde des Seitentals zur Linken der stolze Schneegipfel des Rutor ( 3486 m ), eines Aussichtsberges ersten Ranges, dessen Besteigung von Thuille über die neue Clubhütte sechs Stunden erfordert. Von dem Weiler Golettaz, wo ich kurze Zeit Mittagsrast halte, ist der Rand des Hochplateaus, welches den Paß des Kleinen St. Bernhard ( 2188 m ) bildet, auf einem Fußpfad, der die Kehren der neuen Straße abschneidet, in l 1/2 Stunden zu erreichen. Für ein Heer gibt es hier durchaus keine Schwierigkeiten. Und die übereinstimmende Überlieferung, daß der Anfang des Abstieges eng und steil gewesen sei, paßt unter keinen Umständen auf den Kleinen St. Bern- hard; das ganze Gelände von Thuille herauf ist vielmehr recht breit und im Durchschnitt nicht sonderlich steil.

Die Hochebene, auf der ein schneidiger Wind bläst, dehnt sich in der Länge von etwa einer Stunde aus und erreicht an einigen Stellen, wenn man die weiten Öffnungen von Seitentälern hinzurechnet, eine ganz ansehnliche Breite, so daß selbst das Millionenheer des Xerxes, das er nach Griechenland führte, hier oben Platz gefunden hätte. Für Bäume ist das Klima zu rauh, Gras gedeiht spärlich, doch mag die Weide für den Aufenthalt weniger Tage genügen. Wunderbar gestaltet sich die Aussicht auf die Mont Blanc-Gruppe mit den schneebedeckten Südabstürzen. Auf der Paßhöhe erhebt sich eine sieben Meter hohe Säule, welche einem Tempel des Jupiter angehört haben soll und jetzt eine Statue des heiligen Bernhard trägt. Gleich darauf führt die Straße durch den nur mit Mühe erkennbaren Cirque d' Annibal, welcher aus 29 etwa fünf Meter voneinander entfernten Steinen besteht und gewöhnlich für ein altes Keltendenkmal gehalten wird. Unweit davon liegt der Alpengarten Chanousia, welchen ein Geistlicher des Hospiz, Mr. Chanoux, angelegt hat.

Während das Hospiz früher von demjenigen auf dem Großen St. Bernhard abhängig war, steht es seit etwa 150 Jahren unter dem Schutze des Ordens St. Moritz und Lazarus. Auch hier werden die Gäste, zum Teil wenigstens, ohne Entgelt bewirtet. Die neue Fahrstraße über den Kleinen St. Bernhard, welcher die Grenze zwischen den Grajischen und Penninischen Alpen bildet, ist erst im Jahre 1870 vollendet worden, also viel später als die Straßen über Mont Cenis und Mont Genèvre.

Die Straße wendet sich bald nach dem Hospiz gegen links, um in großen Windungen den steilen Abhang zu bewältigen, während der Fußweg, d.h. die alte Straße, noch eine halbe Stunde lang beinahe eben sich dahinzieht. Er führt an drei alten Herbergen vorbei, von denen die letzte den Namen Creux des Morts trägt, und bietet einen freien Blick über das langgestreckte Tal der Isère gegen den Hauptort Moûtiers hin mit den hohen Bergketten, welche das Tal beherrschen. Später geht es sehr steil bergab, immer an der rechten Seite der vom Recluse durch-rauschten Schlucht, die sich in den Berghang tief eingefressen hat. Von der linken Seite des Flusses glänzen die sogenannten „ Boches blanches"herüber, ein Name, der in der Hannibalfrage keine kleine Rolle spielt. Polybius spricht nämlich von einem weißen Felsen, der dem Hannibal, als ein Teil des Heeres durch die Feinde vom Zuge abgeschnitten war, eine gesicherte Stätte für die Nacht bot. Doch diese Roches blanches bilden hier einen steilen Abhang, auf dem man nicht wohl kampieren kann. Im übrigen gibt es bei allen Pässen, die in Frage kommen, genug solcher weißen Felsenflächen, so daß diese Notiz des Polybius kaum als beweiskräftig benützt werden kann.

Wenn Livius und andere mit Rücksicht auf den Hannibalweg sagen, daß die Alpen auf der italienischen Seite in der Regel kürzer und steiler und infolgedessen schwieriger zu begehen seien, so paßt dies gerade auf den Kleinen St. Bernhard wieder am allerwenigsten. Von Bourg St. Maurice am Westfuße des Passes, das nur 815 Meter hoch liegt, ist die Horizontaldistanz zur Paßhöhe wesentlich geringer als von Pré St. Didier auf der Ostseite, das eine Höhe von 1010 Metern aufweist. Das beweisen auch die viel bedeutendern Kehren auf der Westseite. Aus eigener Wahrnehmung kann ich bestätigen, daß auf dem alten Weg der Aufstieg von Westen viel steiler, aber auch kürzer ist, als der von Italien her.

Unterhalb der Roches blanches führt der Weg auf die linke Seite des Baches hinüber und erreicht bald das Dorf Seez ( 904 m ), eine am Abhang zerstreute schöne Ortschaft. Die Unterkunft, die ich dort fand, war ganz gut. Es herrschte reges Leben in dem weltentlegenen Dorfe, Schüsse hallten durch die Straßen, die von Lampions beleuchtet waren, und aus allen Fenstern wehten Flaggen und Fahnen. Die Freude galt der Erinnerung an den Tag, da die Erstürmung der Bastille das Zeichen zur Erhebung des Volkes gab. Der 14. Juli wird in ganz Frankreich als ein nationaler Festtag gefeiert. In dem großen Wirtshaus war ich der einzige fremde Gast und konnte mich deshalb leicht trösten, als mir schon vor 9 Uhr die Wirtstochter mitteilte, daß jetzt alles zu Bette gehe und ich mich wohl auch gerne zur Ruhe begeben werde. Lange noch blickte ich vom Schlafzimmer in den sternbesäeten Nachthimmel hinaus und war gerade Zeuge, wie vor dem gegenüberliegenden Hause zwei Polizisten unter freiem Himmel ihr Bett aufschlugen, um in demselben die Nacht zu verbringen. So konnte ich denn, eines sichern Schutzes gewiß, mich ruhig dem Schlafe hingeben.

Als ich folgenden Morgens um 4 Uhr zum Fenster hinausschaute, krochen die beiden Wächter gerade aus ihrem Lager und trugen es zu-sammengeklappt ins Haus hinein. In meinem Gasthause blieb alles gegen die Verabredung vom gestrigen Abend ganz stille. Durch mein etwas geräuschvolles Herumlaufen aufgeschreckt, guckte eine Gestalt verwundert durch eine halbgeöffnete Zimmertüre heraus. Schließlich ergab es sich, daß ich eine Stunde zu früh aufgestanden war. Ich hatte nämlich nicht daran gedacht, daß ich mich jetzt auf französischem Boden befinde, wo die Uhr der italienischen um eine Stunde nachgeht.

Bei Seez bildet die Isère einen rechten Winkel, indem der obere Lauf derselben die Richtung von Süden nach Norden hat und parallel zur italienisch-französischen Grenze läuft. Das obere Tal der Isère, dem wir uns jetzt zuwenden, erstreckt sich in einer Länge von 30 Kilonietern bis zum letzten Dorf, so daß es sich wohl lohnt, für die weite Strecke die Post zu benützen, deren Taxen hier sehr billig sind. Das Tal ist schön und trägt den Charakter stiller Größe. Wenige Ortschaften beleben dasselbe; aber die kleinen Dörfer sind hübsch in die wald- und schluchtenreiche Landschaft eingefügt. Die Schneeberge sind hinter den hohen Talwänden versteckt, mit Ausnahme des Mont Pourri ( 3788 m ), der mächtige Eisströme ins Tal sendet und das Auge des Wanderers lange Zeit fesselt. Ausgedehnte Lärchenwälder mit uralten Baumriesen spenden wohltuenden Schatten. Plötzlich weitet sich hinter einer Schlucht ein lieblicher Talkessel mit der größern Ortschaft Tignes ( 1659 m ). Ein kleiner Postwagen fährt noch weiter das Tal hinauf; ich sehnte mich aber schon lange danach, die Fußwanderung anzutreten, und es geht auch nur eine Stunde, so ist das Dörfchen Val d' Isère ( 1849 m ) erreicht. Hinter Tignes führt das schmale Sträßchen in steilen Kehren aufwärts. Wieder ist es eine Schlucht, welche den hintersten Talgrund von der übrigen Welt abtrennt.

Val d' Isère gehört zu den berühmtesten Hochgebirgsstationen der französischen Alpen, leider entspricht die Frequenz nicht immer der Schönheit und Bequemlichkeit der Lage. Es liegt weit zerstreut in einer ausgedehnten Wiesenfläche, umrahmt von einer reichen Menge berühmter Hochgipfel. In dem kleinen, weitherum bekannten Hotel Moris findet man die vorzüglichste Verpflegung.

Für den Nachmittag war der Übergang über den Col d' Iseran aufs Programm gesetzt, der vom Tale der Isère ins Tal des Arc oder aus der Tarentaise in die Maurienne führt. Bei dem guten Wetter durfte ich es wagen, allein zu gehen. Kurz hinter dem Dorfe wendet sich der Weg nach rechts. Ein freundlicher Herr, der dort in einer armseligen Hütte mit seiner Familie zur Sommerfrische weilte, warnte mich vor dem Aufbruch zu so vorgerückter Stunde und gab mir Anweisungen über den Weg. Obgleich ich denselben zum voraus genau studiert hatte, so gaben mir doch diese freundlichen Winke an Ort und Stelle das Gefühl größerer Sicherheit. Nach einer guten Stunde ist über steile Wege die erste Höhe erreicht, welche prächtige Blicke auf den Bergzirkus von Val d' Isère bietet, besonders auf den Mont Pourri und gegen Osten hin auf die Grande Sassière und die Tsanteleina. Später betritt man ein sanft ansteigendes Tälchen, in welchem auffallend hohe Steinpyramiden die Richtung bezeichnen; einige sind so konstruiert, daß mehrere Personen in ihnen bei Unwetter Unterkunft finden können. Ohne bedeutende Schneereste zu treffen, erreichte ich den Col d'lseran ( 2769 m ) um 5 1/2 Uhr. Zur Linken erhebt sich der Mont Iseran ( 3241 m ), ein unbedeutender Berg, der ohne Schwierigkeiten erstiegen werden kann. Er hat aber in der Geschichte der Berge eine gewisse Berühmtheit erlangt, weil er durch eine merkwürdige Verkettung von Fehlern und Mißverständnissen lange Zeit auf den Karten mit der bedeutenden Höhe von 4045 m. figuriert hat. Reverend W. A. B. Coolidge hat über diesen Irrtum mit der ihm eigenen Gründlichkeit eine eigene Abhandlung geschrieben. Der Paß soll häufig überschritten werden; ich selbst traf auf dem Wege nicht einen einzigen Touristen. Aus der Geschichte ist der Übergang der Waldenser vom Jahre 1689 bekannt, als sie aus der Verbannung zurückkehrten und nach siegreichem Feldzuge sich in ihren Tälern unweit Turin wieder dauernd niederlassen konnten. Da der Paß wenig Aussicht bietet und die Zeit vorgerückt war, machte ich mich bald an den Abstieg. Über steile Geröllhalden erreicht man ein Tal, das plötzlich bei einer engen, tiefen Schlucht abbricht. Ein Felsenweg zieht sich auf der linken Seite hoch über der Schlucht hin. Nach kaum fünf Minuten Weges sehe ich ihn plötzlich durch einen Lawinenrest versperrt, entdecke dann aber beim Herumspähen auf dem andern Ufer einen Pfad, der ohne großen Umweg zu erreichen war. Dann folgt eine schöne, weite Alp, die mich an den Urnerboden gemahnte. Es war ein köstliches Wandern in der Abendkühle, im Vordergrund kam nun die hübsche Kette mit der Ciamarella und dem Albaron, von mattem Abendrot beleuchtet, zum Vorschein. Es dunkelte schon, als ich die letzte Stelle, eine steile Geröllwand hinabstieg, an der die ausstrahlende Wärme noch manchen Schweißtropfen herauspreßte. Bonneval ( 1835 m ) ist die erste größere Ortschaft im obern Tale des Arc, allein etwa zehn Minuten weiter oben wurde von der Sektion Lyonnaise des Club Alpin Français ein kleines Gasthaus errichtet, das durch seine freie Lage in schöner Umgebung eine freundliche Heimstätte bietet. In dem äußerst günstigen Klima gedeiht das Getreide bis auf 2000 Meter; nicht weit von hier liegt auch das höchste ständig bewohnte Dörfchen Frankreichs, mit Namen l' Ecot ( 2046 m ); bei der großen Gemeinde St. Véran in der Landschaft Queyras ( Dauphiné ) erreichen die obersten Häuser ungefähr die gleiche Höhe; dort geht das Getreide, wie mir Herr Dr. Stebler mitteilte, bis auf 2300 Meter hinauf, also weit über Pilatushöhe.

Unterkunft und Verpflegung waren in diesem bekannten Hochgebirgs-zentrum wiederum vorzüglich; aber auch hier wurden die gleichen Klagen über den geringen Besuch geäußert. Wer jedoch bedenkt, daß in jenen Gegenden Eisenbahnen nur durch die Haupttäler des Gebirges und nicht einmal bis zu den obersten Ortschaften angelegt sind, wird über den geringen Besuch der Berggasthäuser nicht erstaunt sein; auch sind die Postverbindungen spärlich und nicht bequem.

Als ich am folgenden Morgen talabwärts wanderte, war von Touristen wieder nichts zu sehen; die einzigen Leute, denen ich begegnete, waren junge, lebhafte Pfarrherren, die zu einer Versammlung nach Bonneval hinaufpilgerten. Bald ist das große Dorf Bessans ( 1742 m ) erreicht, das sich recht hübsch ausnimmt inmitten fruchtbarer Wiesen und Felder. Die Leute sind von stattlichem Aussehen; die Frauen haben noch eine besondere Tracht, an der eine eigentümliche nette Haube besonders hervorsticht. Man sah, ähnlich wie in Evolena, viele Männer und Frauen auf den Maultieren reiten. Soweit ich aus den kurzen Beobachtungen schließen konnte, tragen Land und Leute viel Urwüchsiges an sich. Der weitere Weg bietet wenig Eeize mehr. Über das Dörfchen Maddalena, das in der Nähe eines gewaltigen, aber längst überwachsenen Trümmerfeldes liegt, windet sich die Straße nach Lanslebourg ( 1398 m ) hinab, dem Hauptorte des Tales, der sich am Ausgang einer Schlucht ausdehnt. Eine einzige breite Straße zieht sich durch das große Dorf mit den niedrigen Häusern. Vor der Eröffnung der Mont Cenis-Bahn herrschte hier, am Fuße des nahen Mont Cenis-Passes, ein reges Treiben; jetzt bringt die Kaserne, welche für ein Bataillon Alpenjäger eingerichtet ist, noch einiges Leben. Lanslebourg ist der einzige Ort, wo man mir anfänglich wegen des Empfangs von Briefen auf der Post Schwierigkeiten bereitete. Sonst galt überall, auch auf der Grenze, die Mitgliedskarte des S.A.C. als genügender Identitätsausweis.

Die Straße über den Mont Cenis, welche direkt bei Lanslebourg beginnt und im Zickzack in sechs Strecken von je einem Kilometer Länge zum Hochplateau ansteigt, ist von 1803 —1810 durch Napoleon I. gebaut worden. Vor der Eröffnung des Tunnels war während drei Jahren ( 1868—1871 ) eine von dem Engländer Fell konstruierte Eisenbahn über den Berg in Betrieb, welche meistens das Tracé der Straße, deren Gefäll nicht ganz 7 % beträgt, benutzen konnte. Diese Bahn, welche damals als große Merkwürdigkeit galt, mußte nach der Vollendung des Tunnels ihren Betrieb einstellen. Während im Altertum der Paß an Bedeutung hinter den andern Übergängen zwischen Frankreich und Italien zurückstand, spielte er dagegen im Mittelalter eine große Rolle, indem er von den deutschen Kaisern bei ihren Zügen nach und von Rom sehr häufig benutzt wurde. Die Züge Pipins im Jahre 755 und Karls des Großen im Jahre 773 sind die ersten, welche sich auf eine sichere Überlieferung stützen. Ein steiler Weg über Wiesen schneidet die Biegungen der Straße ab und brachte mich in 1 1/2 Stunden bis zur Paßebene hinauf. Am Rande derselben setzte ich mich nieder, um die Aussicht zu genießen, in deren Bereich das verlassene Tal von Lanslebourg, und darüber die Kette der Dent de Parrachée und des Dôme de Chasseforêt liegen. Die Hochebene des Mont Cenis, die sich fast 1 1/2 Stunden weit ausdehnt, stellt ein Landschaftsbild von überwältigender Schönheit und Mannigfaltigkeit dar. Vom Plateaurand hebt sich das Terrain über üppige Wiesen sanft zur Höhe ( 2101 m ), wo Zoll und Polizei eine scharfe Kontrolle ausüben. Schon von hier erreicht der Blick die farbenprächtigen Berge gegen Susa hin, und nach weitern 20 Minuten öffnet sich eine ebene Fläche, auf welcher zahlreiche Häuser zerstreut liegen. Rechts ist die Straße von einem 2 Kilometer langen See flankiert, hinter welchem die Ebene in ein breites Hochtal einmündet, das zu den Pässen des Kleinen Mont Cenis ( 2184 m ) und des Col du Clapier ( 2491 m ) überleitet. Im gegenwärtigen Stand der Hannibalfrage sind es nicht am wenigsten französische Gelehrte, welche dem Mont Cenis die Ehre geben, dem Hannibal als Übergang gedient zu haben, und die beiden genannten Parallelpässe sind neuestens als Varianten stark in den Vordergrund getreten. Alle drei vereinigen sich später oberhalb Susa. Die Hochebene des Mont Cenis ist für ein Heereslager noch viel geeigneter als der Kleine St. Bernhard; sie dehnt sich in noch größeren Dimensionen aus und besitzt bessere Weiden als jener. Bäume sah ich keine, mit Ausnahme vereinzelter Lärchen. Zur Linken des Plateaus erhebt sich unvermittelt ein steiler Gebirgshang, im Vordergrund drohen von hohen Hügeln herab-starke Festungen, welche die Durchfahrt nach Italien beherrschen. Man findet sich auf dieser Höhe wie in einer neuen Welt, die zwar eng und abgeschlossen ist, auf der aber doch viel Leben pulsiert. Der Gasthof „ zur Post " in der Nähe des Sees schien mir einzig für ein Nachtquartier zu passen. Er sieht zwar nicht gerade großartig aus; aber das Nachtessen, welches gereicht wurde, gestaltete sich so reichhaltig und üppig, daß ein Zunftessen, wie man es in Zürich zu genießen pflegt, damit keinen Vergleich aushalten kann.

Am folgenden Morgen rückte das Militär schon in aller Frühe nach allen Seiten hin zu Übungen aus. Auch ich machte mich beizeiten auf den Weg. In einer kleinen Viertelstunde führt derselbe dem See entlang zum Hospiz ( 1939 m ), ursprünglich ein von Ludwig dem Frommen gestiftetes Kloster, jetzt aus Gasthaus und Kaserne bestehend. In einer halben Stunde erreichen wir das Gasthaus Grande-Croix ( 1850 m ), wo ein großes Kreuz dem von Susa heraufpilgernden Wanderer das Ziel des mühsamen Weges anzeigt. Es folgt alsdann unmittelbar ein steiler Absturz, der zur kleinen Ebene St. Nicolas hinabführt. Die Beschreibung der ersten Schwierigkeit beim Abstieg Hannibals paßt deshalb nicht auf diese Stelle, weil sie nicht eng ist und nirgends eine ganz besonders enge Passage zeigt; auch ist der Absturz, über den sich jetzt die Straße windet, kaum 60 Meter tief. Nach dem Ausgang der Ebene San Nicolas, die in eine Länge von kaum 10 Minuten sich erstreckt, führt der alte Weg dem Flußchen Cenise entlang direkt und steil nach Novalese hinab, wo ein seit 1855 aufgehobenes Kloster steht, dessen Gründung in die Zeit der Karolinger reicht. Die Straße zieht sich in langen Windungen hoch an der offenen Bergwand hin, so daß der Blick ungehemmt in die Tiefe nach Susa und darüber hinaus in die blühende Ebene gegen Turin hin schweifen kann. Schon am frühen Vormittag machte sich die intensive Hitze fühlbar, die aus den Niederungen heraufquoll; ich wußte mich aber derselben zu erwehren, indem ich mich von Zeit zu Zeit unter einen herabstürzenden Wasserfall stellte, welcher die Kleider und den Körper so durchnäßte, daß die Sonne schon etwa eine halbe Stunde brauchte, um ihre Macht wieder fühlen zu lassen. Auf dem Abstieg ist Gelegenheit, die Roccia Melone ( 3537 m ) zu bewundern, die als südlichster Gipfel der Grajischen Alpen nördlich von Susa steil emporsteigt.

Die Stadt Susa, in die ich um die Mittagsstunde einrückte, hat viel von ihrer Bedeutung verloren, seitdem die Mont Cenis-Bahn den Verkehr über den Berg verdrängt hat. Die Bahn, welche von Susa an eine fruchtbare, fabrikreiche Gegend durchschneidet, bringt die Reisenden in zwei Stunden nach Turin; unterwegs schweift der Blick von Zeit zu Zeit auf die stolze Höhe der Superga. Es war nicht meine Absicht, lange in Turin zu bleiben, da ich die Stadt von früher her kannte; immerhin ist mir jener kurze Nachmittag, den ich in dem schönen Quartier um den Bahnhof herum zubrachte, in angenehmer Erinnerung geblieben. Lustig war es zu beobachten, wie die Leute mich wegen der keineswegs auffälligen Bergausrüstung und des Pickels anstaunten; in einem großen Café, gegenüber dem Bahnhof, hat sogar der Oberkellner die ganze Kellnerschar zusammengerufen, um derselben den Pickel zu zeigen, dessen Bedeutung ich dann erklären mußte. Schon in der Eisenbahn hatten Soldaten aus Susa das ihnen unbekannte Instrument angestaunt.

Die Eisenbahnfahrt nach der Stadt Saluzzo, welche ich am gleichen Abend noch erreichen wollte, wird mir unvergeßlich bleiben. Schließlich ist man doch froh, aus dem wogenden Gedränge einer Großstadt herauszukommen, und die 40 Kilometer lange Strecke, welche in gut zwei Stunden durchfahren wird, gehört ohne Zweifel zu den gesegneteren Gegenden Italiens. Üppige Getreidefelder wechseln mit ausgedehnten Wiesen, von welchen stattliche weiße Rinder das Heu heimführen. Am westlichen Rande der Ebene heben sich die Vorberge der Waldenser Täler in schön geschwungenen Linien am reinen Abendhimmel ab. Ein großes, schönes Dorf oder Städtchen folgt dem andern, und sowohl die Leute, die auf den Bahnhöfen zu sehen waren, als auch die Landleute, die im Zuge fuhren, bewiesen mir, daß in diesem Teile des Piemont ein gesunder Schlag Menschen wohnt. Die Stadt Saluzzo ( 365 m ), in der ich um 9 Uhr abends ankam, spielte in frühern Zeiten als Hauptstadt der Markgrafen von Saluzzo keine unbedeutende Rolle; sie weist viele alte Denkmäler auf und ist gegenwärtig ein belebter Industrieort von zirka 20,000 Einwohnern. Auf dem großen Hauptplatz herrschte bis spät ein buntes Treiben; überall ertönte Musik. Ein Denkmal erhebt sich in der Mitte des Platzes; beim matten Licht einer Laterne entdeckte ich, daß es zu Ehren des Dichters Silvio Pellico errichtet ist, eines daselbst gebornen edeln Patrioten und Denkers, der seine Ideen und die Leiden, die er in den österreichischen Gefängnissen duldete, in seinem bekannten Buche „ Le mie prigioni " so schön dargelegt hat. Italien hat im vergangenen Jahrhundert zu den Zeiten, da es unter dem Drucke fremder und unverständiger Mächte stand, eine Reihe großer Männer hervorgebracht. Jetzt, wo das Joch abgeschüttelt ist und das ganze Land den Segen freier Entwicklung genießen kann, sind dieselben dünner gesäet.

Am folgenden Morgen war früh schon viel Volk auf den Straßen, namentlich Arbeiter, die in die benachbarten Fabriken strömten. Auf einer Straßenbahn, einem in Norditalien vielverbreiteten Verkehrsmittel, wende ich mich nun wieder gegen Westen, dem Gebirge zu.

Paësana ( 596 m ), eine kleine Stadt, die im obern Po-Tale liegt, ist das Endziel der Bahn. Da das Tagesprogramm im ganzen keine große Marschleistung in Aussicht nahm, so ging ich zu Fuß von Paësana bis zu dem 10 Kilometer weiter oben im Po-Tale liegenden Crissolo ( 1333 m ). Zum Glücke leistete mir auf der mühsamen, sonnigen Wanderung eine junge Führersfrau Gesellschaft. Crissolo bildet den Ausgangspunkt für Touren auf den Monte Viso ( 3843 m ). Ich sah von einer Besteigung dieses Berges ab, weil ich meinem Programm treu bleiben wollte; auch wußte ich, teils aus eigener Erfahrung, daß im Hochsommer selbst beim schönsten Wetter der Berg schon am Morgen früh sich in Nebel hüllt und dem Besteiger die Fernsicht raubt. Für die vielen Wirtschaften, welche an der einzigen Straße des kleinen, armen Dörfchens sich aneinanderreihen, war der Fremdenbesuch gering; nur im Hotel Gallo, dem ich die Ehre des Besuches gegeben hatte, zeigte sich eine größere Zahl von Gästen.

Am spätem Abend machte ich mich wieder auf den Weg, nach dem sogenannten Piano del Re ( 2041 m ), wo ich die Nacht zuzubringen gedachte. In 2 1/2 Stunden ist auf gutem Fußweg das kleine Gasthaus erreicht. Unansehnlich in seinem Äußern, thront es auf einer Anhöhe, von der man den anmutigen Talkessel überblickt, der auf drei Seiten vom Gebirge umgeben ist, während der östliche Ausgang einen malerischen Blick das Po-Tal hinab gegen die Ebene von Saluzzo bietet. Eine größere Anzahl Soldaten hatten ihre Zelte hier aufgeschlagen, und während etlicher Stunden hallten die Klänge der Trompeten romantisch durch die Stille des Abends. Lichter blitzten da und dort vom Lager her auf, der schönste Glanz aber leuchtete vom Monte Viso, dessen steilragende Wände in greifbarer Nähe das Mondlicht umfloß. Beizeiten legte ich mich zur Ruhe, die aber nicht sofort sich einstellte. Im Boden des Schlafzimmers waren nämlich so große Löcher, daß ich den Offizieren, welche im Zimmer darunter spielten, in die Karten sehen konnte und natürlich auch deren Gespräch gut hörte. Doch bemerke ich der Wahrheit gemäß, daß sie sich recht zusammennahmen und durchaus keinen übertriebenen Lärm verursachten.

Wir befinden uns auf klassischem Boden. Der Monte Viso war als Mons Vesulus den Alten schon bekannt und galt wegen seiner imposanten Gestalt, die man in weitem Umkreise sieht, als einer der höchsten Berge der Alpen. Ein noch größerer Nimbus umhüllt den Po, dessen Quellen in direktester Nähe des Piano del Re dem Gebirge entsprudeln. Als Hauptstrom Oberitaliens, dessen Fruchtbarkeit er bedingt, hat er unter dem Namen Padus oder Eridanus beinahe göttliche Ehre erlangt.

Beim Begleichen der Rechnung zeigte es sich, daß der Träger, den ich mitgenommen hatte, nobler gelebt hatte als ich. Im übrigen darf er, Francesco Gilli ist sein Name, den Touristen wohl empfohlen werden.

Als wir aufbrachen, um über den Colle della Traversetta ( 2950 m ) wieder in französisches Gebiet hinüberzugehen, sahen wir die Soldaten schon weit oben im Zickzack einen hinter dem andern eine steile Wand hinaufmarschieren. Unser Aufstieg vollzieht sich in einem mäßig ansteigenden Hochtal; es sind jetzt noch Spuren eines Sträßchens vorhanden, das früher den Verkehr mit kleinen Fuhrwerken ermöglicht hat. Nach zweistündigem Marsche befinden wir uns am Eingang des berühmten alten Tunnels, der etwa 50 Meter unterhalb des Passes den Berg durchbricht. Ohne die roten Zeichen, die ihn markieren, würde er kaum beachtet werden. Es war uns anfänglich nicht in den Sinn gekommen, denselben zu traversieren, da er im damaligen Zustand für unpassierbar galt. Aber wie es so geht; als wir Wunders wegen einige Schritte weit eingetreten waren, verfolgten wir den geheimnisvollen Gang unwillkürlich, obschon wir kein Licht bei uns hatten. Der Boden ist von Anfang an mit steinhartem Eis bedeckt und steigt gegen die Mitte des Tunnels an; ein eisernes Geländer, das wir beim Tasten schließlich entdeckten, erleichtert das Gehen. Da der Boden durch die vielen während langer Zeit abgestürzten Steine bedeutend erhöht worden ist, so ist es unmöglich, aufrecht zu gehen. Halb kriechend kamen wir nur langsam vorwärts. In der Mitte der Höhle versperrt ein dicker Eisklotz den Durchgang. Während der dünnleibige Führer sich durchpressen kann, muß er für mich ein gehöriges Stück desselben abschlagen, damit ich durchkomme. Das Drahtseil ist nur auf eine kurze Strecke hin angebracht und doch hätten wir es jetzt wieder brauchen können, da auf einmal der Boden sich senkte und wir abrutschten, zum Glücke nicht sehr weit. Endlich glänzt in der Ferne ein Lichtschimmer als erlösender Hoffnungstrahl; aber die Befreiung aus dem Gefängnis ließ längere Zeit auf sich warten. Zuerst mußten vor dem Ausgang zahlreiche Eiszapfen, welche von der Decke bis zum Boden herabhingen, weggeschlagen werden; dann hatte der Führer große Mühe, die gewaltigen Schneemassen, die sich angehäuft hatten, zu durchbrechen. Endlich war der Ausbruch so groß, daß wir hinausschlüpfen konnten, und mit Freuden verließen wir schließlich den interessanten Tunnel, dessen Begehung etwa eine halbe Stunde gekostet hatte, während die völlige Überschreitung des Passes sogar weniger Zeit in Anspruch genommen hätte. Der Tunnel, welcher eine Länge von 75 Metern hat, ist ums Jahr 1480 vom Markgrafen von Saluzzo mit Unterstützung des Königs von Frankreich gebohrt worden, um den gegenseitigen Handelsverkehr, d.h. die Einfuhr von Reis, Öl und Fellen aus Italien, und die Einfuhr von Salz, Vieh und Kleider-stoffen aus Frankreich nach Italien zu erleichtern. Bald wurde er auch für Truppen benutzt und erhielt eine besonders wichtige Bedeutung, als im Jahre 1529 die Markgrafschaft Saluzzo unter die Herrschaft Frankreichs kam, unter der sie bis zum Jahre 1601 verblieb. Später geriet er in Verfall und wurde nur selten wieder gangbar gemacht. Am Ende des vergangenen Sommers ist er nun aber auf die Anregung der Sektion Monviso des C.A.I. vollständig ausgebessert worden und soll für die Zukunft in begehbarem Zustande erhalten werden. Die Eröffnung desselben wurde zu einem wahren Verbrüderungsfest der anwohnenden Italiener und Franzosen. Eine Legende überliefert, daß Hannibal schon diesen Tunnel durchbrochen habe, und zwar mit Hülfe von Essig und Feuer. Dabei ist nur so viel richtig, daß auch dieser Paß, wie die Po-Quelle und der Monte Viso, in den Bereich der Sagen gezogen wurde, und daß von mehreren Forschern der Colle della Traversetta als Hannibalweg bezeichnet worden ist. Diese Annahme stützt sich großenteils auf die Überlieferung des Polybius und Livius, welche sagen, daß Hannibal den mutlosen Soldaten von der Paßhöhe aus die Ebenen um den Po herum gezeigt habe.Vom Colle della Traversetta sieht man allerdings auf die Po-Ebenen hinunter, von den früher erwähnten Pässen dagegen nicht. Doch ist auf diese Stelle kaum allzu großes Gewicht zu legen, da man dem Hannibal, der seinen Soldaten wieder Mut einflößen will, wohl eine derartige geographische Ungenauigkeit in den Mund legen darf. Meines Erachtens kann dieser Paß schon aus dem Grunde nicht in Frage kommen, weil er relativ sehr hoch und durch die Schluchten des Guil schwer zugänglich ist; auch existiert auf der Höhe gar keine Ebene, wo ein Heer auch nur wenige Stunden hätte rasten können.

Hier sei noch auf einen zweiten „ Monte Viso-Paß " hingewiesen, der allen Ernstes als Hannibalweg hingestellt wurde, und zwar von dem bekannten Alpinisten Douglas W. Freshfield ( Alpine Journal, vol. XI ): Es ist dies der Col d' Argentière ( 1995 m ), welcher aus dem Tale der Durance nach Cuneo hinüberführt. Uns scheint dieser Paß viel zu südlich in Italien auszumünden; nach Freshfield soll aber die Topographie desselben mit der von den alten Autoren angegebenen vorzüglich übereinstimmen. Da wir den Paß nicht aus eigener Anschauung kennen, so können wir die Angaben nicht auf ihre Richtigkeit prüfen.

Auf der italienischen Seite windet sich unser Weg über Trümmerfelder hinab, erreicht aber sehr bald die Weideregion. Wir lassen uns zu einer längern Rast nieder, im Anblick der steilen Westwände des Viso und seiner Nachbarn. Auf dem ganzen weiten Abstieg zeigt dieser Hintergrund wechselvolle Bilder von packender Wirkung.

Ich entließ nun meinen Träger und wanderte das einsame Tal des Guil hinab. Die Gegend zeigt sich stellenweise monoton, Alphütten sieht man nur wenige. Ich war daher schließlich froh, wieder in bewohnte Gegenden zu kommen. Mehrere Dörfchen folgen sich rasch aufeinander; von einem derselben zweigt der Weg über den leichten Col de la Croix nach den Waldensertälern ab. Dann grüßt von einem weitem Talgrunde das Dorf Abries ( 1552 m ) herauf.

Obschon ich zeitig ankam, um noch mit der Post um 1 Uhr abreisen zu können, so entschloß ich mich doch, den Abend hier zu verbringen, da die hübsche Lage und die Eigenart des französischen Dorfes mich fesselten. Abries ist von Fremden ziemlich belebt und besitzt bereits ein Grand Hôtel, dem ich aber das gut bürgerliche, in vielem freilich noch primitive Gasthaus „ zur Post " vorzog. Daß man nicht mehr in Italien sich befindet, sieht man an der ordentlicheren Kleidung und Haltung der Bewohner, auch an dem solideren und freundlicheren Aussehen der Häuser. Die Bewohner sind dem Fremden gegenüber äußerst zuvorkommend und zeigen durch ihre Munterkeit und Beweglichkeit, daß wir unter Franzosen uns befinden.

Am folgenden Morgen bestieg ich früh den bequem eingerichteten Postwagen, der mich in etwa sechs Stunden wieder in die Region der Eisenbahnen bringen sollte; für die 36 Kilometer betragende Strecke nach der Station Mont Dauphin bezahlt man nur fünf Franken. Das Tal des Guil, welches durchfahren wird, gehört durch den Wechsel von freundlichen Dörfern und wilden, tiefeingerissenen Schluchten zu den schönsten Gegenden der französischen Alpen. Leider sind an vielen Orten die Felswände des schützenden Waldes entkleidet. Halbwegs ungefähr versperrt das stolze Schloß Queyras an einer schmalen Stelle den Weg, weiter unten zieht sich die Straße ohne Schutzwehren höher und höher an schwindelnden Abgründen hin, bis plötzlich auf dem höchsten Punkte dem Beschauer das breite Tal der Durance sich zeigt, das gegen Süden allmählich in freieres und weniger hohes Gelände sich zu verlieren scheint. Nach rascher Abfahrt machen wir im Städtchen Guillestre Mittagshalt, wo es von Soldaten, Pferden und Kriegswagen wimmelte, so daß man durch dieses bunte Treiben lebhaft an Kriegsbilder aus dem deutsch-französischen Kriege erinnert wurde. Die Station Mont Dauphin, welche ihren Namen nach der nahen starken Festung erhalten hat, ist nur noch eine halbe Stunde entfernt. In weniger als einer Stunde fährt der Expreßzug, abwechselnd in Tunnels und im offenen, engen Tal, nach seinem Endziel Briançon ( 1321 m ). Der Himmel hatte sich auf einmal überzogen, und der Staub der Straßen lechzte nach dem erquickenden Naß. Wirklich fielen einige schwere Tropfen, aber nach wenigen Minuten hörte es wieder auf. Das war der einzige Regen, den ich auf der ganzen Reise zu spüren bekam; im übrigen ging ein Tag sonniger als der andere dahin. Die Lage der Stadt Briançon sucht ihresgleichen auf der ganzen Welt. Eine steile Straße führt vom Bahnhof zu ihr hinauf; sie selbst ist an einem Abhang angelegt und wird von äußerst abschüssigen Gassen durchschnitten. Starke Befestigungswerke zeigen sich direkt um die Stadt herum; außerdem ist aber eine große Reihe benachbarter Hügel und Berge in weitem Umkreis mit künstlichen Fortifikationen versehen, die dem Landschaftsbilde ein merkwürdiges, ungewohntes Gepräge verleihen. Natur und Kunst haben sich vereinigt, um ein Festungssystem zu schaffen, welches sich malerisch in die Landschaft einfügt. Da Briançon an der Vereinigung des Durancetales, der Straße nach dem Col du Lautaret und der Mont Genèvre-Route liegt, so war eine solche Befestigung ersten Ranges von der Natur geboten.

Um nun auch noch den letzten in Frage kommenden Paß, den Mont Genèvre, zu begehen, mußte ich mich wieder der italienischen Seite zuwenden. Gleich außerhalb des Städtchens läßt man die Straße, die nach dem Col du Lautaret und weiter durch das Tal der Romanche nach Grenoble führt, zur Linken.

Die erste Strecke Weges nach Briançon geht langsam von statten, da von Zeit zu Zeit wieder eine neue Festung auf einem Berge auftaucht, welche die Blicke des Wanderers fesselt, und in dem gereinigten Abendhimmel enthüllen sich nun auch die interessanten Berge der Pelvouxgruppe. In einer halben Stunde ist das Dorf La Vachette erreicht, wo das einsame Tal von Névache abzweigt. Bald beginnt der eigentliche Anstieg, der in Windungen mit bloß 5 % Steigung durch Wald zur Höhe führt; diese kann auch durch aussichtsreiche Abkürzungen gewonnen werden. Ein kleines Dörfchen mit dem alten Hospiz und einigen modernen Gasthäusern breitet sich auf der Höhe des Mont Genèvre ( 1869 m ) aus, anmutig gelegen inmitten von Wiesen und Getreide- oder Kartoffelfeldern, die von Waldbeständen umrahmt sind. Auch hier könnte ein Heer bequem sein Lager aufschlagen, da nicht nur der Platz vollkommen ausreicht, sondern auch genügende Nahrung gefunden wird. Im Gegensatz zum Mont Genèvre kommt einem der Kleine St. Bernhard recht unwirtlich vor. Hier auf dem Mont Genèvre haben wir nicht das Gefühl, daß wir auf einer bedeutenden Erhebung über den ebenen, tiefer gelegenen Gefilden uns befinden, zumal da wir von der französischen Seite her kommen. Der Weg von Mont Dauphin und weiter von Südwesten her steigt, mit Ausnahme der letzten Stunde, so langsam und gleichmäßig an, daß man ohne bedeutende Anstrengung die Höhe erreicht. Auf diesen Übergang paßt auch die Bemerkung der alten Autoren, daß der Abstieg nach Italien steiler und kürzer sei als derjenige nach Frankreich, wie ich bei genauer Vergleichung der Strecken Briançon — Mont Genèvre und Césanne — Mont Genèvre, sowie auch der weiteren Zugangsstrecken konstatieren konnte. Wenn man den Hauptkamm der Alpen vom Mittelmeer an bis zu den karnischen Alpen weit im Osten ins Auge faßt, so bildet der Mont Genèvre die tiefste Depression, über welche eine Straße führt, mit Ausnahme der Reschen-Scheideck, wo die Etsch entspringt, und des Brennerpasses.

Mit der Überlieferung der klassischen Autoren stimmt auch die Tatsache überein, daß gleich am Rande der Hochebene gegen Italien hin der steile und enge Abstieg beginnt; auch läßt sich die besonders schwierige Stelle hier sehr leicht irgendwo unterbringen. Mit einem gewissen Bedenken betrachte ich jetzt die Notiz über den harten, vom letzten Jahre zurückgebliebenen Schnee, der unter der lockeren Schicht des Neuschnees existiert haben soll. Obschon nämlich der Winter 1906/1907 sehr schneereich und der Vorsommer 1907 relativ kalt war, wie zuverlässige Berichte aus den französischen Alpen gemeldet haben, so habe ich doch unter 2000 Metern nirgends auch nur eine Spur von Schnee getroffen; und das Klima hat sich in diesen 2000 Jahren nicht wesentlich verändert. Der Zug des Hannibal fällt zudem in den Herbst, so daß der ganze Sommer seine Wirkung am alten Schnee hatte ausüben können. Beim Kleinen St. Bernhard müßte dieser alte Schnee in der Schlucht unterhalb Thuille, also etwa in einer Höhe von 1400 Metern gewesen sein, was ganz undenkbar ist. Beim Mont Genèvre könnte man sich diese Stelle schon in einer Höhe von gegen 1708 Metern denken; ganz ausgeschlossen ist es nicht, daß ein alter Lawinenrest an einer der Sonne weniger zugänglichen Stelle den ganzen Sommer bestanden hat. Schon Polybius berichtet, wie oben erwähnt worden ist, daß Gesandte der Boier und Insubrer ( aus der Gegend von Mailand und weiter östlich ) unter dem Fürsten Magalus dem Hannibal bis an die Rhone entgegengegangen seien und sich anerboten haben, das karthagische Heer auf kurzem und sicherem Wege und durch Gegenden, wo sie an nichts Mangel leiden müßten, zu führen. Der sicherste, bequemste und durch die fruchtbarsten Gegenden führende Weg ist nun gewiß der über den Mont Genèvre; daß die gallischen Gesandten durch die Tradition von zahlreichen frühern Keltenzügen her und teils aus eigener Anschauung über die Qualität der Pässe Bescheid wußten, darf man mit Sicherheit annehmen. Beim Kleinen St. Bernhard wäre das Heer nicht nur in der Tarentaise, sondern noch viel mehr beim Abstieg den größten Schwierigkeiten begegnet, indem abgesehen von der Schlucht bei Thuille die vielen und lang sich erstreckenden Engpässe zwischen St. Didier und Aosta, noch mehr aber zwischen Aosta und Ivrea nur ein langsames und mühevolles Vorwärtsschreiten gestattet hätten. Wenn ich also gestützt auf meine persönlichen Wahrnehmungen an Ort und Stelle, hauptsächlich beim letzten Aufstieg, auf der Paßhöhe und vor allem bei den Abstiegen ein Urteil fällen soll, so würde dasselbe zu gunsten des Mont Genèvre ausfallen und jedenfalls den Kleinen St. Bernhard ganz in den Hintergrund drängen. Historische Zeugnisse, wie vom Geographen Strabo, von denen ich aber hier nicht weiter sprechen kann, weisen auch auf den Mont Genèvre hin. Ein sicheres Urteil wird man wohl nicht fällen können. Es bereitete mir aber nicht nur vielen Genuß, dem Schauplatz einer historisch denkwürdigen Tat nachzugehen, sondern auch reiche Belehrung in geographischer, historischer und andern Beziehungen zu holen.

Obschon 7 Uhr schon vorbei war, als ich noch auf dem Mont Genèvre stand und meine Betrachtungen anstellte, so entschloß ich mich doch, am gleichen Abend noch die 1 1/2 Stunden nach Césanne, dem ersten großen Dorfe auf der italienischen Seite, zurückzulegen. Nach langem Tagewerke liebe ich die Wanderungen in den kühlen Abend hinein, wo die Gedanken sich sammeln und in der milden Stimmung die Eindrücke, die man in sich aufgenommen hat, leicht zu einem harmonischen Gesamtbilde sich vereinigen. In der Nähe der Paßhöhe erinnert ein großer Obelisk mit einer Inschrift in lateinischer, französischer, italienischer und spanischer Sprache an den Bau der Straße, welcher auf die Anregung Napoleons beschlossen und im Jahre 1807 vollendet worden ist. Nachdem drei Grenzwachen, die mich in ihrem Mißtrauen für einen fremden Offizier hielten, der die Gegend ausforschen wolle, glücklich passiert waren, konnte ich ruhig meine Wege gehen. Gleich am Rande des Plateaus, kurz nach dem Dörfchen Clavières ( 1768 m ), folgt die früher genannte steile, schmale Senkung in beträchtliche Tiefe. Jetzt noch führt ein Fußweg über die steile Wand hinab und dann eine Strecke weit hart am Flußbett weiter, während wie gewöhnlich die moderne Straße auf der aussichtsreichen Höhe angelegt ist. Vor dem ersten größern Abstieg übersteigt sie auf einer schwebenden Brücke den schwindelnden Abgrund und führt mitten durch eine Festung, die am steilen Abhang zu kleben scheint. Von unten herauf glänzen durch das Dunkel, in das sich die Landschaft allmählich gehüllt hat, die Lichter von Césanne, italienisch Cesana ( 1359 m ), wo ich nach 9 Uhr im Gasthof Chaberton eintreffe.

Der folgende Tag war ein Sonntag, für mich zugleich ein Fasttag, da offenbar unreifes Obst meinen Magen ein bißchen gestört hatte. Bis abends 9 Uhr bildeten eine kleine Tasse Kaffee in Césanne, eine solche am Mittag in Modane und zwei Glas Münchner Bier am Abend meine einzige Nahrung. Diese Enthaltsamkeit, die mich keine große Überwindung kostete, reichte zur sofortigen Besserung vollkommen aus. Auf dem Wege, der sich von Césanne durch das Tal der Dora Riparia hinabzieht, überholte ich Scharen von Laudieuten, die in originelle Tracht gekleidet zu einem Feste nach Oulx ( 1121 m ) pilgerten. Ich erreichte das Städtchen noch rechtzeitig, um den Zug von Turin nach dem Mont Cenis zu benützen. Eine halbe Stunde dauerte die Fahrt durch den Tunnel; es war jetzt das fünfte Mal, daß ich auf dieser Reise die italienisch-französische Grenze überschritt. Nach zweistündigem Aufenthalt in Modane brachte mich die Bahn durch die schluchtenreiche Maurienne in die üppigen Gefilde von Chambéry und nach dem paradiesischen Aix-les-Bains, wo ich einige Stunden dem bunten Treiben einer hocheleganten Welt zuschauen konnte, dann dem langgestreckten Lac de Bourget, dem größten See Frankreichs, entlang nach dem reizend gelegenen Städtchen Culoz, wo ich in einem gemütlichen Gasthof nahe beim Bahnhof die letzte Nacht auf fremdem Boden zubrachte.

Der nächste Tag erweckte wieder, gleich wie der erste Wandertag, Erinnerungen an die Helvetier und an Julius Cäsar. Dem breiten Strome der Rhone entlang, da, wo jetzt die Eisenbahn den Verkehr der Völker schnell vermittelt, zogen vor bald 2000 Jahren die Helvetier mit Weib und Kind und ihrer ganzen Fahrhabe, um in Südfrankreich eine von der Natur besser gesegnete Heimat zu gründen, die Brust mit stolzen Erwartungen erfüllt; und auf demselben Wege kehrte wenige Wochen später nach der Schlacht bei Bibracte ein kleiner Teil dieser einst so kühnen, hoffnungsfreudigen Auswanderer zurück, mit Gram und Schmerz in ihren Herzen, um wieder mit der alten Heimat vorlieb zu nehmen, der sie schnöde den Rücken gekehrt hatten. Diese trübe historische Erinnerung war aber nicht so nachhaltig, daß sie in mir das freudige Gefühl, eine schöne und genußvolle Reise glücklich vollendet zu haben, hätte zurückdrängen können.

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