Das Avers

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Von Fr. Käser ( Section Uto ).

Das Avers I. Land und Leute.1 ) Wohl mancher Wanderer hat schon vom stattlichen Andeer 2 ) aus seine Schritte durch die Roffla gelenkt und vom Contrast der unvermittelt sich folgenden Scenerien — des stillen, friedlichen Schams und der düster wilden Felsschlucht — überrascht, jener Stelle zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt, wo bei der „ steinernen Brücke " ein wildes Wasser, eingeengt zwischen kahlen Felsen, tief unten gewissermaßen um sein Existenzrecht mit dem alten Rhein kämpft. Wäre nicht dieses Wasser ein majestätischer Wegweiser, Niemand würde dort aus der geringen Weitung der Rofflaschlucht auf die Mündung eines mehr als 7 Stunden langen, mehrfach verzweigten Seitenthaies schließen können.

An dieser Stelle aber steht der Wanderer am Eingang des Ferrera- und Aversthaies. Was er dort bewundert, ist nur die Introduction zu dem Schauspiel, das sich ihm enthüllt, wenn er, von der schönen Splügenstraße abbiegend, dem neuen Wegweiser, dem Avner-Ehein, folgt. Eng und düster, aber großartig wild bleibt das Thal, bis er auf dessen höchster Stufe, dem Avner Oberthal, angelangt ist. Nur zwei Mal weitet sich die enge Schlucht zu einer Thalsohle aus, die neben dem Bachbett und dem holperigen, schmalen Weg Raum läßt für kleine Dörfchen. Sonst bilden dunkle Bergwälder, kahle, schroffe Felswände, oder öde, steinige Berghänge den Rahmen zu dem wild tobenden Bach mit all' seinen Schnellen und Wasserfällen. Vier Stunden weit geben dem Wanderer diese düsteren Bilder das Geleite, selten findet er darin einen Punkt der Ruhe und des Friedens; viel öfter fühlt er sich überwältigt, seine Sinne aufgeregt, mit eiligeren Schritten sucht er sich den beengenden Eindrücken zu entziehen, und freier athmet er auf, wenn die anmuthige Wiesenebene, in deren Mitte Campsut liegt, vor ihm sich ausbreitet.

Campsut ist der unterste Weiler in der Landschaft Avers. Die eigentliche Grenze liegt zwar weiter thalabwärts, bei der Einmündung des Baches aus dem Val di Lei. Von diesem Punkte an dehnt sich nun das Thal in südöstlicher Richtung aus bis hinter Juf, gegen 4 Stunden in der Länge.

Sieht man vom Val di Lei ab, das geographisch zu Avers, politisch dagegen zu Italien gehört, so münden von Süden her Val Madris und Val Bregalga in 's Hauptthal ein, von Norden einzig Val Starlera. Im Hauptthal selbst lassen sich zwei Thalstufen deutlich unterscheiden. In der uutern liegen Campsut und Crot mit Madris, in der obern Cresta, Pürt etc. Die Einwohner bezeichnen denn auch diese letztere mit Oberthal, die erstere, speciell Val Madris, mit Unterthal. Wie schroff diese Stufen von einander geschieden sind, geht am deutlichsten aus der Höhenlage von Cresta und Crot hervor. Der Verticalabstand dieser beiden Orte beträgt 229 m bei einer horizontalen Distanz von nur 2km. Man dürfte, gestützt auf diese Zahlen, vermuthen, der Bach könne die bedeutende Mveaudifferenz nur mittelst eines Sturzes überwinden. Allein dem ist nicht so. Während Cresta 1949ü. M. liegt, ist die Bachsohle unterhalb der Kirche nur 1780 m und bei Crot 1720 m U.M. Diese merkwürdige Erscheinung hat nun ihren Grund in der Beschaffenheit des Gesteines. Weitaus der größte Theil der Averser Berge und der Thalsohle besteht aus dunkelm Schiefer, demjenigen in der Viamala gleich oder sehr ähnlich. Diese Gesteinsart ist aber so-weich und leicht verwitterbar, daß der Bach und alle seine Zuflüsse durch Erosion die Hindernisse überwinden konnten, daher überall die tiefen und schmalen Tobel. Die Schichten dieses Schiefers streichen in der Richtung des Thales und fallen gegen Nordost ein, die Schichtköpfe liegen also auf der rechten Thalseite, so daß diese gesichert ist gegen allzu rasche Abspülung, welche sich dafür auf der linken Seite um so besorgnißerregender geltend macht. Sonst wäre wohl Cresta mit der Kirche, welche bei einer Ent- fernung von circa 250 m vom Bachbett doch 160 m darüber liegt, schon längst nicht mehr da. Aber diesem Schiefer sind wohl auch die prächtigen Matten zu danken, welche jedem Besucher wohlthuend auffallen müssen. Wo die Zerstörung des Gesteins aus irgend einem Grunde zum Stillstand gebracht wurde, siedeln sich in dem feinen, fetten Sand und zwischen dem kleinen Geschiebe rasch allerlei Pflanzen an, und bald ist der kahle Boden in einen bunten Teppich umgewandelt. Anders sieht es freilich aus, wo die zerstörenden Gewalten freie Hand haben. Die prächtigen Weiden haben trostlosen Trümmerfeldern Platz gemacht, die Gräte sind zackig und zerklüftet, und die Gipfel fast unbesteigbare Felszähne geworden. Allerdings findet sich neben diesem dunkeln weichen Schiefer noch ein festerer, grünlicher, der im Piz Piatta und in der Mazzerspitze eine colossale Mächtigkeit erlangt. Serpentin kommt nach Prof. Theobald nur an den Flühseen ob Juf und zu hinterst im Val Bregalga vor Dagegen spielt ein hellbrauner Kalk eine ganz bedeutende Rolle.Von der Forcellina an zieht er sich fast horizontal in anfänglich schwachem Band an der nördlichen Thalseite hin, bildet das sog. Band ob Pürt und entwickelt sich dann im Weißberg zu einem gewaltigen Massiv. Von hier senkt er sich rasch, setzt quer über das Thal hinweg, streicht an der rechten Thalseite des Madris hin und erhebt sich dann nochmals zu einem Stock, wieder Weißberg genannt. Dieser Kalk enthält stellenweise sehr schönes Magneteisenerz, wie z.B. am Weißberg ob Cresta, so daß es glaubwürdig erscheint, wenn die Sage von Eisen- bergwerken gerade an diesen beiden Weißbergen erzählt. An einigen Stellen, z.B. bei Crot, Campsut und ob Juf gegen den Stallerberg hin, ist dieser Kalk in feinen weißen Marmor umgewandelt. Für den Pflanzensammler ist er insofern von Bedeutung, ala auf seinem Terrain brillante Fundorte sich finden, obwohl er im Allgemeinen eine ziemlich magere Vegetation producirt. Andere Gesteinsarten, als die vorgenannten, treten im Avers nicht so bedeutend auf, daß sie irgendwie dominiren und mehr als dem Fachmanne bemerkenswerth wären. Einzig der Granit soll noch erwähnt sein, er kommt hinterhalb Juf und im Val Madris vor, entwickelt sich dann im Val di Lei beinahe ausschließlich, indem er dort die mächtigen Felsspitzen vom Piz della Palü bis zum Piz Stella hin bildet. Vor Juf finden sich Spuren von Kupfer in einer Quelle und solches überzieht als Grünspan einen Felsen vor der Brücke bei Alp'Biese im Val Madris. Im Tobel des Leibaches soll nach der Sage auch ein Goldbergwerk bestanden haben, das Plurs zugehörte; eine Grube ist vorhanden, aber mit Wasser gefüllt, und nähere Untersuchung darum sehr schwer. Endlich sind noch drei Thermen zu erwähnen. Zwei davon befinden sich an sehr schwer zugänglicher Stelle im Starleratobel, vom Thalwege aus sichtbar. Nach Messungen von Herrn Pfr. Barth hat die obere eine Temperatur von 13 ° E. und die untere von 19° R. Die dritte Quelle sprudelt im Walde bei Campsut, zeigt aber nur eine Wärme von 11 ° K.

Ueber die Bergzüge mit ihren Einsenkungen und Spitzen gibt jede gute Karte bessern Aufschluß, als es Worte zu thun vermögen. Ebenso kann der kundige Leser sofort daraus ersehen, daß dem Thal die großartige Gletscherwelt fehlt. Dafür hat das Avers aber auch ein milderes Klima, als man bei einer durchschnittlichen Höhe von 1900 m ü. M. erwarten dürfte. Der beißende Nord- und Nordostwind wird ihm überdies noch abgehalten, während es gegen Südost und Süd ziemlich -offen ist. Leider fehlen meteorologische Messungen, einige Schlüsse lassen sich etwa aus dem Aufblühen der Pflanzen ziehen. Um Cresta, Pürt und am Bach blühen Ende Mai so ziemlich regelmäßig Pulmonaria azurea, Primula viscosa, Saxifraga oppositifolia und Croccus; daneben ist es aber auch schon geschehen, daß Mitte Juni der Weg noch mit Schnee bedeckt war. Mitte September stellen sich dann die ersten Schneestürme wieder ein. Die Bewohner selbst beschreiben ihr Klima mit den Worten: Wir haben 9 Monate Winter und 3 Monate kalt. Die Uebergänge vom Herbst zum Winter und wieder zum Frühling müssen allerdings schrecklich sein. Zu ihrer Kennzeichnung mag hier ein Tagebuchblatt von Herrn Pfr. Hagenbuch Platz finden. Es lautet:

„ Mittwoch, den 5. December 1883. Es schneit seit zwei Tagen unaufhörlich, aber nicht vom Himmel herab, ganz wagrecht ostwärts. Wie wenn Wolken von Bettfedern durch und über und unter einander gejagt würden, so wirbelt 's; dazu stöhnt die ganze Natur. In den Hausbalken kracht es unheimlich, die Fenster sind bis halb hinauf von angeschleudertem und angepreßtem Schnee zugedeckt. Zuweilen ist es, wie wenn die rasende Kraft erschöpft wäre, es wird mit einem Mal still. Nur in der Wolkenhöhe tobt 's noch fort. Ein großer Vogel, ich weiß nicht was für ein Räuber, wird über das Hochgrätli hin getrieben. Dann aber geht der Wirbeltanz wieder los, wahrhaft sinnverwirrend. Kein Mensch wagt sich hinaus; keine Schule kann gehalten werden. Selbst dem Boten, dem unerschrockenen, wetterharten Hans, ist es zu wild. Er unterläßt heute den gefährlichen Gang nach Canicül. Bei solchem Wetter ins Thal hinunter steigen, wäre sicheres Verderben. "

„ Donnerstag Abends 5 Uhr. Es ist vorüber. Der Sturm hat Platz gemacht einer furchtbaren, eisernen Stille. Auf dem Scheunendach gegenüber liegt der Schnee wohl eine Elle tief. Die Sonne ist eben untergegangen und ein unheimlich graugelbes Gleißen, wie des Sommers vor schweren Gewittern, wirft seinen Widerschein bis in den hintersten Winkel meiner Stube. Ueber dem Weißberg aber ist der Himmel wunderbar tiefblau. Beim Blick ins Thal hinauf könnte es einem beinahe bange werden, die Berge scheinen langsam herzuschleichen und einem zum Lande hinausdrücken zu wollen. Es ist, als stünde man ohnmächtig einer entsetzlichen Gefahr gegenüber. Das Thermometer zeigt 12,5° R. unter Null. "

Ist aber der Winter endlich häuslich niedergelassen, dann wird das Wetter wieder hell und klar; die garstigen Nebel der Ebene sind unbekannt, die Einsamen genießen wenigstens den hellen, freundlichen Sonnenschein. Regen fällt entschieden weniger, als in den umliegenden Thälern.

Dem Naturfreunde bietet das Thal die mannig- fachsten Freuden und Genüsse in Hülle und Fülle. Dem kühnen Kletterer ist ein Jupperhorn, eine Mazzerspitze, ein Piz Piatta ete. hingestellt; für den geübten Berggänger, der aber mehr Sicherheit liebt, präsentirt sich der Weißberg, das Gletscherhorn, Piz Palü und Piz Timun und Piz Stella im Val di Lei. Der Spaziergänger endlich wird im Hochgrätli, Großhorn, vordersten Kopf der Tscheischen, im Band, den Flühseen etc. Punkte entdecken, wie sie für ihn nicht besser gemacht sein könnten; oder er bleibt im Thal und genießt die Schönheit der vielen Schluchten mit ihren lauschigen Plätzchen.

Von je her hat aber das Avers nicht so sehr wegen seiner Alpenwelt als wegen dessen Bevölkerung das Interesse erregt; denn Menschen, die sich da bleibend niederlassen, wo sonst der Senn vorübergehend seine Wohnung aufschlägt, die einen Kampf fortführen, der gewöhnlich als erfolglos aufgegeben wird, verdienen unsere Aufmerksamkeit, ja Theilnahme. Dazu kommt noch ihre Eigenartigkeit, die sich jedenfalls seit Generationen bis zur Stunde fast gleich geblieben ist.

Die Avner sind deutscher Zunge, während rings um sie herum romanisch oder italienisch gesprochen wird. Frühere Geschichtschreiber nahmen an, daß sie einer schwäbischen Colonie entstammen, welche zur Zeit der Hohenstaufen als Grenzer in dieses Thal verpflanzt wurde. Doch lassen sich sichere Anhaltspunkte für diese Hypothese nicht erbringen. Einer andern, gleichfalls ziemlich alten Ansicht zufolge sollen sie dagegen aus dem Oberwallis stammen.

30 Und hiefür hat Dr. P. C. v. Pianta in seinem Werke „ Die currätischen Herrschaften " eine Reihe Beweis-gründe erbringen können. Nach v. Planta's Ausführungen sind die Avner, die Walser, Davoser, Safier und die Bewohner von Valentschina Tochtercolonien der ersten Walsergemeinde im Rheinwald. Er schließt dies einestheils aus der großen Verwandtschaft ihrer Idiome, ganz besonders aber aus den vielen Freiheiten und Rechten, die sie im Gegensatz zu ihren Nachbarschaften besaßen. Die Bewohner von Rheinwald sind aber, urkundlich festgestellt, vom Oberwallis her eingewandert.

Der Name Avers, eigentlich Afers oder Affers,, erscheint in Urkunde zuerst im Jahr 1372. 1396 besaß die Thalschaft ein eigenes Siegel und konnte, obwohl mit Oberhalbstein als zum Bisthum Chur gehörig, ein Lehen der bischöflichen Ministerialen von Marmels bildend, aus einem Siebner-, später Dreier-vorschlag seinen Landammann selbst erwählen. 1407 schließt Avers im Verein mit Oberhalbstein und Stalla ein Bündniß mit Rheinwald; und 1425 verbündet es sich mit dem obern Bund etc. Seine volle Freiheit mag es sich nach der Disputation von Ilanz ( 7. Jan. 1526 ) und der damit zusammenhängenden Flucht des Bischofs von Chur errungen haben. Und wohl wenig später trat es, angeregt durch seinen Reformator Johann Rodulph, der Reformation bei. Vom Jahr 1622 resp. 1644 datirt das Avner Landrecht, andere politisch wichtige Documente wurden beim Brand ihres Rathhauses seiner Zeit zerstört. Der Titel dieses Statuts lautet nun:

„ Stattuten und Satzungen einer L. Ehrsamen Landt- schafft und Gemeind Avers. Aufgerichtet und erneweret Anno 1622. Durch hienach benente Ehrsamme Herren, so von einer Gemeind hierzu sind deputiert, erwellet und verordnet worden. " Der erste Paragraph heißt dann: „ Erstlichen ist unser Landtsbrauch: Das mann Amann und Gericht seze, alle Jar, durch der Gemeine Mehr Stimm auf den andern Sontag im September: dz ist, Erstes Herpstmonats, oder am ersten Sontag, vor H. Creuztag. "

Nach diesem Gesetz durften die Gerichte strafen „ an Leib, leben, ehr und gut " und in der „ Form des Eydt Schwurß " heißt es u.a.: „ Wir haben Von Gotteß gnaden eine schöny Freiheit, wir haben Eigen gewalt und macht Zu setzen und zu entsetzen, wir haben Eigen Stab und Sigel: Stock und galgen, wir sind Got Lob keinem Fremden Fürsten und Herren nüt schuldig noch underworfen in kein weiß noch weg, den allein Got dem Allmächtigen. " Ihre politische Unabhängigkeit wird aber auch sie große Opfer gekostet haben. Man darf annehmen, ohne Belege beibringen zu können, daß gerade die Wirren des 16. und 17. Jahrhunderts auch bei ihnen schwere Kämpfe innerer und äußerer Natur hervorriefen. Nur ein Actenstück, eingetragen im Landrechtbuch anno 1653, läßt wenigstens einen klaren Einblick in ihre Lage thun. Wohl im Zusammenhang mit den Vorgängen nach dem sog. Mailändervertrag ( 15. Jan. 1622 ) stellen sie sehr strenge Verordnungen auf gegen alle, welche eine andere als die „ wäre, reformierte, Evangelische Religion, die von unsern Altfordern här geübt in unserer Landtschafft und Kirchen " einführen oder üben wollten und schließen:und ie mehr unß die weit anlauft, dz umb zu stoßen, ie fester sollen wier unß verlaßen auf die Hilf Goteß und stab deß glaubenß, auf daß wir solchen anlauf mögenn außstehen zur er-haltung deß reinnen Goteßdienst und warer Religion. "

Nach dem vorgenannten Landrechtbuch standen der Thalschaft ein Ammann, ein Statthalter, ein engerer Rath und ein weiterer, der Rath der „ Vier und zwanziger " vor ( 1622 ). Das Gericht zählte 12 Richter, welche über Civil-, Ehe- und Malefizsachen urtheilten. Später bildete die Thalschaft mit Stalla und Remüs im Unterengadin ein Hochgericht, wobei sie 1h, Stalla 2/t und Remüs 4/t ausmachte. ( Neuer Sammler für Bündten. II. Jhrg. 453. ) Auf dem Bundestage hatte Avers unter den 23 Stimmen des Gotteshausbundss 1 Stimme zu besetzen. Seit Einführung der neuen Kantonsverfassung bildet es einen Kreis, an desaen Spitze steht der Kreispräsident, auch Landammann geheißen. Die Wahlen für den Großen Rath trifft es mit Andeer gemeinschaftlich.

Zur Characteristik der alten Avner mögen nun einige Artikel aus ihrem Landrecht folgen.

„ Wer Höuw kaufft und Zuher geführt hete: und am Langse oder Früeling, widerumb verkaufte: soll nichts darauff schlagen, oder gewinnen mögen, bei Büß, Jede Bürde zwölff Batzen.

Welcher am Langse oder Früeling Höuw hete und nit manglete, für sich selbst: Andere aber mangelbar werent: solle schuldig sein, solches dem Mangelbaren, umb das bar gelt außzutheillen, die Bürde, nach Meiner Herren Satzung: Wo er aber solches nit thete: Mögent Meine Herren, solches angreifen und umb dz bar gelt, austheillen, wo not ist.

Item die Nechsten Schetzer söllent den Wein Schetzen: Und wer Ihne nit schetzen laßt ehe dann außschenken, soll von Jeder Legelen oder Batillen ein krönen Büß verfallen sein. Und soll Jeder Würth den Wein unbedeckt auf den tisch stellen, bei Büß, nach Meiner Herren erkanntnus.

Weiter soll sich Niemant in des Anderen Schulden stechen ohne des Schuldigers wüssen und willen, er seye dann Rechtgebner Vogt.

Welcher am Sontag Cresten ( nach Cresta ) kompt, und nit in die Kirche geht, oder auff dem Kirchhoff steht, und plapperet der und dieselbe sollen kr. 30 Büß geben, an alle gnad.

Welche werent, die fräffentliche Schwüer theten bey Unsers Herren Leiden, fünff Wunden, oder andere unziemliche Schwur die seind verfallen 1 Ib. d. ( 1 Pfund Pfennig ): so offt es beschicht: Und nichts desto weniger, nach dem der fahler ist, söllent sie weiter, an Leyb, leben, ehr und gut gestrafft werden. Und ist ein Jeder, so solche Schwüer hörte, schuldig einem Amann oder Stathalter es anzuzeigen.

Item Welch Vatter oder Mutter, ungebeür beweissen thete, es seye mit worten oder mit werken, und fräffenlich hand anlegte, der oder dieselbigen, seind verfallen fünff Ib. d. Und würt auch nichts desto mind vorbehalten, dem nach einer fräffenlich handlete, er weiter solle gestraft werden, nach Gerichtserkantnus.

Welcher den Anderen über frid an sein glimpff und ehr redte oder hand anlegte und schlüge, der soll 5 /\, dico feünff krönen büß verfallen sein, und was böses darauß entstünde, soll er hierumb, noch weiter nach erkantnus des Rahts gestraft werden: Wo aber einen über frid, zu tod schlüge, solle er, als ein Mörder gerichtet werden, alles nach Gerichtserkantnus.

Welcher gegen dem Anderen in Zorneswise stein lupfte, und nit würft, der ist verfallen 1 tt d. büß: Wann er aber denselbigen von handen würft, und nit trift, ist er verfallen 2 5> d., Sag ich Zwei Pfundt Pfennig: ob er aber darmit einen oder mehr träffe, und schaden thete, soll er weiter gestraft werden nach Gerichts Erkantnus, und sollent gleichwol dem be-schädigeten seine Rechte vorbehalten sein.

Auch ist gestatuieret: das Welcher kauft, mehr, dann er zu bezahlen hat, demme soll mann, weder Ehr, noch Eydt glauben. Es ist auch gesetzt und verbotten: das Niemandt dem Andern, seine Abge-storbne freund, oder wie Sie Ihne antreffen, oder angehören möchten, weder schmächen, noch verweislich anziehen, oder aufheeben solle: obgleich der Abgestorbene mit etwz laster, oder mangel, behafftet were geweßt. Und wer solches thete, der soll gestrafft werden, nach Gerichtserkantnus.

So ein Person, in Unserer Gemeindt, vil Märkten, und handien wolte, und nit stark an gut were: soll ein Gericht von Ihme rechenschaft nemmen und be-geren ein Wüssen ze haben, seines'Haußens und Vermögens.

Alle Zinßen, die bißharo gemachet seind, laßt mann es bey Brieff und Sygel, und bei gemachten Pakten, sein und verbleiben: Was aber fürohin gelt ußgelychen würt: soll kein brieff besyglet werden, der mehr Zinß einhette dann von hundert Gulden Kapital oder Hauptsumma fünf gülden Zinß Järlich. " Trotzdem das Thal über einen Wiesen- und Weideboden von mindestens 30 km2 verfügt, ist es doch nur von 237 Seelen bewohnt. In früheren Zeiten war Avers bevölkerter. Nach einem 1645 von Pfarrer Gaudenz Tack verfaßten Verzeichniß im Avner Kirchenbuch zählte das Thal um jene Zeit 498 Seelen.1 ) Eine ganze Reihe ungünstiger Verhältnisse bringen es mit sich, daß die Bevölkerung immer mehr zusammenschmilzt. Eine Zusammenstellung aus den Kirchenlisten vom Jahr 1780 bis 1803 zeigt noch eine Vermehrung von 6 Personen ( 232 geboren und 226 gestorben ). In dem Zeitraum von 1870 bis 1882 dagegen verminderte sich die Einwohnerzahl durch Tod und Auswanderung um 17 Personen. So erscheint der Ausspruch eines Gemeindevorstehers richtig: „ Die Bevölkerung vermindert sich merklich, so daß in 70 bis 100 Jahren bei verhältnißmäßig gleicher Verminderung wie in den letzten 10 Jahren niemand mehr hier sein wird. " Diese Verminderung ist jedoch nicht einem schwächlichen Menschenschlage zuzuschreiben. Als beste Characteristik desselben möge hier diejenige des Herrn Dr. Goll folgen ( Alpenpost, Jahrg. 1877, pag. 41 ). „ Die Avner sind von hohem Wüchse, meist blond, und zeigen häufig gekräuseltes Haupt- und Barthaar. Sie sind auffallend schlank, rothwangig, und manche von seltener Größe und Muskelstärke. Sie zeichnen sich durch seltene Gesundheit, besondere Ausdauer und Widerstandsfähigkeit vor andern Menschen aus, was sie nicht allein der reinen Luft, dem herrlichen Wasser, der guten Ernährungsweise, sondern namentlich auch der Herkunft von einem kerngesunden Volksstamme zu verdanken haben. Sie haben nicht allein bis in 's höchste Alter prachtvolle Zähne, sondern auch kräftige Verdauungswerkzeuge und auffallend ausgebildete Lungen, Dank der einfachen und gesunden Nahrung und der beständigen Muskelthätigkeit beim Steigen, Tragen und Arbeiten. "

Als Beleg zu diesen Worten möge angeführt werden, daß im Jahr 1882 fünf Männer und eine Frau lebten, welche alle über 80 Jahre alt noch den Geschäften nachgingen, einer davon, 80 Jahre alt, geht sogar noch nach Thusis.Und zur Vervollständigung dieses Bildes sowohl vom Land als von den Leuten noch eine kleine Geschichte. Herr Pfr. Hagenbuch, der sie mir mittheilte, bemerkt dazu: „ Sie ist Zug für Zug wahr; die Heldin derselben hat sie mir erzählt und deren Mutter ergänzt. "

Es war Ende September 1883, als das Agathli Jäger, des Batschis aus Juf liebliches Kind, zum ersten Mal mit seinem Vater und Bruder nach Mailand reisen durfte. Der Kaspar Jäger hatte im Avers eine Heerde Kühe erhandelt und gedachte dieselbe mit Profit in der italienischen Stadt abzusetzen. Sie gingen über die Forcellina und den Septimer am ersten Tag bis Casaccia, am zweiten bis Chiavenna, alles zu Fuß, am dritten über den Comersee bis Corno und am vierten Tag mit der Eisenbahn nach Mailand. Vierzehn Tage dauerte es, bis das Vieh verkauft war. Während dieser Zeit bekam das Kind von den mailändischen Herrlichkeiten nicht viel zu sehen. Vater und Bruder mußten beständig in der Nähe des Stalles sein, und das Agathli wich nicht von ihrer Seite. Nach Abwicklung der Geschäfte aber führte Batschi sein Kind zwei Tage lang zu all' den berühmten Sehenswürdigkeiten. Es sah den Dom, die herrliche Gallerie Vittorio Emanuele etc. Alles kam ihm zwar groß und schön, aber doch ganz selbstverständlich vor.

Nun ging 's auf die Heimreise, denselben Weg zurück, wieder zu Fuß von Cläven das lange Bergoli hinauf zum letzten Nachtlager unter fremden Himmel in Casaccia. Trübe und drohend war der Vormittag, an welchem sie langsam den wüsten, steinigen Septimer hinanstiegen. Sieben Stunden lang ist der Weg und das Agathli ist 10 Jahr alt. Es ging ordentlich bis zum zerfallenen Septimerhospiz auf der Paßhöhe, wo der Saumpfad über die Forcellina ( Furggelti ) sich vom Weg abzweigt. Da brach 's los, Sturm und Schnee, mit einer Heftigkeit, wie 's eben nur in einer Höhe von 9000 Fuß stürmen kann; und „ mächtige habe das Unwetter zwischen den Felshörnern der Forcellina durchgepfiffen. Der Vater meinte, sie wollten lieber den viel leichtern und sicherern Weg nach Stalla hinunter und dort über Nacht bleiben. Der Sohn aber sagte: „ Vater, macht Ihr mit dem Kind, wie Ihr wollt, ich komme schon durch, ich will heim !" Und das Agathli gab den Ausschlag: „ Wir wollen es wagen, ich möchte zur Mutter !" Sie wagten 's. Pester knüpfte der Vater das rothe, feuchte Tuch um das Köpfchen seines Liebsten und nahm es bei der Hand. Es wurde grimmig kalt, und die eine Stunde über die Schneefelder hinauf zum Joch wurde zu zweien. Sie waren noch nicht oben, als ein schwaches „ Ach min Gott " von des ermatteten Kindes Lippen kam. Der Vater sprach ihm Muth ein, und wieder ging 's mühsam genug eine Strecke weit. „ Vater, tragt mich ein wenig0, du armes Agathli, ich darf dich nicht tragen, du würdest erfrieren !" Endlich haben sie die Höhe erklommen, aber da saust es entsetzlich. Der Schnee schlägt brennend in 's Gesicht. Der sonst schon undeutliche Pfad ist kaum mehr inne zu halten. „ Vater, jetzt kann ich nicht mehr !" Der geängstigte Vater nimmt sein Kind an die Brust, reißt schnell eine Brodrinde aus dem Sack, kaut sie weich, gibt sie der entkräfteten Kleinen von Mund zu Mund und flößt ihr einige Tropfen Branntwein ein. So kehrt ihr der gesunkene Muth wieder, und sie kämpfen sich vorwärts über den steinigen Abhang hin. Aber es ist immer noch mehr als eine Stunde bis heim. „ 0 Vater, laßt mich ein wenig abliegen und schlafen, ich kann die Augen nicht mehr offen halten. " „ Was denkst du, liebes Kind, du würdest sterben !" 0, es ist mir gleich, laßt mich schlafen, ach min Gott. " Dem Vater wird 's weh und bang. Er steht allein mit seinem halb ohnmächtigen Kind. Der Sohn ist vorausgeeilt.

Unterdessen sitzt die Mutter daheim in der Stube beim rauchenden Talglicht; sie hat keine Ruhe. Aengstlich horcht sie auf das Stürmen draußen. „ Ach, wenn sie in dem Wetter wären. " Bei jedem besondern Ton eilt sie an 's Fenster, um in die trübe Wirrniß hinaus nach ihren Lieben zu spähen. Es wäre aber unmöglich, dieselben von weitem zu erblicken. Man sieht kaum drei Schritte vor sich hin. Ruhelos geht der Knecht die Stube auf und ab. „ Das Agathli ist mein Gotteli ", murmelt er von Zeit zu Zeit. „ Das Agathli ist mein Gotteli, ich gehe !" Und er geht und eilt, was er vermag, die Jufer-Alp hinan. Jetzt steht er am steilen Berg. Vorwärts heißt 's in ihm, schneller immer schneller, daß ihm schier der Athem ausgeht. „ War das nicht ein SeufzerEr hält einen Augenblick gespannt horchend an. Jetzt hört er 's deutlich „ Ach min GottNach wenigen Augenblicken hat er die Verlassenen erreicht. „ Agathli, mis AgathliSchnell hüllt er das zitternde Kind ein so gut wie möglich, nimmt es auf den Rücken und eilt, was seine Beine laufen mögen, der rettenden Hütte zu.

Eine volle Stunde lang vermochte das erschöpfte, halb erfrorene Kind weder zu gehen noch zu sprechen.

Als aber der neue Tag erwachte, da war es wieder so fröhlich und so rosig wie nur je.

Der Fremde wird diese Menschen zwar verschlossen finden, wer sich aber nicht zu vornehm dünkt, mit ihnen in nähern Verkehr zu treten, der gewinnt sie bald lieb. Mit großer Bereitwilligkeit treten sie auf seine Wünsche ein, nie das Ihre in mehr als berechtigter Weise suchend. Diebstahl und ähnliche traurige Erscheinungen in der menschlichen Gesellschaft sind bei ihnen mehr von Fremden als Einheimischen bekannt, wie denn überhaupt Treue und Ehrenhaftigkeit bei ihnen hoch geschätzt und gepflegt werden. Dagegen ist ihnen von verschiedenen Seiten Gemächlichkeit nachgeredet worden, und, von rühmlichen Ausnahmen abgesehen, scheint dieser Vorwurf gerecht zu sein. Wenn sie auch in der Heuernte wochenlang und sonst in einzelnen Fällen erstaunliche Beweise von Kraft, Fleiß und Ausdauer leisten, so kaufen sie ihre viele Mußezeit doch nicht aus, sondern lassen sie meist nutzlos verstreichen. Sie schaden sich schwer damit, denn die unausbleibliche Langeweile hat in ihrem Gefolge schon Manches gebracht, das angethan^ ist, die Avner in 's Verderben zu führen. Jede ordentliche Beschäftigung, und wenn sie auch sehr geringen Verdienst einbrächte, sollten sie ergreifen, ein indirecter,. nicht unbedeutender Nutzen läge immer darin. Und wohl möglich, daß damit Schritt für Schritt der jetzt weichende Wohlstand wiederkehren würde. An Arbeitskraft und Intelligenz fehlt es entschieden nicht.

Der Hauptort des Thales ist das Dorf Cresta. Immerhin besteht er blos aus 10 Wohnhäusern und 22 Ställen, ist aber Kirch- und Schulort. Im Oberthal folgen nach Cresta Pürt mit 7 Häusern und ungefähr doppelt so viel Ställen, dann am Bach mit circa 6 Häusern, links ob dem Weg, Juppa ( 4 Häuser ) und hierauf eine Reihe einzelner Hofe, unter welchen das Podestatshaus der stattlichste ist und überhaupt das schönste Gebäude im ganzen Thal. Nach der Inschrift über der Hausthüre: „ Hostibus invitis, vivat Strubea, pro pago agere et pati, fortia Strubeum est 1664 " gehörte es einem Avner, denn Strub ist ein Avnergeschlecht, und Nachkommen des Erbauers leben jetzt noch im Thal. Dieser Strub wird irgendwo in der Nachbarschaft Podestat gewesen sein, nach ähnlichen Fällen zu schließen; dem Avers selbst ist dieses Amt und diese Würde fremd. ( 1567 ist Joder Rttedi aus Avers Podestat in Bormio und 1603 ein Giacobo Wolf Podestat in Teglio. ) Nach seiner Rückkehr in die Heimat mag er sich einen Palast erbaut haben, der dann zu seinen Ehren Podestatshaus genannt wurde. Auf keinen Fall war es Amtsgebäude. Juif, Juf oder Jof ( 2133 m ) ist das letzte Dörfchen des Thales ( 8 Häuser ). In Val Bregalga stehen gleich am Eingang einige Häuser, sonst bildet das Thälchen eine einzige Alp, die zu 7/9 der Thalschaft und zu 2la den Herren v. Salis-Soglio gehört. Zu Cresta gehören noch einige Häuser unten am Weg, z.B. Casal. Auf der Höhe thalauswärts liegt ferner der Weiler „ auf Platten ". Im Unterthal liegen Crot ( 5 Häuser ) und Campsut, dialectisch Maxut ( 9 Häuser ). Bei Campsut stehen die Ruinen eines festen Hauses, Maxur, es soll dies die erste Niederlassung im Thal gewesen sein. Im Val Madris sind die Häuser „ unterm Ramsen ", „ beim hohen Haus " und „ Städtli ". Der hintere Theil des Thales gehört Bergellern, die dort ihre Alpen haben. Die ältere Häuser sind meist ganz aus Stein gebaut mit gewölbter Hausflur, später wurden nur der Unterbau und die Wetterseite gemauert, während die übrigen Flanken aus einer Balkenlage gebildet sind. Die Stockwerke sind meist niedrig, im Durchschnitt nicht über 2 m hoch, die Dächer werden aus dünnen Steinplatten hergestellt. Auffallend klein sind die Fenster, obwohl das Klima ganz gut größeres Format erlaubte. In Juf steht z.B. ein Häuschen, dessen Fenster nur 22cm hoch und breit sind. Die Ställe sind in ganz Avers von den Wohnhäusern abgetrennt und ganz aus Holz erbaut. In früheren Zeiten besaß das Thal eine Schmiede in Crot und je eine Mühle am Mahleckenbach zwischen Cresta und Pürt und in Campsut. Die Kuinen der Gebäude sind jetzt noch deutlich sichtbar. Außerdem stehen auf den Höhen zerstreut kleine Heugaden, oft eine halbe, ja eine Stunde von den Ortschaften entfernt.

Dem Besucher des Avers muß es auffallen, wie viele Wohnhäuser unbewohnt sind. Einzelne mögen es allerdings für immer bleiben und dem Ruin entgegen gehen, andere aber werden zeitweise bezogen. Es herrscht nämlich im Avers ganz wie im Bergell alt hergebracht die sonderbare Sitte,daß ein Erbe nicht so vertheilt wird, daß die Berechtigten den einen oder andern für sich abgerundeten Theil nehmen, sondern jedes Besitzstück wird, sofern es angeht, in so viele Partikel zergliedert, als Erbberechtigte vorhanden sind. Daher kommt es, daß ein Haus 8, 10 und noch mehr Besitzer hat und Madriser im Oberthal etc. Güter besitzen. Des Sommers wohnen nun die Leute in ihren eigentlichen Häusern und bleiben, bis der dortige Heuvorrath nahezu aufgebraucht ist, nachher ziehen sie mit Sack und Pack in einen jener Erbantheile, um den dortigen Heuvorrath zu benützen. So geschieht es, daß für kurze Zeit namentlich die hoch- und abseits gelegenen Hofe und Weiler, wie Juf, auf Platten etc., unbewohnt sind, aber auch in einer Stube zwei und drei Familien zusammen hausen.

In Cresta steht also die Kirche, die einzige des Thales. Sie ist höchst einfach gebaut, besitzt aber doch vier Glocken, wovon drei brauchbar, aus der Zeit vor der Reformation herstammend. Die größte trägt ein Marienbild und die Inschrift: „ 0 reg glorie veni nobis cum pace et tempestive Jesus Maria 1513. " In früheren Zeiten müssen dieselben an einem Holzgerüste und nicht im Thurm, der wahrscheinlich noch fehlte, gehangen haben. Joh. C. Fäsi berichtet nämlich in seiner Staats- und Erdbeschreibung: „ Zu Cresta steht das Rathhaus und die Kirche, welche keinen Thurm, hat, indem die Glocken nur an einem Holzgerüste, das auf einem Hügel steht, befestiget sind. " Und an anderer Stelle gibt er dann eine, wenn auch unrichtige Erklärung: „ Bei Thusis und in Avers sind die Schneelauenen sehr fürchterlich, daher hängen daselbst die Glocken blos ein paar Schuh hoch ob der Erde, damit ihr Schall sich nicht zu weit erstrecke. " Früher hatte das Unterthal beim hohen Haus im Madris sein eigenes Kirchlein, jetzt ist es zerfallen. Der Gehalt des Pfarrers beträgt Fr. 1500, dazu Wohnung und das nöthige Holz.

Die Schule, ebenfalls die einzige im ganzen, großen Thal, ist im Plainpied des Pfarrhauses einlogirt. Vom April bis Ende September bleibt sie eingestellt; trotzdem, und trotz der vielen, durch den langen beschwer-liehen und oft gefährlichen Schulweg bedingten Ab-senzen, leistet sie, Dank der treuen Arbeit ihres jetzigen Lehrers, Tüchtiges. Im Schuljahr 1882/83 zählte sie in 6 Classen 31 Schüler. Der Lehrer bezieht Fr. 600 Besoldung. Einen Arzt hat Avers nicht, der nächste ist in Splügen oder Thusis.

Die Avner können ziemlich wohlhabend genannt werden, insofern sie einzeln und als Gemeinde ausgedehnte Güter, Wiesen und Weiden besitzen; aber diese. Güter haben eigentlich nur für sie innerhalb der Grenzen ihres Thales einen Werth und liefern nach Abzug der ganz bedeutenden Spesen auch nur so viel Ertrag, daß ihre Besitzer ordentlich leben können. Die Landesproducte, d.h. Butter und Käse, werden daher größtentheils im Lande selbst verzehrt, und nur der Handel mit Vieh bringt nennenswerth klingende Münze. Es ist darum wohl begreiflich, daß. immer und immer jene Pläne, von deren Ausführung nachgerade die Existenz dieses Völkleins abhängt, in den Hintergrund geschoben werden. Die Vermögenssteuer aller Einwohner bei 1 °/oo beträgt etwas zu Fr. 600. Das Gemeindevermögen besteht aus dem gesammten Waldgebiet, circa 6 km2, aus einer Gemeindealp und aus einem kleinen Pfrund- und Armenfond. Bei der einfachen Lebensweise und der ausschließlich betriebenen Landwirthschaft hat das Avers im Verhältnis doch nicht so viele unterstützungsbedürftige Arme wie andere, reichere Gegenden; die meisten Unterstützungen kommen auswärts wohnenden Bürgern zu, und wird man im Avers angebettelt, so geschieht 's von Durchreisenden und nicht von Eingebornen. Der Gemeindepräsident schreibt über diesen Punkt: „ Wir sind alle arm, aber Keiner bedarf des Betteins, denn es hat gottlob keine Krüppel weder dieser noch jener Art, und da Alle arbeitsfähig sind, so müssen auch Alle für den Unterhalt sorgen; dagegen sind viele Bürger außer Avers, für welche wir mitunter mehr zahlen müssen, als unsere Kräfte oder Mittel erlauben. "

Wirthshäuser hat Avers eigentlich nur zwei, eines in Campsut und eines in Cresta, doch sind in ihnen nur Wein, Branntwein, Brod, Käse und höchstens Eier erhältlich. Ein Gasthaus existirt also nicht. Wenn Jemand übernachten oder längere Zeit bleiben will, so muß er sich in 's Pfarrhaus wenden, wo er auch, so lange der beschränkte Raum ausreicht ( circa 4-6 Personen ) freundliche Aufnahme und bei guter Pflege billige Preise ( Fr. 3-4 täglich ) findet, seltener dürfte in einem Privathaus Unterkunft zu finden sein. Große Ansprüche können nun freilich nicht erfüllt werden, namentlich ist frisches Fleisch eine Rarität, sonst aber läßt sich 's recht gut leben, denn Milch, Butter, Rahm, Käse, Eier, kräftiges Brod und das ausgezeichnete Diegenfleisch sind in Fülle vorhanden.

Die Brief- und Paketpost ist den Verhältnissen entsprechend sehr gut eingerichtet. Im Sommer geht von Cresta täglich ein Postbote nach Canicül, wo er mit demjenigen aus Andeer seine Poststücke auswechselt, Abends gegen 6 Uhr ist er wieder in Cresta. Selbst im Winter geht der Bote vier Mal per Woche. Für diesen beschwerlichen und oft mit großen Ge- 31 fahren verbundenen Dienst bezieht der Bote per Jahr Fr. 800 Gehalt.> ) Die Straßen resp. Wege lassen am allermeisten zu wünschen übrig. Selbst der Hauptweg ist hin und wieder so schmal und holperig, daß er dem ungeübten Fußgänger Schwierigkeiten bereitet, obwohl er absolut gefahrlos ist. Mit Wagen ist er absolut nicht befahrbar; was in 's Thal hinauf transportirt werden soll, muß getragen werden, und da kann es wohl begegnen, daß der zu transportirende Gegenstand wegen seines Umfanges und nicht wegen des Gewichtes nicht hinaufgebracht werden kann. Für solche Stücke wird dann der Weg von Stalla her gewählt. Für den Transport umfangreicher und schwerer Stücke, wie Holz etc., müssen darum die Avner den Winter abwarten. Dann erstellen sie meist auf dem hart gefrornen Bach eine Fahrbahn. Wie beschwerlich aber auch diese Route immer noch ist, ersieht man am besten daraus, daß eine Fuhre von Cresta bis Canicül und retour in der Regel 12 —14 Stunden, aber auch bis 18 Stunden Zeit erfordert. Nur in den flacheren Partien des Unter- und Oberthaies ist diese Landstraße mit kleinen Wagen befahrbar. Die Avner planiren daher schon seit Jahren an einer ordentlichen Zufahrtsstraße herum; ausgemessen und mit Variante ausgesteckt wäre sie; aber das Geld, mindestens Fr. 250,000, fehlt. Es hat zwar der Große Rath des Kantons im Sommer 1883 einen Beitrag vonFr. 150,000 festgesetzt; aber selbst die restirenden Fr. 100,000 in Verbindung mit den enormen Unterhaltungskosten sind den mit Ausnahme Andeers sehr armen Gemeinden eine viel zu schwere Last.

Im engsten Zusammenhang mit der Straßenfrage steht natürlich die Frage über Einführung irgend einer Industrie, um den verfallenden Wohlstand wieder zu heben. An guten Rathschlägen hat es zwar nicht gefehlt; allein die Rathgeber haben gewöhnlich übersehen, daß die Ausführung ihrer Vorschläge, abgesehen von allem Andern, an den Transportkosten des Kohmaterials und der verarbeiteten Waare scheitern müßten. Wenn die Avner z.B. ermuntert wurden, ihren wirklich prachtvollen Marmor auszubeuten, so ist dies wohl eine richtige Idee, und ihre Realisirung wäre gewiß lohnend, sobald eine ordentliche Fahrstraße bestünde; aber für jetzt würde nur Schaden resultiren, wie gleiche Experimente in Canicül bewiesen haben. Ganz allgemein darf behauptet werden: Jede Industrie bleibt für Avers jetzt noch unpraktikabel, sobald das nöthige Material in 's Gewicht fällt; andere aber, wie z.B. Uhrmacherei, Stickerei, Holzschnitzerei etc., fordern so viel Kapital und sind unter günstigeren Verhältnissen bereits so ausgebeutet, daß das geld- und menschenarme Avers nie aufkommen könnte. Im Thale selbst reden sie wohl von Errichtung eines Gasthauses, um ähnlich wie Engadin und Davos aus ihrer herrlichen Luft etc. Gewinn zu ziehen. Doch sind dies vorderhand noch Träume und werden es hoffentlich bleiben zum Glück der Bewohner. Das einzig angemessene und jetzt schon anwendbare Heil- mittel für die bedenklichen Erscheinungen ist sicher nur in einem rationelleren Betrieb der Alpwirthschaft zu suchen; aber auch hiefür müßte von außen eine energische Initiative nebst einiger reeller Unterstützung eintreten; denn wo der Mensch nur so viel erarbeiten kann, als er für sich nothwendig braucht, wagt er sich schwer aufs Ungewisse Gebiet der Neuerungen und unterläßt selbst Verbesserungen, deren Nutzen einleuchtet und sicher ist, weil der stete Kampf ihm zuletzt Muth und Energie niederdrücken.

Wie schon erwähnt, leben die Avner äußerst einfach. Ihre Nahrung besteht hauptsächlich aus Milch und deren Producten, Mehlspeisen, Mais, Kastanien und als Zugabe Speck und Diegenfleisch. Wein genießen sie der Kosten halber wenig, dagegen mehr Branntwein, der aus Italien her gebracht wird. Doch hat der Genuß dieses Getränkes noch wenig seiner traurigen Früchte gezeitigt, denn die viele Milch-nahrung etc. bildet stetsfort ein kräftiges Gegengewicht.

Die Kleidung ist ebenso einfach und äußerst solid. Das Tuch wird im Thal selbst fabrizirt und nur zum Färben und Walken nach Andeer gebracht. Die Avner halten daher immer einige Hundert Schafe.Von einer besondern Tracht kann nicht gesprochen werden, die Frauen tragen zwar eine eigenthümliche Kappe, in der Form an eine Jakobinermütze erinnernd, und kurze Jacken mit oben aufgebauschten, die Achseln etwas überragenden Aermeln.

Von alten Sitten und Gebräuchen ist gleichfalls wenig mehr vorhanden. Interessant waren die Hoch-zeitsceremonien; im „ Neuen Sammler für Bündten " werden sie folgendermaßen beschrieben:

„ Bei den Hochzeiten beobachten sie seit Altem folgende Sitte, welche die Bewohner von Ferrera mit ihnen gemein hatten. Die ganze Hochzeitsgesellschaft versammelt sich in einem Zimmer, nur die Braut muß sich mittlerweile verstecken; hierauf treten der Bräutigam und der nächste Anverwandte der Braut, mit Mänteln angethan, vor einen Tisch und jener hält förmlich um das Mädchen an, dieser aber, unter mancherlei Ausflüchten, sie sei noch zu jung oder im Haus unentbehrlich etc., gibt ihm eine abschlägige Antwort. Nun erneuert der Jüngling seine Bitten und treibt seinen Gegner mit religiösen und moralischen Gründen, auch mit Bibelsprüchen, so lange in die Enge, bis er ihn bewegt, einzuwilligen, welches dann gleichfalls in einer langen, halb geistlichen, halb weltlichen Rede geschieht; sodann beauftragt der Verwandte zwei Mädchen, die Braut zu suchen und herbei zu holen. Sie gehen; aber zwei Mal bringen sie eine untergeschobene Person zum Vorschein und zwei Mal muß der Bräutigam seine Bitten wiederholen, bis ihm endlich beim dritten Transport die rechte Braut zu Theil wird. Ehemals, da die Pferdezucht noch blühend war, setzte sich die ganze männliche Gesellschaft zu Pferde, so daß jeder Knabe ein Mädchen hinter sich nahm, und so ritten sie zur Kirche. Hier wird sogleich nach geschehener Trauung der Braut die rechte Hand mit einem Schnupftuche verbunden, welches sie einige Stunden lang anbehalten muß. Nachmittags wird getanzt, der Tanzsaal aber ist meistens eine mit Brettern belegte Tenne. "

Jetzt noch kann man in vielen Häusern zwei Uhren neben einander gehen sehen, die eine gibt die gewöhnliche, die andere die sogenannte italienische Zeit an. Diese letztere ist so gestellt, daß Jahr aus, Jahr ein bei einbrechender Nacht die Uhr 12 Uhr zeigt.

An Sagen mangelt 's auch im Avers nicht, auch dort spuckte es einst von Bergmännlein, die mit Wort und That den Einwohnern beistanden. Und an traurigen Hexenprozessen hatte das Thal ebenfalls keinen Mangel. Der letzte fällt wahrscheinlich in das Jahr 1765.

Selbstverständlich dreht sich die ganze Thätigkeit der Avner um ihre Viehzucht und Alpwirthschaft. Sie halten bei dieser letztern nicht zusammen, indem sie z.B. gelernte Sennen anstellen, sondern jede Familie handelt für sich und die Verarbeitung der Milch ist ganz den Frauen überlassen, höchstens stellt eine Gemeinde gemeinsam einen Hirten an. Morgens wird das Vieh auf die nahen Weiden getrieben und Abends kehrt es wieder in seine Ställe zurück, nur das sogenannte Galtvieh bleibt Tag und Nacht draußen. Im ganzen Thal sind circa 1300 Stöße oder Kuhweiden im Werth von circa Fr. 100,000, doch haben einzelne Alpen an ihrer Ertragsfähigkeit bis auf die Hälfte eingebüßt. Neben dem eigenen Vieh nehmen sie auch fremdes zur Sommerung an und einige Alpen sind überdies an Bergamasker Schafhirten verpachtet. Die Gemeindealp in Val Bregalga haben einige Bürger in Pacht, dieselben halten allein einen Sennen. Die Mähwiesen liegen in der Thalsohle und halb an der rechtseitigen Thallehne, hinauf. Auf sie verwendet der Avner seine ganz besondere Sorgfalt, dafür stehen sie aber so üppig, wie es in einer Höhe von 2000 m ü. M.

nicht von vornherein zu erwarten ist. Im Juli beginnt der Heuet. Zu dieser Zeit bildet das Thal einen wahren Wallfahrtsort für Arbeitsuchende; aus dem Domleschg, dem Bergell, aus Montafun und selbst aus dem Tirol kommen Mähder und Mähderinnen her-gepilgert, so daß um diese Zeit über 100 fremde Arbeitskräfte im Thal sind. Bei gutem Wetter dauert die Ernte doch volle sechs Wochen. Um halb 3 Uhr ziehen die Leute aus und mähen oft bis Abends spät fast ununterbrochen fort. Für diese strenge Arbeit bekommen die Mähder 2-2112 Fr. Lohn per Tag nebst Kost und Logis, Regentage nicht ausgenommen. Im September beginnt der Viehhandel Einzelne unternehmungslustige Avner ziehen alsdann mit ihrem Reichthum über die Berge in's- Bergell und nach Italien, andere, wohl die Mehrzahl, halten sich mehr an die Nähe und suchen in Thusis und Chur ihr Glück zu machen. Der Winter bringt auch ihnen Ruhe, daneben aber manche beschwerliche Arbeit, denn jetzt gilt es, für 's ganze Jahr das Holz herzuschaffen, von den entlegenen Heugaden muß das Heu heruntergeschlittet werden etc. Um im Schnee sicherer zu gehen, bedienen sie sich origineller Schneeschuhe, Schneereifen genannt. Es sind das Holzreifen von circa 40 cm Durchmesser mit einem weiten Maschennetz aus fingersdicken Stricken.

Gegen das Frühjahr beginnt wieder die strenge Arbeit. Die sämmtlichen Mähwiesen werden gedüngt und von Stalla her Lebensmittel: Mehl, Mais, Kastanien für den ganzen Sommer herüber geholt, resp. getragen.

Vor vielleicht 200 Jahren blühte im Avers auch noch die Pferdezucht, das alte Landrecht und andere Urkunden enthalten vielfache Beweise dafür; auch steht im Podestatshaus jetzt noch ein einplätziger Lust-fahrtschlitten, der in Form und Größe sehr an die Schlitten der Lappen etc. erinnert. Dazumal ging durch 's Avers eben noch eine begangene Route für Gütertransport aus dem Bergell und Engadin in 's Schams und Domleschg. Mit der neuen Zeit entstanden die prächtigen Alpenübergänge, das Thal wurde damit abgeschnitten, und der erste Schritt zu seiner Verarmung war gethan. Die Bewohner könnten zwar jetzt noch Pferde züchten, so gut wie die Aelpler im Madris oder im Val die Lei, es geschieht jedoch nicht mehr.

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