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Der Piz Linard

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Von Oswald Heer, Prof.* )

„ W eimers probieren, " sagte mein Begleiter Joh. Madutz zu mir, als wir an einem schönen Sommermorgen ( es war am 31. Juli 1835 ) vonZernetz nach Süss wanderten und der Piz Linard im vollen Glanz der Morgensonne uns entgegen trat. Wir hatten schon im vorigen Jahr die Be-

* ) Von der Redaktionscommission aufgefordert für den dritten Band des Jahrbuches eine Mittheilung zumachen, habe ich nicht ohne Bedenken obige Kleinigkeit ihr zur Verfügung gestellt. Da indessen im vorigen Jahr die Selvrettakette als Excursionsgebiet bezeichnet war und in dieser der Piz Linard den hervorragendsten Berggipfel bildet, mag die Veröffentlichung einer vor 30 Jahren stattgehabten Bergbesteigung ihre Entschuldigung finden. Bei diesem Anlasse erlaube ich mir an diejenigen Mitglieder des Alpenclubs, welche bedeutende Höhen ersteigen, die angelegene Bitte zu richten, von denselben Pflanzen- und Gesteinsproben mitzunehmen. Alle Pflanzen von Stellen, die über 9000Fuss ü. M. liegen, sind vom Interesse. Da diese Pflanzen klein sind und ein paar in Papier gewickelte Stücke zur Bestimmung genügen, ist das Mitnehmen derselben mit geringer Mühe verbunden und kann doch zu interessanten Vergleichungen dienen, welche solchen Bergbesteigungen dauernden Werth geben.

kanntschaft dieses Gebirgsriesen gemacht und uns auf dem Piz Minschun ( ob Fetan 9170 F. ü. M. ) tiberzeugt, dass er alle Berge des Unterengadins an Höhe überragt. „ Mer wänds probieren, " war meine Antwort, aber meine Hoffnung diesen Riesen zu bezwingen war gering, da mirs wohl bekannt war, dass in letzten Jahren mehrere vergebliche Versuche gemacht worden und die Sage, die sich im Volk erhalten hatte, dass vor langer Zeit ein Pfarrer Zoddrell auf der Spitze gewesen sei und dort seine Fusseisen gelassen habe, uns wenig Gewähr des Gelingens bot. Mit der Ausmittlung der Höhengrenzen der Pflanzen und Thiere unserer Alpen beschäftigt, schien mir der Piz Linard für solche Untersuchungen besonders geeignet, da die ganze obere Partie der ungeheuren Felspyramide von Schnee befreit war; es interessirte mich lebhaft nachzusehen, was für Pflanzen auf jenen abgelegenen, wild zerrissenen Felshörnern sich angesiedelt und überdiess lag mir daran die damals noch nicht bekannte Höhe des Berges zu messen.

Nachdem wir in Süss bei einem Bauer unser Gepäck untergebracht, begaben wir uns, der Susaska folgend, ins Flessthal. Obwohl bei Süss ( 4400 F. ü. M. ) die Thalsohle circa 1000 Fuss tiefer liegt, als im Oberengadin, hat die Flora doch noch manche Alpenformen behalten. Im Lerchen-wald blühte gar lieblich die zierliche Linnaea, in den Wiesen das grosse rothköpfige Cirsium heterophyllum, während die Felsen oberhalb des Dorfes mit Alpenprimeln ( Primula viscosa ), Steinbreeharten ( Sax. aspera und aizoon ) und der haarigen Hauswurz ( Semperv. arachnoideum ) bekränzt waren. Wir wanderten in dem Seitenthal, in welchem Lerchenwälder und Waidgründe mit Steingändern und Schluchten wechseln, bis zur A'lphütte im Hintergrunde des Thales. Von da aus bestiegen wir den westlich gelegenen Berg, um von diesem aus eine Ansicht des Piz Linard zu gewinnen und nachzusehen, von welcher Seite seine Besteigung in Angriff zu nehmen sei.

Der Abhang war bis zu 6360 F. ü. M. stellenweise noch mit Lerchen und Arven bewaldet und noch etwa 500 Fuss höher reichten die Alpenrosen ( Rhododendron ferrugineum ) und der Zwergwachholder ( Juniperus nana ); in ihrer Gesellschaft war die Bärentraube ( Arctostaphylos uva ursi ), dieTürkenbiind-Lilie(L.martagon)undSenecioFuchsii, stellenweise auch der Kanunculus pyrenaeus in auffallend üppiger Entwicklung, indem er bis ll/2 Fuss hohe Stengel besass. Eine Quelle, die bei 6400 F. ü. M. aus dem Gestein hervorsprudelte, zeigte die auffallend niedrige Temperatur von 3° R. Bei ca. 7800 F. ü. M. überraschte mich die in Bündten seltene Willemetia apargioides, die mit der Pedicularis recutita und Carex Miehlichhoferi eine versumpfte Stelle einnahm. Die Flora zeigte sonst den gewöhnlichen hochalpinen Charakter, doch verdient der Erwähnung, dass ich noch in der Höhe von 8100 F. ü. M. 33 Arten von Blüthenpflanzen verzeichnen konnte, von denen der Senecio carniolicus, Neogaya simplex, Phyteuma globulariaefolium und Sesleria disticha zu den selteneren Alpenpflanzen gehören. Selbst einige holzartige Pflanzen fanden sich noch in dieser Höhe; die zierliche Azalea ( A. procumbens ) und ein paar Zwergweiden ( Salix herbacea und retusa ) streckten noch hier und da ihre Zweige aus dem Rasen der Seslerien, der Poa laxa, Luzula spadicea und der Saxifraga bryoides hervor. Sehr ärmlich war dagegen die Insektenwelt vertreten; nur die Nebria castanea und Chrysomela gloriosa hatten sieh unter Steinen angesiedelt.

Auf den Abend kehrten wir zur Sennhütte zurück, welche aber unbewohnt und verrammelt war. Da wir Vieh an dem östlichen Abhang bemerkt hatten, stiegen wir zu diesem hinauf und trafen hier wirklich das ganze „ Sente ".

Die kleine Sennhütte liegt 7170 F. ü. M. Die Hirten waren eben mit dem Melken des Viehs beschäftigt, empfingen uns aber sehr unfreundlich, wie dieses in den Bündner Alpen häufig der Fall ist. Wir hatten Mühe einige Speise zu bekommen, und das Nachtquartier wurde uns in der Hütte verweigert. Wir mussten in der Nacht zur unteren Hütte hinabsteigen, wo wir ein leidliches Unterkommen fanden.

Am frühen Morgen brachen wir auf. Als Proviant hatten wir für den ganzen Tag nur etwas steinhartes Roggenbrod bekommen, doch stiegen wir frohen Muthes zu demGebirgs-kamm hinan, welcher das Prätigau vom Engadin trennt, denn der Himmel war uns günstig und breitete sein dunkelblaues Zelt über die grossartige Gebirgswelt aus. Die Thalsohle steigt anfangs nur schwach an und war höher oben stellenweise von Schneefeldern bedeckt, welche durch ihre prächtige carmoisinrothe Färbung sich auszeichneten. Bekanntlich wird diese durch Myriaden kleiner, einzelliger Pflänzchen ( dem Protococcus nivalis Br. Sp. ) hervorgebracht, welche bis zu ein paar Zoll Tiefe im Schnee drin liegen,, hier leben und sich entwickeln. Ich hatte diesen rothen Schnee schon an verschiedenen Stellen beobachtet ( so am Hinterglärnisch, auf der Nufenen und den Kalfeusen ), doch noch nirgends die Felder so weithin färbend, wie hier. Wir gelangten zu drei kleinen Seen, von denen der mittlere 7568 F. ü. M. liegt. Dieser und der obere waren zum Theil noch mit Eis bedeckt. Auf der Höhe des mit Schnee bekleideten Grates von Val torta, öffnet sich das nach Lavin auslaufende Val Sagliains, und nach West das im Prätigau ausmündende Süserthal. Hier trat uns zuerst der Piz Linard mit seinen fast eben so hohen Nachbaren, den beiden Plattenhörnern entgegen, welche mit dem Linard eine gewaltige,

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aus lauter grauen krystallinischen Gesteinen bestehende, von grossen Gletschern umgürtete Felsenmasse darstellen. Während aber der Linard nach Süden und Osten in wild zerrissenen Felswänden sich jäh ins Engadin hinabsenkt und von dort aus daher als himmelhohe Pyramide sich darstellt, sind die Plattenhörner in ein grossartiges Gebirgssystem eingefügt, in welchem sie trotz ihrer gewaltigen Felsmassen nicht zu gleicher Geltung gelangen können. Wir benutzten ein steiles Schneefeld und fuhren zum Hintergrund des Val Sagliains hinab. Hier begann die Arbeit des Aufsteigens, denn hier waren wir an den Westfuss unseres Bergriesen gekommen. Nachdem wir über Geröll und Steingänder in die Höhe gestiegen, betraten wir den südlichen Ausläufer des Gletschers, welcher um die Nordseite des Linard gelagert ist. Ueber demselben folgte wieder ein mit Geröll bedeckter Felsabhang, welcher noch in der Höhe von 8400 F. ü. M. eine nicht geringe Zahl von Pflanzen beherbergte. In den Felsritzen klebten dichte Rasen eines feinen Grases ( Agrostis rupestris ), die runden Polster der kleinen Cherleria und die liebliche hochrothe Silène ( S. acaulisvon Steinbfecharten suchten die S. exarata, bryoides und oppositifolia das öde Gestein zu bekleiden und aus ihren Rasen streckte hier und da auch eine Zwerg-Rapunzel ( Phyteuma globulariaefolium ) ihr blaues Köpfchen hervor. Im feuchten Geröll dominirte schon hier das überaus liebliche Gemsblümchen ( Androsace glacialis Schi ), das zuerst etwa 100 Fuss tiefer unten uns begegnet war und uns von nun an bis auf die Spitze des Berges begleitete; ihm war der Gletscher-Ranunkel ( R. glacialis ), ein Hornkraut ( Cerastium glaciale var. ) une als sehr auffallende Erscheinung in solcher Höhe die gelbe Hain-Simse ( Luzula lutea ) beigesellt.

An einigen Stellen war es sogar noch zur eigentlichen 0 .,i

Rasenbildung gekommen, an welcher acht Pflanzenarten sich betheiligten. Ein Gras ( Sesleria disticha ), eine Segge ( Carex curvula ) und eine Hainsimse ( Luzula spicata ) bildeten den Zeddel, die Pedicularis rostrata, Alsine verna, Chrysanthemum alpinum, Senecio carniolicus und Polygonum viviparum den bunten Eintrag für diesen allerdings sehr dünnen Pflauzenteppich, der nur auf eine kleine Strecke weit das öde Gestein bekleidete und die oberste zusammenhängende Gemsweide bildet.

Sehr bald verloren sich die Kinder der Flora; wir kletterten über ganz kahle und wild zerklüftete Felsen hinauf und gelangten an ein sehr steiles Schneefeld. Der Schnee war hart gefroren und das Vorrücken auf demselben daher sehr mühsam und gefährlich, denn unten gähnte ein tiefer Abgrund, welcher uns verschlungen hätte, wenn wir ausgeglitscht wären. Es wurde glücklich bestanden, als wir aber oben wieder auf festem Grund anlangten, sahen wir uns bedenklich an und sagten: hier gehen wir nicht hinab und suchen uns einen anderen Rückweg. Der Felsabhang über uns war sehr steil, doch stark verwittert, so dass wir ohne Gefahr bis zu etwa 10,000 F. Höhe hinaufgelangten. Die Blüthenpflanzen waren sehr selten geworden und die wenigen und kleinen grünen Flecken verschwanden in der verödeten Felswüste. Bei 9400 F. ü. M. sah ich noch zwei Steinbrecharten ( S. bryoides und oppositifolia ) und im feuchten Geröll das Gemsblümchen, den Gletscherranunkel, das Gletscherhornkraut ( Cerastium glaciale ) und ein Gras ( Poa laxa ). Als wir 200 Fuss über diese Stelle hinaufgeklettert, überraschte uns eine dunkelblaue Enziane ( Gent, bavarica imbricata Schi ), aber auch vom Ranunculus glacialis, Cerastium glaciale und der Poa laxa waren noch einzelne Stöcke da; dann aber verschwand jede Spur der Vegetation. Wir

kletterten mehrere hundert Fuss über gänzlich verödetes Gestein in die Höhe. Bei 10,100 F. erschienen aber wieder einige verlorene Kinder der hochalpinen Flora, am Fels die Cherleria und Saxifraga bryoides, in einer feuchten Kiesi das immer dunkler rothwerdende Gemsblümchen, die zu dichtem Rasen zusammengedrängte Silène ( S. acaulis exseapa ), das weisse Gletscherhornkraut, der Gletscherranunkel, der vorhin genannte blaue Enzian, zwei Steinbrecharten ( S. bryoides und oppositifolia ) und ein Hungerblümchen ( Draba fladniziensis Wulf ), das dichte kleine Rasen bildete, aus dem die fast reifen Früchte nur wenig hervortraten.

Y212 Uhr waren wir auf einer Felskante in einer Höhe von 10,200 F. ü. M. angelangt. Auch hier erfreuten uns noch einige Pflanzen. Ausser dem Gemsblümchen und dem Gletscherranunkel war es auch das Chrysanthemum alpinum, die Saxifraga bryoides und Poa laxa, welche bis zu dieser Höhe sich hinaufgewagt hatten, weiter oben aber verschwanden. Die Flechten dagegen waren häufig und die Lecidea geographica und die Parmelia stygia überzogen das Gestein weithin mit gelben und schwarzen Krusten. Wir setzten uns auf eine Steinplatte und suchten uns in unserer grossartigen, aber schauerlich wilden Umgebung zu orientieren. Wir waren an der westlichen Seite des Berges schon manche Stunde in die Höhe gestiegen; die Berge der uns umgebenden Thäler hatten ihre Häupter gesenkt; während wir am Morgen ihre steil aufstrebenden Felshörner, ihre mit einem Schneemantel bekleideten Terassen und Schluchten von unten aus angestaunt hatten, sahen wir jetzt von unserer Felsenzinne kühn auf sie herab, doch stand im Osten die höchste Kuppe des Linard immer noch in beträchtlicher Entfernung über uns. Wie wir so da sassen und an unserem harten Roggenbrod kauten, äusserte ich mein lebhaftes Bedauern, dass wir nicht von den „ Weekli ", die wir vor zwei Tagen bei Landamann Vili in Zernetz uns gar wohl hatten schmecken lassen, mitgenommen.

„ Da heid Sie eis, " rief erfreut Madutz, indem er ein Solches aus der Rocktasche zog; „ wollte es Ihnen erst auf dem Gipfel des Berges geben, nun aber müssen Sie es jetzt haben. " Ich wollte natürlich es mit ihm theilen, ich vermochte aber nicht ihn dazu zu bringen, auch nur einen Bissen davon zu nehmen und kann nie ohne Rührung dieses Zuges der treuen Anhänglichkeit dieses vortrefflichen Mannes gedenken, mit dem ich während mehreren Jahren monatelang die abgelegensten Gegenden unserer Alpen, meist ohne weiteren Führer durchwandert habe. Ich könnte dem Obigen noch viele ähnlichen Züge beifügen, die mirun-vergesslich bleiben werden. Joh. Madutz war aus einem Führer mein Freund geworden und so wird man mir diese Erinnerung an denselben verzeihen.

Es war noch die schwierigste Partie zu bestehen. Wir mussten quer über eine schauerliche Felswand klettern. Wir fanden zwar für Fuss- und Fingerspitzen Haltpunkte an den Spalten und vorstehenden Kanten, da das Gestein zerklüftet, diOch war es kahl und bei jedem Missgriff wären wir in eine grässliche Tiefe gefallen. Wir gelangten zum letzten Absatz unter dem Gipfel und hatten nun gewonnen Spiel. Wir stiegen auf ein kleines Schneefeld hinab, von dem aus die letzte Kuppe über verwitterte Felsen und Geröll nun leicht zu erreichen war.

Wir langten 123/4 Uhr oben an, das Barometer zeigte, auf Zürich berechnet, die Höhe von 10,696 F. ü. M.das

* ) Es stand auf 18 Zoll 10,3 Lin ., das Quecksilber desselben hatte eine Temperatur von 13° R. In Zürich stand ( bei 1344 F. ü. M. ) das Barometer 12 Uhr auf 26, 10, 8, das Thermometer fix freie Thermometer stand auf -j- 7° R. Die Bergspitze wird von einem schmalen Grat gebildet, der mit losen Gesteinen bedeckt ist, welche durch verglaste Stellen Spuren des hier häufig einschlagenden Blitzes zeigen.

Etwa 200 Fuss unter der Höhe standen noch vereinzelte Rasen des Gletscherranunkels und des Gemsblümchens, doch reichte nur letzteres bis auf den Gipfel hinauf und zwar nur in einem einzelnen Rasen, der aber in vollster Blüthe stand. Die lieblichen rosenrothen Blümchen wagten sich aber nur wenig über das dichtgedrängte Blattpolster hinaus, so dass die Pflanze in dieser Höhe fast die Tracht der weissblühenden Androsace helvetica L. erhielt. Es ist die Androsace glacialis an die Grenze der Blüthenpflanzen unserer Alpen gestellt; sie allein sah ich noch auf dem Gipfel des Hausstockes ( 9715 F. ü. M. ), sie allein brachte Herr Prof. Escher von der Linth von der Höhe des Schreckhornes ( 11,400 F. u. M ) mit; in Bündten habe ich sie an 23 von mir gemessenen Punkten, zwischen 8500 F. und 11,000 F. ti. M., beobachtet; sie ist über diese Höhen auch in den Gebirgen von Uri, Bern und Wallis verbreitet und wird daher mit Recht als das Gletscherblümchen, und von den Bündtnerjägern als das Gemsblümchen bezeichnet, denn nirgends steigt es unter die subnivale Region hinab. Es ist zudem ein eigentliches Kind unserer Hochalpen. Während der Gletscherranunkel, die Silène acaulis und die von uns erwähnten Saxifragen auch im hohen Norden vorkommen und über die ganze arctische Zone verbreitet sind, fehlt dem

auf 20, 6, das freie auf 23, 5, bei ganz hellem Wetter. Die später von Denzler vorgenommene trigonometrische Messung ergab 10,516F. ( 3416 Meter ) ü. M., daher meine Barometermessung die Bergspitze um 180 Fuss zu hoch angab. Es sind hier überall Pariser Fuss gemeint.

Schweizer Alpen-Club.

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Heer.

Norden die ganze Gruppe der hochalpinen Androsaeen, welche man unter Aretia zusammengefasst hat. Es ist dies ei* ausschliesslich alpiner Pflanzentypus, der in unseren Gebirgs-landen entstanden sein muss und wohl zu den ältesten Insassen unseres Landes gehört.

An blttthenlosen Pflanzen waren es die früher genannten Flechten, welche das Gestein hier oben noch theilweise überzogen und von Thieren fand sich nur eine Spinnenart ( Opi- lio glacialis Hr.* ), welche unter Steinen sich angesiedelt hatte. Ich habe diese Gletscherspinne an vielen Punkten unserer Alpen und immer in sehr beträchtlicher Höhe gefunden, kann mir aber zur Zeit keine Rechenschaft geben, wovon diese Thiere in solchen Höhen leben. Ob sie nur auf die Insekten angewiesen sind, welche zufällig vom Wind vertragen etwa einmal in diese Höhen gelangen?

Doch für die Mehrzahl meiner Leser wird diese Frage sehr gleichgiltig sein, vielleicht dass sie aber noch vernehmen möchten, wie die Aussicht beschaffen sei und ob diese die Mühen und Gefahren der Bergbesteigung lohne.

Sie ist von überwältigender Grossartigkeit** ). Wir haben in der Schweiz viele Gebirgshöhen, welche eine viel gross-

* ) Ich habe diese mit einer Zahl anderer Gliederthiere der Hochalpen abgebildet und beschrieben in meiner Abhandlung über die obersten Grenzen des pflanzlichen und thierischen Lebens in den Schweizer -Alpen. Zürich. 1845.

Ausführlicher ist dieselbe beschrieben worden von Herrn J. J. Weilenmann, eine Ersteigung des Piz Linard. St. Gallen 1859. S. 19. Für die Weite der Rundsicht zeugt, dass man bei hellem Wetter im Osten die rothe Wand im Hintergrund des Lechthales und anderseits im Westen die Berneroberländer Alpen sieht, im Nordwesten den Uto und die Umgebungen des Bodensees und im Süden die Alpen des Veitlins.

artigere Gletscherwelt vor uns ausbreiten und in dieser Beziehung kann sich der Linard wedesç mit dem sehr leicht zugänglichen Gornergrat, noch mit den Riesen des Berneroberlandes, noch auch mit den Berninahörnern messen. Was ihm aber vor den meisten Gebirgszinnen unseres Landes zu eigen ist, das ist die überaus schauerliche Wildheit seiner nächsten Umgebung. Wir stehen auf der Kante einer furchtbaren Felswand, über die wir nach Osten in die schwindlichte Tiefe de Val Lavinuaz hinabschauen, und auch nach Nord und Süd überall jäh abfallende, von unzähligen Trümmern bedeckte Felsgehänge. Ueberall in grossartigstem Maassstabe das schauerliche Bild der wildesten Zerstörung und der kalten leblosen Natur, das uns fast mit Schrecken erfüllt. Nur auf der Spitze des Kärpfstockes machte die nächste Umgebung auf mich einen ähnlichen Eindruck. Das durch die Pflanzenwelt gewirkte Grün liegt tief, tief unter uns und noch viel tiefer unten die oberste Grenze der Baum-Vegetation; wir sind hoch über dem grünen Teppich der lebendigen Schöpfung. Erheben wir aber unsere Blicke von unserer näheren, uns fast erdrückenden Umgebung, öffnet sich uns ein unermesslicher Horizont, der durch die wunderbare Fülle von Bergformen, die er vor uns entfaltet, uns zu grösster Bewunderung hinreisst und damit unser Gemüth wieder besänftigt. Uns gerade gegenüber erheben sich nach Süden die formenreichen Kalkberge des Scarl- und des Münsterthaies, die wir früher besucht, und die von Livigno, welche wir vor wenigen Tagen durchwandert hatten; an sie reiht sich weiter nach Westen das ganze Heer von Gebirgen des Oberengadins, aus dem die Kette des Bernina als gewaltige schneeweisse Masse hervortritt. Ueber den Orteies und die Oetzthaler Gletscher hatten sich dunkle Wolken gelagert und auch der äusserste Westen war verschleiert, so dass sich die

30* Berner Alpen unsern Blicken entzogen.

Dagegen traten uns im Osten zwischen den Gebirgsstöcken des Unterengadins* mehrere Reihen von fernen Tyroler Bergen entgegen, die wir nicht zu enträthseln vermochten.

Nach Osten, Süd und West überragt der Linard alle nähern Berge, so dass man sie alle überschaut, aber auch nach Norden vermögen das vergletscherte Schwarzhorn und die gewaltigen Plattenhörner die Aussicht nicht zu verdecken; man sieht über sie und die zahlreichen Gebirgshöhen des Prättigau und von Davos bis weit ins Land hinaus. Wir erkannten den Galanda und die in bläulichen Duft gehüllten Kurfirsten; den Hütliberg vermochten wir aber nicht zu unterscheiden.

Wer möchte nicht gern lange auf solcher Gebirgszinne weilen, um dieses wunderbare Bild recht tief in seine Seele zu prägen! Aber der Gedanke an den gefährlichen Rückweg und ein kalter Windzug, der eine dunkle Wolke hertrieb und selbst einzelne Schneeflocken durch die Luft wirbelte, mahnten zum Aufbruch. Nachdem wir noch in aller Eile aus losen Steinen ein „ Steinmannli " errichtet, traten wir den Rückzug an. Bald waren wir bei der gefährlichen Felswand angelangt, über die wir klettern mussten. Eine Stelle war besonders schwierig; Madutz war glücklich hinüber gekommen, ich aber vermochte längere Zeit die aus der glatten Felswand hervorstehende Kante mit dem Fusse nicht zu erreichen und schwebte eine Zeitlang in nicht gerade behaglicher Lage über dem schauerlichen Abgrund. Endlich ging es. Von da an schlugen wir den Rückweg in anderer, mehr südlicher Richtung ein. Es boten sich keine grossen Schwierigkeiten dar, bis wir an eine Felswand gelangten. Unterhalb derselben war zwischen hohen Felsen ein grosses sehr steiles Schneefeld, das weit hinabreichte und von keinen Felsabsttirzen unterbrochen war.

Wir suchten zu demselben hinabzugelangen, konnten aber längere Zeit keine Stelle finden, die das Hinabklettern ermöglichte. Endlich entdeckten wir eine Schlucht, durch welche ein kleines Bächlein in lustigen Sätzen der Tiefe zueilte, und mussten uns entschliessen durch'diese hinabzuklettern. Wir langten ganz durchnässt auf dem Schneefeld an und fuhren auf demselben in die Tiefe. Dort hatte ein Trupp Gemsen sich gelagert, welche laut pfeifend auseinander sprangen, als wir so unerwartet von der Höhe herunter kamen. Wir gelangten über Schutthalden und Schneefelder, ohne weitere Gefahren zu bestehen, in die Alpenregion hinab. Bei 6568 F. ü. M. erreichten wir die Arven- und Lerchengrenze und kamen wieder in den Bereich menschlicher Cultur, nachdem wir den ganzen Tag in den einsamsten und abgelegensten Wildnissen zugebracht hatten. Wir trafen hier den Ziegenhirten von Lavin, welcher seine Heerde heimwärts trieb. Wir zogen mit der Ziegenheerde ins Thal hinab, wo wir bei der Dämmerung in Lavin anlangten, vorher aber noch durch einen Regenschauer begrüsst wurden. Wir hatten einige Mühe, in dem Wirthshaus unterzukommen. Da wir während des ganzen Tages an den Felsen herumgeklettert, hatten wir unsere Kleider arg zugerichtet; die Wirthin wollte so verlumpten Leuten keine Betten geben und uns in den Stall placiren. Nach einiger Unterhandlung gelang es uns indessen, ihr eine bessere Meinung von uns beizubringen. Am folgenden Morgen kam Madutz ganz entrüstet auf meine Kammer, wo ich mit dem Einlegen der gesammelten Pflanzen beschäftigt war, und erzählte, dass die Laviner unsere Besteigung des Linard nicht glauben wollen. Eben sitze ein Haufen Männer unten in der Wirthsstube, um vor der Kirche ( es war Sonntag ) noch einen Schnaps zu nehmen, und diese haben ihn'einen Lügner und Aufschneider gescholten und das lasse er sich nicht gefallen.

Ich beruhigte ihn, dass wir ja nicht um der Laviner willen den Berg bestiegen und dass uns ihr Urtheil ganz gleichgültig sein könne, überdies haben wir ja ein Steinmannli errichtet, welches man, wenn der Berg seinen Nebellmt abgezogen, von Lavin aus mit einem Fernrohr sehen müsse. Nach der Kirche erschien Landammann Steiner mit seinem Sohne, der damals auf der Kantons-Schule in Chur war; er hatte von der Sache gehört und wollte Näheres erfahren. Ich erzählte diesem freundlichen Manne den ganzen Hergang und welchen Weg wir beim Hinauf- und Hinuntergehen eingeschlagen hatten. Mein ehrliches Gesicht schien ihm Vertrauen einzuflössen und er lud mich auf den Nachmittag zu sich ein, wo ich eine Gesellschaft von Honorationen des Dorfes traf. Hier mus8te ich meine Erzählung wiederholen, fand aber hartnäckigen Widerspruch. Der Bruder des Landammann hatte mit dem Gemsjäger von Guarda, der in solchen Dingen als grosse Autorität galt, umsonst versucht, die Höhe zu erklimmen, und wollte es nicht gelten lassen, dass Fremden ohne der Gegend kundige Führer eine so schwierige Bergbesteigung gelungen sein sollte; zudem konnten wir die Fusseisen nicht vorweisen, welche der Pfarrer Zodrell in alter Zeit auf dem Gipfel des Berges abgelegt haben sollte und die wir dort nothwendig hätten finden müssen! Als ich dann später auf der Rückreise aus dem Unterengadin und Samnaun wieder durch Lavin kam, hatte das Steinmannli seine Pflicht gethan; man hatte es mit dem Fernrohr erkannt. 13 Jahre später wurde der Berg von dem jungen, unterdessen zum Regierungsrath vorgerückten Steiner, mit mehreren Gemsjägern bestiegen und im Jahr 1859 von Herrn J. J. Weilenmann. 1864 ( 4. August ) war Herr Siber-Gysi von Zürich ( mit Herrn Enderli von Pontresina und dem Gemsjäger Planta von Süss ) auf der Spitze des Berges und fand daselbst, ausser dem Gemsblümchen, den Gletscherranunkel und das Chrysanthemum alpiuum.

L. Letzteres hatte ich zuletzt 300, ersteres 200 Fuss tiefer unten gesehen. Sie waren daher in den letzten 30 Jahren um soviel Fuss höher hinaufgerückt, so dass gegenwärtig drei Blüthenpflanzen-'Arten auf dem obersten Gipfel des Berges sich angesiedelt haben, während früher nur Eine.

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