Der Schmollwinkel eines mittelalterlichen Kirchenfürsten in den Dolomiten

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Von Prof. Dr. G. Meyer von Knonau ( Section Uto ).

Der Schmollwinkel eines mittelalterlichen Kirchenfürsten in den Dolomiten Zu den großartigsten, wenn auch nicht zu den höchsten Erhebungen der Alpen- gehört, nahe am östlichen Ende des gewaltigen Ringwalles, die Abtheilung der Dolomiten. Bekanntlich ist dieselbe auf der nördlichen und westlichen Seite von den Flußläufen der Rienz, des Eisack und der Etsch, am südöstlichen Absturz vom Laufe des Piave begrenzt. In den letzten Jahren wendet sich, in Folge der Eröffnung der Eisenbahnlinie durch das Pusterthal nach Kärnten — von Franzensfeste nach Villach —, ein immer größerer Strom von Reisenden diesem Gebirge zu, und insbesondere ist Cortina d' Ampezzo, im nordöstlichen Theile der Dolomitalpen, ein Hauptanziehungspunkt geworden. Allein die westlicheren Abtheilungen sind Anmerkung. Der Verfasser sprach über dieses Thema vor der Section Uto am 27. Januar 1888.

nicht weniger des Besuches würdig, als jene Route nach Ampezzo, welche bei dem vielgenannten Toblach auf die Eisenbahnlinie nordwärts ausmündet. Ziemlich genau westlich parallel mit dieser vielbegangenen Hauptstraße Toblach-Ampezzo-Pieve di Cadore-Belluno geht der Weg von Bruneck durch das Thal Enneberg, das Abteithal und Buchenstein nach Agordo und, durch das Thal des Cordevole, gleichfalls nach Belluno oder aber gleich südwestwärts nach Feltre hinaus. Ganz so, wie der östliche Weg, ist auch dieser westliche Durchpaß immer großartiger und malerischer, je weiter er südwärts fortgesetzt wird.

Bruneck, der Hauptort der westlichen zum Tirol gehörenden Abtheilung des Pusterthals, hat eine freie, sehr schöne Lage an der Vereinigung des von Norden herkommenden und nach der Tauernkette hinauf leitenden breiten Taufersthaies mit dem schmäleren westwärts streichenden Hauptthale. Das saubere Städtchen, dessen nördliche Uferflanke zum Theil aus den furchtbaren, wiederholten Wasserverwüstungen der Rienz ganz neu erstanden ist, überragt auf der südlichen, dem Berg zugewendeten Seite der stattliche Bau der noch wohl erhaltenen Burg, und die Ringmauern ziehen sich malerisch den Berg empor, Schloß und Stadt zu einem Ganzen verbindend. Der nächste Ort flußabwärts südwestlich ist das stattliche Dorf St. Lorenzen, welches mit seinen zwei Kirchen schon von Weitem über die anmuthige Fläche von Bruneck her in die Augen fällt. St. Lorenzen ist an der Einmündung der aus dem Enneberger Thal kommenden Gader in die Rienz gelegen, mitten zwischen mehreren vereinzelten, bewaldeten Hügeln, welche die rings von höheren Bergen umrahmte Gegend angenehm beleben. Eine dieser Höhen, nördlich jenseits der Rienz, trägt die ausgedehnten, aber im vollen Verfalle liegenden Gebäude des durch Kaiser Joseph II. aufgehobenen reichen Frauenstiftes Sonnenburg; auf der Südseite von St. Lorenzen dagegen ragen die drei gewaltigen Thürme des noch bewohnbaren, aber auch schon Anzeichen des Verfalles aufweisenden Schlosses Michaelsburg auf einem ebenfalls einzeln stehenden Büchel. Aber immer noch ist auch in der Ferne das stolze Brunecker Schloß sichtbar.

An einem wunderschönen Morgen, den 27. August 1887, führte meine Frau und mich ein kleiner Einspänner von Bruneck her durch St. Lorenzen dem Enneberger Thale bergaufwärts zu. Die Straße ersteigt alsbald die hohe östliche Thalseite; denn die Gader fließt hier in furchtbarer Schlucht tief unten, und die auf schönen Vorbergen jenseits liegenden Dörfer sind trotz der geringen Luftentfernung nur auf stundenweiten Umwegen zu erreichen. Der Name eines dieser Dörfer — Welsch-Ellen — machte uns alsbald auf einen weiteren Umstand aufmerksam, welcher einem länger weilenden und nicht so flüchtig durchziehenden Wanderer den Besuch dieser Thäler anziehend machen muß. In Enneberg nämlich, ebenso in dem südwestlich an das Abteithal angrenzenden Grödenerthale, welches sich nach der Station Waidbruck der Brennerbahn, zwischen Brisen und Bozen, westwärts öffnet, und endlich in dem Thal Buchenstein, sowie ferner in Ampezzo und im Fassathal wird in von Thal zu Thal abweichenden Dialekten, ähnlich wie in unseren Graubündner Thälern und weiter östlich im Friaul, ein rätoromanisches Idiom noch heute gesprochen. Allerdings schwindet auch hier dieses ladinische Sprachgebiet immer mehr zusammen. Von der Nordseite rückt, nach Enneberg, das Deutsche vor; die südlichen Flügel, Ampezzo, Buchenstein, Gröden, werden vorzüglich durch die Kanzelsprache mehr und mehr italienisirt. Uebrigens haben wir, soweit unsere Berührung reichte, in den zwei Tagen unserer Anwesenheit überall deutschsprechende Leute gefunden.

Bei Zwischenwasser verließen wir das eigentliche Ennebergerthal, um nun der Gader entlang aufwärts dem Abteithaie uns zuzuwenden. Zwischenwasser liegt, wie schon sein Name andeutet, an der Vereinigung des aus dem eigentlichen Ennebergerthal herausströmenden Vigilbaches mit der Gader; steil ging es in übrigens sehr guten Serpentinen auf der neuen, zwar schmalen Straße an den Bach hinunter, und ein schöner Ausblick eröffnete sich dabei auf das tief eingebettete Hauptdorf St. Vigil thalaufwärts und die gewaltigen Felsberge, über welche aus dem hintersten Theil von Enneberg Pfade nach Cortina d' Ampezzo hinüber fuhren. Unser Fuhrmann hatte geglaubt, von Zwischenwasser an der Gader aufwärts schon der im Bau .begriffenen neuen Straße folgen zu können; allein dieselbe war noch nicht fahrbar, und so galt es wieder, alsbald steil bergauf an den bewaldeten Flanken des Berges den Weg fortzusetzen. Ganz prächtig grüßte uns nun von jenseits des Thales Welsch-Ellen von seiner anderen Seite her. Gegen Mittag rückten wir bei dem kleinen Orte Piccolein vor, in dessen bravem Gasthaus der Herr Officier seinen Sitz hatte, dessen Soldaten die neue Straße ausführten. Es war ihm sehr erwünscht, von uns vernehmen zu können, daß die paar Fäßchen Pulver, auf welche er sehnlich wartete, wohl noch heute eintreffen würden; wir hatten diese etwas unheimliche Ladung gleich oberhalb St. Lorenzen überholt.

In Piccolein war nach eingenommenem Mittagsmahl ein kleinerer Bergwagen zu besteigen; denn die Beschaffenheit des Weges nach St. Leonhard, dem Hauptorte des Abteithaies, hinauf, theils auf der alten, theils auf der erst halbfertigen neuen Straße, hätte unser zarter gebautes Brunecker Fuhrwerk nicht aushalten können. Allerdings waren nun auch die Stöße dieser Fahrt danach beschaffen, und so schön die Landschaft, welche hier auch sehr waldreich ist, sich darstellte, wir waren doch sehr froh, nach etwa zwei Stunden das kleine bei St. Leonhard gelegene Schwefelbad Pedratsches erreicht zu haben. Ganz besonders hübsch war gleich oberhalb Piccolein das Dorf St. Martin mit dem alten Schloß Thurn gewesen, dann die enge Schlucht weiter hinauf unterhalb des hochragenden Dorfes Wengen. Freilich zeigten sich auch überall die Spuren der gräßlichen Wasserverwüstungen, der Muhren und Geröllfelder, welche sich infolge der unsinnigen Waldzerstörungen immer häufiger über diese Thäler ergießen. Es schien uns sehr fraglich, ob die geschickt gebaute, in der Erstellung begriffene neue Straße überall den zu befürchtenden Angriffen des Gaderbaches werde widerstehen können.

Schon seit dem frühen Morgen hatten uns die herrlichen Bergformen der zurückgelegten Landschaft entzückt. In der duftigen Frühe waren nur die großen Formen der nach der Entfernung sich abstufenden Höhen, wie in einem zarten Schleier, erkennbar gewesen; mit dem höher steigenden Tagesgestirn hatten immer mehr diese überkühnen Felsgebilde sich in ihren Einzelheiten dargestellt und das staunende Auge gefesselt. Besonders hatte der Peitler Kofel in dem Seitenthale von Thurn aufwärts längere Zeit unsere Aufmerksamkeit in Anspruch genommen. Aber jetzt erst in Pedratsches wurde uns der Anblick des St. Leonhard's stattliche Gebäude hoch überragenden Heiligkreuz-Kofels geradezu eine Ueberraschung. Die senkrecht abstürzendenWände dieser gewaltigen Felsenmauer rötheten sich im Lichte der allmählich dem Untergange sich zuneigenden Sonne, und Farben-wirkungen traten zu Tage, wie sie eben in solcher Eigenthümlichkeit nur diesem Abschnitte der Alpen angehören.

Von Pedratsches wollten wir an diesem Abend noch den Hintergrund des Abteithaies erreichen, und so stiegen wir gar nicht über den Bach nach dem so ansehnlich sich darstellenden St. Leonhard hinüber, sondern folgten alsbald flußaufwärts der Straße. Dieselbe wendet sich sogleich beim Dorfe Stern süd- westlich Corvara zu; denn sie hat ja den Zweck, als Militärstraße auf kürzester Linie mit der Puster-thallinie das südwärts ganz nach Italien hin gewendete Thal Buchenstein zu verbinden. Unser Weg lenkte an der Südseite des Heiligkreuz-Kofels hin nach St. Cassian hinauf. Dieses sehr anmuthig in dem ziemlich weiten Thal auf schönen Bergwiesen zerstreute Kirchdorf hatten wir als unser Nachtquartier ausgewählt. Das Wirthshaus erwies sich als etwas geringer, als sonst die braven Tiroler Dorfgasthäuser für irgendwie verständige Ansprüche sich darstellen. Aber der gute Wille war wenigstens reichlich da, und die Wirthin, welche zwar nur über ein sehr spärliches Deutsch verfügt und sich ihres geweckten, schwarzäugigen Töchterleins als eines Vermittlers bedienen muß, freute sich sichtlich über den Appetit, mit welchem wir aus der Pfanne heraus gleich in der Küche von den in Butter gebackenen, mit grünen Kräutern gefüllten Fladen naschten, die für die Kirchgang und Wirthshausbesuch verbindenden Gäste des folgenden Tages bestimmt waren.

Aber St. Cassian hat in gewissen Kreisen der Wissenschaft den Rang einer europäischen Celebrität. Schon 1846 schrieb Ludwig Steub in seinem classischen Buche: „ Drei Sommer in Tirolich glaube nicht zu weit zu gehen, wenn ich es ausspreche, daß es schwer halten wird, in der ganzen so groß gewordenen alpinen Litteratur Werke zu nennen, die es mit diesem ebenso originalen, als lehrreichen Buche aufnehmen können — über St. Cassian Folgendes: „ Hier pilgerte einst Leopold von Buch mit Hammer und Tasche herum und nannte, seiner ungeahnten Ausbeute froh, diese Thäler den Schlüssel zur neuem Geognosie. Seitdem sind diese Wildnisse der Wallfahrtsort für Alle geworden, die die Geschichte des Erdballs in seinen Gebilden studiren, und in dieser Wissenschaft sind die Thäler zu einem Ruhm und Ansehen gekommen, die ihnen kein anderer Erdenwinkel streitig machen kann. Wenn wir bei dieser Glorie nicht weiter verweilen, so geschieht es, weil denjenigen, welche sich darum kümmern, nur von Fachgelehrten etwas Neues gesagt werden kann, wir aber nicht zu den Adepten gehören. Wie sehr die Wichtigkeit des St. Cassianerthales durch seine Schichten für die Sammler von Versteinerungen in zunehmendem Maße gewürdigt wird, zeigt schon ein flüchtiger Einblick in die Blätter des Fremdenbuches im Wirthshause, welches seit Steub's Zeiten an Stelle des Curatenhauses als Herberge für die fremden Besucher getreten ist, und es war fast komisch, zu sehen, mit welchem Mißtrauen mich ein Herr Collega aus Kiel begrüßte, bis er herausfand, daß ich durchaus kein Concurrent sei und nicht beabsichtige, ihm etwa in die von ihm ausgespähte interessante Ecke des Gebietes zu folgen. Schon Steub sprach von einem Herrn Professor Klipp-stein in Gießen, „ der schon manche Woche bei dem Wirthe von St. Leonhard zugebracht und ihm manchen Gulden schwer Geld zu lösen gegeben habe ". Einen höchst sonderbaren Adepten dieses Gelehrten lernten wir noch Abends in einem alten Bauern, Namens Ploner, kennen, der mit einer zur Schau getragenen Naivetät große Schlauheit verbindet und mit Vorliebe seinen gemischten werthlosen und guten Kleinkram zur Auswahl vorlegt. Ob der Handel noch so geht, wie in Steub's Zeiten, wo man achtzig Gulden zahlen sollte, wo es dann gleich war, ob man den ganzen Vorrath oder das wenige Ausgesuchte behielt, konnte ich nicht erfahren.

Unser ebenso bescheidener, als sachverständiger Führer und Träger, der den wohlklingenden Namen Rudiferia hatte, war zu dem Versprechen bewogen worden, am folgenden Morgen, Sonntags, die Frühmesse in St. Leonhard zu besuchen, so daß der Aufbruch in einer nicht zu späten Stunde geschehen konnte. Gerade während der Curat von St. Cassian zur Einleitung des Morgengottesdienstes vom Kirchhofe aus, dem Heiligkreuz-Kofel zugewandt, das Wetter segnete, brachen wir südöstlich in der Richtung nach dem Valparola-Paß auf.

Es wäre nun geradezu ungeschickte Vermessenheit, den Weg über Valparola neu beschreiben zu wollen, nachdem Steub das vor vierzig Jahren in so vorzüglicher Weise gethan hat:

„ Von St. Cassian weiterschreitend, der Alpe Valparola zu, bewundern wir zuerst noch die schönen, gemauerten, zweistöckigen Hofe, die hier herum auf den Bergwiesen zerstreut stehen, und vertiefen uns dann immer mehr in die Alpengegend, die sich gegen den Fuß des Joches hinzieht. Nicht weit hinter verlassenen Hochöfen liegt eine Alm, wo mehrere Hirten aus dem Pusterthale ihre Sommerfrische halten. Die Hütten sind geringer Art, aus Balken kunstlos zusammengelegt. Einer der Sennen nahm mich gastlich auf, gab mir Milch und Käse und sträubte sich, nach einem allmählich erlöschenden Herkommen, eine Bezahlung anzunehmen. Glücklicherweise war er ein Tabakraucher, so daß ich ihm durch ein paar Cigarren meine Dankbarkeit bezeigen konnte.

„ Von dieser Niederlassung erhebt sich der Weg steiler aufwärts durch den Wald und dann über freie Wiesen auf das Joch, welches in einer Stunde zu erreichen ist. So leicht man auch hinauf kömmt, so ist es doch oben so jochartig als irgendwo.

„ Zu beiden Seiten Dolomitenwände, deren Fußgestelle mit Edelweiß bewachsen sind, und eine prächtige Aussicht. Rückwärts in 's Thal der Abtei geht sie, wo die Gemeinde St. Cassian ihre schmucken Häuser über die lieblich grünen Wiesen ausgestreut hat, überragt vom Kreuzkofel, eingeschlossen von düsteren Felsen, zwischen denen das Auge gleichwohl hinausfindet, bis auf die Zillerthaler Schneeberge. Gegen Mittag aber breitet sich vor dem Blicke eine Dolomitenwirthschaft aus, wie sie kaum noch ärger zu finden. Wer sich hier noch vor dem letzten Schritte auf das Joch das freundliche Thalgelände von St. Cassian betrachtet, das trotz seiner wilden Umgebung so milde abgeglättet, bebaut, mit Häusern besetzt, mit seiner weißen Kirche geziert ist, um die sich die Hofe schaaren wie die Küchlein um die Henne, wer dann, das Auge voll angesogen mit dieser grünen Lieblichkeit, auf die Wasserscheide tritt und gegen Mittag schaut, der muß fast erstarren ob dieser schauerlichen Wildheit. Da ist über die ersten Flächen des Abhangs weg weit und breit kein Grün mehr zu sehen, aber überall bis in die fernste Ferne hechel-mäßig aufgeschossene, ragende, schroffe, senkrechte Zinken und Hörner, aus denen sich wieder andere, schwarze ungethüme Stifte hervorschieben und sich kreuzschnabelartig über einander legen — Alles anzusehen wie Masten, Planken und Latten aus dem Schiffbruch einer Welt. Von Wiesen und Feldern keine Andeutung, noch weniger von Häusern. Es vermehrt den feierlichen Ernst der Landschaft, daß sich etwas unter dem Joche auch noch die Aussicht auf ein Schneefeld einstellt, das zur Rechten aufzieht, weiß, schön und still.Abwärts geht es zunächst durch dünnes Gehölz, das mit vielen großen und kleinen Felsstücken durchwirkt ist, dann aber eben und glatt über Wiesen, bis man zuletzt vor dem Schlosse Buchenstein steht. Dies ist eine herrliche Burg, innerlich zwar verlassen und verfallen, aber äußerlich noch ganz in alter Würde. Sie steht neben dem Thalwege und ist auf einem vereinzelten, schroffen Felsenblock seltsam hin- gemauert, so nämlich, daß sie gegen Norden eine schöne Fronte hat, während auf der Südseite das Gestein fast bis in die Mitte des Gebäudes hinaufreicht. Eine Ringmauer zieht sich um den Fuß desselben herum, und der Zugang zu dem Hauptthor geht über einen tiefen Graben. Hat man die Burg betreten, so führt rechts eine Treppe zum Burgverließ, links die große Stiege in 's Schloß. Zuerst kommt man an die Pforte der Kapelle, die zwar halb verfallen ist, aber noch manches Ueberbleibsel alter Zier zu schauen gibt. Eine andere Treppe führt zu einer eisernen Thüre, hinter der eine Zugbrücke im Innern den Weg zur Wohnung des Schloßhauptmanns bildete, so daß sich ein hartnäckiger Befehlshaber noch in seinen Wohnzimmern vertheidigen konnte, wenn die Burg schon über war.

„ Die Herrschaft Buchenstein kam an das Bisthum Brixen im Jahre 1091. Die Bischöfe gaben sie dann verschiedenen Edeln zu Lehen und kamen erst im Jahre 1426 wieder in den unmittelbaren Besitz. Seit dieser Zeit bis zum Jahre 1803, wo das Hochstift säcularisirt wurde, zählt die Chronik in der Burg fünfundvierzig Schloßhauptleute, darunter Männer aus den vornehmsten Geschlechtern des Landes. So lange solche Insaßen darin walteten, mag sie wohl sehr wohnlich eingerichtet gewesen sein. Auch die Bischöfe klopften oft in unruhigen Zeiten unerwartet an des Schlosses Pforte und tiberwetterten da, bis die Luft zu Brixen wieder heiter war. Seitdem aber der letzte Schloßhauptmann ausgezogen, hat man die Burg ihrer besten Geräthschaften und ihres Archivs beraubt, letzteres, wie es scheint, zerstört und das Gemäuer der langsamen Vernichtung hingegeben. Bei den Eingebornen heißt es Castel d' Andraz, und es gehört jetzt der Familie Faber im nahegelegenen Cernadoi,. welche das Gebäude sammt Bauerschaft unter der bairischen Herrschaft um 18,000 Gulden gekauft hat Man versichert, sie hätte damit eine sehr gelungene Speculation gemacht, da vor ein paar Jahren 20,000 Gulden allein aus verkauften Waldungen gelöst worden: seien ". Seitdem Steub uns das Bild des Schlosses vor die Augen führte, ist dasselbe, wie die zur Seite stehende Illustration zeigt, allerdings viel mehr zur Euine geworden; aber immer noch erweckt diese mittelalterliche Festung, wie sie aus dem Felsboden selbst herausgewachsen zu sein scheint, einen gewaltigen, unvergeßlichen Eindruck. Bald verschwindet dann beim Abwärtsgehen die Burg, und an einzelnen Häusergruppen vorüber, vor welchen die sonntäglich gekleideten Dorf leute, ein charakteristisch aussehendes Volk von schon etwas südländischer Haltung, sich behaglich ihrer Muße hingaben, erreicht man den eng umschlossenen Kessel des Dorfes Andraz oder Buchenstein, wie es deutsch heißt. Die Einwohner dieses kleinen Landgerichtes, deren Zahl Steub zu seiner Zeit auf dreitausend anschlug — der italienische Name des Thales ist Livina-Longo — sprechen, wie schon angedeutet, ihren eigenen Dialekt, das Fodo-mische. Steub erklärte sich für die Ableitung des Namens aus Feud' uomini, von den Lehnsverhältnissen, in welchen die Buchensteiner früher zu den Bischöfen von Brisen stunden: „ Sie selbst nennen sich nicht mit diesem Namen, hören ihn auch nicht gerne von Anderen ". Zu unserem Vergnügen fanden wir im Wirthshause des Finazzer eine recht gute reinliche Herberge und eine wirklich befriedigende Küche.

Ganz prachtvoll ist hernach der Weg nach der nahen italienischen Grenze, auf die Straße nach Agordo hinaus. Buchenstein ist eine Verknotung mehrerer furchtbare Schluchten bildender Thäler, deren Gewässer der Cordevolefluß nach dem Piave hinausführt. Aber über den Schluchten folgen schöne breite Terrassen mit stattlichen Dörfern, deren Kirchthürme freundlich herübergrüßen; über diesen friedlichen Stätten hinwieder ragt überall, wie eine Mauer, der steile Felskranz des Gebirges empor, und an manchen Stellen leuchten von Südwesten aus der Gruppe der Marmolade auch die Gletscher hervor. Fast so ziemlich in gleicher Höhe führt von Andraz, um eine Seitenschlucht nach der anderen herum, mit immer wechselnden Ausblicken der Weg, bis man tief unter sich, neben einer wüsten Schuttfläche aus einem der letzten Ueberschwemmungsjahre, das Dorf Caprile, den ersten venetianischen Ort, sieht. Steil geht der Pfad zu Thal, und kaum war die Grenze überschritten, so fühlte man sich auf einmal nach Italien versetzt: die enge, mit Steinbändern versehene Dorfstraße, an deren Seite ein künstlerisch ausgeführter Brunnen mit Inschrift den Löwen von St. Marcus zeigt, die Frauen auf den Häuserschwellen eifrig sich unterhaltend und die jungen Männer mit dem beliebten Kugelspiel durch des ganzen Ortes Länge beschäftigt. Glücklich gewannen wir im Wirthshaus, nachfolgenden Touristen zuvorkommend, den einzigen im Dorfe verfügbaren leichten Wagen, und nun ging es in jener den italienischen Vetturinen eigenen raschen Fahrweise auf der vortrefflichen Straße abwärts nach dem Marktflecken Agordo. Es war eine der schönsten Fahrten, die man sich vorstellen kann, eine rasche Folge der verschiedensten Bilder. Zuerst der fast eine Stunde lange schöne See von Alleghe, der seinen Ursprung einem 1772 eingetretenen furchtbaren Bergsturz verdankt — drei Dörfer standen da, wo jetzt der See den Fuß der unermeßlich steilen Felswände bespült —, dann durch eine jähe sich absenkende Schlucht voll von Trümmern von Felsenstürzen in den etwas weiteren Kessel des Dorfes Cencenighe hinaus, und wieder durch eine Via mala ersten Ranges in'den weiteren schönen Kessel von Agordo, das in seiner Lage an Cortina d' Ampezzo erinnert: hier wie dort weichen die Berge in gewaltigem Cirkel mehr zurück und lassen einer besser angebauten Thalfläche Raum. Dabei aber wachsen, je tiefer das Thal des Cordevole sich senkt, wie vor den Augen diese furchtbaren Felsthürme immer mehr in den Himmel empor, schon oben am See der Monte Civetta, dann bei Cencenighe der Monte Alto di Pelsa, oberhalb Agordo der Framont und drüben über dem Bach der Monte

Möge es sich der Leser gefallen lassen, nunmehr über vier Jahrhunderte hinweg, sich in die soeben. durchwanderten Thäler im Geiste zu versetzen.

26 Schon in der oben eingerückten Stelle aus den » Steub'schen Buche ist angedeutet, daß das Thal Buchenstein im Jahre 1091 an das Hochstift Brixen gekommen sei; das war geschehen, indem Kaiser Heinrich IV. seinem getreuen Bischof Altwin von Brixen mit der Grafschaft im Pusterthal auch dieses zugehörige Gebiet geschenkt hatte. Aber ebenso bewahrt Bruneck, Burg und Stadt, in sich selbst, sowie in seinem Namen, die Erinnerung an einen Bischof von Brixen; denn Bruno, 1288 gestorben, hat hier, an der wohlgelegenen Stelle des Besitzthums seiner Kirche im Pusterthal, diesen festen Platz geschaffen und nach sich benannt. Ein noch viel älterer kirchlicher Platz, eines der ältesten Klöster des Tirol überhaupt, war das schon erwähnte Kloster Sonnen- burg, welches im elften Jahrhundert aus einem, vielleicht schon aus rätischen, bestimmt aus römischen Zeiten herübergenommenen festen Platze in ein Gotteshaus für Frauen umgewandelt worden war. Zu den Besitzungen des adeligen Klosters Sonnenburg zählte aber der Bezirk Enneberg, wo das Stift die Gerichts und Grundherrlichkeit hatte, und ebenso ist gewiß nicht daran zu zweifeln, daß der Name, welchen das Thal von St. Leonhard — Abteithal ( in der Volkssprache Badiaträgt, davon herrührt, daß auch dieses Stück des Gaderthales unter der Grundherrlichkeit der Aebtissin des Stiftes Sonnenburg sich befand. Das dazwischen liegende Gericht Thurn an der Gader dagegen stand dem Bisthum Brixen zu.

So konnte es denn nicht anders sein, als daß die Beziehungen zu diesen geistlichen Stiftungen für diese Thäler entscheidend wurden, und daß vollends Reibungen zwischen den Fürstbischöfen und dem Frauenstifte den Angehörigen dieser Berge in empfindlicher Weise sich fühlbar machten.

Dieser Fall trat ein, wenige Jahre nach der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts. Durch einen willkürlichen Eingriff des römischen Stuhles, welcher die kanonische Wahl des Domcapitels zu Brixen nicht abgewartet hatte und den in solcher Weise wirklich erwählten Nachfolger des Ende Februar 1450 verstorbenen Bischofs Johann nicht anerkannte, war das Bisthum Brixen von Papst Nikolaus V. neu besetzt worden. Die Curie hatte eine hervorragende Persönlichkeit herausgesucht, um sie in solcher Weise der Kirche des Landes Tirol aufzunöthigen.

Nikolaus Krebs, aus dem Dörfchen Cues an der Mosel gebürtig — daher sein Name Cusanus —, war aus bescheidenen Verhältnissen hervorgegangen. Mit einem ganz außerordentlichen Wissensdrange ausgestattet, hatte er beinahe das ganze Wissen seiner Zeit in sich aufgenommen. Philosoph, Naturforscher, Astronom, war er erst in reiferen Jahren von der Rechtswissenschaft ab zu dem theologischen Studium übergegangen; aber auch da stand er anfangs noch der Vorstufe des deutschen Humanismus sehr nahe. In den Anfängen der Basler Kirchenversammlung war der tiefsinnige und vielseitige Schriftsteller noch ein entschiedener Vorkämpfer der kirchlichen Reform, und in kühnen Angriffen war er gegen die gegenwärtige Gestalt der römisch-katholischen Kirche aufgetreten. So wagte er es, zu behaupten, daß die päpstliche Würde mit dem römischen Stuhle nicht nothwendig verknüpft sein müsse; er stellte die Ansicht auf, außer den Sachen des Glaubens seien die weltlichen Fürsten vom Papste unabhängig. Allein auch Cusanus zählte zu jenen Geistlichen, welche die Partei völlig wechselten. Er verleugnete gänzlich seine früher bekannten Grundsätze, und nun zählte er zu den grimmigsten Gegnern jener Forderungen des Conciles, welche den Papst als Glied der Kirche unter die Kirchenversammlung stellen wollten. Eine billige Anerkennung der vielen durch Cusanus dem siegreichen Papstthum geleisteten Dienste war es, daß Nikolaus V. ihn zum Cardinal für die Kirche San Pietro in Vincoli in Horn erhob. Die Ausstattung für den neu ernannten deutschen Cardinal fand man dann eben in der bischöflichen Kirche von Brixen.

Aber erst im April 1452 traf Bischof Nikolaus in Brixen ein. Da wurde ihm eine Streitangelegen-heit, welche schon längst bestand, aber kürzlich von Neuem entbrannt war, vorgelegt, und Cusanus warf sich jetzt mit seiner ganzen Starrheit auf diese Dinge. Allein wie das seiner Art entsprach, zog er alsbald Grundsätze ganz neuer Art zu der Frage hinzu, so daß dieselbe aus einer örtlichen zu einer großen politischen Angelegenheit aufgebauscht wurde.

Der Zwist führt uns in unser Thal Enneberg hinein. Die Sonnenburger Stiftsunterthanen waren mit dem Kloster über den Besitz einer Hochalpe in Uneinigkeit gekommen, und wie die Enneberger stets gerne am Hochstift Brixen ihre Anlehnung suchten, so brachten nun die ungehorsamen Thalleute abermals die Sache in Brixen vor, sobald der neue Bischof daselbst angekommen war. Cusanus stellte an die Aebtissin die Forderung, sie müsse von ihm als ihrem obersten Vogte und Richter Recht nehmen, wie sie ihm auch in weltlicher Hinsicht sich zu unterwerfen habe. Doch wie stets die besten adeligen Familien des Landes das Kloster mit ihren Töchtern bevölkerten, so stand auch jetzt wieder als tüchtige Führerin die entschlossene Aebtissin Verena von Stuben für ihr Gotteshaus ein. Insbesondere betonte sie, daß Sonnenburg von je die Befugniß gehabt habe, sich frei ohne Einmischung von außen einen Vogt und Schirmherrn zu erwählen. So bat denn Verena sogleich den Landes-fttrsten, Herzog Sigmund, um seinen Schutz, weil er nach alten Privilegien ihres Stiftes Vogt und Herr des Gotteshauses sei, und in seiner Eigenschaft als Landesfürst von Tirol wahrte der Habsburger seine vogteilichen Rechte.

Damit ist der weltliche Gegner des trotzigen Kirchenfürsten auf den Schauplatz getreten.

Sigmund stammt in fünfter Geschlechtslinie von König Rudolf I. ab. Ein Enkel des bei Sempach gefallenen Leopold, der Sohn des Herzogs Friedrich mit der leeren Tasche, welcher an die Schweizer Eidgenossen den Aargau eingebüßt hatte, war Sigmund seit 1446 in die Herrschaft über Tirol eingetreten. Er hatte in sehr jungen Jahren, als noch nicht einmal zwölfjähriger Knabe, seinen Vater verloren und war unter die Vormundschaft seines Vetters, des Königs Friedrich, getreten, aus der er nach sieben Jahren endlich entlassen wurde. Sigmund ist eine eigenartige, keine hervorragende, aber wenigstens in seinen Jugendjahren entschieden liebenswürdige Persönlichkeit gewesen, und er errang die Liebe seiner Tiroler Unterthanen alsbald. Schon seinen leutseligen Vater hatten Bürger und Bauern hochgehalten; dem jungen, begabten Fürsten flogen die Herzen leicht entgegen. Schlank von Gestalt, mit blondem wallendem Haare, milden geistigen Auges, soll er gewesen sein; man rühmte ihm Sinn für Kunst und Wissenschaft nach; aber ganz besonders ragte er in aller körperlichen Uebung hervor. Wie als Ritter im Turnier, so wetteiferte er in Sprung und Wettlauf, in Wurf und Steinstoß mit seinen Tiroler Gebirgsleuten, und er soll noch in höheren Jahren zuweilen vor allem Volke im Raufen seinen Gegner im regelrechten Kampfe gefaßt und auf den Boden gestreckt haben. Auch den Frauen gefiel er, und nahezu ein halbes Hundert außer der Ehe geborener Söhne sollen ihm geschenkt worden sein; doch pries seine Zeit auch da wieder des Herzogs Güte und Freigebigkeit, wie er für die Mutter und für die Sprößlinge aus solchen Verbindungen sorgte. Ueberhaupt war er ein mittheil-samer Herr, der seine Pracht zu entfalten liebte und bei dem es gut war, Freund zu sein. Doch gerade hierin lag auch seine Schwäche. Der Herzog verstand es nicht, hauszuhalten, und bei seiner zu großen Weichheit ließ er sich leicht ausnützen, so daß noch mehr die Verschwendung seiner Günstlinge, als seine eigene leichtsinnige Art Schaden anrichtete. Zwei Brüder, Vigilius und Bernhard Gradner, Edelleute aus Steiermark, welche er mit sich nach Tirol ge- bracht hatte, wirthschafteten so schamlos und bereicherten sich derart, daß endlich der Unwille im Lande laut wurde und der Herzog die Gradner aus Tirol verweisen mußte.

Noch heute erinnert rings in Tirol herum eine Anzahl von Schlössern, theils erhalten, andere in Ruinen, an die Hof haltungen dieses Habsburgers. Denn nicht blos in Innsbruck schlug Sigmund seinen Hof auf; sondern er verstand es, in seinem schönen Lande Stellen aufzufinden, die sich, für Anlagen eigneten, wo er der Jagd oder dem Fischfang sich widmen oder anderen Vergnügungen des ungebundeneren Landlebens nachgehen konnte, oder er erwarb in Kauf oder Tausch ältere Burgen und baute sie um. Die Ruine Sigmundsburg krönt einen Felsenhügel auf einer Insel im Femsteinsee, in der großartigen Hochgebirgslandschaft, am Uebergang vom Oberinnthal nach dem Lech hinaus; Sigmundsfreud war der Name eines Schlosses bei Untermiemingen im Oberinnthal in freundlicher Gegend zwischen zwei fischreichen Teichen. Im Unterinnthal ragt über dem stattlichen Marktflecken Schwaz noch heute Burg Frundsberg, welche der Herzog, als er sie eingetauscht, Sigmunds-fried benannte, und gar nicht weit davon steht über dein Dorf Vomp das von dem Herzog erbaute Schloß Sigmundslust, als Ausgangspunkt für die Jagdfreuden. Hart an unserer Schweizer-Grenze klebt gleich über dem alten Wartthurm von Finstermünz in der furchtbaren Innschlucht das Schlößchen Sigmundseck, und nicht viel flußabwärts schuf Sigmund bei dem Dorfe Ried das Schloß Sigmundsried aus einer altern Anlage um.

Sigmundskron endlich heißt die noch heute in ausgedehnten Besten nahe bei Bozen an der Etsch in die Augen fallende Festung.

Jedenfalls war dieser stolze Fürst der Mann, um'den Anmaßungen des Brixenern aufgenöthigten Prälaten entgegenzutreten. Schon die Art der Einsetzung des Bischofs Nikolaus hatte entschiedene Verwahrungen des Herzogs zur Folge gehabt. Gleich dem Domcapitel und dem Erwählten selbst, welcher nun dem Cardinal weichen sollte, hatte sich der Herzog wegen der Verletzung des Concordâtes von 1448 an Kurfürsten und Fürsten des deutschen Reiches gewandt, und eben diese Schwierigkeiten hatten den Einzug des Bischofs Nikolaus in Brixen um zwei Jahre verzögert. Jetzt war in der Anrufung des Herzogs. durch die Aebtissin Verena ein neuer Streitfall geschaffen. Aber außerdem verlegte nun Cusanus deif Zwist gegenüber Sonnenburg noch auf ein weiteres, auf das kirchliche Gebiet. Als päpstlicher Legat hatte er nämlich in der Zwischenzeit, bis er Brixen betreten konnte, einen Jubelablaß für Deutschland zu verkündigen gehabt, und dabei war ihm auch die Aufgabe ertheilt worden, vorzüglich in der Einrichtung der Klöster für die Verschärfungen der Beobachtung der äußerlichen Vorschriften thätig zu sein. Von diesem Auftrag her setzte er als Legat den Angriff, welchen er als Bischof begonnen hatte, gegen Sonnenburg fort. Er forderte strenge Clausur und stellte für den Fall der Weigerung Interdict und Bann in Aussicht. Die Absicht war ganz klar: er wollte dadurch, daß kein Mann mehr in das abgesperrte Kloster zugelassen würde, den Nonnen die gesammte weltliche Verwaltung ihres Grundeigenthums unmöglich machen und deren Verbindung mit dem herzoglichen Schutzherrn abschneiden. Unter gewissen Verwahrungen anerkannte der Convent die angekündigte Reform, und die Visitation des Klosters begann nun wirklich. Daneben aber übertrug die Aebtissin Verena urkundlich in bestimmtester rechtsverbindlicher Weise dem Herzog das Vogteirecht. Hinwieder bewies der Bischof, daß auch er die Anfeindungen fortzusetzen gedenke; die unbotmäßigen Enneberger wurden fortwährend in ihrer bösen Stimmung bestärkt, und durch Versuche, die Nonnen gegen ihre Aebtissin aufzuwiegeln, sollte der entschlossenen Frau die Entsagung abgenöthigt werden. Umsonst hatten schon im Sommer 1454 die Nonnen an Papst Nikolaus appellirt; derselbe befahl schlechthin Unterwerfung. Endlich wurde 1455 zuerst die Absetzung und Excommunication der Aebtissin, dann zwei Monate nachher, im Juni, weil das Capitel seine Sache von derjenigen der Aebtissin nicht trennen wollte, der Bann gegen sämmtliche Nonnen von Brixen aus erklärt.

Der Herzog hatte sich anfangs in der Sonnen-burger-Angelegenheit längere Zeit zurückgehalten; aber gerade diese Vorsicht bestärkte den geistlichen Gegner in seinem trotzigen Auftreten. So wagte es Cusanus, einen neuen umfassenden Angriff nunmehr gegen die lahdesfürstlichen Rechte des Beherrschers von Tirol selbst zu richten. Der gelehrte Bischof hatte in den Urkunden seines Brixener Domarchives wissenschaftliche Forschungen anstellen lassen, um seine Ansprüche auf Hoheitsrechte belegen zu können, und aus seinen geschichtlichen Studien war eine Summe von Theorien als rechtliches System hervorgegangen, welche er nun offen in den Vordergrund rückte. Cusanus betonte, daß er als Bischof von Brisen als wahrer Herr des Innthales und im Eisackthal, so weit der Sprengel von Brixen reiche, anerkannt werden müsse, sowie daß alle Besitzungen, welche der Herzog in diesem seinem Gebiete, innerhalb des Tirols, von der Brixener Kirche inne habe, als heimgefallene Lehen von diesem Bischofsstuhle wieder zurückgefordert werden könnten. Der Bischof stützte sich dabei voran auf eine Urkunde des Jahres 1214; aber er vergaß völlig, daß die Rechtsverhältnisse, welche einstmals bestanden hatten, seit einem Vierteljahrtausend durch die geschichtliche Entwicklung, sowie durch zahlreiche Verträge gänzlich abgeändert worden waren. Es war eine Anmaßung ohne Gleichen, gegenüber einem Gliede des habsburg-österreichischen Herrscherhauses zu betonen, Herzog Sigmund sei als Graf von Tirol im Weltlichen Vassall der Kirche von Brixen und im Kirchlichen der um einen bestimmten Preis bestellte Vogt derselbenDurch ein derartiges Vorgehen mußte die gegenseitige Abneigung zwischen dem Herzog und dem Bischof eine leidenschaftliche Färbung annehmen.

Schon 1456 hatte es den Anschein gewonnen, als wolle Cusanus den Herzog zwingen, aus seiner bisherigen klugen Mäßigung herauszutreten, um sich als schwer gefährdet darstellen und die römische Curie zur Hülfeleistung aufrufen zu können. Dessenungeachtet kam der Cardinal im Juli 1457 mit dem Herzog noch einmal im Kloster Wilten bei Innsbruck freundlich zusammen. Sie trennten sich noch im besten Einvernehmen, und weil der Herzog sehr entschieden dafür sorgte, daß ein von dem Bischof beeinträchtigter Adeliger seine für die Rückreise nach Brixen vorbereiteten Nachstellungen unterließ, kehrte der geistliche Herr völlig unangetastet nach Brixen zurück. Aber Cusanus legte nun — sei es in wirklicher Ueberzeugung, sei es angeblich — diese in seinen Gedanken maßlos übertriebenen Gefahren in lügenhafter Weise dem Herzoge selbst zur Last. Er behauptete, der Herzog habe ihn in Wilten während der Nacht gefangen nehmen wollen, und er könne sich nirgends sicher glauben. So verließ er denn auch Brixen, die Hauptstadt seines eigenen Fürstenthums, und begab sich zuerst nach der beinahe unzugänglichen Burg von Seben, hoch über dem Städtchen Klausen. Nachher aber meinte er, nur in einem noch festeren und abgelegeneren Zufluchtsorte Sicherheit finden zu können, und so floh er weiter nach der Burg Andraz im Thale Buchenstein. Von da aus begann er nun geflissentlich, nach allen Seiten hin, laut zu verkündigen, in wie schwerer Lebensgefahr er sich befunden, und wie er nur durch den sichtlichen Schutz des heiligen Erzengels Rafael hier im Hochgebirge Schutz gefunden habe; dem himmlischen Schirmer zu Ehren taufte er die Burg in eine Rafaelsburg um. Aber er glaubte sogar nach Rom melden zu müssen, daß er sich nicht einmal hier in der St. Rafaelsburg völlig heil wisse. Der Herzog dagegen wies alle diese Behauptungen als Lügen und Verleumdungen ab; denn er konnte mit gutem Grunde behaupten, daß sich, wenn er gewollt, der Cardinal zu Wüten für böse Anschläge ganz in seiner Gewalt befunden hätte: Cusanus wolle nur durch solche Ausstreuungen zu neuen feindseligen Maßregeln sich den Weg bahnen.

Der Cardinal blieb während mehrerer Monate auf Burg Andraz, um da die Wirkung seiner nach Rom gegebenen Berichte abzuwarten. Wie er denn hier der venetianischen Grenze ganz nahe war, so benützte er die Frist zur Werbung venetianischer Söldner für Besatzungen seiner Schlösser, Uebrigens hatte er durch seine Schreckensrufe die von ihm beabsichtigte Wirkung in Rom erreicht. Papst Calixtus III. lenkte, nachdem er eine Zeit lang den Sonnenburger Nonnen sich gerechter erwiesen hatte, wieder zu Gunsten des Cusanus ein. Er ermahnte den Herzog in scharfen Worten, unter Androhung von Bann und Interdict, den Cardinal in volle Freiheit zu setzen und demselben Bürgschaft für die Sicherheit zu geben. Der Herzog zeigte sich, auf die Anweisung hin, sich mit Cusanus zu vertragen, völlig willfährig; er ließ in Andraz anfragen, welche Bürgschaft noch weiter verlangt werde. Aber darauf erhielt er unter dem Titel einer Bittschrift eine Antwort, welche die weit- gellendsten Forderungen in der schroffsten Weise aussprach. Cusanus erläuterte nach seiner uns schon bekannten staatsrechtlichen Auffassung gegenüber dem Herzog, als seinem Vassalien, seine lehensherrlichen Ansprüche und forderte, die rings um Brixen gelegenen drei herzoglichen Burgen mit seinen Leuten besetzen zu dürfen. Selbstverständlich wies Sigmund diese frechen Zumuthungen ab, wiederholte aber daneben seine früheren Zusicherungen für die Sicherheit des auch nicht im Geringsten gefährdeten Cardinais. Aber Cusanus war weit entfernt, auch nur einen Schritt rückwärts zu thun; seine Forderungen steigerten sich vielmehr immer höher, und endlich geschah, worauf er längst eifrig hingearbeitet hatte. Im October 1457 belegte Papst Calixtus den Herzog und seine Anhänger mit dem Interdict, bis Cusanus mit der ihm gewährleisteten Sicherheit und Freiheit zufrieden gestellt sei.

Jetzt aber zeigte sich, wie sehr sich der Cardinal, als Bischof von Brixen, im Tirol in hohen und niedrigen Kreisen verhaßt gemacht hatte. Wie die Domherren, so hatte er durch sein herrisches Wesen die niedrigeren Geistlichen und die klösterlichen Insaßen von sich zurückgestoßen. Seine Gewaltsamkeiten gegenüber dem Convent in Sonnenburg hatten den mit. diesem Stifte enge verbundenen Tiroler Adel erbittert. Das lebenslustige Volk hatte der Bischof durch quälerische, geistliche Verfügungen gegenüber überlieferten Gewohnheiten aufzubringen gewußt. So kam es denn im Frühjahr 1458, als die Einstellung der. Seelsorge wegen des Interdictes herannahte, daß Herzog, Landstände, Domcapitel, Geistlichkeit, Volk eines Sinnes waren. Sigmund appellirte an den besser zu unterrichtenden Papst, und die Drohung wurde gehört, das Volk werde zur Selbsthilfe greifen und die Geistlichen insgesammt verjagen. So blieb denn das Interdict fast unbeachtet.

Trotzdem verharrte Cusanus in seiner gewalt-thätig unversöhnlichen Stimmung. Die Aebtissin Verena hatte sich endlich nach langem, heldenmiithigem Widerstand zur Entsagung entschlossen; doch der Bischof wollte den Process gegen sie nicht einstellen, da sie eine vom Papste mit dem Banne belegte Person sei. Und gerade wegen Sonnenburg kam es nun noch zu einem weiteren schauerlichen Ereignisse, welches sich im Gedächtniß des Volkes bis auf die Gegenwart unter dem Namen des Enneberger Mordes erhalten hat. Mag auch die Sache in verschiedenen Abwandelungen erzählt werden, der Kern der Geschichte ist ganz beglaubigt, und ebenso steht das Wohlgefallen des Bischofs an dem Blutvergießen fest. Der Amtmann des Cardinals im bischöflichen Gerichte zu Thurn an der Gader — Gabriel Prack hieß der Wütherich — ließ mit einer den Sonnenburgischen weit überlegenen Schaar die Amtleute des Stiftes Sonnenburg, nebst etwa fünfzig Söldnern, bei denen wohl auch Zinsbauern des Stiftes waren, unvermuthet überfallen. In einem furchtbaren Gemetzel wurde der größte Theil der Klosterleute erschlagen, der Rest gefangen genommen und bald darauf ebenfalls schonungslos abgeschlachtet. Die Getödteten wurden nackt ausgezogen, ihre Leiber unbeerdigt den Vögeln

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zum Fräße überlassen. Nur den Hauptmann ließ Prack am Leben, um denselben als Zeugen seines Sieges dem Cardinal auf Andraz zu übergeben. Wirklich erlangte er denn auch von demselben, als er nach Buchenstein geeilt war, ein Zeugniß des Wohlgefallens. Er erhielt aus der Hand des Prälaten zum Danke den goldenen Becher, aus welchem ihm dieser zugetrunken hatte.

Kurz nachher, am Samstag in der Osterwoche, nahm der in solcher Weise ausgezeichnete Mörder auch noch Sonnenburg selbst ein. Es kam da zu wildem Kampfe zwischen den Vertheidigern des Klosters und den Prack'schen Knechten; die Nonnen flohen in die anstoßenden Wälder und mußten hernach Tage lang herumirren, ehe sie eine sichere Stätte fanden. Allerdings wurde das Kloster bald wieder durch Leute des Herzogs besetzt; aber zu einer thatkräftigen Bestrafung des Geschehenen kam es noch nicht, obschon Sigmund bei der ersten Nachricht von der grausamen That mit zum Himmel emporgehobenen Fingern dem Cardinal in der augenblicklichen Erregung den Tod geschworen haben soll.

Alle diese Maßregeln hatte der Cardinal getroffen, indem er an Papst Calixtus einen bestimmten Rückhalt im Kampfe gegen den Herzog besaß. Da ließ es sich erwarten, daß mit dem Tode des Papstes am 6. August 1458 eine Aenderung eintrete, indem eine andere, verständiger denkende Persönlichkeit die Leitung der kirchlichen Dinge übernehmen würde.

Als Nachfolger des Papstes Calixtus wurde schon nach dreizehn Tagen Cardinal Enea Silvio de Picco- lomiiii erwählt, der den Namen Pius II. annahm. Sowohl Herzog Sigmund, als Cardinal Cusanus waren von früher her mit dem neuen Papste bekannt. Das Schwergewicht der geschichtlichen Bedeutung Pius'IL fällt freilich nicht in die Zeit seines Pontificates; denn der feine, aber sittlich, trotz seines geistlichen Charakters, höchst unbekümmerte Humanist Enea Silvio hat seine bleibende Stellung in der Entwickelung des zur Weltherrschaft sich erhebenden italienischen Geistes der Renaissance, während Papst Pius IL keine irgendwie größeren Erfolge davon getragen hat. Wie Cusanus, so hatte auch Enea Silvio, allerdings erst nach demselben, in der Dauer der Basler Kirchen-versammhing seine Partei völlig gewechselt. In der Kanzlei König Friedrich's III. half er dann durch seine Geschicklichkeit den Sieg der römischen Kirche herbeiführen; aber daneben war er auch damals noch ein schlüpfriger Litterat und armer Pfründenjäger geblieben, und zwar hat er zu jener Zeit dem jungen Sigmund, Friedrich's Mündel, eine bestellte Liebes-epistel im feinst gedrechselten Latein abgefaßt. Seither nun hatte er, ohne daß er damit innerlich mehr Christ geworden wäre, seinen Weg der obersten kirchlichen Würde zu weiter fortgesetzt.

Jetzt konnte es fraglich sein, welche Partei er als Papst wählen werde. Denn als Cusanus im September 1458, auf den Beistand des neuen Papstes rechnend, nach Rom aufgebrochen war, da schien zunächst für den Cardinal geringe Hoffnung vorhanden zu sein. Pius wollte sich in seinen großen Berechnungen durch die Brixener- und Sonnenburger-Ange- legenheiten zunächst nicht stören lassen. Er hatte zur Rache für den Verlust Constantinopel's einen Kreuzzug gegen die Türken im Sinne, welchen ein großer Congreß aller christlichen Fürsten und Völker unter seinem Vorsitze vorbereiten sollte. Hieneben fanden die Zänkereien des Cusanus vorläufig keinen Platz; überhaupt hatte ja der Italiener nie begreifen können, wie sich der Cardinal ferne von Rom in jene Schneeberge und dunkeln Thäler habe einschließen mögen. Auf dem Congresse, welchen Pius IL zu Mantua 1459 eröffnete, erschien Herzog Sigmund selbst, und für den Papst war der Umstand, daß wenigstens wieder einmal ein Fürst sich auf dem Congresse einstellte, von solchem Werthe, daß er weit davon entfernt war, im Sinne des Cusanus sich in den Brixener Streitigkeiten auszusprechen. Vielmehr bemühte sich Pius IL, wie denn auch die Sonnenburger Sache schon geordnet war — Aebtissin Verena hatte auf ihre Würde gänzlich verzichtet, war aber dagegen vom Banne losgesprochen worden —, zwischen dem Herzog und dem Bischof von Brixen gleichfalls zu vermitteln. Freilich erklärte Sigmund alsbald, er sei nur gekommen, um sein Recht zu fordern, und der Rechts-berather, welchen sich nun der Herzog erlas, mußte dem Papste als eine äußerst unerwünschte Persönlichkeit erscheinen. Das war nämlich der deutsche Jurist Gregor Heimburg, einer der geschicktesten Publicisten seiner Zeit, neben dem Papste selbst wohl der bedeutendste Kopf auf dem Congresse, aber demselben durch und durch entgegengesetzt. In beißender Weise erinnerte er den Papst an allerlei pikante Erlebnisse 27 des Humanisten Enea Silvio, und schon trat zu Tage, wie er gewillt sei, seine volle schneidige Kraft zur Bekämpfung des welschen Priesterthums dem deutschen Fürsten zu leihen. So kam es in den Verhandlungen zu Mantua vor dem Papste, zwischen dem von Heimburg unterstützten Herzog und Cusanus, zu immer heftigeren und unfruchtbareren Erörterungen, und obschon Pius II. stets noch hoffte, eine schließliche Aussöhnung erzielen zu können, so kehrte doch Sigmund! am 29. November erbitterter, als er gekommen war, nach Tirol zurück, nachdem ihn der Papst, gleich dem Gegner, auf den Rechtsweg verwiesen hatte.

Da begann der Cardinal abermals in gewaltthätiger Weise den Kampf. Noch während Sigmund in Mantua weilte, hatte er, anstatt das schiedsrichterliche Verfahren abzuwarten, aus einem Bergwerke die herzoglichen Bergknappen verjagen und das gewonnene Silber wegnehmen lassen. Als dann Sigmund nach seiner Rückkehr seine eigenen Beamten und Arbeiter wieder zurückbringen ließ, beklagte er sich über Vergewaltigung. So war Alles eher, als friedliche Beilegung zu erwarten, als Cusanus nach einer Abwesenheit von fast anderthalb Jahren im Februar 1460 in sein Bisthum zurückkehrte. Wieder gab er sich den Anschein, als ob ihm von Seite des Herzogs die schlimmsten Nachstellungen bereitet seien, und er betrieb Rüstungen, unter dem Vorwande, das Hochstift Brixen sei in Gefahr, von Sigmund überrumpelt zu werden. Abermals war es die Rafaelsburg, von welcher aus er seine Thätigkeit dabei entfaltete.

In dieser Abgeschiedenheit konnte er den Eingebungen seiner " heftigen Leidenschaft, seines Mißtrauens so recht nachleben; überall witterte er ja nichts als Hinterlist und Trug, und zu immer kühneren Ansprüchen gedachte er sich zu erheben. Er maßte sich geradezu als Tiroler Landesfttrst an, die Brixen'schen Lehen dem Kaiser anzutragen, so daß also Herzog Sigmund nahezu seines gesammten tirolischen Territoriums verlustig geworden wäre. Aber auch Sigmund bereitete sich nun offen für einen gewaltsamen Zusammenstoß vor.

Der Cardinal hatte durch ein Rundschreiben an den Klerus seiner Diöcese zu einer Synode nach Bruneck auf den 30. März 1460 eingeladen, und es scheint, daß er selbst auch eine Zusammenkunft mit dem Herzog hieher nach Bruneck veranstalten wollte. Cusanus gedachte die Beobachtung des Interdicts seiner Geistlichkeit einzuschärfen, dieselbe zu den strengsten Maßregeln gegen den Herzog aufzufordern; aber zugleich gab er vor, zu Friedensverhandlungen mit Sigmund bereit zu sein, natürlicher Weise, in erster Linie, um sich dadurch den Weg von Buchenstein nach Bruneck zu sichern. Aber der Herzog blieb zunächst noch in Innsbruck, und sein Rath, der für ihn in Bruneck die Verhandlungen führte, konnte ihm schon nach drei Tagen schreiben, der Cardinal wolle gar keinen ernsthaften Frieden, sondern gedenke in wenigen Tagen zum Papste zu reisen, was Alles auf eine Erneuerung des Interdictes hinzudeuten schien. Doch Sigmund wollte sich den Gegner nicht wieder entwischen lassen, und so ließ er am Ostertage, am 13. April, dem Cardinal Fehdebriefe von seinem Hof-gesinde einhändigen, welchen noch weitere folgten, so daß schließlich mehr als ein halbes Hundert Absagen vorlag. In diesen allen hieß es, der Cardinal habe den Herzog von seinem väterlichen Erbe drängen wollen, deßwegen ihn mit dem Interdicte belegt und alle billigen Ausgleichsbedingungen zurückgewiesen. Ein Heer erschien vor der Stadt, und so zog sich der Cardinal auf das dieselbe überragende feste Schloß zurück; auf demselben empfing er nach zwei Tagen auch den Fehdebrief Sigmund's selbst. Schon hatten die Bürger ihre Thore geöffnet und Sigmund gehuldigt, als derselbe nun in eigener Person erschien. Wenige Büchsenschüsse und einige Armbrustgeschosse genügten, um am 16. April den Schlüssel der Burg-pforte überliefert zu erhalten. Ohne daß es zu Blutvergießen gekommen wäre, hatte sich der Cardinal in den Thurm der Burg als in seinen letzten Zufluchtsort zurückgezogen, der eng umschlossene Gefangene des Herzogs. Bis zum 25. April kam es zu einer Reihe von Verträgen, in welchen Cusanus auf seine Ansprüche und Forderungen verzichtete, auch versprach, das Interdict, soweit es auf ihn ankomme, aufzuheben. Darauf wurde er befreit, und der Herzog glaubte, als der Cardinal mit ihm zusammengekommen war und sich auch hier entgegenkommend erwiesen hatte, am Ziele zu sein. Aber kaum war der Herzog abgezogen, so brach Cusanus sogleich nach Italien auf. Er floh aus seinem Sprengel hinweg und widerrief Alles, was er zugestanden, da er unter dem Zwange gehandelt habe. Er war entschlossen, unter Anlehnung an die päpstliche Machtvollkommenheit, von allen übernommenen Verpflichtungen sich gänzlich loszumachen.

Cusanus kehrte nie mehr nach dem Tirol zurück. So wenig als seine Landeshauptstadt Brixen, hat er später wieder seinen Felsensitz in Andraz bezogen, und so könnten wir hier kurz abbrechen, da ja sein Schmollwinkel nie mehr von ihm gesehen worden ist. Allein zumal deßwegen, weil nun in einer ganz überraschenden Weise diese Streithändel sich auch mit unserer eidgenössischen Geschichte zu berühren anfangen, und um den Ausgang dieser Dinge überhaupt noch anzudeuten, mag hier im Kurzen noch dargestellt sein, was nach den Gewaltschritten zu Bruneck aus diesen Dingen erfolgt ist. ' ) Nicht einmal so rasch, wie das nach der offenbaren gegen ein Mitglied des Cardinalcollegiums verübten Gewaltthat hätte erwartet werden können, ging der Papst gegen den Herzog mit kirchlichen Straf-mitteln vor, und auch Cusanus brauchte die Vorsicht, seine Reise zu Pius II. recht langsam zu bewerkstelligen, um nicht als seinen Brunecker Versprechungen geradezu abtrünnig, sowie als an den ersten zu erwartenden Handlungen der Curie möglichst unbetheiligt zu erscheinen. Aus Siena erließ Pius II. im Mai ein erstes Monitorium an Sigmund, mit einer Vorladung vor ein öffentliches Consistorium; im Juli stellte der Herzog eine erste Appellation entgegen, der sich fast alle Geistlichen des Brixener Sprengeis, also gegen ihren Bischof, anschlössen. Aber als nun des Herzogs Bevollmächtigter vor dem päpstlichen Richterstuhl erschien, mit der Appellation vom schlecht unterrichteten an den besser zu unterrichtenden Papst, sprach Pius II. doch am B. August über den Herzog und alle seine Helfer den Bann aus, nebst Verhängung des Interdicts über alle Länder und Herrschaften Sigmund's und der Mitschuldigen desselben. Gregor Heimburg's Feder stand jedoch wieder dem Herzog zu Gebote, und ein Mal nach dem anderen folgten nun die allerfürchterlichsten Antworten dieses von aufrichtiger Verachtung und unverhülltem Hasse erfüllten Vertheidigers der weltlichen Auffassung. Jede Schrift des schlagfertigen Juristen gestaltete sich zur weiteren persönlichen Niederlage des Papstes und des Cardinais.

Allein Pius II. und Cusanus entwickelten nun auch eine großartige Thätigkeit, um den ausgesprochenen Kirchenstrafen die nothwendige Wirkung zu geben. Dabei unterschieden sie nicht im Geringsten die Mittel. Den eigenen Stammvetter Herzog Sigmund's, Kaiser Friedrich, dessen unlautere Gesinnung gegenüber dem Herzog zwar nur zu wohl bekannt war, forderten sie auf, Tirol in Besitz zu nehmen. Aber noch viel bezeichnender ist, wie Pius II. sich nicht scheute, kirchliche Beweggründe anzuwenden, um im Zusammenhange mit der kirchlichen Verfluchung Sigmund's gegen diesen einen Gegner aufzureizen, welchen er selbst noch vor wenigen Monaten mit eigenster Anstrengung zur Ruhe gebracht, ja sogar unter Androhung geistlicher Strafen mit dem Herzog versöhnt hatte. Das waren die Schweizer Eidgenossen. Wie immer bei dem großen Gegensatze zwischen der Eidgenossenschaft und dem Hause Habsburg, so lagen auch jetzt wieder die Streitanlässe reichlich aufgehäuft; denn in langer Linie zogen noch die Grenzen, weil ja der Thurgau sammt Winterthur unter Herzog Sigmund's Herrschaft stand und im Oberland Walenstad und ein Rest des Sarganser Landes ihm angehörten, diesseits des Rheines zwischen österreichischem und schweizerischem Lande. Dazu kam, daß die 1456 gestürzten herzoglichen Günstlinge, die Brüder Gradner, nach der Schweiz geflohen waren und nun aus der geborgenen Beute, voran von Zürich aus, wo sie 1459 Bürger geworden waren, gegen Sigmund hetzten und warben 1 ). Schon am 1. Juni entband aber ferner Pius II. aus Siena die Eidgenossen aller Verpflichtungen, welche sie in den bisherigen Verträgen mit Sigmund übernommen hatten, und er schickte einen eigenen Legaten nach der Schweiz, um die Eidgenossen, diese seine besonders geliebten Söhne, gegen den gebannten Herzog in die Waffen zu bringen. Bis in den September trat die Frucht dieser geschickten stets wiederholten Aufhetzungen zu Tage. Die Eidgenossen, bei ihrem christlichen Gehorsam vom Haupte der Kirche aufgerufen und geradezu aufgefordert, feierlich beschworene Verträge zu brechen, wenn sie sich als gute Söhne der Kirche erproben wollten, griffen zu und pflückten die Frucht, auf welche sie der Papst so nachdrücklich aufmerksam gemacht hatte. So wurde die schöne Landschaft Thurgau von den Eidgenossen erobert, fünfundvierzig Jahre, nachdem auf Befehl eines deutschen Königs, des Lützelburgera Sigmund, dem geächteten Vater des Herzogs Sigmund der Aargau durch die Eidgenossen abgenommen worden war.

Freilich ist dann die Berechnung des Papstes keineswegs in vollem Umfange in Erfüllung gegangen. Nachdem die Eidgenossen sich die Beute, mit welcher sie der Papst in den neuen Krieg geködert hatte, geholt, machten sie zum großen Aerger desselben am 1. Juni 1461, nachdem schon im December 1460 ein Waffenstillstand vermittelt worden war, ihren Frieden mit dem Herzog. Durch keine Ermahnungen und Tadelsworte des Papstes ließen sie sich bewegen, den Kampf fortzusetzen, und die Curie fand sich nun sogar, als sie die Eidgenossen ihre eigenen Wege gehen sah, nachträglich bewogen, in lügenhafter Weise ihre anfänglichen Beziehungen zur Thurgauer Fehde zu verdrehen. Doch noch peinlicher, als diese Schlappe, mußte es für Pius IL sein, daß nach langen immer erbitterteren Verhandlungen Herzog Sigmund in seinem Widerstände hinsichtlich der auf ihm liegen- den kirchlichen Strafen mehr als je verharrte. Der Fürst wies die Zumuthung, daß er um seine Lossprechung bitten müsse, als eine Verletzung seiner Ehre zurück, und verlangte, der Papst möge vielmehr einfach alle kirchlichen Strafen zurücknehmen. So erloschen die Unterhandlungen vom Sommer 1463 an, und weder der Papst noch Cusanus haben den Ausgang des Streites erlebt. Zuerst starb, am 11. August 1464, zu Tödi in Umbrien der Cardinal. Tief erbittert, bis in das Innerste gekränkt und enttäuscht, vom Boden seines Sprengeis flüchtig und von dem Domcapitel gehaßt und heftig angegriffen, in allen Versuchen, seine unerhörten Ansprüche geltend zu machen, durch siegreiche Ueberlegenheit und vernichtenden Hohn zurückgewiesen, hatte er schließlich auch das noch erfahren müssen, daß der Papst, sein Gönner und Herr, ihn im Stiche ließ, und so war er, gänzlich vereinsamt und geistig gebrochen, sogar in eine nicht abzuleugnende Dürftigkeit hineingestoßen, aus dem Leben gegangen. Nur drei Tage nachher, am 14. August, folgte zu Ancona Papst Pius IL im Tode nach.

Im darauf folgenden Monate aber, im September 1464, kam durch Kaiser Friedrich's Vermittlung die Versöhnung des Herzogs Sigmund mit der Kirche zu Stande. Der Fürst mußte sich gar nicht persönlich unterwerfen; sondern auf Grund seiner Vollmacht wurden durch den Kaiser vom päpstlichen Legaten Verzeihung und Absolution erbeten. Jetzt wurde der Herzog vom Bann und allen kirchlichen Strafen los gesprochen, das Interdict aufgehoben.

Wenige Wochen später berichtete ein eifriger Anhänger des verstorbenen Cardinais voll inneren Grimms über die Wirkungen des abgeschlossenen Vertrages im Lande Tirol, und mit wie großem Uebermuthe, unter welchem Jubel Sigmund an die Etsch zurückgekehrt, wie dessen Sieg von allen Kanzeln öffentlich verkündigt worden sei. Er meldete den Inhalt kläglicher Briefe von Priestern: „ 0 daß man doch nie einen so strengen Proceß, welcher einen so freudlosen Ausgang nahm, angefangen hätte ".

So sehen wir, wie in eigenthümlicher Weise um die Persönlichkeit des Cusanus herum eine Fülle von Beziehungen sich legte, und wenn wir uns im Geiste nochmals in die Bergeinsamkeit von Andraz zurückdenken, wie mag da der grimmige Prälat in seiner sich selbst verzehrenden Leidenschaft, in der, wie sich wohl vermuthen, theilweise auch geradezu beweisen läßt, längst vorbereitenden Ueberlegung die Gegnerschaft, die sich etwa gegen den weltlichen Widerpart gewinnen ließe, gemustert, die eigenen Hülfs-genossen überdacht haben! Und dann machte er sich daran, durch Schreiben und Aufrufe nach allen Seiten aus seinem abgelegenen Verstecke heraus die Theilnahme für sich aufzurufen, die Maschen des Netzes, welches er um seinen Feind zu legen gedachte, enger in einander zu flechten.

Nach dem Bilde, welches die eingeritzten Linien einer Messingplatte aufweisensie deckt in dem Kirchlein des zu Cues durch den Cardinal gestifteten Hospitals das hier in der Heimat zur Ruhe gebrachte Herz, während die übrigen leiblichen Reste in der Kirche San Pietro in Vincoli in Rom liegen —, muß Bischof Nikolaus Cusanus eine derb massive, knorrig abweisende Persönlichkeit gewesen sein. Eine ganz andere Erscheinung war, nach dem vorzüglichen Porträt auf der 1458 bei Pius'II .Stuhlbesteigung geprägten Denkmünze zu schließen, der päpstliche Bundesgenosse, der es nachträglich so sehr zu bereuen hatte, daß er sich von dem gröblich ungeschlachten Deutschen in die Wirren der Tiroler Händel hatte hineinlocken lassen: gescheit, fein und zart sind die Züge des schon damals, trotz noch nicht hoher Jahre, kränklich leidenden Mannes.

Das Laienelement führt im Streite Herzog Sigmund. Auch seine Gestalt können wir uns vor die Augen rücken; denn sein zum Denkmale Kaiser Maximilian's in der Hofkirche zu Innsbruck gestelltes Erzstandbild führt diesen Habsburger Fürsten uns vor. Allerdings nicht mehr aus der liebenswürdigen Zeit der Jünglingsjahre zeigt uns dieses Gußwerk den Herzog. Da steht er mit breitem, starkknochigem Gesichte, vorstehendem Kinn, starker Nase, scharf geschnittenem Munde. Man würde diesem Manne mehr aushaltende Thatkraft zutrauen, als sie Herzog Sigmund in seinen späteren Jahren der immer lässiger werdenden Regierung bewiesen hat.

Aber ein ganzer Chorus umringt diese leitenden Persönlichkeiten, wenn wir die Ereignisse der zwölf Jahre, von 1452 bis 1464, mustern.

Da stehen einmal die tapferen Nonnen von Sonnenburg, unter ihrer hingebend thatkräftigen Aebtissin Verena, und die armen blutüberströmten Opfer, die um der Sonnenburger Sache willen im Enneberger Morde zum Tode gebracht worden sind, dann die Domherren von Brixen und die Geistlichen des Sprengeis, welche den Appellationen des Herzogs entschlossen gegen den eigenen Bischof zustimmten, endlich das ganze rüstige Volk von Tirol, das für das gute Recht seines Landesherrn eintritt und von den Folgen des Interdictes sich nicht einschüchtern läßt. Aber auf der anderen Seite schaaren sich die kriegslustigen Fähnlein unserer Eidgenossen, die sich ihrer Beute erfreuen: gewannen sie dieselbe doch zugleich als treue Söhne des obersten Herrn der Christenheit! Freilich haben sie dabei durch Erringung des Kampfpreises den feinen geistlichen Politiker, der sich ihrer nur als seiner Werkzeuge hat bedienen wollen, durch einen lobenswerth verständigen Frieden so überlistet, daß er sich entschließt, schon nach einigen Wochen vor aller Welt mit dem nothwendigen Aufwand anständiger sittlicher Entrüstung zu versichern, er sei an der ganzen Sache gar nicht betheiligt gewesen. Aber auf einmal heben die rauhen Kriegsgesellen auch noch zu singen an. Wir kennen das Lied: — es jubelt über den Gewinn des Thurgaues, daß nun Bodensee und Rhein das Land gut verschließen, und verspottet den Herzog Sigmund:

Er soll kein brugg am Rin mer schlan, si wurd nit bestan:

man ließ im nit ein laden!

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