Die Gottbardbahn

Hinweis: Questo articolo è disponibile in un'unica lingua. In passato, gli annuari non venivano tradotti.

Von Prof. B. Studer.

Vorgetragen in der geologischen Sektion der Berner Naturforschenden Gesellschaft am 3. December 1873.

" Wenn auch die in Angriff genommene Eisenbahn über den St. Gotthard an Grossartigkeit der Pacificbahn oder dem Suezkanal nachsteht, so wird doch Europa sie stets als eine der kühnsten und einfluss-reichsten Unternehmungen unseres merkwürdigen Jahrhunderts betrachten. Sie durchschneidet die Alpen in ihrer kolossalsten Entwicklung, so dass noch zur Zeit von Scheuchzer der Gotthard als das höchste Gebirge unseres Welttheils, als das Quellgebiet seiner Hauptströme angestaunt wurde und sogar Saussure noch erwartete, hier ein dem Montblanc an Höhe ebenbürtiges Gebirge zu finden. Sie eröffnet den reichen Ländern auf beiden Seiten des Rheins den kürzesten Weg nach Italien und dem Orient. Sie ladet mehr als keine andere den romantischen Germanen ein, seiner Sehnsucht nach dem Land der Goldorangen und Lorbeeren zu folgen, denselben Weg zu wählen, den Goethe und Schiller besungen haben.

Auch für die " Schweiz werden sich noch nicht zu übersehende Folgen ergeben, wann wir einst in derselben Zeit, in der wir jetzt von Luzern aus Genf oder Lyon erreichen, zu dem Mailänder Dom oder an das Meer bei Genua gelangen können.

Das wichtigste Stück der Gotthardbahn ist der lange Tunnel, der 300 m unter dem Ursernthai, beinahe 2000 m unter dem Kastelhorn der Gotthardhöhe, bei 15 Kilometer oder mehr als 3 Schw.Stunden lang, Göschenen mit Airolo verbindet. Der Mont Cenis oder Fréjus-Tunnel, zwischen Modane und Bardonnêche, ist um mehr als 21Kilometer kürzer, und über ihm erheben sich nur einsame Alpweiden und der schmale Gebirgskamm des Pic de Fréjus bis auf 1600 m über dem Tunnel. Nach Göschenen gelangt man von Nord her durch den schönen Aargau, die See'n der Ür-schweiz und das an Erinnerungen reiche Reussthal, nach Modane durch Savoien und die stets durch Wildbäche und Einstürze bedrohte Maurienne.

Nach langen Kämpfen und Unterhandlungen hatten sich ( 1871 ) Italien, die Schweiz und das Deutsche Reich zur Ausführung der grossen Gebirgsbahn, welche die deutschschweizerischen mit den italienischen Eisenbahnen verbinden soll, durch einen internationalen Staatsvertrag vereinigt, die erforderlichen finanziellen Mittel waren zugesichert und der Schweiz die Oberaufsicht über die Ausführung der Arbeiten übertragen worden. Zu diesem Zwecke ernannte der eidgenössische Bundesrath, Herrn Ingenieur Koller zum Inspektor der Gotthardbahn, mit einem Bureau im Bundesraths- laus in Bern.

Dieses Bureau veröffentlicht monatliche und vierteljährliche Berichte über den Fortgang der Arbeiten.

Die Gotthardbahngesellschaft, bestehend aus den Unternehmern und Aktionären der Bahn, wählte, nach Genehmigung ihrer Statuten durch den eidgenössischen Bundesrath, in ihrer Generalversammlung einen Yer-"waltungsrath von 24 Mitgliedern und dieser übertrug das Präsidium an Herrn F ehr -Her zog von Aarau; es wählte ferner dieser Yerwaltungsratli zu Mitgliedern der geschäftführenden Direktion die Herren Nationalrath Dr. Alfred Escher von Zürich, Regierungsrath Zingg von Luzern und Ständerath Web er von Bern. Als Oberingenieur der ganzen Bahn wurde ferner gewählt Herr v. Ger w i g von Carlsruhe und die Ausführung des grossen Tunnels, durch einen Yertrag,. Herrn Favre übertragen.

Die geologische Kommission der schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft war vom Bundesrath eingeladen worden, allfällige Wünsche mitzutheilen in wie fern die Tunnelarbeit zu wissenschaftlichen Zwecken benutzt werden könnte. Sie machte aufmerksam auf die Wichtigkeit, vor Ausmaurung des Tunnels, Sammlungen der durchbrochenen Gesteine, nebst Angaben über geologische und physikalische Verhältnisse zu veranstalten und dieselben in- und ausländischen Museen und Universitäten anzubieten. Der Antrag fand, sowohl bei dem Bundesrathe und der Gotthard-bahndirektion, als von Seite der Herren Koller und v. Gerwig, die dankenswertheste Unterstützung. Die Anzahl der Sammlungen zuerst auf 12 festgesetzt, wurde

27 bald, in Folge zunehmender Anmeldungen, auf 60 ausgedehnt.

Von diesen gehen nun 25 in die Schweiz,. 23 nach Deutschland, 8 nach Italien, zugleich zeigte sich aber das Bedürfniss, zur Auswahl der Stücke und Beurtheilung der geologischen Verhältnisse, einen besonderen, hiezu befähigten Ingenieur anzustellen,, und die Gottharddirektion, im Einverständniss mit der geologischen Kommission übertrug diese Aufgabe Herrn Stapff, der seinen Sitz in Airolo nahm.

Zugleich ersuchte die geologische Kommission Hrn. Prof. v. Fritsch, damals in Frankfurt a. M., jetzt in Halle, der, während seines frühern Aufenthalts in Zürich, 1864—66, sich mit der Aufnahme einer geologischen Karte des Gotthardgebietes befasst hatte,. er möchte seine Arbeit abschliessen und, als eine der Lieferungen der geologischen Kommission, erscheinen lassen, ein Wunsch, dem Herr v. Fritsch im Laufe dieses Jahres freundlichst entsprochen hat. Unabhängig von dieser Arbeit war kurz vorher eine ähnliche erschienen von Herrn Giordano in Florenz, der bereits 1865 mit andern Geologen im Auftrage ihrer Regierung. die schweizerischen Alpenpässe besucht und 1871 auf die geologische Aufnahme des-Gotthards Zeit und Fleiss verwendet hat.

Von den granitischen, von ewigem Schnee bedeckten Centralmassen, die in den Hochalpen aus der leichter zerstörbaren Schieferumgebung hervorragen, durchsetzt der grosse Tunnel zwei der wichtigsten. Er tritt bei Göschenen in den Gneissgranit der Finsteraarhorn- masse, die, vom Berner Oberland her, über die Grimsel und das Gletschergebiet des Galenstocks nach dem Crispait und Piz Tumbif fortsetzt, und wird, bis er die Vertikale des Urnerlochs durchschnitten hat, d.h. bis auf 2x/i Kilometer vom Eingang, kaum andere Steinarten finden.

Am Ausgang des Urnerlochs, hinter der alten Kirche, ist weisser, glimmeriger Marmor oder Cipollin anstehend, und auf den Streichungslinien desselben zeigen sich sowohl nach der Oberalp zu, als westlich nach der Furka hin, nördlich von Realp und bis nach Obergestelen im Wallis, dunkle Kalksteine und schwarzer Schiefer, in denen man auf der Furka Belemniten gefunden hat, oder Rauchwacken, die das Vorkommen von Gyps können vermuthen lassen. Ob diese Steinarten, wie man glauben mag, in die Tiefe bis auf das Niveau des Tunnels fortsetzen, wird sich später ergeben.

Vom Urnerloch bis Hospenthal ist der bei ,1 Kilometer breite Thalboden, der früher wohl einen Alpensee enthielt, von Sand, Schlamm und Kies bedeckt und die Stein art des Untergrundes lässt sich nur an der ansteigenden Begrenzung beurtheilen. Bei Andermatt hat die neue nach der Oberalp führende Strasse vorherrschend schwarze Kalk- und Thonglimmerschiefer durchschnitten, die aber auch Einlagerungen von Quarzit und selbst von Gneiss enthalten. Dieselben Steinarten findet man an der Westgrenze des Thales, im Ansteigen nach der Furka. Bei Hospenthal und auf der südlichen Thalseite sind die Schiefer ebenfalls vorherrschend, meist schmutzig grün, chloritisch oder als verwachsene Hornblendschiefer, aber auch mit gewöhnlichem Glimmer- schiefer und Glimmergneiss abwechselnd.

Hoch über dem Thalboden, auf Gigenstaffel, am Abfluss des S. Anna-gletschers, schliessen diese Schiefer ein wohl gegen 100 m mächtiges Giltsteinlager ein, das seit ältester Zeit abgebaut wird, und im Fortstreicllen desselben, am linkseitigen Ausgang der Unteralp, geht der grüne Schiefer in massigen Serpentin über. Zwischen beiden Stellen zieht in der Tiefe der Tunnel durch und, da die Schichten vertikal stehen, so wird er wohl auch in dieser Gegend, nicht volle 4 Kilometer weit vom Göschenen-Eingang, auf diese Steinarten treffen.

Ohne scharfe Grenze gehen weiter südlich die grünen Schiefer in Glimmerschiefer und dieser in Gneiss über, der nicht wesentlich verschieden von demjenigen bei Göschenen, als Gneissgranit erscheint; der Tunnel ist, südlich von Andermatt, in eine neue granitische Centralmasse, in die des Gotthards, eingetreten und verlässt sie erst bei Airolo, an seinem südlichen Ausgang.

Im Gamsboden, bei 250 m oberhalb Hospenthal, herrscht dieser, durch weissliche Farbe und granitartige Zerklüftung sich von den tiefer anstehenden Schiefern sogleich unterscheidende Gneiss allgemein und auf der Fläche der Passhöhe, wie an den sie begrenzenden Höhen der Prosa und Fibbia sieht man keine andere Steinart. Auch die Tremolaschlucht abwärts bleibt man noch lange von ihm umgeben, dann folgen wieder deutlicher schiefrige Gneisse und Glimmerschiefer, oft reich an Granat und Hornblende, die zum Theil fast vorherrschen. Bei Airolo grenzen diese Schiefer an eine Zone von sandähnlichem Dolomit und Gotthardbahn.421,

Gyps, die sich auf der'Nordseite von Val Bedretto, bis zum Nufenenpasse, ostwärts nach Val Canada und über den Lukmanierpass hinaus verfolgen lässt, und in enger Verbindung mit diesem Dolomit steht eine mächtige Masse von schwarzem Kalk- und Thonglimmerschiefer, worin auf dem Nufenenpasse, wie in der entsprechenden Zone des Urserenthales, aber in grösserer Menge Belemniten vorkommen.

Der Tunnel folgt jedoch nicht der Richtung der jetzigen Gotthardstrasse; er lässt Hospenthal, den Gamsboden, das Gotthardhospiz und Val Tremola mehrere Kilometer westlich liegen und erreicht, in gerader Linie, unter Andermatt, dem S. Annagletscher, dem Kastelhorn und dem Sellasee durchgehend, die westlichsten Besitzungen von Airolo. Die Gesteinsfolge im Tunnel wird daher von der vorhin angegebenen abweichen. Die Schiefer der Gigenalp setzen auch südwärts nach dem Kastelhorn fort, und der granitische Gneiss des Gamsbodens ist an der Oberfläche und vielleicht auch in der Tiefe, in der Richtung des Tunnels hier nicht vertreten. Das Kastelhorn besteht, nach Giordano, aus einem 200 — 450 m starken, von Ost nach West sich erstreckenden Grate von rauhem, zerspaltenem dunkelm Diorit und wenn, wie bei der steil südlichen Einsenkung der Gesteine zu erwarten ist, diese Masse auch vom Tunnel erreicht wird, so trifft man hier auf eine Steinart, auf die man, nach dem, was die Gotthardstrasse darbot, nicht vorbereitet war. Auch südlich vom Kastelhorn, See von Sella und abwärts nach Airolo kommt an der Oberfläche Gneissgranit nicht mehr zu Tage. Das herrschende Gestein ist Glimmer- schiefer oder Glimmergneiss, zuweilen mit grossblättrigem silberweissem Glimmer, mit Einlagerungen oder mächtigen gangartigen Nestern von Hornblendgestein und tiefer abwärts reich an zum Theil erbsen- und nuss-grossem Granat.

Sella und die benachbarten Alpthäler Scipsius und Sorescia haben vorzüglich die als Gotthardmineralien bekannten ausgezeichneten Eisenrosen, Eutile, Titanite, Turmaline, Apatite u.a. geliefert. Sofern dieser Reichthum tiefer abwärts sich nicht verliert, lässt sich im Tunnel auch für Sammlungen von Mineralien Schönes erwarten.

Bei einer flüchtigen Vergleichung der Karten von Giordano und v. F rit seh glaubt man bedeutende Abweichungen wahrzunehmen, und noch grössere, wenn man diese Karten mit der 1833 erschienen von Lardy ( Schweiz. Denkschr .) zusammenstellt. Genauer betrachtet zeigen sich diese Differenzen von nicht grösser Wichtigkeit. Die Kalk- und Thonschiefer gehen, durch Aufnahme von Glimmer, ohne schärfer zu bestimmende Grenze, über in Kalk- und Thonglimmerschiefer, und bei reicherer Entwicklung des Glimmers, erkennt man diese als Glimmerschiefer; weiterhin mengt sich Feldspath ein, oft so sparsam, dass er nur durch einen Löthrohrversuch erkannt und vom Quarz unterschieden wird, dann auch in grösserer Menge, so dass die Stein-ärt Gneiss heisst, Augengneiss und porphyrartiger Gneiss, wrenn grössere Feldspathkrystalle, unregelmässig oder krystallinisch begrenzt, ausgeschieden sind. Auch sonst zeigt der Gneiss mehrfache Abänderungen.

Die Glimmerblättchen, die in der Regel, wie im Glimmerschiefer, parallel liegen und seinen Hauptcharakter, die Schieferung oder tafelförmige Absonderung erzeugen, sind entweder auf den Schieferflächen angehäuft, sie oft ganz bedeckend, fehlen aber in dem dazwischen liegenden Gemenge von Feldspath und Quarz, so dass der Stein im Querbruch gebändert erscheint; oder der Glimmer, obgleich immer parallel liegend, ist durch die ganze Masse vertheilt. Ist er in grösserer Menge Torhanden, so durchzieht er in zusammenhängenden Blättchen die Massen nnd trennt im fasrigen Gneiss, das Feldspath- und Quarzgemenge in grössere und kleinere Nester. Ist er sparsam entwickelt, so spaltet der Stein zuweilen in sehr dicke Tafeln, die sich nicht weiter, oder nur schwer spalten lassen und man hat -eine in den Alpen häufige Gneissart, die Saussure Granit veiné genannt hat. Zuletzt verliert sich auch der Parallelismus des Glimmers oder er wird unklar, weil der Glimmer die deutliche Blättchenform einbüsst und wie in zusammengerollten Knötchen und Nestchen auftritt, und diese Abänderung, die immer noch deutlich in dicke Tafeln gespalten ist, wird als granitischer Gneiss oder Gneissgranit bezeichnet. Wird auch die Tafelspaltung unklar, oder fehlt sie ganz, so heisst die Steinart, stets aus Glimmer, Quarz und Feldspath bestehend, nicht mehr Gneiss, sondern Granit.

Bei diesen schwankenden Charakteren und dem Mangel fester Grenzen im Vorkommen der Steinarten ist leicht zu erwarten, dass der eine Geologe noch zum Glimmerschiefer zählt, wras ein anderer als Gneiss bezeichnet, dass der Gneiss des einen, einem andern Granit heisst.

Und so finden wir es auch. Vieles, das-Lardy als Glimmerschiefer bezeichnet, heisst v. Fritsch Kalkglimmerschiefer, Giordano Kalkschiefer. Den Gneiss von Giordano zerfällt v. Fritsch in mehrere Arten, die-er meist dem Glimmerschiefer beiordnet; die grosseil Granitmassen Giordano's, die ganze Finsteraarhornmasse, den Gamsboden und seine westliche Fortsetzung,, die Gotthardhölie bis und über den Lucendrosee hinaus, erkennt v. Fritsch als Gneiss und wahren Granit findet er nur in der Felsgruppe des Piz Rotondo und Kühbodenhorns, westlich von Bedretto, in einem wahrscheinlichen Ausläufer derselben zu beiden Seiten der Fibbia, am Piz Lucendro und in Val Tremola, und in einer beschränkteren Partie bei Oberkästern, südlicb von Realp.

Merkwürdig genug verliert nämlich der Gneissgranit unserer Centralmassen an einzelnen, nicht häufigen Stellen auch die Tafelzerspaltung und wird, ohne-wesentlichen Wechsel der Bestandtheil, wahrer massiger Granit, der gangartig das Nebengestein durchsetzt und Trümmer desselben einschliesst. So bei Valorsiner am nördlichen Fuss der Aiguilles Rouges, so nach Beobachtungen und Zeichnungen von E s c h e r an der Mieselenwand und am Thierberg auf beiden Seiten de& hintern Unteraargletschers, so auch nach v. Fritsch, in der Gruppe des Piz Rotondo am Gotthard.

Es hält schwer, diese massigen Granite von den aus gleichen Bestandtheilen bestehenden Gneissgraniten zu trennen; daher die grössere Ausdehnung, die Giordano ihnen gegeben hat, daher auch Lardy beide, unter der Benennung Granit, in zwei breiten,

die ganze Karte durchziehenden Zonen, die eine der Finsteraarhornmasse angehörend, die andere der Gotthardmasse, darstellt.

Es bleibt mir noch, um ein vollständiges Bild dieser Gebirge zu geben, die Aufgabe, über ihre Struktur und Lagerungsverhältnisse zu berichten. Wir stossen da auf bis jetzt nicht gelöste Räthsel, die vielleicht auch durch die im Tunnel zu gewinnenden Ergebnisse ihrer Lösung näher geführt werden.

Als Urbild der Struktur alpiner Centralmassen dient diejenige des Montblanc, wo zuerst Saussure auf die nach oben auseinandergehende, fächerförmige Stellung der Gneissgranittafeln aufmerksam wurde. Die mittelste Tafel, den Kamm des Gebirges bildend und vorzugsweise als Granit entwickelt, steht vertikal auf beiden Seiten derselben fallen die Tafeln um so schiefer gegen sie ein, je weiter sie von ihr entfernt sind, und zugleich wird die Tafelstruktur deutlicher, die Steinart ist Gneiss, Glimmergneiss und Glimmerschiefer. Am unteren Rande des Fächers fallen auch die angrenzenden Schichten von Kalkstein, Kalkschiefer, Dolomit unter den Fächer ein und werden von den tiefern krystallinischen Tafeln desselben bedeckt. Diesem Bilde entspricht am besten das durch die grösste Breite der Montblancmasse, etwa von Chamonix nach Entrèves, gezogene Profil, doch zeigt sich auch hier die Anomalie, dass auf der Seite von Chamonix die dem Kalk aufliegenden Schiefer und Gneisse eine Zone von wohl 3 Kilometer Breite einnehmen, während auf der Seite von Courmayeur der Granit oder ( nach G e r -lach ) Porphyr des Hauptkammes sich bis an den darunter liegenden Kalk ausdehnt und für Gneisse oder Glimmerschiefer gar keinen Raum lässt.

Wo dann, gegen das Wallis zu, die Centralmasse schmäler wird, verliert sich auch die Fächerstruktur, die granitischen Tafeln der Ostseite stellen sich in Yal Ferret vertikal, bei Orsières fallen sie östlich, wie die der Westseite und der Kalk des M. Catogne ist ihnen aufgelagert. Der Granit oder Porphyr ist ferner hier in Gneiss übergegangen.

Man hat später die Fächerstruktur an den Berner Alpen, am Gotthard und an andern Centralmassen nachgewiesen. Aber auch die Anomalien fehlen nicht. Schon in der dem Montblanc nahen, aber weit schmälern Masse der Aiguilles Rouges fallen alle Gneisstafeln steil, beinahe vertikal, östlich, und in der Höhe liegt auf ihren Schichtköpfen horizontal Kalk mit jurassischen Petrefakten. In den Berner Alpen herrscht, wenn man von Grindelwald oder Guttannen aus die Gneissgebirge ansteigt, stets steiles Südfallen, dann folgen vertikale Gneissgranittafeln; auf der Wallisseite, bei Naters, Lax, Viesch ist Nordfallen. Man übersieht sehr schön diese Fächerstellung auf der rechtseitigen Höhe über dem Rhonegletscher: am nördlichen Abfall des Galenstocks und an allen nördlichem Gebirgen stets Südfallen, an denjenigen zwischen dem Galenstock und der Furka Nordfallen. Am Urnerloch und bei der alten Kirche stehen die Schichten vertikal, aber die schwarzen Schiefer im Ansteigen nach der Oberalp fallen nördlich, und auch in Tavetsch herrscht auf der linken Rheinseite Nordfallen, entsprechend dem Südfallen in Maderan und Glarus.

Ebenso an der Gotthardmasse, wo bereits Scheuchzer ( t 1733 ) auf die steil südliche Einsenkung der Felslager auf der Nordseite des Berges, im Gegensatz zum Nordfallen auf der Südseite aufmerksam gemacht hatte. Auch alle spätem Beschreibungen von S au s s u r e, C. Escher, Ebel und die Profile von Gimbévaut, Lardy, wie die neusten von Giordano und von Frit seh heben diese Fächerstruktur hervor. Das nördliche Einfallen der Dolomite bei Airolo unter die Granat, Hornblende und Disthen führenden Glimmerschiefer ist auch bereits durch den Anfang der Tunnel-, arbeit bestätigt worden. Unsere Karten weisen aber auch hier wieder auf eine bedeutende Anomalie hin. Die Gotthardmasse zeigt nicht, wie andere Central- massen, einen fortlaufenden höchsten Kamm granitischer Gesteine. Eine stark vergletscherte Gruppe massigen Granits erhebt sich, wie bereits erwähnt wurde, westlich im Piz Rotondo und in der Umgebung des Wyttenwassergletschers. Man kann sie ostwärts über Lucendro bis in die Prosa- und Fibbiagipfel verfolgen. Dann erscheinen in den Sella-Alpen und östlich von Val Tremola schiefrige Steinarten, durch welche der Tunnel zu brechen ist, und erst zu beiden Seiten des Lukmaniers, nördlich von Val Cadlimo und in den Medelserhörnern, erheben sich wieder festere, granitähnliche Gneisse. Auch die enge Verbindung der Gneissgranite und Glimmerschiefer mit Hornblendgesteinen zeigt sich in den westlichen Centralmassen nicht wie am Gotthard und weiter östlich. Wo sie vorkommen, wie in den Berner Alpen, sind sie aufgelagert, nicht eingelagert.

Saussure hat die Gneisstafeln des Montblanc und der andern Centralmassen als wahre Schichten betrachtet, die sich früher horizontal gelagert und erst nachher ihre gegenwärtige Fächerstellung erhalten hätten. Wie diess geschehen sei, liess er dahingestellt. Auch der ältere Escher, Ebel, Lardy und die Mehrzahl späterer Geologen haben sich dieser Ansicht angeschlossen, und erst in unserer Zeit ist versucht worden, den Hergang jener Umwälzung der Schichten begreiflich zu machen, indem man voraussetzte, die tiefer liegenden krystallinischen Schichten seien durch eine Spalte der Oberfläche hinausgepresst worden und hätten über derselben ein Gewölbe gebildet, das aber, weil die Spalte zu eng war, erst oberhalb sich breiter habe entwickeln können, das Gewölbe sei dann zerstört worden, so dass nur die tiefern, gegen die Spalte convergirenden Theile stehen geblieben seien und nun die Fächer der Centralmasse bilden. Auf dieser Annahme beruht das hypothetische Profil der Gotthardmasse, das in den Verhandlungen der schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft in Frauenfeld 1871 erschienen ist.

Bereits zur Zeit von Saussure hatte indess der Mailänder Abbate Pini, in seiner Monographie des Gotthards 1783 behauptet, die Absonderungen der Gneissgranite der Alpen seien nicht als Schichtflächen, sondern als Klüfte aufzufassen, wovon er sich nach lange fortgesetzter Untersuchung ihres Vorkommens am Gotthard überzeugt habe, indem nicht selten die parallel scheinenden Absonderungen in ihrer Fortsetzung einen spitzen Winkel bildeten, die dazwischen liegende Masse also sich auskeilte.

Zu demselben Ergebniss führte später im Berner Oberland, die Betrachtung der Lagerungsverhältnisse des Gneisses zu dem anstossenden und vom Gneiss bedeckten oder umwickelten Kalk. Niemand, der hier die Verhältnisse selbst gesehen hat, wird dem Gedanken Raum geben, sie durch Verwerfungen ( Failles ), oder Unterschiebung der starren Gneissmasse über den Jüngern Kalk erklären zu wollen. Alles drängt, wie sehr man sich dagegen sträuben mag, zu der Ueberzeugung, dass der Gneiss, als eine weiche Masse ( als eine geschmolzene, feurig flüssige, wogegen die Kontaktei'scheinungen sprechen, habe ich sie niemals bezeichnet, ich will nur eine Thatsache constatiren, nicht eine Hypothese vor-schlagen)-, die Kalkschichten umgebogen und umschlossen habe, dass seine Tafeln nicht als früher horizontale abgelagerte Schichten, sondern als eine später erfolgte Zerklüftung oder Schieferung aufzufassen seien. Es ist endlich diese Ueberzeugung, dass die Tafelstruktur des centralen Gneisses unserer Gebirge keine wahre Schichtung sei, auch von einem der besten und genauesten Kenner unserer Hochalpen, Herr vom Rath, Professor in Berlin, nach mehr* jährigen Reisen am Gotthard und in seinen Umgebungen, ausgesprochen wrorden ( Deutsche geologische Gesellschaft XIV, 1862 pag. 527 ).

Sowie im Berner Oberland besonders die ab- .'430Studer.

Gotthardbahn.

weichende Lagerung der angrenzenden Steinarten die Unmöglichkeit klar machte, die Absonderungen des Gneisses als Schichtung zu deuten, indem häufig die Kalklager horizontal über oder unter vertikalen Gneisstafeln liegen, so ist auch am Gotthard eine abweichende Lagerung zwischen dem Gneiss und den Granit enthaltenden Schiefern zu erwarten, die mit den Belem-nitenschiefern in Verbindung stehen, und Beobachtungen im Tunnel, von Airolo einwärts, sind in dieser Beziehung besonders zu empfehlen. Sie werden freilich erschwert durch den Umstand, dass der Tunnel die Hauptmasse des Gneissgranits westlich lässt und meist durch Glimmerschiefer führt.

Alte Beobachter endlich berichten, dass neben der Fächerstruktur oft andere Spaltungen vorkommen, die nicht selten sogar deutlicher sind, als die erstere. Giordano führt an, dass neben dieser besonders zwei Spaltungen sich bemerkbar machen, die eine beinah horizontal, die andere ungefähr senkrecht auf die herrschende. Schieferung, von NNW nach SSO, mit schwacher Neigung nach S W. Die horizontale Zerklüftung ist auch an der Oberfläche an vielen Stellen so auffallend, dass man wirklich mächtige horizontale Granitbänke zu sehen glaubt, und Ver- theidiger eines neptunischen Ursprungs des Granits leicht geneigt sein könnten, diese Absonderungen als die wahren Schichtflächen, die andern als Schieferung zu erklären.

Feedback