Die Seen des Oberengadin

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Die Seen des Oberengadin Von Professor Albert Heim ( Section Uto ).

Wir wandern das Oberengadin hinauf und gelangen zu den Seen von St. Moritz, Campfèr, Silvaplana und Sils.* ) Die Sonne blitzt in den herrlichen blauen Flächen. Woher kommst du, schönes Wasser? Steigen wir hinauf bis an deine Quellen, junger Inn! Dort im Hintergrund gegen Westen sehen wir zerrissene, durchfurchte Berge, dort verengt sich das Thal, es schliesst ab, dort müssen deine ersten Quellen sein!

Doch nein, wir haben uns ganz und gar getäuscht. Denn plötzlich, wenig oberhalb des Silsersees, liegt ein tiefer Abgrund zu unsern Füssen — er schneidet nach oben unvermittelt das Innthal ab: Das Engadin ist ein Thal ohne Oberlauf, ohne Anfang. Schon an der Maloja ist es breit, wie wenn wir noch stundenweit bis zur Wasserscheide gegen das nächste Thal aufwärts zu wandern hatten. Oberhalb des Silsersees finden wir den Inn nicht mehr; das breite Thal wird an der Maloja ( oder Maloggia ) von keinem Fluss durchströmt. Um dem Wasser die Ehre und den Namen zu retten, hat das Volk nun den kräftigsten Seitenbach, der vom Lago di Lunghino von Norden herunterfällt, Innfluss getauft; damit ist das Gemüth beruhigt: Dort sind die Innquellen, heisst es. Aber in der That finden wir nur Nebenbäche, keinen Inn, und erkennen, dass eine « Innquelle » überhaupt nicht existirt, es sei denn, dass wir nun den Silsersee als die Innquelle betrachten. Der Inn im untern Lauf ist nur die Summe seiner Nebenbäche. Freilich wird schliesslich bei allen Flüssen das Wasser aller Nebenbäche und Nebenflüsse gewaltig und die Wassermenge des Hauptflusses nahe seinem Quellengebiet dagegen verschwindend klein, allein wir können doch bei den meisten Strömen aufwärts gehend stets den stärksten Arm verfolgen und bleiben dabei im grössten Thal, bis wir am oberen Ende einer engen, steilen Thalschlucht auf einen Sattel, eine Wasserscheide gelangen. Dem Engadin fehlt eine solche Stammader des Wassers ganz.

Denken wir uns den tiefen Thalkessel südwestlich der Maloja mit dichtem Nebel gefüllt, der gerade bis an die Malojahöhe hinaufwogt. Schreiten wir in Gedanken über den Nebel, der uns die Tiefe verhüllt, hinaus: Da öffnen sich gegen uns eine Reihe Thäler, die alle gegen die Maloja hinzielen und ins Oberengadin ihre Wasser ergiessen wollen: Vor allen das Val Marozzo mit vielen Seitenschluchten, das Thal des Albignagletschers, das Val Muretto. Der Nebel schwindet:

Wir blicken tiefer hinab, um zu sehen, dass die Bäche in den tieferen, uns vorher verhüllten Regionen wie unwillig schäumend plötzlich ihre Gedanken ändern. Sie werden dem Engadin abtrünnig, kehren sich in scharfen Bogen um und wenden sich einem andern Thale zu, um sich in ein anderes Wasser zu stürzen, als sie in ihren oberen Theilen beabsichtigten. Dies andere Thal ist das Val Bregaglia oder Bergell, sein Fluss die Maira. Der Bach des Val Marozzo, der zuerst von Westen nach Osten fliesst, wendet sich um, nur eine halbe Stunde bevor er die Maloja erreichen würde, und fliesst bald in genau entgegengesetzter Richtung. Die Albigna dreht sich von Südnord-Richtung ganz plötzlich um 300° gegen Südwesten um. Der Ausfluss des Fornogletschers, die Orlegna, könnte künstlich noch leicht über den Boden der Maloja in den Silsersee geleitet werden, sie ist aber vom Engadin abgefallen und wendet sich im Bogen gegen Westen, bis sie gerade entgegengesetzt fliesst wie im Val Muretto. Im Oberlauf, da diese Bäche noch gegen das Engadin zielen, sind die Thalboden, auf denen sie fliessen, die directe Fortsetzung des Thalbodens von Silsersee und Maloja, sie sind Reste eines alten grossen Thalbodensystems, das einst den jetzigen Thalkessel von Casaccia überbrückte, als derselbe noch nicht gehöhlt war. Ihren ursprünglichen Zusammenhang deuten sie durch das übereinstimmende Niveau an. Der flache Boden der Alp Marozzo dentro liegt bei 2028 Meter, die ebene Thalstufe vor dem Ende des Albignagletschers bei etwa 2030 Meter, der Boden von Muretto mit der Alp und dem See Cavloccio liegen der Maloja näher und deshalb auch tiefer bei 1908 Meter, der etwas südlicher entferntere Thalboden von Piancanino bei 1987 Meter. Alle drei hatten das nöthige Gefälle nach der Maloja. Muretto war ein steileres Seitenthal, Marozzo und Albigna sind eine directe Verlängerung des Oberengadin über die Maloja hinaus.

Die andern jetzigen Nebenthäler des Val Bregaglia machen keine Wendungen, wie die oben beschriebenen, und haben auch keine Thalboden, welche mit dem Oberengadin in alter Verbindung gedacht werden könnten, sie gehörten stets zum System des Val Bregaglia.

Wir haben Reste des Innquellstammes gefunden: Der Bach des Val Marozzo, der jetzt obere Maira heisst, ist ein Zweig des eigentlichen Inn, die Albigna-quelle ein zweiter, dazwischen hoch über dem jetzigen Vicosoprano, hoch über dem Bergell waren wohl noch andere, und dort etwa muss die obere Grenzwasserscheide des Engadins einst als ein Bergkamm quer über das jetzige Val Bregaglia gestanden haben. Zwei Flusssysteme und die von den Flüssen gehöhlten Thalsysteme haben sich hier den Boden streitig gemacht. Der Bregagliafluss ist Sieger geworden, er hat sich rückwärts, d.h. gegen Nordosten immer weiter mit seinen Schluchten einschneidend ein Thal gehöhlt, das endlich die alte obere Engadinwasserscheide ganz schleifte und östlich zurückdrängte bis gegen die Maloja. Er ist schliesslich dem Inn selbst schief in die Seite gefallen, hat ihn durch eine immer tiefer werdende Schlucht durchschnitten und den oberen Innlauf mit dessen Nebenflüssen in sich selbst aufgenommen. Zwei Thalsysteme haben sich hier in ihrem obern Lauf durchschnitten; die Maira des Bergell hat dem Engadin seinen oberen Theil amputirt und ins Bergell abgelenkt. Darum beginnt das Engadin an der Maloja gleich als ein breites Thal, wie es dem Mittellauf eines Thales entsprechen würde, ohne einen Hauptfluss zu haben.

Dass in dem Streit der beiden Stromgebiete die Maira den Inn so gründlich besiegt hat, kann uns nicht wundern, sobald wir bedenken, dass die Maira dem steileren Abfall der Alpen angehört und schon auf ihrem kurzen Laufe bis Chiavenna so viel fällt, wie der Inn erst auf einem wohl zehnmal so langen Lauf. Dem grössern Gefälle entspricht die grössere Ausspülungskraft.

Der Sieg der Maira über den Inn brachte der erstem neue Wasserkraft zur Thalbildung, verminderte aber dieselbe für das Engadin. Die geringere Wassermasse des Oberengadin hat nicht mehr Stosskraft genug, mit dem Wasser auch die Geschiebe der Nebenflüsse aufzunehmen und weiter thalauswärts zu schleifen, wie früher, geschweige den Thalboden noch weiter auszu-spülen: Die Thalbildung ist in Stillstand gekommen. Die Seitenbäche liessen seither stets ihre Geschiebe da fallen, wo sie ins Hauptthal münden, flache Schuttkegel häuften sich an und wuchsen immer weiter ins Hauptthal hinaus, bis sie endlich den armen schwachen Inn, der das Geschiebe nicht weiter zu spülen vermochte, in seinem eigenen alten Thalboden zurückstauten — bis sie ihn zwangen, Seen zu bilden * ). Da haben wir alsSo stark die Aufstauung, so tief die Seen. Die Oberengadinerseen sind leider noch nicht genau vermessen.

28 einen der Thäter den Schuttkegel zu nennen, der aus dem Suvretta da St. Moritz herauswächst, und an welchen der See von Campfèr und theilweise auch der Silvaplanersee sich anlehnen, ferner den regelmässigen Schuttkegel der Ova del Vallun, auf welchem Silvaplana steht, und gegenüber denjenigen -von Surlei, die sich entgegenwachsen und den Silvaplanersee zurückstauen. Der gewaltige deltaartige Schuttkegel der Ova da Fex trennt den Silvaplaner- vom Silsersee und staut den letztern um zwei Meter höher zurück. Der Schuttkegel, der aus der Mündung von Val Fedoz herauswächst, will später den Silsersee in zwei trennen. Beim St. Moritzersee sind die Verhältnisse etwas verwickelter. Ein älterer Innlauf ging wahrscheinlich zeitweise über den Statzersee. Bergbrüche, Schuttkegel und Moränen haben ihn abgelenkt, so dass er sich jetzt, zum Theil vielleicht schon früher, die Schlucht der Charnadura* " gegraben hat. Weiter unten ist der Inn durch seine Zuflüsse schon wieder so stark geworden, dass der Mangel eines obersten Innquellstammes nicht mehr fühlbar ist. Er überwindet die seitlichen Schuttkegel, deshalb fehlen die Seen. Das Oberengadin gibt uns dasBild eines Thales, das in seiner Auskolkung für eine wohl noch sehr lange Periode in Stillstand gekommen ist. An Stelle des aufwühlenden, ausfeilenden, unruhigen Stromes sind die stillen friedlichen Seen getreten, in Die Form des Untergrundes ist noch unbekannt. Für den Silsersee werden 73, für den Silvaplanersee 77 Meter als grösste Tiefe angegeben. Die um etwas geringere Tiefe des oberen der beiden Seen deutet das Steigen der alten überflutheten Thalsohle thalaufwärts an.

denen die Bäche sich klären. Schlucht von Pfäffers, Schynschlucht, Via Mala, Schöllenen, Schlucht der Orlegna, Inn unterhalb Zernetz etc. einerseits und Oberengadin andererseits, welche Gegensätze! Dort Thalbildung, stürmische rastlose Arbeit des Wassers, hier Ruhe — das ist die Sonntagsstimmung, die über diesen herrlichen Seen schwebt! Drum fühlen wir uns an Seen so wohl, so harmonisch gestimmt und so ganz am rechten Orte, wenn wir hingehen, um unsern Geist von dem Sturm und Kampfe auszuruhen, der uns in unserer Arbeit umtost.

Die Geologen wissen, dass im Oberengadin nicht Tod, sondern nur Ruhetag ist. Denn allmälig werden die Seen mit Geschiebe gefüllt; der hernach geschiebeführende Inn wird die Stromschnelle unter dem St. Moritzersee tiefer ausfeilen und dadurch Gefäll-gewinn für die Wasser thalaufwärts geben. Diese werden sich aufs Neue einschneiden, die Thalbildung lebt wieder auf, das Thal wird zur Schlucht, die tieferen Stromschnellen verschieben sich .flussaufwärts. Schäumend und Geschiebe übereinander polternd wird der Inn durchs Oberengadin eilen. Noch manche hundert Meter Tiefe sind für ihn zu durchsägen geblieben, er muss fleissig sein, unruhig sein Tag und Nacht.

So wechselt Arbeitstag und Ruhetag auch in den grossen Vorgängen der Natur — der Arbeitstage sind meistens viel mehr als der Ruhetage.

Wir kennen aus den Alpen noch zahlreiche Beispiele für solche Vorgänge aus der Entstehungsgeschichte der Thäler. Recht oft durchschneiden sich die rückwärts sich verlängernden Thäler, und das eine lenkt den Oberlauf des andern ab. Es kommt selbst vor, dass ein Thal an zwei Stellen von andern Thälern durchkreuzt wird, so dass aus dem ersten ein todter Torso herausgeschnitten wird ( Lenzerhaide ). Solchen Vorgängen verdankt grösstenteils der Kanton Graubünden den verwickelten, scheinbar so unregelmässigen Lauf seiner Gewässer* ).

Fassen wir kurz zusammen: Das Thalsystem von Bregaglia hat, sich rückwärts verlängernd, das frühere Oberengadin durchschnitten, dessen obere Wasserläufe in die Maira abgelenkt und dadurch den Inn so geschwächt, dass er, unfähig, die Geschiebe seiner Zuflüsse weiter zu spülen, von denselben zu den Engadinerseen aufgestaut wurde. An Stelle der Thal-ausspülung ist Auffüllung mit Wasser und Geschiebe getreten, die Ausbildung des Hauptthales ist für eine Periode in Stillstand gekommen. Der Arbeit der Maira verdanken wir den Frieden im Oberengadin, das in seinem Seenschmuck vor uns liegt, als wäre es durchdrungen vom Bewusstsein der endlich erlangten zeitweisen Vollendung.

* ) Vergleiche: Heim, Untersuchungen über den Mechanismus der Gebirgsbildung Bd. I, S. 271 bis 320. Basel, bei Benno Schwabe.

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