Die sociale Frage in den Alpen

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Fr. Becker ( Section Tödi ).

Die sociale Frage in den Alpen Von Die sociale Frage in den Alpen? Welcher social-demokratische Aufwiegler und Weltverbesserer steckt wohl hinter dieser Frage? Gibt es denn im Gebirge, in unsern schönen Alpen auch eine sociale Frage? Soll das rothe Gespenst, das unter den Bewohnern der Städte und Niederungen umherwandelt, sich nun auch gar noch verstiegen haben in unsere freien Gottesberge? Man sollte es nicht meinen; wenigstens hören wir noch gar wenig von socialistischen Agitationen, welche das gemüthliche Alpen- und Naturleben zu stören drohen. Wir Bergbewohner sind conservativ und schwärmen nicht für neue Ideen, für Aenderungen in unsern gesellschaftlichen Zuständen; wir lieben weder die sprungweisen politischen und nationalökonomischen Fortschrittsbewegungen, noch fühlen wir grosse Begeisterung für rasche Entschlüsse, Hart wie der Fels ist oft unser Kopf, wenn er am Alten hängt, am Alten, das einst gut gewesen, aber nun vielleicht von zweifelhaftem Nutzen geworden ist.

Aber wie der eine Fels hart ist und unveränderlich, so gibt es auch weicheren, der sich allmählich auflöst, der die Ansiedlung und das Fortkommen von Vegetation gestattet, von Pflanzen, welche den Verwandlungsprocess noch mehr befördern — der Fels liefert uns sogar durch Bäche und Lauinen Humus in 's Thal hinunter. Ja auch der härteste Fels lässt sich durchsägen durch des Wassers nimmermüde, anhaltende Arbeit, und mit dem Baume, welchen der forteilende Fluss sich geschaffen, kommt auch die Oeffnung, durch welche frische Luftströme aus dem Thale heraufsteigen und in den Alpenkessel eindringen können.

Die Hindernisse, welche die Natur uns überall entgegenstellt, reguliren unsere Fortentwicklung und machen dieselbe zu einer sehr langsamen, und nur allmählich, wie sich eine entwaldete Gegend neu bewaldet, heben sich unsere volkswirthschaftlichen Zustände.

Unser heutiges Thema wird daher auch auf keinen Umsturz in den jetzigen Zuständen hinzielen, wir wollen uns über diese socialen Dinge nur etwas belehren. Wir beschränken uns dabei darauf, einzelne Momente aus dem Leben der Gebirgsbewohner vorzuführen, und dem geneigten Leser bleibt es dann überlassen, sich seine Gedanken darüber zu machen.

Dass es auch in den Alpen eine sociale Frage gibt, werden die Meisten zugeben; dass dieselbe aber eine ausserordentlich tiefgehende, ja vielerorts brennende ist, daran denken vielleicht Wenige. Nicht nur in Winterthur und Chauxdefonds, in Berlin und Manchester gibt es eine sociale Frage, auch in Uri und Wallis. Wie wir aber vor dem Stadthause in Winterthur nicht an die Schäden denken, die am Volkswohle zehren, sondern mehr an die Formen und Harmonien der klassischen Baukunst, so grübeln wir auch nicht über Leben und Weben des Urnerbäuerleins nach, wenn wir unter den Nussbaumen des Schächenthales wandeln.

Aber soll das Jahrbuch des S.A.C. das Ablagerungsgebiet sein für Erörterungen über diese Frage, für die Weltverbesserungsutopien eines philanthropischen Bergsteigers? Sollen die Alpenclubisten solches Zeug lesen oder gar noch beherzigen?

Der schweizerische Alpenclub hat seit seiner Gründung schon auf verschiedenen und vielseitigen Gebieten gearbeitet. In den Sommermonaten wurde auf Excursionen, bei Gipfelbesteigungen, Aufnahme von Panoramen und Ansichten etc. die Kenntniss des Landes erworben und erweitert, im Winter das gesammelte Material nach allen Richtungen ausgearbeitet und verwerthet. Nach der Erforschung der topographischen und stratigraphischen Verhältnisse unserer Gebirge kamen die zoologischen, botanischen, alp- und forstwirthschaftlichen, auch militärischen Studien. Nachdem auch die bisher unbekanntesten Gebiete durchstreift, alle bedeutenderen Gipfel bezwungen, alle Alpenthäler durchwandert waren, konnte man auch an das Studium des Volkes gehen, seiner Sitten und Gebräuche, Trachten, Musik und Gesang der Bergbewohner erfreuten sich der Aufmerksamkeit des wandernden Clubisten. Mit der Kenntniss der Alpenwelt stieg auch das Ver- ständniss für ihre Bewohner und deren Charakterleben. Auf gemeinnützigem Gebiete, in ökonomischen und technischen Fragen haben wir schon gearbeitet; ja man lehrt unsere guten Aelpler wieder Musik und Alphorn-bläserei. Dürfen wir nicht noch etwas mehr in volks-wirthschaftlicher Beziehung thun, dort uns etwas um das Volk bekümmern, wo vielleicht unser Lohn nicht in lieblichen Melodien ab sonnigen Weiden uns ent-gegenklingt, sondern wo wir uns auch die Ungnade eines behäbigen Alppatriciers zuziehen könnten?

Kommen wir auf unsere sociale Frage. Wollten wir diese Frage allseitig erörtern, so müssten wir miteinander eine Reise durch unsere Gebirgskantone machen und zwar nicht immer den entlegensten Wegen nach, sondern durch die grossen Thäler und Alpreviere, wo wir einen Einblick in das Gemeindewesen, ja bis in die Familien hinein uns verschaffen könnten. So weit können wir aber wohl nicht gehen, und so greifen wir aus dem reichen Material, das uns eine solche Reise geliefert, heraus: Die Art der Benutzung der Alpen als Gemeindegut in den zwei Kantonen Uri und Wallis.

Um im Kanton Uri ein Stück Volksleben, fast ein Stück Nomadenleben aus der Urzeit kennen zu lernen, begeben wir uns auf den Urnerboden, jene Alp oder vielmehr jenes Alpthal, das sich vom Klausenpass in nordöstlicher Richtung gegen den Kanton Glarus hinzieht. Diese Alp, die mit ihren sogenannten « Ausstäfeln » für circa 1200 Kühe und eine Anzahl Ziegen Sommer-nahrung bietet, ist Allmeindboden, wie die Alpen des ganzen Kantons Uri, d.h. jeder Urner darf darauf sein Vieh auftreiben. Gegen Ende Juni ziehen die Schächenthaler zum grossen Theil, mit Kind und Kegel, ihrem lieben « Velili » und ihren « Herdöpfeln », über den Klausen in diese Alp « Ennetmärcht », wie sie dieselbe selbst nennen. Die Schulen hören in den Thaldörfern auf, eine Kapelle haben sie auf dem Boden und der Herr Kaplan kommt auch mit. Ein Herbst, am Verenentag, findet die Käsbörse bei Musik und Tanz statt, und wer nicht seinen Erlös zum guten Theil oder ganz am Spieltische verloren, zieht mit seinen Batzen heim in sein Winterquartier. Ende September verschwinden fast sämmtliche Insassen wieder und nur Wenige bleiben zurück.

Machen wir dem Nomadenvolk einmal einen Besuch. An schönem Sommermorgen steigen wir die Fruttberge hinan, überschreiten beim Urnerthürli das bekannte Scheidbächli und schlendern gemüthlich den langen Thalboden hin, dem Wirthshause zu, wo uns eine kunstvoll gemalte Sonne lieblich entgegenlacht. Richtig — wir haben es gut getroffen, wir kommen gerade zu einer Volksversammlung. Es wird aber da nicht verhandelt über einen Artikel des eidgenössischen Fabrikgesetzes oder den Rekurs eines politisch Verfolgten; das beweist uns schon der Wein, der in reichlichem Masse herumgeboten wird und von dem männiglich trinkt: er kostet « nyt ». Die Urner haben eine Holzgant angeordnet und zur Belebung des Muthes und Verherrlichung des ganzen Actes lässt die Kantonsregierung, resp. die Allmeindverwaltung, etliche Maass oder vielmehr die nun viel populärem Doppelliter ( da hat sich auch der Urner schnell au 's « nywe Mass » gewöhnt ) kredenzen. Auf je 100 Klafter Holz trifft es ein gewisses, durch Gesetz bestimmtes Quantum und ebensoviel muss der glückliche Ergänter drauf-gehen lassen. Wir hören auch gleich, dass auf Ueber-schlag gegantet wird. Das geht so zu: Das zu schlagende Holz wird in eine Anzahl « Theile » getheilt, z.B. zwölf, und jeder « Theil » einzeln zum Verkaufe ausgerufen. Da gantet nun Alles mit, auch die kleineren Holzhändler, die über bescheidenere Summen zu verfügen haben. Sind sämmtliche Theile zugeschlagen, so summirt man den Betrag derselben und ruft nun noch einmal das gesammte Holz aus. Bietet jetzt ein Holzhändler, der mehr Münze hat, oder sonst ein Reicherer nur fünf Franken mehr, als dieser Gesammtbetrag ausmacht, so fällt Alles ihm zu und die anderen Ansprüche erlöschen sämmtlich. Will Keiner Alles zusammen, so mögen es die Andern behalten.

Schon bei dieser eigenthümlichen Art der Vergantung des Holzes spüren wir, dass wir auf einem Boden sind, wo ganz originelle Anschauungen und Einrichtungen bestehen. Verhält es sich vielleicht ähnlich mit der Benutzung der Alpweiden? Wirklich brauchen wir nicht lange zu « g wundern », so zeigt man uns ein eingezäuntes Stück Land mitten auf der Allmeinde, d.h. mitten in dem Boden, der allen Urnern zugleich gehört. Was ist 's mit diesem Stück Land? Es ist « dem und dem seine Rüti ».

Wer auf dem Urnerboden eine eigene « Rüstig » besitzt, kann sich ein beliebiges Stück Land in dem Allmeindboden auswählen, es umzäunen oder mit einer Mauer umgeben und während dreissig Jahren als sein Eigen- thum betrachten. Nach diesem Zeiträume fällt es wieder an die Allmeinde zurück.

Was ist aber eine solche « Rüstig »? Eine Rüstig besteht aus Haus und Stall, in welch'letzterem Grossvieh gehalten wird. Das Holz zum Erstellen dieser Gebäude bekommt der Besitzer unentgeltlich oder gegen eine sehr geringe Abgabe, z.B. 50 Cts. für den « Stock » oder die Tanne, aus den Allmeindwaldungen, und er hat nur die Kosten der Bearbeitung desselben, sowie des Baues selbst zu tragen. Das ist schön, dass das Holz so wohlfeil ist und auch ein wenig bemittelter Mann zu seinem Häuschen kommen kann; ja, sobald Einer ein eigenes Heimwesen hat, bekommt er noch mehr Nutz- und Brennholz, als ein Solcher, der keines hat.

Zu einer vollständigen Rüstig gehört aber auch Vieh, Grossvieh. Trotz seinem Antheil am Gemeinde-land vermag das aber nicht Jeder, weil es zum Vieh-halten auch Winterfutter braucht und solches die Allmeinde nicht in genügendem Maasse liefert. Wer aber Vieh hat, will es möglichst kurze Zeit in seinem eigenen Heimatgute, möglichst lange dagegen auf der Allmeinde halten; er möchte schon vor der allgemeinen Alpfahrt mit dem Vieh aus dem Thale fort, auch nach der Abfahrt noch länger droben bleiben. Da wendet er sich also an die Verwaltung um ein Stück Boden, dessen alleiniger Nutzniesser er ist, und er bekommt es auch, sobald er eben schon ein gewisses, anständiges Besitzthum hat. Der ärmere Mann, der keine eigene « Rüstig » besitzt, bekommt keinen solchen Boden und muss also sein « Chüeli » oder seine Geissen daheim halten, im Stall oder in dem « Blätz » Boden um 's Häuschen herum, bis auch er auf die Alp fahren darf.

Diese sonderbare Einrichtung der Abgabe von Allmeindboden zur Benutzung durch Einzelne ohne etwelche Gegenleistung konnte eingeführt werden unter der Vorgabe, dass dadurch viel Boden urbar gemacht, Steine aufgelesen, durch mehr Dünger besseres Futter erreicht, überhaupt die Ertragfähigkeit des Bodens erhöht werde. Aber warum hat man nicht Jedem der Allmeindgenossen sein Stück Land gegeben zur bessern Bewirthung und Urbarisirung?

Zum Tröste und einiger Rechtfertigung will ich nun aber anführen, dass seit etwa fünf Jahren keine solche « Rütenen » mehr vergeben werden, so dass also nach Ablauf der 30 Jahre für jedes einzelne Grundstück Alles wieder gemeinsamer Allmeindboden wird. Wir erblicken aber darin weniger eine Gross-müthigkeit, einen Verzicht auf ein ungerechtes Gut, sondern vielmehr ein einfaches Gebot der Nothwendigkeit. Während allerdings diese einzelnen Abschnitte des Bodens reichlicheren Ertrag lieferten, wurde der übrige Boden mehr ausgenützt, als gut war. Der « grössere Viehbesitzer » trieb sein Vieh so viel als möglich in seinen eigenen Stall, ätzte darin auch das gesammelte Heu, verwendete aber den erhaltenen Dünger nicht für den Allmeindboden, dem er das Futter entnahm, sondern für seine Rüti. Der übrige Boden wurde daher zu sehr « ausgemagert a, an nassen Orten sumpfig und sauer, an trockenen verbrannt. Die Rietstreue, die man auch nicht zu gleichen Theilen vertheilt, wird zum Ueberfluss noch fortgeführt, in 's Thal hinüber, und zwar wieder meistens nur von Solchen, welche eigenes Vieh zum Transport derselben über den Klausen und zur nachherigen Verwendung haben. Beim Sammeln dieser Rietstreue wird ein bestimmter Tag festgesetzt, an dem aus jeder Familie ein Glied an selbstgewähltem Orte so viel mähen darf, als in seinen Kräften steht. Begonnen wird schon in der Nacht und bei Laternenschein ( diese Streue ist allerdings sauer verdient, wenn sie im Winter per Schlitten über den Berg geführt werden muss ).

In dieser Art der Benutzung des Gemeingutes liegt nun entschieden eine Unbilligkeit. Das kann doch nicht gleiches Recht für Alle sein, wenn derjenige, der zwanzig Kühe hat, diese zwanzig Kühe auf Allmeindboden sommern kann, während derjenige, der nichts hat oder nur einige Ziegen, nichts bekommt, als was sich diese Ziegen von den Gräten holen. Vor 1876 zahlte jeder Viehbesitzer auf eine Kuh einen ganzen Franken Auflage und hatte ein gewisses Tagewerk zu verrichten. Seither ist diese Auflage auf Fr. 5 erhöht worden. Das ist diese Allmeinde, die dank diesem Verwaltungssystem sich noch in sehr schlechtem Zustande befindet, durch welche der Fätschbach noch in regellosem Laufe seine Schuttmassen wälzt. ( Eine gerade Linie, die allerdings schon längere Zeit auf dem Papiere glänzt, könnte vielleicht den malerischen Eindruck stören. ) Und wie schön erscheinen diese socialen Einrichtungen dem nicht näher Eingeweihten, wie brüderlich die Verordnung, dass jeder Bürger seinen Antheil an den Waldungen und Alpen des Kantons hat! Wie 34 poetisch stimmt uns ein Gang durch die schöne Alpennatur, ländlichen Frieden, Blüthenduft, Lämmerblöcken; keine Fabrikschornsteine und schrille Dampfpfeifen, ringsum Heerdengeläute, Gejodel und Gedudel! Wir sind eben die gemüthlichen Alpenclubisten, die nur den ewig reinen Zinnen zustreben, die träumerisch den Melodien des Alphorns horchen und neugierig der Hütte zusteuern, die « schöne Sennerin » da zu treffen.

Allerdings, wir sind ja dem Thale entflohen, um einen Augenblick dem niedrigen Erdengetriebe, dem Rennen und Jagen, dem Zank und Hader, der staubigen Arbeit und den unzufriedenen Gesichtern zu entrinnen und wollen nicht gleich im Gebirge wieder den socialen Jammer der Welt besehen. Aber wissen sollten wir doch ein wenig, dass auch in den Bergen nicht Alles warm ist, worauf die Sonne scheint. Mancher glaubt, wenn man nur aus den Fabrikgebäuden heraus und den Spinnstühlen entgangen sei, wachse das Glück und die Freiheit schon im quadratischen Verhältnisse. Wir kehren gerade um so lieber in die Thäler und Städte zurück, mit zufriedenem Sinne, wenn wir erfahren haben, dass auch in der frischesten Alpenluft noch Unfreiheit bestehen und das Geld regieren kann.

« Äppen All' brüched ihre Nasa nid in ysers Ländli inä z'stäkkä! » Es ist allerdings nicht Jedermann lieb, wenn ein Nachbar gar zu genau in seinem Hause herumguckt; damit aber unsere lieben Mitbürger von Uri sich nicht etwa zu sehr beklagen können, man habe es nur auf sie allein abgesehen, wollen wir uns auch noch ein wenig im Kanton Wallis umschauen, in dem Lande, in welchem womöglich noch patriarchalischere Zustände herrschen.

Hören wir, in welcher Art dort die Gemeindegüter verwaltet werden und zwar in den Gebieten, welche der Alpenclubist durchstreicht.

Die Alpen und Waldungen im Kanton Wallis gehören entweder den Gemeinden oder Genossenschaften, bestehend aus Theilen der Gemeinden oder aus mehreren Gemeinden selbst. Oder anders ausgedrückt, gehören die Alpen dem Grundbesitz im Thale, d.h. sie werden von den Bürgern genutzt, welche Grundbesitz und einen Viehstand haben. Die Gemeinde wählt den Sennen zur Bereitung der Käse, den Hirten mit Gehülfen zur Besorgung des Viehs. Auf Schafalpen oder solche, auf denen nur Jungvieh gesommert wird, kommt nur ein Hirte mit seinem Gehülfen, wenn mehrere Gemeinden Theilhaber sind, je abwechslungsweise aus einer Gemeinde gewählt. Der Senne wird mit Geld bezahlt; ausserdem kann er den Zieger behalten, der sich bei dieser Art der Käsebereitung, wo die Milch gleich vom Euter weg in 's Kessi wandert, in reichlichem Maasse ergibt. Der Hirte bezieht für jedes der seiner Obhut empfohlenen Häupter ein gewisses Hütegeld, z.B. für Schafe 10 oder 15 Cts. vom Sommer, sowie die « Spis X ( Nahrung ). Die Viehbesitzer liefern ihm die Speise, etwa ein Pfund Brod und 1k Pfund Käse für die Kuh, auch etwa Butter und Mehl, wobei aber der Tisch oft ein sehr schmaler ist. Zur Hütte gehören vielleicht noch Pfanne und Kochkessel, welche Kostbarkeiten der Hirte oft im Herbst verbirgt, um sie im kommenden Sommer wieder hervorzuholen. Wird er durch einen Andern ersetzt, so kann es diesem passiren, dass er diese Schätze nicht findet, und weil er im Sommer vielleicht nie in 's Thal hinunter kommt und ihn Niemand besucht, zu nichts Wärmerem als zu « kuhwarmer Geissmilch * gelangt.

Auf Alpen, auf denen Milchwirthschaft betrieben wird, steht dieselbe unter Gemeindekontrole; der Senne darf keine Butter bereiten und auch keine Milch verkaufen; nur in Ausnahmefällen aber wird der durstende Wanderer diess erfahren müssen. An zwei verschiedenen Tagen des Sommers messen die amtlichen « Milchmesser » das Milchquantum, welches jede Kuh erzeugt, woraus dann die Milch berechnet wird, welche jeder Bauer durch seine einzige oder durch mehrere Kühe geliefert hat. Nach diesem Maasstabe wird dann auch im Herbst das Erträgniss der Alp, die bereiteten Käse, vertheilt, entweder in natura oder in dem dafür gelösten Gelde. Je nachdem die Käse « gegolten » haben, bekommt der Senne einen höhern oder niedrigem Lohn, so dass er auch ein Interesse hat, möglichst viel und guten Käse zu bereiten.

Wie rührend patriarchalisch erscheint uns wieder diese Benutzung der Gemeindealpen, wie wohl muss es dabei den Leuten sein! Aber das Bild hat auch seine Schattenseite. Während im Kanton Uri die grösste Zahl Kühe, welche Einer allein auftreiben kann, dreissig beträgt, besteht darin im Wallis keine Grenze; Jeder mag eben auftreiben, was er hat, gegen eine sehr kleine Leistung von seiner Seite. Im Herbst wird aber auch im Wallis der Besitzer von zwanzig Kühen zwanzigmal mehr aus dem Gemeindenutzen ziehen, als derjenige mit einer Kuh, der * Eichüeler », und das nur desswegen, weil er eben reicher ist. Wer gar kein Vieh hat, bezieht auch wieder nichts. Wir dürfen es also dem armen Manne, der uns als Träger durch die Alpen begleitet, nicht verargen, wenn er etwa bittere Klagen führt.

Und gibt das Alles uns nicht zu denken? Wir fragen die Leute aus, kümmern uns um ihr leibliches und geistiges Wohl und müssen dann etwa zu dem Schlüsse kommen, dass diese socialen Zustände noch nicht das wahre Bürgerglück und den Bürgerfrieden in sich schliessen.

Lassen wir uns zwar den hehren Genuss der schönen Natur, das erhebende Gefühl, von der Zinne eines unserer Bergriesen in ein liebes Vaterland zu schauen, nicht stören durch solche Betrachtungen. Wir fühlen uns ja gerade so glücklich und froh da droben, weil wir den Menschen mit seinen Satzungen und Machenschaften hinter uns gelassen, weil nur die reine Gottesnatur auf uns einwirkt. Aber wenn wir wieder herabgestiegen sind aus diesen freien Höhen, so wollen wir unsere Aufgaben von Neuem aufnehmen, mit geläutertem Geiste und neuer Liebe zum Vaterlande. Wir haben wieder einen Blick gethan in die abgelegeneren Kammern unseres kleinen und doch so weiten Hauses und dort auch Brüder gefunden, die nach frischer Luft bedürftig sind. Wir kehren bei ihnen ein, lernen ihre Eigenheiten besser verstehen, entschuldigen oder besser würdigen. Wenn wir die Bande kennen, welche sie an ihren Boden knüpfen, wenn wir erfahren, wie sie sich ihre Existenz verschaffen, begreifen wir um so besser ihren Charakter, ihre geistige Entwicklung, ihre Anschauung von Kirche und Schule, Politik und Volkswirthschaft.

Alles diess zu beobachten und zu studiren ist dem Alpenclubisten möglich und ich möchte dieselben alle dazu aufmuntern. Ich unterlasse es, Zustände in andern Kantonen zu schildern oder meine persönlichen Gedanken anzuführen — es möge Jeder selbst das Bild zu vervollständigen und sich darüber eine Meinung zu verschaffen suchen. Manch'einsamer Weg, mancher lange Abend in der Alphütte oder dem abgelegenen Bergwirthshaus würde dadurch verkürzt, manch'Auge geöffnet und für einen vernünftigen Fortschritt begeistert.

Sind wir vom Gipfel gestiegen, so lassen wir möglichst lange alle die erhaltenen Eindrücke auf unsern Geist einwirken; nach bestandenen Mühen und Gefahren wollen wir singen und musiciren; aber doch vergessen wir nie die ernstern Aufgaben, welche einem ächten Alpenclubisten zufallen!

IV. Kleinere Mittheilungen.

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