Eine Triglav-Besteigung

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Von Daniel Bödmer

Mit 1 Bild ( 128Bern ) Als einer der östlichsten Ausläufer der Alpen ragt ein breiter Fächer von Kalkbergen nach Slowenien, einem Bundesland Jugoslawiens, hinein. Sie haben von Cäsars Zeiten her den Namen « Julische » behalten und gipfeln im 2863 m hohen Triglav. Abgelegenheit und die geringe absolute Höhe mögen Gründe dafür sein, weshalb dieser Teil der Alpen aus dem Westen und vor allem der Schweiz nur wenig Besuch empfängt. Zwar hat Altmeister Kugy diese Bergwelt unermüdlich durchwandert ( « erschlossen » im modern technischen Sinne zum Glück noch nicht ) und besungen. Die meisten seiner Leser sind aber wohl nur in der Vorstellung seinen Spuren gefolgt. Dagegen erfreut sich das nationale Bergsteigen grosser Beliebtheit, zählt doch der slowenische Alpenclub 40 000 Mitglieder, also etwas mehr als der SAC.

Der Regensommer 1955 schreckte uns vor der geplanten Reise in die Julier nicht ab. Wir'wählten den Zugang durch Italien-Triest-Ljubljana, die Hauptstadt Sloweniens, der bessere Strassen bietet als die Route über Österreich, Glocknerstrasse, Wurznerpass.

Manchem Bergsteiger mag es als ein Schönheitsfehler scheinen, dass man mit dem Auto bis vor die durchgehend bewirtschafteten Hütten ( Dom oder Koca ) fahren kann, für uns war es ein erfreulicher Zeitgewinn. Aus dem oberen Save-Tal zweigt bei Mojstrana, knapp 100km von Ljubljana, das Vrata-Tal ab, dicht bewaldet wie alle julischenBergtäler. Erdbeeren, Himbeeren und Erika säumen das schmale, geröllreiche Steilstufen aufweisende Strässchen zum Aljacev-Dom auf 1015 m. Ein stilgetreues, braunes Holzhaus auf idyllischer Waldlichtung nimmt uns auf.

Die eindrucksvollste Wand der Alpen nennen die Einheimischen, gestützt auf das Zeugnis Longstaffs, die Nordwand des Triglav, die in einigen Kilometer Entfernung aus dunklen Tannenwipfeln in den bunten Abendhimmel emporstrebt. Lassen wir die Superlative dahingestellt und sagen wir nur, dass dieser Felswall jeden beeindrucken muss durch seine Mächtigkeit und verwirrend reiche Gliederung. Er ähnelt dem runzligen Antlitz eines Greises, das noch die Züge einstiger kraftvoller Natur trägt. Intensives erdgeschichtliches Erleben spricht aus diesen Rippen, Schluchten, Kaminen, Schuttdreiecken, Bändern, Pfeilern und Höhlen, aus denen die Wand besteht. Ist es da verwunderlich, dass sie von mehr als 10 verschiedenen Routen ( ohne Varianten zu rechnen ) durchzogen ist, welche einer ganzen Stufenleiter von Schwierigkeitsgraden entsprechen? Die nationale Bezeichnung nach der Herkunft der Erstbegeher hat sich eingebürgert, z.B. Deutsche, Bayerländer, Oberkrainer Führe. Unserem Gastland die Ehre erweisend, wählen wir die Slowenische Führe.

Als der neue Tag anbricht, regnet es zwar nicht gerade, aber der Himmel macht ein missmutiges Gesicht. Unser Berg hat eine Nebelkapuze übergezogen. Schweigsam wandern wir durch den morgenstillen Wald. Der Moosboden verschluckt unsere Schritte. In fünf Viertelstunden, zuletzt über von Kalkbänken durchsetzte Grashänge, sind wir an die Basis der Wand gelangt, die hier beinahe erdrückend wirkt. 1000 m Fels ( nicht 1000 Jahre ) blicken auf uns herab. Darüber liegt der längliche Gipfelstock in das firnbekleidete Hochkar gebettet. An einer Stelle setzt sich die Nordwand bis zum höchsten Punkte fort, nur unterbrochen von einem schmalen Gesims, dem Kugy-Band, das den Schuttgürtel um den Gipfel schliesst.

Eine Folge von senkrechten, aber gut gängigen Kaminen nimmt unsere beiden Seilschaften auf. Gespreizte Beine über uns, kundschaftende Köpfe unter uns. Nicht ohne Grund blickt man misstrauisch nach oben; die grosse Gefahr dieses Gebirgs, der Steinschlag, lauert. So rauh und griffig der Fels, so morsch ist er. Jedes Plätzchen ist mit feinsten Steinchen belegt, die nur darauf warten, in die Tiefe zu sausen.

Ein Quergang nach links führt uns in Schrofengelände, später in eine blank gescheuerte Wasserrinne. Wie selbstverständlich scheint doch alles, wenn man hinter einem Routenkenner her steigen darf; aber wehe demjenigen, der sich hier versteigt! Im Herzstück der Wand angelangt, klettern wir rasch in angenehm gestuftem Fels empor. Ein grösseres Schneefeld schafft Abwechslung. Links und rechts verlängern sich die Felspfeiler stets aufs neue. Zum Glück hat man hier auf die Bemalung der Felsen mit Routenzeichen verzichtet. Unter der letzten Stufe gilt es, nach rechts zu queren. Feuchte Platten und ein ausgesetztes Band führen uns an den « Kragen » des weit ins Land hinaus sichtbaren Slowenen-Turms, der weiter nach rechts umgangen wird. Hier öffnet sich uns ein tiefer Blick in die « Eingeweide » der Wand. Wir entdecken unsern Kameraden Heinz, der mit einem blutjungen Slowenen die Deutsche Führe verfolgt. Eben sind sie einem gräulichen Wulst, der Schlüsselstelle, entronnen und nähern sich dem Kugy-Band, während wir bescheiden auf das hellgelbe Schuttkar hinaussteigen ( 2'/2 Std. nach dem Einstieg ). Hier heisst man uns angesichts des Triglav niederknien und versetzt uns mit der losen Seilschlaufe einen rituellen Schlag. Sind wir nun wohl zu Rittern der Julischen geadelt worden?

Auf dem dieses Jahr recht ansehnlichen Firn ( zeleni sneg = grüner Schnee ) tummeln sich sogar noch Skifahrer. Im Triglavski Dom, der höchstgelegenen der vier Hütten um den König der Julier, warten wir auf 2515 m eine Aufhellung ab - vergeblich. Die letzte Stunde über den felsigen Kiel zum Vor- und Hauptgipfel klettern wir im dichten Nebel, der uns mit einem weissen Gespinst überfeuchtet. « Versicherter Weg » heisst es hier im Reiche der Eisenstifte, Drahtseile, künstlichen Stufen und Farbklecks. Finster ist heute der Olymp der Slowenen, ein nationaler Wallfahrtsort für jährlich Hunderte. Aber weshalb, fragt sich der Fremde, wurde dieser heilige Berg, Symbol der Freiheit, so scheusslich verunstaltet?

Nachdem wir durch ein Nebelfenster doch noch einen Blick in die Tiefe erhascht hatten, wandten wir uns dem Abstieg nach Süden zu. Auch hier ist angesichts der freigebig hin-geschmierten roten Striche selbst bei schlechtem Wetter keine Verirrungsgefahr. Die Felsen sind so leicht, dass die künstlichen Einrichtungen wirklich entbehrlich erscheinen. Auf einer tibetanisch anmutenden Geröllhochfläche geht 's in V/2 Stunden zur Koéa na Doliôu, die sich in einen Sattel zwischen zwei Massiven schmiegt ( 2120 m ).

Am nächsten Morgen wählen wir für den Weiterweg statt des umständlichen Hriberce-Passes die Überschreitung des Kanjavec 1568 m ( Geierberg ), um in das von Kugy so schwärmerisch verehrte 7-Seen-Tal zu gelangen. Diese Landschaft wird mit ihrem eigentümlichen Reiz ihrem Rufe voll gerecht. Über 12 km hört man kein Wasserrauschen, und doch fliesst hier der im Herzen der Julier geborene eine Arm der Save - nur unterirdisch. Überraschend bildet dieser Bach als eine Art Siphons eine unsichtbar zusammenhängende Perlenkette von Seen, die als lachende Augen in die Gelände eingefügt sind: zuoberst in öde Geröllmulden, weiter unten in die blumigen Matten, zuletzt in den dunklen Tann. Gerade weil keine munteren Bächlein uns begleiten, ist das Entzücken um so grösser, wenn unvermutet hinter einer Bodenwelle entweder ein grünliches, ein bläuliches oder ein schwärzliches Gewässer auftaucht, jedes geheimnisschwer in seiner Unbewegtheit und doch durch die spiegelnde Wiedergabe der Umgebung so ganz verschieden vom andern. Auf diesem Talgang mit 1300 m Gefälle kann man alle denkbaren Stufen alpiner Vegetation durchlaufen. Noch bis knapp unter die 2000-m-Grenze krallen sich vereinzelte Föhrenexemplare in den hellgrauen Karren fest. Weiter unten weben die verschiedensten Blumen, worunter seltene Arten, wie Türkenbund, Alpenakelei, einen bunten, zum Verweilen einladenden Teppich.

Nach dem Schwarzsee schlüpft der Weg in schattige Waldüppigkeit. Und dann der Schlusseffekt: schlagartig öffnet sich das Blickfeld. In 800 m hoher Stufe stürzt das Tal ab, um in 500 m Höhe ruhig den sagenumsponnenen Wocheiner See ( Bohinsko jézero ) in seinen Armen zu halten, diesmal einen durchaus normalen See mit Zu- und Abfluss. Eine grossartigere und brüskere Verwandlung von rauher Berglandschaft in ein ruhiges Voralpental kann man sich nicht vorstellen. Mitten in dieser Felswand, der Komaròa, befreit sich die Savica ( Save ) bereits als angehender Fluss aus ihrem Gelass und stürzt sich in hohem Fall in die Tiefe. Sie ist kein Gewässer-Säugling mehr, hat sie doch im Erdenschoss das 7-Seen-Tal durchlaufen, um als Spätreif ling ans Tageslicht zu treten. Nicht ohne Benommenheit folgen wir dem schmalen Steig in die lockende Tiefe, und mancher Blick geht, einmal am Gestade des kristallklaren Wocheiner Sees angelangt, zur Komarèa zurück, dem Riegel vor der Zauberwelt des Triglav.

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