Einige bernische Pioniere der Alpenkunde aus dem XVI. bis XVIII. Jahrhundert

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Von Prof. Dr. J. H. Graf ( Section Bern ).

Bei Anlaß meiner Studien über die Geschichte der Mathematik und der Naturwissenschaften in bernischen Landen bin ich bei der Untersuchung der ältern Topographie und Cartographie auf eine Anzahl Männer gekommen, deren Arbeiten für die Erforschung der Berner Alpen eigentlich bahnbrechend waren, und die gewiß heutzutage noch für jeden Freund der Alpenkunde nicht ohne Interesse sind. Diese „ Pioniere der Alpenkunde " aus vergangenen Jahrhunderten habe ich nun in Nachfolgendem, etwas zusammengestellt, jedoch machen meine Forschungen, wenn sie auch nur das Gebiet der Berner Alpen betreffen, keineswegs Anspruch auf absolute Vollständigkeit. Sie wollen nur als einzelne Beiträge zur Geschichte der Alpenforschung betrachtet sein und sollen den Nachweis leisten, daß. die Liebe zu den Bergen, der Conrad Gesner vor 350 Jahren so herzlichen Ausdruck verliehen ' ), auch im Bernerlande schon in alter Zeit in den Herzen einiger auserwählter „ Jünger der Weisheit " lebte.

Als der Erste, von dem nachgewiesen ist, daß er in den Berner Alpen Besteigungen ausgeführt hat, um Pflanzen zu suchen und seine Kenntnisse der Natur zu bereichern, gilt Johannes Müller-Rhellikan2 ). Seinen Zunamen hat er von seinem Geburtsort Rellikon, Gemeinde Egg, Kanton Zürich, erhalten, wo seine Familie jetzt noch ansäßig ist. Bei der Reformation kam er 1528 als Professor des Griechischen und Prof. theol. an die Akademie nach Bern; später, 1538, wurde er Inspektor der Alumnen oder, wie es hieß, „ Prseceptor collega abbatissami " in Zürich, dann 1541 bis 1551 Pfarrer in Biel. Nach andern Angaben soll er 1542 ( 4. Januar ) daselbst schon gestorben sein. Während seines zehnjährigen Berner Aufenthalts hat Rhellikan dem benachbarten Stockhorn mehrmals seinen Besuch abgestattet, so auch 1536 in Begleitung einiger befreundeter Pfarrherren. Aus dieser Excursion floß die „ Stockhornias ", welche zuerst als Anhang zu „ Homeri vita ex Plutarcho, in latinum translata per J. Rhellicanum, Basil. 1537, in 8° " erschien und sich dort pag. 153 bis 159 findet. Dann erschien die Arbeit auch in Gesner. historia montis fracti ( Pilatus ), 1555, Tig. in 4°, pag. 77 bis 82, und endlich in Scheuchzer, Stoicheio-, Oro- und Oreographia, pag. 246 bis 251; sie besteht in einem Gedicht, das Rhellikan seinem Freund Peter Kuntz, zugenannt von Schönthal, zugeeignet hat, der 1517 Pfarrer in Erlenbach, 152S eine Zeit lang Pfarrer in Zweisimmen gewesen war, 1535 an 's Münster in Bern berufen wurde und daselbst 1544 verstorben ist. Es ist nicht ausgeschlossen, daß dieser Sohn der Berge seinen theologischen Amtsbruder auf die Schönheit der Alpen aufmerksam gemacht und ihn zu Excursionen begeistert hat. Gewiß war auch Kuntz mit auf jener Stockhornfahrt, die durch das 130 Verse haltende Gedicht verherrlicht wird und worin Rhellikan nicht genug die Gastfreundschaft und einfachen Sitten der Bergbewohner rühmen kann. Daß diese Stockhornfahrer auch eifrig botanisirten, ist dadurch verbürgt, daß Rhellikan auf dem Berg die Gentiana lutea und eine Orchis mit schwarzer Blüthe ( Nigritella angustifoliagefunden hat, wie auch dadurch, daß Kuntz als eifriger Botaniker bekannt war. Auf die erste poetische Beschreibung des Stockhorns durch Rhellikan folgte ein Vierteljahrhundert später die erste wissenschaftliche Schilderung des Berges und seiner Flora durch Benedictus Aretius ( Marti, 1505 bis 1574, 22. April ), lateinischer Schulmeister, Gymnasiarch, Professor der griechischen und hebräischen Sprache, 1563 Prof. theol. in Bern. An einem andern Ortehabe ich das Leben dieses merkwürdigen Gelehrten, der, wie es zu jener Zeit vielfach der Fall war, die theologischen Wissenschaften mit umfassenden Kenntnissen der Natur in sich vereinigte, geschildert. Aretius 2 ) gibt selbst in der Vorrede zu „ De medicamentorum simplicium gradibus et compositionibus opus novum 1572 " an, wie er die Naturwissenschaften liebgewonnen habe. Die Regierung von Bern hatte den tüchtigen jungen Mann behufs weiterer Ausbildung auf die Bernische Pioniere der Alpenkunde.

Universität Marburg gesandt, und dort war er der Freund seiner Lehrer, besonders des Weigandus Happelius, geworden. Als der schmalkaldische Krieg ausbrach ( 1546 bis 1547 ) und man in Marburg das Herannahen des kaiserlichen Heeres befürchtete, war es nicht gerade eine Empfehlung, evangelische Theologie zu studiren, und viele Studenten reisten ab, gingen zum Waffenhandwerk über, oder änderten aus Furcht die Studienrichtung. Aretius blieb auf den Rath seines oben genannten Lehrers in Marburg; jedoch blieben bei den sehr unsichern Zeiten seine Stipendien aus, so daß auch er sich von der Theologie weg zur Philosophie wandte, um einigermaßen sichere Aussichten für die Zukunft zu haben. In gleicher bedrängter Lage befand sich auch sein Hausgenosse Magister Johannes Stockius, Candidat der Medicin, der sich sehr mit Pflanzenkunde abgab. Unter des Letzteren Leitung warf sich nun Aretius auf die Botanik, ein Studium, das mehr Anregung und Abwechslung brachte und gewiß auch unverfänglicher war, als die durch die Kriegsereignisse gestörten theologischen Studien. Herbarien wurden durchmustert, Excursionen unternommen, da Stockius und Aretius eifrige Wanderer waren. Die ganze Umgebung Marburgs wurde von den fleißigen Pflanzensammlern abgesucht; nach Wetter, Siegen und Köln wurden Ausflüge gemacht, um bei Freunden neue Belehrung zu holen. Es ist also Stockius, später Arzt in Frankfurt a. M., dem Aretius die Liebe zur Naturkunde, namentlich zur Botanik, verdankt, und diese Liebe hat auch Aretius später von Bern aus zu seinen Alpenwanderungen veranlaßt. Darüber erhalten wir nun reichlichen Aufschluß durch einen Folioband: Valerii Cordi Simesusi annotationes in Pedacii Dioscoridis Anazarbii de materia medica libros V, etc., herausgegeben von Conrad Gesner, Tigur. 1561. Diesem Werk ist beigebunden: „ Accedunt Stockhorni et Nessi in Bernatum Helvetiorum ditione montium et nascentium in eis stirpium descriptio Bened. Aretii, Græcæ et Hebraicæ linguarum in schola Bernensi professons. " In dieser Beschreibung des Stockhorns und Niesens haben wir eine erste regelrechte alpenclubistische Publication. Gesner wußte sehr Wohl, was ihm Marti auf dem Gebiet der Botanik war, galt doch Aretius bald als die Hauptautorität in Bezug auf die Flora der Alpen. Dannzumal muß aber in Sigriswyl auch ein eifrig botanisirender Pfarrer gelebt haben; es ist dies Christoph Pfefferlin = Piperinus, gestorben 1565 an der Pest, ein Mann, der mit Gesner und Aretius befreundet war und sich in Sigriswyl eine Art botanischen Garten angelegt hatte. Diesem Pfarrherrn nun eignete nach damaliger Sitte Gesner die Arbeit mittelst eines an ihn gerichteten und Zürich den 22. December 1560 datirten Briefs zu. Hören wir nun, was Aretius über seine Reise sagt:

„ Wenn man von Bern aus nach Südosten geht, so bemerkt man Berge, deren Spitzen in den Wolken verdeckt sind und die sich nach Westen bis in 's Ligurische Meer und nach Osten bis zum Schwarzen Meer aus- J. H. Graf.

dehnen. Von den höchsten Alpen laufen in unserm Bernerland niedrigere Berge mit Alpweiden, schattigen Wäldern und schönen Thälern aus. Man könnte sie die Paradiese des Cyrus nennen, wo die Menschen in größtem Ueberfluß von allen Dingen leben; auch im Winter ist unglaublicherweise die Temperatur viel milder. Im Süden ragen die Berge der Simmen, von welcher das Thal seinen Namen hat, empor. Zu nennen sind: Stockhorn, Nünifluh, die beiden Niesen, das Hahnenmoos, die Aeschiallmend gegen den Thunersee; jenseits des letztern der Beatenberg mit Weideplätzen, Justithal, Gemmenalp, auf welcher Seefelden, Schafberg und Furka I ) zur höchsten Höhe über den Emmefluß führen, und jenseits ragt über alle die Schyben empor, durch heilsame Kräuter und eine schauerliche Höhle bekannt. Das ist die Kette, die wir von Bern aus bewundern; hier sehen wir nach Wetterzeichen, von da beziehen wir in großer Menge Käse, Butter, Ziger ( Recocta ). Die Einwohner treiben im Sommer nichts als Milchwirthschaft, die so reichlich ergiebig ist, daß sie sich im Winter davon nähren und auf die Märkte schicken und in 's Ausland verkaufen können. Aus dem Geld erwerben sie sich Getreide und Wein, den sie zwar selbst an vielen Orten haben, Tuch und andere Bedürfnisse. Die Lebensweise ist einfach und natürlich, die Redeweise leutselig und fein gebildet ( attisch ), die Sitten sind alt und einfach, unbescholten, die Leute halten zähe fest an Wahrheit und Gerechtigkeit; die Kleidung ist, wie sie freien Männern gebührt: Seide, Halbseide, Purpur, vorzügliche Tücher finden sich, auch Pelze von Fuchs, Wolf, Bär, Luchs, Murmelthier und andern Alpenthieren. Wer wollte solche Gegenden nicht gern besuchen, durchforschen und besteigen! Pilze, Dummköpfe, Tölpel, Fische, träge Chelonen sind alle die, denen das keinen Eindruck macht!

Ich weiß keine angenehmeren Reisen als die Bergreisen; Alles findest du da, wunderbare Pflanzen, wilde Vögel, Steine, schattige Wälder, Wasserfälle, den Ausblick in 's weite Land, gesunde, erfrischende Luft, Abgründe, überhängende Felsen, staunenswerthe Schluchten, abgelegene Höhlen, Eisfelder! Da ist das Theater des Herrn!

Diese Berge, die wir durchwandert haben, wollen wir nun beschreiben :Das Stockhorn ist der höchste Gipfel der das Simmenthal einschließenden Kette, und es kann das Horn nur von der südlichen Seite bestiegen werden. Der Zugang vom Dorf Stocken ist schwierig; durch Wälder geht es hinauf, über Bachalp und Strüßli. Von Westen ist ein Weg von Blumenstein, das fünf Stunden von Bern liegt; derselbe zieht sich in Schlangenwindungen ( Krümmelweg ) zum Grat „ über die Not " geheißen; der Südrücken des Horns ist Alpweide bis zum Gipfel, der 1 ) Furgge, Schangnaufurgge, ist der alte Emmenthaler Name des Hohgants, von dem jetzt noch die höchste Spitze „ Furggengütsch " heißt.

Bernische Pioniere der Alpenkunde.

steil nach Norden abfällt. Die Aussicht ist wunderbar: liebliches Gelände liegt vor uns, zwei Seen sind südlich in der Nähe, der westliche, kreisförmig und tief mit schwarzem Wasser, ein stygischer Anblick! Dieser See ( Ober- oder Vorderstockensee ) rührt her von verborgenen Quellen oder vom Regen und Schnee, nicht von einfließenden Bächen; doch hat er einen Abfluß. Der andere See ( Hinterstockensee ), herzförmig, liegt östlich; in der Mitte ist nämlich ein Felsen, der auf allen Seiten, die nördliche ausgenommen, von Wasser umgeben ist; der Abfluß ist versteckt und südlich gegen Erlenbach. Da sind keine Fische, nur Wasserechsen und Salamander; eine Art Frösche mit großem Kopf, vier Füßen und langem Schwanz, „ Gyriniu von den Griechen genannt, sonnt sich hie und da am Ufer. Der Pflanzenreichthum ist groß. "

Nun tritt Aretius, ganz wie unsere modernen Alpenclubisten, zuerst auf eine Correctur der vorhandenen Karte ein und berichtigt da die Fehler einer der ältesten Schweizerkarten, nämlich derjenigen von Aegidius Tschudi, welche Sebastian Münster 1538 zuerst publicirt hat, und die dann 1560 durch Konrad Wolfhard ( Lycosthenes ) in zweiter Auflage in Basel erschienen ist. Diese Karte muß Marti besessen haben, was ja leicht möglich war, da er einen ausgedehnten Verkehr mit Basler Professoren unterhielt. Marti fährt fort:

„ Nun Einiges über das Simmenthal, hauptsächlich auch wegen der Alpenkarten, in denen einige Orte unrichtig angegeben sind. Die Leute nennen es auch Siebenthal; seine Richtung ist mondsichelförmig. Die oberste Stufe ist die Lenk; dann wendet sich das Thal nach Westen und hierauf nach Osten.Marti legt hierauf Werth, da Tschudi das Thal direct von Norden nach Süden eingezeichnet hat.Die Simmen entspringt am obern Ried an der Lenk, am Rätzlisberg, in sieben Quellen, die steinwurfs-weit von einander entfernt sind und sich zur größern Simmen oder zum Landwasser sammeln; bei Zweisimmen, einem stattlichen Flecken, kommt die kleinere Simmen dazu, daher der Name des Orts. Dieselbe kommt von der Südseite, von der „ Oeschsiten " ( Oesch = Château d' Oex ), von Saanen her. Beide vereint ergießen sich in die Aare. Schwer wäre es, sieben Thäler hier zu finden, um den Namen des Thals zu erklären; der Name Sieben oder Simmen rührt daher von den Quellen her.Tschudi hat eigenthümlicherweise diesem Fluß den Namen Kandel oder Kander gegeben, und Aretius bemerkt corrigirend, daß dieser Name dem Fluß nicht zukomme, sondern einen andern Fluß bezeichne, der aus dem Frutigthal komme, wo eben die Alpenkarte dem Fluß keinen Namen gibt und denselben merkwürdiger-oder prophetischerweise bereits schon in den Thunersee abfließen läßt. Auf diese Weise findet sich in der Tschudikarte der Name „ Simmen " gar nicht. Ferner bemerkt Marti weiter, daß das Dorf Erlenbach nicht im Frutigthal, sondern im Simmenthal liege, und zwar auf der linken Seite der Simme, während es die Karte in 's Frutigthal, auf die rechte J. H. Graf.

Seite des Flusses, versetzt. Auch Wimmis liege nicht in der Mitte des Thales, sondern da, wo der Fluß Simmen das Thal verläßt; es ist dies ein Dorf, von einem Schloß überragt, am Fuß des Niesens, jenseits des Flusses, und soll eigentlich „ Windmitz " heißen. Da nämlich der Eingang in 's Simmenthal sehr eng ist, so kämpfen hier beständig die Winde, daher der Name des Dorfs.

Nachdem Aretius auf diese Weise die Topographie der Gegend in 's richtige Licht gestellt hat, fährt er in Beschreibung seiner Reise folgendermaßen fort:

„ Der Abstieg vom Stockhorn nach Erlenbach ist bequem und breit, derjenige über das „ Chrinni ", den wir begangen haben, ist kürzer, und wir haben in Erlenbach pernoctirt, natürlich beim gastlichen Pfarrherrn, dem Herrn Simon Lütold, Dekan des Thunkapitels. Am folgenden Tag ging es auf den Niesen. Der Weg war weit, weil wir am gleichen Tag bei der Einsiedelei des heiligen Beatus zu Abend essen wollten; aber, obgleich durch die Anstrengungen des ersten Tages erschöpft, ließen wir uns nicht abhalten. Beim frühesten Morgenroth, nur von einem Knaben begleitet, reisten wir ab, und kamen gegen Mittag auf den obersten Gipfel; nur bei einer Alphütte hatten wir ein wenig gerastet. Zuerst mußte man die Simme mittelst einer Brücke überschreiten, dann ging es durch Wiesen zum untersten Wald, der bis halbe Höhe des Berges reicht; Fichten, Buchen, zwei Arten Ahorn finden sich da, dann über lachende Alpen bis zum Gipfel. Die nächsten Anwohner, von Westen, nennen ihn Stalden, andere, entferntere, den Niesen, von dem weißen Helleborus ( Nießwurz ); andere glauben ihn Jesen nennen zu müssen, das mit dem Artikel zu Niesen geworden ist. Es gibt zwei Berge dieses Namens, der obere, größere, hintere, und der untere, kleinere, vordere; der obere ist südlicher und höher. Der niedere ist der anmuthigste aller Vorberge; sein unteres Ende verflacht sich in einer gleichmäßigen Ebene zum See. Im Osten findet sich Adelboden, das mit dem Simmenthal einen Kreis bildet, dessen Durchmesser die Niesenkette ist. Der Niesen ist eine vierseitige Pyramide, deren Seiten zu oberst stumpf zusammenlaufen. Es gibt viele Wege auf die Spitze; auf der westlichen Seite ist es leicht, hinaufzukommen; der oberste Gipfel heißt „ zum wilden Andres " 1).An den Felsen des Gipfels sind Inschriften, Verse, Portraits und Namen der Besucher eingekratzt; z.B. rührt von einem Gelehrten her: Die Liebe zu den Bergen ist die beste !"

„ Hier ist eine unvergleichliche Aussicht, ein großer Pflanzenreichthum.

1 ) Nach einer gefälligen Mittheilung des Hrn. Ingenieur Reber ( S.A.C., Section Bern ) heißt jetzt noch ein scharfer Felszacken unter der Spitze des Niesens, ungefähr an der Stelle, wo in der topographischen Karte ( Blatt Wimmis, Siegfried ) „ Stufenstein " steht, der „ Wilde Andrist ".

Bernische Pioniere der Alpenkunde.

Beim „ wilden Andrist " sieht man gegen 30 Dörfer und Städte: Oberwil, Zum Kloster ( Därstetten ), Erlenbach, Diemtigen, Wimmis, Heutigen, Zeinigen ( Einigen ), Spietz, Aeschi, Reichenbach, Frutigen, Adelboden, ünterseewen, Laisigen, Sigriswyl, Hilterfingen, Thun, Stäffisburg, Wichdorf ( Wichtrach ), Kyssen, Hofstätten, Anseltingen, Thurnen, Rügischberg, Münsingen, Thierachern, Sefftingen, Kilchdorf, Gertzensee, Hinderlappen ( Interlaken ), Bern ( 31 Orte ); Thäler: Adelboden, Frutigthal, Kienthal, Aeschithal ( Sulgthal ), Lauterbrunnen und Grindelwald, Haßli. Flüsse: Die Aare aus dem Haßli, die Kander aus dem Frutigthal, mit der Simmen zusammen zum „ Kapff ", die raschen Laufs in die Aare fließt; Seen: Brienzersee, Thunersee, Murtensee, Neuenburgersee. " Von den Hochalpen und Voralpen sagt Aretius kein Wort. Entweder waren ihm die Namen der Schneeberge noch vollständig unbekannt, oder für Aretius hatte die Aussicht nur insofern Interesse, als sie bekannte Dörfer und Objecte betraf, wie wir es oft noch bei Landleuten und Naturkindern beobachten können. Mehr Anziehung bot dem Botaniker Aretius die Pflanzenwelt, von welcher er 42 Species aufzählt, nämlich Germeren zwei Arten, drei Arten Gentiana, Ritterwurzen, Küchenschell, Bitz-wurtz oder Schelmenkrautt, Aster, Sedum drei Arten, Wullblumen, Bränderli, Kälberschiß oder Croccus, Bistorta, Jegerkraut, Baimenstritten, Mutrina, Wolfswurzen, Fluhblumen, Arthrica, Bastardklee, Schaffssuppen, Groß-Eberwurtz, Waldglißlin, Mutterwurz, Groß-Spicant, Hirzwurz, Döny oder Drollblumen, Gemschenwurtz, Siegwurtz, Sieben und Nun Hemleren, Gele Violen, Bergrosen, Kayserlin, Ankenballen, Christoffelskraut, Guldinkraut, Bergmüntz, Waldschiben, Flubirlin, Garlagsstauden, Edeldistel, Hutreiff, Wilder Senff.

So weit Marti's Stockhorn- und Niesenfahrt. Nachweisbar hat er viele Ausflüge nach Guttannen, auf die Engstlenalp, in 's Kien- und Frutigthal, nach Twann am Bielersee gemacht. Verbürgt ist es, daß er noch 62jährig auf den Simmenthaleralpen herumgestiegen ist, Steine sammelnd und botanisirend. In Bern selbst hat er in seinem botanischen Garten die Alpenpflanzen gezogen und mit denjenigen der Ebene verglichen. So steht dieser Berner Theologe, mit seiner feurigen Liebe zu den Bergen, als ein leuchtendes Vorbild vor uns da, als ein wahrer Alpenclubist aus dem Reformationszeitalter. Seine Arbeit ist die erste ausführliche Monographie über einen Theil der Alpen, eine Leistung, die alle einschlagenden alpinen, topographischen und botanischen Verhältnisse richtig beurtheilt.

Das Stockhorn und der Niesen, die hervorragendsten Gipfel der Berner Voralpen, scheinen es den Berner Bergfreunden des 16. und 17. Jahrhunderts nun einmal angethan zu haben; denn die nächste alpine Schrift aus dem Bernerlande ist wiederum dem Stockhorn und dem Niesen gewidmet. Ihr Verfasser, Johann Rudolf Rebmann = Ampelander, geboren den 4. Juli 1566 in Bern, studirte in Heidelberg, wurde dann Provisor der J. H. Graf.

vierten Gymnasialklasse in Bern, sodann 1589 Pfarrer in Kirchlindach, 1592 zweiter Pfarrer und Cammerer in Thun, 1604 Pfarrer in Muri bei Bern, und starb. 1605, erst 39jährig. Die letzte Lebenskraft setzte er an die Vollendung seines Werkes: „ Ein Lustig und Ernsthafft Poetisch Gastmal und Gespräch zweier Bergen in der Lobl. Eydgenossenschafft und im Berner Gebiet gelegen: Nemlich des Niesens und Stockhorns als zweier alter Nachbawren etc. etc. ", ein Opus, das zum ersten Mal 1605, in zweiter Ausgabe 1606 und in dritter 1620 erschienen ist. Das Werk zählt in erster Auflage 490, in zweiter 642 Seiten und gegen 18,000 Verse, und geht von der Idee aus, daß der Niesen, als mächtiger Potentat, seine ganze Hofhaltung, und vor Allem seinen liebwerthen Nachbarn, das Stockhorn, an einem schönen Sommertag zu Gaste ladet und für Unterhaltung reichlich bedacht ist. Eine Beschreibung der Weltschöpfung, eine Astronomie und Kosmographie, Physik und Meteorologie, eine Klimatologie, werden uns hier vorgetragen, Balneologie und chemische Prüfung der Wasser folgen, eine Lehre von der Configuration des Terrains, eine Beschreibung aller Länder außerhalb und in Europa fehlt nicht, endlich auch eine Darstellung des Schweizerlandes, und speciell pag. 465 bis 538 ( zweite Auflage ) eine Beschreibung des Bernerlands. Ampelander zeigt da eine solche Kenntniß der Namen und Orte, daß wir unbedingt annehmen müssen, er sei selbst viel im Oberland herumgereist, wenn es ihm auch von seinem Pfarrsitz Thun aus noch nicht so bequem gemacht wurde, als es heutzutage der Fall ist. Eine kleine Probe wird das genugsam illustriren:

„ Ein Gletscher hanget auch dahin, Mit seinem Bruelen hört man ihn; Der Berg Faulhorn so hoch auffgricht, Das Sibensee man darauff sicht, Verner des kratzren grath in zaal, Die Läissing Berg und Sachsenthal, Der Ruederberg in Saxeten, In Saxenthal die Nußleren, Sampt Bellen, Saul und die Bletscha, Das Wintereck, Schilt, Sevina, Büsen, Stenberg, Breitlawinen, Auch Stuffenstein, Alp wengeren, Onalp und Intramen zumal, Der Gletscher Scheidegg, Bergistal, Der Grindelbach; Holtzmatt in zal, Beßalp, Steinalp und Iselthal.

Auch Sintisberg in Gsellschaft ghört, Noch findt man Luterbrunnen dört, Der Schneeberg Drimelkreis genannt, Deßgleichen Rotenthal bekannt; Der Schnee auf beyden nicht abgath, Die Jungfrau auch bei ihnen staht. " U. s. w.

Bernische Pioniere der Alpenkunde.

Diese Ortskenntniß konnte Hans Rudolf Ampelander unmöglich bloß aus Büchern geschöpft haben; daher liegt der Schluß nahe, daß er vielfach im Oberland herumgestiegen sei.

Das XVII. Jahrhundert ist im Allgemeinen vom kulturhistorischen Standpunkt aus eine trostlose Zeit des Stillstandes. Auch auf dem Gebiet der Alpenkunde sind die Pioniere dünn gesäet. Ich nenne hier Samuel Bodmer ( 1652 bis 1724 ), der aber eigentlich erst um oder nach 1700 anfing, in den Berner Alpen herumzuwandern. Aus dem Jahr 1701 datirt eine „ Geometrische Zeichnung des gähen, künstlichen, meistens in den Felsen gehauenen Weges über die Gemmi herab in 's Leuker- oder Walliserbad ", welche Scheuchzer 1707 durch J. M. Fueßli stechen ließ und dem III. Band seiner Naturgeschichte des Schweizerlandes beigab. Bodmer hat als Stucklieutenant und obrigkeitlicher Feldmesser und Ingenieur verschiedene Gegenden des damaligen Bernbiets cartirt. 1706 wurde Bodmer durch Patent übertragen, „ die Gräntzen unserer Landen in Grund setzen, und deßwegen die benöthigten Plans machen zu lassen ". Im Verein mit seinen Gehilfen, den Gebrüdern Otth, Rodt, v. Groß und v. May, reiste nun Bodmer von 1706 bis 1710 eifrig im Land, besonders im Oberland, herum, um dann die gewonnenen Resultate bis 1716 auf seinem Gut in Amsoldingen zu verarbeiten. Der Beruf eines Gebirgsingenieurs ist zu allen Zeiten ein mühsamer und aufreibender gewesen. Oft war Bodmer in den Bergen in großer Gefahr; einmal hat er „ zwei Musketenkugeln " in seine Kleider erhalten, und ein anderes Mal wurde er auf einem Abstecher von der Grimsel in 's Domo d' Ossola-Thal mit seinen Gehilfen v. Groß und v. May verhaftet und konnte nur durch diplomatische Intervention, die beim Prinzen Eugen vorgenommen wurde, wieder freigelassen werden. Die Entbehrungen, Verdrießlichkeiten und erlittenen Drangsale auf seinen Bergreisen brachten Bodmer 1709 an den Rand des Grabes. Darüber und über seine Thätigkeit liegen amtliche Berichte genug vor: z.B. einer vom 12. Juli 1706 aus dem „ Landthaus an der passen in Oberhasli ", d.h. aus Meiringen, wonach er lange auf dem Susten, dann auf der Grimsel oder dem Haslerspital herumgestiegen sei und viele „ Gletzer " überstiegen habe. Dann geht er mit seinen Gehilfen nach Grindelwald, Lauterbrunnen und Kandersteg, und oft ist „ das Reisgeld zum nütt gebracht ". Dann geht er nach Saanen und Rötschmund ( Rougemont ) und untersucht überall die „ Bäs und Durchgang " zu den liebwerthen Nachbarn, den Wallisern. In einem Memorial über die Herstellung einer Generalkarte des Bernergebiets sagt er: „ Auch ist sehr von nöthen und nutzlich der höchste Gipfel von Europa, das ist der große Gotthard Berg und alle angrenzend Landschafften sambt ihren Pässen und Clausen in ein Grund Ris zu legen. So zeiget die Communication deren, daran stoßen 328.

J. H. Graf.

die Landschafften als Bern, Wallis, Meyland, Büntten, Schweitz und Unter Walden; der Berg selbst stehet im Urner Land, wurde also offenbar wie und an welchem Ortt eins dem andern Ortt könnte zugezogen werden. " Im Berner Staatsarchiv findet sich Bodmer's schönstes literarisches Denkmal, sein Marchbuch, 247 Seiten Text in Groß-Folio, nebst drei Bänden sauberer, ja künstlerisch ausgeführter Zeichnungen über die bernischen Landesmarchen. Der Einzelkarten finden sich im ersten Band 109, in zweiten 249, alle im Maßstab 25 mm = 400 Schritt, im dritten Band 203 im Maßstab 25 mm = 200 Schritt. Ueberall sind die Situationswinkel in Grad und Minuten angegeben, und die meisten Blätter mit Bleistift oder Tusch ausgeführt. Der Staubbach heißt „ Windtbach ", die Jungfrau „ Blümlisalphorn ", der Ganterisch „ Gemsengradt ", u. s. w., ein Beweis dafür, daß die sichere Benennung unserer Gipfel und unserer Alpen aus neuerer Zeit datirt. Im großen Ganzen documentirt sich Bodmer, ohne von seinen übrigen Verdiensten zu sprechen, als ein Gebirgsingenieur ersten Ranges. So hat Bodmer vom April 1705 bis Ende 1710 im Feld vermessen, 1583 Marchsteine der Grenzen verificirt und von March zu March 1,494,835 Schritt abgeschritten = 373 ½ Stunden, die Stunde zu 4000 Schritt, dann bis August 1717 neben der Leitung des Kander-;. durchstichs 571 Specialkarten sauber auf „ pabeir " gebracht.

Unter den Gehülfen Bodmer's greife ich noch die Brüder Emanuel Otth ( 1685 bis 1708 ) und Samuel Otth, 1737 Feldzeugmeister, heraus; werden sie doch von Micheli du Crest 1 ) als diejenigen Ingenieurs mit Bodmer genannt, auf welche sich hauptsächlich Scheuchzer bei der Beschreibung des Berner Oberlandes und Angabe der Höhe der Gemmi verlassen habe.

Bei seinen Reisen hatte Bodmer offene Augen für die Natur, für die Mineralien, Erze und dergleichen. 1709 erwirbt er für sich und seine Gehülfen ein Bergwerkspatent, und sie erhalten die Bewilligung, „ aller-ohrten unserer Landen Mineralien außer Gold, Silber und Saltz, so wir uns selber vorbehalten, zu suchen und zu graben ", und zwar für drei Jahre zehntfrei. Wir haben nirgends gefunden, daß diese Concession, die Bodmer auf 30 Jahre ertheilt worden ist, ihm einen greifbaren Erfolg eingetragen hat; wir glauben im Gegentheil, daß sie mit die Ursache war, daß er sich noch in seinem Todesjahr, zum „ Schatzgraben " auf dem Kirchhof in Burgdorf verleiten ließ, was ihm, dem verdienten alten Mann, eine Verantwortung vor dem Chorgericht und 50 Thaler Buße zuzog.

Wenn, wie aus der Erwerbung dieses Patents hervorgeht, schon der nüchterne, im Allgemeinen scharf beobachtende Bergingenieur Bodmer von dem vermeintlichen Erzreichthum des Landes eine hohe Meinung hatte, so steigert sich diese Ueberschätzung der Mineralschätze der Alpen bei seinem jüngern Zeitgenossen, dem phantastisch angelegten Wolfgang Christen, in 's 1 ) Siehe Graf, III, zweite Abtheilung, pag. 228 bis 231.

Bernische Pioniere der Alpenkunde.

Abenteuerliche. Derselbe wurde den 11. September 1680 in Krauchthal als Sohn des dortigen Pfarrers gleichen Namens geboren. Der Vater, ein wunderlicher Kauz, hatte nirgends eine bleibende Stätte und war ein unverträglicher und merkwürdiger Mensch, dessen zelotische Gesinnung sich schon im Titel seiner Werke, wie z.B. „ Feurige Satanspfeile gottes-lästerlicher Gedanken widerlegt durch W. C. ", zeigt. Der Sohn, 1694 Student, 1698 Academicus, reiste in Deutschland, Holland, England und Frankreich, promovirte 1701 in Basel zum Doctor medicinæ, und hat vor seiner Berufung zum Stadtarzt in Bern bis zum Jahr 1710 in Neuenburg als königlicher Rath und Arzt gewirkt. Dort regte ihn hauptsächlich der Gelehrte Bourguet an, Gebirgsreisen zu machen und Erze und Mineralien zu sammeln. Christen, der circa 19 Druckschriften hinterlassen hat, ist uns nur interessant durch den Bericht über seine Reisen in 's Berner Oberland. Das 39 Seiten starke, zum Theil eigenhändig von ihm geschriebene und corrigirte Manuscript wurde der Berner Stadtbibliothek durch G. E. v. Haller 1754 geschenkt, der es von seinem Vater erhalten hatte. Es scheint eigentlich, weil es mehrfache Umstellungen und andere Anordnung hat, ein Concept zu einer größern Arbeit Christens zu sein, die er vielleicht als Rapport irgend einer Behörde eingereicht hat. Der Titel heißt: „ Description des Glacières ( Glettscher ) ou pour mieux dire de la Mer glaciale qui se trouve dans les Alpes de la Suisse revu par l' Auteur ", und die ganze Arbeit zerfällt in 40 Kapitel. Der wesentlichste Inhalt, zu dem wir den geneigten Leser den Commentar machen lassen, ist folgender:

Das Eismeer der Alpenbeginnt in Graubünden am Vogelsberg, geht zum Glärnisch und bildet einen Isthmus beim Gotthard, theilt sich an der Grimsel in zwei große Arme, von denen der eine Wallis von Bern, der andere Wallis von Italien scheidet. Christen will nun den erstere Arm beschreiben und beginnt auf der Engstlenalp mit der Schilderung des bekannten intermittirenden Brunnens; dann beschreibt er den zehn Stunden langen Isthmus ( Haslithal ), der sich bis zur Grimsel ziehe; das Gadmenthal und das Haslithal enthalten Gold, Silber, Kupfer, Eisen, Blei, Zinn, Ausschwitzungen von Schwefel und Vitriol, besonders Eisen im Ueberfluß, kurz, seien wahrhaft gesegnete Gegenden! Auf der Grimsel habe man einen vorzüglichen Ueberblick über das Eismeer; dann erwähnt er den Krystallfund am Zinkenstock 1 ) und hält sich über die Nachlässigkeit auf, mit der man diesen Fund gehoben hat; jedoch will er mit Stillschweigen darüber weggehen, was schade ist! Nach der Rückkehr von der Grimsel schwenkte Christen über die Große Scheideck nach Grindelwald ab, gibt aber vorher noch eine Beschreibung des Weges, den man 1 ) Vergl. A. Wäber: Der Krystallfund am Zinkenstock. Jahrbuch des S.A.C., XXV, pag. 380..

J. H. Graf.

von Bern einschlagen müsse, um überhaupt in diese Gegend zu gelangen. Beim Thunersee erwähnt er, daß die Einleitung der Kander in den See den Fang der Alböckbeeinträchtigt habe, das Habchernthal sei auch voll Silber, Kupfer, Vitriol und versteinerten Schnecken. Ueber die Scheideck also gelangt Christen in den „ Gletschergolf " Grindelwald. Der Reichenbach führe Goldblättchen mit, daher sein Name! Dieser schreckliche Gletschergolf soll nach der Tradition seiner Bewohner früher ein Isthmus zwischen Bern und Wallis gewesen sein, durch welchen andächtige Pilger oft die Kapelle der heiligen Petronella besucht hätten, von der man noch den Grundriß vor den Gletschern zeige. Mit begeisterter Sprache schildert Christen das Thal, die Gipfel, „ entre lesquelles an voit eminer le pucelage le plus grand, le plus vieux, le plus frais et le plus fier qui soit au monde. On fait allusion à une pointe de montagne nommé le Jungfrauhorn ou la cime pucelle qu' on prétend qu' aucun homme vivant n' a encore trouver le secret d' y monter ". Milch, Honig, Kirschen, Erdbeeren, Butter, exquisiter Käse, von den Einwohnern mit Herzlichkeit geboten, erlaben den Wanderer, Wildpret aller Art, Rebhuhn, Birkhuhn, Fasan, Gemse und Murmelthier seien von haut-goût für den Feinschmecker. Das Wasser des Thals enthält Alaun und Vitriol; dann verwechselt Christen in Geschwindigkeit die Weiße mit der Schwarzen Lütschinen und begibt sich in den „ Gletschergolf Lauterbrunnen. Er erwähnt die verlassenen Erzminen am Eingang, Isenfluh, den Sausbach, Wengen, den Staubbach, findet in einer Grotte der Chorbalm einen schwarzen Mergel, den er in seiner Phantasie schon den Tusch der Chinesen ersetzen sieht. Stechelberg mit seinen Bleiminen, wo man täglich neue Adern finde, wird beschrieben. Im sagenhaften Roththal glauben die Einwohner Lauterbrunnens, wie es beim Hekla in Island oder in der St. Patrikhöhle in Irland sein soll, oft einen wahren Hexensabbath aufführen, Trommelschlagen und die gequälten Seelen auf schreckliche Weisen schreien zu hören. Christen hat die Sache nicht untersucht, jedoch hat ihm ein aufgeklärter Einwohner, der oft Tage lang und auch während der Nacht im Roththal gewesen war, natürliche Erklärungen über die Entstehung der Detonationen gegeben. Auf dem ehemaligen Isthmus, der vom Thal in 's Wallis geführt habe, sei ein ziemlich bevölkertes Dorf, Ammerten, gestanden; darauf deuten ja noch ein verlassener Mühlstein und die Wagengeleise in den Steinen hinChristen ist auch auf den Petersgrat gestiegen und hat beobachtet, daß das Athmen schwieriger wird und der Appetit in der Höhe abnimmt. Die Stelle gewähre einen ebenso schönen Ueberblick über das Eismeer als die Grimsel. Der Name Sichel-Lauenen komme davon, daß an jener Stelle, die jetzt durch Lawinen verwüstet sei, man sich der Sichel bedient habe, um Gerste zu schneiden. Dann erwähnt er die Dörfer „ Myrrhen " und Gimmelwald, nennt beim Sevenenthal eine Krystallgrube, beim Dürrenberg die Kupfermine. Das Bernische Pioniere der Alpenkunde.

Kienthal sei so mit Schwefelminen gesegnet, daß man den Schwefel ganz rein bis zur Kniehöhe vorfinde und der Gestank oft bei Aenderung des Wetters erstickend seiDer Weg sei übrigens schlecht, und man thue besser, unten herum zu gehen, über Zweilütschinen ( Eisengießerei ), Ruben ( Rügen ), Derligen, Leißingen, Krattigen, Aeschi, Müllenen, Reichenbach, Frutigen. Ueber den Isthmus der Gemmi gelangt man in 's Leukerbad. Die Thäler hier seien zwar schon oft beschrieben worden, alle Darsteller hätten aber die reichen Minen vergessen, so die Kupfervitriolmine vom Schwartziloch, im Sackgraben die Kupfermine und eine kalte Schwefelquelle, in Adelboden eine Kupfermine, Bleimine, eine große Quelle mit Mineralwassern, ferner sogenannte Oelsteine. Ueber das Haanenmoos gelangt er an die Lenk; natürlich findet er Kupferminen, Bleiminen und Schwefelquellen. Das Eismeer endige am Sanetsch, wo sich im Rubli-berg eine Mine reinen Goldes finde. Ueber St. Stephan, wo er eine verlassene Eisenmine anführt, Blankenburg, gelangt er nach Zweisimmen. In Boltigen kennt er einen ganzen Berg von Schwefel und Vitriol. Dann das Thal hinunter über Oberwyl, Weißenburg und seine Bäder, Erlenbach mit seinen schon damals berühmten Viehmärkten, am Diemtigthal vorbei, wo er die Silbermine „ Silberberg " und die Bleimine „ vom Alpetli " in der Kuhley ( Kilei ) erwähnt, gelangt er nach Wimmis. Er kann sich jedoch nicht von der Gegend trennen, ohne den Niesen und das Stockhorn erwähnt zu haben. „ Comme dies passent pour être les plus belles de la Suisse par leur situation aussi bien que par la richesse de leur pâturage puisqu'on conte qu'elles nourissent en été passé 15,000 vaches et 30,000 brebis.Da er den ganzen Umfang des Eismeers, dessen Tiefe er auf 1500 Toisen = circa 2850 m schätzt, auf 500 Stunden annimmt und er circa den vierten Theil umlaufen hat, so beziffert er den gemachten Weg auf 125 Stunden. Er sagt noch: „ Je me contenterai donc de ramasser le tout en disant que les thrésors couverts de cette mer doivent surpasser ceux qui sont découverts d' autant que la superficie surpasse nécessairement ses bords; puisque toute la circonférence de cette mer expose à fluer de terre les métaux et minéraux que je viens d' indiquer.Dann behauptet Christen, unsere Mineralien müssen eben anders behandelt sein, als diejenigen Deutschlands, um einen Erfolg zu geben; dies habe offenbar hie und da Private sehr abgeschreckt. Aber diese Schwierigkeit „ n'est rien moins insuportable, et ceux qui veulent bien se donner la peine d' essayer les voyes de solutions, de la vitri-fication et de l' amalgamation de nos minéraux marcasitiques trouveront par expérience que Paracèlse a eu raison de dire à ses compatriotes suisses qu'il arriveroit quelquefois de jetter une pierre après une vache qui valoit plus que l' animalDann vergleicht Christen seine Reisen mit denjenigen des Indienreisenden E. Kämpfer ( 1651 bis 1716 ), wobei Christen natürlich nicht zu kurz kommt, und schließlich bespricht er noch den J. H. Graf.

orientalischen und den schweizerischen Bezoar, und ich kann mir nicht versagen, da noch Einiges anzuführen. In seiner Eigenschaft als Arzt hat Christen bei seinen Alpenwanderungen nämlich den schweizerischen Bezoar entdeckt, den er in Form und Tugenden dem orientalischen gleich gefunden und als antiphtisisches und zum Sinnengenuß reizendes Mittel in Fällen von Kopfweh, Apoplexie, Epilepsie, Gesichts- und Gehörmängeln, f anvulsionen, Ohnmachten, Herzklopfen, Asthma, Gelbsucht, Magenweh, Kolik, Dysenterie, Würmer, Blasenstein, Gelbsucht, Verstopfung, bei schwierigen Niederkunften, Melancholie, Pest, Vergiftungen, bösen Fiebern und Blattern; auch bei Auszehrung, Unfruchtbarkeit, Erschöpfung, innern und äußern Wunden, ja in Form von Salben und Pflastern selbst für gangrenirte Theile erprobt haben will. In so hohem Ansehen standen die sogenannten Gemskugeln, jene runden, aus Pflanzenfasern und Haaren gebildeten Bälle, denen alle und jede medicinische Wirkung abgeht, bei dem aufgeklärten und wahrscheinlich so ziemlich auf der Höhe seiner Wissenschaft stehenden Stadtarzt von Bern!

Mit Wolfgang Christen, der 1745 starb, schließe ich die Reihe der älteren Pioniere der Alpenkunde in bernischen Landen ab; denn in die letzten Jahrzehnte seines Lebens fallen zwei Ereignisse, die einen gänzlichen Umschwung in der Anschauung der Alpennatur einleiteten. Im Jahr 1728 machte Albrecht Haller seine Alpenreise, als deren Ergebniß sein berühmtes Gedicht „ die Alpen " zu betrachten ist, jene Dichtung, in der er vor allen Andern „ die große Scenerie des Hochgebirgs mit ihrem Reichthum an Contrasten aller Art " poetisch erfaßt hat, und durch welche er zuerst den Sinn seiner Zeitgenossen recht empfänglich machte „ für die früher mehr Schrecken als Bewunderung erregende Schönheit " der Alpen 1 ). Und sieben Jahre nach dem Erscheinen der „ Alpen " wurden die Schrecken der Hochalpen auch thatsächlich überwunden: 1739 wurde der Titlis zum ersten Male, von einem Engelberger Klosterbruder, bestiegen. Durch diese in doppeltem Sinne erste Besteigung wurde der alte Glaube an die Unnahbarkeit der Hochgipfel erschüttert und der Alpenforschung eine neue Bahn gewiesen!

1 ) Hirzel: A. v. Haller's Gedichte, pag. LXX ( Bibliothek älterer Schriftwerke der deutschen Schweiz, III, Frauenfeld 1882 ).

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