Felsen

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Ihr hattet ein Ziel und wolltet herauf, doch nun birgt euer Reden vielerlei Sinn.

« Geh'n wir. » « Ich weiss nicht, das Wetter... ».

« Warten wir ab, wie es wird. » « Vorhin spürte ich einen Tropfen! » « Versuchen wir 's; zurück können wir immer! » « Mir ist es gleich. » « Mir auch. » « Wenn ich nur sicher wäre... » - Mich hat Gott nicht gefragt, als er die Erdrinde auftürmte zu Wülsten, zu Zinnen, Graten und Bastionen aus Fels.

In der Runde sind wir da und warten und wissen nicht auf was.

Aus unsern Schultern bröckelt das Gestein und saust klirrend und heulend die Halden hinab auf das Grün, das unsere Füsse schmückt, oder zieht tiefe Bahnen in Schnee und Eis, wenn es Winter ist.

Um unsere Stirnen heult der Orkan und rüttelt an unserer Gestalt. Wir aber warten, bis unsere Leiber zusammenstürzen, ausgewaschen vom Wasser und zertrümmert vom Sturm.

Doch unser Dasein erhält seinen Sinn, wenn unsere Matten die ersten Frühlingsblumen tragen, wenn sich die Halme taunass zum Morgenhimmel recken, wenn die Tannen ihren goldgelben Blütenstaub über unser morsches Gestein verschenken.

Und wir freuen uns, wenn die Zeit der Reife naht, wenn Gras um Gras sich dem Schnitter neigt, wenn fleissige Hände sich um uns müh'n.

Nach dem Herbst kommt die Zeit des Ruhens.

Mensch und Tier ziehen in tiefere Regionen. Zurück bleiben unsere einsamen Gestalten. Weiche Flocken fügen uns ein lindes Kleid.

Die Alpen - 1970 - Les Alpes Diese vorwinterlichen Tage liebe ich.

Während drunten die Menschen durch den Nebel hasten, halten wir unter azurnem Himmel Zwiesprache.

An den Winter mag ich nicht denken. Er bedeutet für uns Eis und Sturm. Der Schnee, erst fein und schützend, wird zur Last. Den als Gast Empfangenen schütteln wir ab, wenn er zum Tyrannen wird. Grollend und murrend fährt er ab in die Tiefe, in unsere Wälder tiefe Wunden schlagend.

Über meine Schulter braust ein Windstoss;, schon weichen die Wolken, sich unwillig bäu- mend, zurück gegen das ewige Eis. Noch einmal faucht es mir zur Seite, treibt die Nebelfetzen zu Paaren. Da blickt die Sonne einen Augenblick in das Tal von Grindelwald.

Nun kommen sie.

Das sonderbare Ding, das meinen Bruder zur Linken so arg kitzelt, wenn es zur Höhe surrt, ist auch ihr Werk.

Mag der auffrischende Wind sie nur schütteln; er gehört ja zu uns und ist ein guter Bundesgenosse. Ha, seht nur, wie sie erzittern, wie sie die Kragen hochschlagen und sich fröstelnd in die Sitze kuscheln!

Ein winzig klein Gewürm und gar leicht zu schrecken!

Jetzt stehn sie dort auf der Gratkante neben dem Gasthaus - zaudern. Es riecht nach Bra- ten, die Bequemlichkeit lockt. Irgend etwas zieht sie jedoch herauf, zu einem meiner Brüder - oder gar zu mir.

Schon kommen sie, geruhsam Fuss vor Fuss setzend die einen, munter von Fels zu Fels springend die andern.

Die Masken fallen von ihnen wie morsche Rinde vom Stamm, und die Gesichter sehen aus, wie sie geschaffen und vom Leben geformt wurden.

Nun gefallen mir die Leute besser. Das Unechte ist von ihnen gewichen, und sie sind beinahe sich selbst.

Sonderbar - sie scheinen sich dabei wohlzufüh-len. Warum geben sie sich denn nicht immer, wie sie sindOft führt der Weg sie steil hinan; dann gibt 's ein kurz Verweilen, ein Um-sich-Blicken und ein kurzes Ruh'n. Dann wiederum lockt ein Ausblick von höherer Warte zum Anstieg.

Eine Blume am Wegrand, ihr seht sie jetzt schnell. Ist die Strasse im Tale zu breit, dass ihr achtlos vorübergeht?

Jetzt stehn sie beim See und blicken zurück in die Berge jenseits des Tales. Jäh fallen die Flanken des Finsteraarhorns zur Tiefe. Um sie ist Sturm.

Die Wolkenreiter kämpfen einen harten Krieg um Grat und Schlucht.

Stoss wird mit Gegenstoss pariert. Auf und nieder geht es. Keinem bleibt der Sieg.

Das Wetterhorn steht als Betrachter still beiseite. Seine Hängegletscher und Firne leuchten in fahlem Weiss. Unter ihnen wuchtet stumm, steil und schwarz der Fels. Weiter gen Osten ragen die Zacken der Engelhörner in den schweren Himmel.

Und wiederum entbrennt der Streit am Eiger.

Sturm lässt Wolke um Wolke gegen seine Pfeiler brausen. Vom Tal her naht Verstärkung.

Bleiche Nebelschwaden wachsen plötzlich aus den Hängen und verdichten sich aufsteigend zu engem Gespinst. Aus den Tälern und Klüften, aus Spalten und Runsen keuchen Nebelfrauen empor, reichen sich die Hände, tanzen einen wilden Reigen.

Die Menschen dort unten kehren zurück. Der eine mit nassen Füssen, der andere mit zerschrammten Händen, ein dritter hat sich Blumen angesteckt. Andere lassen sich noch schnell photographieren:

« So hoch war ich, zu meinen Füssen die Wolken. » « Es war wunder-wunderschön! » Den dort treibt der Hunger, den drüben die Angst vor dem Wetter.

Viele Sprachen werden geredet, und einer versteht den andern nicht, weil jeder nur von sich selber spricht. Den einen wird die Höhe wieder bergwärts ziehn, dem andern war 's zu viel der Müh'n.

Langsam taucht die Umwelt in eine milchige Flut.

Noch sieht man ein paar Spitzen.

Aus den Tiefen kocht und brodelt es, wirft weisse Fahnen hoch auf in die Luft.

Die Wolken am Himmel dunkeln zu dämmri-gem Grau.

Ab und zu fegt ein Windstoss die Lehne eines Berges frei. Dann und wann noch kann man den Blick auf einen Gipfel schnell erhaschen.

Und nun hat der Nebel auch die letzten verschluckt.

Keinen meiner Brüder seh'ich, weder zur Rechten oder Linken, noch vorne und hinten.

So verschenk'ich mich den einsamen Stunden, und um mich ist Grau in Grau, bis der Sonne Licht die Schatten schreckt.

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