Kritik der alpinen Unglücksfälle von 1891 bis 1900

Die vorliegende Unfallstatistik, wie sie die Beilage in der Mappe wiedergiebt, soll fürs Erste gegenüber einer Unmenge falscher Ansichten und Behauptungen, alter wie neuer, in zahlengemäßem Material die nackten Thatsachen bringen — fürs Zweite neue Perspektiven eröffnen für eventuelle Abwehrmaßregeln — und in dritter Linie hofft sie, den Versicherungsgesellschaften einen sichereren Boden zu schaffen.

Hinweis: Questo articolo è disponibile in un'unica lingua. In passato, gli annuari non venivano tradotti.

Es stimmen die hier gegebenen Zahlen nicht ganz überein mit denen im letzten Jahre in der „ Alpina " und im „ Bund " wiedergebenen, weil damals die Jahre 1890—1899 berücksichtigt wurden, bei der hierseitigen Statistik dagegen das Decennium von 1891—1900. Als Grundlage diente mir die jeweilige Kasuistik des Jahrbuches S.A.C., die ihrerseits wieder aus allen möglichen Fachschriften, aus der Tagespresse und aus privaten Mitteilungen an den Herrn Redaktor schöpfte. Die Kritik hält sich an die Reihenfolge der Rubriken, wie sie die Beilage in der Mappe bringt.

 

Die erste Rubrik, die Zahl der tödlich verlaufenen Unfälle, getrennt für Hochgebirge und Mittelvorgebirge wiedergebend, erzeigt, graphisch dargestellt, eine deutlich ansteigende Kurve von total 275 Fällen. Die kleinen Remissionen rühren von dem Umstande her, daß die Jahre verschieden günstig waren für Gebirgswanderungen in Eis und Schnee oder im Felsen oder überhaupt.

Auch die Pfeiffersche Statistik, M. D. Ö.A.V. 1887, aus den Jahren 1859—1887 zeigt die gleiche, ständige Zunahme der Unglücksfälle von Periode zu Periode. Das Decennium von 1861—1870 wies deren 30, dasjenige von 1871—1880 ihrer 52 und der letzte Zeitraum von 1881—1887 die noch höhere Zahl von 89 auf.

 

Als Gründe für das beständige Anwachsen der Unfallszahl fallen folgende in Betracht:

1. Die stete Zunahme der jährlich in Ausführung kommenden Touren.

2. Die vermehrte Propaganda für das Bergsteigen, als eines mächtigen hygieinischen und ethischen Faktors.

3. Die bessere Erschließung des Gebirges.

4. Das Hinzukommen der Früh- und Spätjahrstouren, sowie hauptsächlich der modernen Winterfahrten.

5. Das Aufkommen der führerlosen Touren und der Alleingängerei.

6. Die bessere Aufzeichnung und Bekanntgebung der Unglücksfälle.

7. Das Bestreben, die Zahl der unbestiegenen Gipfel nach und nach auf Null zu setzen; die bezwungenen auf neuen An- und Abstieglinien zu versuchen, und die Verlockung ungeübter Alpinisten zu Touren, denen sie noch nicht gewachsen sind.

 

Ad 1. ist zu bemerken, daß die Zahl der Unglücksfälle nicht Schritt hält mit der Zunahme des Alpinismus, bedenkt man nur, daß mancherorts die Zahl der Touren sich verzehnfacht, ja verhundertfacht hat.

Verglichen mit andern Leibesübungen, Fußballspiel, Velofahren, Rudern, Rennen, erreichen die alpinen Unglücksfälle bei weitem nicht den Prozentsatz dieser; warum dann solch ungleichen Maßstab anlegenLiegt der Grund etwa darin, daß man diese als sportliche Unfälle entschuldigt, jene dagegen über den Sport stellt? Dem Alpinismus könnte das nur recht sein.

 

Ad 2. ist zu bemerken, daß wir im Zeitalter der Prophylaxe uns bewegen. Die vermehrte Propaganda für den Alpinismus hat ihren Grund in der zunehmenden Nervenzerrüttung, gezeitigt durch den stets schwierigeren Daseinskampf. Leib und Seele verlangen nach zeitweiligem Herausgehen aus dem dunstgeschwängerten Bannkreise des Häusermeeres, verlangen unbedingt nach mehrwöchentlichem Genuß von reiner, kräftigender Alpenluft für den ohnehin schon schwächern Organismus der Städter. Das In-die-Berge-gehen wird als ein gesundheitliches Schutzmittel ersten Ranges gepriesen. Das Verdienst des deutsch-österreichischen Alpenvereins ist es hauptsächlich, darauf aufmerksam gemacht zu haben. Darum auch in jenen Gebieten eine enorme Frequenzzunahme der alpinen und hochalpinen Regionen. Aber auch bei uns ist der Alpensinn nicht bei der Thalsohlenclubistik geblieben, sondern hat sich seinen Flug in die höchsten Höhen genommen. Der Sinn für die Berge wird schon der Jugend eingeimpft, zeitigt die Schülerreisen, militärischen Exkursionen ins Gebirge, die Turnerfahrten und — die Unglücksfälle!

 

Ad 3. Die bessere Erschließung des Gebirges durch Errichtung von Schutzhütten, durch Wegverbesserungen, Anbringen von Seilen und Leitern ist den Alpenvereinen unbegreiflicherweise schon oft zum Vorwurf gemacht worden, da es Berguntüchtige zu Hochtouren verleite und so die alpinen Unfälle vermehre. Gerade das Gegenteil möchte ich hier feststellen, daß z.B. am Montblanc, seitdem die Unterkunftshütten eine Vermehrung erfahren haben, daselbst viel weniger Unglücksfälle passieren als zuvor. Dasselbe gilt auch anderwärts; so ist die Gefahr zur Verhütungsmaßregel geworden, zum vornehmsten Mittel den aus der Beschaffenheit des Gebirges entspringenden Unglücksfällen möglichst vorzubeugen, den vom Verhängnis Ereilten eine Zuflucht gewährend. Den Alpenvereinen ihre Pflicht ist es, die Stützpunkte dieser oder jener Art immer und immer noch zu vermehren, indem dadurch Unternehmen, die früher gefährlich waren, in mehr oder minder ungefährliche verwandelt werden; zugleich sind es auch Stützpunkte für unsern hauptsächlichsten Erwerbszweig, für die Fremdenindustrie, indem auch dem Mindergeübten und nicht sehr Ausdauernden dadurch der Genuß einer Hochgebirgswanderung ermöglicht wird; es verbessert unsern Bergführern durch größere Nachfrage ihre Existenz. Das Leichterzugänglichmachen des Gebirges involviert aber durchaus nicht etwa die Schaffung einer Wirtschaft auf jedem bessern Aussichtsberge!

 

Ad 4. Die immer üppiger werdende Bergsteigerei fühlte sich nicht mehr wohl in dem engen Rahmen der Hochsaisonmonate, griff über ins Spätjahr und Frühjahr, da wo es die Witterung erlaubte, um endlich als neueste Neuheit und höchsten Reiz die Winterfahrten zu zeitigen. Mit Ski und Schneereifen sind im Dezember 1901 und Januar 1902 in Central- und Ostalpen eine Menge von Touren zur Ausführung gelangt, und es ist dabei bis Mitte Februar ein einziger tödlicher Unfall zu verzeichnen gewesen. Manche Gefahren des Gebirges, wie sie im Sommer bestehen, fallen bei winterlichen Exkursionen weg; die Kürze der Tage wird durch die Raschheit des Vorwärtskommens kompensiert, die Gletscherspalten, mit Schnee ausgefüllt, werden kühn überbrettelt, das Moment des Ausgleitens kommt in Wegfall, das des Stürzens hinzu. Die örtlichen Gefahren sind vermindert, neue freilich treten hinzu, und Schneestürme gefährden die Tour. Pflicht der Alpenvereine wird es auch hier sein, auf die dieser Neuheit eigenen Gefahren und die Möglichkeit ihrer Umgehung aufmerksam zu machen. Weihnachten in der Fridolinshütte, Neujahr in der Mutthornhütte feiern, die Winterfahrten überhaupt als einen Auswuchs des Alpinismus, als Sportwahnsinn bezeichnen, geht wohl nicht an, bedenkt man den Gewinn, den nicht allein der Alpensinn, aber auch die militärische Sicherung unserer Landesgrenzen, sowie die gesamte alpine Wissenschaft aus solchen Winterfahrten zu ziehen die Aussicht haben.

 

Punkt 5, das führerlose Gehen ins Hochgebirge und die Alleingängerei im Mittelvorgebirge, wird bei Rubrik 6 des nähern besprochen werden.

 

Ad 6. ist zuzugeben, daß die Registrierung der alpinen Unglücksfälle besser geworden ist durch das vermehrte Interesse an der alpinistischen Bewegung und durch das engere Sichzusammenschließen der Vereine benachbarter Alpenländer; nichtsdestoweniger halte ich dafür, daß aus französischen und italienischen Gebieten von den alpinen Unglücksfällen heute noch nicht die Hälfte zur Kenntnis gelangen.

 

Ad 7. will es mich bedünken, daß in der Sucht, den „ sommets inaccessibles ", den unbezwungenen Gipfeln den Garaus zu machen, und in dem Suchen nach neuen An- und Abstiegsrouten oft zu weit gegangen wird und ein Auswuchs des Alpinismus liegt; warum dieser Sinn nach immer günstigeren Gelegenheiten, ein Bein oder Arm oder gar das Genick zu brechen? Trachten wir doch lieber danach, den Alpinismus zu heben, als ihn zu diskreditieren.

 

Ad 8. möchte ich sagen, liegt in der unbeschränkten Veröffentlichung von geglückten, zum Teil recht waghalsigen Touren — dieselbe Gefahr wie in der kritiklosen Meldung von Selbstmord, Mord und Totschlag durch die Presse; es wirkt ansteckend. Lob und Bewunderung der Unverständigen sind für den Anfänger, der über Zeit und Geld verfügt, eine große Gefahr. Leute, die nur auf die Berge steigen, um nachher in Kreisen, in welchen sie nicht durchschaut und abgedeckt werden, mit Erfolg prunken zu können, sind nicht nur Sklaven der Eitelkeit, welchen das ethische Moment des Alpinismus abgeht, sondern auch gemeingefährlich. Die Ruhmsucht solcher Touristen, die eine anerkannt schwierige Tour als unschwierig bezeichnen, um dem Publikum, das vom Bergsteigen so oft einen falschen Begriff hat, zu imponieren und als Held angestaunt und mit Schmeicheleien überschüttet zu werden, ist eine für die Mitmenschen verhängnisvolle Krankheit. „ Gesunde " Kritik der alpinen Unfälle, offenes Visier, Bloßstellen der im persönlichen Verhalt der Bergsteiger gelegenen eigenen Schuld muß an den Platz von Bemäntelung, Beschönigung und Umschreibung der Thatsachen treten, soll der dem Alpinismus erwachsene Schaden wieder gut gemacht werden.

 

Die Zunahme der über das Maß des Gewöhnlichen hinausgehenden Leistungen als einer naturgemäßen Folge der Zunahme der Frequenz der Alpengebiete überhaupt, die Thatsache, daß derjenige, welcher sich früher mit einem Aussichtsberge oder Jochübergang begnügte, sich nun an Eiger und Matterhorn heranmacht, das hat das gesunde Bergsteigen, hat den Alpinismus leider auf die niedere Stufe des „ Sportes " gebracht und dadurch ungesunden Extremen und dem, was man „ Sportswahnsinn " nennt, gerufen.

Zurückkommend auf die Zahl der Unglücksfälle muß gesagt werden, daß diese mit einigermaßen gutem Willen leicht verdoppelt, ja verzehnfacht werden könnte. Das „ Journal de Bex " hat es fertig gebracht, seinen Lesern pro 1899 die enorme Ziffer von 653 alpinen Unglücksfällen aufzutischen, den Bericht des eidgenössischen statistischen Amtes zu Grunde legend, der aber bei näherem Besehen nur 31 chûtes de hautes montagnes aufwies, während die übrigen Fälle alle Sturz von Dächern, Leitern, Bäumen u. s. w. betrafen. Die „ Daily Mail " vom vergangenen Oktober schreibt der Schweiz in einem kühn mit „ Record in alpine accidents " überschriebenen Artikel 119 tödlich verlaufene alpine Unglücksfälle aufs Kerbholz, erwähnt aber im gleichen Atemzuge, daß die meisten davon dem Exkursionsgebiete von Chamounix ( Savoyen ) angehörten.

Eine möglichst hohe Zahl alpiner Unglücksfälle wird von der Tagespresse auch dadurch erkünstelt, daß jede wichtigere Verletzung, die sich ein Bergsteiger von Namen zuzieht, gleich als „ neuer alpiner Unglücksfall " publiziert wird. Ferner ist durchaus nicht jeder Unglücksfall, der sich in den Bergen ereignet, auch als ein „ alpiner Unfall " im Sinne der alpinistischen Unfallstatistik hinzunehmen. Wenn z.B. ein Führer auf dem Heimwege von einer Tour nach Edelweiß ausgehend abstürzt, wenn vom Personal der Senn- und Schutzhütten, von den Grenzwächtern, den Observatoriumsarbeitern einer verunglückt, wenn ein Wildhüter oder Strahler zu Tode fällt oder ein Teilnehmer einer militärischen, geologischen oder photographischen Exkursion im Gebirge abstürzt, wenn sich ein Tourist beim Imbißnehmen unvorsichtigerweise die Pulsader verletzt und dadurch verendet, wenn ein Bergfex im Bergsee badend ertrinkt, ein Jäger auf der Gemssuche verunfallt oder ein Tourist auf ungefährlichem Pfade durch einen Fehltritt oder den unglücklichen Zufall eines einbrechenden Lattenzaunes abstürzt, so wird aus allem dem ein „ alpiner Unfall " gemacht, und ein nicht alpines Publikum in seiner Naivität steckt das Kunterbunt von Wahrheit und Dichtung, wie es der üppigen Phantasie des ebenfalls nicht alpinen Reporters entspringt, ganz ruhig als bare Münze ein. Daß solch blinde Willkür ohne weiteres zur Diskreditierung des Alpinismus und zur Irreleitung der Volksmeinung führen muß, liegt auf der Hand; mir scheint die Verlustliste schon groß genug zu sein, sie brauchte nicht noch künstlich höher geschraubt zu werden. Freilich wendet man ein, daß eine „ unantastbare " Definition des alpinen Unglücksfalls schwer zu finden und „ Grenzfälle " nicht zu vermeiden seien, doch sollte es mit der Zeit, dünkt mich, möglich sein, einen einheitlichen Modus der Beurteilung zu schaffen. Der Zusammenhang mit dem Bergsteigen darf nicht bloß ein zufälliger und lokaler sein, er muß ein kausaler sein; es muß das Bergsteigen als der alleinige Zweck der Unternehmung zu Recht bestehen. Bedingt ein Wehanfall, ein Herzschlag bei einer Exkursion ins Gebirge den Tod, so gehört das ohne weiteres zu den alpinen Unfällen, denn abgesehen von der Überanstrengung kann die überwundene Höhendifferenz allein solches zu Wege bringen. Ohne die Thatsache des Bergsteigens würde in jenem Moment das Verhängnis nicht über den Betreffenden gekommen sein, wenngleich solche Zufälligkeiten auch im Thale passieren; das Steigen war das begünstigende Moment, und ist es gerade wichtig, unter den Gefahren des Bergsteigens auch diese subjektiven, in einem Gebrechen oder einer Anlage gelegenen, vor Augen zu führen.

Es dürfen ferner nur tödliche Unfälle berücksichtigt werden und diese noch mit der Einschränkung, daß das tragische Ende während der Exkursion und nicht erst nachträglich sich einstellen muß, so daß Erfrierungen von Körperteilen, die nach Verlauf einiger Zeit zum Tode führen, daß Lungenentzündungstod nach Knochenbruch nicht eingerechnet werden.

Auch räumliche Abgrenzung ist erforderlich, ansonst Unglücksfälle des Himalayagebietes oder aus Tibet und Skandinavien mit unterlaufen als „ alpine " Unglücksfälle. Die 5 „ nicht alpinen " Fälle der Rubrik 2 sind belassen worden, um der benutzten Quelle konform zu bleiben und in der Annahme, daß da und dort ein Fall vergessen wurde, wodurch sich die bezüglichen Zahlen aufheben würden.

Die Abgrenzung der alpinen Unglücksfälle nach unten fällt etwas schwer. Die einen schließen alles aus, was auf gebahnten Wegen passiert, andere rechnen Unfälle an „ kritischen Stellen " im subalpinen Gebiete noch mit. Der Unglücksfall kann beim Beginn einer Tour, noch im wegsamen Gebirge sich ereignen, wenn Witterungsumschlag, Nebel, plötzliches Unwohlsein zum vorzeitigen Abbrechen einer Tour veranlassen. Von Glion nach dem Kirchlein von Montreux hinunter, vom Trümmelbach nach der Wengernalp hinauf kann jemand verunglücken, wenn der Boden schlüpfrig und die Ausrüstung mangelhaft ist. Unglücksfälle bei Clubhüttenbesuchen, einer immer mehr aufkommenden Art von alpinen Exkursionen, und Unglücksfälle, die beim Begehen bekannter Gletscher passieren, sind jedenfalls einzubeziehen.

 

Die kleine Rubrik 2 hat den Zweck, die Zahl der Unglücksfälle des Inlandes ( der Schweiz ), ferner der Centralalpen gegenüber den West- und Ostalpen zu zeigen, weil Mißgunst und Oberflächlichkeit einerseits die Schweiz als die Heimstätte der alpinen Unglücksfälle anschuldigen und anderseits behauptet wird, daß in den Ostalpen die Unglücksfälle nicht proportional bleiben der Zunahme des Besuches jener Gebiete.

Nach meiner Zusammenstellung kommen von den 114 Hochtouren 39 auf die Schweiz oder 34 %; auf die Centralalpen (inklusive Schweiz) kommen 41 oder 36 %, auf die Westalpen 24 oder 21 % und auf die Ostalpen 47 oder 41 %.

Von den 161 Touren im Mittelvorgebirge kommen auf die Schweiz 52 oder 32 %; auf die Centralalpen ( inklusive Schweiz ) 57 oder 35%, auf die Westalpen 13 oder 8% und auf die Ostalpen 86 oder 53%.

Für die Trennung in Ost-, West- und Centralalpen habe ich mich an die Wäbersche, resp. für die Ostalpen an die v. Sonklarsche Einteilung ( siehe Jahrbuch S.A.C. X, Seite 491/02 ) gehalten. Eventuell vorgekommene geographische Schnitzer mögen mir verziehen werden, indem nicht bei jedem Gipfel die Gruppe, der er angehört, angegeben ist. Bei den Grenzgipfeln kam in Betracht, auf welcher Seite der Unglücksfall sich ereignete. Grenzstreitigkeiten werden daraus wohl keine entstehen.

 

Rubrik 3 gibt die Namen der Gipfel, die Unglücksfälle zu verzeichnen hatten. Eine Zusammenstellung derselben ergiebt als meistbelastete Bergspitzen, als sogenannte Unglücksberge, Schicksalsberge: Das Kaisergebirge und die Raxalpe mit 8 und 9 Unfällen, Pilatus und Rochers de Naye mit 5, den Montblanc mit 7, die Zugspitze mit 5, Matterhorn, Dent de Jaman, Niesen, Säntis, Glärnisch, Titlis, Brienzer Rothorn, Dolomiten, Hohe Tauern mit je 3 und 2 Unglücksfällen; beliebte Ausflugsziele in dem Mittelvorgebirge finden sich neben eis- und schneebedeckten Spitzen. Die Gefährlichkeit der Gipfel nimmt somit nicht mit deren Höhe zu, wohl aber schwindet sie mit der zunehmenden Bergtüchtigkeit und Vorsicht dessen, der sie zu betreten wagt.

Die Gipfel sind gesondert aufgeführt nach Hochgebirge und nach Mittelvorgebirge, die Grenze bei 2500 Meter angenommen. Es ist diese Auseinanderhaltung nötig, da die Schwierigkeiten und Gefahrs-momente nicht die gleichen sind auf Eis und Schnee wie in dem Felsen und auf Rasen. Die Hochgebirgsgefahren sind mehr absolute ( sie sind in Rubrik 10 des nähern angegeben ), mehr relative die des Mittelvorgebirges, das heißt, das letztere ist nur deshalb oft so gefährlich, weil des Touristen Fähigkeit öfter zu wünschen übrig läßt, als im Hochgebirge. Bei gleicher Vorsicht und Bergtüchtigkeit ergäbe sich nicht bloß Gleichstellung von Hoch- und Mittelvorgebirge, sondern es würde sicher statt des Mittelvorgebirges, wie es jetzt der Fall ist, das Hochgebirge „ glänzen " mit alpinen Katastrophen. Durchschnittlich ist das Verhältnis von Bergtüchtigkeit des Unternehmers zur Schwierigkeit des Gipfels — einige Modegipfel, wie Matterhorn, ausgenommen — ein richtigeres bei schweren Touren als bei leichten. An Hochtouren machen sich mehr nur die Geübteren, mit oder ohne befähigte Begleiter; die leichtern Berge werden oft von Ungeübten unternommen und bieten ihnen Schwierigkeiten, die sie entweder nicht vermuteten oder denen sie nicht zu begegnen wissen, für die sie auch nicht ausgerüstet sind. Schneestürme und Windstöße verursachen Ausgleiten, einbrechende Nacht Verirrung, Ermüdung vorzeitige Bergkrankheit und steile Halden Schwindel. Auf Eis und Schnee setzt sich der Bergsteiger-Anfänger nicht so leichtfertig über alle Vorsichtsmaßregeln hinweg, wie in dem Felsen. Dort geht er in Gesellschaft, mit oder ohne Führer freilich, aber wenigstens doch nicht allein; im Mittelvorgebirge kraxelt er auf eigene Faust herum. Als bergungewohnter Städter ist er für höhere Kraftleistung nicht geeicht. Es fehlt am sichern Tritt, an Muskel- und an Lungenkraft.

Auch für die Zukunft wird es wichtig sein, das Hochgebirge und das Mittelvorgebirge unfallstatistisch getrennt zu nehmen. Den Unfallversicherungstechniker interessiert nur das Hochgebirge, und auch das allgemeine Publikum pflegt nur das Hochgebirge im Auge zu haben, wenn es gilt, den Alpinismus zu beschuldigen, nicht wissend, daß das Mittelvorgebirge die viel düstere Unglückschronik aufweist.

Für den gesamten Alpinismus sind beide Regionen gleichwertig, ja der Genuß bei einer leichtern Tour ist oft um vieles größer als bei gar zu strapaziöser Hochtour.

Die Winterfahrten, auch die des Mittelvorgebirges, beim Hochgebirge zu belassen, wird für die Zukunft nicht mehr angehen; sie werden als gesonderte Rubrik genommen werden müssen, da Witterungsumschlag, Neuschnee, Nacht und Nebel eine unter günstigen Verhältnissen leicht zu nennende Sommertour im Mittelvorgebirge auch zur Hochtour und zu berechtigter Gleichstellung stempeln würde.

Wenn Raxalpe, Rochers de Naye und Kaisergebirge in der vorliegenden Statistik nicht konsequent dem Hochgebirge oder Mittelvorgebirge zugewiesen wurden, so kommt dies von der Höhe her, in welcher sich der Unglücksfall ereignete, und von der Einreihung des Falles, wie sie die benutzte Quelle vorgesehen.

In Zahlen ausgedrückt entfielen von den 275 Katastrophen auf das Hochgebirge 114, auf das Mittelvorgebirge 161. Beide Gebiete mit stetig zunehmender Zahl von jährlichen Unglücksfällen, entsprechend der vermehrten Frequenz, wie sie in Rubrik 1 schon angegeben wurde.Von einer „ außerordentlichen Zunahme " oder gar einem „ bedenklichen Anwachsen " der hochalpinen Unglücksfälle ist keine Rede.

Als irrig scheint sich auch die landläufige Meinung erweisen zu wollen, daß die Vermehrung der alpinen Katastrophen ganz lediglich nur von den viel verschrienen führerlosen Touren, vom großen Risiko des „ pfadlosen " Hochgebirges herkomme, indem ein Blick auf die „ absoluten " Zahlen zeigt, daß das Mittelvorgebirge als das die Statistik mehr belastende Gebiet zu bezeichnen ist. Freilich, bedenkt man, daß letzteres im Vergleich zu Eis- und Schneeregionen weit mehr begangen wird, so kehrt die Sache um. Setzt man der Zahl von jährlichen Unglücksfällen die Zahl der in dem Mittelvorgebirge jährlich unternommenen Exkursionen gegenüber, so stehen sich die Zahlen 20 und 120,000 gegenüber.

Die Zahl der Hochtouren dagegen wird auf rund 3000 jährlich angesetzt und stehen diesen alsdann 10 jährliche Unglücksfälle gegenüber; somit erweisen sich, bei der Zugrundelegung von Verhältniszahlen, die Hochtouren denn doch als die gefährlicheren. Das bergsteigerische Risiko der einen zu den andern wird durch die Zahlen 1: 20 annähernd richtig ausgedrückt sein.

Selbst bei vermehrter Vorsicht und erhöhter Tüchtigkeit von Seiten des Touristen, erhöhter Kenntnis der Gefahren wird doch das Hochgebirge mit allen seinen Reizen, Pikanterien nicht nur das absolut gefährlichere Gebiet, sondern auch das relativ gefährlichere sein, und ist damit die Ansicht umgestoßen, daß die schwierigsten Touren die sichersten seien.

Die Zahl der jährlichen Touren im Mittelvorgebirge mit 120,000 angesetzt, will Sie vielleicht etwas stark aufgetragen dünken, und doch ist sie es nicht, wenn man der durch Hütten-, Führer- und Alpenvereins-bücher kontrollierbaren Zahl von Touren noch halb so viel unkontrollier-bare Besteigungen von Einheimischen hinzufügt. Um genau angeben zu können, welches die Frequenz des Gebirges ist, müßte auf jedem einzelnen Joch, Plateau, Gipfel, bei jeder Club- und Schutzhütte, bei jedem Modegletscher ein zweibeiniger oder automatisch funktionierender Zähler aufgestellt werden und ähnlich verfahren werden, wie bei der Bestimmung der Gefährlichkeit, beziehungsweise Frequenz einer engen Passage oder einer Brücke, bei der Abhülfe not thut. Diese große Lücke in der alpinen Unfallstatistik wird eine bleibende sein und demgemäß „ richtige " Verhältniszahlen nie erhältlich sein.

Zur Vermeidung von Irrrechnungen müßte auch bei jeder in Gesellschaft ausgeführten Tour das Vollbringen eines jeden der Teilnehmer als Einheit eingesetzt werden im „ weißen Conto ".

 

Rubrik 4, Name, Herkunft, Beruf und Alter der Verunglückten umfassend, zeigt uns als erste frappante Thatsache, daß ganz besonders oft die jungen Leute von 15, 17, 19 bis 25 Jahren den Berggeistern in die Hände fallen. Studenten, Gymnasiasten, Technikumsschüler, Apothekergehülfen und Rechtsaspiranten machen einen erschreckend großen Teil der Opfer aus; sie sind im Wahne befangen, Erfahrung durch Kraft ersetzen zu können, und ahnen nicht das tragische Ende, das ihre abenteuerlichen Unternehmungen nehmen können; sie eilen in die Berge als jugendliche Heißsporne, als Enthusiasten der hehren, gewaltigen Natur, gereizt durch die Pikanterien des Hochgebirges, des nötigen Solidaritäts-gefühles brach, schon ihrer Jugend wegen nicht oder nur wenig über Erfahrung verfügend; so bringen diese Übermütigen ungewollt den Alpinismus in bitteren Verruf, besonders wenn sie führerlos, mangelhaft ausgerüstet und untrainiert gehen. Belehrung über die Gefahren solchen Unterfangens muß schon in der Schule Platz greifen, am Vorabend einer Schulreise, Turnfahrt oder überhaupt im Naturgeschichts- oder Geographieunterricht der obersten Klasse; die jungen Leute müssen darauf aufmerksam gemacht werden, daß ihnen in den alpinen Vereinen durch Fortschreiten von leichten zu schweren Touren, an der Seite erfahrener Kollegen im Rahmen des jährlichen Programmes die nötigen theoretischen und praktischen Kenntnisse zu teil werden. Daß sich die Mißachtung dieser gebotenen Gelegenheit bitter straft, kann nicht deutlicher bewiesen werden, als durch die Thatsache, daß in dem Decennium der vorliegenden Statistik von den 6000 Mitgliedern des Schweizer Alpenclubs im Mittelvorgebirge drei verunglückten, im Hochgebirge nur einer. Es soll damit selbstverständlich nicht gemeint sein, daß der Beitritt in einen alpinen Verein gleichbedeutend sei mit der Lösung eines Garantiescheins gegen alpine Unglücksfälle. Nein! Das bloße Tragen des Clubzeichens befähigt noch nicht zu den waghalsigsten Klettereien und führerlosen Partien. Das so minime Risiko, wie es sich für C. Mitglieder aus der Statistik ergeben hat, zeigt nur, daß durchschnittlich mit großer Vorsicht und Gefahrenkenntnis zu Werke gegangen wird, ein Renommee, das die werten Herren vom Club stets hochhalten mögen.

Wir Schweizer stehen im Vergleich zum deutsch-österreichischen Gebiete weit zurück in Bezug auf die Zahl der organisierten Alpinisten; auch in Italien und Frankreich, selbst bei den fleißigsten Bergsteigern, den Engländern, ist vorderhand nur der geringste Teil organisiert. Eine zweite Thatsache, die sich aus Rubrik 4 herauslesen ließ, ist die so häufig wiederkehrende Angabe, daß der Verunglückte ein „ Städter " gewesen. 17 Berliner, 16 Wiener, 15 Münchner, aus andern Städten je ein bis drei Touristen sind es gewesen, zusammen 70 Städte-Entronnene, die im Gebirge den Tod fanden. 

Es hängt dieses Faktum zusammen mit dem in Rubrik 1 ad 2 Gesagten und will nicht etwa sagen, daß alle Städter berguntüchtig wären, bewahre! Aber ein aufgehobener Finger soll es sein, der sagen will, daß in dem ungenügend Vorgeübtsein ein verhängnisvoller Faktor liegt, daß die Sonntags-, Pfingst- und Ostern-Spritztouren nicht für einen jeden taugen, sondern nur dem nichts anhaben können, der sich durch jahrelange Übung die nötige Bergtüchtigkeit anerzogen hat, mit andern Worten, daß den „ bergfremden Städtern " viel leichter ein Unglück zustößt als den geübten und vorsichtigen Einheimischen.

Interessant ist die Zusammenstellung der Verunglückten nach ihrer Nationalität, welche ergiebt, daß von 301 Verunglückten 190 Deutsche oder Österreicher, 48 Schweizer, 23 Italiener, 18 Engländer, 15 Franzosen und zwei von andern Nationen waren.

Damen sind 7 dem Bergsteigen zum Opfer gefallen. Geringe Energie und geringere Geübtheit in körperlichen Leistungen, geringere Kaltblütigkeit erhöhen die Gefahren für das Weibliche. Wird die Mühe gänzlich auf die Führer übertragen, lassen sich die Emancipierten nur empor-seilen, so sind es moderne Auswüchse des Alpinismus, nichts anderes.

Wenig Bedeutung messe ich der in den benützten Quellen oft wiederkehrenden Bemerkung bei, der Betreffende sei ein „ geübter " Bergsteiger, ein „ Alpinist " gewesen. Die Taxation auf fähig oder nicht ist eine gewagte Anmaßung. Um in dieser Beziehung dem einzelnen ein Fähigkeitszeugnis ausstellen zu können, müßte er nicht nur an allen möglichen schwierigen Stellen des Gebirges, auf Fels, Eis und Schnee, auf Grat und Kante, im Spaltengewirre, beim Traversieren steiler Eis- und Felshänge erprobt werden, sondern auch dem Einfluß aller möglichen Naturerscheinungen, Regen, Neuschnee, Schneesturm und Nebel, ausgesetzt seine Prüfung bestehen; und wer wäre im Falle, eine solche Prüfung abzunehmen? Niemand!

 

Rubrik 5, die Jahreszeit, beziehungsweise Monate angebend, in denen die Unglücksfälle passierten, zeigt Ihnen, im Schema veranschaulicht, deutlich die fortschreitende Ausbreitung der Touristik über das ganze Jahr hin. Es flutet der Strom wirklicher und nachgeahmter Bergfreunde nicht mehr nur zur Sommerszeit in die Berge, nein, das ganze Jahr hindurch erhalten sie Besuch und sind ihrer Ruhe nicht einmal ums Neujahr herum sicher. Es giebt keinen unfallssicheren Monat mehr! Freilich, wenn die Sonne im Zeichen des Sirius auf das Land herniederbrennt, dann schwillt der Strom zur Hochflut an. Die Sommermonate weisen immer noch 80 % der Unfälle auf. Die modernen Schneeschuhfahrten und winterlichen Exkursionen haben besonders in dem letzten und vorletzten Jahre des Decenniums zur Mehrbelastung beigetragen. Auf Rigi, Belchen wie am Wildstrubel und der Jungfrau wird auf „ Unterbretteln " in den Tod gerannt. Schneestürme und Lawinen, verkürzte Tage, rasche Wendungen im Witterungscharakter bedrohen diese Sorte von Touristen. Rascheres Vorwärtskommen, Hinsausenkönnen über Gletscherspalten, vermehrte Wegsamkeit, das sind der Winterfahrten Vorteile. Es müssen die besonderen Gefahren, die diesen jüngsten Kindern der Touristik lauern, noch besser abgeklärt werden, um männiglich vor Überraschung und vor jähem Tode zu bewahren. Gefahr, daß sich in kurzem die Hochsaison alpiner Unglücksfälle vom Sommer auf die Zeit von Weihnachten und Neujahr verschieben werde, ist noch nicht im Verzuge!

 

Rubrik 6 sollte uns Aufklärung geben über das Verhalten der führerloseil Touren in der alpinen Unfallstatistik und zugleich die in Aussicht gestellte Beantwortung von Punkt 5 in Rubrik 1 abgeben; dabei hat sich herausgestellt, daß im Mittelvorgebirge die Mitnahme eines Führers zur Seltenheit gehört. Von 161 unglücklich verlaufenen Touren waren nur fünf geführte gewesen. Die 161 Unglücksfälle aus dieser Region kommen demnach bei der Kritik des führerlosen Gehens nicht in Betracht. Es würde, wollte man die Unfälle des Hoch- und Mittelvorgebirges zusammennehmen, zu dem bedenklichen Trugschlüsse führen, daß von total 275 Touren 214 führerlos ausgeführte unglücklich endigten, oder Dreivierteile der Touren, wogegen bei alleiniger Berücksichtigung der 114 Hochtouren auf 54 geführte 60 führerlose kommen, also ungefähr die Hälfte. Bedenkt man dabei, daß sich die Zahl der in Ausführung kommenden geführten Touren zu den ungeführten ungefähr verhält wie 10:1 — es giebt Führer, die bis 100 Touren machen im Jahr — so ist das Risiko bei führerlosen Touren doch thatsächlich ein weit größeres als bei geführten. ( Eine bezügliche Umfrage unter den Clubmitgliedern würde von Bedeutung und wegleitend sein. ) Aus denselben Erwägungen muß als bedenklicher Trugschluß jene Bemerkung hingestellt werden, die besagt, daß sich die Gefahren von geführten gegenüber ungeführten Touren im Jahre 1900 eher zu ungunsten der ersteren, der geführten, gewendet hätten, das Verhältnis war 11:9. Es könnte das Gleiche gesagt werden von den Jahren 1892 bis 1895.

Sowohl für die führerlosen wie für die geführten Touren hat die Zahl der Unfälle im Laufe des Decenniums langsam zugenommen, entsprechend der in Rubrik 1 angeführten steten Zunahme des jährlichen Tourentotals. Vor 50 Jahren wagten sich einzig die Bergführer an die hohen Gipfel, führten nur sie Erstlingstouren aus. Allmählich entwickelte sich der Alpinismus im Volke, zuerst bei den, den Bergen zunächst Wohnenden, dann aber auch in den entlegenen Städten. Jahr für Jahr strömte ein größeres Volk nach den Bergen und begehrte nach Bergführern. Allmählich emancipierten sich unter den Alpinisten die Wägsten und begannen so die, die sich durch jahrelange Übung die nötige Bergtüchtigkeit angeeignet hatten, führerlos zu gehen. Die Zahl dieser „ Fähigen " nimmt Jahr für Jahr zu, und es geht nicht mehr an, dieser Gilde von Touristen das Recht zu führerlosem Gehen abzusprechen, oder gar dasselbe als sträflich ganz abschaffen zu wollen. Wer an der Seite eines bergtüchtigen Vaters oder Freundes oder in Begleitung eines ersten Führers seine alpinen Erfahrungen gesammelt oder als Mitglied eines alpinen Vereins mit Geübteren zusammen von den kleinern Touren zu den größern, schwierigen vorgerückt ist und so die Fähigkeiten und Eigenschaften von weiland Zsigmondy, Purtscheller, Lammer, Normann oder Weilenmann, des Vaters der Führerlosen, sich zu eigen gemacht hat, dem kommt volle Berechtigung zum führerlosen Gehen zu. Haben die Führer einen andern Weg eingeschlagen? Ich denke nein! Auch sie sind erst nach absolvierter Lehrzeit, durchgemachter Kletterschule und vieler Übung und Begehen des Gebirges zu der ihren Beruf ausmachenden Selbständigkeit gelangt.

Einerseits gewissen Leuten gegenüber die Zulässigkeit der führerlosen Touren zugegeben, ist es andererseits aber unsere Pflicht, diejenigen, die sich solche Selbständigkeit herausnehmen wollen, darauf aufmerksam zu machen, daß nur auf dem angegebenen Wege dazu gelangt werden kann und nicht mittelst des bloßen Anhängens eines Clubzeichens, daß ferner durch Nichtbefolgung dieser Warnung nicht allein der Betreifende sein Leben mutwillig riskiert, sondern daß er dadurch auch den Alpinismus in Mißkredit bringt, daß ferner die Bergtüchtigkeit der Begleiter genau ermessen werden muß und endlich auch die Witterung, die Schneeverhältnisse und manche andere wichtige Punkte wohl erwogen werden müssen. Wer sich im Mittelgebirge als guter Kletterer und Gänger erwiesen hat, mit der Natur des Hochgebirges aber nicht vertraut ist, der benötigt einen Führer, ansonst er dieselbe Gefahr läuft wie ein Reitersmann, der, auf seinem frommen Manegegaul sitzend, stolz durch die Welt zu traben weiß, einem jungen Remontepferde aber nicht gewachsen ist. Kraft und Tüchtigkeit eines Führers haben schon manche Tour zum guten Ende geführt, die sonst hätte verhängnisvoll werden können. Als Lord Methuen auf einer seiner Schweizer Hochtouren fiel und seinen Begleiter mitriß, beide aber von Führer Maurer gehalten wurden, meinte der General: „ Diesmal habt Ihr aber gut gehalten !" Worauf Maurer entgegnete: „ Das lehrt einem beim Dwohl !"

Was die Mehrbelastung der alpinen Unfallstatistik durch das Aufkommen der führerlosen Touren anbelangt, so ist dieselbe nicht zu leugnen und nicht aus dem Wege zu schaffen, aber für die Zukunft auch nicht zu schwarz anzukreiden. Es ist nicht die einzige und auch nicht einmal die Hauptursache der Unfallsvermehrung, als was es so oft leichtfertig hingestellt zu werden beliebt.

Die Außersaison- oder Wintertouren, wie sie schon bei Rubrik 5 besprochen worden, sind es hauptsächlich, die die führerlosen Katastrophen so beträchtlich vermehrten. Ein Blick auf die zahlengemäße Aufzeichnung verdeutlicht diese Sache um ein wesentliches.

 

Rubrik 7 betrifft die Stellung der Alleingängerei in der alpinen Unfallstatistik und zeitigt die Thatsache, daß im Hochgebirge diese Art des Gehens gegenüber derjenigen zu zwei oder mehreren weit zurücksteht. Von 114 Hochtouren waren 23 Alleingängertouren. Würden Hoch- und Mittelvorgebirgstouren zusammen der Zahl der Alleingängertouren gegenübergestellt, so ergäbe dies das Verhältnis von 275: 113 oder 41 % Katastrophen infolge Alleingängerei, d.h. ein unrichtiges Bild, indem das Hochgebirge mit 2320 % ), das Mittelvorgebirge dagegen mit 90 Alleingänger-Unfällen (von 161) oder mit 56 % belastet ist.

Wenn auf der einen Seite Seilriß, Ausgleiten, Steinfall, Untüchtigkeit eines einzelnen die in Gesellschaft ausgeführten Touren gefährdet, so wird auf der andern Seite bei Alleingängerei das tragische Ende dadurch herbeigeführt, daß der Betreffende bei mehr oder weniger bedeutendem Unfall, wie Fußverstauchung, Unwohlsein, Fall in Spalte oder Schrund, anderweitiger Verletzung, Ermattung etc., der kameradschaftlichen Hülfe völlig entbehrt. Ob das Gehen zu zwei oder zu drei besser ist, bleibt dahingestellt; von englischer Seite ist für schwierige Touren besonders in steingefährlichen Felsen die Dreizahl als Gesetz proklamiert worden. 

Großen Gesellschaften von 5 bis 20 Personen ist 13 mal Unheil widerfahren; nicht daß jeweilen die ganze Karawane verunglückt wäre, sondern ein Teil davon, ein bis zwei bis vier Teilnehmer, Touristen und Führer oder nur Tourist oder nur Führer.

Worauf es bei in Gesellschaft ausgeführten Touren hauptsächlich ankommt, ist das richtige Verhältnis der Zahl der Führer zur Zahl der Teilnehmer, zu ihrer Tüchtigkeit und zur Schwierigkeit der Tour. Wo diesem Umstand gehörig Rechnung getragen und mit der nötigen Vorsicht zu Werke gegangen wird, können Schülerklassen, Truppenkörper, Turner-gesellschaften, geologische und andere Kränzchen eine Hochgebirgsfahrt ganz wohl zu gutem Ende führen; wo dagegen Disciplin und Solidarität, Vorsicht und Überlegung Schiffbruch erleiden, da wird es verhängnisvoll. Am bedenklichsten sind immer die Expeditionen, die von einem mehr oder weniger Geübten geführt werden, eine Anmaßung, die sich allerhand Leute herausnehmen, ohne zu bedenken, in welche Gefahr und Verlegenheit sie die ganze Gesellschaft dadurch versetzen.

 

Rubrik 8, mit der Zahl der Opfer rechnend, läßt die hübsche Summe von 339 zum Vorschein kommen, eine Thatsache von volkswirtschaftlicher Bedeutung, die schon als solche nach Abhülfe schreit und unwillkürlich der Frage ruft: Wozu diese Opfer?

218 Touristen, 73 Führer und 14 Träger haben im Zeitraum von 10 Jahren den Tod im Gebirge gefunden, und zwar verunglückten im Hochgebirge auf 114 Touren von 218 Touristen und 73 Führern 129 von den ersteren und 36 von den letzteren, im Mittelvorgebirge auf 161 Touren von 313 Touristen und 8 Führern 172 der ersteren und einer der letzteren, d.h. von total 531 Touristen 301 und von 81 Führern 37, also in jedem Falle rund die Hälfte. Entsprechend der jährlich steigenden Tourenzahl hat auch die Zahl der jährlichen Opfer zugenommen, und zwar ist diese Zahl von anfänglich 16 auf 51 angestiegen. Ginge es im selben Stile weiter, so würden wir, wenn nicht auf Abwehr gesonnen würde, in 50 Jahren die erschreckende Zahl von jährlich 300 alpinen Menschenopfern haben, ohne die Notwendigkeit dafür einzusehen, wohl aber die zunehmende Diskreditierung des Alpinismus.

 

Rubrik 9 hat sich mir aufgedrängt durch die auffällig oft wiederkehrende Angabe, daß das Unglück die Leute beim Abstiege ereilte. Leider fehlte bei 85 Touren die bezügliche Aufklärung. Die restierenden 150 Touren ergaben für das Hochgebirge ein Verhältnis der Unfälle beim Abstiege gegenüber dem Aufstiege von 39 zu 24 und für das Mittelvorgebirge ein solches von 73 zu 14, oder zusammengenommen 38 beim Aufstieg und 112 beim Abstieg vorgekommene Unfälle.

Beim Aufstieg bilden Erschöpfung, Kälte, Stein- und Lawinenschlag, Losbrechen von Stützpunkten die hauptsächlichen Ursachen der Unfälle; beim Abstieg spielen neben den selben Momenten noch andere in entscheidendem Sinne mit. Im Mittelvorgebirge ist es die Sucht des Weg-abkürzens, die Ortsunkenntnis und ungenügende Ausrüstung, was den Abstieg gefährdet; im Hochgebirge ist es namentlich das gleitende Moment, das vermehrt ist, ferner eine Art Vergiftung mit Ermüdungs-produkten, die Erschlaffung nach langer Anspannung, die Sorglosigkeit nach angestrengter Aufmerksamkeit, der quantitativ und qualitativ ungenügende Kräfteersatz nach Kräfteverbrauch, und endlich die immer wieder auftauchende Unvorsichtigkeit beim Abrutschen und Abfahren über Eis und Schnee.

Das Körpergewicht schiebt Schuttmassen, Neuschnee, schlechtes Gestein unter den Füßen weg; einmal ins Gleiten gekommen, gelingt es nur dem technisch Geübten, Einhalt zu thun; beim Aufstieg ist mehr Zeit verbraucht worden, als dazu bestimmt worden war; man eilt und drängt alsdann beim Abstiege, wird sorgloser, weniger achtsam; es wird nicht mehr ein jeder Schritt und Tritt erwogen und jede Stufe auf ihren Halt untersucht. Das Ziel ist erreicht, man glaubt die Schwierigkeiten überwunden und ist vom erschwerten Aufstieg ermüdet; starke Weine, Champagner schnellen die Kräfte für eine kurze Zeit empor, um alsbald die gegenteilige Erschlaffung hervorzurufen; alle Momente für eine ruhige Verdauung und Verwertung des Eingenommenen fehlen; kurzum, es ist der Abstieg in vielfacher Hinsicht verhängnisvoller als der Aufstieg. Wen diese Frage besonders interessiert, der möge in Prof. Mossos klassischem Werke, „ Der Mensch in den Hochalpen ", das betreffende Kapitel nachlesen; er wird dort noch manche überraschende Thatsache finden.

 

Rubrik 10, die Verursachung, den Hergang der Unglücksfälle skizzierend, würde die praktisch wichtigste Rubrik sein, wären die bezüglichen Angaben nicht mangelhafte. 139 Fälle betreffen Verschollene, Vermißte oder sonst unaufgeklärte Katastrophen; für die Erforschung der Unfalls-ursachen bleiben nur 136 Fälle übrig, das Hochgebirge betreffende 61, das Mittelvorgebirge betreffende 75.

Zerzausen wir die in Frage gekommenen Gefahren beim Bergsteigen, so entfallen auf elementare Gewalteinwirkung, wie Blitz ( 1 Fall ), Schneesturm ( 12 ), Kälte ( 13 ), Wind ( 2 ), Nebel ( 5 ), Unwetter und plötzlicher Witterungsumschlag ( 4 ), 36 Fälle; auf die örtlichen oder objektiven Gefahren, wie Steinschlag ( 6 ), Lawinenfall ( 11 ), schlechtes Gestein ( 8 ), Felsabbruch ( 4 ), losbrechende Firnmassen, Schneewächten-Schilde und -Brücken ( 7 ), überschneite Fels-, Firn- und Gletscherschründe ( 5 ), überdeckte Gletscherbäche ( 2 ), steile, schlüpfrige, vereiste oder mit Neuschnee bedeckte Gras- und Firnhänge, Felswände, Schneehalden, Platten, Kamine und Geschiebehalden ( 32 ), 75 Fälle; auf persönliche oder subjektive Gefahren, wie Herzleiden, Korpulenz, Epilepsie, Nervosität, 24 Fälle und auf die Gefahren von seiten von Drittpersonen oder Tieren 1 Fall, macht zusammen 136 Fälle, die beurteilt werden konnten.

Von den Naturereignissen können die meisten plötzlich über einen kommen und werden ihnen auf alle Zeit selbst die Wägsten unter den Touristen verfallen. Kälte, die bei Windstille bis in beträchtliche Höhe erträglich bleibt, wird bei starkem Winde zur Gefahr durch Erstarren der Hände und Füße, besonders bei Ermüdung und Alkoholgenuß; Wetterkundige ver- mögen da und dort ein Unheil vorauszusehen und durch rechtzeitiges Umkehren zu vermeiden; auch Windstöße können bei richtigem Verhalten selbst an gefährlichen Stellen pariert werden; im großen und ganzen aber stehen wir der höheren Gewalt gegenüber ohnmächtig da, es sei denn, daß man bei nicht tadellosen Witterungsaussichten überhaupt auf eine Unternehmung verzichte.

Von den örtlichen Gefahren, die das Hauptkontingent der Unglücksfälle veranlassen, sind Steinschlag und Lawinenfall nicht immer zu vermeiden; sie überraschen den Bergsteiger, ehe er sich 's versieht. Staublawinen, die blitzesschnell entstehen und gewaltigen Luftdruck erzeugen, gefährden besonders die Wintertouristen. Ohne uns vorher lange zu mahnen, stürzen Séracs ein, bricht ein Firnstück los oder lockert sich ein Fels; das Gestein zerfällt durch Frost, Wind und Regen. Die bezügliche Gefahr wächst mit der Höhe des Tages, weshalb berüchtigte Stellen vorsichtig begangen werden, An- und Abstieglinien richtig gewählt werden müssen und ein rechtzeitiges Aufbrechen angezeigt ist.

Vor-, Mit- und Nachgänger haben dafür zu sorgen, daß nicht Steinschlag oder Schneelawinen von ihnen erzeugt werden. Auf vereisten Hängen ist Neuschnee zu beseitigen, und der stets lauernden Gefahr soll man lieber durch mühevolles Stufenschlagen aus dem Wege gehen, als daß man Bequemlichkeiten, die dann zum Verhängnis werden können, aufkommen läßt. Im Kalk- und Schiefergebirge des Wettersteins und der Dolomiten muß jeder Griff und Stand auf seinen Verlaß geprüft werden. Trügerische Schneedecken, Schneebrücken und Wächten sind auf ihre Solidität zu untersuchen, und an steilen Stellen auf Gras, Felsen oder Firn sind Ausrüstung und technische Fertigkeit und Übung ausschlaggebend. Bei sicherem Tritt, richtiger Handhabung von Pickel und Stock, rechtzeitiger Verwendung des Seils, bei genügender Orts-, Witterungsund Gefahrenkenntnis, bei Geübtheit in Fels und Eis und waltender Vorsicht an sogenannten kritischen Stellen des Mittelvorgebirges, bei Mitnahme eines zuverlässigen Führers könnte wohl der größte Teil der in der Örtlichkeit gelegenen Gefahren ausgemerzt werden. Damit würden auch die alpinen Unfälle in ihrer Hauptsache beschnitten werden. Das Nähere des „ wie dies am besten geschehen könnte " gehört in die Abwehr der alpinen Unglücksfälle und nicht mehr in deren Kritik.

Die subjektiven Gefahren wären zu 95 Prozent zu umgehen, wenn die zu Korpulenten, zu Schwachen, zu Alten, zu Jungen und zu Ungeübten schwierige Touren bleiben ließen, wogegen Gefahren von Seiten von Tieren stets bestehen werden.

Cirka 90 von den 136 Unglücksfällen oder zwei Drittel hätten, nach diesen Erwägungen, vermieden werden können, 46 oder ein Drittel dagegen nicht. Es sind dies die durch Naturereignisse, force majeure, und durch fremde Schuld veranlaßten nebst einem kleinen Teil der durch die Örtlich- keit bedingten Unfälle. Wollte man ganz strenge urteilen, so bliebe aus der vorliegenden Statistik als unvermeidbar nur der einzige Unglücksfall übrig, der auf Blitzschlag sich zurückführte, während alle andern selbst-verschuldete wären. Der Ansicht einiger Engländer, die in der Fachpresse schon zum Ausdruck gekommen ist, daß alle Gefahren durch Vorsicht und Kenntnis ausgemerzt werden könnten, bin ich durchaus nicht, sondern glaube mit dem Verhältnis von 2/3 zu 1/3 der Wahrheit näher zu stehen. Das freilich steht fest, daß äußere und fremde Schuld den weit geringeren Anteil haben an den alpinen Unglücksfällen als das persönliche Verschulden; mit andern Worten, der Stachel ist nicht gegen den Alpinismus zu richten, sondern gegen die Besteiger. Auch Pfeiffer in seiner Zusammenstellung der alpinen Unglücksfälle aus den Jahren 1859 bis 1885 weist dem subjektiven Verschulden 94 Opfer von 126 zu, d.h. drei Viertel vom Total. Wie bei allem Unglück in der Welt, so besonders bei dem der Touristen in den Bergen, trägt der Mensch selbst die Schuld.

Bald ist es Leichtsinn, Verwegenheit, Eitelkeit und Unverstand, bald ungenügende Erfahrung im Begehen gefährlicher Stellen, beim Abrutschen, bald Sparsamkeit am unrichtigen'Orte oder Ungeübtheit und darum vorzeitige Erschöpfung, während bei gehöriger Trainierung ein Teil der komplizierten Bewegungen automatisch wird und die nervöse Erregung sich legt; bald ist es mangelhafte Ausrüstung und Verproviantierung, bald Widersetzlichkeit, Zwängerei, Ausschlagen der helfenden Hand, oder Wegkürzung, Sich-trennen von den andern, Losseilen, mangelhafte Solidarität, mangelnder Mut, abzustehen, oder eine momentane Unaufmerksamkeit; bald ist es Alkoholmißbrauch, und bald sind es andere Verstöße gegen clubistische Regeln, was zum Verhängnis führt; Leidenschaft und Freude am Sport gehen mit der Vorsicht durch. Der Thatsache, daß der Alpinismus zum „ Sport " geworden, sind die alpinen Unfälle als Strafe auf dem Fuße gefolgt.

Eine Verkettung von unglückl ich en Umständen ist es, was zur Katastrophe führt. Wind und Wetter, ungünstige Schneeverhältnisse verlangen erhöhte Leistung; diese ruft ihrerseits wieder vorzeitige Ermüdung und diese verminderte Aufmerksamkeit hervor; das Ausgleiten wird begünstigt ( es führte unter den 136 Fällen 44 mal zum Verhängnis ). Ungeübtheit führt zu rascherer Ermüdung, zu Schwindel und Schwächezuständen, was an gefährlichen Stellen zum Verderben werden kann. Schneestürme und Kälte machen die Hände steif und gefühllos, eine Gefahr beim Klettern; wem die Füße erfrieren, dem geht der Halt verloren. Karte und Kompaß genügen nicht, um bei Nebel und eintretender Dunkelheit den An- oder Abstieg zu finden; Wegmarkierungen geben wohl die Richtung an, aber nicht die Art und Weise der Inangriffnahme eines Wegstückes. Die Gefahren des Gebirges zu kennen, genügt nicht, es müssen auch die Waffen, sie zu bekämpfen, gekannt sein, und wer sie verschmäht, ist selbst schuld am Verhängnis. Die Gelegenheitsursachen zu einem Unglücksfall wachsen mit der Schwierigkeit der Tour, nehmen aber ab mit der zunehmenden Fähigkeit des Touristen. Die „ Gefährlichkeit " einer Tour ist abhängig von einer Summe von subjektiven Momenten. Eine Gletscherspalte, eine steile Wand bedingen noch durchaus keinen Unglücksfall; es gehört noch ein weiteres Moment, eine Gelegenheitsursache dazu, ein Windstoß, ungenagelte Schuhe, Erschöpfung, unvorsichtiges Abfahren etc.

Bezüglich der Verletzungen, die im einzelnen Falle den Tod herbeiführten, fehlt leider in der Hälfte der Fälle die Angabe. Schwere Kopf-oder Rückgratsverletzungen, mehrfache Knochenbrüche forderten 86 Opfer, unter Lawinen vergraben und in Gletscherschründen verschüttet wurden 6, durch unzweckmäßige Handhabung des Seiles erdrosselt 2, vom Blitze getroffen einer, infolge Überanstrengung im Nebel umgekommen sind 6, an Herzschlag verendet 4, erstarrt, weil verirrt oder erschöpft, 13, ver-verblutet 2 und inneren Verletzungen erlegen 9.

Wie viel Schmerz bei den Verunglückten und wie viel Herzeleid bei ihren Angehörigen diese Zahlen in sich bergen, mag jedermann selbst bemessen; zur Abwehr der alpinen Unglücksfälle fordert es uns alle auf; sie ganz aus der Welt schaffen, hieße den Menschen des Alpensinns berauben. Das geht nicht an, wohl aber erfordert die Billigung des Bergsteigens ernste Vorbehalte. Es gilt hier, wie so oft im Leben, des Dichters Ausspruch:

Eines schickt sich nicht für alle, Sehe jeder, wie er 's treibe, Sehe jeder, wo er bleibe, Und wer steht, daß er nicht falle!

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