Mittelalterlicher Verkehr und Handel über unsere Alpenpässe

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Von G. Meyer von Knonau ( Sektion Uto ).

Für die Beurteilung durch die Geschichtforschung fallen von unserer gewaltigen Alpenkette, wie wohl zu begreifen ist, nicht die mächtigen in alle Ferne hinaus beherrschend emporragenden Gipfel in Betracht. Vielmehr sind es die den Augen sich oft entziehenden Einsenkungen, die bescheidenen Sättel zwischen den stolzen Höhen, die zu ihnen emporleitenden tief eingerissenen Thäler, denen die Aufmerksamkeit des Historikers sich zuwendet, über die er die Archive, die Zeugnisse der Geschichtschreibung durchsucht. Denn für den menschlichen Verkehr sind ja jene stolzen Gebirgsketten, vollends wenn sie in Starrheit des Eises geschlagen sind, nur Hindernisse, die die längste Zeit hindurch abschreckend wirken mußten. Die Völker, die anfangs spärlich genug sich in die Gebirge hinein wagten, und noch vielmehr die kühnen Händler, die es- unternahmen, durch diese unwirtlichen Thäler hinauf den Weg nach der abgewandten Seite der Alpen für ihre Waren auszuspüren, oder in Zeiten des Kampfes die Führer der bewaffneten Scharen, die zur Beute-holung oder zur Eroberung den Übergang suchten 1 ), alle richteten ihr Augenmerk auf jene, dem menschlichen Fuß bequemsten, auf die gefahrlosesten, die niedrigsten Einsenkungen der die Länder scheidenden Ketten.

So ist denn auch die älteste Geschichte unserer schweizerischen Alpenthäler in manchen Hauptstücken, oft in den wichtigsten und ältesten Abschnitten, aus den erkennbaren Spuren des in ihnen sich entwickelnden Verkehrs herauszulesen, und so stellt es sich als ganz selbstverständlich dar, daß jegliche Bereicherung unserer Kunde von diesen Dingen eine Anmerkung. Der Verfasser sprach über dieses Thema vor der Sektion Uto am 9. November 1900.

Mittelalterlicher Handel und Verkehr über unsere Alpenpässe.

hocherwilnschte Vervollständigung unseres Wissens von unserer Vorzeit bringt. Deswegen ist eine „ Geschichte des mittelalterlichen Handels und Verkehrs zwischen Westdeutschland und Italien ", wie sie als eine der zahlreichen wertvollen Veröffentlichungen der historischen Kommission unseres Nachbarlandes Baden 1900 erschienen ist, ein Werk, das im Umkreise der Gesellschaft, der die Kunde unserer Alpen seit bald vierzig Jahren so Großes verdankt, zur vollen Beachtung zu bringen eine lohnende Aufgabe ist.

Der Verfasser des umfangreichen doppelbändigen Buches ist als Ehrenmitglied der Allgemeinen Geschichtforschenden Gesellschaft der Schweiz schon seit zehn Jahren unserer Arbeit auf historischem Felde nahe gerückt, und 1893 ist sein Name, wenigstens in einem unserer Gebirgskantone, weit über die wissenschaftlichen Kreise hinaus viel genannt worden, als im „ Jahrbuch " jener Gesellschaft seine Abhandlung: „ Gilg Tschudi, Glarus und Säckingen ", erschien. Aloys Schulte, damals noch Professor zu Freiburg im Breisgau, hatte, nach eindringlicher Untersuchung, eine ganze Reihe vorgeblich mittelalterlicher Urkunden, die allerdings zum Teil schon im Verdachte der Fälschung standen, als Erfindungen Ägidius Tschudis hingestellt, und diese ohne Zweifel die Autorität des Geschichtsschreibers schwer erschütternde Anklage war geeignet, in Glarus Widerspruch von gewissen Seiten hervorzurufen. Aber die Überzeugung, daß einzig die Wahrheit in historischen Fragen das Urteil spreche, ist seither siegreich auch dort völlig durchgedrungen, und Dekan Dr. Gottfried Heer, der verdienstvolle Verfasser der „ Geschichte des Landes Glarus ", hat ihr schon 1898 in sein Werk vollen Eingang geschenkt, wenn er die Aufstellungen Tschudis, die Schulte anfocht, gänzlich als „ Fälschungen " bezeichnet.

Aus weit größerer Entfernung, aus Breslau, wo er als akademischer Lehrer wirkt, schenkt jetzt Schulte dem Alpenlande diese neue große Arbeit ' ). Einem starken Bande „ Darstellung " geht der Abdruck von 451 Urkunden aus den letzten Jahrhunderten des Mittelalters zur Seite, überwiegend aus oberitalienischen, schweizerischen, süddeutschen Archiven.

Der Wert der in dem Werke niedergelegten Studien für unsere Landesgeschichte liegt nun insbesondere darin, daß der Verfasser von vornherein seine Aufgabe auf den Teil der Alpen einschränkte, der zwischen dem Großen St. Bernhard westlich, dem Julier östlich liegt, so daß es also unsere schweizerischen Pässe sind, denen die Aufmerksamkeit geschenkt wird. Aber bei der Erörterung der Verhältnisse in den ältesten erkennbaren Zeiten fehlt noch gerade der am meisten central gelegene dieser Übergänge, dem der Verfasser nachher in besonders ausWie sehr die Schweiz dabei in Frage kommt, geht daraus hervor, daß unter mehr als 500 Titeln der benutzten Werke und Abhandlungen 112 unserer eigentlich schweizerischen historischen Litteratur angehören.

drücklicher Weise zusteuern will. Wir stehen da noch vor der Zeit der Entdeckung des Gotthardweges. Immerhin machen sich schon vor diesem Zeitpunkte bei der Betrachtung der allgemeinen geographischen Vorbedingungen sehr bestimmte Gesichtspunkte geltend. Während auf der Nordseite der Alpen der Verkehr unfraglich eine Divergenz aufweist, ist im Süden Konvergenz vorhanden; denn Mailand ist durch seine günstige Lage hier die Stadt der Mitte. Aber freilich hat erst die Heraushebung des St. Gotthard aus seinem früheren Dunkel dann eine lebhafte Konkurrenz der westlicheren und der östlicheren Pässe bedingt. Jetzt erst machten sich die Anwohner dort des Rhonesystems hier der Gruppe vom Rheingebiete an die Besserung ihrer Wege, an die Organisation des Transportes. Eine wie große Bedeutung zwar insbesondere der Große St. Bernhard im Hochmittelalter hatte, zeigt ein Blick anf die Zuwendungen, die dem dort erbauten Hospize, „ der Wärmestube für den Armen und dem Palast des höchsten Königs ", wie ein Graf von Savoyen sinnig sich ausdrückte, zu teil wurden. Von Apulien und Sicilien bis nach England erstreckten sich Besitzungen des Klosters, und eine ganze Kette von Spitälern, durch das Bistum Lausanne, durch den Jura, durch Burgund, die Champagne, zum Kanäle bis nach London, wo ein englischer König im zwölften Jahrhundert reiche Ausstattung gab, zeigt den nordwestlich reichenden Zugang, auf dem die Wanderer dem Paß im Wallis zustrebten. Ganz vorzüglich ist dabei die Landschaft Champagne von Wichtigkeit; denn hier lagen Troyes und Bar sur Aube und die anderen großen Meßplätze, die seit der Mitte des zwölften bis in den Anfang des vierzehnten Jahrhunderts für Ware und Geldverkehr den Mittelpunkt bildeten, so daß hier unter dem verständnisvollen Schutz des einheimischen Grafenhauses in vorbildlicher Weise Organisationen für den Meliverkehr unter den fremden Besuchern sich herausbildeten.

Indessen wollen wir uns hier, um eine Vorstellung von dem so vielfach anregenden Inhalte des Schulteschen Werkes zu erwecken * ), sogleich der Epoche nach Aufschließung des St. Gotthard im besonderen zuwenden und, ohne die westlichen und östlichen Rivalen aus den Augen zu lassen, vornehmlich unseren centralen Alpenpaß in die Mitte rücken. Allerdings tritt ja bekanntlich der Weg über die Höhe des St. Gotthard erst recht spät in Geltung. Den Großen St. Bernhard haben die Römer schon längst benutzt vorgefunden und danach eifrig in Gebrauch gezogen und zur eigentlichen Straße ausgebaut; in Rätien fordern ebenso die Angaben der römischen Itinerare für die Wege zwischen den Endstationen Bregenz und ComMailand mehrere Übergänge, neben dem Splügen und Julier wohl für die spätere römische Zeit noch Lukmanier Mittelalterlicher Handel und Verkehr über unsere Alpcnpässe.

oder Bernhardin ). Über den St. Gotthard schweigen alle Zeugnisse bis in die erste Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts.

Bekanntlich spricht der Abt des Benediktinerklosters St. Maria in Stade, der Stadt nahe der Mündung der Elbe in die Nordsee, Albertus, der 1236 in Sachen seines Klosters zum Papste Gregor IX. nach Rom pilgerte, als der erste Zeuge in seinen Jahrbüchern von dem Übergang von Bellinzona nach Luzern „ über den Berg Elvelinus, den die Lombarden Ursare nennenwie er überhaupt die meisten begangenen Pfade in Italien, Deutschland und Frankreich mit großem Fleiße aufzählt; so schildert er in Stationen den Weg von Corno über Lugano und weiter bis Zofingen und Basel. Wahrscheinlich aber war der Paß vom Tessin zur Reuß schon eine kurze Zeit vorher, vor 1236, geöifnet.

Schulte auch nennt diese „ That ", die Anlage der auf Ketten ruhenden Holzbrücke an den Felsen über der Reuß zur Verbindung des Thales von Andermatt mit der Schlucht der Schöllenen, ein Ereignis, „ von gewaltigen weltgeschichtlichen Wirkungen ": es habe dem Welthandel neue Bahnen gewiesen, die Gründung der Eidgenossenschaft und die Bildung des Kantons Tessin herbeigeführt: „ Wie dieser Entdecker hieß, der würdig eines Denkmals wäre, wird freilich immer unbekannt bleiben. War es der Schmied von Urseren? Das Eisen feierte hier seine ersten technischen Triumphe. " „ An Stelle eines Gebirgsklotzes, den jedermann als ungangbar umging, war der St. Gotthard die beste und bequemste Verbindung zwischen Westdeutschland und Italien geworden. "

Sehr gut wird hierzu durch die Ausführung Schultes dargelegt, wie aus der anfänglichen Politik der deutschen Kaisergewalt, die wichtigen Gebiete am gangbar gemachten Gotthardpasse dem Reiche zu gewinnen und zu erhalten, diejenige der Eidgenossen nachher sich entwickelte und endlich den vollen Sieg gewann. Denn die Schweiz, als ein „ Paßstaat ", mußte notwendigerweise in ihrer weiter reichenden territorialen Ausbildung darauf ausgehen, von der Beherrschung der nördlichen Paß-zugänge aus auch über den Paß hinüber südlich sich auszubreiten.

Aber allerdings gingen eben diesen erst hernach folgenden Schritten der eidgenössischen Politik die Maßnahmen des Reiches voraus, und hier faßt die Ausführung Schultes Entschließungen des Kaisers von der Südseite und vom Nordabhange zusammen.

Es war der letzte große Gebieter aus dem staufischen Hause, Friedrich IL, in dessen Regierung diese Entscheidungen fielen. In dem Kampfe der Städte Corno und Mailand um die gebietende Stellung am: .'ISüdabhange der Alpen traf er von Reiches wegen 1240 die Ordnung der Dinge dergestalt, daß er für das Reich auf das Gut der Kirche von Mailand die Hand schlug und als Verwalter namens des Reiches einen bayrischen Markgrafen ernannte, unter dem jetzt das Livinenthal und Bellinzona und die Burgen am Monte Cenere standen, während Comò sich mit wenigen nebensächlichen Gebieten begnügen mußte. Aber bis 1242 wandte sich das Glück auf die Seite Mailands, und mit der Besetzung Bellinzonas konnte der Podestà von Mailand sich rühmen, daß jetzt die Wege nach Frankreich und Deutschland den Mailändern offen ständen und den Feinden verschlossen seien. In ähnlicher Weise hatte aber ferner schon 1231 Friedrichs II. Sohn und Stellvertreter im deutschen Reiche, der junge König Heinrich, die Vogtei über Uri an das Reich zurückgekauft unter Zustimmung des bisherigen Inhabers, des Hauses Habsburg, das anderswo entschädigt wurde. Doch auch da wandten sich nachher die Dinge. Graf Rudolf von Habsburg, der nachherige deutsche König, verstand es, für seinen Hausbesitz einen ganz erheblichen Teil der Gebiete an der Paßlinie, darunter Leute und Gut in den Waldstätten, vorzüglich in Unterwaiden, zu vereinigen, und auch als er Lenker des deutschen Reiches geworden war, hatte sein ganzes Thun wenigstens nach dieser Richtung einzig den Anstrich einer Politik für sein Haus, für die Dynastie Habsburg - Österreich, wobei die Erwägung für das Reich ganz zurücktrat. Wie 1283 König Rudolf die Vogtei Urseren seinen Söhnen zu Lehen gab, wie er die wichtigen Plätze Zofingen und Aarburg gewann, so fügte er noch die Burg Rothenburg, unweit Luzern, und danach in seinem Todesjahr 1291 diese Stadt selbst und den umliegenden Landbesitz des Klosters Murbach dem habsburgischen Machtbereiche ein. So hatte König Rudolf den Grund zu einem „ österreichischen Paßstaate deutscher Zunge ", wie es schien, auf die Dauer, gelegt.

Doch schon gleich nach des Königs Tod verschoben sich die Dinge wieder. Ein Hauptzeugnis der allgemeinen Mißstimmung gegen Rudolfs eigensüchtiges Vorgehen war die auf die Nachricht von seinem Hinschiede alsbald folgende Verbindung von 1291 zwischen den drei Waldstätten, der Anfang unserer Eidgenossenschaft, zur Abwehr der drohenden Gefahr, in einem größeren Verbände die örtliche Selbstbestimmung zu verlieren, und vollends im Reiche erfuhr sein Haus statt der notwendigen Fortsetzung seiner Machtstellung eine jähe Unterbrechung, indem nicht der Sohn Rudolfs, Herzog Albrecht, zunächst von den Kurfürsten als König erwählt wurde.

Allerdings trat danach, durch den Tod des Königs Adolf in der Schlacht um das Reich im siebenten Jahr, nachdem er dem Herzog Albrecht bei der Bewerbung um die Königswürde mit Erfolg in den Weg getreten war, und durch Albrechts eigene Erwählung als Nachfolger im Königtum, eben 1298, nochmals eine äußerst thatkräftige habsburgisch-königliche Alpenpolitik in Geltung, durch welche die Rechnung des Eidgenossen-bundes zurückgeschoben zu werden schien. Hatte schon König Rudolf in einem an die italienischen Kaufleute, die die französischen und flandrischen Messen besuchten, gerichteten Manifeste 1283 den Gotthardweg, wie das wohl sicher anzunehmen ist, unter ein außergewöhnlich fest gesichertes Geleit gestellt, so ging König Albrecht gleich bei seiner ersten Anwesenheit am Vierwaldstättersee nach seiner Wahl, zu Luzern im März 1299, auf diesem Wege weiter. Er gab nämlich einerseits gegenüber anwesenden Vertretern italienischer Kaufleute, die er unter seinen Schutz nahm, bestimmte Zusicherungen, und anderenteils erteilte er dem Bischof von Basel und dem Grafen von Homberg, ferner dem Abt von Murbach und dem Grafen von Pfirt, sowie dem Herzog Friedrich von Lothringen und dessen Sohn Theobald, außerdem dem Grafen Heinrich von Bar — mit andern Worten den auf dem Wege zur Champagne Geleitsrechte ausübenden Fürsten — den Befehl, sicheres Geleit für die Kaufleute zu geben, und weiter stand damit der wichtige Entscheid in Verbindung, daß Albrecht den Zoll von Jougne nach Luzern, also aus dem Jura nach dem Vierwaldstättersee, verlegte. Diese Verschiebung hing mit dem vom Könige gar wohl verstandenen Wunsche der italienischen Kaufleute zusammen, einen Weg nach der Champagne durch Deutschland benutzen zu können, der von den Einwirkungen des unablässig sich ostwärts ausdehnenden und weiter ausgreifenden französischen Königtums frei wäre 1 ). Weiter jedoch suchte er in seinem Reiche selbst den Handel zu erleichtern, und das geschah, indem er im Kampfe mit den ihm auch sonst widerwärtig gewordenen Kurfürsten vom Rhein die dortigen lästigen Zölle aufhob und den Strom frei machte. „ Geöffnet ist der Rhein, und es haben die Schiffe frei zu Berg fahren und hinunter reisen können ": so freute sich ein Geschichtsschreiber in einem elsässischen Kloster. Freilich blieben Albrechts eigene habsburgische Zollstätten in voller Geltung, und besonders bewies der für Albrechts Zeit feststehende Ertrag des Zolles, der in Luzern für die Strecke von Hospenthal bis nach Reiden erhoben wurde — im Höchstertrag 1108 Pfund, im Mindestertrag 460 Pfund Basler Währung — wie ansehnlich die Einnahme aus dem St. Gotthard-Verkehr in der Rechnung der Habsburger Dynastie sich darstellte. Doch auch noch aus weiteren geschichtlichen Ergebnissen erhellt deutlich die Wichtigkeit dieser Verbindung über die St. Gotthardhöhe. Die rätischen Pässe waren geradezu in Gefahr, überflügelt, verdunkelt zu werden, und Anstrengungen traten zu Tage, um sich dagegen zu wehren. Schon 1278 und wieder 1291 werden Versuche sichtbar, auf Luzern, auf Zürich einzuwirken, um sie für die Benutzung der rätischen Pässe festzuhalten, neu zu gewinnen. Zwei Bischöfe von Cur nacheinander, rätische Dynasten sichern das eine Mal unter den die Straße von Curwalchen Fahrenden voran den Luzernern, das zweite Mal ausdrücklich den Zürchern gutes Geleite und guten Frieden zu. Ebenso verbesserten und vervollständigten die Walliser, denen dabei, abgesehen von der Thätigkeit der Grafen von Savoyen, die Mailänder Kaufleute hülfreich die Hand reichten, ihre Wege, zu denen jetzt auch der Simplon bald in recht starker Benutzung zu rechnen war.

Allerdings bröckelte seit dem gewaltsamen Lebensende Albrechts 1308 von der in zielbewußter Weise auf der Verbindung von Königsgewalt und Territorialherrschaft geschaffenen Gründung einer erdrückenden Macht manches Stück ab, und auch an der Gotthard-Stellung erlitt Habsburg-Österreich Einbußen. Albrechts neugewählter Nachfolger, der Lützelburger, König Heinrich, bestätigte und erweiterte wieder den im Bunde der Eidgenossen vereinigten drei Waldstätten ihre Freiheiten und ermutigte sie so zum Widerstände gegen Albrechts Erben. Zwar suchte er durch die Ernennung eines Reichsvogtes, der über die Länder walten sollte, in der Person des Grafen Wernher von Homberg, die Rechte des Reiches völlig festzuhalten. Dann aber, als nach Heinrichs VII. frühem Tode gar eine Doppelwahl das Reich zerriß, und als dieser Kampf wegen der Doppelbesetzung des Königsthrones, durch den Habsburger und den Witteisbacher, notwendigerweise mit dem Gegensatze zwischen dem Hause Österreich und der Eidgenossenschaft sich verflocht, als König Friedrich die Schwyzer wegen ihres feindlichen Vorgehens gegen das hochadelige Kloster Einsiedeln ächtete, König Ludwig aber diese Acht aufhob und selbstverständlich der Eidgenossen sich annahm, da war die feste Grundlage zu einem neuen Staatsgebilde geschaffen, das durch den Sieg am Morgarten 1315 die Bestätigung gewann. Schulte drückt das in Beziehung auf den St. Gotthard ganz zutreffend aus: „ Am St. Gotthard bildet sich ein Paßstaat, und der Paß geht dem Reiche auf die Länge verloren. "

Überhaupt gestaltete sich auch der ganze Zusammenhang der Dinge schon gleich nach König Albrechts Tode wesentlich um. Heinrich VII. fand sich durch allgemeine politische und durch persönliche Erwägungen bewogen, die Rheinzölle zu gunsten der Kurfürsten herzustellen; jener Elsässer Annalist fährt nach den freudigen Worten über die Öffnung des Rheines klagend fort, daß die Ritter des Landes den Strom wieder geschlossen haben, so daß kein Kaufmann mehr zu erscheinen wage. Aber ebenso entging der Reichsgewalt durch Heinrichs VII. Eingreifen in der Lombardei, in schließlicher Folge seiner dortigen Thätigkeit, endgültig die Verfügung über die südwärts vom Passe den Gotthard-Verkehr bedingenden Landschaften. Denn mochte auch der König, so wie ihn Dante bei seinem Eintritt in Italien begrüßte, als der Friedens- Mittelalterlicher Handel und Verkehr über unsere Alpenpässe.

Stifter zuerst gekommen sein, die notwendige Weiterentwicklung der Dinge riß ihn in dem von Parteien zerrissenen Lande unabweislich in den wilden innern Kampf mit hinein, und aus der deutschen Einmischung erwuchs schließlich jene starke und dauerhafte Signorie der Visconti über Mailand, welche auch die Verfügung über die Südseite der Alpen in ihre Hände zog. Die Erstarkung der Eidgenossenschaft endlich, wie sie in der vollen Anerkennung ihrer Privilegien durch König Ludwig 1316 sich aussprach, gab den Paß von Luzern nach Bellinzona, Corno und Mailand im Alpengebirge ganz in die Verfügung der Leute von den Waldstätten, voran von Uri, die auch den noch von Habsburg abhängigen ürserern Deckung gaben, und schon sieht man, daß Luzern, das durch Störung des Verkehrs am St. Gotthard stets schwer leiden mußte, jetzt ohne Vermittlung seiner habsburgischen Herrschaft unmittelbar mit den Waldstätten verhandelt. Die Stadt am Ausfluß der Reuß aus dem Vierwaldstättersee, der gegebene Marktplatz der Thäler am See, zu denen von da aus die wichtige Zufuhr der unentbehrlichsten Lebensmittel stets sich vollziehen mußte, fängt an, sich nach dem Willen der Ländler zu richten, und auch das entferntere Zürich muß auf die Länge, wenn freilich hier die volle Zwangslage bei weitem weniger sich darstellt, nicht unähnliche Wege gehen. Schulte faßt das in den Worten zusammen: „ Der Paß gab diesen Thalleuten die weckende Kraft und politische Bedeutung; er wird das Centrum des Schweizer Staatengebildes, und er, der bestimmt schien, aufs innigste das deutsche Reich mit dem Gebiete der alten langobardischen Krone zu verbinden, trennt sie noch viel mehr, als der unwegsame Berg es viele Jahrhunderte gethan hatte. "

Ein eigentümliches Zusammentreffen ist nun noch, daß gerade zu dieser Zeit, zuerst im habsburgischen Urbarbuch, der Berg „ Elbel " unter seinem heutigen Namen erscheint, als St. Gotthard. Jedenfalls war es die Errichtung einer Kapelle auf dem Berge, die es bedingte, daß der alte an die Lepontiner erinnernde Name verdrängt wurde. Der heilige Gotthard — oder Godehard, wie seine niederdeutschen Sprengelange-hörigen den Namen sprachen — war ein Bischof von Hildesheim gewesen, der sich um die dortige Kirche vielfache Verdienste erworben hatte. Aber er stand doch dem Passe an den Quellen von Reuß und Tessin sehr ferne. Da ist es wichtig, zu beobachten, daß es in Mailand eine St. Gotthardskirche gab, daß der 4. Mai, der Tag des Bischofs, in Mailand als bürgerlich zu beachtender Festtag galt, wo die Gerichts-sitzungen ausfielen, so daß es nahe liegt, anzunehmen, der Name sei in ähnlicher Weise von Mailand aus gegeben worden, wie der Lombarde nach dem ihm näher liegenden Lande Urseren dem Urner Lande den Namen „ Äußer-Urseren " anheftet.

Immer stärker befestigte sich darauf durch den Beitritt von Luzern und Zürich, durch den siegreichen Ausgang des Sempacherkrieges, indem besonders Luzern den von den österreichischen Herzogen mit Freiheiten ausgestatteten, ihm widrigen Platz Rothenburg brach und seine Grenzen nordwestlich auf der dortigen Zugangsstraße zum St. Gotthard vorschob, die achtörtige Eidgenossenschaft, und vollends die Eroberung des Aargaus 1415 legte die Regelung des Verkehrs auf den zum St. Gotthard führenden Wegen ganz in die Hände eidgenössischer Orte. „ Die Geschichte dieser Wege — sagt Schulte — ist von 1415 ab in den Abschieden der eidgenössischen Tagsatzungen zu lesen. " So ging der Reichszoll zu Flüelen allmählich in die Gewalt von Uri über; der Zoll von Luzern war durch die Habsburger-Herrschaft verpfändet; die Rothenburger Zollstätte diente ihr seit dem Verluste des Platzes nicht mehr. Selbstverständlich lag nun die Instandhaltung des Weges, zumal seit 1410 Uri durch das Burgrecht mit Urseren auf der Paßhöhe selbst die Gewalt gewann, ganz bei den Thalgenossenschaften, und schon 1370 verbürgten neben den Urnern und ihren ältesten Bundesgenossen auch schon Zürich, Luzern und Zug die Sicherheit auf der Straße von der stiebenden Brücke abwärts. Doch unumgänglich notwendig war es nun ferner, wenn Uri einmal so weit gelangt war, daß es auch südwärts weiter vorstieß. Im Thale Livinen hatte sich durch das vierzehnte Jahrhundert, unter Entfremdung des Gebietes von der Beziehung zum Reiche, die Herrschaft der Visconti befestigt; wie bis auf die Höhen des Lukmanier und des Splügen, bis an den Grenzbach des Thales Bergell oberhalb Plurs, so reichte nun 1390 das Gebiet des Hauses der mailändischen Herren bis auf den St. Gotthard hinauf. Die ausgebildete Wirtschaftspolitik, die ins Einzelne ausgebildete Verwaltung dieses in seinem Aufbau als ein neues Gebilde sich darstellenden Staatswesens erwiesen sich nun auch in der Sorge für die Pässe, in der Verteilung der Pflicht des Straßenbaus, derjenigen der Aufsicht über die Wasserläufe auf die einzelnen Gemeinden, vor allem aber in der Bewachung der Sicherheit des Weges. Aber als der von König Wenzel zur Herzogswürde erhobene Giovan Galeazzo 1402 gestorben war und in der Zeit einer schwachen Regentschaft arge Wirren über den mailändischen Staat hereinbrachen, da griffen auch Uri und Obwalden zu und bemächtigten sich 1403 des Thales Livinen als einer gemeinsamen Herrschaft. Freilich blieben ja hier im fünfzehnten Jahrhundert die Rückschläge nicht aus. Erst mit dem Besitz des festen Bellinzona, das zu gleicher Zeit zum Gotthard, zum Lukmanier und Bernardino die Zugänge sperrt, war die Stellung der eidgenössischen Herren im Tessinthale gesichert; aber dieser Platz, den sich jene durch den Ankauf von Seiten des neuen Gebieters, des Freiherrn von Sax, kaum erst erworben hatten, ging ja 1422 durch die Niederlage bei Arbedo schon wieder verloren, worauf die Visconti jene große Thalsperre mit ihren Türmen und Mauern durch die ganze Thalbreite bei Bellinzona errichteten. Doch zuerst erlangte nun da die Eid- Mittelalterlicher Handel und Verkehr über unsere Alpenpässe.

genossenschaft überhaupt für sich nach Oberitalien hin wichtige Zoll-befreiungen, so daß sie sich als ein geschlossenes Handelsgebiet hier zwischen Deutschland und Italien hineinschob: so zahlte der Urner für seine Viehware keinen Zoll, wenn er sie auf die lombardischen Märkte trieb, während der Mailänder Kaufmann seinen Zoll entrichten mußte: „ Auch in dieser Stellung im Handelsleben — schließt Schulte — dokumentiert sich die Überlegenheit der Alpenkantone über das Herzogtum der Ebene. " Allein dann wurde vollends zuerst das gleichfalls einge-büßte Livinen wieder urnerisch, wurden im Zusammenhang mit den weltgeschichtlichen Kämpfen um Italien, an der Scheide von Mittelalter und Neuzeit, erstlich 1500 Bellinzona und die angrenzenden Thäler, hernach 1512 die unteren, jetzt den Kanton Tessin bildenden Landschaften, eidgenössischer Besitz. „ Es war nun wirklich der Weg von der Ebene des Po bis zur oberrheinischen Tiefebene einem Staatswesen einverleibt 5 von Basel bis zum Sottocenere und zum Nordende des Langen Sees wanderte der Kaufmann fortan im Schütze der Eidgenossen. Ihr Staatsgebilde war ein Paßstaat eigentümlichster Art, der die Erinnerungen seines Entstehens in sich trug und trägt. "

Indessen ist es nun sehr lehrreich, mit dieser Geschichte unseres schweizerischen Centralpasses die Entwicklung der Dinge auf den rätischen Paßhöhen bis zum Ende des Mittelalters zu vergleichen.

Die Gefahr, durch den St. Gotthardpaß verdrängt zu werden, veranlaßt immer größere Anstrengungen der Anwohner an den rätischen Wegen, über deren Gangbarmachung, deren Sicherheit zu wachen. Für den Septimer war der Bischof von Cur, in dessen Gebiet der Übergang lag, zu sorgen aufgefordert, damit nicht der Verkehr sich einer anderen Straße, wo er ausgeschlossen war, etwa dem Splügen oder Bernardino, zuwende, und so erreichte es Bischof Peter, daß 1359 Kaiser Karl IV. alle anderen Wege, außer der bischöflichen Straße über den Septimer, für die gesamten Reichsstädte geradezu verbot und dem Bischöfe frei-stellte, solche andere ungewohnte Wege zu sperren. Dessenungeachtet begannen die Mailänder bei dem schlechten Zustande des Septimer-Weges neuerdings Bemühungen für Benutzung einer anderweitigen Straße. Da entschlossen sich 1387, in einer Verpflichtung gegenüber Bischof Johann, die Bergeller, der bischöfliche Dienstmann Jakob von Castelmur für sich und seine Erben, den Weg so zu bauen, daß Wagen mit sechsunddreißig RubbLast von Tinzen bis nach Plurs verkehren könnten, wofür sie eine bestimmt normierte „ Weglösi " an einem ihnen passenden Orte erheben dürften. Dessenungeachtet schien schon seit 1390 eine neue Anfechtung der Geltung des Septimer — von Konstanz her — zu gunsten des Lukmanier eintreten zu sollen, und daß Kaiser Sigmund zweimal eben über diesen letztern Paß ging, dürfte dafür sprechen, daß seine Straße gut im stände war. Dann aber setzte die Bewerbung des Splügen um den Vorrang in nachdrücklicher Weise ein, als mit den sechziger Jahren des fünfzehnten Jahrhunderts die Leute von Thusis, Katzis, Mazein mit Hülfe der Schamser und Rheinwalder und derjenigen von jenseits des Splügen und Bernardino den Weg zwischen Thusis und Schams, „ so man nempt Fya Mala ", zu hauen und zurecht zu machen sich anschickten und dadurch nun die Kaufleute nachhaltig auf diese ihre Straße zogen, damit dem Splügen den Vorzug zu geben sich bestrebten. Doch 1498 und 1499 lauten dann wieder Transportordnungen zu gunsten des Septimer. Allein neben all diesem Wettbewerbe zwischen den einzelnen rätischen Landschaften erwuchs inmitten durch das fünfzehnte Jahrhundert hin in zunehmender Bedeutung das System der drei Bünde, die, auf den Thalgemeinden aufgebaut, die feudalen Gewalten zugleich zurückschoben und doch auch mit sich rissen, die nun, gleich den Eidgenossen am St. Gotthard, einerseits die Zollfreiheit im Mailändischen errangen, andererseits jene „ wirkende Kraft " entwickelten, die den Staat Graubünden gleichfalls zu einem „ Paßstaate " machten, der über die Alpenkämme hinübergriff. War Bergeil schon längst dem Bistum Cur zugehörig, hatte die Landschaft Misocco am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts dem Grauen Bunde sich angeschlossen, so eroberten vollends 1512 die Bündner Chiavenna und das Addaland und fügten so die Südausläufer der Paßwege ihrem Gebiete ein. Ebenbürtig steht nun der rätische „ Paßstaat " neben demjenigen des St. Gotthard.

Außerdem aber zeigte diese östliche Gruppe von Pässen auf das deutlichste die Ausbildung der Transporteinrichtungen, der „ Porten ",. „ Roden " oder „ Teile ", jener Monopolien für den Transport innerhalb der betreffenden Dorfmarken, die aber auch andererseits die Verpflichtung für den Straßenanwohner, in sich schlössen, dem Kaufmann die Waren in Bewegung zu setzen. Wohl um 1390 sind die ganz genauen Angaben über den Transport von Konstanz über den Lukmanier nach Biasca aufgezeichnet worden, die wahrscheinlich mailändische Gesandte aus Konstanz nach Hause schickten; sie weisen von Cur bis Biasca vier Zölle auf, und elf Susten folgten sich von Cur bis Bellinzona ' ).

Ebenso liegen auch schon, wie für den St. Gotthard, so für die rätischen Pässe, individuelle Schilderungen einzelner Reisender vor. Dort ist es beispielsweise eine Weltreise eines andalusischen Ritters Peter Tafur, 1438. Er beobachtete auf dem Passe das Steigen der Wasser von der Mittelalterlicher Handel und Verkehr über unsere Alpenpässe.

Schneeschmelze; den Ochsenschlitten, dem er sich auf dem St. Gotthard anzuvertrauen hatte — an langem Seil zog das Tier und nahm die Gefahr auf sich, wenn etwas fehlte — verglich er mit einer castilianischen Dreschmaschine; er vernahm die von den Führern zur Lösung befürch-teter Lauinen abgefeuerten Schüsse; mit den Mönchen des Gotthard-Hospizes sprach er über die Höhe benachbarter Berggipfel. Hier in Rätien reiste 1492 eine venetianische Gesandtschaft. Vom Bodensee her kamen die Herren nach Cur, wo ihnen der Bischof beim Reverenzbesuche eine soeben von ihm erlegte Gemse schenkte; Parpan, wo kein Gasthaus war, wo sie aber zum Erstaunen noch im September Veilchen fanden, Bivio, Chiavenna waren ihre Nachtquartiere — über den Septimer führten sie beim Abstiege die Pferde an der Handdie ganze Strecke von Lindau bis Corno erforderte neun Tage. Oder das Briefbüchlein der in Mailand und Nürnberg ansässigen Firma Koler, Kreß und Saronno ist heranzuziehen, mit seinen Angaben über den recht starken Verkehr der Jahre 1507 bis 1511, der fast ausschließlich sich der Bündner Pässe bediente. Die Angaben zeigen, wie rasch ein Brief damals, wenn er schnell ging, sogar im Winter, den Weg von Nürnberg nach Mailand zurückzulegen vermochte, in zehn Tagen, oder daß die schleunigsten Botenleistungen zwölf Tage in Anspruch nahmen, daß ein Reisender mit Gepäck in sechzehn Tagen von Nürnberg nach Mailand gelangte.

Aber auch sonst stellt sich für die Erkenntnis des Lebens auf diesen Wegen eine Fülle von einzelnen Zügen ein.

Es ist bis dahin in großen Umrissen der Versuch angestellt worden, gewisse Haupterscheinungen aus der Geschichte unserer Paßwege herauszuheben ' ). Allein das von unserem Autor gesammelte und verarbeitete Material zeichnet überhaupt nach allen Richtungen die Gestaltung des Handels, des Verkehrs in diesen Jahrhunderten. Indessen müssen wir uns damit begnügen, nur noch auf eine oder die andere einzelne Reihe von Vorgängen und Zuständen ein Licht zu werfen. Denn nicht wenige wichtige Kapitel mittelalterlicher Handelsgeschichte im allgemeinen sind in diesem Deutschland und Italien im Verhältnis zu einander gegenseitig abwägenden Werke behandelt.

Ein Abschnitt, der auch für die Geschichte unserer schweizerischen Städte von Wichtigkeit ist, betrifft die Entwicklung des Geldhandels im Mittelalter.

Neben dem Warenhandel erwuchs im dreizehnten Jahrhundert ein selbständiger Geldhandel, und mit diesem zogen auf deutschem Boden italienische Geldhändler ein, mit den überlegenen Formen ihres Handels-betriebes, bis dann diese hinwieder auch vom deutschen Kaufmann übernommen waren und der Fremdkaufmann weichen mußte. Das erste Aufkommen der Geldwirtschaft hatte ganz besonders die römische Kurie durch das System der Einnahmen des päpstlichen Stuhles, dabei besonders auch durch die Ausschreibung von Kreuzzugssteuern, gefördert. Die Kurie garantierte durch geistliche Bestrafung, durch das sehr drastische Mittel der Exkommunikation, die über den säumigen Schuldner verhängt wurde, den Gläubigern wenigstens das Hauptgut, und dergestalt schützte sie das öffentliche internationale Verkehrsleben, womit auf die Länge freilich die Aufrechthaltung des eigenen kirchlichen Zinsverbotes sich nicht vereinte. Für gewisse sehr beträchtliche Abgaben, die Bischöfe oder Äbte für ihre Ernennung oder Bestätigung in Rom zu entrichten hatten, nahmen nun diese, zwar nicht notwendig am Sitz des Papsttums selbst, Geld auf, oder von der Kurie ernannte Kollektoren übertrugen die Übermittlung der in den Bistümern gesammelten Gelder von verschiedenartigen Einkünften an italienische, gelegentlich französische Kaufleute, die dann den Transport des Geldes übernahmen, bald aber auch den Wechselverkehr dafür einführten. Gesellschaften besorgten diese Wechselgeschäfte, und allmählich kam Florenz fast völlig in den Besitz des Geldhandels der päpstlichen Kurie. So erschienen vielfach Italiener als Gläubiger von Prälaten auch in unseren Landschaften. Beispielsweise waren durch den Abt von St. Gallen Rudolf, aus dem thurgauischen freiherrlichen Geschlechte von Güttingen, der auch den bischöflichen Stuhl in Cur bis zu seinem Tode 1226 inne hatte, während seines Aufenthaltes in Italien für Kaufleute von Rom und von Siena Schuldscheine ausgestellt worden, die dann noch vier und dreizehn Jahre nach seinem Tode Umtriebe verursachten, und die Schulden des Klosters Murbach im Elsaß gegenüber dem ansehnlichen Geschäftshause Tolomei in Siena stiegen auf eine solche Höhe, daß bis 1291 Luzern an die Habsburger verkauft werden mußte.

Im ferneren aber traten nun auch italienische Kaufleute, nachdem sie schon im dreizehnten Jahrhundert bei Erhebung kirchlicher Steuern in Deutschland thätig erschienen, vollends nach Verlegung des Sitzes der Kurie von Rom nach Avignon, im darauffolgenden Jahrhundert immer häufiger nördlich der Alpen als Kaufleute, Zollpächter, als Münzer auf. Allerdings sind es jetzt nicht Vertreter jener vornehmen toskanischen, vorzüglich florentinischen Bankhäuser, sondern sie sind und heißen „ Lom-bardenbei uns dagegen in der deutschen Schweiz, wo wir sie so zahlreich antreffen, „ Kawerschen ", und es ist das Wahrscheinlichste, daß diese geläufige Bezeichnung vom Namen der südfranzösischen Stadt Cahors-Caturgium abzuleiten ist, deren Einwohner im Rufe des Wucherbetriebes standen, aus der der als Finanzkünstler so berufene Papst von Avignon, Johannes XXII., stammte, deren Name für Dante im Inferno die Be- Zeichnung für den Kreis, wo die Wucherer weilen: Caorsä », leihen mußte.Von Genf über Freiburg, Bern, Solothurn, Luzern, Zürich bis nach Basel und Constanz finden wir diese Lombarden, Lamparten, Gawerschen, Gau- werschen, oder wie der Name weiter geschrieben wird, sehr vielfach bezeugt. In einer schon früher publizierten Arbeit eines schweizerischen Geschichtsforschers füllen einzig die archivalisch nachweisbaren Geschäfte der Lombarden oder Kawerschen aus einem Notariatsprotokoll der Stadt Freiburg in der Zeit vom Februar 1356 bis März 1359 sechzehn Druckseiten ' ). Eine ansehnliche Zahl von Namen ist uns auf diesem Wege und aus den vielen anderen Quellen mitgeteilt; aber diese Bankhalter wanderten, gingen den günstigen Konjunkturen nach, so daß sie selten mit der neuen Heimat tiefer verwuchsen, und mögen sie nun auch nach Cahors den Namen tragen, die uns bekannten Kawerschen in deutschen Städten stammen fast ohne Ausnahme aus Oberitalien, aus Asti und etwa noch aus dem benachbarten Chieri. Asti war zu jener Zeit, als Turin noch unbedeutend war, der ansehnlichste Platz im oberen Pogebiet, wo wichtige Straßen zusammenliefen, so daß die Verfrachtung der von Genua kommenden Waren hier geschah; eine einträgliche Wollmanu-faktur war da im Gange, aber ganz besonders widmeten sich eben die Astenser schon seit den ersten Jahrzehnten des dreizehnten Jahrhunderts dem Ausleihen von Geld auf Zinsen, so daß sie in Italien bald als Wucherer bekannt wurden. So kamen überhaupt diese Lombarden in Verruf; sie galten als sündige Christen, den Juden gleich, wurden ais-unehrlich angesehen. In Basel wurde es 1278 den Minoritenmönchen lebhaft verdacht, als ein Skandal erklärt, als diese einem verstorbenen Kawerschen die Ehre der Bestattung erwiesen. Nur ganz ausnahmsweise konnte etwa in einer der deutschen Städte ein solcher Fremder zu einem Amte kommen, oder eine Tochter des Landes reichte ihm die Hand zur Ehe, wie in Freiburg die Asinari und Saliceto; dagegen ist da auch der reiche Zinsherr Anton de Saliceto 1460 als Führer der savoyischen Partei,, also allerdings aus einer politischen Ursache, hingerichtet worden. Denn das ganze Schwergewicht der Thätigkeit dieser Lombarden liegt im Gewähren von Kredit; das für die Kenntnis ihres Handelns wichtige große Zürcher Lombardenprivileg von 1409, das noch am meisten hinausgreift, streift allerdings den Warenhandel, nennt ihn aber, auch nur mit Beschränkungen, bloß im Verlaufe der Urkunde. Freilich sind die Schuldner dieser Kawerschen zumeist nur Leute niedrigeren Standes, überwiegend Handwerker, doch auch Adelige, Geistliche, und in einem einzelnen Falle,, in dem Schuldverhältnisse der Freiherren von Weißenburg, der lange Zeit mächtigsten Herren im Berner Oberlande, gegenüber den Guttuario oder Gutveri, aus Asti, war es für Bern sehr vorteilhaft, daß sich die Stadt der Sache ihrer Lombarden und anderer Gläubiger jenes ökonomisch zerrütteten Herrengeschlechtes annahm, und so schließlich dazu gelangte, über dessen Gebiet die Hand zu schlagen. Die Frist zur Bezahlung war gewöhnlich außerordentlich kurz erstreckt; Wochenzins wurde berechnet, und daß so der Zinssatz für das Jahr bis zu 43,33 Prozent anstieg, „ ze gewonlichem Gesuche ", ist für Constanz, Bern, Solothurn, Zürich, Luzern bezeugt. Dabei thaten sich die Lombarden gerne zu Gesellschaften zusammen, so aber, daß der einzelne Kaufmann auch an mehreren Firmen teilnehmen konnte; möglichst suchte man für die betreffende Stadt ein Monopol zu gewinnen, Wettbewerb auszuschließen. Hinwieder jedoch entrichteten diese Lombarden den Herren und Städten, die sie zuließen, ein Schutzgeld; doch auch der Kaiser wollte seinen Vorteil dabei haben, und so wurden die Lombarden, gleich den Juden, als regalpflichtig, zuletzt geradezu als Kammerknechte aufgefaßt, so daß Heinrich VII. neben dem Zoll von Bern auch die dortigen Kawerschen eigentlich verpfändete. Indessen nicht allein als Verleiher — in den Bezeichnungen „ Lombard-darlehen ", „ lombardieren " ist bis heute die Erinnerung an diese Bethätigung festgehalten —, sondern auch für Zölle und ganz besonders für Münzstätten dienten Italiener in deutschen Landen. So scheint auch in Bern der Münzer Johannes de Ast, der 1334 als Münzer urkundlich genannt ist und uns als Schwiegersohn des Johann von Münsingen, als Schwager eines Bubenberg entgegentritt, ein Astenser gewesen zu sein.

Ein anderer Gesichtspunkt, dem das Werk Schultes Beachtung schenkt, der uns allerdings vollends aus den Alpen hinaus und in die mittlere Schweiz führt, ist der für die Entwicklung unserer größeren Städte so wichtige Verkehr von Genf zum Bodensee, mit seinen Folgen, mit den damit sich verbindenden Anstalten.

Genf, die ansehnliche Bischofsstadt, an der Kreuzung von Straßen, wo drei Nationen nahe aneinander grenzen, wo sich spanische und fran-zösiche, deutsche und italienische Händler leicht trafen, war, bis die neidischen Maßregeln Ludwigs XI. 1462 und 1463, zum Besten von Lyon, jähe ein Ende setzten, ein wichtiger Meßplatz gewesen ' ). Die Eidgenossen hatten sehr gut gewußt, daß diese Verbote auch ihnen Schaden bringen konnten, und so schickten sie zur Verhütung, freilich umsonst, an den König eine Botschaft. Doch erlebten sie schließlich für sich doch keine Schädigung, da auch nach Lyon hin die oberdeutschen und schwäbischen Kaufleute bei dem Wege durch die schweizerische Hochebene verharrten; geradezu wurde beim Friedensschlüsse nach dem burgundischen Kriege, der allen Verkehr hier aufgehoben hatte, festgestellt, daß diese bei der Reichsstraße, d.h. der Straße vom Bodensee zum Genfersee, bleiben sollten. Der Weg ging von Constanz über Schaffhausen nach Kaiserstuhl oder Zurzach, wo sich die vom oberen Neckar und Donaueschingen herkommende Straße mit ihr vereinigte. Freilich stand daneben eine andere Richtung, die Zürich am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts lebhaft verfocht, von Stein am Rhein über Kloten, nämlich damit der Zoll hier entrichtet werde. Aber der Hauptweg berührte den Rhein bei Zurzach, bis Koblenz, überschritt dann auf der Fähre von Stilli die Aare und betrat da, vor Brugg, das seit 1415 bernische Gebiet; in Aarburg kreuzte diese Straße mit der Zufahrt zum St. Gotthard. Dann kamen die Zollstätten von Burgdorf und Kirchberg an der Emme, weiter die großen Plätze Bern und Freiburg, wenn nicht der Weg über Solothurn und Murten vorgezogen wurde — in der entgegengesetzten Richtung diente auch die Flußstraße der Aare —, von Lausanne ging es endlich an den Zöllen von Morges, Aubonne, Nyon hin nach Genf. Ein wichtiger Platz war da unterwegs der an das St. Verena-Heiligtum sich anlehnende offene Meßort Zurzach mit seiner Pfingstmesse und dem zweiten am 1. September — St. Verenatag — folgenden vielbesuchten Markte x ). Im Zusammenhang mit dem wachsenden Verkehr steht auch, daß bis in das fünfzehnte Jahrhundert in fast allen bedeutenderen Städten der Schweiz für die Ortsfremden, wie das beim Constanzer Kaufhause, das ja noch heute steht, bei dem Beschlüsse der Bauanlage 1387 vom Rat ausgesprochen wurde: „ darinne man den Walhen von Mailan und anderen frömden litten ir guot inne besorge und behalt ", solche Kaufhäuser gebaut worden sind, eines der ältesten, das schon 1373 stand, in Bern. Diese Gebäude dienten als Lagerhaus und Verkaufshalle, als Zollstelle und als Lokal für gewerbe-polizeiliche Revision, und bestimmte Einschränkungen, besonders daß der fremde Kaufmann einzig hier seine Waren haben durfte, bestanden für die Benutzung. Aber ebenso gingen wieder Beziehungen des umfangreichen Handels der schweizerischen Städte über die Grenzen hinaus. Freiburgs Tuchhandel und Gerberei waren damals im Schwünge, und Bern hatte in dem Ratsherrn Bartholomäus Mai, dessen Familie aus dem Mailändischen stammte, einen Kaufmann, der auch politisch eine ansehnliche Rolle am Ausgang des fünfzehnten Jahrhunderts spielte.

Ganz besonders wichtig ist aber noch die Handelsgeschichte einer Stadt, die im fünfzehnten Jahrhundert durch die Kurzsichtigkeit, den Ländlereigennutz der Eidgenossen in der Urschweiz zu ihrem eigenen schweren Kummer gehindert wurde, schweizerisch zu werden, und die so sich auf die Seite der Gegner gedrängt sah, der natürlichen Hauptstadt des Thurgaues, von Constanz.

l ) Vergleiche Hans Herzog, „ Die Zurzacher Messen ", Taschenbuch der historischen Gesellschaft des Kantons Aargau von 1898.

Die Leinwandindustrie blieb auch im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert die Grundlage der Handelsausfuhr für Constanz. Vorübergehend allerdings entstand dazwischen durch das Konzil ein gewaltiges Getriebe. Neben den fremden Prälaten und Herren, ihrem Gefolge, neben fremden Kaufleuten und Gewerbethätigen kamen die Wechsler und schlugen ihre Banken auf, wobei unter den Florentinern auch Cosimo Medici sich befand, der zwar Johannes XXIII. gefolgt war, dann aber gewandt zu dem Konzilpapst Martin V. den Übergang vollzog. Aber als dieser große Menschenzufluß vorüber war, ging der eigene Betrieb, vielleicht nach einer kurzen Störung, ruhig weiter. Die Geschlechter der Stadt waren am Handel wesentlich beteiligt; doch sie ergänzten sich in ihrer Gesellschaft zur Katze aus den durch die gleiche Thätigkeit reich gewordenen Zünftischen. Besonders war auch die für den Außenhandel wichtigste Familie Muntprat — auch die Muntprat sind Italiener: 1354 zuerst in Constanz „ Vro Ursullen, Hainrich's sälgen Muntpratz dez Ka-werz elicher wirtin " gedacht — in solcher Weise aufgenommen worden, und 1418 sind Lütfried Muntprat und sein Bruder Hans nicht nur weit die reichsten Männer in Constanz, sondern überhaupt in einem Besitz überraschenden Umfanges, mit einer fahrenden Habe, die allein schon auf 37,500 Pfund anstieg. Aber mit dem mißlungenen Zunftaufstand von 1429 beginnt das Sinken in der Stadt. Die Leineweber verschwinden; der Leinwandhandel zieht sich nach St. Gallen. Ein großer Teil des reicheren Bürgerstandes trennt sich von da an vom Handel ab und schließt sich auf seinen Burgen ab; diese Herren fühlen sich als Adelige, und ihr Geld wird mehr und mehr in Grundbesitz angelegt, so daß im Steuersatz des in Constanz versteuerten Muntpratschen Vermögens seit 1457 der Mobiliarbesitz gegenüber dem Immobilienbesitz jähe sich verringert. Vollends der Verlust des natürlichen Hinterlandes 1460, die Vorschiebung der Grenzen der eidgenössischen gemeinen Landvogtei Thurgau bis an die Stadtmauern schlugen Constanz noch tiefere Wunden. Aber ähnliche Standesverschiebungen, wie bei den Muntprat, lassen sich auch bei anderen Geschlechtern von Kaufleuten, beispielsweise den Mötteli, verfolgen. Denn eben diese ja noch heute als überschwenglich reich im Sprichworte fort-lebende Kaufmannsfamilie, die sich dem Handel entfremdete, zeigt so recht maßgebend in ihren drei Generationen das Aufsteigen und den Niedergang solcher Verhältnisse * ). Doch diese Vorgänge, so aufschlußreich sie für die Geschichte des ausgehenden Mittelalters sind, würden uns noch weiter hinausführen, nach Ravensburg, zu der ersten großen deutschen Handels-gesellschaft, der Vorläuferin der Fugger und Welser, der „ großen Ge- Seilschaft ", die nach dem Zeugnis eines Ravensburgers, des gelehrten Hofhistoriographen Kaiser Maximilians I., Ladislaus Suntheim, „ gehanttiert in das Königreich von Appels, in Lamppartten, in die Kunigreich von Arragon, Valens, in Kastilia und in Katalonia etc. " Allein wir dürfen nicht über den Bodensee hinausgreifen.

Aus dem reichen Inhalte der Belehrung, die das Schultesche Werk darbietet, und ganz besonders der schweizerischen Geschichtskunde darreicht, indem es ein großes Material auf bestimmte Fragen — vielleicht etwa einmal zu rund und zu scharf — antworten läßt, ist hier einiges herausgehoben worden. Wir kehren schließlich mit dem Verfasser nochmals in das Hochgebirge zurück.

Schulte setzt da gewisse Ziffern der Verkehrshöhe des Mittelalters mit jetzigen statistischen Ergebnissen in Parallele. Der mittelalterliche Gotthardverkehr ist etwa auf 12,500 Metercentner jährlich anzuschlagen; schon 1889 war der Gesamtgüterverkehr der Gotthardbahn 2,964,910 Metercentner, also ein Verhältnis wie 1 zu 237,2. Aber der Verfasser ruft sich selbst von diesen Zahlen weg. Denn ein richtigeres Bild erwächst aus den Beziehungen der Zahlen des Mittelalters und des Verkehrs am St. Gotthard vor dem Bau der Eisenbahn, also etwa wie solche aus den Rechnungen vom Dazio Grande des Piottino in der Ticinoschlucht sich ergeben. Da lauten die Summen für das Jahr 1831 bis 1833 auf rund 40,000, 1840 freilich schon auf 80,975 metrische Centner. Dann folgt die enorme Steigerung bis 1889 und bis zur Gegenwart, wo nun allerdings jener mittelalterliche Verkehr zwerghaft sich ausnimmt. Die Rechnung wird gemacht, daß zwei heutige Güterzüge für die ganze Summe des mittelalterlichen Jahresverkehrs ungefähr ausreichen würden.

Schulte schließt, indem er wieder den St. Gotthard in die Mitte rückt: „ Dem Neuling des Mittelalters gab die moderne Zeit sofort den gebührenden Vorzug, und wenn auch jetzt andere Bahnlinien folgen, so wird doch der König unter den Alpenpässen auch der König unter den Alpenbahnen bleiben. "

Jahrbuch des Schweizer Alpenclub. 36. Jahrg.

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