Paul Montandon (1858-1948)

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Paul Montandon ( 1858-1948 ) Paul Montandon gehört zu den grossen Erscheinungen des schweizerischen Bergsteigens. 69 Jahre lang, von 1879 bis zu seinem Tode im Jahre 1948, war er Mitglied des SAC und verkörpert damit selbst ein bedeutendes Stück Geschichte des Alpinismus und des SAC. Er war zuerst Mitglied der Sektion Genf, später der Sektionen Bern, Blümlisalp, Alteis und Wildhorn. Der Alpine Club London ernannte ihn 1918, der Schweizer Alpen-Club 1926, die Sektion Alteis 1904 zum Ehrenmitglied, die Sektion Blümlisalp 1918 zum Ehrenpräsidenten, und 1926 fügten auch noch der Akademische Alpenclub Bern und 1929 die Sektion Bern ihre Ehrenmitgliedschaft hinzu.

Hinter dieser Fülle von Ehrungen steht ein bescheidener, eher zurückhaltender Mann, der es nicht liebte, sich im öffentlichen Leben hervorzutun. Die ihm auf die Amtsperiode 1923-1925 angebotene Ehre des Centralpräsidenten des SAC lehnte er dankend ab. Die Familie, die ihre Herkunft von albigensischen Flüchtlingen herleitet, stammt aus dem Neuenburger Jura, von Le Lode und Travers. Vater und Mutter führten in bescheidenen Verhältnissen im bäuerlichen « Oberhaus » in Kleinwabern bei Bern eine Fremdenpension, wo Paul Montandon am 7. Dezember 1858 geboren wurde. Der Vater starb schon 1862. Die fünf Kinder Montandon gingen in Münsingen und Bern zur Schule und waren von Anfang an mit der deutschen und französischen Sprache vertraut. Ohne viel Begeisterung dafür aufzubringen, ergab sich Paul Montandon dem Bankberufe, der ihn 1879, nach längerem Militärdienst zunächst nach Genf, dann für zwei Jahre nach Paris, anfangs 1881 für fünf Jahre nach London und schliesslich wieder zurück nach Bern führte. Nach seiner Verheiratung mit Sarah König im Jahre 1892 trat er an der Seite von Schwiegervater und Schwager in die Leitung der Ziegelei im Glockental bei Thun ein, deren umständliche Liquidierung er später durchzuführen hatte. Das alles war aber bedeutungslos neben Paul Montandons Liebe zu den Bergen. Paul Montandons Leben ging erst in den Bergen in Erfüllung. Hier erst entfaltete sich seine Persönlichkeit, sein Charakter, sein Wesen. Kaum je für einen Menschen bedeutete der Aufenthalt in den Bergen so absolut Existenz schlechthin. Wenn auch Paul Montandon in seiner sorgfältigen Art Pflanze, Tier und Mensch in den Alpen beobachtete, so ging er doch nicht um der wissenschaftlichen Forschung willen in die Alpen wie die meisten der frühen Pioniere, und wenn er auch Freude hatte an körperlicher Leistung, so war auch nicht dies das treibende Moment, und vor allem jeder sportlichen Publizität war Paul Montandon abhold. Er ging in die Berge, ganz einfach, weil er musste, weil er erst hier richtig atmen, sein, existieren konnte. Die Begegnung mit den Bergen, das Leben auf der Höhe, war für ihn Weltanschauung. Hier suchte die unbändige, ungestillte Sehnsucht seiner Seele Erfüllung, hier ergab sie sich der Seligkeit des Augenblicks. So notierte er Hermann Hesses Gedicht vom «Tag im Gebirg» in seine Fahrtenbücher und sprach es aus eigener Seele:

«Singe, mein Herz, heut' ist deine Stunde, Morgen, da liegst du tot. Sterne scheinen, du siehst sie nicht, Vögel singen, du hörst sie nicht - Singe, mein Herz, solang deine Stunde loht, Deine flüchtige Stunde. » und dann : «Süss ist Leben, süss ist Wonne und Schmerz, Selig jede verstäubende Flocke im Wind. »

So war Paul Montandons Verhältnis zum Leben und so auch sein Verhältnis zum Tode. Er wusste, dass in der grössten Seligkeit des Lebens auch der Keim des Todes schlummert - so auch in der Seligkeit des Bergsteigens. Manchen seiner innigsten Freunde hat der Berg ihm für immer genommen. Nie hat er mit dem Berg gehadert. Bis zum letzten Atemzug hat er die Berge geliebt. Diese Liebe begann in frühen Knabenjahren, als Paul mit seinem Jüngern Bruder Charles die Höhenin der Umgebung von Bern durchstreifte und an verlassenem Ruinengemäuer herumkletterte. Dann wurden die Berner Voralpen Ziele weiter Wanderungen, bis sich die Brüder Montandon in ständiger Steigerung ihrer Leistungen in die Region von Eis und Schnee vorwagten. Da sie bescheiden an Mitteln waren, machten sie, mit Ausnahme der ersten Gletschertour, alle ihre Fahrten ohne Bergführer, ohne sich anfänglich davon Rechenschaft zu geben, dass sie damit eine neue Epoche im schweizerischen Bergsteigen einleiteten. Auch von der grossen Bewegung des führerlosen Bergsteigens im Ausland und den grossen Namen, wie Zsigmondy, Purtscheller, Pilkington, Gardiner, Puiseux und all den berühmten Grossen des führerlosen Gehens hatten die Brüder Montandon anfänglich keine Kenntnis. Ihre Bewegung wuchs aus eigenem Boden und eigener Not, und um sie scharte sich ein Kreis junger Leute, vor allemjunger Akademiker, die in den Montandon ihre Lehrer und Vorbilder erblickten. Sie setzten sich dabei in Gegensatz zur altern Generation, deren bedeutendste Vertreter nie ohne Führer in die Alpen stiegen, und die Auseinandersetzung mit den Bergführern war heftig. Hüben und drüben fiel manch ungutes Wort, wenn auch Paul Montandon in seiner vornehmen Art später versuchte, auch dem Standpunkt der Führer gerecht zu werden. Für ihn und seine Freunde war das führerlose Bergsteigen nicht Rechthaberei, Snobismus und Geltungsdrang, sondern Notwendigkeit und floss aus dem idealen Bedürfnis, die Schönheit der Alpen auch denen zu erschliessen, die nicht mit grossem Portemonnaie in den Bergtälern aufkreuzen konnten. Paul Montandon wurde zum Erzieher einer ganzen Bergsteigergeneration, und er war sich seiner Verantwortung bewusst. Er verband in einzigartiger Weise Kühnheit und Draufgängertum mit Vorsicht und extremster Systematik der Vorbereitung und Auswertung seiner Fahrten. Über jede Tour, auch harmlose Voralpentouren, führte er genau Buch und hinterliess bei seinem Tode dem Schweizerischen Alpinen Museum 17 dicke handgeschriebene Bände mit über 7000 Seiten und ausführlichem Register. Darin finden sich peinlich genaue Angaben über Marschzeiten, Witterungsund Wegverhältnisse, Bekleidung und Proviant. Schwierige Stellen sind mit Photos, Skizzen und Text genau beschrieben.

Es gehörte zur Weltanschauung Paul Montandons, dass er fest überzeugt war, dass jeder Unfall in den Alpen auf irgendein menschliches Versagen zurückzuführen und folglich vermeidbar sei. «Il n'y a de fatalité que pour les faibles», schrieb er 1915 als Zitat vor den XI. Band seiner Fahrtenbücher.

Schwere Bergunfälle im Kreise seiner Familie und seiner Freunde gingen ihm ausserordentlich nah, und er setzte sich in seinen privaten Aufzeichnungen oder in öffentlichen Aufsätzen ausführlich mit Hergang, Ursachen und Verantwortlichkeit auseinander. Zahlreiche Berichte, Aufsätze und auch manch warmherziger Nachruf auf schweizerische und ausländische Bergkameraden wurden in den alpinen Zeitschriften in deutscher, französischer und englischer Sprache veröffentlicht - Paul Montandons eigenhändiges Verzeichnis nennt 109 Arbeiten. So wurden die Initialen « P.M. », ohne dass Paul Montandon dies angestrebt hätte, in der ganzen Bergsteigerwelt zum Begriff und bürgten für unbedingte Kompetenz des Verfassers. Auch das Liederbuch des SAC vom Jahre 1921 hat Paul Montandon zusammengestellt.

Es gehörte zum Wesen Paul Montandons, dass er nicht nach Effekt haschte. Seine Touren waren daher nicht eigentlich spektakulär, wenn « P. M. » auch nicht vor sehr schwierigen Unternehmungen zurückschreckte. Die Bedeutung lag aber vielmehr in der ungeheuren Dichte und Fülle seiner Bergfahrten und in dem Geist und Ethos, mit dem sie unternommen wurden. In seinem selbstverfassten Nekrolog am Schluss seiner Tourenbücher ( Band XVII, S. 7011 ff. ) sagt Paul Montandon: « P. M. hat im ganzen, gemäss seinen illustrierten Notizen in 17 Bänden, über 600 Gipfel von 2000-2600 Meter ü.M. und viele höhere im ganzen Alpengebiet erstiegen. Dabei sind 40 über 4000 m Höhe. Er war nicht Sammler von „ Viertausendern " und wählte die Berge, die ihn anzogen, auch wenn sie jene Höhe nicht erreichten. » An Erstbesteigungen und neuen Wegen nennt Paul Montandons Liste 50 über 3000 m und 20 niedrigere, die meisten im Gebiet Grimsel, Oberaar und Urbachtal oder in den einsamen Tälern südlich des Bietschhorns, wo Paul Montandon Anstoss gab zum Bau der Baltschiederklause durch die Sektion Blümlisalp. Auslandreisen führten ihn in die Dolomiten und mehrfach immer wieder in die Westalpen. Dass er auch früh mit seinem Bruder Winterbesteigungen ausführte, zunächst ohne, und bald auch mit Ski, gehört fast selbstverständlich zum Bilde dieses vollkommenen Alpinisten schweizerischer Prägung.

Einen Zwiespalt zwischen Familie und Liebe zum Berg gab es für Paul Montandon nicht. Die Ehe war kinderlos, und Paul Montandons Gemahlin, die er in der Concordiahütte kennengelernt hatte und mit der er in schönster Harmonie lebte, war die beste Gefährtin seiner Touren. Ausdauernd und furchtlos hat sie ihn auf vielen seiner Pfade begleitet. Ihr Tourenverzeichnis in Paul Montandons Büchern nennt zwölf Erstbesteigungen und neue Wege, 18 Viertausender und 148 weitere bedeutendere Gipfel, darunter auch in den Dolomiten und in den Westalpen; auch eigentliche Klettertouren sind dabei. Das kleine Haus bei der Ziegelei im Glockental bei Thun, wo Frau Montandon eine ausgezeichnete Küche zu führen wusste, war während Jahrzehnten Treffpunkt einer Elite von Bergsteigern und zugleich Stätte der Kultur, der Freundschaft und heiterer Geselligkeit.

Die letzten grossen Touren des Ehepaars Montandon fielen ins Jahr 1934, als Paul 76, Sarah 68 Jahre zählten, und nachdem Paul eine schwere Erkrankung an Arthritis deformans überwunden hatte. 1937 stieg der 79 jährige noch mit seiner Frau zur Fründenhütte auf. Dann liessen die Kräfte nach, und es folgten noch zehn qualvolle Jahre. 1946 ging Sarah Montandon im Tode voran, und Paul Montandon blieb nur noch das Fenster mit dem Blick auf die Alpen und die 17 Bände Fahrten-bücher, in deren erstes er einst mit kräftiger Hand hineingeschrieben hatte: « Pour mes vieux jours. » Am 31. Juli 1948, in seinem 90. Lebensjahre, nahte auch ihm der Tod als stiller Erlöser.

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