Piz d'Aela auf neuem Wege

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Von E. Heinzelmann ( Sektion St. Gallen ).

Samstag den 19. August 1893 war ich von Bergün aus über Piz Darlux und Cima da Tisch nach der neuen Keschhütte gewandert, die am folgenden Tage in Anwesenheit zahlreicher Landesbewohner und einer stattlichen Schar Clubisten ihre fröhliche Einweihung erleben sollte. Zu diesem Anlaß erschien auch Herr O. Neher von der Sektion Piz Sol, und wir beide wurden bald einig, nicht nur dem Piz Kesch, sondern auch dem Tinzenhorn unter Begleitung von Peter Mettier von Bergün einen Besuch abzustatten, was wir auch an den beiden folgenden Tagen mit bestem Erfolg ausführten. Wir gelangten am Sonntag Nachmittag frühzeitig nach Bergün; unser Vorhaben, am gleichen Abend noch in die Aelahütte zu gelangen, wurde aber durch ein heftiges Gewitter vereitelt, so daß wir andern Tages den Weg von Bergün aus auf das Tinzenhorn in einem Zuge ausführen mußten.

Mit der Besteigung dieses kühnen Hornes gedachte ich meine mehrtägigen Touren im Albulagebiet abzuschließen; aber schon am Morgen beim Aufstieg auf das Tinzenhorn hatten wir die kurzen Rasten, die wir hie und da machten, um Herz und Lungen wieder in den normalen, ruhigen Gang zu setzen, gerne dazu verwendet, um namentlich die gegenüberliegende Wand des Piz d' Aela zu untersuchen, die wie mit magischer Gewalt immer und immer wieder unsere Blicke auf sich zog. Die Wand weist da, wo sie aus der nordwestlichen in die nördliche Richtung umbiegt, eine gewaltige Nische auf, die sich gegen die Uglixscharte, 2930 Meter, hinaufzieht. Je länger wir den Berg sondierten, desto mehr drängte sich in uns die Ansicht hervor, daß dort ein Anstieg möglich, ja vielleicht leichter sein könnte, als der wiederholt schon von Süden aus bewerkstelligte. Mettier selbst stimmte dieser Ansicht bei, und sobald er fühlte, daß bei seinen Touristen die Lust sich regte, den Berg von einer neuen Seite anzugreifen, unterstützte er diesen Plan aufs lebhafteste, und bald hieß das noch immer etwas vorsichtige Losungswort: wenn wir überhaupt den Aela noch ersteigen wollen, so soll dies durch diese Nische geschehen. Als dann die Tour auf das Tinzenhorn über alles Erwarten gut ablief und wir auch auf dem Rückweg die geplante Anstiegsroute einer wiederholten, sorgfältigen Prüfung unterzogen, da war unser Entschluß gefaßt.

Nicht im geringsten ermüdet, langten wir um 4 Uhr 25 Min. in der Aelahütte an, wo wir vorderhand als die einzigen Gäste es uns so bequem als möglich machten. Der Übelstand, daß unsere Vorräte an Essen und Trinken bis auf einen ganz kleinen Rest vertilgt waren und kaum noch hinreichten, um heute abend unsern größten Hunger zu stillen, machte uns keine allzu großen Sorgen; denn der vorsichtige Mettier hatte noch unterwegs am Morgen seinem ältesten Knaben, der an der Uglixhöhe mit Heuen beschäftigt war, den Auftrag gegeben, wenn wir gegen Abend nicht zurückkehrten, solle er in die Hütte kommen.

Unsere Hoffnung, die Nacht ohne weitere Gesellschaft in der nicht allzu geräumigen Hütte zubringen zu können, sollte zu unserm Bedauern nicht in Erfüllung gehen. Denn bald bemerkten wir aus der Val Spadlatscha her zuerst eine, bald darauf eine zweite und schließlich noch mehr Gestalten sich der Hütte langsam nähern. Es waren Herr und Frau Dr. Gelbke aus Dresden, Herr Paulke aus Leipzig und Herr Rzewusky aus Davos mit zwei Führern und einem Träger, die am folgenden Tag das Tinzenhorn besteigen wollten. Das gab mit uns eine Schlafgesell-schaft von 10 Personen, und mit bedenklichen Mienen maßen wir das schmale Heulager, das höchstens für acht Personen berechnet war.

Ich weiß nicht, welche Partie lebhafter die andere im stillen einige Stunden weiter weg gewünscht hat; wir hätten uns ja gegenseitig gewiß gerne in Bergün die besten Betten und darin die schönsten Träume gewünscht. Als hochkultivierte Menschen schickten wir uns alle ruhig und ergeben in das Unvermeidliche und hielten gute Freundschaft; unser Vorhaben, auf einem neuen Wege den Aela zu besteigen, verrieten wir allerdings mit keiner Silbe. Als die Tinzenhorngesellschaft dann ihre reichen Vorräte an allerhand Leckerbissen auskramte und sich schließlich zu einem nach unsern Begriffen geradezu opulenten Nachtessen um den Tisch lagerte, da war es gut, daß inzwischen die Dunkelheit hereingebrochen war und daß die Kerze und das qualmende Feuer die drei Aelakandi-daten nicht allzu deutlich beleuchtete. Denn wir hatten wohl unterdessen auch soupiert, aber einen schrecklich dünnen schwarzen Kaffee, dazu die letzte harte Brotrinde und noch ein dünnes Schnittchen Schinken; das hatte nur dazu gedient, unsern Hunger erst recht zu reizen. So schauten wir sehnsüchtigen Blickes zuerst von dem Heulager aus dem Gastmahl zu, bald aber wurde uns der Anblick unerträglich, und wir schlichen uns still zur Hütte hinaus, um durch astronomische Beobachtungen unsern Jammer zu vergessen. Ein Trost wurde uns zu teil: nachdem schon voll- g8E. Heimelmann.

ständige Dunkelheit eingetreten war, da hörten wir von der Uglixhöhe herunter den Jauchzer einer jugendlichen Stimme, das konnte niemand anders sein als der mit Ungeduld erwartete Knabe unseres Führers. So war es. Der Vater ging ihm noch ein gutes Stück den bei der Dunkelheit recht schlimmen Weg entgegen; dann übergaben wir ihm unsere Aufträge, und sofort machte sich der wackere Junge, der den ganzen Tag geheuet hatte, auf den beschwerlichen, 21k—3 Stunden weiten Weg nach Bergün, um dort unsern Mundvorrat für den folgenden Tag zu holen, mit dem er auch nach Mitternacht bei uns wieder eintraf; dann mußte er erst noch ein ordentliches Stück in die Val Spadlatsch niedersteigen, um dort in einer Hütte einen Unterschlupf zu finden.

Schon lange vorher hatte sich die ganze Hüttengesellschaft zur Ruhe begeben, wenn man so vermessen sein will, unter diesen Verhältnissen von Ruhe zu sprechen. Da lagen wir zehn Glücklichen enggepfercht neben — ja thatsächlich zum Teil aufeinander; bequem auf dem Rücken liegen, das ging nicht an, sonst hätten wir gar nicht Platz gehabt, sondern hübsch auf der Seite; war man in der eingeklemmten Lage, in der man kein Glied rühren konnte, zuletzt halb lahm und krumm und wurde sie schließlich unerträglich, so brauchte es die größte Anstrengung und Kunstfertigkeit, um sich auf die andere Seite zu wälzen. Dazu die verdorbene Luft in der geschlossenen Hütte, und selbstverständlich war es, daß im Schnarchen Soli, Duette und Terzette in bunter Reihe einander ablösten. Und doch behaupteten am Morgen Mettier und andere Führer, sie hätten gut geschlafen! Ich wenigstens habe keine Viertelstunde geschlafen und war herzlich froh, als das Morgengrauen das Ende dieses Lagerlebens ankündigte.

Rasch entwickelte sich nun Leben in der kleinen Hütte. Während die Führer so schnell als möglich einen warmen Morgentrank bereiteten, was allerdings bei dem primitiven Herde und mit dem feuchten Holze lange genug dauerte und wobei auch der bequemste Schläfer bald genug von seinem Lager ausgeräuchert wurde, ward von den Touristen das Heu notdürftig aus Haar und Kleidern entfernt, im benachbarten Bächlein Gesicht und Hände gewaschen, die Tornister und Rucksäcke bepackt und — was gar nicht überflüssig war — Umschau nach dem Wetter gehalten. Denn der Himmel machte gar kein besonders freundliches Gesicht; graue, unheilverkündende Wolken waren über Nacht gegen alles Erwarten heraufgezogen und ließen uns ernstlich die Frage aufwerfen, ob es unter diesen Umständen zu verantworten sei, die geplanten Touren, sowohl auf das Tinzenhorn als auf Piz d' Aela, in Angriff zu nehmen. So beeilten sich beide Parteien gar nicht sehr mit dem Aufbruch; als sich aber die Wetteraussichten gegen die Zeit des Sonnenaufgangs entschieden etwas besserten, da traten wir drei wenige Minuten vor 5 ühr entschlossen unsern Weg an.

Wir schlugen zuerst fast genau südliehe Richtung ein und gelangten, über kümmerliche Rasenflecke, Schutt- und Trümmerhalden ansteigend, in etwa 40 Minuten gegenüber der Hügelkuppe Bot Rodond in ungefähr 2400 Meter Höhe an den Fuß der Felswand. Sofort begann die Kletterarbeit. Kurze Zeit ging diese ganz fröhlich und leicht von statten. Es Warenteils großblockiges Gestein, teils kleinere Felsenabsätze zu erklettern, hie und da auch noch eine kleinere Schutthalde zu überwinden. Sehr bald aber wurden diese Felsentreppen höher und steiler, die Bänder schmäler und schwindelnder, so daß wir es hier schon für nötig erachteten, uns ans Seil zu binden.

Schon in diesem untersten Teil boten sich zahlreiche Stellen, die nur mit größter Vorsicht überwunden werden durften. Das Gestein war im ganzen fest und bot meist ordentliche Griffe, wobei allerdings der Körper oft genug bis zum äußersten Maß sich recken und dehnen, sich drehen, winden und schieben, sich durch enge Lücken durchzwängen, sich um Felsvorsprünge herumdrücken mußte, jetzt nur die Fuß- und Fingerspitzen sich einhaken, jetzt wieder ein Knie, eine Schulter, der Rücken sich anstemmen konnten. Dabei mußte das Auge doch beständig jeden Griff prüfen, jedes Spältchen und jeden Vorsprung erspähen, der wieder einigen Anhalt bieten konnte. Führer Mettier erwies sich da neuerdings als ein ganz ausgezeichneter Felskletterer. Mit geübtem sicherem Blick entdeckte er in der Regel rasch die gangbarste Stelle, mit katzenartiger Behendigkeit wand er sich durch die engsten und durch die glättesten Kamine. Sehr oft durfte nur einer klettern; das war überhaupt beim ganzen Aufstieg die Regel, ein gemeinsames Vorrücken die Ausnahme. Den Pickel zurücklassend, stieg Mettier als Pfadfinder voran, während wir zwei andern an vor Steinschlägen möglichst gedeckten Stellen warteten, voll Spannung jede Bewegung Mettiers beobachtend und, da wir ihn oft nicht mehr sehen konnten, auf jedes Geräusch von ihm aufhorchend, das Seil fest in den Händen, jeden Augenblick zur Hülfeleistung bereit. Dann folgte in gleicher Weise Neher; hierauf wurden die Pickel aufgeseilt, und schließlich folgte auch ich.

Wiederholt waren die Felsabsätze oder Kamine so hoch, daß das ganze 80 Fuß lange Seil Mettiers kaum langte; dann band ich mich ganz los vom Seil und ans Ende desselben gebunden folgte zuerst Neher, dann wurde mir das Seil wieder heruntergeworfen. So ging es langsam aufwärts wie an der Außenseite eines durchbrochenen gotischen Turmes. Wir befanden uns dabei immer in der Nische, die sich zu Punkt 2930 heraufzieht; zu unserer Linken rauschte etwas Wasser in die Tiefe.

Solche Schwierigkeiten, wie wir sie nun schon seit zwei Stunden bei jedem Tritt zu überwinden hatten, hatten wir allerdings nicht erwartet, insofern hatten wir uns arg getäuscht; allein es ging doch vorwärts, und soweit wir aufwärts blicken konnten, was allerdings immer nur ein kleines Stück weit möglich war, sahen wir nicht vollständige Ungangbarkeit vor uns, wir hofften im Gegenteil von Stunde zu Stunde, jetzt sei das Schlimmste überstanden und — zwei bis drei der überwundenen Stellen waren schon beim Aufstieg so heikel gewesen, daß uns davor graute, bei einem vielleicht doch notwendig werdenden Rückzüge den Abstieg darüber nehmen zu müssen, erklärte doch Mettier, daß wir da nicht mehr herunter könnten. Übrigens verloren wir auch keinen Augenblick die Hoffnung auf ein endliches Gelingen unseres Unternehmens. Wir waren alle drei in ernster, aber durchaus entschlossener Stimmung; stundenlang wurde nichts anderes gesprochen, als was über den einzuschlagenden Weg und das Verhalten beim Aufstieg mitzuteilen notwendig war.

Nach 3\2stündiger strenger Arbeit gönnten wir uns von 8 Uhr 15 Min. bis 8 Uhr 45 Min. die erste längere Rast und das wohlverdiente „ Z'nüni ". Neugestärkt setzten wir unsere Wanderung fort. Von irgend welcher Besserung des Weges war zunächst noch stundenlang keine Rede, sondern Stockwerk um Stockwerk wollte in ernster, strenger Arbeit errungen werden. Bald trat auch der Eispickel in seine Rechte. Ein kleiner, aber sehr steiler Eishang mußte mit Hülfe von etwa 30 Stufen überschritten werden. Der langersehnten Scharte gegen den Murtèl d' Uglix ( 2930 m ), deren Eiskappe uns gestern am Tinzenhorn herübergewinkt und gegen die wir unsern Aufstieg genommen hatten, waren wir allmählich näher gerückt, doch versperrten uns unheimliche schwarze Wände ein weiteres Vordringen in dieser Richtung; wir schlugen uns etwas mehr rechts, südlich, und erreichten so endlich um 11 Uhr den Grat, der Piz d' Aela und Piz Spadlatscha miteinander verbindet.

Wir hatten schon gestern bei der Rekognoscierung vom Tinzenhorn aus die Ansicht ausgesprochen, wenn einmal dieser Grat erreicht sei, dann möchten die Hauptschwierigkeiten überwunden sein. Etwas leichter gestaltete sich jetzt die Sache allerdings, doch war sie alles eher als ein Spaziergang, was schon daraus ersichtlich ist, daß wir zu dieser Gratwanderung bis zum Gipfel, ein Stück Weges von genau 1 km. Luftdistänz und einer Steigung von etwa 350 m, noch mehr als zwei Stunden brauchten. Zuerst ließen wir den Grat links liegen und traversierten längs demselben zum Teil über sehr steile, mit Neuschnee und Hagelkörnern leicht bedeckte Hänge, die rechts nach wenigen Schritten in grausige, schwarze Abgründe abstürzten. Als wir endlich um 12 Uhr herum die prächtige, eisgepanzerte Kuppe von Punkt 3242 vor uns aufsteigen sahen, da hofften wir in unserer gewiß begreiflichen Ungeduld, das Endziel vor uns zu haben. Aber unbarmherzig erklärte Mettier, das sei noch nicht der Rechte, doch der sei nicht mehr weit.

Zum Teil direkt über den Grat, zum Teil links oder rechts von demselben über schmale Bänder rückten wir in fast genau südlicher Richtung vorwärts. An einzelnen Stellen ist der Grat so schmal, daß er rittlings überschritten werden muß. Absolute Schwindelfreiheit und sicherer Tritt sind unbedingt erforderlich für die Begehung dieses schmalen und scharf geschnittenen Grates. Reichlich belohnt für unsere Mühe wurden wir jetzt schon durch eine herrliche, unermeßliche Rundsicht. Das letzte Stück des Weges gestaltete sich wieder schwieriger. Mancher trotzige Felskopf schien uns das Vordringen zu verwehren; er mußte entweder umgangen oder direkt überklettert werden. Sehr schlimm war namentlich ein solcher Geselle, etwa 10 bis 12 m hoch, der mitten auf dem Grate Wache hielt und über den weg wir einzig vordringen konnten. Der unterste Teil seiner Felsenbrust war so glatt, daß es Mettier erst nach mehreren Versuchen und nur mit unserer Hülfe gelang, festen Fuß zu fassen, und im obern Teil des Kopfes war das Gestein entsetzlich unzuverlässig; große Blöcke lagen nur ganz lose aufeinander geschichtet und drohten bei der leisesten Berührung aus dem Gleichgewicht zu geraten und in die Tiefe zu stürzen. Auch noch eine schwierige Scharte war zu überwinden, dann aber kam endlich doch der Rechte, und 10 Min. nach 1 Uhr standen wir auf der obersten Zinne des Aela ( 3340 m ) und schüttelten uns als treue Kameraden fröhlich die Hände.

Der Beweis, daß eine Besteigung des Berges direkt von der Aela-hütte aus möglich sei, war von uns geleistet, wenn dieselbe auch unge-hoffte Schwierigkeiten und eine zum Teil verwegene Kletterei von 8 Stunden — die Rasten inbegriffen — erfordert hatte. Einen Weg eröffnet zu haben, den viele Nachfolger begehen werden, können wir uns allerdings nicht rühmen. Wenn auch bei weitern Besteigungen auf unserer Route diese oder jene weniger schwierige Variante aufgefunden und der Aufstieg vielleicht in 6 Stunden ausgeführt werden könnte, so ist dies gegenüber dem bisher eingeschlagenen Weg von der Aelahütte aus keine Zeitersparnis, und Mettier versicherte uns, daß jener Weg nicht annähernd solche Schwierigkeiten biete. Aber gerade diese Frage zu untersuchen, hatten wir uns zur Aufgabe gestellt. Für unerschrockene, ausdauernde Kletterer wird unsere Aufstiegsroute immer ein anziehendes, dankbares Problem bilden. Soll ich die Schwierigkeiten des Tinzenhorns mit denjenigen des Aela vergleichen, so muß ich bekennen, daß uns das Tinzenhorn bedeutend leichter vorkam; die Kletterei an diesem überwanden wir spielend leicht, und auch der Abstieg vom Aela, den wir über Tranter Aela bewerkstelligten, bietet nach unserer Ansicht bedeutend mehr Schwierigkeiten. Den allfälligen Einwurf, wir seien vielleicht von Anfang an nicht mehr bei vollen, frischen Kräften gewesen, wie am Tage vorher am Tinzenhorn, könnte ich nicht gelten lassen; ein Nachlassen, Ermatten der geistigen oder physischen Kraft zeigte sich bei uns auch heute den ganzen Tag nicht.

Daß ein Schaugerüste von der Höhe des Piz d' Aela, sozusagen in den Mittelpunkt der herrlichen Gebirgswelt Bündens hineingestellt, eine unvergleichlich großartige, erhabene Rundsicht darbieten muß, leuchtet ein. Es wölbte sich zwar kein wolkenloser Himmel über uns, im Gegenteil, nach allen Seiten waren drohend Wolken aufgestiegen, aber sie schwebten meist sehr hoch über den Bergen, so daß nur ganz wenige Gipfel unsern Blicken verhüllt waren. Bei der geringen direkten Entfernung vom Tinzenhorn ist die Aussicht natürlich auf beiden Gipfeln im allgemeinen dieselbe, nur ist sie auf dem Aela, da er eben doch 159 m höher ist als jener, weit umfassender, namentlich in die eigentliche Bergwelt, während vom Tinzenhorn aus der Ausblick in die Thäler entschieden viel reizender und freundlicher sich gestaltet; auf dem Aela wiegt das Großartige, Gigantische vor, das Tinzenhorn bietet eine entzückende Verbindung des Wilden und Gewaltigen mit dem Lieblichen und Lachenden.

Gar freundlich grüßen Bergün, das, in seine grünen Matten gebettet, beinahe 2000 m tief direkt zu unsern Füßen liegt, sowie Latsch und das obere Albulathal zu uns herauf, auch die Landschaft Davos mit ihren von hier aus so winzig kleinen Palästen winkt uns zu, ebenso Schmitten, Obervatz und der liebliche Heinzenberg mit seinen Dörfern. Hingegen können wir dem benachbarten Oberhalbstein nicht bis auf den Grund schauen. Im unzähligen Heer der Bergriesen fesseln in erster Linie die in wunderbarer Majestät und herrlichem Silberglanze blinkenden Dome und Spitzen der Berninagruppe unser Auge; rechts daneben Monte della Disgrazia und die außerordentlich kühn gestalteten Zacken und Zinken der Bergeller Gruppe; ihnen vorgelagert behauptet sich der schöne Piz d' Err mit seinen Trabanten; westlich davon in seiner ganzen Formenschönheit Piz Piatta; nach Osten schweift das Auge an Piz Uertsch, Kesch und Vadret vorbei nach dem gewaltigen Dome des Ortler, in entgegengesetzter Richtung zu den Berner und Walliser Riesen. Dies nur einige Glanzpunkte der Aussicht. Und das stolze Tinzenhorn? Das schmiegt sich ganz bescheiden, unbedeutend und fast wie verschämt an den Piz Michel. Die zahlreiche Gesellschaft, die kurz nach uns nach demselben aufgebrochen war und der wir unterwegs manchen Jauchzer hinübergeschickt hatten, der von ihr auch ebenso beantwortet worden, hatte schon vor zwei Stunden ihren Gipfel bezwungen und jetzt jedenfalls den Abstieg angetreten, denn wir bemerkten nichts mehr von ihr.

Auch unseres Bleibens auf unserer Warte war leider nur kurze Zeit; denn noch lag ein schwieriger, langer Abstieg vor uns, und zudem durften wir dem Wetter nicht allzu gut trauen; schon während unserer Gratwanderung waren wiederholt Regentropfen gefallen, und während wir oben weilten, regnete es eine Zeit lang ganz tüchtig in der Gegend des Piz d' Err, doch verzog sich dieses Gewitter bald wieder. So legten wir noch eine Karte zu den vorhandenen, die wir nur einer flüchtigen Musterung unterziehen konnten, und traten nach einem Aufenthalt von 40 Minuten um 1 Uhr 50 Min. den Abstieg nach Bergün an. Wir hatten jetzt wenigstens einen Weg vor uns, den unser Führer schon wiederholt gemacht hatte; daß er auch noch seine Schwierigkeiten aufweisen werde, wußten wir zum voraus. Wir bekamen davon sofort den richtigen Begriff. Der oberste, furchtbar steile Teil des Gletschers, über den bei günstigen Verhältnissen der Abstieg genommen wird, war von allem Schnee gänzlich entblößt, so daß das nackte Eis uns entgegenstarrte. Wir schlugen uns also etwas mehr rechts, östlich von diesem Gletscher in die nicht minder schroffen, größtenteils apern Felsen und führten den Abstieg im allgemeinen über diese aus, ungefähr in der Richtung gegen den Piz dil Barba Peder. Kaum hatten wir vom Gipfel aus einige Schritte gemacht, so begann die schlimme Kletterei; ein abschüssiges, etwa 1 m breites Band, das rechts senkrecht in schaurige Tiefen abstürzte, links von einer noch etwas überhängenden Felswand begrenzt, mußte langsam rutschend in sitzender Stellung überwunden werden. Dieses Band war außerdem mit so scharfen Zacken besetzt, daß ich, der vorderhand das Vergnügen hatte, als vorderster der kleinen Karawane den Pfad zu eröffnen, in kürzester Zeit meine Hände wundgegriffen hatte. Dann kamen entsetzlich steile, großblockige Kamine, deren Gestein aber doch wenigstens zuverlässig war, aber so „ gsichtig ", daß man das Gefühl hatte, man steige über eine freistehende Leiter in die Tiefe. Doch ungefährdet, wenn auch langsam und mit äußerster Vorsicht, klommen wir Felsstufe um Felsstufe neben dem Gletscher hinunter. Bald bereitete uns auch das Eis, das stellenweise die Vertiefungen an dieser Felswand ausfüllte, teils kleinere Eisfelder bildete, die nicht umgangen werden konnten, neue Schwierigkeiten. Da an solchen Stellen Stufen gehackt werden mußten, trat nun Mettier an die Spitze, und ich bekam als letzter die verantwortungsvolle Aufgabe, beim Hacken und Absteigen der vordem das Seil möglichst gut zu halten. An einer Stelle wäre uns beinahe ein Unfall begegnet, der von den bedenklichsten Folgen hätte begleitet werden können. Wir arbeiteten an einem Schneehang, aus dessen obern Teil ein Felsabsatz von etwa 3 m Höhe auf den untern Teil führte. Mettier war über denselben heruntergeklettert und hatte sich am Fuße des Wändchens postiert. Auf sein Geheiß rückte Neher, von mir am Seil gehalten, langsam vorwärts und klebte noch an der Wand. Während nun Mettier unten noch den Tritt für Neher ausbesserte, machte dieser, der sich wohl nicht mehr länger am Fels halten konnte, den letzten Tritt auf das Eis und jener schlug ihm mit voller Kraft die Spitze des Pickels durch den Schuh hindurch. Ein Ausruf des Schreckens drang zu mir herauf, der ich von allem dem nichts sehen konnte. Glücklicherweise war die Pickelspitze durch das Oberleder des Schuhes und durch den Strumpf gerade unter der Fußsohle hindurch geglitten, so daß diese nur leicht geritzt wurde.

Nach etwa 2 bis 2V2 Stunden seit dem Aufbruch vom Gipfel besserten sich die Verhältnisse allmählich. Die Felspartien wurden etwas weniger stotzig und stürzten nicht mehr in so grausige Abgründe ab, wie am obersten Kopf, die Bänder wurden breiter, und bald ging 's sogar im Laufschritt über ein gutes Schneefeld hinunter; von diesem schlugen wir uns alsdann etwas rechts wieder in die Felsen und nochmals begann Kletterarbeit; schließlich dann, etwas oberhalb von Punkt 2781 nach links unter einem schwarzen senkrecht abfallenden Felskopf über ein abschüssiges, rutschiges Felsband traversierend, erreichten wir um 5 Uhr 15 Min. angesichts des grausigen Gletschersturzes den untern, sanfter geneigten Teil des Gletschers. Der Abstieg bis hierher hatte also 3 Stunden 25 Min. beansprucht. Hier endlich konnte das Seil, das uns 11 Stunden lang zu einer Gemeinschaft auf Leben und Tod verbunden hatte, abgelegt werden. Rasch eilten wir aus der unheimlichen Nähe des Gletschersturzes und der trotzigen Felswand, deren verderbenbringende Geschosse an Eisblöcken und Felsstücken uns hier noch immer bedrohten, über den untern Teil des Gletschers und seine gewaltigen Moränen hinweg das immer noch sehr steile, schutterfüllte Hochthal Tranter Aela hinunter. Je länger desto mehr artete unser Abstieg in einen förmlichen Laufschritt aus; denn um den weiten Umweg über die Schäferhütte Uglix zu vermeiden, wollte Mettier direkt nach Bergün durch den außerordentlich steilen Wald God Zinols absteigen, und das durfte nur bei hellem Tage gewagt werden. So kostete diese Jagd durch den Wald hinunter mehr Schweißtropfen, als die ganze vorhergehende Tagesarbeit; doch standen wir auch mit einbrechender Dunkelheit in den duftigen Wiesen von Bergün, bald war die Brücke über die rauschende Albula überschritten und um 7 Uhr 20 Min. marschierten wir froh und munter in die holperigen Gassen von Bergün ein, wo wir zuerst unsere Schritte nach dem Telegraphenbureau lenkten, um unsern Lieben zu Hause Kunde von unserm Wohlbefinden zu übermitteln. Drei Hochgipfel, Kesch, Tinzenhorn und Aela, hatten wir in drei aufeinander folgenden Tagen bezwungen; unsere moralische und physische Kraft hatte eine ernste Probe zu unserer Zufriedenheit bestanden; um eine gewaltige Fülle großartiger, herrlicher Eindrücke und schöner Kenntnisse war unser Geist bereichert worden.

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